Freitag, 25. Oktober 2013

Warum auch Mülheimer Stiftungen vom Aktienkurs und den Ausschüttungen des Stromversorgers RWE abhängig sind

Wenn der Energieversorger RWE wirklich, wie jetzt angekündigt, 2014 seine Dividende an die Aktionäre von zwei auf einen Euro pro Aktie reduziert, wird das nicht nur die Stadt mit ihren 9,5 Millionen RWE-Aktien, sondern auch die Leonhard-Stinnes-Stiftung mit ihren 4,3 Millionen RWE Aktien und die August- und Josef-Thyssen-Stiftung mit ihren 300?000 RWE-Aktien betreffen.

Beide Stiftungen werden von der Stadt treuhänderisch verwaltet und in einem Sonderhaushalt geführt. Nach Angaben der Stadtkanzlei besteht ihr Stiftungskapital zu mehr als 90 Prozent aus RWE-Aktien. Die Leonhard-Stinnes-Stiftung hatte erst im vergangenen Jahr 200.000 zusätzliche RWE-Aktien erworben. Folglich wird die RWE-Dividende für die Leonhard-Stinnes-Stiftung 2014 von 8,6 auf 4,3 Millionen Euro und die RWE-Dividende der August- und Josef-Thyssen-Stiftung von 600.000 auf 300.000 Euro sinken.

Die Leonhard-Stinnes-Stiftung fördert zum Beispiel die Augenklinik, die Konzeption und Umsetzung des Jugendsportparks, die Camera Obscura, die Stadtbücherei, die Bürgerbegegnungsstätten, das Tiergehege im Witthausbusch oder das Projekt Jedem Kind ein Instrument (Jeki). Die August- und Josef-Thyssen-Stiftung fördert Projekte aus den Bereichen Spiel, Sport und Jugend. Dazu gehören zum Beispiel Kindergärten, Schwimm- und Hauswirtschaftsunterricht. In der Vergangenheit wurden hier zum Beispiel Personal- und Ausstattungskosten übernommen, wenn es etwa um den Einsatz eines Schwimmmeisters als Lehrkraft oder die Einrichtung einer Schulküche ging.

Zum Vergleich: 2008 konnten beide Stiftungen noch eine Dividende von 4,50 pro RWE-Aktie verbuchen. Die Dividende lag aber in den Jahren davor auch schon mal nur bei 1,75 Euro oder 3,50 Euro. Allerdings weist der Leiter der Stadtkanzlei, Frank Mendack darauf hin, dass die RWE-Aktiendividende nach der Halbierung 2014 immer noch einer Verzinsung des Stiftungskapitals von etwa vier Prozent entsprechen wird, während der Zins für Festgeldanlagen derzeit bei durchschnittlich 0,5 Prozent liegt.

Stadtkanzleichef Mendack betont, dass die Finanzierung der laufenden Förderprojekte unter einer möglichen Halbierung der RWE-Dividende nicht leiden wird. Deren Folgen betreffen lediglich neue Förderanträge. Laut Mendack gehen bei der Leonhard-Stinnes-Stiftung jährlich rund 100 Förderanträge ein, bei der August- und Josef-Thyssen-Stiftung ist es dagegen nur eine Hand voll.

Wie man genau auf eine Halbierung der RWE-Dividende reagieren wird, müssen der im Dezember tagende Beirat der Leonhard-Stinnes-Stiftung und im Fall der August- und Josef-Thyssen-Stiftung die qua Amt von den Stiftern als Verwalterin eingesetzte Oberbürgermeisterin entscheiden. Im Kern geht es um die Frage, ob man angesichts sinkender Einnahmen weniger Anträge bewilligt oder Projekte, wo möglich, nur noch anteilig fördert. Diese Richtungsentscheidungen erwartet der Leiter der Stadtkanzlei allerdings erst im Laufe des kommenden Jahres, da für 2013 noch die Zwei-Euro-Dividende pro Aktie ausgeschüttet werde. Außerdem ist Mendack zuversichtlich , dass die RWE-Gewinne sich mittelfristig erholen.

Noch aber ist das letzte Wort in Sachen Dividende ohnehin nicht gesprochen. Meist finanzschwache Kommunen des Ruhrgebiets wie Mülheim oder Essen sind am RWE zu knapp unter 25 Prozent beteiligt. Diese Anteilseigner werden bei der Hauptversammlung Druck machen - allerdings mit begrenztem Schaum. Eine zu hohe Dividende könnte leicht in weiteren Kostensenkungen enden, sprich: Stellenabbau.

Dieser Text erschien am 2. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 23. Oktober 2013

So gesehen: Wunsch und Wirklichkeit

Unsere Politiker sollen Ecken und Kanten haben, aber uns auch nicht vor den Kopf stoßen. Denn dann werden sie erst gar nicht gewählt und sind am Ende gar keine Politiker mehr.

Der Mülheimer Satiriker Rene Steinberg, dessen Ansichten zur Kabarettreife und Profilierung unserer Politiker, Sie am Samstag in der Mülheimer NRZ nachlesen konnten, weist nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass das mit der Klage über profillose Politiker so ist, wie mit der Klage über die darbende Innenstadt. „Viele Leute wünschen sich eine florierende Innenstadt, kaufen aber trotzdem im Internet ein“, hält er uns den Spiegel vor und zieht einen interessanten Vergleich zwischen Kauf- und Wahlverhalten.

Sind wir Wähler und Konsumenten am Ende also selber schuld, wenn in unserer Innenstadt die Ladenlokale leerstehen oder Politiker mit Mut zum Profil bei der Wahl leer ausgehen? Was passieren kann, wenn man sich zum Beispiel mit der Forderung nach Steuererhöhungen und einem fleischlosen Tag in der Woche profiliert, haben die Grünen bei der Bundestagswahl schmerzlich erfahren. Wenn es ums Geld und um die Wurst geht, verstehen wir eben keinen Spaß. Denn in der Politik ist es wie auf dem Markt: Mit Ladenhütern kann man sich vielleicht profilieren, aber kein Geschäft, geschweige denn einen Staat machen.

Allerdings lehrt die Geschichte auch, dass es manchmal nur eine Frage der Zeit ist, wann ein politischer oder wirtschaftlicher Ladenhüter doch noch zum Verkaufsschlager wird.
Ganz zeitlos müssen wir uns aber wohl eingestehen, dass Konsequenz zwar eine Tugend, aber nicht unbedingt menschlich ist. Oder zeigen Sie etwa mit dem Hinweis auf einen fleischlosen Tag pro Woche Profil, wenn Ihre Frau Sie fragen sollte: „Findest du mich eigentlich zu dick?“

Dieser Text erschien am 21. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Politiker im Spiegelbild der Satire: Warum der Kabarettist Rene Steinberg von den Ecken und Kanten der Politiker lebt, aber immer weniger davon findet

Die von der Leyens, Schloss Koalitionsstein und Sarko de Funes haben ihn bei den Hörern des Westdeutschen Rundfunks bekannt und beliebt gemacht. Seit mehr als zehn Jahren nimmt der Mülheimer Radio-Comedian, Kabarettist und Satiriker Rene Steinberg Politiker aufs Korn und hat dafür gerade erst von den Mülheimer Karnevalisten die Spitze Feder für seine Verdienste um das freie Wort zuerkannt bekommen.

Doch bevor Steinberg die Feder spitzen und in seinem Saarner Heimstudio Sketche und Glossen produzieren kann, muss er erst mal Politiker finden, die satirefähig sind.

Das wird immer schwieriger, weil die meisten Politiker heute glatt gebügelt sind und schon sehr früh ihre ersten Medientrainings hinter sich gebracht haben, gibt Steinberg zu. Eine Ausnahmeerscheinung, aber auch ein Beweis dafür, wie unsere schnelllebige Mediendemokratie heute funktioniert, war für ihn da der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Der hat es ja mit Ecken und Kanten und Klartext versucht und dafür gleich eins auf die Fresse bekommen, erinnert sich Steinberg an den Bundestagswahlkampf. Auch aus Gesprächen mit Politikern weiß der Satiriker, dass sich viele Politiker gar nicht mehr trauen, wirklich zu sagen, was ihnen auf der Zunge liegt, weil sie dass dann sofort von den Medien, vom politischen Gegner, aber auch von den eignen Leuten um die Ohren gehauen bekommen. Als Radiokabarettist, der mit seinen Sketchen auch eine Haltung transportieren möchte, findet es der 40-Jährige schade, dass die Medien Politikern heute kaum noch Zeit dazu lassen, Ecken, Kanten und damit ein eigenes Profil zu entwickeln.

Ein so pfundiger Typ, wie Franz-Josef Strauß, der auch mal einen markigen Satz rausgehauen hat, hätte es in der heutigen Medienlandschaft viel schwerer, sich auf Dauer politisch zu halten, glaubt Steinberg. Er kann verstehen, dass manche altgediente Kabarettisten noch heute auf politische Charakterköpfe, wie Strauß oder Willy Brandt zurückgreifen. Ihn selbst würde es aber nicht reizen, auf einer starken Nummer immer wieder herumzureiten. Hat Steinberg, der von den Ecken und Kanten der Politiker lebt, Angst vor der Profillosigkeit und einem Regierungswechsel, der ihm den einen oder anderen übrig gebliebenen Charakterkopf stehlen könnte? Diese Angst habe ich mir abgewöhnt, sagt Steinberg mit einem Lächeln und fügt hinzu: Das ist das Berufsrisiko. Das ist im Paket mit drin. Das ist aber auch die spannende Herausforderung, sich auf neue Köpfe einzulassen.

Doch dann gibt Steinberg zu, dass ihm die Abwahl des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, alias Sarko de Funes, schon etwas weh getan hat und das er sich freut, dass sich in Frankreich ein Comeback Sarkorzys abzeichnet. Der Sarkozy war mit seinem überzogenen Selbstbewusstsein, das auch keine Angst vor einem peinlichen Fettnäpfchen hatte, einfach genial, findet Steinberg.

Doch auch bei einigen deutschen Politikern sieht er den satirereifen Moment-mal-Effekt, der Menschen zum Widerspruch reizt. Die perfekte Übermutti Ursula von der Leyen, die scheinbar mühelos Politik und Familie unter einen Hut bringen kann und damit vor allem bei vielen Frauen Opposition hervorruft, ist für ihn ebenso ein Politikertyp wie Bundesumweltminister Peter Altmeier, weil der einen Hintern in der Hose hat und im hektischen Politikbetrieb so eine gemütliche Gelassenheit ausstrahlt, mit der er seinen Riemen durchzieht.

Sein Traum, daran lässt Steinberg keinen Zweifel, wäre ein Duell der Kanzlerkandidatinnen Hannelore Kraft (SPD) und Ursula von der Leyen (CDU), weil dass zwei Frauen sind, die eine direkte zupackende Art haben und denen man noch abnimmt, dass sie eine politische Mission haben und weil das für mich natürlich auch ein akustisches Heimspiel wäre.Aber, so glaubt Steinberg: Den beiden müssen wir noch etwas Zeit lassen.

An seiner Mülheimer Landsfrau, die er zu Beginn ihrer Düsseldorfer Regierungszeit als Ministerpräsidentin 2010 im Hanni- und Löhrmanni (in Anlehnung an die Grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann)-Minderheitsregierungsferiencamp besuchte, fasziniert ihn ihre direkte und zupackende Art, die sie leicht auf Menschen zugehen und ihre Politik vermitteln lässt, weil sie sich ihren Ruhrpottsprech bewahrt und keinen Politikersprech angewöhnt hat.

Beim CDU-Kanzleramtsminister Roland Pofalla gefällt Steinberg dessen Image als politischer Musterknabe und eilfertiger Diener seiner Kanzlerin in Verbindung mit seiner nasalen Aussprache, mit der er als Bürogehilfe im Schloss Koalitionsstein immer wieder betont: Das ist ja genial Frau Dr. Merkel. Auch bei SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sieht er nach ihrer Pippi-Langstrumpf-Gesangseinlage zumindest Ansätze zur Satirefähigkeit, die aber noch ausgebaut werden müsse.

Bei Nahles ist sich Steinberg noch nicht so sicher, ob sie diesen zweidimensionalen Charakter und die inhaltlich Substanz hat, die man braucht, um eine Figur zu entwickeln. Eine kabarettreife Politikerfigur vergleicht Steinberg mit einer guten Zeitungskarikatur, die Politiker ja auch nicht 1:1 abbildet, sondern sie verzerrt und überzeichnet, in dem sie markante Charakterzüge herausarbeitet.

Ausgesprochen lieb sind Steinberg Politiker, bei denen man auch einen inhaltlichen Anpack und ein Thema hat, an dem man sich abarbeiten kann. Gerne erinnert er sich in diesem Zusammenhang daran, dass die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen 2007 ihre Karriere in Steinbergs Tonstudio begann, als sie mit ihren Kindern Krippenplätzchen backte, während sie in Berlin für mehr Kindergartenplätze stritt. Und auch an das Aachen Mädel Ulla(la) Schmidt, die als sozialdemokratische Bundesgesundheitsministerin mit der inzwischen wieder abgeschafften Praxisgebühr ins kabarettistische Fadenkreuz geriet, ist ihm als politische Type in bester Erinnerung geblieben. Auch am Ex-FDP-Chef Philipp Rösler arbeitete sich Steinberg ab, nachdem dieser als Witzerzähler im Bierzelt kläglich gescheitert war. Aber dann hat er schnell die satirische Lust an Rösler verloren, weil da zu wenig Tiefe und Substanz drin war und es keinen Spaß macht, auf jemanden drauf zu hauen, der schon am Boden liegt.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 19. Oktober 2013

Um Antwort wird gebeten: Mit einer Umfragte unter Senioren will die Stadt herausfinden, wo und wie sie für ihren Alltag Hilfestellung brauchen:

Wie vertraut ist Menschen über 60 ihr Stadtteil? Welchen Hilfebedarf haben sie und wen fragen sie, wenn sie Hilfe brauchen? Das möchte das Sozialamt von den 1070 Senioren in der Stadtmitte erfahren. Doch bisher liegen nach Angaben des Sozialamtes aber nur 100 ausgefüllte Fragebögen vor.

„Wir brauchen mindestens 250 ausgefüllte Fragebögen, um zu einem signifikanten Ergebnis zu kommen“, weiß der federführende Sozialplaner des Sozialamtes Jörg Marx vom Institut für angewandtes Management und Organisation in der sozialen Arbeit. Das Institut der Fachhochschule Köln wird die Ergebnisse der Befragung wissenschaftlich auswerten. Mit konkreten Ergebnissen rechnet Marx im ersten Quartal 2014. Bisher haben zwölf ehrenamtliche Interviewer 500 Senioren aufgesucht. In rund 50 Prozent wurde aber eine Teilnahme an der Befragung abgelehnt.

„Die Reaktionen, die ich erlebt habe, waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von Freude und Begeisterung für das Projekt bis hin zu purer Ablehnung“, beschreibt Hermann Klauer seine Erfahrungen. Der 63-jährige hat bisher über 30 Interviews geführt. Manchmal erlebte er bei seinen Gesprächspartnern große Aufgeschlossenheit und sogar die Bereitschaft sich selbst zu engagieren. Manchmal stieß er aber auch auf Angst, Abschottung und Einsamkeit. Überrascht haben ihn immer wieder die krassen Kontraste zwischen gut funktionierenden Hausgemeinschaften und totaler Anonymität.

Nachdem jetzt auch die Arbeiterwohlfahrt ihre Unterstützung zugesagt hat und Besucher ihrer Seniorentagesstätte an der Bahnstraße befragen lassen will, ist Marx zuversichtlich, mindestens 250 aussagekräftige Fragebögen zusammenzubekommen. Senioren aus der Stadtmitte, die sich noch nachträglich an der Befragung des Sozialamtes beteiligen möchten, können sich auch jetzt noch an ihn wenden. „Wir fragen nicht nach persönlichen und finanziellen Verhältnissen“, macht Marx potenziellen Gesprächspartnern Mut, sich den ehrenamtlichen Interviewern, die sich ausweisen können, zu öffnen.

Hintergrund der im Juli gestarteten Befragung ist das Ziel, ein System ehrenamtlicher Bürgerlotsen aufzubauen. Sie sollen, zum Beispiel durch ein Button oder als ausgewiesene Mitarbeiter in kooperationsbereiten Geschäften vom Kiosk bis zur Apotheke als „erkennbare Wegweiser“ für Senioren in der Stadtmitte ansprechbar sein, und ihnen den Weg zum Ziel aufzeigen. „Solche Bürgerlotsen müssen nicht alles wissen, aber sie können dann zum Beispiel die Frage beantworten, wo Senioren professionelle Hilfestellung bekommen können, wenn sie zum Beispiel wissen wollen, wie viel eigentlich ein Platz im Altenheim kostet oder wie man zum Beispiel Kontakt zu einem Schachclub bekommt, in denen man mit andren sein Hobby pflegen und Geselligkeit erleben kann“, erklärt Sozialplaner Marx das Prinzip. Solche Bürgerlotsen sollen als Bindeglied zwischen Bürgerschaft und professionellen Dienstleistern agieren und, wie Marx es ausdrückt, „den Grad der Bekanntheit erhöhen und so der Anonymität entgegenwirken.“ Das Projekt zur Förderung der Lebensqualität im Alter ist auf drei Jahre angelegt und wird vom Bundesbildungsministerium gefördert. 15 interessierte Bürger haben dem Sozialamt schon jetzt ihre Bereitschaft signalisiert, als ehrenamtliche Bürgerlotsen geschult und aktiv zu werden.

iWeitere Auskünfte zur Seniorenbefragung und zum Projekt Bürgerlotsen gibt Jörg Marx vom Sozialamt unter der Rufnummer 0208/455-5012

Dieser Text erschien am 9. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Warum die stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins, Maria St Mont eine Mutmacherin ist

Es gibt Menschen, die sehen schwarz und klagen über ihr Schicksal. Maria St. Mont gehört nicht zu ihnen. Sie wirkt fröhlich und aufgeschlossen, wenn man sich mit ihr über ihre Sicht auf das Leben unterhält. Dabei hätte sie Grund zu klagen. Denn die heute 50-Jährige ist aufgrund einer Erbkrankheit erblindet. Sie wurde mit derselben Augenkrankheit wie ihre Mutter geboren.

Ich hatte es leichter, weil das ein schleichender Prozess war und ich mich langsam an der Verlust meiner Sehkraft gewöhnen konnte, sagt St. Mont. Aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit als stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV) weiß sie: Andere, die erst später und plötzlich durch eine Krankheit oder einen Unfall erblinden, fallen oft in ein tiefes Loch.

Menschen, denen sie mit Rat, Hilfe und ihrem eigenen Lebensbeispiel Mut machen will, trifft sie etwa bei Veranstaltungen des BSV oder bei einer monatlichen Sprechstunde für Blinde und Sehbehinderte, die sie mit der BSV-Vorsitzenden Christa Ufermann am ersten Donnerstag im Monat, jeweils von 10 bis 14 Uhr bei den Grünen an der Bahnstraße 50 abhält. In der Regel kommen drei bis vier Ratsuchende, denen wir zum Beispiel Hilfsmittel vorstellen, aufzeigen, wie man das vom Landschaftsverband gezahlte Blindengeld beantragt oder helfen bei Problemen mit Augenärzten, berichtet St. Mont.

Aus eigner Erfahrung weiß sie: Man muss das Glas halb voll und nicht halb leer sehen. Man darf nicht darauf gucken, was man nicht mehr kann, sondern darauf, was man noch kann. Man muss rausgehen und darf nicht zu Hause sitzen bleiben.

Deshalb blieb St. Mont, die verheiratet ist und eine 24-jährige Tochter hat, auch nicht sitzen, als sie 1999 nur noch hell und dunkel sehen konnte. Ich schaue heute, wie durch eine dicke Watte, beschreibt sie ihr minimales Restsehvermögen.

Natürlich hat es sie geschmerzt, dass sie damals nicht mehr als Bürogehilfin bei Mannesmann und als Übungsleiterin beim Amateurschwimmclub arbeiten konnte. Heute lebt sie mit ihrem sehenden Mann Karl-Heinz von monatlich 629 Euro Blindengeld und von seiner Rente, die er als Friedhofsgärtner erworben hat. Eine Berufsunfähigkeitsrente bekommt sie nicht, weil sie ihre Berufstätigkeit aufgrund der Kindererziehung zu früh aufgegeben hatte und so nicht genug Arbeitsjahre nachweisen kann.

Doch das macht sie nicht bitter. Die Hilfe durch ihren Mann und ihre Tochter Stephanie, die im Notfall auch mal für die Mutter mitsehen, gibt ihr ebenso Halt, wie ihr christlicher Glaube. Ich weiß, dass ich eine Aufgabe im Leben habe und dass mich Gott dort hingestellt hat, wo ich jetzt bin, sagt sie.

St. Mont sieht sich als Mutmacherin für blinde und sehbehinderte Menschen, die sich mit ihrem Schicksal schwerer tun. Ein Mobilitätstraining, ihr weißer Stock und ihre ausgebildete Blindenführhündin Selma geben ihr auch dann ein Gefühl von Selbstständigkeit und Sicherheit, wenn sie alleine unterwegs ist.

Ich gehe heute nicht mehr quer über Straßen und Plätze, sondern geometrisch, dass heißt, an Häuserwänden entlang und dann um die Ecke, schildert sie ihre veränderte Orientierung. Um die Orientierung für sich und andere blinde und sehbehinderte Menschen zu verbessern, setzt sich St. Mont mit dem BSV und der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände für akustische Ampeln, gegen die totale Absenkung von Bordsteinen, für die Bewilligung individueller Hilfsmittel oder für taktile Tasten- und Informationsfelder in Aufzügen und öffentlichen Gebäuden ein.

Zugeparkte oder mit Geschäftsauslagen zugestellte Gehwege, ärgern sie ebenso, wie fehlende Haltestellenansagen in Bussen und Bahnen oder die Ignoranz vieler E-Book-Anbieter, die ihre E-Books nicht mit Sprachsoftware ausstatten. Denn so eine Sprachsoftware, die als Hilfsmittel von der Krankenkasse finanziert wird, ermöglicht ihr mit dem Computer zu arbeiten, E-Mails zu lesen und zu verschicken oder sich Informationen im Internet anzuhören.

Per E-Mail lässt sie sich von der Stadtbücherei auf neue Hörbücher hinweisen. Da ist unsere Stadtbücherei Gott sei Dank gut ausgestattet, freut sich St. Mont. Auch die in der Stadtbücherei aufgenommene und kostenlos zugeschickte Hörzeitung Echo Mülheim möchte sie als Informationsquelle ebenso wenig missen, wie die Hörbücher und Hörzeitschriften aus der Westdeutschen Blindenhörbücherei.

Gerne besucht St. Mont auch Lesungen, bei denen ihr Autoren aus ihren Büchern vorlesen. Das war auch das einzige, was ich bei der Erziehung meiner Tochter vermisst habe, nämlich ihr Geschichten vorlesen zu können, sagt die Literaturfreundin, die auch bei Bibeltagen, Bibelkreisen und Gottesdiensten gerne etwas aus dem Buch der Bücher hört, das ihr Kraft und Ruhe vermittelt. Und was ist mit dem Fernsehgerät in ihrem Wohnzimmer? Früher habe ich im Fernsehen gerne Krimis gesehen, heute höre ich im Fernsehen aber Quiz- und Informationssendungen, bei denen es um Allgemeinwissen geht. Fernsehkrimis sind für mich nicht mehr so spannend, weil ich die Handlungsabläufe nicht sehe und so viele Zusammenhänge nicht mitbekomme, schildert sie ihre veränderte Sicht auf die Fernsehunterhaltung.

Sieht man nur mit dem Herzen gut? Für St. Mont ist da was dran: Weil ich nicht sehe, ob Menschen weiß, schwarz, rot, gelb, alt oder jung sind, gehe ich ohne Vorurteile auf sie zu.Ich habe auch keine Scheu auf Menschen zuzugehen, um sie zu fragen, ob die Ampel gerade Rot oder Grün zeigt. Und wenn ich alleine einkaufe, bitte ich eine Mitarbeiterin des Supermarktes, mich zu begleiten und mir die gewünschten Waren in den Korb zu legen, schildert sie ihre offensive Kommunikationsstrategie.

Und wenn sie mal selbst nicht zum Einkauf kommt, spricht sie ihre Wünsche auf ein kleines Diktafon und schickt damit ihren Mann Karl-Heinz auf Shoppingtour.

Nicht nur ihre Shopping,- sondern auch ihre Sightseeingtouren haben sich verändert. Sehenswürdigkeiten gibt es für sie nicht mehr. Im Urlaub genießt sie nicht mehr den Meeresblick, dafür aber das Rauschen der Meeresbrandung. Gerne geht St. Mont auch mit ihrer Freundin Angelika spazieren und lässt sich von ihr haargenau die Farben des Herbstlaubes beschreiben. Oder sie organisiert mit ihren Freunden vom BSV zum Beispiel einen Zoobesuch, bei dem die Teilnehmer einer taktilen Führung keine Tiere anschauen, sondern streicheln und füttern können. Ich war zuletzt erstaunt, wie viele Borsten so ein Elefant hat, erinnert sich St. Mont an ihren letzten Zoobesuch mit dem BSV. Gerne würde sie mehr der etwa 450 blinden Menschen in Mülheim dazu bewegen, an den Aktivitäten ihres Vereins teilzunehmen, der aktuell nur etwa 70 Mitglieder hat und Verstärkung gut gebrauchen könnte.

Weitere Informationen im Internet unter: www.bsv-muelheim.de


Dieser Text erschien am 12. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 11. Oktober 2013

Natürlich leben und arbeiten: Ein Gespräch mit den beiden Dümptener Landwirten Christiane in der Beeck-Bolten und Andreas Bolten über ein Landleben, das mit einem Landidyll nichts zu tun hat

Erntedank hat für uns eine besondere Bedeutung. Denn wir leben von und mit der Natur, sind sich Christiane in der Beeck-Bolten und ihr Mann Andreas Bolten einig. Seit ihrer Hochzeit 2009 bewirtschaften die 32-jährige Agrarwissenschaftlerin und der Agrarbetriebswirt (36) den Dümptener Bauernhof im Dreistädteeck zwischen Mülheim, Oberhausen und Essen.

Sie führen damit eine jahrhundertealte Familientradition fort. 2006 übergaben Heinz und Edith in der Beeck die Leitung des Hofes in die Hände ihrer Tochter Christiane. Das bedeutet aber nicht, dass sich die beiden 71-Jährigen ganz aus dem Familienbetrieb zurückgezogen hätten. Während wir uns hier über die Lebensform Landwirtschaft unterhalten, fährt mein Schwiegervater für mich mit der Sämaschine über den Acker. Denn wir müssen die Getreidesaat in das Saatbett bekommen, ehe der angesagte Regen kommt, erzählt Andreas Bolten. Und seine Frau, die gerade mit ihrer zweieinhalbjährigen Tochter Marlene Eier ihrer Freilandhühner aufgesammelt hat, fügt hinzu: Meine Mutter ist die gute Seele des Hofladens und kümmert sich um den Blumenacker. Hier hat jeder sein Steckenpferd und sein Spezialgebiet.

Für die junge Landwirtin, die auch schon mal mit einem Leben als Tierärztin geliebäugelt hatte, steht fest: Weil wir ein Familienbetrieb sind, funktioniert das nur, wenn alle Hand in Hand arbeiten und an einem Strang ziehen. Mit an diesem Strang ziehen auch Christianes Schwester Michaela, die ihren Lebensunterhalt als Informatikerin verdient und Christianes Nichte Kim, die regelmäßig im Hofladen mithilft. Dann stehen wir da mit drei Generationen, freut sich Christiane in der Beeck-Bolten.

Auch ihr Mann Andreas möchte die hilfreiche Hand seiner Schwägerin ebenso wenig missen wie den Erfahrungsschatz seiner Schwiegereltern. Das kann man nicht auf der Schulbank lernen. Das ist ein Wissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist, staunt Andreas Bolten immer wieder über die Detailkenntnisse seines Schwiegervaters, wenn es um die Bodenbeschaffenheit von Äckern und Feldern geht.

Nur weil die Generationen auf dem Hof zwar nicht unter einem Dach, aber doch Tür an Tür leben, können sich Christiane In der Beck-Bolten und ihr Mann in der dritten Augustwoche, zwischen Getreide- und Kartoffelernte, einen Urlaub an der Küste erlauben. Die Freizeit kommt bei uns zu kurz. Irgendwie hängt man mit seinen Gedanken ja immer im Betrieb, geben die beiden zu. Wenn wir hier auf dem Hof sind, können wir die Tür nicht einfach zumachen. Unser Zuhause ist auch unser Arbeitsplatz, berichtet sie. Auch wenn wir die Kinder ins Bett gebracht haben, sitzen wir oft zusammen und besprechen betriebliche Dinge.

Was soll wo und wie angebaut werden? Welche Geräte müssen angeschafft werden? Stimmt die Buchführung? Sind alle Umweltauflagen erfüllt? Wie könnte man das Angebot erweitern und den Hof noch wirtschaftlicher machen? Heute funktioniert ein Bauernhof nicht nur, wenn man einen guten Boden hat und die Kultur- und Pflanzenführung beherrscht. Mindestens 30 Prozent unseres Arbeitsalltages bestehen aus Bürokratie und Betriebswirtschaft, schildert Bolten das Arbeiten zwischen Ökonomie und Ökologie.

Als reiner Ackerbaubetrieb wären wir nicht überlebensfähig. Der Hof funktioniert nur, weil wir mit unseren Produkten (Kartoffeln, Eiern, Backwaren, Erdbeeren, Spargel, Kürbisse, Weißkohl, Blumen) auf vielen Seilen tanzen und sie über unseren Hofladen direkt vermarkten, beschreibt der Agrarbetriebswirt das wirtschaftliche Erfolgsgeheimnis des Hofes, zu dem neben der Dümptener Landwirtschaft auch ein kleiner Hof in Willich gehört, den er von seinem verstorbenen Vater übernommen hat.

Obwohl Bolten auf Anraten seines Vaters als Kommunikationselektroniker und Patentingenieur ein Berufsleben neben der Landwirtschaft führte, stand für ihn immer fest: Ich will Landwirt werden. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man naturverbunden für sich selbst arbeitet, findet auch seine Frau. Irgendwie wird man da reingeboren, aber Ja sagen zum Leben in der Landwirtschaft muss man schon selbst, meint die Bauerntochter.

Sie und ihr Mann freuen sich zurzeit über ein auskömmliches Einkommen und würden dieses Lebensmodell immer wieder wählen. Dennoch schmunzeln sie über Besucher, die ihnen vorschwärmen: Das sieht ja hier so schön aus. Ich würde auch mal gerne einen Bauernhof betreiben. Arbeiten Sie doch mal ein paar Wochen mit, bietet Christiane dann scherzhaft an. Und ihr Mann Andreas stellt klar: Das ist ein Landleben, aber keine Landidylle. Da steckt viel Arbeit drin, die man auch beim Urlaub auf dem Bauerhof nicht sehen kann. Wenn der Hühnerstall gereinigt oder im Januar zum x-tenmal die Folien für die Erdbeeren gezogen werden müssen, ist das keine reine Freude.

Die körperlich anstrengende und witterungsabhängige Arbeit kennt trotz eines Angestellten, einer Praktikantin und eines Auszubildenden keine Pause - und führt zu einem anderen Blickwinkel. Wenn man in der Produktion drinsteckt, weiß man den Wert der Lebensmittel ganz anders zu schätzen. Man weiß, dass ein gut gefülltes Supermarktregal nicht selbstverständlich ist, weil man täglich erlebt, dass wir nicht die letzten Entscheider sind, wenn das Wetter nicht auf unserer Seite ist, sagt das Landwirtspaar: Wir wissen, dass wir unseren Boden und die Natur pflegen müssen, wenn er die Früchte tragen soll, von denen unsere Existenz abhängt.

Und sie sehen durchaus sorgenvoll in die Zukunft. Wenn man weiß, dass immer mehr Böden versiegelt werden, aber die Erdbevölkerung wächst, fragt man sich schon, wie lange das mit der Lebensmittelproduktion gut gehen kann, sagt Bolten nachdenklich. Wenn die Erde sich erwärmt und die Trockenheit zunimmt, wird die Landwirtschaft nicht leichter, glaubt Christiane in der Beeck.

Ob ihre noch kleinen Kinder Marlene und Clemens später einmal den Hof und ihre Lebensweise übernehmen? Die Eltern würden sich darüber freuen. Aber wenn sie es nur aus Tradition täten, wäre es sicher ein Fehler, sagt Andreas Bolten.

Dieser Text erschien am 5. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Bekommt die Ortskirche Rückenwind aus Rom?

Er sagt Sätze, wie: „Die erste Reform muss die der Einstellung sein. Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen. Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker.“ oder: „Die Kirche hat sich manchmal in kleinen Dingen einschließen lassen, in kleinen Vorschriften. Diener dieser Kirche sollten aber vor allem Diener der Barmherzigkeit sein.“

Papst Franziskus lässt aufhorchen. Er umarmt Arbeitslose und wäscht Strafgefangenen die Füße. Er legt die Bilanzen der Vatikanbank offen und reformiert die Kurie. Er wohnt nicht im päpstlichen Palast, sondern im Gästehaus des Vatikans. Und statt eines goldenen trägt er ein eisernes Brustkreuz. In seinem Auftreten und Handeln verkörpert er eine bescheidene Kirche, die ihre theologische Selbstbezogenheit ablegt und sich als Dienstleisterin der Menschen begreift, vor allem der Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Inspiriert der Papst auch die Ortskirche und führt sein neuer Führungsstil zu einer Wiederannäherung an die Kirche? Mit Blick auf die Eintrittszahlen, (siehe Kasten) die immer noch erheblich geringer sind als die Austrittszahlen, wollen das Bistum und Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg noch keinen Franziskus-Effekt erkennen. „Es ist nicht auszuschließen, dass so ein Effekt eintreten könnte und ich würde mir das wünschen, aber das würde man dann frühestens in einigen Monaten ablesen können“, vermutet Schwartzenberg, der die Nordpfarrei St. Barbara leitet.

Auch Schwartzenbergs Amtsbruder Michael Clemens, der als Pastor die 5700 Seelen zählende Gemeinde St. Engelbert in Eppinghofen leitet, sieht derzeit noch keinen Franziskus-Effekt. Aber er stellt spürbare Veränderungen fest. „Wir haben als Katholische Kirche nach langer Zeit mal wieder ein positives Medienecho. Und auch Menschen, die sonst nicht viel mit Kirche zu tun haben, sind positiv überrascht und fragen interessiert nach“, schildert Clemens seine Eindrücke. Auch mit Blick auf die Bistumsleitung stellt Clemens in den letzten Monaten eine neue Offenheit für die Belange der Gemeinden fest. „Die Leute werden mehr mitgenommen und nicht mehr abgekanzelt. Der Bischof und das Generalvikariat haben erkannt, dass die Gemeinden die Keimzellen der Kirche sind, die es zu stärken gilt“, betont der Pastor.

Auch wenn der Geistliche weiß, dass die Zukunft seiner Gemeinde von den Menschen vor Ort entschieden wird, empfindet er das Pontifikat Franziskus’ „wie einen Besuch des heiligen Geistes und einen Funken, der in der Luft lag.“ Clemens hofft, dass dieser Funke auch auf resignierte Amtsbrüder überspringt, die ihr Priesteramt, manchmal, wie einen Beamtenjob ausüben. Apropos Beamter. Ganz ohne Bürokratie und Papierkrieg funktioniert auch der Kircheneintritt nicht.

Wer aus der Kirche austreten will, muss sich nur beim Amtsgericht abmelden. Wer in die Kirche eintreten will, muss nicht nur Formulare ausfüllen, um sich als Gemeindemitglied und als Kirchensteuerzahler bei seiner Kirche und beim Finanzamt zurück zu melden. Außerdem führt der Kircheneintritt immer über ein Gespräch mit dem Pfarrer der zuständigen Ortsgemeinde.

„Bei uns treten viele in der Ladenkirche an der Kaiserstraße ein und nicht in ihrer Gemeinde, weil sie das als anonymer empfinden“, erzählt der Pfarrer der evangelischen Friedenskirchengemeinde in Heißen-Heimaterde, Michael Manz.

Wie seine katholischen Amtsbrüder Clemens und Pater Josef Prinz von St. Mariä Himmelfahrt thematisiert Manz in diesen Gesprächen vor allem die Gründe, die zum Kirchenaustritt und zum Wiedereintritt geführt haben. So erfahren die Geistlichen auf der einen Seite von frustrierenden Erlebnissen mit kirchlichen Würdenträgern und kirchlichen Einrichtungen, aber auch von Wendepunkten im Leben, die den Wunsch geweckt haben, eine sozial engagierte und sinnstiftende Gemeinschaft, wie sie die christlichen Kirchen darstellen, auch als Gemeindemitglied und Kirchensteuerzahler wieder aktiv unterstützen zu wollen, um dazu zu gehören und Halt im Leben zu finden..

Auch wenn der Glauben bei den Wiederaufnahmegesprächen natürlich ein Thema ist, betonen Clemens, Prinz und Manz konfessionsübergreifend, dass sie keinen Kirchenneuling einem theologischen Examen unterziehen und seine Bibelfestigkeit überprüfen. Allerdings gehört das Sprechen des Glaubensbekenntnisses zum Wiederaufnahmeakt der katholischen Kirche.

Dieser Text erschien am 8. Oktober 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Oktober 2013

Post aus Afrika: Wie und warum der Mülheimer Klaus Grütjen als Briefwähler seine Stimme für die Bundestagswahl in Burundi abgab

Echt bequem diese Briefwahl. Man wirft seinen Wahlbrief in den Briefkasten an der nächsten Ecke und ab geht die Post. Laut Wahlamt haben bis zum 17. September bereits 8700 Mülheimer von dieser zur Bundestagswahl 1957 eingeführten Möglichkeit der Stimmabgabe Gebrauch gemacht.

Einer von ihnen ist Klaus Grütjen. Doch der Mann konnte nicht so einfach seinen Wahlbrief in die Post geben. Denn der Mann aus Mülheim lebt und arbeitet zurzeit im afrikanischen Burundi D
as Auswärtige Amt schreibt in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen über das gut 6500 Kilometer von Deutschland entfernte Land im Herzen Afrikas: 

„In Burundi besteht weiterhin die Gefahr terroristischer Anschläge. Besondere Vorsicht und Wachsamkeit ist deshalb beim Besuch von öffentlichen Einrichtungen mit potentiellem Symbolcharakter geboten. Es wird empfohlen, Menschenansammlungen (Märkte, Busbahnhöfe und Straßenbars) zu meiden und abendliche Ausgänge auf das Notwendige zu beschränken.“

Wie das Auswärtige Amt auf Nachfrage bestätigt, gehört Burundi zu den Ländern, in denen man nicht von einem geordneten Postverkehr ausgehen kann. Deshalb hat Klaus Grütjen seinen Wahlbrief bereits am 10. September in der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Bujumbura dem deutschen Botschafter Bruno Brommer zu treuen Händen übergeben. Der gab ihn am 13. September dann auf den amtlichen Kurierweg, der das Auswärtige Amt in Berlin mit den deutschen Botschaften in aller Welt verbindet. Das bedeutet: An diesem Tag wurde Grütjens Wahlbrief im Postsack der Botschaft zum Flughafen gefahren und von dort aus nach Berlin geflogen. Dort wurde er von der Poststelle des Auswärtigen Amtes in den normalen deutschen Postverkehr gegeben. Das bedeutet: Per LKW wurde er mit allen anderen wahlbedingten und wahlunabhängigen Briefen in das für Mülheim zuständige regionale Briefzentrum nach Essen gebracht. Von dort aus trat der Wahlbrief aus Burundi  wieder per Lieferwagen seinen Weg zum Hauptpostfach der Stadt an. Und von der Hauptpost am Hauptbahnhof zum Wahlamt im Rathaus war es dann nur noch ein Katzensprung. Postsprecher Dieter Pietruck weist darauf hin, dass Wahlbriefe, die noch am kommenden Wahlwochenende im Essener Briefzentrum landen, von dort per Kurier direkt an die Wahlämter ausgeliefert werden.

Normale Briefe aus Afrika werden, laut Pietruck, über das internationale Briefzentrum in Frankfurt auf die 82 regionalen Briefzentren verteilt. Aus dem Vergleich der internationalen Brieflaufzeiten, in denenBurundi aber nicht aufgeführt wird, weiß er, dass Post aus Afrika, je nach Absenderland bis zu zehn Tage unterwegs sein kann, während 95 Prozent aller Briefe innerhalb Deutschlands innerhalb eines Tages ihr Ziel erreichten.
 
Wer ist eigentlich unser Mann in Burundi? Wie wir jetzt von Klaus Grütjen per E-Mail erfahren, lebt der Jurist und Verwaltungswissenschaftler, der sein Abitur am Gymnasium Broich gemacht hat, seit Februar 2013 mit seiner Frau Adji Rose in der burundischen Hauptstadt Bujumbura. Im Auftrag des belgischen Entwicklungshilfedienstes Belgischen Technischen Kooperation (CTB) berät er dort das Agrarwissenschaftliche Institut Burundis bei seiner Verwaltungs- und Organisationsreform.

Das 1962 unabhängig gewordene Burundi war bis zum Ersten Weltkrieg Teil von Deutsch-Ostafrika und wurde im Krieg von belgischen Truppen besetzt. Doch im Ersten Weltkrieg wurde die deutsche Kolonie von belgischen Truppen besetzt. Deshalb stellte der Völkerbund das Land nach der deutschen Kriegsniederlage von 1918 im östlichen Zentralafrika unter belgische Verwaltung. Durch diese gemeinsame Geschichte bestehen bis heute enge Beziehungen zu Belgien und Deutschland.

CTB-Mitarbeiter Grütjen hat durch seine Eltern und andere Verwandte, die in Mülheim leben, immer noch engen Kontakt zu seiner alten Heimatstadt.

Sein Wahlbrief aus Mülheim erreichte ihn auf dem Umweg seines Arbeitgebers in Brüssel mit der belgischen Diplomatenpost. Die Briefwahl in seiner alten Heimatstadt ist Grütjen wichtig, weil sie für ihn „nicht nur ein Ausdruck der weiterhin bestehenden Zugehörigkeit zur deutschen Gemeinschaft, sondern auch des Willens ist, im Rahmen unserer verfassungsmäßigen Ordnung den weiteren Weg Deutschlands mitzubestimmen.“ Morgen gibt es, wie Grütjen, schreibt in Bujumbura in einem Restaurant mit deutschem Fernsehempfang, eine von der deutschen Botschaft organisierte Wahlparty der aus etwa 170 Personen bestehenden kleinen aber dynamischen Gemeinschaft. Dort soll mit Wein von der Mosel auf das Wahlergebnis angestoßen werden.
 
Dieser Text erschien am 19. und 21. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 5. Oktober 2013

Offen sein für die Vielfalt oder: Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen statt Meinungen zu übernehmen: Ein Gespräch zur Interkulturellen Woche

Offen zu sein für Vielfalt. Dafür wirbt zurzeit der Integrationsrat mit einer Interkulturellen Woche. Doch oft hindern uns Vorurteile daran, offen für die Vielfalt einer Gesellschaft zu sein, die schon aufgrund des demografischen Wandels älter und bunter wird. Was könnte uns in diesem Sinne offener für Vielfalt und damit als Gesellschaft erfolgreicher machen? Darüber sprach ich jetzt mit der in Afghanistan geborenen Mathematik- und Biologie-Lehrerin Hosniya Aycicek (32) und der aus einer türkischen Arbeiterfamilie stammenden Fachkollegin Banu Gazioglu (35), die gemeinsam an der Willy-Brandt-Schule in Styrum unterrichten.

Frage: Die Sozialpsychologin Beate Küpper hat zu Beginn der Interkulturellen Woche eine Langzeituntersuchung zur „gruppenbezognen Menschenfeindlichkeit“ vorgestellt, die zeigt, dass es Menschen gibt, die dazu neigen, bestimmte Gruppen (etwa Zuwanderer, Behinderte, Homosexuelle oder Langzeitarbeitslose) abzuwerten, um ihren eigenen Status aufzuwerten, eigene vermeintliche Vorrechte zu verteidigen und sich der Auseinandersetzung mit bestimmten Probleme zu entziehen. Wie kommt es zu solchen Ausgrenzungstendenzen?

Aycicek: Ich glaube das hat immer mit der Angst vor Fremdem zu tun. Ich glaube, da hilft es nur, selbst offen auf andere zuzugehen.

Gazioglu: Es gibt natürlich auf der einen wie auf der anderen Seite immer wieder Menschen, die andere ausgrenzen oder sich selbst ausgrenzen. Aber denen kann man nur dazu raten, offener zu sein. Denn sobald man eigene Erfahrungen mit Menschen aus der Gruppe macht, vor der man vielleicht Angst hat, erledigen und widerlegen sich viele Vorurteile von selbst.

Frage: Hatten Sie selbst schon mal das Gefühl, in Ihrem Alltag auf Ihre Herkunft reduziert zu werden?

Aycicek: Ich habe das noch nie erlebt. Ich hatte hier noch nie das Gefühl, Ausländerin zu sein. Das hängt sich auch davon ab, wie man selbst auf Menschen zugeht. Aber ich hatte das Glück, auf Menschen zu treffen, die mir nie das Gefühl gegeben haben: Du bist anders.

Gazioglu: Dem kann ich mich anschließen. Ich bekomme im Gegenteil sogar Hochachtung von deutschen und türkischen Bekannten zu spüren, die es toll finden, dass ich als Mutter und Lehrerin Familie und Beruf unter einen Hut bekomme.

Frage: Sind Sie mit Ihrer Berufsbiografie auch Vorbild für Ihre Schüler?

Aycicek: Ich glaube schon, dass wir gerade für unsere Schüler mit Migrationshintergrund ein Vorbild dafür sein können, dass einem keine Schranken gesetzt werden, nur, weil man aus einem anderen Land kommt und das man sich in jedem Beruf etablieren kann, wenn man bereit ist, dafür etwas zu leisten.

Gazioglu: Die Schüler nehmen uns erst mal nur als Lehrer wahr, die sie untterrichten und ihnen sagen: Ihr müsst selbst was tun. Wenn ihr euch hinsetzt und gute Noten bekommt, könnt ihr auch weitermachen. Erst später kommt dann schon mal die Erkenntnis: Sie stammen auch aus einer türkischen Familie? Das ist ja gut. Vielleicht kann ich es dann später auch mal so weit bringen.

Frage: Erleben Sie als Pädagoginnen im Unterricht schon mal Ausgrenzungstendenzen?

Aycicek: Ich glaube, das ist normal, dass sich immer mal wieder Gruppen bilden, die sich bewusst voneinander abgrenzen und sich nicht so gut verstehen. Da muss man als Lehrerin dann auch drauf eingehen und zum Beispiel in einem Stuhlkreis mit der ganzen Klasse darüber sprechen, dass es normal ist, wenn man jemanden nicht mag. Das es aber darauf ankommt, mit dem anderen im Gespräch zu bleiben und ihm zumindest Respekt entgegenzubringen.

Gazioglu: Diesen Respekt müssen Schüler nicht nur im Elternhaus, sondern auch vonseiten der Lehrer erfahren, wenn sie erleben, dass man sie respektiert und ihre Bedürfnisse wahrnimmt, auch wenn man sie nicht immer und in jedem Fall in den Vordergrund stellen kann.

Frage: Ab wann werden Zuwanderern zu Mitbürgern, über deren Integration wir nicht mehr diskutieren brauchen?

Aycicek: Das kann man nicht allgemein beantworten. Jeder Zuwanderer hat seine eigene Geschichte. Ich hatte das Glück, schon mit neun Jahren nach Deutschland zu kommen und die Sprache nach einem Jahr recht gut zu beherrschen. Aber es gibt auch Fälle, wo das nach 20 oder 30 Jahren noch nicht der Fall ist. Das hängt immer auch vom jeweiligen Bildungsstand und von der individuellen Bereitschaft ab, etwas neues dazuzulernen.

Gazioglu: Das hängt von der jeweiligen Lebensgeschichte ab und welche Ziele jemand hat Mein Mann hat zum Beispiel erst in der Türkei und dann in Deutschland Maschinenbau studiert. Anschließend hat er sich noch entschieden, ein Referendariat zu machen und als Lehrer zu arbeiten.

Frage: Was beugt in Ihren Augen Vorurteilen am besten vor?

Gazioglu: Man sollte sich immer die jeweilige Person anschauen und immer daran denken, dass niemand eine 0815-Schablone, sondern immer eine Persönlichkeit mit eigener Geschichte ist.

Aycicek: Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen und nicht einfach Meinungen übernehmen, die zum Beispiel in den Medien transportiert werden und uns beeinflussen. Aber das kostet Zeit und Energie

Frage: Reden wir am Ende zu viel über die Integration bestimmter Gruppen und behindern sie damit eher als sie zu befördern?

Aycicek: Man muss natürlich über bestimmte Probleme sprechen Aber man darf über bestimmte Dinge auch nicht zu viel reden, weil man sie dann manchmal auch schlimmer als besser macht, in dem Sinne dass man Themen so lange ausschlachtet, bis nichts mehr da ist.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft unserer bunter werdenden Stadtgesellschaft?

Gazioglu: Das Reden und Zuhören wird in der multikulturellen Gesellschaft das A und O sein. Dazu kann auch eine Interkultutrelle Woche beitragen.

Aycicek: Es wird darauf ankommen, dass wir uns mehr füreinander öffnen und uns nicht verschließen. Denn jede positive oder negative Aktion wird wieder eine entsprechende Reaktion hervorrufen. Wir müssen lernen, im anderen jeweils den Menschen zu sehen, dem wir das zugestehen, was wir uns für uns selbst wünschen.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Der Euro bleibt: Chefsvolkswirt der Deka-Bank macht Anlegern bei einer Informationsveranstaltung der Sparkasse Mut:

Wie geht es mit dem Euro weiter und wie sicher ist unser Geld? Das wollten am Montag 190 Sparkassenkunden in der Hauptgeschäftsstelle am Berliner Platz vom Chefvolkswirt der zur Sparkassengruppe gehörenden Deka-Bank erfahren. Holger Bahr beantwortete die wichtigste Frage des Abends gleich zum Auftakt seines faktenreichen und kurzweiligen Vortrages: "Wenn Sie mich fragen, ob es den Euro in zehn Jahren noch geben wird, dann sage ich Ja", lautete seine vorweggenommene Quintessenz.
Seit einem Jahr steht für Bahr fest, dass die Regierungen der 17 Euro-Staaten, die Europäische Zentralbank, aber auch der Internationale Währungsfond langfristig mit dem Euro rechnen und der Aufspaltung in einen Nord- und einen Süd-Euro eine Absage erteilt haben. Die Euro-Zone sieht der Volkswirt jetzt auf Konsolidierungskurs. "Das wird ein langer Weg und das wird nicht immer schön, aber das ist alternativlos", betont der Deka-Banker.
Bahr glaubt, dass die finanzielle Solidarität, die Deutschland und andere wirtschaftlich stabile Nord-Länder mit den wirtschaftlich schwachen Südländern üben in ihrem eigenen Interesse ist, da ein starkes wirtschaftliches Nord-Süd-Gefälle in der Währungsunion auf Dauer nicht tragbar wäre. Im Gegenzug müssten die Südländer aber die Anpassungsleistung bewältigen, die Deutschland bereits mit der Agenda 2010 erbracht habe, um ihre Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Erste positive Anzeichen dafür sieht er, trotz hoher Arbeitslosigkeit, in Spanien. "Hier hat man die Lohnstückkosten gesenkt", so Bahr, "und inzwischen wachsen die Exporte wieder langsam an."
Das Geld der Sparer und Anleger sieht der Deka-Volkswirt derzeit nicht von der Inflation, die aktuell bei 1,7 Prozent liege, bedroht. Das eigentliche Risiko sieht er darin, dass Sparer und Anleger in der auch mittelfristig anhaltenden Niedrigzinsphase mit ihren sicheren, aber gering verzinsten Bundesanleihen, Sparbüchern oder Tagegeldkonten, die "durchschnittliche Inflationsrate von zwei Prozent nicht schlagen können" und deshalb einen schleichenden Vermögensverlust erleiden. Deshalb rät er ihnen, abhängig von ihrer persönlichen Risikobereitschaft, auch auf Aktien und auf Anleihen wirtschaftlich aufstrebender Schwellenländer (wie Indien, China oder Brasilien) zu setzen, die derzeit drei Viertel des weltwirtschaftlichen Wachstums trügen.
Die Länder der Euro-Zone, denen Bahr, derzeit nur ein Wirtschaftswachstum von maximal 1,5 Prozent zutraut, werden nach seiner Ansicht auf Dauer nur wettbewerbsfähig bleiben, "wenn wir auf technischen Fortschritt setzen und uns die Wachstumsphantasie für Produkte bewahren, die wir jetzt noch nicht kennen, die uns aber in Zukunft begeistern und wirtschaftlich voranbringen können."
Dieser Text erschien im September 2013 in der Mitarbeiterzeitschrift der Mülheimer Sparkasse

Dienstag, 1. Oktober 2013

Wählen gehen! Aber warum tun das eigentlich nicht alle? Eine Spurensuche.

Am 22. September haben 126.000 Mülheimer die Wahl. Doch nicht alle nutzen sie. Bei der Bundestagswahl 2009 erreichte die Partei der Nichtwähler vor Ort 26,4 Prozent der Stimmen und erstarkte damit im Vergleich zur Bundestagswahl 2005 um satte 7 Prozent. Warum eigentlich? Eine Frage, die nicht nur Politiker, sondern alle umtreiben muss, denen unsere Demokratie lieb ist. Auch morgen wird uns die Wahlbeteiligung anzeigen, wie stabil die Akzeptanz der demokratisch gewählten Politiker ist.

Ulrich Schreyer, der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, das in bester christlicher Tradition Arbeitslosen Arbeit und Hungrigen mit seiner Tafel etwas zu essen gibt, ist ein politischer Mensch. Aber der 54-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass er viel Verständnis für Nichtwähler hat, „weil in diesem Bundestagswahlkampf keine Partei Antwort auf die Frage gegeben hat, was eigentlich mit den rund drei Millionen Langzeitarbeitslosen geschehen soll, die auch bei guter Konjunktur aus dem Arbeitsleben und damit auch aus dem sozialen Leben ausgeschlossen werden.“ Dieses Defizit im vermeintlich reichen Wirtschaftswunderland Deutschland hält Schreyer schlicht für „demokratiegefährdend“ und scheut sich in diesem Zusammenhang auch nicht auf die deutschen Erfahrungen der frühen 30er Jahre hinzuweisen, als die sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise die Demokratie aus den Angeln hoben. Die Folgen sind bekannt.

Doch wer sind die Nichtwähler? Obwohl es viele gibt, haben nur wenige den Mut, sich dazu zu bekennen, so wie Jan Smolny (33) und René Wolter (26), die zurzeit beim Diakoniewerk arbeiten und hier unter anderem dafür sorgen, dass Wohnungen, deren Bewohner gestorben sind, aufgelöst und entrümpelt werden.

Das Gespräch mit ihnen zeigt, dass die Nichtwähler keine homogene Gruppe sind. Während der gelernte Fachinformatiker Smolny durchaus politisches Interesse zeigt und am Sonntag sogar ins Wahllokal geht, um seinen Stimmzettel ungültig zu machen, weil er sich von keiner Partei vertreten fühlt, macht Wolter, der nach seinem Hauptschulabschluss als Verkäufer gearbeitet hat, keinen Hehl daraus, dass er sich „noch nie für Politik interessiert hat und froh war, wenn ich in der Schule meine 4 in Politik bekommen habe.“ Morgen will der bekennende Fußballfan „ausschlafen und die anderen wählen lassen.“ Er selbst wählte zuletzt bei der Bundestagswahl 2005. „Ich habe damals SPD gewählt, weil das meine Mutter auch tat“, erinnert er sich an seine erste und bisher letzte Wahl.

Smolny hat zuletzt bei der Bundestagswahl 1998 seine Stimme abgegeben, weil ihm damals SPD und Grüne als Garanten für eine sozial gerechte Politik erschienen. Doch mit der Agenda 2010 begann für ihn die politische Entfremdung und das Gefühl, dass hier ein System etabliert wurde, das arbeitssuchenden Menschen nicht hilft, sondern eher Angst, Ausgrenzung und Repressalien befördert hat. „Was wir heute erleben, ist doch keine Politik, sondern nur Politikdarstellung.“ Im Diakoniewerk erlebt er das, was er in der sozialen und politischen Wirklichkeit vermisst, nämlich, „dass wir hier als Menschen gesehen werden und nicht unter dem kapitalistischen Druck der Gewinnoptimierung zusammenarbeiten müssen.“

Wolter ärgert sich darüber, „dass Politiker, die zum Teil mit 20?000 Euro po Monat nach Hause gehen, auf uns herabschauen, obwohl wir hier auch hart arbeiten.“ Er wünscht sich Politiker, die nach der Wahl halten, was sie vorher versprochen haben und für konkrete Verbesserungen sorgen.“

Smolny hat den Eindruck, dass die meisten Politiker nur sich selbst im Blick haben und mit Worthülsen an der sozialen Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeireden, „die eigentlich nur in Ruhe leben und geliebt werden wollen.“

Als einzige Ausnahme, die ihn morgen vielleicht doch noch vom Nichtwähler zum Wähler werden lassen könnte, sieht er Gregor Gysi von den Linken., „weil er authentisch wirkt uind als einziger auch auf Widersprüche in der Sozial- und Wirtschaftspolitik hinweist.“

Dieser Text erschien am 21. September 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung