Mittwoch, 25. Dezember 2013

Eine frohe Botschaft von der Basis: Was dürfen wir heute noch glauben und hoffen? Warum der Seelsorger Michael Clemens die Zukunft seiner Kirche überhaupt nicht pessimistisch sieht und seinen Mitchristen an der Ruhr deshalb Mut machen will

Die Kirche ändert sich und das nicht unbedingt zum Schlechteren. Das meint zumindest Pastor Michael Clemens. Der 64-Jährige Theologe, der 1981 zum Priester geweiht wurde, leitet als Seelsorger mit St. Engelbert in Mülheim-Eppinghofen seit 20 Jahren eine im besten Sinne multikulturelle Gemeinde, in der 5600 Menschen aus fast 100 Nationen zu Hause sind. Er blickt trotz Säkularisierung und Kirchenaustritten keineswegs pessimistisch in die Zukunft der Kirche an der Ruhr. Denn er glaubt an die erneuernde Kraft der Gemeindebasis und sagt deshalb selbstbewusst: Wir haben keinen Grund uns als Christen bange zu machen und ängstlich zu sein

??? Viele Menschen empfinden die Advents- und Weihnachtszeit als stressig, obwohl sie doch besinnlich sein sollte. Können Sie das nachvollziehen?

!!! Ja, natürlich. Wir haben jede Woche spezielle Adventsgottesdienste und treffen uns donnerstags zur Komplet. Auch die Sonntagsgottesdienste müssen auf den Advent abgestimmt werden. Und jede Gruppe in der Gemeinde hat ihre eigene Adventsfeier und erwartet die Präsens und eine anspruchsvolle Meditation des Pastors. Und die Weihnachtsgottesdienste mit Chor und allem drum und dran bringen natürlich auch viel Arbeit mit sich.

??? Wie lassen Sie dennoch in Ihren Adventsalltag so etwas wie Ruhe und Besinnung einkehren?

!!! Ich versuche abends eine Zeit zu finden, in der ich die Kerzen meines Adventskranzes anzünde und mir eine schöne Musik auflege. Das sind Rückzugsräume, die man einfach braucht.

??? In der Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel schaut man zurück und nach vorne. Wie sehen Sie die Zukunft der Christen und ihrer Kirche an der Ruhr, in einer Zeit, in der ihr der Wind ins Gesicht blässt und viele Menschen ihr den Rücken zukehren?

!!! Das ist natürlich eine ganz leidvolle Erfahrung. Und wir können auch klar benenne, welchen Menschen, Kräften und Entwicklungen wir das zu verdanken haben. Gerade die Limburger Ereignisse haben fürchterlich ins Kontor geschlagen. Das können wir an allen Kollekten ablesen, auch wenn das tolle Auftreten unseres Papstes für viele Menschen das Ruder wieder herumgerissen hat. Ich weiß aus vielen Gesprächen, dass die Glaubwürdigkeit der Kirche zurzeit ein ganz brisantes Thema ist. Deshalb ist es entscheidend, dass Menschen vor Ort in den Gemeinden Menschen finden, die ihnen Kirche und Glauben glaubwürdig vermitteln. Denn wenn sie sich dort unbehaust fühlen, dann gehen sie und kommen vielleicht nicht wieder zurück.

??? Papst Franziskus fordert eine Kirche, die sich im Geiste des Evangeliums erneuert und aus sich herausgeht, um vor allem auf die Menschen zuzugehen, denen es nicht gut geht und die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Sind das Impulse, die vor Ort ankommen?

!!! Auf jeden Fall. Man merkt schon an der Presseberichterstattung, dass die Leute wieder stärker daran interessiert sind, was sich mit der Kirche vor Ort ereignet und wie die Entwicklung weitergeht. Für mich gibt es kein Bangemachen. Die Kirche ist heute auch noch gefragt, wenn auch in ganz anderer Weise als früher. Der Papst bringt da frischen Wind rein und zeigt uns die Wurzeln auf, zu denen wir uns zurück bewegen müssen. Da brauchen wir gar nicht weit zu gehen. Denn wir haben in Essen einen Bischof, der seit eineinhalb Jahren voll und ganz in seinem Bistum angekommen ist. Er hat sich im Dialogprozess als ein glaubwürdiger Mensch erwiesen, der auf die Menschen zugeht und ihnen zuhört und damit nicht mehr der Vertreter einer Kirche ist, die den Leuten nur sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.

??? Gibt es heute in den Gemeinden überhaupt noch eine Glaubensbasis, von der eine Erneuerung der Kirche ausgehen könnte?

!!! Ich glaube, dass wir noch eine gute Basis haben, wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen hier Tag für Tag und Woche für Woche ehrenamtlich in der Gemeinde aktiv sind. Schauen Sie sich allein die Chöre an, die jede Woche proben und nicht nur an Weihnachten sehr anspruchsvoll das Lob Gottes singen. Das ist ehrenamtliche Schwerstarbeit. Auch die Verjüngung, die wir jetzt im Gemeinderat erlebt haben, stärkt in mir das Vertrauen darauf, dass nicht nur diese Gemeinde die Kraft hat, die Kirche von unten her zu erneuern.

??? Was muss Kirche leisten, um Zukunft zu haben?

!!! In erster Linie zuhören und hinschauen. Wir müssen bei den Menschen sein. Wir haben in der Vergangenheit viel zu sehr davon gelebt, dass wir uns selbst gefeiert und reproduziert haben. Das muss ein Ende finden. Natürlich bauen die erhebenden liturgischen Feiern Menschen auf. Entscheidend ist aber, ob wir an den Lebenswenden bei den Menschen sind. Hier zeigt sich, ob wir unsere sakramentalen Handlungen nur abspulen oder ob wir wirklich bei den Menschen sind, um ihre großen Ereignisse vorzubereiten und auf sie einzugehen.

??? Gerade an Lebenswenden muss sich Glauben bewähren. Oft wird Glauben aber auch gerade dann erschüttert. Warum können Sie persönlich glauben und Menschen in schwierigen Lebenssituationen den Glauben vermitteln?

!!! Ich glaube, weil ich es in meiner Familie gelernt habe, zu glauben und weil ich an meinen Großeltern und Eltern ablesen konnte, dass man ein Leben auf Gottvertrauen aufbauen kann. Das habe ich mitgenommen und das versuche ich weiterzugeben. Das ist das, was mich geprägt hat und was mich trägt. Und was ich in den letzten Jahren verstärkt gelernt habe, ist, dass Glauben eben nicht das Reproduzieren von Glaubenssätzen, Formeln und Dogmen ist. Glauben bedeutet vielmehr, dass man in seinem Innersten spürt: Wer war dieser Jesus Christus für unsere Zeit.

??? Wie kann man diesen Jesus von Nazareth denn ins Heute transportieren und vor allem für eine junge Generation erlebbar und begreifbar machen, die nicht mehr selbstverständlich mit christlichen Glaubensinhalten aufwächst?

!!! Das geht nur mit Menschen, die selbst glaubwürdig und von diesem Jeus Christus ergriffen sind. Das spüre ich immer wieder in Gottesdiensten, Gesprächen und bei persönlichen Kontakten. Wir werden da als Gemeinden eine ganze Menge tun und auf Menschen zugehen müssen. Aber das zwischenmenschliche Glaubenszeugnis ist und bleibt eben das Entscheidende.

??? Das Weihnachtsfest wird heute sehr stark kommerzialisiert. Wie kann man Menschen die Frohe Botschaft von Weihnachten näher bringen, die sich dem Glauben vielleicht entfremdet haben?

!!! Wir machen da ein sehr niederschwelliges Angebot. Wir haben eine zweigeteilte Familienchristmette. Die hat zunächst mal ein Krippenspiel mit vielen musikalischen Elementen zum Inhalt. Die ist in den letzten Jahren immer brechend voll. Die Menschen hören und sehen in einer halben Stunde die Weihnachtsgeschichte. Sie haben gebetet und fromme Lieder gesungen. Und wenn man sie dann mit einem Segen gehen lässt und ihnen das Gefühl gibt, dass das jetzt gut und für sie Weihnachten ist, dann kann das ein Anfang sein, dass wir Menschen, die der Kirche fern stehen, nah heranholen. Und die Menschen, die dann noch eine Eucharistiefeier haben wollen, bekommen diese natürlich auch.

??? Warum haben heute viele Menschen die Beziehung zu ihrem Glauben verloren und tun sich schwer aus dem Glauben heraus zu leben?

!!! Da müssen wir als Kirche und als Priester selbstkritisch und demütig sein. Ich glaube, dass hängt auch davon ab, ob wir als Religionsdiener von diesem Jesus Christus wirklich ergriffen sind und das dann auch in unserem Lebnsstil zum Ausdruck bringen. Der Papst kritisiert ja nicht ganz zu unrecht, dass viele Priester und Bischöfe einen Lebensstil pflegen, der eher großbürgerlich ist und deshalb keine Brücke zu den einfachen Leuten baut. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man als Priester in einem guten Sinne volkstümlich bleibt.

??? Viele Menschen sehen eher pessimistisch in die Zukunft der Christen an der Ruhr. Was lässt Sie selbst für die Zukunft der Christen im Ruhrgebiet hoffen?

!!! Es gibt Momente, in denen man als Priester froh ist, dass man mal Theologie und Kirchengeschichte studiert hat. Denn aus dem Studium der Kirchengeschichte weiß ich, dass die Kirche Phasen, wie wir sie jetzt erleben, schon öfter durchlitten hat. Deshalb macht mich das gar nicht ängstlich. Ich glaube an die Kraft der Frohen Botschaft. Und jeder Mensch, der froh und gestärkt aus dem Gottesdienst nach Hause geht, ist für meine Brüder im Priesteramt und für mich selbst Balsam auf die Seele.

??? Gibt es auch für Sie als einen gestandenen Gottesmann Phasen des Zweifels?

!!! Natürlich habe auch ich solche Phasen durchlitten, vor allem dann, wenn ich mich von meiner Kirche ungerecht behandelt fühlte. Aber in diesen schwierigen Zeiten hat mich der Zuspruch, den ich aus der Gemeinde erfahren habe und das Studium der Heiligen Schrift immer wieder aufgebaut und mir nicht nur in Gottesdiensten und Gesprächen mit Gemeindemitgliedern das Gefühl gegeben; Es ist gut, dass wir zusammen Christen sind.

??? Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche in einer zunehmend mulitkulturellen Region?

!!! Ich halte nichts von einem Multikulti-Gedöns, bei dem sich alle vermischen und wir uns gegenseitig andienen. Ich glaube, dass wir als Christen ganz klar unser Profil leben müssen, um einen Dialog mit anderen Kulturen und Religionen führen und bestehen zu können. Deshalb freue ich mich auch über christliche Zuwanderer, zum Beispiel aus afrikanischen Ländern, die ihren Glauben ganz anders leben und von denen wir eine Menge lernen können. Wenn ich unsere aus Afrika stammenden Gemeindemitglieder erlebe, sehe ich Menschen, die uns mit ihrer Glaubens- und Lebensfreude bereichern können. Da schaut niemand in der Heiligen Messe nach einer Stunde auf die Uhr, weil er meint: Jetzt müsse der Pastor aber mal zum Ende kommen, weil man für den lieben Gott keine Zeit mehr habe.

Dieses Interview erschien am 21. Dezember 2013 in der katholischen Wochenzeitung Ruhrwort

Freitag, 20. Dezember 2013

Ein handfestes Geschenk: Warum Bücher auch im digitalen Zeitalter gefragt bleiben

Was schenken Sie Ihren Lieben zu Weihnachten? Ein Buch? Wenn ja, dann liegen Sie voll im Trend. Denn das gute alte Buch in seiner klassisch gedruckten Form, ist immer noch ein Bestseller, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht. Das bestätigen örtliche Buchhändler.

„Das ist schon enorm, was in diesen Tagen an Bücherstapeln über den Tisch geht“, sagt Michael Fehst  von Buchhandlung am Löhberg. Seine Kollegin Gabriele Laucke von der Buchhandlung Röder an der Leineweberstraße schätzt, dass die Zahl der verkauften Bücher vor Weihnachten um bis zu 50 Prozent ansteigt. Und ihre Kollegin Birgitta Lange von der Saarner Buchhandlung Hiberath und Lange formuliert es so: „Obwohl der November und Dezember nur ein Sechstel des Jahres bildet, machen wir in diesen Monaten ein Viertel unseres Jahresumsatzes. Wo sonst vielleicht nur 100 Kunden am Tag kommen, sind es kurz vor Weihnachten auch schon mal 500 oder 600.“
Was fasziniert Menschen im digitalen Zeitalters am gedruckten Buch? „Es ist einfach schön anzusehen und man hat was in der Hand, das man mental auffressen und trotzdem weiter nutzen kann“,erklärt Fehst  warum der Trend zum Buch anhält. Und seine Kollegin Lange stellt fest: „Weil die Leute heute den ganzen Tag mit bewegten Bildern zu tun haben, ob im Fernsehen, an ihrem Computer oder auf ihrem Handy, sind sie froh, wenn sie mal ein gedrucktes Ding mit etwas Bleiwüste in die Hand nehmen können.“
Auch wenn mediale Buchbesprechungen und verlagsgesteuerte Werbekampagnen, „die einem“ (so Lange) „das Gefühl vermitteln, dass man ein bestimmtes Buch gelesen haben muss, wenn man noch zur menschlichen Gesellschaft gehören will“, den Buchverkauf ankurbeln, bestätigen die Buchhändler, dass sich viele Titel auch im medialen Windschatten durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder als Geheimtipp der Buchhändler zu Bestseller machen lassen. „Die Leute gehen nicht nur die Bestsellerlisten rauf und runter. Sie schauen sich Bücher an und machen sich Gedanken, welches Buch am besten zu dem Menschen passen könnte, den sie beschenken wollen,“ betont Petra Büse-Leringer von den Broicher Bücherträumen an der Prinzeß-Luise-Straße.

Was überrascht, wenn man sich mit örtlichen Buchhändlern über ihre aktuellen Bestseller unterhält, ist deren Bandbreite. Da sind etwa die Kurzgeschichten der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, wie „Zuviel Glück“ oder „Liebes Leben“ und der neueste Roman des skandinavischen Bestsellerautors Jonas Jonasson „Die Analphabetin, die rechnen konnte.“ Jonasson profitiert noch vom Vorruhm seines Romans „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand.“ Bei den Kunden kommt derzeit aber auch ein großformatiger Band mit bisher unveröffentlichten Karikaturen Loriots (Loriots Spätlese) gut an und ein ebenso großformatiges Fotobuch, das unter dem Titel „Maloche und Minirock“ in das Ruhrgebiet der 60er Jahre zurückschaut. Sachbücher, wie Rüdiger Safranskis Goethe-Biografie „Kunstwerk des Lebens“ oder das von Christopher Clark geschriebene Geschichtsbuch „Die Schlafwandler“ finden ebenso viele Leser. Clark beleuchtet die Politik der europäischen Großmächte, die 1914 in den Ersten Weltkrieg führte. „Dieses Buch schildert geschichtliche Zusammenhänge spannend und jenseits üblicher Betrachtungsweisen, wenn es zeigt, wie sich die europäischen Regierungen 1914 von allen Seiten hochschaukeln ließen und am Ende in den Krieg zogen“, lobt Fehst . Dass sich Bücher nicht nur gut verkaufen, wenn sie bilden und unterhalten, sondern auch, wenn sie Lebenshilfe geben, erlebt Fehsts Kollegin Laucke mit Christine Westermanns Buch „Da geht noch was“, in dem sich die Journalistin autobiografisch mit dem Älterwerden auseinandersetzt.
„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ sagt Michael Fehst  über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann



„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ sagt Michael Fehst über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.
Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann


Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“


Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann


Was Buchhändler empfehlen

Jenseits aller Verkaufszahlen haben die befragten Buchhändler auch ihren eigenen Geheimtipp, den sie gerne zum Besteller machen würden.

„Sie ist eine fulminante Schreiberin, die sehr gefühlvolle Beziehungsromane schreibt, in denen es unter anderem um Frauen geht, die sich trotz aller Zwänge von gesellschaftlichen Rollenerwartungen emanzipieren und dabei auch schon mal in Widersprüche verstricken,“ ssagt Michael Fehst über die aus der Ukraine stammende und 1942 ins brasilianische Exil geflohene Autorin Clarice Lispector und ihre Romane „Der Lüster“ und „Nahe dem wilden Herzen.“

Seine Kollegin Gabriele Laucke empfiehlt den um 1800 spielenden Roman „Das Wesen der Dinge und der Liebe“, in dem die US-Autorin Elisabeth Gilbert die Entwicklungsgeschichte einer forschenden und weltreisenden Amerikanerin erzählt, die sich dank ihrer finanziellen Unabhängigkeit die zweckfreie Liebe leisten kann, ohne ans Heiraten denken zu müssen. „Das ist ein spannendes und sprachlich schönes Leseerlebnis, bei dem man gerne dranbleibt“, verspricht Laucke.

Ihre Kollegin Birgitta Lange rät zur Lektüre des von Maria Goodin geschriebenen Romans „Valerie kocht“, der vor dem Hintergrund einer Mutter-Tochter-Beziehung im Spannungsfeld von Fakten und Phantasie „mal traurig, mal witzig, aber immer sehr bewegend und tröstlich mit spannenden Figuren und Mut machend zeigt, dass man Dinge nicht immer so machen muss, wie man sie immer schon gemacht hat, und dass man bereit sein muss, Risiken einzugehen.“

Ihre Broicher Kollegin Petra Büse-Leringer hat sich dagegen in Todt McLellans Fotoband „Ganz schön zerlegt“ verguckt. Der Fotograf hat 80 Alltagsgegenstände vom Notebook bis zum Wählscheibentelefon in ihre Einzelteile zerlegt. Seine Fotos sind in Büse-Leringers Augen ein anschauliches Plädoyer gegen die Wegwerfkultur und für die Kunst des Reparierens, das nicht nur technisch Interessierte begeistern, sondern auch Generationen miteinander ins Gespräch bringen kann




Dieser Text erschien am 13. Dezember 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 19. Dezember 2013

Rückblick: Er war Amerikas unerfüllte Hoffung: Vor 50 Jahren wurde mit John F. Kennedy der erste katholische Präsident der USA ermordet

Er ist der erste und bisher einzige Katholik, der zum Präsidenten der USA gewählt worden ist. "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird," sagt er vor seiner Wahl im Jahr 1960 bei einer Pastorenkonferenz im texanischen Houston. Drei Jahre später endet seine Präsidentschaft nach nur 1036 Tagen am 22. November 1963 mit den Schüssen des mutmaßlichen Attentäters Lee Harvey Oswald im texanischen Dallas.

Ob der 1939 in New Orleans geborene Marxist und Castro-Unterstützer Oswald, der zwischenzeitlich in der Sowjetunion gelebt hat, ein Einzeltäter war, wie es die von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson eingesetzte Untersuchungskommission in ihrem 1964 veröffentlichten Bericht festgestellt hat, ist bis heute umstritten. Auch spätere Untersuchungen des Staatsanwaltes Jim Garrison, der 1967 mit einer Anklage gegen den Geschäftsmann Clay Shaw versucht, eine rechtsradikale und vom CIA unterstützte Verschwörung aufzudecken und Untersuchungen des US-Kongresses bringen keine letzte Gewissheit.

Kennedys Vizepräsident und Nachfolger Johnson geht damals selbst von einem Mordkomplott aus. Zu einem Berater sagt er: „Kennedy hat versucht Castro zu erwischen, aber Castro hat ihn vorher erwischt.“ Tatsächlich gab es unter der Kennedy-Administration Versuche, den kommunistischen Führer Kubas durch ein Attentat aus dem Weg zu räumen. Nach der im April 1961 gescheiterten US-Invasion in der Schweinebucht und der Kuba-Krise, die Castro und sein sowjetischer Schirmherr Nikita Chruschtschow im Herbst 1962 durch die Stationierung sowjetischer Raketen ausgelöst hatten, war Castro in den Augen der Kennedys einer der gefährlichsten Gegner, die Amerikas Sicherheit im Kalten Krieg bedrohten.

Auch die Mafia und der KGB wurden nach dem Präsidentenmord in Dallas als Urheber verdächtigt. Doch Johnson wollte keine politischen Komlikationen und drängte auf ein Ergebnis, das die Einzeltäterthese bestätigte. Dem Vorsitzenden der von ihm eingesetzten Untersuchungskommission, Earl Warren, sagt Präsident Johnson damals: „Es gibt diese wilden Leute, die behaupten, Chruschtschow hat Kennedy getötet. Castro hat Kennedy getötet. Alle möglichen Leute haben Kennedy getötet. Diese Gerüchte könnten einen Weltkrieg auslösen. Sie sollen zum Verstummen gebracht werden.“ Radio Moskau vergleicht das Kennedy-Attentat zwei Tage nach dem Präsidentenmord mit dem Reichstagsbrand vom Februar 1933 und spricht nibulös von einer kriminellen Verschwörung von finsteren Kräften der Reaktion, die daran interessiert seien, die begonnene Entspannungspolitik zu torpedieren.

Bittere Ironie der Geschichte: Earl Warren, der jetzt mit seinen Kommissionskollegen, zu denen auch der spätere US-Präsident Gerald Ford gehörte, ist der Bundesrichter, der John F. Kennedy am 20. Januar 1961 als 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt hatte.

Was die Arbeit der von ihm geleiteten Kommission erschwert, ist die Tatsache, dass der Attentäter Oswald nur zwei Tage nach den Schüssen auf Kennedy selbst von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen wird. Seine Tat begründete Ruby mit dem Wunsch, der Präsidenten-Witwe Jacqueline Kennedy die Tortour einer Aussage in einem Prozess gegen den Attentäter Oswald ersparen zu wollen. Er selbst wird für seine Mordtat zum Tode verurteilt, stirbt aber 1967 in der Haft an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung.

Jacqueline Kennedy, die der  Präsidentschaft ihres Mannes mit zahlreichen hochkarätigen Veranstaltungen im Weißen Haus kulturellen Glanz verliehen hat und bis zu ihrer Heirat mit dem griechischen Reeder und Milliardär Aristoteles Onasis im Jahr 1968 von ihren Landsleuten als „Amerikas ungehkrönte Königin“ verehrt wird, sagt vor der Warren-Kommission: „Bei der Fahrt im offenen Wagen, wissen Sie, da winkte er meistens nach rechts und ich nach links. Also ich sah nach links und hörte diese schrecklichen Geräusche, Sie wissen schon.“

Als Jacqueline Kennedy bei der Fahrt durch Dallas am 22. November „diese schrecklichen Geräusche“ hört, ist es etwa 12.30 Uhr Ortszeit. Kurz zuvor hat die Frau des texanischen Gouverneurs, John Comally, Nellie, die mit ihrem Mann vor dem Präsidentenpaar im offenen Wagen sitzt, dem Präsidenten angesichts der jubelnden Menschen am Straßenrand gesagt: „Sie können nicht sagen, dass man Sie in Dallas nicht liebt.“ Und er hatte ihr geantwortet: „In der Tat. Das kann man nicht sagen.“ Danach fallen die tödlichen Schüsse, die John F. Kennedy in den Hals und in den Kopf treffen. Die bisher erfolgreiche Vorwahlkampfreise durch das politisch umkämpfte Texas, wird zum Horrorszenario. „Jack! Sie haben meinen Mann getötet. Ich habe sein Gehirn in meinen Händen“, schreit Jacqueline Kennedy und versucht über den Kofferraum aus der Präsidentlimousine herauszukommen, ehe Sie ein Sicherheitsbeamter des Secret Service in den Wagen zurückdrängt und sie mit seinem eigenen Körper abschirmt.

Die Präsidenten-Kolonne rast ins nahegelegene Parkland Memorial Hospital. Doch die Ärzte können John F. Kennedy nicht mehr retten. Eine halbe Stunde später wird er für tot erklärt. Die amerikanischen Streitkräfte werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Eineinhalb Stunden später legt Lyndon B. Johnson an Bord der Präsidentenmaschine Air Force 1, mit der der Sarg des ermordeten Präsidenten nach Washington überführt wird, seinen Amtseid als 36. Präsident der USA ab. Jacqueline Kennedy steht in ihrem blutverschmierten Kostüm neben ihm.

Eine halbe Stunde zuvor ist der von Augenzeugen als Attentäter identifizierte Oswald, der auf seiner Flucht einen Polizisten erschossen hat, in einem Kino verhaftet und in das Polizeigefängnis von Dallas gebracht worden. Doch die Filmaufnahmen, die der Amateurkameramann Abraham Zapruder vom Attentat auf John F. Kennedy gemacht und später für 150.000 Dollar an das Life-Magazin verkauft hat, hinterlassen den Eindruck, dass der Präsident nicht nur von hinten in den Hals, sondern auch von vorne in den Kopf getroffen worden ist, was die Einzeltäterthese in Frage stellen würde. 25.000 der 150.000 Dollar, die Zapruder für seinen Film vom Life-Magazin bekommt, spendete er der Witwe des von Oswald erschossenen Polizisten J.D. Tippit.

Dieser Text erschien am 21. November 2013 in der katholischen Tageszeitung Die Tagespost

Montag, 16. Dezember 2013

John F. Kennedy als Parlametarier auf dem Capitol Hill: Ein Beitrag zum 50. Jahrestag der Ermordung des 35. US-P#sidenten

Als Präsident, dessen 1036 Tage im Weißen Haus, mit seiner Ermordung am 22. November 1963 auf tragische Weise endeten, so ist John F. Kennedy in die Geschichte eingegangen. Der Streit darüber, ob sein mutmaßlicher Mörder Lee Harvey Oswald ein Einzeltäter oder Teil einer Verschwörung war, scheidet bis heute die Geister der Gelehrten und historischen Spekulanten. Seine Amtszeit, die am 20. Januar 1961 auf den Stufen des Capitols mit der ambitionierten Aufforderung begann: „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst“, bildete mit den Krisen in Berlin und Kuba den Höhepunkt des Kalten Krieges und setzte mit dem erst nach Kennedys Tod vom Kongress verabschiedeten Bürgerrechtsgesetz einen Meilenstein der amerikanischen Geschichte.

Doch bevor der damals 43-jährige John F. Kennedy nach einem der knappsten Wahlsiege der amerikanischen Geschichte auf den Stufen des Capitols seinen Amtseid als 35. Präsident der USA ablegte, hatte er bereits 14 Jahre als Parlamentarier hinter sich. Seine politische Karriere begann 1946. Damals bewarb sich der ehemalige Marineoffizier, der zuvor als Journalist für die konservative Herast-Presse über die britischen Unterhauswahlen, von der Potsdamer Konferenz und der Gründung der Vereinten Nationen berichtet hatte, im 11. Wahlbezirk seiner Heimatstadt Boston um einen Sitz im Repräsentantenhaus. Seine Kandidatur für die in Boston politisch tonangebenden Demokraten entsprach zunächst weniger seinem eigenen Antrieb, als den Ambitionen seines millionenschweren und politisch ehrgeizigen Vaters Joeseph P. Kennedy, der einen seiner Söhne ins Weiße Haus bringen wollte.

„Für das Geld, das ich in diesen Wahlkampf investiert habe, hätte ich auch meinen Chauffeur wählen lassen können“, spottete Joe Kennedy nach dem ersten Wahlsieg seines zweitältesten Sohnes, für den er auch eine professionelle Werbeagentur eingeschaltet hatte. Eigentlich hatte der Mann, der als amerikanischer Botschafter in Großbritannien vor dem Krieg selbst Politik gemacht hatte, seinen erstgeborenen Sohn Joseph junior für eine politische Karriere vorgesehen. Doch nach dem dieser als Luftwaffenpilot 1944 bei einem Einsatz über dem Ärmelkanal ums Leben gekommen war, trat sein zwei Jahre jüngerer Bruder John dessen Nachfolge an. Kennedy selbst sagte später: „Joe war der Star der Familie. Er machte alles besser, als wir anderen. Hätte er gelebt, wäre er in die Politik gegangen.“
Dabei war Jack, wie er von seiner Familie genannt wurde, nicht der erste Politiker namens Kennedy. Der Vater seiner Mutter, Rose, John F. Fitzgerald war in Boston zum Bürgermeister gewählt worden und der Vater seines Vaters, Patrick Joseph Kennedy, hatte dem Staatsparlament von Massachusetts angehört. Schon im ersten Wahlkampf, den John F. Kennedy führte spielte seine Familie eine entscheidende Rolle. Seine Eltern und seine damals noch acht Geschwister waren, wie selbstverständlich, Teil des Wahlkampfes. Der junge Kandidat schüttelte nicht nur an Straßenecken und in Arbeiterclubs Hände, sondern ließ auch bei den legendären Tea Partys, zu denen die Familie die Wähler in allen Wohnblocks des Wahlkreises einlud, seinen Charme spielen. In seinem ersten Wahlkampf, den der später liberale Demokrat Kennedy noch als „kämpfender Konservativer“ bestritt, war seine Geschichte als Kriegsheld, der als Kommandant eines amerikanischen Schnellbootes von den Japanern versenkt worden war, aber die meisten Mitglieder seiner Crew retten und später sicher nach Hause bringen konnte, sein wichtigstes politisches Kapital.
In seinem ersten Wahlkampf versprach Kennedy unter dem Slogan: „Die neue Generation bietet einen Führer“ , sich in Washington vor allem für mehr Wohnungen, mehr Industrieförderung, höhere Löhne, eine gesetzliche Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe  und mehr Arbeitsplätze einzusetzen und traf damit den Lebensnerv seiner Wähler, die sich nach dem Krieg eine zivile Existenz aufbauen mussten. Nachdem er im Juni 1946 die Vorwahlen der Demokraten mit einer relativen Mehrheit von 42 Prozent gewonnen hatte, stand seinem Einzug in den Kongress nichts mehr im Weg, da der vor allem von irisch und italienischstämmigen Arbeitern bewohnte Wahlbezirk eine Hochburg der Demokraten war und auch dem demokratischen Politikneuling Kennedy bei den Hauptwahlen im November 1946 eine Zweidrittelmehrheit bescherte.
Als Abgeordneter beschäftigte sich Kennedy in den Ausschüssen für Arbeit und Erziehung denn auch vor allem mit den Fragen, die seine Wähler in Boston interessierten und stützte die in der Tradition Roosevelts New Deal als Fair Deal fortgesetzte Sozial- und Wirtschaftspolitik seines Nachfolgers Harry S. Truman. Ebenso stimmte der Demokrat Kennedy im beginnenden Kalten Krieg für alles, von amerikanischen Militärhilfen bis zum Marschallplan, was dazu beitragen konnte, den kommunistischen und sowjetischen Einfluss in Europa einzudämmen. Innenpolitisch befürwortete Kennedy, der später Amerikas erster katholischer Präsident werden sollte, die staatliche Förderung katholischer Privatschulen. Sozialpolitisch trat er für Arbeitnehmerrechte ein, unterstützte die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn und einem sozialen Wohnungsbau. Er setzte sich für die staatliche Kontrolle von Mieten und Preisen ein, bekämpfte aber auch Korruption und kommunistische Einflüsse in den Gewerkschaften.
Im März 1947 stellte der Abgeordnete Kennedy in einer Rede fest: „Wen wundert es, wenn jeder Veteran, der die grenzenlose Verschwendung des Krieges und die scheinbar grenzenlose Produktivität, die das Verschwendete ersetzte, gesehen hat, es nicht verstehen kann, dass er kein Dach über dem Kopf hat.“

Nachdem er als Kongressabgeordneter 1948 und 1950 zweimal wiedergewählt worden war, kündigte er im April 1952 seine Kandidatur für den US-Senat an. Sein Wahlkampf gegen den republikanischen Senator Henry Cabot Lodge, war vor allem deshalb ein Wagnis, weil das Wahljahr 1952, von einer landesweiten Wechselstimmung geprägt war, weg von den seit 20 Jahren in Washington regierenden Demokraten, hin zu den Republikanern und ihrem populären Präsidentschaftskandidaten General Dwight D. Eisenhower. Die Wahlkampagne, in die die Kennedys rund eine halbe Million Dollar investierten, war die erste, die von seinem Bruder und späteren Justizminister Robert gemanagt wurde. Der Kandidat ließ keine Einladung im Neuenglandstaat aus, besuchte auch noch so kleine Orte und Vereine und präsentierte sich mit seiner Familie bei den bereits bewährten Tea Party. Der republikanische Amtsinhaber Cabot Lodge war so siegessicher, dass er erst einen Monat vor der Wahl in den Wahlkampf gegen Kennedy einstieg, während dieser seine Kampagne bereits 18 Monate vor der Wahl begonnen hatte. So siegte der Außenseiter Kennedy am Ende mit 70.000 Stimmen Vorsprung gegen den favorisierten Amtsinhaber Cabot Lodge. Als Senator setzte sich Kennedy ab 1953 vor allem für Gesetze ein, die die Fischerei, aber auch die für Masachusetts wichtige Textil- und Uhrenindustrie förderten. Und wie als Kongressabgeordneter, so sollte Kennedy auch als Senator die Stärkung der Arbeitnehmerrechte befürworten, aber auch Korruptionsfälle bei den Gewerkschaften bekämpfen. Er unterstützte aber auch den in seinem Heimatstaat umstrittenen Bau des Sankt-Lorenz-Schifffahrtskanals, der die Atlantikküste mit den Großen Seen verband und deshalb viele Hafenarbeiter und Eisenbahngesellschaften um Aufträge un d Arbeitsplätze fürchten ließ. . Noch viel umstrittener war aber, dass der Demokrat Kennedy im Dezember 1954 einer Abstimmung fernblieb, die die Exzesse des republikanischen Senators und Kommunistenjägers Joseph McCarthy tadelte. Sein Fernbleiben, das einer Stimmenthaltung gleichkam, nahm Rücksicht auf die Sympathien, die McCarthy nicht nur bei Kennedys Vater, sondern auch bei vielen konservativen Wählern in Massachusetts genoss und auf die Tatsache, dass sein Bruder Robert zeitweise als juristischer Berater in McCarthys Ausschuss gegen unamerikanische Aktivitäten mitgearbeitet hatte. Doch die Liberalen in der Demokratischen Partei kritisierten sein Verhalten als Oportunismus und Feigheit. Der Senator machte aus der Not eine Tugend. Er nutzte die Erholungsphase nach einem langen Krankenhausaufenthalt, um zusammen mit seinem kongenialen Rechtsberater und Redenschreiber ein Buch über amerikanische Kongressabgeordnete und Senatoren zu schreiben, die in schwierigen Situationen, allen Widerständen zum Trotz, allein ihrem Gewissen gefolgt waren. Das Buch erschien 1956 unter dem Titel „Profiles of Courage“ und später auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Zivilcourage“. Es machte Kennedy landesweit bekannt und wurde sogar mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Auch wenn die große alte Dame der liberalen Demokraten, Eleonore Roosevelt, damals spottete: „Dem Autor würde weniger Profil und mehr Courage gut tun“, verschaffte das Buch Kennedy auf der nationalen Bühne der amerikanischen Politik Anerkennung und Profil. Er wurde beim Wahlkonvent der Demokraten 1956 als Bewerber für die Vizepräsidentschaftskandidatur gehandelt und zog 1957 in den einflussreichen Außenpolitischen Ausschuss des Senates ein. Dort setzte er sich unter anderem für eine Unabhängigkeit der französischen Kolonie Algerien und für eine Verstärkung der amerikanischen Raketenrüstung ein.


Dass Kennedy bei seiner Wiederwahl im November 1958 den Republikaner Vincente J. Celeste mit 875.000 Stimmen Vorsprung und einer flächendeckenden Mehrheit in allen Wahlkreisen seines Heimatstaates schlagen konnte, dokumentiert seine bis dahin gewonnene Popularität, die die Voraussetzung für seine Präsidentschaftskandidatur im Jahr 1960 bilden sollte. Zum Vergleich: Die Präsidentschaftswahl gegen den republikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon konnte Kennedy im November 1960 mit einem Vorsprung von nur etwas mehr als 100.000 Stimmen gewinnen. Punktete Kennedy als Präsidentschaftskandidat in den Fernsehdebatten gegen Richard Nixon, so nutzte er das Fernsehen auch schon für seine Wiederwahl als Senator, indem er vor laufenden Kameras und im Kreis seiner Familie Zuschauerfragen beantworteten, die ihn per Telefon erreichten und damit ein Stück moderne Mediendemokratie vorführte.


Dieser Text erschien am 25. November 2013 in der Wochenzeitung Das Parlament


Samstag, 14. Dezember 2013

Menschlichkeit schenken: Warum wir nicht nur zur Adventszeit private Hilfsbereitschaft brauchen, obwohl wir doch in einem vermeintlich reichen Sozialstaat leben: Ein Gespräch mit der Sozialmanagerin Monika Schick-Jöres von den Caritas Sozialdiensten

Im Vorfeld der jetzt abgeschlossenen Wunschbaumaktion von NRZ und Caritas sprach ich im Auftrag der NRZ-Redaktion mit der zuständigen Projektleiterin der Caritas, Monika Schick-Jöres warum wir auch in einem vermeintlich reichen Sozialstaat private Mildtätigkeit brauchen.

Frage: Warum sollte man einen Wunschzettel vom Wunschbaum pflücken und Päckchen packen?

Antwort: Weil das zu einer menschlicheren Stadt beiträgt. Und wenn man sich mit seiner Stadt verbunden fühlt, dann hat man hier die Möglichkeit, selbst für etwas mehr Mitmenschlichkeit zu sorgen, zumal, wenn man weiß, dass es im Leben nicht immer gerecht zugeht und viele Menschen auch unverschuldet in Not geraten.

Frage: Warum hat das auch in einem Sozialstaat Sinn, in dem es Sozialleistungen für Hilfsbedürftige gibt?

Antwort: Natürlich gibt es Sozialleistungen, die das Überleben der Bedürftigen sichern. Und wir spüren bei den Menschen und Familien, die wir als Caritas mit unserer Hilfe und Beratung begleiten, auch eine große Dankbarkeit dafür, dass es einen solchen Sozialstaat gibt. Aber es gibt immer auch Dinge, die in den Regelsätzen der Sozialleistungen nicht enthalten sind. Und dazu gehören eben auch Weihnachtsgeschenke, die für gut situierte Familien selbstverständlich sind.

Frage: Wer bekommt denn die Geschenkpakete, die unter dem Wunschbaum abgelegt werden?

Antwort: Das sind alleinstehende Menschen, Kinder und Familien, die wir aus unseren Beratungs- und Betreuungsdiensten kennen und die zu weit über 90 Prozent auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind. Weil wir ihre Situation kennen, wissen wir, was am dringendsten gebraucht wird und womit wir ihnen einen Lichtblick verschaffen können.

Frage: Was sind das für Lichtblicke, von denen Sie sprechen?

Antwort: Im Winter ist vor allem die Winterkleidung ein Problem, zumal bei Kindern, die wachsen und jedes Jahr neue Winterkleidung brauchen. Dafür kann man dann nicht erst ansparen. Da müssen dann eben die Daunenjacke oder die gefütterten Stiefel sofort her. Hier helfen nicht nur Kleidung, sondern auch Einkaufsgutscheine, die regelmäßig gewünscht und verschenkt werden. Aber auch Lebensmittelpakete, die die Haushaltskasse entlasten, Kinogutscheine und Einkaufsgutscheine für Pflege- und Hygieneartikel, Spielzeug, Lernspiele, Hörspiel-CDs oder Kindergartentaschen und Tornister können ein solcher Lichtblick sein. Das kommt immer auf die jeweilige Lebenssituation an.

Frage: Welche Schicksale stehen hinter den Adressaten, deren Vorname und Wunsch man auf dem jeweiligen Wunschbaumzettel lesen kann?

Antwort: Das sind kinderreiche Familien, aber auch Alleinerziehende und alleinstehende Menschen, die etwa durch Lebenskrisen und Schicksalsschläge in Not geraten sind. Das können Arbeitslosigkeit, aber auch Krankheit, Pflegebedürftigkeit, der Tod eines Partners, fehlende Familiennetzwerke und eine geringe Altersrente sein. Wir sprechen manchmal auch von Menschen, die betreut werden müssen, weil sie ihren Alltag nicht selbstständig regeln können oder von Menschen, die keinen Beruf und kein Einkommen haben, weil sie nicht gefördert wurden und deshalb frühzeitig aus der Bildungskette herausgefallen sind.

Frage: Wie reagieren die Beschenkten auf ihre Weihnachtspäckchen vom Wunschbaum?

Antwort: In vielen Fällen gibt es Freudentränen. Oft werden die Pakete auch unter den Weihnachtsbaum gelegt und erst am 24. Dezember geöffnet. Viele Empfänger kommen im Januar noch einmal bei uns vorbei, um sich zu bedanken und ihre Freude darüber zum Ausdruck zu bringen, dass fremde Menschen an sie gedacht und sie im Blick gehabt haben.


Dieser Text erschien am 23. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Auch auf dem Mülheimer Arbeitsmarkt geht die Konjunktur an den Langzeitarbeitslosen vorbei: Nicht jeder, der sucht, findet auch einen Arbeitsplatz

Ein Land, zwei Welten. Das Statistische Bundesamt meldet einen Rekordstand von über 42 Millionen Beschäftigten (+ 0,6 Prozent) und Rekordsteuereinnahmen von 39 Milliarden Euro (+ 3,7 Prozent). Gleichzeitig weisen die Wohlfahrtsverbände in ihrem ersten Arbeitslosenreport für NRW darauf hin, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen an Rhein und Ruhr seit 2009 um 25 Prozent auf jetzt 323?000 angestiegen ist.

Auch in Mülheim (siehe Kasten) ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen angestiegen. Doch den Vorwurf der Wohlfahrtsverbände, die Agenturen und Jobcenter hätten die Langzeitarbeitslosen nicht ausreichend im Blick und kümmerten sich vor allem um leichter zu vermittelnde Arbeitssuchende, lässt die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer, für Mülheim nicht gelten und verweist in diesem Zusammenhang auf aktuelle Vermittlungsquoten von über 20 Prozent.

Mit Hilfe der allerdings in den vergangenen Jahren reduzierten Fördermittel des Bundes und der Europäischen Union finanziert die Sozialagentur Umschulungen oder Ausbildungsmaßnahmen, wie zum Beispiel ein Einstiegs-und Qualifizierungsjahr für junge Arbeitssuchende unter 25 Jahren oder Lohnkostenzuschüsse von bis zu 75 Prozent, um Langzeitarbeitslose aus dem Arbeitslosengeld II heraus und in den ersten Arbeitsmarkt hinein zu bringen.

Allerdings werden die Lohnkostenzuschüsse inzwischen nur noch auf zwei Jahre befristet und kommen aktuell auch nur knapp 90 Personen zugute. 525 Personen nehmen dagegen eine von der Sozialagentur finanzierte Arbeitsgelegenheit wahr. Das bedeutet: Neben ihrem Arbeitslosengeld II bekommen sie 1,30 pro Stunde dafür, dass sie zum Beispiel Senioren betreuen, Grünflächen pflegen, Schulhöfe betreuen oder hauswirtschaftliche und handwerkliche Hilfstätigkeit ausführen.

Bei diesen auf maximal 12 Monate befristeten Arbeitsgelegenheiten geht es für Neubauer aber weniger darum, Vermittlungschancen zu erhöhen, als viel mehr darum, Menschen nach langer Arbeitslosigkeit wieder zu aktivieren und sie dazu zu motivieren, eine Tagesstruktur zu entwickeln. Doch immerhin jeder zehnte Teilnehmer finde nach der Arbeitsgelegenheit eine weiterführende Beschäftigung. Neubauer kennt die Handicaps, die aus arbeitssuchenden Menschen Langzeitarbeitslose machen: Krankheit, Alter, fehlende oder veraltete Qualifikation, soziale und familiäre Probleme, fehlende Kinderbetreuung.

Auch wenn sie mit Steuergeldern geförderte Beschäftigung im Einzelfall als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt erlebt, sieht sie darin, ebenso wie der Sprecher der Mülheimer Unternehmer, Hanns Peter Wintfeder keine flächendeckende Lösung. „Ich glaube nicht, dass Arbeitsmarktpolitik das mit dem Auf und Ab der wirtschaftlichen Dynamik zusammenhängende Problem der Arbeitslosigkeit lösen kann. Ein zweiter oder sozialer Arbeitsmarkt wäre gesellschaftlich nicht zu finanzieren“, sagt Neubauer.

Das sieht der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, anders. „Wir haben in Deutschland einen Sockel von drei Millionen Arbeitslosen, an denen jedes Wirtschaftswachstum vorbeigeht. Für viele Menschen ist der Arbeitsmarkt verschlossen, weil ihre Möglichkeiten und die Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht zusammenpassen und die soziale Schere immer weiter auseinandergeht“, erklärt er das Problem. Die Ignoranz und Tatenlosigkeit, die er derzeit in der Bundespolitik sieht, wenn es um die Langzeitarbeitslosen geht, empfindet Schreyer als menschenunwürdig. „Wir haben doch viele gesellschaftliche Bedarfe und es ist besser Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren“, plädiert der Chef des Diakoniewerkes, das 320 Menschen Arbeit gibt, für die Einrichtung eines sozialen und steuerfinanzierten Arbeitsmarktes.

Wolfgang Albrecht, der sich bei der Caritas um die Arbeitsgelegenheiten kümmert und Meinhard Rupieper vom Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende unterstützen Schreyers Position. „Mit der Situation, wie sie jetzt ist, können wir uns nicht abfinden. Wir sollten mit dem Grundrecht auf Arbeit und Lohn einen sozialen Arbeitsmarkt und damit Projekte fördern, die unserer Gesellschaft zugute kommen können“, meint Rupieper. „Es gibt zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und Beschäftigungsförderung derzeit keine große Idee. Das hat die Politik aus dem Blick verloren“, bedauert Albrecht.

Zahlen und Fakten

Im August 2010 betreute die Sozialagentur 12?945 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Davon waren 8631 Menschen schon ein Jahr und länger arbeitslos und galten damit als Langzeitarbeitslose.

Im August 2011 betreute die Sozialagentur 12?753 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Bezieher, von denen 8872 Langzeitarbeitslose waren.

Im August 2012 betreute die Sozialagentur 12?779 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger, davon 9114 Langzeitarbeitslose.

Im Juli 2013 betreute die Sozialagentur 12?900 erwerbsfähige Arbeitslosengeld-II-Empfänger, von denen 9164 Langzeitarbeitslose waren.

Stellte der Bund 2011 noch 11,7 Millionen Euro zur Verfügung, um arbeitssuchende Mülheimer in den Arbeitsmarkt einzugliedern, so stehen in diesem Jahr nur 10,3 Millionen Euro dafür zur Verfügung. Bei der Soziagentur rechnet man für 2014 mit dem gleichen Budget.


Dieser Text erschien am 22. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 10. Dezember 2013

Kalenderblatt. Vor 50 Jahren erhält der Direktor des Mülheimer Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung, Karl Ziegler, den Nobelpreis für Chemie

„In Professor Zieglers Arbeiten liegt etwas Revolutionäres", titelt die Mülheimer NRZ in ihrer Ausgabe vom 11. Dezember 1963. Am Tag zuvor hat der schwedische König Gustaf VI. Adolf dem Leiter des Mülheimer Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung, Karl Ziegler, im Stockholmer Konzerthaus den Chemie-Nobelpreis überreicht, den sich Zielgler mit seinem italienischen Kollegen Giulio Natta teilt.

Tatsächlich hat die Forschungsarbeit des Chemie-Professors, der das heutige Max-Planck-Institut für Kohlenforschung von 1943 bis 1969 leitete, unsere moderne Welt revolutioniert. Der nach Ziegler und Natta benannte Katalysator ermöglicht die Massenproduktion von Polyethylenen und Polypropylenen. Er schafft damit die Grundlage für eine industrielle Kunststoffproduktion, die bis zur scheinbar banalen Plastiktüte unseren gesamten Alltag durchzieht. Bis heute leisten die finanziellen Erträge der Zieglerschen Forschungsarbeit einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung des Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung.

Allerdings investieren Ziegler und seine Frau Maria nicht nur in die Wissenschaft, sondern auch in eine beachtliche Sammlung vor allem expressionistischer Gemälde, die bis heute das Kunstmuseum der Stadt ziert.

Gerade diese ungewöhnliche Verbindung von naturwissenschaftlichem Forscher- und Schöngeist, sieht auch der Leiter des Karl-Ziegler-Gymnasiums, Werner Andorfer, als Anspron, nicht nur das naturwissenschaftliche, sondern auch das musische Profil der seit 1974 nach Ziegler benannten Schule zu stärken.

Dass eine Schule seinen Namen trägt hätte dem 1973 verstorbenen Nobelpreisträger bestimmt genauso gut gefallen, wie die Aussicht auf einen Fachhochschulstandort Mülheim. Er selbst erlebte 1972 noch mit, wie Mülheims damalige Bewerbung für eine Gesamthochschule scheiterte, die dann in Essen errichtet werden sollte.

Schon neun Jahre zuvor, als Ziegler am 5. November 1963 die Nobelpreis-Nachricht aus Stockholm bekommt, sind es nicht nur die Mitarbeiter seines Institutes, sondern auch Mülheimer Schüler, die den Professor mit einem Fackelzug ehren. Ziegler spendiert Bonbons und Freibier und stellt fest: „Vor allem aber bin ich stolz darauf, dass die jüngere Generation mehr und mehr zur wissenschaftlichen Forschung drängt. Daher freue ich mich über den Nobelpreis auch besonders, weil ich ihn als Auszeichnung aller meiner Mitarbeiter in Büros, Laboratorien und Werkstätten entgegennehme. Ich gebe die Ehrung weiter an sie alle."

Seine Mitarbeiter sind es denn auch, die am Nachmittag des 10. Dezembers 1963 dienstfrei bekommen, um das große Ereignis in Stockholm am Fernseher zu verfolgen. Weil es damals noch keine Videorecorder gibt, scheuen sie keine Kosten und Mühen, um die Fernsehsendung nicht nur anzuschauen, sondern mit einer Filmkamera und einem Magnettongerät auch für die Nachwelt festzuhalten.

Wenige Tage nach der Verleihung des Nobelpreises werden Ziegler und seine Frau in der Bonner Villa Hammerschmidt vom Bundespräsidenten Heinrich Lübke empfangen. Und die Stadtverordneten seiner Wahlheimat Mülheim küren den 1898 in Kassel geborenen Ziegler am 20. Dezember 1963 zum Ehrenbürger. Chemie-Nobelpreisträger und Mülheimer Ehrenbürger:

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung