Samstag, 28. September 2013

Botschaften statt Köpfe: Ein Gespräch über die Wirkung von Wahlplakaten

Man sieht sie an jeder zweiten Straßenecke, die Wahlplakate. Wie aussagekräftig sind sie und braucht man sie heute überhaupt noch als politische Werbeträger? Darüber sprach ich für die NRZ mit Silke Lahnstein (48), die mit ihrer Firma Kommunalplakat seit fünf Jahren unter anderem auch Wahlplakate herstellt.

Frage: Arbeiten Sie für alle Parteien?

Antwort: Wir haben schon Plakate für SPD, CDU und Piraten hergestellt und arbeiten für alle demokratischen Parteien, aber nicht für rechtsextreme Parteien. Die bekommen von uns nur die kalte Schulter gezeigt.

Frage: Wie sieht für Sie ein gutes Wahlplakat aus?

Antwort: Die Aussage eines Wahlplakates muss schnell greifbar sein. Weil die meisten Plakate ja nicht in den Fußgängerzonen hängen, sondern vor allem für Autofahrer gemacht sind, die schnell daran vorbeifahren. Unabhängig vom Inhalt gefallen mir die Plakate der Linken zurzeit am besten, weil sie eine große, schwarze Schrift auf weißem Grund nutzen, auf denen man die Botschaften im Vorbeifahren oder Vorbeigehen schnell und leicht lesen kann. Bunte Plakate mit viel Schnick und Schnack sind dafür nicht geeignet. Die passen eigentlich nicht zu einem Wahlkampf, in dem Inhalte transportiert werden sollen.

Frage: Und wie sieht für Sie ein schlechtes Wahlplakat aus?

Antwort: Die Plakate der Grünen finde ich nicht so gelungen, weil sie die Wähler mit einem „Und du?“ ansprechen. Das kann man aber auch schnell als moralischen Zeigefinger falsch interpretieren und missverstehen.

Frage: Brauchen wir im digitalen Zeitalter überhaupt noch Wahlplakate?

Antwort: Plakate mit konkreten Aussagen halte ich für wichtig, weil nicht alle Bürger am Samstag in die Fußgängerzone gehen, um sich über die Forderungen und politischen Inhalte der Parteien zu informieren. Deshalb ist es für sie wichtig, dass zumindest die Forderungen der Parteien plakativ in der Stadt zu sehen sind. Aber die Plakate, auf denen man nur die Köpfe der Bundestagskandidaten sieht, halte ich für überflüssig. Das hat Überhand genommen.

Frage: Wenn Sie die aktuellen und einige historische Wahlplakate vergleichend anschauen: Was fällt Ihnen auf?

Antwort: Die Wirkung von Plakaten ist natürlich auch zeitabhängig. Ich glaube, dass es zum Beispiel in den 50er Jahren noch sehr viel mehr auf Plakate in einem Wahlkampf ankam und die Leute viel mehr hingeschaut und Botschaften klarer wahrgenommen haben. Durch die Schnelllebigkeit unserer multimedialen Zeit werden heute Plakate nicht so stark wahrgenommen. Und wenn dann ein Plakat keine richtige Aussage hat und die Partei damit nicht sagt, was sie will, werden ihre Wahlplakate am Ende gar nicht mehr angeschaut.

Frage: „Gemeinsam erfolgreich“, „Das Wir entscheidet“ oder „Damit Deutschland stark bleibt“. Damit werben in diesem Wahlkampf CDU, SPD und FDP: Warum haben viele Parteien heute oft Angst vor klaren Aussagen?

Antwort: Weil sie vielleicht zu gleich geworden sind. Früher hatten Parteien noch absolut unterschiedliche Standpunkte und die mussten den Wählern klargemacht werden. Heute sind die Parteien stellenweise so nah beieinander, dass es für sie schwierig ist, ihre Botschaften plakativ zu transportieren, weil sie Angst haben, dass sie sich vertun und vielleicht durch ein falsches Wort, das Menschen verschreckt, Wähler verlieren könnten.

Frage: Wen erreichen Wahlplakate denn überhaupt noch?

Antwort: Sicher nicht die Stammwähler, die sowieso wissen, was Sie wählen wollen oder die Nichtwähler, die sich frustriert von der Politik abgewendet haben, sondern vor allem die Wechselwähler, die sich in ihrer Entscheidung noch nicht ganz sicher sind.

Dieser Text erscchien am 20. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Weitere Informationen über Silke Lahnstein und ihre Agentur Kommunalplakat unter: www.kompla.de

Freitag, 27. September 2013

Licht und Schatten der Energiewende: Wie die Friedrich-Wilhelms-Hütte von der Energiewende profitiert und gleichzeitig von ihrer belastet wird

Sie ist Mülheims ältester noch existierender Industriebetrieb, die 1811 von Johann Dinnendahl gegründete Friedrich-Wilhelms-Hütte. Hier arbeiten heute 700 Menschen. Die Produktpalette, die dort aus Eisen und Stahl gegossen wird, reicht vom Zylinderblock für Schiffsmotoren bis zu Gussteilen für den Stahl- und Bergwerksbedarf. Auch bei Abrissbirnen und auf Bohrplattformen kommen Gussteile der FWH zum Einsatz.

Die wenigsten Mülheimer dürften allerdings wissen, dass die gute alte Friedrich-Wilhelms-Hütte, die aktuell einen Jahresumsatz von rund 90 Millionen Euro erwirtschaftet, auch dickwandige und deshalb besonders robuste Eisengussteile herstellt, die als Rotornaben und Maschinenträger in sogenannten Offshore-Windkraftanlagen zum Einsatz kommen. Die stehen in der Nord- und Ostsee und sind zu einem Symbol der Energiewende geworden.

„Wir profitieren von der Energiewende und werden zugleich auch von ihr belastet“, sagt der kaufmännische FWH-Geschäftsführer Georg Stierle mit Blick auf den vor allem durch die EEG-Abgabe steigenden Strompreis, mit deren Hilfe erneuerbare Energieträger und der von ihnen ins Netz eingespeiste Strom gefördert werden soll.

Den jährlichen Stromverbrauch der FWH schätzt Stierle auf 48 Millionen Kilowatt-Stunden. Er fürchtet, dass die Gewinne, die die Hütte mit ihren Gussteilen für Windkraftanlagen auf hoher See einfährt, „mehr als überkompensiert würden“, sollte die von der FWH zu zahlende EEG-Umlage, wie politisch diskutiert, von 0,5 auf 0,7 oder 0,8 Cent pro Killowatt-Stunde steigen.

Dabei ist die FWH als energieintensiver Industriebetrieb derzeit im Rahmen einer Härtefallregelung von 90 Prozent der EEG-Ablage befreit. „Einen entsprechenden Antrag haben wir auch für 2014 gestellt. Wenn dieser nicht genehmigt würde, würde das für uns Mehrkosten von 1,7 Millionen Euro mit sich bringen. Das wäre für unseren Eisenguss existenzbedrohend“, erklärt der FWH-Geschäftsführer.

Er schätzt, dass etwa 50 der insgesamt 300 FWH-Mitarbeiter, die im Eisenguss beschäftigt sind, im letzten und in diesem Jahr an der Herstellung der etwa 40 Tonnen schweren und bis zu fünf Meter hohen Rotornaben und der etwa 10 Tonnen schweren Maschinenträger beteiligt waren. Modellschreiner und Former kommen hier ebenso zum Einsatz wie Schmelzer, Ausleerer, Putzer und Qualitätsprüfer.

Die Rotornaben und Maschinenträger, die in etwa 100 Metern Höhe auf See mit Hilfe von Hubschraubern und speziellen Kranschiffen montiert werden müssen, sind ein klassisches Recyclingprodukt. Denn sie bestehen zu 99 Prozent aus eingeschmolzenem Schrott und nur zu einem Prozent aus Roheisen. Eine Rotornabe trägt drei bis zu 50 Meter lange Rotorflügel und ermöglicht so zusammen mit den Maschinenträgern eine Energieerzeugung von fünf bis sechs Megawatt.

Die Auftraggeber der FWH-Eisengießerei, Namen und Verkaufspreise möchte Stierle nicht nennen, sitzen vor allem an der Küste in Bremerhaven. „Das ist kein regelmäßiges, sondern immer ein vorhabenbezogenes Geschäft“, sagt Stierle mit Blick auf die Herstellung von Rotornaben und Maschinenträgern. Deren Herstellung, die laut Stierle eine Gewinnmarge von zwei bis drei Prozent erwirtschaftet, stagniert aus seiner Sicht vor allem deshalb immer wieder, weil der Netzausbau nur schleppend vorankommt.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur von gestern sind von den 1855 Netzkilometern, die 2009 im Energieleitungsausbaugesetz festgeschrieben wurden, sind bisher nur 268 Kilometer gebaut worden.

Aber klar ist: Ohne den Ausbau der Leitungsnetze, kann die Windkraft von der Küste auch nicht zu den privaten und industriellen Stromkunden an Rhein, Ruhr und anderswo gelangen.

Dieser Text erschien am 11. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 21. September 2013

Gemeinschaft, Bildung und gelebter Glaube: Soziale Gerechtigkeit bleibt das zeitlos aktuelle Thema der KAB St. Barbara, die jetzt ihr 110-jähriges Bestehen feierte

„In den Fünfzigerjahren hatten wir rund 200 Mitglieder. Damals hatte die Gute-Hoffnungs-Hütte in Oberhausen hier über 1000 neue Werkswohnungen gebaut“, erinnert sich der Ehrenvorsitzende Ewald Blasius, als die heute rund 60?Mitglieder der Gemeinde-KAB von St. Barbara und ihre Gäste im Pfarrsaal am Schildberg deren 110.?Geburtstag feiern. Als sich die Katholische Arbeitnehmerbewegung 1903 unter dem Vorsitz des Lehrers Dick im Haus Dümpten am Schildberg gründete, waren es vor allem Bergarbeiter und ihre Familien, die in der KAB Gemeinschaft, Glauben und Bildung suchten.

Diese Beweggründe rund um das Thema soziale Gerechtigkeit stehen auch heute im Mittelpunkt, wenn sich die KAB-Mitglieder an jedem zweiten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr zu ihren Vortragsabenden im Pfarrheim am Schildberg treffen oder im April zu einem Bildungswochenende nach Rietberg einladen. Auch wenn soziale Gerechtigkeit, Stichworte Lohndumping und Mindestlohn, heute so aktuell ist wie damals, lässt der Vorsitzende der Gemeinde-KAB, Thomas Schäfer, der mit 53 Jahren das jüngste Mitglied ist, keinen Zweifel daran, dass es schwer geworden ist, jüngere Menschen dauerhaft für die KAB zu gewinnen. Dennoch steht für Pfarrer Manfred von Schwartzenberg auch im Jubiläumsjahr der KAB, die bundesweit 150?000 Mitglieder zählt, fest: „Innerhalb der Gemeinde ist die Stärke der KAB die Gemeinschaft und der zuverlässig gelebte Glaube, der sich im Engagement und in der Altargemeinschaft ausdrückt.“

Zu dieser KAB-Gemeinschaft gehört seit 60 Jahren auch die Alten- und Rentnergemeinschaft der Gemeinde-KAB, die sich jeweils am dritten Donnerstag des Monats um 16 Uhr im Pfarrsaal am Schildberg trifft.

Dieser Text erschien am 16. September 2013 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 19. September 2013

So gesehen: Aufbruch im Umbruch

Am 7. und 8. September hat meine Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt auf dem Kirchenhügel an der Althofstraße ihren 250. Geburtstag gefeiert. Als Christenmensch kann man sich ja heute manchmal fragen, ob man überhaupt noch etwas zu feiern hat. Die Gemeinden schrumpfen. Gotteshäuser müssen aufgegeben werden. Und die Kirchen machen nicht immer nur positive Schlagzeilen, obwohl sie ja von Amts wegen die Frohe Botschaft vertreten. Sind wir am Ende, Gott bewahre, von allen guten Geistern verlassen? Doch wenn man sieht, dass heute katholische und evangelische Christen ganz selbstverständlich auf dem Kirchenhügel zusammen arbeiten und feiern, dann darf man daraus wohl Hoffnung schöpfen und sich daran erinnern, dass eben diese christliche Gemeinschaft in den vermeintlich guten alten Zeiten der Volkskirche und der kirchlich geprägten Milieus alles andere als selbstverständlich war.

Über Vorbehalte gegen konfessionsübergreifende Ehen und konfessionsübergreifenden Schulunterricht oder Taufpaten aus der jeweils anderen christlichen Konfession kann man heute nur noch müde lächeln. Der demografische und soziale Wandel mit all seinen Umbrüchen zwingt die christlichen Kirchen zur Ökumene. Er bringt sie zusammen und macht sie menschlicher. Sollte das der Humor des heiligen Geistes sein, der bekanntlich weht wo und wie er will?

Dieser Text erschien am 7. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 13. September 2013

Ein Pladoyer für die Ökumene: Eindrücke aus dem Festhochamt, mit dem die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt ihren 250. Geburtstag feierte

Das Festhochamt, mit dem die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt am Sonntag ihren 250. Geburtstag feiert, wurde zu einem deutlichen Plädoyer für die Ökumene. Der emeritierte Weihbischof Franz Grave, der seit 2008 zum Seelsorgeteam der katholischen Gemeinde gehört, sagte in seiner Predigt: „Petrikirche und Marienkirche sind gerade mal 140 Meter voneinander entfernt. Das steht für Nähe und heute verbindet uns mehr als uns trennt.“

Der evangelische Superintendent, Helmut Hitzbleck, betonte in seinem Grußwort: „Konfessionalismus ist ein Schlag in das Gesicht Gottes und seines Heilsplanes für die Menschen. Gerade in einer Zeit, in der die Kirchen nicht unumstritten sind, müssen wir gemeinsam im christlichen Geist Menschen stärken und stützen.“ Beide Ansprachen wurden von den Gläubigen in der vollbesetzten Marienkirche mit Applaus bedacht.

Dur Ökumene passte auch, dass der Markt der Möglichkeiten, der sich dem Hochamt anschloss, nicht nur katholische, sondern auch evangelische Einrichtungen, Gruppen und Initiativen präsentierte und aufgrund des schlechten Wetters nicht auf dem Kirchhof von St. Mariae Geburt, sondern im benachbarten Altenhof und damit im Haus der Evangelischen Kirche stattfand. Bei der Eröffnung des Marktes würdigte Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld denn auch die historische Bedeutung des Kirchenhügels und die Impulse, die die beiden christlichen Kirchen dort der Stadtentwicklung gegeben hätten.


Dieser Text erschien am  10. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung


Mittwoch, 11. September 2013

Mülheim ist eine von landesweit sieben Modellkommunen, wenn es um die möglichst frühe Berufswahlorientierung in den Schulen geht

Kein Abschluss ohne Anschluss“ fordert NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider. Deshalb will das Land die Zahl der Achtklässler, die bereits ein erstes Betriebspraktikum absolvieren bis 2018 von 70.000 auf 170.000 steigern.

Die Rektorin der Max-Kölges-Schule, Gabriele Klar, gibt Schneider Recht. „Man kann in der Schule nicht früh genug mit der Berufswahlorientierung beginnen, weil Schüler bei einem Betriebspraktikum lernen, worauf sie sich bei der Berufswahl einlassen, wie man sich in Betriebsabläufe einfügen und auch generationsübergreifend mit Kollegen zusammenarbeiten muss.“

Heike Gnilka, die als Bereichsleiterin für das Casemanagement der Sozialagentur und damit auch für die Ausbildungsplatzvermittlung im U-25-Haus zuständig ist, pflichtet Klar bei. Sie meint: „Ein möglichst früher Blick in die Arbeitswelt, die sich in den letzten Jahr stark verändert hat, hilft nicht nur Schülern, sondern auch ihren Eltern bei der Berufsorientierung. Schüler können sich angucken, was ihnen liegt, ihre Vorstellung von einem Beruf korrigieren oder auch feststellen, dass sie ihr Berufsziel gefunden haben und dann zielstrebig darauf hinarbeiten.“

Auch wenn Mülheim inzwischen eine von landesweit sieben Referenzkommunen ist, wenn es um den Übergang von der Schule in den Beruf geht und damit flächendeckend an allen weiterführenden Schulen in Klasse 8 eine Potenzialanalyse und eine Berufsfelderkundung durchgeführt und in Klasse 9 ein erstes Betriebspraktikum absolviert wird, hält Gabriele Klar ihrer Schule und anderen Hauptschulen zugute, bei der praktischen Berufswahlorientierung schon seit vielen Jahren Pionierarbeit geleistet zu haben.

An der Max-Kölges-Schule, die seit Sommer 2012 auch Partnerschule des Handwerks ist, beginnt die Berufswahlorientierung bereits in den Klassen 5 und 6 mit spielerischen Betriebserkundungen. „Hier entdecken Schüler Berufsbilder, die sie vorher vielleicht gar nicht gekannt oder sich ganz anders vorgestellt haben“, erzählt Klar. Der Potenzialanalyse in Klasse 7 und einem ersten Praktikum und Berufspraxistagen am Berufskolleg Stadtmitte in der Klasse 8, folgen dann in den Klassen 9 und 10 je ein dreiwöchiges Betriebspraktikum. Die Zehntklässler, die einen einfachen Hauptschulabschluss anstreben, absolvieren in der Klasse 10 kein Betriebspraktikum, sondern einen wöchentlichen Werktag in einem Betrieb ihrer Wahl.

Nicht zuletzt auf die ausgeprägte und gewachsene Praktikumskultur führt es Klar auch zurück, dass im letzten Schuljahr 64 Prozent der Hauptschulabgänger an der Bruchstraße eine betriebliche Ausbildung beginnen konnten. „Wichtig ist, dass man sich kennt und kümmert, um Fehlgriffe zu verhindern“, beschreibt Klar die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Dialog zwischen Schule und Wirtschaft. Mit eben diesem Dialog konnte man an der Bruchstraße in den vergangenen Jahren Partner, wie die Kreishandwerkerschaft, die Mannesmann Röhrenwerke, die Friedrich-Wilhelms-Hütte oder Edeka gewinnen. Heike Gnilka nimmt bei Unternehmern eine steigende Bereitschaft wahr, durch Orientierungspraktika „Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Jugendliche in Ausbildung kommen.“ Die Arbeitgeber, so glaubt Gnilka „tun dies in erster Linie nicht, weil sie sozial sind, sondern, weil sie wissen, dass sie selbst aktiv werden müssen, um Nachwuchs zu gewinnen und zu testen.“

Dieser Text erschien am 4. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 10. September 2013

So gesehen: Hausfrauen in den Bundestag

Sage noch einer, Unternehmer hätten nur Zahlen im Kopf. Einzelhändler Heinz-Wilhelm Paschmann. zitiert auf die Frage, was er nach der Bundestagswahl vom 22. September von unseren Abgeordneten erwarte, den römischen Politiker, Schriftsteller und Philosophen Marcus Tullius Cicero. Man hört und staunt, dass der Mann schon vor über 2000 Jahren Staatsverschuldung und ausufernde Bürokratie beklagte und eine sparsame Finanzpolitik forderte, die nicht mehr Steuergeld ausgibt, als sie einnimmt.

So handelt ja eigentlich auch jede vernünftige Hausfrau. Doch die wird ja nicht gefragt, wenn es um den Staatshaushalt geht. Vielleicht ist das ja der Fehler. Vielleicht brauchen wir ja mehr Hausfrauen und nicht mehr Manager, Funktionäre, Juristen und Parteisoldaten in unserem Berliner Bundesparlament, damit der gesunde Menschenverstand über Lobbybegehrlichkeiten siegt. Denn die kommen uns als Steuerzahler noch über Generationen teuer zu stehen und werden noch unseren Enkeln schwerer im Magen liegen, als es ein Kartoffel- oder Heringssalat nach Hausfrauenart je könnte.

Deshalb haben wir jetzt den Salat der wachsenden Staatsverschuldung und der durch Niedrigzinsen enteigneten Sparer. Bleibt nur zu hoffen, dass der eine oder andere Wunsch, der (siehe rechts) von Mülheimern geäußert wird, nicht von den noch größeren Wünschen mächtiger Lobbys erdrückt wird, damit wir am Ende (siehe Cicero) nicht mit dem deutschen Philosophen Hegel sagen müssen: „Das einzige, was wir aus der Geschichte lernen, ist, dass der Mensch nichts aus der Geschichte lernt.“ Liebe Hausfrauen, meldet euch. Und wenn ihr schon nicht für den Bundestag kandidiert, dann sorgt wenigstens mit eurem Stimmkreuz am 22. September dafür, dass euer Wahlzettel auch zum Wunsch- und Denkzettel wird.

Dieser Text erschien am 5. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 6. September 2013

Was sich Wähler von ihren künftigen Bundestagsabgeordneten wünschen? Eine Umfrage

Am 22. September haben 126.000 Mülheimer die Wahl. Für die NRZ fragte ich jetzt Mülheimer, die sich in ganz unterschiedlichen Bereichen und Berufen haupt- oder ehrenamtlich engagieren, was für sie politisch Priorität hat und wofür sich der oder die nächste Bundestagsabgeordnete mit den Parlamentskollegen nach der Wahl einsetzen sollte.


Polizeihauptkommissar Thomas Weise (49) wünscht sich von unserem künftigen Bundestagsabgeordneten, „dass er oder sie mit dafür sorgt, dass die polizeiliche Arbeit eine höhere gesellschaftliche Anerkennung erfährt und Gewalt mehr als bisher öffentlich geächtet wird.“ Außerdem hofft der Polizeihauptkommissar, dass sich der Abgeordnete für mehr Geld zugunsten des Denkmalschutzes einsetzt, „damit wir Baudenkmäler, wie Schloss Broich, auch für unsere Enkel erhalten können.“ Ferner erwartet er, dass die Bundestagsabgeordneten dafür sorgen, dass Schulabgänger des doppelten Abiturjahrganges nicht ein oder zwei Jahre auf der Straße herumlaufen, „weil sie keinen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen.“

Das Thema Bildung und Ausbildung sollte auch aus Sicht der Vorsitzenden des Kinderschutzbundes, Ursula Faupel (66), auf der parlamentarischen Agenda ganz oben stehen. „Die Bundestagsabgeordneten müssen zusammen mit ihren Kollegen in den Ländern alles möglich machen, damit Kinder, unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft eine gute Bildung und Ausbildung bekommen, weil das für die Zukunft des Einzelnen und der Gesellschaft überlebenswichtig ist“, findet Faupel.

Der im Evangelischen Krankenhaus arbeitende Krankenpfleger Frank Matern (58) erwartet vom künftigen Mülheimer Abgeordneten, „dass er sich für einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einsetzt, weil jeder von seiner ehrlichen Hände Arbeit leben können muss.“ Für Matern ist es ein Unding, das Menschen, die Vollzeit arbeiten, am Ende des Monats ihren Lohn mit Sozialleistungen aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen. Außerdem erwartet Matern von jedem Mülheimer MdB, dass er sich gegen Waffenexporte und gegen eine deutsche Beteiligung bei einem möglichen Militärschlag gegen Syrien und stattdessen für politische Verhandlungen einsetzt.

Der 50-jährige Hausarzt und Internist, Uwe Brock , wünscht sich von einem Mülheimer MdB und seinen Kollegen, dass sie sich für weniger Bürokratie und Dokumentationspflichten in Arztpraxen, Krankenhäusern und Altenheimen einsetzen, damit Ärzte wieder mehr Zeit für ihre Patienten haben und ihren Beruf freier ausüben können. Außerdem müsse nicht nur der Mülheimer MdB alles dafür tun, „dass unser Gesundheitssystem nicht unsozial wird und Menschen, die in sozial schwächeren Verhältnissen leben, nicht schlechter versorgt werden.“ Deshalb plädiert er mit Blick auf die Hausarztversorgung in Styrum, dafür, dass Hausärzte die in Stadtteilen praktizieren, in denen sie ausschließlich gesetzlich Krankenversicherte behandeln können, mit einer monatlichen Grundpauschale wirtschaftlich gestützt werden.

„Unsere neuen Probleme sind eigentlich die alten“, sagt Einzelhandelsunternehmer Heinz Wilhelm Paschmann (72) und wünscht sich von Mülheims MdB und seinen Kollegen, dass sie es als Politiker mit Cicero (106-43 v. Chr) halten: „Das Budget muss ausgeglichen, der Staatsschatz aufgefüllt, die Staatsverschuldung vermindert, die Überheblichkeit der Bürokratie gedämpft und überwacht und die Unterstützung fremder Länder eingeschränkt werden, damit der Staat nicht bankrott geht. Das Volk muss gezwungen werden zu arbeiten, statt seinen Unterhalt vom Staat zu erwarten.“

Wenn es nach der Rektorin der Hauptschule am Hexbachtal, Ulrike Nixdorff , geht, sollten sich die Bundestagsabgeordneten dafür einsetzen, dass die Mühlen der Justiz schneller mahlen, wenn es darum geht, Delikte jugendlicher Straftäter zu ahnden. Dass würde aus ihrer Sicht die Täter erziehen, die Opfer schützen und so die innere Sicherheit stärken. Außerdem wünscht sich Nixdorff von der Politik, dass die Sozialarbeiter, die Schüler beim Übergang ins Berufsleben begleiten, nicht immer nur Zeitverträge, sondern eine Festanstellung bekommen.

Auch Meinrad Rupieper (49) und Silvia Lohr vom Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende wünschen sich mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze, bei denen sich die Arbeit lohnt und Familien ernähren kann. Aus ihrer Sicht müssten die MdBs „dem Missbrauch der Leih- und Zeitarbeit einen Riegel vorschieben“, wenn diese nicht ihre Funktion erfülle, nämlich „zu einem Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt zu werden.“ Rupieper würde sich von einem Abgeordneten außerdem den Einsatz für eine bessere Vernetzung von Wirtschaft und Sozialagenturen wünschen, um mehr Langzeitarbeitslose über 50 wieder in Brot und Lohn zu bringen.

In diesem Zusammenhang wäre für Rupieper auch eine zeitlich befristete Reichensteuer, kein Tabu, wenn man damit nachhaltige Beschäftigung schaffen und so die öffentlichen Kassen dauerhaft entlasten könnte.

Dieser Text erschien am 5. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 5. September 2013

Zum Schuljahresbeginn plädiert der Schulpsychologe Günter Waberg für eine Erziehung ohne Brechstange und Bremsklötze, die Kinder ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Ziele finden lässt

Am 4.September beginnt für die I-Dötzchen der Ernst des Lebens. Dabei freuen sich die meisten Kinder auf ihren ersten Schultag. Das bestätigt auch Schulpsychologe Günter Waberg. 99 Prozent seiner Klienten verbinden, von ihm darauf angesprochen, mit ihrem ersten Schultag positive Emotionen. Doch was sorgt danach für Schullust und Schulfrust? Darüber sprach ich jetzt mit ihm im Auftrag der  NRZ.

Frage: Hatten Sie Angst vor ihrem ersten Schultag oder haben Sie sich gefreut?

Antwort: Ich habe diesen Tag herbeigesehnt, weil ich den anderen Kindern zeigen wollte, was ich schon kann. Ich hatte meiner ein Jahr älteren Schwester Gisela nämlich schon in ihrem ersten Schuljahr immer über die Schulter geschaut und unter anderem mit Hilfe von Autokennzeichen Buchstaben lesen gelernt. Aber schon bei der ersten Hausaufgabe habe ich auch Schulfrust erlebt. Ich bin nämlich noch zu Ostern eingeschult worden. Damals sollten wir zu Hause auf unsere Schiefertafel ein Osterei malen. Als ich damit fertig war, hat meine Mutter gesagt: „Das kannst du besser“ und hat mein Osterei weggewischt.

Frage: Mit welchen Problemen werden Sie heute als Schulpsychologe konfrontiert?

Antwort: Es geht meistens um Schüler, die in ihrer Klasse anecken, weil sie gegen die vorgegebenen Regeln verstoßen, indem sie einfach hereinschreien, Mitschülern Unterrichtsmaterial wegnehmen und kaputt machen oder auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurückschrecken. Aber auch Ausgrenzung und Mobbing von Schülern ist ein häufiges Thema. Schüler werden von ihren Klassenkameraden beleidigt, nicht wahrgenommen, körperlich angegriffen oder gehänselt, weil sie sich bestimmte Markenkleidung oder ein Smartphone nicht leisten können. Dann müssen wir auch Lehrer beraten, wie sie in ihrem Unterricht zum Thema Mobbing arbeiten können, um die Täter nicht zu brandmarken, sondern in eine verträgliche Gemeinschaft zurückzuführen.

Frage: Ist der Schulalltag rauer geworden?

Antwort: Ich erinnere mich, dass wir auch in meiner Klasse einen Streber hatten, den wir gerne außen vor ließen. Schüler, die anecken oder ausgegrenzt werden, hat es auch früher schon gegeben. Doch heute ist man für viele Themen, wie zum Beispiel Mobbing mehr sensibilisiert. Man spricht sie eher an, als sie unter den Teppich zu kehren.

Frage: Ist die Schule also ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Antwort: Natürlich spiegelt sich in der Schule unsere Leistungsgesellschaft. Da werden Noten vergeben, Rangstufen erstellt und Schüler auf verschiedene Schulformen verteilt. Schule findet immer in einem Spannungsfeld statt. Sie muss normiertes Wissen vermitteln und überprüfen, aber auch Schüler individuell begleiten und dem, was sie als Persönlichkeit mitbringen, gerecht werden.

Frage: Warum wird nach der Grundschule aus der Schullust oft Schulfrust?

Antwort: Das hat nicht nur mit wachsenden Lernanforderungen, sondern auch mit der Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Grundschulkinder bringen meistens eine hohe Zustimmung zu Schulveranstaltungen mit, während sich Schüler vor allem während ihrer Pubertät oft der Ansprache durch die Schule verweigern und ihre ganz eigenen Interessen mehr in den Blick nehmen. Das beruhigt sich dann aber in der 9. und 10. Klasse, wenn Schüler eine Idee davon bekommen, weshalb sie zur Schule gehen und auf welches Ziel sie hinlernen.

Frage: Beeinflussen auch Zukunftsängste der Eltern den Schulalltag ihrer Kinder?

Antwort: Eltern wissen, dass eine gute Schulbildung, die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist. Deshalb gibt es heute 5. Klassen am Gymnasium, in denen alle Schüler Nachhilfe bekommen, um den Übergang zum Gymnasium ohne Brüche zu schaffen und nicht abgehängt zu werden. Das zeigt, wie ernst Eltern heute das Thema Lernen nehmen.

Frage: Wie kann man Schüler motivieren, ohne sie zu überfordern?

Antwort: Man sollte Kinder weder ausbremsen noch mit der Brechstange vorgehen. Eltern müssen akzeptieren, dass jede Hilfe für ihre Kinder immer nur eine Hilfe zur Selbsthilfe sein kann und das ihre Kinder eigenständige Persönlichkeiten sind, die im Leben ihre eigenen Wege gehen und ihre eigenen Ziele finden müssen.

Zur Person

Günter Waberg (61) leitet seit 1982 die an der Adolfstraße 53 absässige schulpsychologische Beratungsstelle der Stadt. Zusammen mit fünf Kollegen gibt der studierte Lehrer und Psychologe in jedem Schuljahr in rund 450 Fällen Lehrern, Eltern und Schülern psychologischen Rat in allen Schul- und Lebenslagen. Die Zahl seiner Beratungen ist aus seiner Sicht auch deshalb in den letzten Jahren eher rückläufig, weil die Schülerzahl sinkt, Beratungslehrer psychologisch fortgebildet worden sind und heute fast alle weiterführenden Schulen einen Sozialarbeiter oder eine Sozialarbeiterin haben.


Waberg wurde 1958 in eine Volksschule eingeschult, wechselte 1962 zum Gymnasium und bestand 1970 das Abitur. Anschließend studierte er auf Lehramt für Haupt- und Grundschulen, ehe er nach seinem Referendariat und seinem Wehrdienst Psychologie studierte und sein Studium mit einer Halbtagsstelle als Förderschullehrer finanzierte.

Dieser Text erschien am 4. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 4. September 2013

Medien machen noch keine Demokratie: Wie sich der ehemalige Stadtrat und Landtagsabgeordnete Erich Kröhan an den ersten Bundestagswahlkampf erinnert

Der 88-jährige Erich Kröhan gehört zu den Menschen, die sich noch an die erste Bundestagswahl im August 1949 erinnern. Als Stadtrat und Landtagsabgeordneter hat er in den Jahren 1956 bis 1990 nicht nur Politik erlebt, sondern auch selbst mitgestaltet.


Politikverdrossenheit gab es damals nicht. Man hat mehr über Politik und darüber gesprochen, wie es weitergehen könnte, als heute. Es war selbstverständlicher, dass man auch am Arbeitsplatz oder abends beim Bier in der Kneipe Kollegen, Freunde oder Nachbarn von seinem politischen Standpunkt überzeugen wollte, erinnert sich Kröhan an den ersten Bundestagswahlkampf 1949.

Es gab so etwas, wie eine Aufbruchstimmung. Man spürte, dass es aufwärts ging. Und vor allem in der Arbeitnehmerschaft war der Wille groß, den neuen Staat politisch mitzugestalten, denn die Arbeitnehmer sollten nie wieder unter den Stiefel geraten, beschreibt er den damaligen Zeitgeist.

In seiner Rückschau war es die Spannung zwischen dem bereits Erreichten, neue Wohnungen, neue Schulen, neue Währung und neue Waren, und dem, was noch zu erkämpfen war, wie etwa höhere Löhne, geringere Arbeitszeiten, mehr Lebensstandard oder betriebliche Mitbestimmung der Arbeitnehmer, die Menschen 1949 politisch elektrisierte.

Die Wahlkämpfe der damaligen Zeit kann man mit heutigen gar nicht vergleichen. Heute läuft viel mehr über die Medien. Damals war der Wahlkampf durch persönliche Gespräche geprägt. Da waren öffentliche Versammlungen der Ort, an dem man sich über seine Standpunkte austauschte. Versammlungen mit 5000 Menschen auf dem Rathausmarkt kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Außerdem wurden viel mehr Flugblätter verteilt und Plakate geklebt, beschreibt Kröhan den Wahlkampfstil anno 1949. Geschlagen haben wir uns nicht, aber es gab natürlich Sticheleien und Neckereien, erinnert sich der Sozialdemokrat an die Auseinandersetzungen mit der christdemokratischen und kommunistischen Konkurrenz. Zu den Neckereien und Sticheleien des ersten Bundestagswahlkampfes gehörte es auch, bei Nacht und Nebel Plakate der politischen Gegner abzureißen oder mit den eigenen Plakaten zu überkleben.

Denn mit der damals noch starken KPD, die alle Macht für die Arbeiter forderte und mit den Christsozialen in der CDU konkurrierte die SPD 1949 um die Stimmen der Arbeitnehmer. Der Adenauer hat uns immer beschimpft, dass wir alles sozialisieren wollten, erinnert sich Kröhan an die Attacken des damaligen CDU-Vorsitzende und spätere Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Ihn nennt er trotzdem respektvoll den großen, alten Mann vom Rhein.

Dass es durchaus ähnliche Denkansätze bei Christ- und Sozialdemokraten gab, hatte die Verabschiedung des Ahlener Programms gezeigt. In ihm bekannte sich die CDU 1947 zum christlichen Sozialismus, der Privateigentum und die soziale Verpflichtung des Eigentums, die Abkehr vom Kapitalismus, Gemeinwohlorientierung der Wirtschaft, Mitbestimmung der Arbeitnehmer und Sozialisierung bestimmter Industriezweige miteinander verband.

1947 war für Erich Kröhan allerdings das Jahr, in dem ihn eine Rede Kurt Schumachers davon überzeugte, in die SPD einzutreten. Er hat damals in seinem typischen Stakkatostil gesprochen und die junge Generation von ihrer Kriegsschuld entlastet, in dem er darauf hinwies, dass diese Jugend von Anfang an in einem System aufgewachsen sei, das sie indoktriniert und zu keinem Zeitpunkt losgelassen habe, erinnert sich Kriegsteilnehmer Kröhan an die wohltuenden Worte Schumachers, die Balsam für seine traumatisierte Seele und zugleich auch eine Inspiration waren, selbst am Aufbau der neuen Demokratie mitzuarbeiten.

Nicht weniger als Schumacher beeindruckte ihn auch der 1894 als Sohn einer kinderreichen Bergmannsfamilie geborene Otto Striebeck. Als Kandidat der SPD eilte der damalige Ratsherr und Redaktionsleiter der NRZ im ersten Bundestagswahlkampf 1949 von einer Versammlung zur nächsten und hielt in der SPD-Geschäftsstelle, die damals in einer Baracke an der Ruhr untergebracht war, regelmäßig Sprechstunden ab. Das bevorzugte Veranstaltungslokal der Sozialdemokraten war, laut Kröhan, die Gaststätte Salamander an der Löhstraße.

Er sprach sehr überlegt und hat nicht viel versprochen, sondern in seinen politischen Reden immer wieder auch die Dinge des täglichem Lebens aufgegriffen und damit Vertrauen gewonnen, erinnert sich Kröhan an die Wahlkampfauftritte Striebecks. Am Wahltag, dem 14. August 1949, wurde Striebeck mit 34,9 Prozent der Stimmen zum ersten Mülheimer Bundestagsabgeordneten gewählt. Der CDU-Kandidat Heinz Langner ging mit 28,2 Prozent der Stimmen als Zweiter durchs Ziel. Wilhelm Dörnhaus (FDP) erhielt 13,1 und Friedrich Müllerstein (KPD) 10,1 Prozent der Stimmen. 77 Prozent der Wahlberechtigten, fünf Prozent mehr als bei der letzten Bundestagswahl 2009, hatten bei der ersten Bundestagswahl in Mülheim von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht, insgesamt fast 78?000 Bürger. Zum Vergleich: Am 22. September werden 126?000 Mülheimer zur Bundestagswahl aufgerufen sein

Striebeck hatte es damals aber auch leichter, als die heutigen Bundestagskandidaten, weil der Wahlkreis 1949 kleiner war und nur das Mülheimer Stadtgebiet umfasste, weiß Kröhan.

Striebecks Nachfolgern rät Kröhan: Kandidaten und Abgeordnete müssen Ausdauer und den Mut haben, ein wahres Wort darüber zu sagen, was in unserem Land passiert und nicht unbedingt das, was die Menschen vielleicht von ihnen hören wollen. Auch im Medienzeitalter, glaubt Kröhan, steht am Anfang eines überzeugenden Wahlkampfes die persönliche Ansprache.

Auch wenn Kröhan die heutigen Wähler im Medienzeitalter durch aus für informierter und kritischer hält als die des ersten Bundestagswahljahres 1949, kann es aus seiner Sicht für die Demokratie durchaus gefährlich sein, wenn die Kommunikation zwischen Bürgern und Politikern zu stark über die Medien gesteuert und damit auch unpersönlicher wird.


Dieser Text erschien am 31. August 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 2. September 2013

Reif für die Insel? Warum brauchen wir Urlaub, finden aber in unseren Ferien oft doch keine Erholung Ein Gespräch mit der Reisekauffrau Marion Spree und mit der Psychologin Brigitte Vahsen

Der Volksmund spricht von den schönsten Wochen des Jahres. Die einen haben ihn schon hinter sich. Die anderen freuen sich noch darauf. Und wieder andere können sich ihn finanziell gar nicht leisten. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) hat sich ein Sechstel der Deutschen im Urlaub gar nicht oder nur schlecht erholt. Und nach Angaben des statistischen Bundesamtes können sich 25 Prozent der Deutschen und 47 Prozent der Alleinerziehenden aus finanziellen Gründen gar keinen Urlaub leisten.


Worin liegt eigentlich der Wert des Urlaubs und warum hält er für viele nicht, was er verspricht und was kann man als urlaubsreifer Mensch mit kleinem Geldbeutel tun? Darüber sprach ich im Auftrag der NRZ mit der Dümptener Reisekauffrau Marion Spree und mit der Psychologin Brigitte Vahsen (siehe unten).

Frage: Warum sind wir Deutschen statistisch gesehen Reiseweltmeister?

Antwort: Das hat wohl unterschiedliche Gründe. Die meisten Menschen wollen mal ausspannen und abschalten und vor allem von zu Hause wegkommen, um etwas anderes zu sehen und zu erleben. Im Urlaub geht es darum, neue Eindrücke zu gewinnen und vielleicht auch Sportarten, wie etwa Surfen oder Tauchen zu betreiben, die man zu Hause so nicht ausüben kann. Wir brauchen Urlaub als Auszeit, um Energie zu tanken, weil man sonst müde wird und die Lust verliert.

Frage: Haben die meisten Ihrer Kunden ihren Urlaub jetzt schon hinter sich?

Antwort: Normalerweise sind die Sommerferien für uns immer eher eine ruhige Zeit. Aber in diesem Jahr ist es anders. Wir buchen noch viele kurzfristige Reisen für den September und Oktober oder haben Kunden, die für das nächste Jahr eine Fernreise planen wollen.

Frage: Und wo erholen sich Ihre Kunden derzeit besonders gern?

Antwort: Kreuzfahrten sind im Moment sehr beliebt. Bei den Fernreisen hatten wir in diesem Jahr besonders viele Anfragen für die USA, Thailand und andere Länder Asiens. Und bei den kurzfristigen Buchungen geht es meistens um den klassischen Badeurlaub in Europa.

Frage: Und was steht der Erholung im Wege?

Antwort: Ich glaube das hat damit zu tun, dass viele Menschen heute glauben, auch im Urlaub, etwa für ihre Chefs, erreichbar sein zu müssen. Heute wird ganz selbstverständlich auch danach gefragt, ob es in einem Hotel eine kostenlose WLAN-Verbindung für das Internet gibt. Die dauernde Erreichbarkeit und die Tatsache, dass man regelmäßig aufs Handy schaut, führt dazu, dass man im Urlaub nicht abschalten kann.

Frage: Sind also Handy, Internet und die bösen Chefs schuld, wenn man sich im Urlaub nicht erholen kann?

Antwort: Neben dem Gefühl der dauernden Erreichbarkeit, machen manche Menschen auch den Fehler, sich den Urlaub zu voll zu packen, so dass am Ende aus dem wohltuenden Sammeln neuer Eindrücke eine stressige Reizüberflutung werden kann. Wenn jemand zum Beispiel in drei Wochen die gesamten USA kennenlernen will, rate ich auch schon mal dazu, sich das vielleicht besser aufzuteilen.

Frage: Darf man im Urlaub nur faul am Strand liegen?

Antwort: Auch im Urlaub ist jeder Mensch anders. Ich habe auch Kunden, die Kraft tanken, indem sie während ihres Urlaubs den ganzen Tag Rad fahren oder wandern. Das muss jeder für sich selbst herausfinden, wie er am besten Energie tanken und abschalten kann. Und das ist ja auch unsere Aufgabe, in der Beratung nicht nur zu klären, wohin der Kunde will, sondern auch, was er will und was ihm gut tut.

Frage: Und was mache ich als urlaubsreifer Mensch mit kleiner Reisekasse?

Antwort: Es muss nicht immer die zweiwöchige Flugreise sein. Es gibt auch preiswerte Angebote im eigenen Land, die mit dem Auto oder mit dem Zug zu erreichen sind. Und es gibt auch viele Anbieter, die gute und günstige Angebote für Familien machen.

Frage: Und wenn eine alleinerziehende Mutter gar kein Geld für den Urlaub übrig hat?

Antwort: Dann ist es wichtig dafür zu sorgen, dass man Zeit miteinander verbringt und etwas zusammen unternimmt, das Kind in den Ferien etwas erleben und später auch davon berichten kann. Es muss nicht immer der Vier-Sterne- und All-Inclusive-Urlaub sein. Es können auch die Ferienspiele vor Ort oder eine Städtetour mit dem Bus sein.

Was meint die Psychologin Brigitte Vahsen?

„Viele Menschen erwarten zu viel vom Urlaub und haben ein genaue Vorstellung davon, was alles im Urlaub gut sein muss. Was aber das ganze Jahr über in Familie, Partnerschaft oder Beruf nicht gut ist, kann auch nicht im Urlaub sofort gut werden. Wir haben keinen Schalter im Kopf, den man umlegen kann. Der Stress, der sich angesammelt hat, kann auch im Urlaub nicht schon nach 24 Stunden weg sein.“


„Man sollte nicht erst im Urlaub, sondern auch zu Hause darauf achten, was einem gut tut und sich heranholen, was positiv ist statt sich an dem festzuhalten, was nicht gut ist, was man aber im Moment nicht ändern kann. Wenn das Wetter im Urlaub schlecht ist, kann ich mich trotzdem freuen, bei frischer Luft am Strand spazieren zu gehen.“

„Nicht nur im Urlaub, sondern auch zu Hause sollten wir uns immer wieder einen Freiraum gönnen, in dem wir einfach mal nichts tun und auch das Handy ausmachen, Denn die ständige Erreichbarkeit setzt uns unter Druck.“

„Ich muss nicht in Urlaub fahren, um mich zu erholen. Man kann auch mal drei Stunden an der Ruhr oder auf dem Balkon sitzen und einfach nur auf den Fluss oder in die Baumkronen schauen.“   Dieser Text erschien am 30. August 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung