Mittwoch, 31. Dezember 2014

So gesehen: Menschenskinder, es weihnachtet

Heute Abend ist es also soweit. Wir wünschen uns frohe Weihnachten. Oder sollten wir doch besser schon „Merry Christmas“ sagen? Denn wenn man heutzutage ganz unbesinnlich, um nicht zu sagen „verry busy“ durch die Stadt hetzt, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen und dabei in dicken Lettern „Weihnachts Sale“ liest oder der Festtagsschnitt beim Friseur als „Haar Style“ verkauft wird, kann einem die deutsche Weihnacht schon ganz schön „denglisch“ vorkommen.

Solche Sprachverwirrung passt auch zu der nicht nur für Kindergarten-Kinder verwirrenden Glaubensfrage, ob die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum nun vom Weihnachtsmann, vom Christkind oder doch von Mama und Papa kommen.

Apropos Kindergarten. Das Wort lässt uns hoffen, im babylonischen Sprachgewirr des globalen Dorfes zu überleben. Denn das Wort Kindergarten ist einer der seltenen Sprachexporte Deutschlands, die sich sogar im Wortschatz der Amerikaner festgesetzt haben.

Kein Wunder. Ist der Kindergarten doch ein Ort, an dem unser größtes Geschenk behütet wird: Denn auch wenn Kinder oft keine Engel und Christkinder sind, haben sie am Ende die Bescherung mit dem, was wir ihnen hinterlassen und entscheiden mit ihren Talenten darüber, ob wir auch künftig noch etwas zu feiern haben, nicht nur zur Weihnachtszeit!
 
 
Dieser Text erschien am 24. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 29. Dezember 2014

Die in Mülheim geborene Regina Greefrath hat sich "nicht gegen eine Familie, sondern für das Kloster entschieden"


Regina Greefrath (2. von links), hier bei den Saarner Klostergesprächen
im November 2014
„Im Moment schwebe ich noch auf Wolke Sieben“, sagt Regina Greefrath. Man könnte meinen, dass die junge Frau, die vor 31 Jahren in Mülheim das Licht der Welt erblickte, von ihrer Hochzeit und den Flitterwochen spricht. Doch ihr Ordenskleid, das dem Besucher nur den Blick in ihr Gesicht freigibt, spricht dagegen.

Doch ist der Vergleich mit der Hochzeit und den Flitterwochen ist gar nicht so abwegig. Denn im Oktober hat sie als Augustiner Chorfrau ihre ewigen Gelübde abgelegt. Damit ist sie als Ordensfrau, wenn man es poetisch ausdrücken möchte, eine Braut Christi.

„Mein Lebensplan sah lange so aus, dass ich mit Kindern arbeiten und einen Mann und Kinder haben wollte“, erzählt Greefrath, die seit ihrer ewigen Profess Schwester Maria Regina heißt. Ihr erster Plan hat sich erfüllt. Heute unterrichtet sie als Lehrerin an der Essener BMV-Schule, die von ihrem Orden getragen, wird Religion und Spanisch. Doch ihr zweiter Lebensplan wird sich, wie es aussieht, nach der endgültigen Entscheidung für ein Leben als Ordensfrau nicht mehr erfüllen. „Ich habe mich nicht gegen eine Familie, sondern für das Kloster entschieden“, betont Greefrath.

In ihrer derzeit 13-körpfigen Ordensgemeinschaft, in der sie mit 31 Jahren die jüngste Schwester ist, fühlt sie sich „wie in einer Familie, in der man seine Talente einbringen kann und mit Menschen zusammenlebt, die ihre Ecken und Kanten haben.“ Der durch Gebet und Arbeit geregelte Alltag gibt ihrem Leben Struktur und Dynamik. Er beginnt um 6.05 Uhr mit der Laudes und einer heiligen Messe und endet mit der Komplet um 20.45 Uhr. Danach zieht sie sich in ihre Privaträume zurück. Die bestehen aus einem jeweils zehn Quadratmeter großen Schlaf- und Arbeitszimmer.

Ein großer Teil ihres Klosterlebens spielt sich als Lehrerin in der Klosterschule und in den Gemeinschaftsräumens des Klosters ab. Bis vor zwei Jahren war die BMV-Schule, die sie selbst als Schülerin besucht hat, ein reines Mädchen-Gymnasium. Dann wurden auch Jungs aufgenommen. „Die Jungen haben unsere Schule bereichert, das Schulleben aber auch turbulenter gemacht. Dabei ist auch schon mal die eine oder andere Lampe mit einem Fußball abgeschossen worden“, erzählt Schwester Maria Regina mit einem Augenzwinkern.

Doch wie wurde aus der ehemaligen Klosterschülerin mit pädagogischen und familiären Ambitionen eine Klosterfrau, die fünfmal täglich betet und die Heilige Schrift studiert oder religiöse und biblische Texte hört. „Das ist schwer zu erklären“, räumt sie ein. Antworten auf diese Frage liefert ihr Leben. Ein katholisches Elternhaus und ein lebendiges Gemeindeleben, an dem sie unter anderem als Meßdienerin mitwirkte, gaben ihr erste religiöse Impulse. Dann folgte während der Pubertät eine religiöse Entfremdung. „Zwischen 13 und 15 fand ich Predigten und Gottesdienste einfach nur doof.“ Erst als sie sich im Vorfeld ihrer Firmung mit Gleichaltrigen und Älteren wieder über den christlichen Glauben austauschte und darüber nachdachte, „wurde mir klar, dass mir Gott doch etwas zu sagen hatte.“ Sie lernte bei Besinnungstagen das Ordensleben der Augustiner Chorfrauen kennen und erlebte, „dass Nonnen ganz normale Menschen sind und dass ihre Lebensform Sinn macht.“

 Doch für sich selbst sah sie damals noch keine Perspektive als Ordensfrau, auch wenn sie bei einer Taize-Fahrt (2001) erstmals das Gefühl hatte, „dass man im gemeinsamen Gebet mit Gott in einen Dialog treten und von ihm getragen werden kann.“ Erst ihr Theologiestudium und ihre Erfahrungen als Pilgerin auf dem Jakobsweg (2007) ließen in ihr den Wunsch wachsen, als Ordensfrau zu leben. „Jeder Mensch geht seinen ganz eigenen Weg zu Gott, den noch kein Mensch vor ihm beschritten hat“, zitiert sie aus der Erinnerung einen Satz, den sie an der Wand einer Pilgerherberge gelesen hatte und der sie anfeuerte, mit ihrem Postulat (ab 2009) den Eintritt ins Ordensleben zu wagen, „weil ich das Gefühl hatte, dass da noch mehr für mich drin war.“ Sie hat diesen Schritt bis heute nicht bereut, weil sie ihr Leben als Ordensfrau und Lehrerin in der Gemeinschaft der Augustiner Chorfrauen, „als eine gute Mischung aus Kontemplation und Aktion“ empfindet. Dabei räumt sie ein, dass sie auch nach ihrer ewigen Profess, ebenso, wie nach einem Eheversprechen bei einer Hochzeit nicht sagen kann, „ob das, was ich versprochen und mir vorgenommen habe, auch immer so funktionieren wird.“ Aber sie glaubt heute fest daran und sieht das Kloster als einen Ort, „an dem ich als junge Frau nicht eingesperrt bin, sondern glücklich sein und meine Fähigkeiten entfalten kann.“

Zur Person


1983 wurde Regina Greefrath in Mülheim geboren. 2003 machte an der Essener BMV-Schule ihr Abitur und studierte anschließend in Münster und Madrid katholische Theologie und Spanisch. 2013 kehrte sie als Lehrerin an ihre alte Schule zurück. Dort unterrichtet Greefrath als eine von drei Ordensfrauen. Die meisten der 80 Lehrkräfte sind also keine Ordensmitglieder. Die BMV-Schule wird zurzeit von 1188 Schülerinnen und Schülern aller Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen besucht. Dennoch verpflichten sich alle Schüler zur Teilnahme am katholischen oder evangelischen Religionsunterricht. In ihrer Ordensgemeinschaft, die 2015 eine neue Postulantin aufnehmen werden, kümmert sich Schwester Regina unter anderem um die Sakristei und die Facebookseite der Klostergemeinschaft, deren älteste Mitschwester 86 Jahre alt ist. Die Augustiner Chorfrauen sind derzeit mit Niederlassungen in Essen, Paderborn, Elisabethen bei Salzburg und Bratislava (Slowakei) ansässig. Alle Ordensfrauen verzichten mit ihrem Eintritt ins Kloster auf ihr Privatvermögen. Ihr Lebensunterhalt wird aus der gemeinsamen Klosterkasse bestritten. Weitere Informationen im Internet unter: www.bmv-essen.de


Dieser Text erschien am 27. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. Dezember 2014

Als es Weihnachten noch etwas weniger sein durfte

Als Ilse Steuck zehn Jahre alt war, da wünschte sie sich zu Weihnachten eine Puppe. „Aber sie zu kaufen, war für meine Eltern damals unerschwinglich. Deshalb hat mir mein Vater mit Stroh und einer Bettdecke eine wirklich schöne Puppe selbst gemacht, über die ich mich sehr gefreut habe“, erzählt 86-Jährige. Über die Geschenkeorgien und Festgelage heutiger Weihnachtstage schütteln sie, Ellen Werner (89), Irmgard Splettstözer (91), Margret Schauenburg (85) und Johanna Padberg (97) milde den Kopf. Wenn sie heute mit ihren Mitbewohnern im Haus Ruhrgarten Weihnachten feiern und „ganz ohne Textblatt“ die alten Weihnachtslieder singen, werden Erinnerungen an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit und Jugend wach, bei denen es geschenke- und essenstechnisch bescheidener als heute, aber nicht unbedingt weniger besinnlich erwartungsfroh zuging. In allen Erinnerungen schwingt vor allem Dankbarkeit dafür mit, dass es ihren Eltern auch in Kriegs- und Hungerjahren immer wieder gelang, ihren Kindern ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten. Auch wenn nach der Bescherung der Weihnachtssegen manchmal schief hängen konnte.

Denn die Freude über die Puppe sollte bei Ilse Steuck nicht lange dauern. Ihr Bruder, der sich selbst über ein Schaukelpferd Marke Eigenbau freuen konnte, schlug am ersten Weihnachtstag vor: „Lass uns doch mal Metzger spielen.“ Und ehe sie sich versah, hatte ihr Bruderherz der Strohpuppe mit einem Messer den Kopf abgeschnitten. „Da war das Geschrei natürlich groß“, erinnert sich Steuck. In ihrer ersten Wut vergaß sie alle christliche Nächstenliebe und riss dem Schaukelpferd des Bruders seinen Schwanz ab. Das Ende vom Lied war eine Strafpredigt der Eltern für ihre beiden gefallenen Weihnachtsengel. „Unsere Eltern haben zwar damals mit uns geschimpft, uns aber nicht geschlagen“, erinnert sich Steuck dankbar an die vergleichsweise milde Reaktion der Eltern, die viel Zeit und Arbeit in die Gaben für ihre lieben Kleinen investiert hatten. „Wir waren als Kinder in einer Familie, in der mein Vater als Bergmann den Lebensunterhalt verdiente, dankbar, wenn wir zu Weihnachten etwas bekamen. Am Heiligen Abend wurden bei uns Kartoffelsalat und Würstchen aufgetischt. Von Onkel und Tante bekamen wir Anziehsachen geschenkt“, so Steuk. Sie erinnert sich auch an die amerikanischen Care-Pakete, deren Lebensmittel die wichtigste Weihnachtsbescherung in den vom Hunger geprägten Nachkriegsjahren waren.

Johanna Padberg, die noch während des Ersten Weltkrieges in eine Bauernfamilie geboren wurde und dort mit vier Schwestern und drei Brüdern aufwuchs, erinnert sich unter anderem daran, dass auch die Festtage um vier Uhr morgens begannen, weil dann die Kühe im Stall gemolken werden mussten. Die schönsten Weihnachtsgeschenke, die sie als Kind von ihren Eltern bekam, waren eine Puppenstube und einen Kaufladen, „den uns unser Vater gebaut hatte.“ Mit einem Augenzwinkern erinnert sich Padberg an ihre kleine Schwester Gretel, die ihr einmal sagte: „Es ist doch komisch, dass das Christkind immer genau weiß, was wir uns gewünscht haben.“ Auch der Nikolaus, der sich später als Onkel Josef entpuppte, wusste immer, womit er den Padberg-Kindern eine Freude machen konnte. „O, du lieber Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an und pack deine Rute wieder ein. Ich will auch recht artig sein“, rezitiert Johanna Padberg das Gedicht, mit dem sie den Nikolaus milde stimmte. „Meine Mutter hat in der Adventszeit immer gebacken. Besonders spannend war es, wenn ich ihr helfen durfte, den Teig für das Spritzgebäck durch den Fleischwolf zu drehen.“ Das traurigste Weihnachtsfest erlebte Johanna Padberg 1943, nachdem einer ihrer Brüder als Soldat in Stalingrad gefallen war.

Auch Margret Schauenburgs älterer Bruder Heinz fiel als Soldat während des zweiten Weltkrieges in Russland. An einer Kriegsweihnacht freuten sich die vier Schwestern und ihr Bruder über eine Scheibe Brot und eine halbe Apfelsine, die ihnen als Festmahl aufgetischt wurden. „Das schönste Weihnachtsgeschenk war für uns ein Teller mit Äpfeln, Nüssen, Spekulatius und Marzipan, das meine Mutter selbst gemacht hatte“, erinnert sich Schauenburg an die besseren Weihnachtstage ihrer Kindheit. Zu denen gehörte auch ein Weihnachtsbaum, den der Vater, der seine Familie als Stahlarbeiter bei Thyssen durchbrachte, selbst im Wald geschlagen hatte. Der Baumschmuck wurde natürlich selbst gebastelt. „Meine Eltern haben viel gespart. Nie wurde etwas weggeworfen. Und alte Puppen wurden immer an die nächstjüngere Schwester verschenkt“, erzählt Schauenburg.

Irmgard Splettstözer wuchs als Bergmannstochter mit zwei jüngeren Brüdern an der Blücherstraße auf. Ihr Vater arbeitete als Bergmann auf der Zeche Rosenblumedelle, auf der noch bis 1966 Kohle gefördert werden sollte. „Wir hatten einen Garten, in dem wir zum Beispiel Möhren und Spinat ernten konnten. Außerdem hielten meine Eltern Hühner, Schweine, Tauben und Kaninchen“, beschreibt Splettstözer die bergmännische Selbstversorgung, die der Familie nicht nur zur Weihnachtszeit beim Überleben half. Unvergessen geblieben ist ihr auch das Weihnachtspaket mit Butter, Printen, Seife, Stollen und Spekulatius, das ihr Vater von der Zeche mit nach Hause brachte. Das schönste Weihnachtsgeschenk ihrer Kindheit war allerdings ein Puppenwagen. „Damals war ich zehn Jahre alt und hatte den Puppenwagen bei Woolworth an der Schloßstraße gesehen. Obwohl meine Eltern mir damals sagten: Der ist zu teuer für uns, bekam ich genau diesen Puppenwagen zu Weihnachten.“

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen“, rezitiert Ellen Werner, wie in Kindertagen, das Gedicht, ohne das es keine Weihnachtsbescherung gab. „Einmal hat meine Mutter Unterwäsche gegen eine Puppe und ein Huhn getauscht, damit sie uns zu Weihnachten einen Braten auf den Tisch zaubern und mir etwas schenken konnte“, erinnert sie sich. Besonders faszinierte sie die Tatsache, dass ihre Eltern, die ein kleines Geschäft betrieben, in dem man unter anderem Wäsche kaufen konnte, jedes Jahr einen Weihnachtsbaum besorgen konnten, „der in unserer guten Stube mit seiner Tannenspitze bis zur Decke reichte.“

Deshalb gehört es für Werner zu den schönsten Weihnachtserinnerungen, dass sie mit ihrem Vater den Baum? „schmücken durfte“. Zur Belohnung gab es Apfelsinen und Schokolade.

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. Dezember 2014

Und kein Friede auf Erden: Rückblick auf den Luftangriff, der Mülheim am 24. Dezember 1944 traf

Am 24. Dezember 1944 werden die Mülheimer jäh aus den Vorbereitungen auf den Heiligen Abend gerissen. Um 14.05 Uhr heulen die Sirenen. 170 Bomber der Royal Airforce sind im Anflug. Ihr Ziel ist der Flughafen. Bei einem von insgesamt 160 Luftangriffen, die Mülheim im 2. Weltkrieg treffen, erleben und erleiden die Menschen den Krieg am eigenen Leib. Heute erinnert eine Gedenktafel hinter dem Sportplatz des SV Raadt daran. Der Krieg tritt vor 70 Jahren in seine letzte Phase. Amerikanische Truppen stehen in Aachen bereits auf deutschem Boden. Im April 1945 werden sie auch in Mülheim einmarschieren. Mitte Dezember startet die militärisch längst geschlagene Wehrmacht in den Ardennen eine letzte Gegenoffensive.

Als Antwort darauf bombardiert die britische Luftwaffe die Mülheimer Flughafensiedlung. In den 30er Jahren konnte man von Mülheim aus noch ins europäische Ausland fliegen. Doch seit 1940 ist aus dem Flugplatz, der damals größer war, als der in Düsseldorf, ein Fliegerhorst geworden. Hier sind 25 Kampfflugzeuge stationiert, die die Ardenenoffensive aus der Luft unterstützen sollen. 600 Menschen suchen nach dem Luftalarm Zuflucht in einem Hochbunker an der Windmühlenstraße. Unter ihnen sind nicht nur Anwohner aus dem Stadtteil Raadt, sondern auch Soldaten des Fliegerhorstes. Zwangsarbeiter aus einem nahen Lager haben keinen Zutritt. Zwischen 14.21 Uhr und 14.31 Uhr laden die britischen Bomber ihre tödliche Last ab. Eine 200-Kilo-Bombe durchschlägt die 1,40 Meter dicke Betondecke. Die Menschen, die im Obergeschoss des Hochbunkers Zuflucht gesucht haben, haben die geringste Überlebenschance. Auch im Erdgeschoss des Bunkers sterben viele Menschen, weil sie von herabstürzenden Toten und den Betonteilen der einstürzenden Zwischendecke erschlagen werden. Wer sich an den Außenwänden im Erdgeschoss aufhält, hat die größte Überlebenschance. Die genaue Zahl der Toten kann nie ganz genau festgestellt werden. Schätzungen schwanken zwischen 50 und 340.

Den Überlebenden des Bombentreffers raubt der Betonstaub die Atemluft. Über Trümmer und Leichen müssen sie steigen, um aus dem Hochbunker herauszukommen. Zwei Stunden vergehen, ehe die ersten Rettungshelfer an der Windmühlenstraße eingetroffen sind, um sich um die Verletzten zu kümmern. Sie sind von den Überlebenden ins Freie getragen worden.
Auch jenseits des Flughafensiedlung bringt der Luftangriff vom 24. Dezember 1944 Tod und Verwüstung. Die Druckwellen der britischen Bomben lassen Türen und Fenster bersten. Im Evangelischen Krankenhaus reichen die Räume und Betten nicht aus, um die vielen Verletzten zu versorgen. Viele müssen notdürftig im Keller gelagert werden.

Irrsinn der Geschichte: Das eigentliche Ziel des Luftangriffs, die auf dem Flugplatz stationierten Kampfflugzeuge der Wehrmacht, bleiben unbeschädigt, weil sie vor dem Angriff in ein nahes Waldstück gebracht worden sind. Doch das Rollfeld des Fliegerhorstes sieht nach dem Angriff wie eine Kraterlandschaft aus. Einen Schutzengel haben an diesem 24. Dezember 1944 allerdings die kleinen Patienten eines Kinderkrankenhauses, das damals im Haus Jugendgroschen an der Mendener Straße untergebracht ist und bei dem Luftangriff zerstört wird. Die Kinder bleiben an diesem höllischen Heiligabend-Tag unverletzt, weil sie während des Luftangriffes bei einer Weihnachtsfeier in der Nachbarschaft waren.
Der Hochbunker an der Windmühlenstraße wird nach Kriegsende als Handelslager genutzt und in den 80er Jahren abgerissen, um neuer Wohnbebauung Platz zu machen. Den Flugplatz macht die britische Militärregierung, die ab Juni 1945 in Mülheim das Sagen hat, zeitweise zum LKW-Parkplatz. Ab 1950 wird wieder geflogen, ohne dass der Flughafen seine Vorkriegsbedeutung zurückgewinnen kann.

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Eingeladen Kirche zu erleben: Seit zehn Jahren gibt es am Kohlenkamp eine katholische Ladenkirche


Eine Frau und ihr Sohn werden nicht fertig mit dem Tod des Vaters und Ehemannes. Ein Mann stößt bei der Betreuung seiner pflegebedürftigen Frau an seine Grenzen. Ein anderer Mann hat seinen Arbeitsplatz verloren und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Eine junge Mutter fragt sich, ob sie ihr Kind taufen lassen soll? Solche und ähnliche Gespräche werden fast täglich in der Mülheimer Ladenkirche geführt. „Viele Menschen sind heute sehr einsam und haben niemanden, dem sie ihre Sorgen mitteilen können“, weiß Barbara Heckler. Sie ist eine von 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die die Ladenkirche am Kohlenkamp tragen und zwei- bis dreimal im Monat einige Stunden investieren, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören oder Informationen aus der katholischen Stadtkirche an die Frau und den Mann zu bringen.

"Wir haben uns damals gesagt: Wenn immer weniger Menschen zur Kirche kommen, muss die Kirche eben zu den Menschen kommen“, beschreibt Johannes Valkyser den Impuls, der vor zehn Jahren zur Eröffnung einer katholischen Ladenkirche in der Mülheimer Innenstadt führte. Er hält als Mister Ladenkirche die organisatorischen Fäden in der Hand und stellt bei seiner ehrenamtlichen Arbeit immer wieder fest, „wie gut es einem auch selbst tut, wenn man spürt, dass man einem Menschen weiterhelfen konnte, in dem man mit ihm gesprochen und ihm zugehört hat.“

Bisher 6000 Besucher zeigen, dass das Projekt Ladenkirche geglückt ist. Positiv überrascht sind Valkysers Ladenkirchenkollegen Wolfgang Feldmann und Rolf Völker auch davon, dass kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eine Hand voll Menschen den Weg in die Mittagsandacht der Ladenkirche findet. Ein spiritueller Anziehungspunkt des kleinen Andachtsraumes ist das Wärme, Helligkeit und damit Hoffnung ausstrahlende Gemälde Heribert Honekes. Es trägt den programmatischen Titel: „Versammeln, Hinhören und weitersagen.“ Das ist für die Ladenkirche und ihr ehrenamtliches Mitarbeiterteam ebenso Programm, wie die Aufschrift des Schildes, das über dem Eingang hängt. „Einge-Laden-Kirche-zu-erleben“ steht da. „Hier hin kommen auch viele Menschen, die niemals die Klinke eines Pfarrbüros drücken würden“, weiß Johannes Valkyser. Besonders dankbar ist er für den Einsatz seiner Kollegin Elke Timmer, die die kleine Ladenkirche regelmäßig mit christlichen Büchern und Grußkarten oder mit Kreuzen, Kommunion- und Osterkerzen bestückt. „Denn diese Dinge sind für uns oft wichtige Türöffner, durch die Menschen erst in die Ladenkirche eintreten und dann mit uns ins Gespräch kommen.

Rolf Völker und Wolfgang Feldmann treffen bei ihren Stunden in der Ladenkirche, die früher mal ein Buchladen war, immer wieder auf „kirchenferne und kirchenkritische Menschen, die sich aber durchaus als religiös begreifen.“ Oft haben sie das Gefühl, in ihren Gesprächen das ausbügeln zu müssen, was so manche hauptamtlichen Kirchenvertreter an Verletzungen hinterlassen haben. Das reicht von ganz allgemeiner Kirchenkritik (á la Missbrauchsfälle und Tebartz van Elst) bis hin zu ganz persönlichen Negativerfahrungen mit Priestern, die als Seelsorger nicht da waren, als sie gebraucht wurden oder im Gespräch den falschen Ton getroffen haben. Weil es schon aus demografischen Gründen in Zukunft weniger Kirchen geben wird, werden Ladenkirchen in den Augen Wolfgang Feldmanns als niederschwelliger „Zugang zur Kirche tendenziell immer wichtiger, weil wir als Christen Menschen nichts Wertvolleres schenken können, als Zeit und Zuwendung.“ Für seinen Kollegen Johannes Valkyser geht es in der Ladenkirche vor allem darum, „deutlich zu machen, dass der Mensch in der katholischen Kirche immer wichtiger ist, als das Kirchenrecht.“

Auch wenn die katholische Ladenkirche, nicht zuletzt dank ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter und großzügiger Spenden zehn gute Jahre erlebt hat, kann sich Wolfgang Feldmann für die Zukunft schon aus finanziellen Gründen auch eine ökumenische Ladenkirche vorstellen. „Das war schon vor zehn Jahren mal im Gespräch, ist dann aber (nicht an uns) gescheitert“, erinnert sich Feldmann. Er ist überzeugt: „Was aber gestern nicht möglich war, kann, wie in der Politik durch Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen vielleicht morgen oder übermorgen Wirklichkeit werden.“

Die 2011 mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnete Katholische Ladenkirche am Mülheimer Kohlenkamp 30, die im November 2004 auf eine Initiative des damaligen Stadtdechanten Manfred von Schwartzenberg und des damaligen Katholikenratsvorsitzenden Wolfgang Feldmann zurückging, ist montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet. Täglich findet dort um 12 Uhr eine Andacht statt. Am ersten Dienstag im Monat lädt die Ladenkirche von 12 bis 14 Uhr zu einer Priestersprechstunde und am letzten Donnerstag des Monats um 18.15 Uhr zu einem theologischen Gesprächskreis ein. Außerdem bieten die Caritas, die KAB und die örtliche Seelsorge für Seh- und Hörgeschädigte regelmäßige Beratungsstunden an. Telefonisch ist die Ladenkirche unter der Rufnummer: 02 08/29 99 678 erreichbar.
Dieser Text erschien am 6. Dezember 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 22. Dezember 2014

Bürgerarbeit: Eine zweite Chance für den Arbeitsmarkt vor dem Aus


„Der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare fordert einen sozialen Arbeitsmarkt, aber die Große Koalition hat es versäumt, rechtzeitig ein Nachfolgeprogramm für die auslaufende Bürgerarbeit aufzulegen“, ärgert sich der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer.

In der Spitze beschäftigte das Diakoniewerk 70 aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommende Bürgerarbeiter, die zum Beispiel in der Kantine, an der Tafel, im Textil- und Secondhand-Verkauf, im Fuhrpark, in der Schreinerei oder bei Wohnungsauflösungen eingesetzt wurden. Zurzeit sind es noch 35. Nur 15 von ihnen können mit Eigenmitteln des Diakoniewerks und Fördermitteln der Sozialagentur zwei Jahre lang weiterbeschäftigt werden. Auch wenn der Wegfall der Bürgerarbeiter beim Diakoniewerk mit einigen Überstunden anderer Kollegen ausgeglichen werden kann, macht es aus Schreyers Sicht keinen Sinn, „dass der Steuerzahler mehr Geld dafür bezahlt, Langzeitarbeitslose mit massiven Vermittlungshindernissen zu Hause sitzen zu lassen, statt sie mit einem 20-prozentigen Arbeitgeberanteil sinnvoll zu beschäftigen.“

Sinnvoll beschäftigt sind zumindest bis Ende des Jahres die 15 Bürgerarbeiter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), die als Mobilitätsassistenten Senioren und Behinderte in Bus und Bahn begleiten. Die MVG prüft, wie sie mit Eigenmitteln und Fördermitteln der Sozialagentur ihren beliebten Begleitservice aufrechterhalten kann. Im MVG-Aufsichtsrat steht das Thema am 1. Dezember auf der Tagesordnung. Den Aufsichtsräten soll ein Vorschlag vorliegen, wonach der Begleitservice der MVG mit 7 statt mit bisher 15 Mitarbeitern fortgesetzt werden könnte.

Glück hat eine Bürgerarbeiterin der Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia), die im neuen Jahr als fest angestellte Verwaltungsmitarbeiterin übernommen wird, während ein Kollege in der Styrumer Radstation gehen muss und seine Arbeit durch seine vier Kollegen mit gemacht werden muss.

Die Mülheimer Seniorendienste beschäftigen immerhin zwei ihrer zeitweise neun Bürgerarbeiter als Alltagsbetreuer und Altenpflegehelferin in den städtischen Altenheimen weiter. Einen Serviceverlust fürchtet Geschäftsführer Alexanders Keppers durch den Wegfall der letzen beiden Bürgerarbeiter nicht, „weil unsere Stellen derzeit alle besetzt sind.“

„Das ist schon grenzwertig. Wir wissen noch nicht, ob wir unsere Öffnungszeiten im bisherigen Umfang aufrecht erhalten können“, sagt dagegen der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, mit Blick auf die Bürgerarbeiterin, die nur noch bis Ende 2014 die hauptamtliche Mitarbeiterin der Awo-Seniorentagesstätte an der Bahnstraße unterstützen kann.

„Der SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare fordert einen sozialen Arbeitsmarkt, aber die Große Koalition hat es versäumt, rechtzeitig ein Nachfolgeprogramm für die auslaufende Bürgerarbeit aufzulegen“, ärgert sich der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer.

In der Spitze beschäftigte das Diakoniewerk 70 aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommende Bürgerarbeiter, die zum Beispiel in der Kantine, an der Tafel, im Textil- und Secondhand-Verkauf, im Fuhrpark, in der Schreinerei oder bei Wohnungsauflösungen eingesetzt wurden. Zurzeit sind es noch 35. Nur 15 von ihnen können mit Eigenmitteln des Diakoniewerks und Fördermitteln der Sozialagentur zwei Jahre lang weiterbeschäftigt werden. Auch wenn der Wegfall der Bürgerarbeiter beim Diakoniewerk mit einigen Überstunden anderer Kollegen ausgeglichen werden kann, macht es aus Schreyers Sicht keinen Sinn, „dass der Steuerzahler mehr Geld dafür bezahlt, Langzeitarbeitslose mit massiven Vermittlungshindernissen zu Hause sitzen zu lassen, statt sie mit einem 20-prozentigen Arbeitgeberanteil sinnvoll zu beschäftigen.“

Sinnvoll beschäftigt sind zumindest bis Ende des Jahres die 15 Bürgerarbeiter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), die als Mobilitätsassistenten Senioren und Behinderte in Bus und Bahn begleiten. Die MVG prüft, wie sie mit Eigenmitteln und Fördermitteln der Sozialagentur ihren beliebten Begleitservice aufrechterhalten kann. Im MVG-Aufsichtsrat steht das Thema am 1. Dezember auf der Tagesordnung. Den Aufsichtsräten soll ein Vorschlag vorliegen, wonach der Begleitservice der MVG mit 7 statt mit bisher 15 Mitarbeitern fortgesetzt werden könnte.

Glück hat eine Bürgerarbeiterin der Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia), die im neuen Jahr als fest angestellte Verwaltungsmitarbeiterin übernommen wird, während ein Kollege in der Styrumer Radstation gehen muss und seine Arbeit durch seine vier Kollegen mit gemacht werden muss.

Die Mülheimer Seniorendienste beschäftigen immerhin zwei ihrer zeitweise neun Bürgerarbeiter als Alltagsbetreuer und Altenpflegehelferin in den städtischen Altenheimen weiter. Einen Serviceverlust fürchtet Geschäftsführer Alexanders Keppers durch den Wegfall der letzen beiden Bürgerarbeiter nicht, „weil unsere Stellen derzeit alle besetzt sind.“

„Das ist schon grenzwertig. Wir wissen noch nicht, ob wir unsere Öffnungszeiten im bisherigen Umfang aufrecht erhalten können“, sagt dagegen der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink, mit Blick auf die Bürgerarbeiterin, die nur noch bis Ende 2014 die hauptamtliche Mitarbeiterin der Awo-Seniorentagesstätte an der Bahnstraße unterstützen kann.
 
Dieser Text erschien am 19. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. Dezember 2014

Die Jüdische Gemeinde zwischen Baustellen und Lichtblicken: Ein Gespräch mit ihrem Geschäftsführer Michael Rubinstein

Am 16. Dezember feierte die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen den ersten Tag ihres achttägigen Lichterfestes Channukka auch auf dem Synagogenplatz. Dann werden der neue Vorstandsvorsitzende der Gemeinde Dmitrij Yegudin und der neue Gemeinderabbiner Reuven Konnik zusammen mit Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld die erste von acht Festtagskerzen entzünden. Zur Feier des Tages wird auch der Gemeindechor singen und Fettgebackenes gereicht. Das jüdische Lichter- und Familienfest Channukka erinnert an ein Wunder. Als 164 vor Christus der 2. jüdische Tempel in Jerusalem nach einer Verwüstung durch die Syrer wieder eingeweiht wurde, reichte das Olivenöl zum Entzünden des siebenarmigen Kerzenleuchters, dessen Licht nicht erlöschen sollte, eigentlich nur für einen Tag. Doch durch eine wunderbare Ölvermehrung brannten die Kerzen acht Tage, solange, bis neues Olivenöl hergestellt und herangeschafft werden konnte.

Wenn sich der Geschäftsführer der 2700 Mitglieder zählenden Gemeinde, Michael Rubinstein, heute ein Wunder wünschen könnte, wäre es wohl das einer wunderbaren Geldvermehrung. „Wie andere Gemeinden müssen wir uns heute auch fragen, was wir leisten wollen, was wir leisten müssen und was wir leisten können“, sagt Rubinstein.

Den größten finanziellen Brocken, den die Gemeinde derzeit schultern muss, ist die 1,8 Millionen Euro teure, Betonsanierung ihres Gemeindezentrums im Duisburger Innenhafen. Dagegen nehmen sich die 30?000 Euro, die die Gemeinde in diesem Jahre in ihren Friedhof an der Gracht investieren musste, um ihre Friedhofskapelle zu restaurieren und Sturmschäden zu beseitigen, geradezu bescheiden aus.

Die Jüdische Gemeinde, die in Mülheim rund 750 Mitglieder hat, betreibt neben ihrem Gemeindezentrum mit seinen religiösen, kulturellen und sozialen Veranstaltungen auch eine Kindertagesstätte, in der 45 Kinder betreut werden, ein Jugendzentrum und eine umfangreiche Sozialberatung, die in Mülheim beim Diakonischen Werk am Hagdorn angesiedelt ist.

„Im Jahr 2014 liegt der Finanzbedarf für unsere Aktivitäten, Einrichtungen und 25 hauptamtlichen Mitarbeiter bei rund 1,6 Millionen Euro“, schätzt Geschäftsführer Rubinstein. Die Gemeindearbeit finanziert sich aus der Kultussteuer, die ihre Mitglieder zahlen und die, wie bei der christlichen Kirchensteuer einen Aufschlag von neun Prozent der Einkommenssteuer ausmacht, sowie aus zum Teil projektbezogenen Fördermitteln der Kommunen, des Landes und des Bundes. Die Stadt Mülheim unterstützt zum Beispiel den jüdischen Gemeindekindergarten mit jährlich 1400 Euro. Bei außergewöhnlichen Belastungen, wie jetzt durch die Betonsanierung ihres Zentrums, kommt die Gemeinde aber nicht ohne Kredite, Stiftungsmittel und Spendenaktionen aus.

Dass dem im Februar 2014 neugewählten Gemeindevorstand nur noch Mitglieder angehören, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben, erklärt Rubinstein damit, dass dies auf 97 Prozent der Gemeindemitglieder zutrifft. Denn durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, die nach 1989 einsetzte, wuchs die Gemeinde von 118 auf 2700 Mitglieder an.

Die Tatsache, dass inzwischen 1052 von 2700 Gemeindemitgliedern über 60 sind, zeigt, dass der demografische Wandel und ein damit verbundener Schrumpfungsprozess auch in der Jüdischen Gemeinde angekommen ist. Zwölf Sterbefällen und zehn Austritten standen 2014 acht Neuzugänge entgegen. Der Umgang mit dementiell veränderten, pflegebedürftigen oder behinderten Familienangehörigen wird zunehmend zum zentralen Thema der gemeindlichen Sozialarbeit. Hinzu kommt, wenn auch mit abnehmender Tendenz, der Bedarf an Sprachförderung. Vor allem die jüngeren Gemeindemitglieder sprechen heute selbstverständlich deutsch und russisch.

Als positives Signal sieht Rubinstein, dass der neue Gemeindevorstand wöchentliche Sprechstunden abhält, eine zentrale Servicenummer eingerichtet hat, die Gemeindezeitung sechs statt zweimal pro Jahr erscheinen lässt und mit Moshe Werner erstmals einen hauptamtlichen Jugendleiter eingestellt hat.

Dieser Text erschien am 12. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

Mittwoch, 17. Dezember 2014

So gesehen: Selbst ist der Mann

Früher wussten Studenten, die Geld brauchten, was sie im Dezember zu tun hatten. Ein Anruf bei der Nikolaus-Vermittlung des Arbeitsamtes reichte. Heute heißt das Arbeitsamt Agentur für Arbeit, hat aber wie man hört, gar keine Nikoläuse mehr im Angebot, die zu einem nach Hause kommen und nicht nur den lieben Kleinen bei Bedarf die Leviten lesen, um sie anschließend Besserung geloben zu lassen und zum guten Schluss zu beschenken. Offensichtlich braucht man heute keinen Nikolaus vom Amt, weil es heute an allen Ecken und Enden selbst berufene Nikoläuse gibt und in jedem Mann eben auch ein Weihnachtsmann steckt. Wie sagte doch jüngst Kabarettist Stefan Bauer: Erst glaubt man an den Nikolaus, dann nicht mehr und dann ist man selbst der Nikolaus.

Dieser Text erschien am 10. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 14. Dezember 2014

So gesehen: Der Nikolaus und seine Nachfolger

Der Nikolaus lebt. Ich sah ihn gestern auf der Schloßstraße. Er ging an einem Rollator. Der Mann kommt ja auch in die Jahre.

Ob es der leibhaftige Nikolaus war, muss natürlich stark bezweifelt werden. Denn der heilige Bischof Nikolaus von Myra hat ja im 3. und 4. Jahrhundert gelebt.

Doch wenn gestandene Männer anno 2014 unter eine Nikolausmütze schlüpfen und mit rockiger Adventsmusik im Ohr am helllichten Tag über die Schloßstraße wandeln, zeigt das die Langlebigkeit von Schutzheiligen. Im Falle von Nikolaus profitieren vor allem Kinder und Seeleute vom Schutz des Heiligen.

Vielleicht war sein jahreszeitgemäß behüteter und beschallter Nachfolger ja gerade auf der Schloßstraße unterwegs, um ein kleines Geschenk für seine Enkel einzukaufen und damit den Einzelhandel in der Innenstadt anzukurbeln. Den dort oft gebeutelten Händlern kommt jeder Nikolaus gerade recht, wenn er etwas bei ihnen kauft, mit dem er seine lieben Kleinen beschenken und ihre Kassen klingeln lassen kann.

Denn von den Seh-Leuten und Weihnachtsmännern, die nur in ihre Auslagen und Schaufenster gucken, ohne einzukaufen, haben sie am Ende des Tages nichts, weil sie ins Schwimmen kommen, wenn die Kasse nicht stimmt. Insofern ist der Nikolaus heute eben nicht nur Patron der Kinder und Seeleute, sondern als Konjunkturlokomotive auch Nothelfer der Kaufleute.


Dieser Text erschien am 4. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 13. Dezember 2014

Warum gehen Menschen heute noch ins Kloster? oder: "Unser Leben ist die beste Werbung"; Ein Rückblick auf die Saarner Klostergespräche

Moderator Jens Oboth im Gespräch mit
Schwester Regina Grefrath, Pater Primin Holzschuh
und Schwester Bengina Berens
Warum gehen Menschen heute ins Kloster? Wie funktioniert Klosterleben im 21. Jahrhundert? Diesen Fragen gingen jetzt die Saarner Klostergespräche nach. Zum Abschluss des Jubiläumsjahres 800 Jahre Kloster Saarn luden sich die Klosterfreunde und die katholische Akademie Die Wolfsburg mit der Franziskusschwester Benigna Berens (81), dem Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh (46) und der Augustiner Chorfrau Regina Greefrath (31) Ordensleute aus drei Generationen ein.

Über alle Altersgrenzen hinweg zeigte sich schnell, dass die Ordensleute viel verbindet, wenn man sie, wie Moderator Jens Oboth und die rund 60 Gäste im Bürgersaal von Kloster Saarn zu den Motiven ihres Klosterlebens befragt. Von der Kraft des Gebetes und der Gemeinschaft war immer wieder die Rede. „Das Vier-Augen-Gespräch mit Gott macht mir immer wieder den Kopf frei“, unterstrich Schwester Benigna Berens. Die ehemalige Generaloberin ihres Ordens sieht ihren eigenen Lebens- und Glaubensweg als „eine Prozession, in der ich nicht vorweg oder hinter her, sondern mit ganz vielen anderen Menschen gemeinsam mittendrin gehe.“

Gleichzeitig weiß sie aus ihrem langen Ordensleben, das 1956, also noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann: „Jeder muss seinen eigenen Weg gehen, sein eigenes Leben leben und seinen eigenen Tod sterben.“ Sie selbst tut es aus einem Gefühl des Getragenseins und im Vertrauen auf das Jesus-Wort: „Wer da lebt und an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Mit Blick auf die Nachwuchsprobleme, die nicht nur ihre eigene in der Familienpflege tätige Ordensgemeinschaft hat, gibt sie sich keinen Illusionen hin: „Keine Ordensgemeinschaft hat ein ewiges Leben. Sie muss immer wieder die Zeichen der Zeit erkennen und auf die Nöte der Zeit antworten“, sagt sie.

Die 15 Essener Franziskusschwester haben schon manchen  schmerzlichen Strukturwandel durchleben müssen. Sie haben Kliniken aufgeben und sich ganz auf die Familienpflege konzentrieren müssen, wobei die Hilfesuchenden, etwa in der Suchttherapie, heute den Weg ins Kloster finden müssen und nicht mehr von den älter gewordenen Ordensfrauen aufgesucht werden.

Die haben unter anderem eine Stiftung ins Leben gerufen, die ihre Arbeit finanziell absichern und auch dann fortsetzen soll, wenn es ihre Ordensgemeinschaft vielleicht einmal nicht mehr geben wird.

Dabei hat nicht nur Schwester Benigna das Gefühl, dass das Klosterleben auch Menschen aus der stark individualisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts durchaus fasziniert. „In einer Fernsehserie, wie ‚Um Himmels Willen‘ kommen Ordensfrauen und ihr Einsatz für bedrängte Menschen ja ganz gut weg“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Auch der Zisterzienser-Prior Pater Pirmin Holzschuh, der 2001 in den Orden eintrat und 2006 seine Gelübde ablegte, macht angesichts der rund 1400 Gäste, die jährlich, etwa zu Besinnungstagen oder zur Jugend-Virgil ins Kloster Stiepel kommen die Erfahrung, dass Klosterleben „mit seinem strikten und geregelten Tagesablauf“ auch und gerade auf Menschen in eine zunehmend säkularisierten Welt anziehend wirkt.

Allein schon in seinem Ordenskleid, mit dem er aus dem üblichen Rahmen fällt, sieht und spürt er die Ausstrahlung und das Getragensein durch eine Klostergemeinschaft, die sich nicht nur zu regelmäßigen Gebet versammelt, „sondern sich auch immer wieder fragt: Was braucht die Stadt, in der wir leben?“ und deshalb auch hinaus in Gemeindeseelsorge geht.

Mit der jungen Augustiner Chorfrau Regina Greefrath, die erst im Oktober ihre ewige Profess abgelegt hat, ist sich Holzschuh einig, dass das zufriedene Leben in einer Ordensgemeinschaft auch davon abhängt, „dass du immer jemanden hast, dem du alles sagen kannst.“

Schwester Benigna erinnert sich noch gut an den Wandel des Klosterlebens, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren verbunden war. „Damals wurde die Drohbotschaft zur Frohen Botschaft und neben dem verlorenen Sohn trat der barmherzige Vater verstärkt in den Blick. Vorher sprach man nur selten über den eigenen Glauben und viele Entscheidungen wurden von den Ordensoberen über die Köpfe der betroffenen Ordensfrauen hinweg getroffen“, berichtet sie.

Auch Schwester Regina will den gelobten Gehorsam heute „nicht als blinden Gehorsam“ verstanden wissen und berichtet vom anregenden Dialog, mit dem sich ihre 31- bis 86 Jahre alten Mitschwestern mit ihrer jeweiligen Lebenserfahrung gegenseitig stützen und bereichern.

Haben denn auch Glaubenszweifel Platz im Kloster? „Wer nicht auch mal am Glauben zweifelt, tritt auf der Stelle und kann nicht wachsen und reifen“, sagt Schwester Regina. Wie ihre Glaubensgeschwister aus dem Zisterzienser- und dem Franziskannerinnenorden musste auch die junge Augustiner Chorfrau eine lange Selbstprüfung durchleben, ehe sie für sich die Entscheidung treffen konnte, dass das Ordensleben für sie der richtige Weg sei.

Als Schülerin der Essener BMV-Schule, an der sie heute als Lehrerin unterrichtet, lernte sie die Augustiner Chorfrauen kennen. Nach den ersten Exerzitien mit ihnen konnte sie verstehen, „dass Frauen so leben wollen.“ Doch es sollten noch einige Jahre vergehen, in denen sie Theologie und Spanisch studierte und sich unter anderem auf den Jakobsweg machte, ehe sie den Weg ins Kloster fand. Auch Pater Pirmin, der aus einer bayerischen Landwirtsfamilie stammt, wusste erst nach etlichen Berufsjahren als Tischler und Kaufmann in der Holzwirtschaft, dass er Priester und Ordensmann werden wollte. Und Schwester Benigna war vor ihrem Ordensleben kaufmännische Angestellte und Finanzbuchhalterin, ehe sie Ordensfrau wurde und eine Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin machte, die sie später unter anderem zur Laborleiterin werden lassen sollte.

Auch wenn sich Schwester Regina mit Pater Pirmin darin einig ist, „dass ein Kloster heute auch eine gepflegte Homepage braucht“, um interessierten Ordensnachwuchs anzusprechen, ist Schwester Regina davon überzeugt: „Unser Leben ist die beste Werbung!“ Und dieses Leben, etwa an der BMV-Schule, hat eben auch dazu geführt, dass nach ihrer Profess jetzt bereits die nächste Postulantin das Ordensleben für sich entdeckt. Auch Pater Pirmin kann von sechs Kandidaten in seiner Ordensgemeinschaft berichten, die derzeit insgesamt 90 Ordensbrüder zählt. Doch die Ordensfrauen und der Ordensmann aus Essen und Bochum machen auch deutlich, dass trotz des akuten Nachwuchsmangels auch heute weiß Gott nicht jeder vermeintliche Interessent in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wird, der an die Klosterpforte klopft. Denn in so manchem Fall stellt sich die Bitte um Aufnahme ins Kloster nach eingehender Prüfung nicht als religiös, sondern als sozial motiviert heraus. Im Klartext: Einige Klosterbrüder und Schwestern in spe wollen ihr Leben nicht Gott weihen und in einer Ordensgemeinschaft beten, glauben und arbeiten, sondern einfach nur gut versorgt sein

Dieser Text erschien am 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 8. Dezember 2014

Sterbehilfe oder Sterbebegleitung? Eine Diskussion in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg über die Frage: Was ist der Mensch?

Nichts ist so sicher, wie der Tod. „Hier geht es um die Frage: Was ist der Mensch?“, sagt Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bei einer Diskussion zum Thema Sterbehilfe. Eingeladen dazu hat die Katholische Akademie Die Wolfsburg. Ihr Auditorium ist mit 350 Zuhörern fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele der interessierten Gäste, die die Politiker, Theologen, Juristen und Mediziner auf dem Podium befragen, haben als Seelsorger, Mediziner, Pflegekräfte oder ehrenamtliche Hospizmitarbeiter einen sehr persönlichen Zugang zum Thema.

Die zweieinhalbstündige Diskussion verläuft nicht kontrovers. Sie ist eher ein gemeinsames Nachdenken und Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten. Zu diesem Gemeinsamkeiten zwischen den Fachleuten auf dem Podium und im Publikum gehören die Einsicht, dass wir in Deutschland keine aktive Sterbehilfe, sondern den Ausbau der stationären und ambulanten Versorgung sterbender Menschen brauchen, die die Angst vor Schmerzen und Einsamkeit auf dem letzten Weg nimmt und nicht nur die Patienten, sondern auch ihre pflegenden Angehörigen entlastet.

Der Essener Klinikdirektor des Geriatriezentrums Haus Berge, Hans-Georg Nehm, zitiert den Philosophen Hans-Georg Gadamer, wenn er sagt: „Geborgenheit schafft Gesundheit.“ Das gilt, darin sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig, im übertragenen Sinn auch für den sterbenden Menschen, den es, wie das Wort Palliativmedizin sagt, zu ummanteln und von Schmerzen zu befreien gilt. „Es geht nicht um Sterbehilfe, sondern um Sterbebegleitung. Wir brauchen eine sorgende Gesellschaft, in der sich auch sterbende Menschen akzeptiert und nicht überflüssig fühlen. Denn dort wo Menschen Hilfe erfahren, wird auch der Wille zum Leben gestärkt und kommt der Gedanke an Suizid erst gar nicht auf“, stellt die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese fest. Die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, ist sich mit ihrem Kollegen Volker Beck von den Grünen darin einig, „dass Sterbehilfe nicht zu einer Regeldienstleistung werden darf.“ Deshalb plädieren sie auch für ein Verbot von kommerziell aktiven Sterbehelfern und Sterbehilfevereinen.

Für Andreas Jurgeleit, Richter am Bundesgerichtshof ist das aktuelle Recht, das aus dem Jahr 2009 stammt, „gut, wie es ist.“ Nur die aktive Sterbehilfe, also das Töten auf Verlangen und kommerzielle Sterbehilfe will auch er verboten wissen. Jurgeleit weist darauf hin, dass das geltende Recht schon heute passive Sterbehilfe und die selbstbestimmte Entscheidung des Patienten darüber, ob und wie behandelt werden soll, ausdrücklich zulässt. Klärungsbedarf, darin sind sich der Jurist Jurgeleit und der Berliner Palliativmediziner und Schmerztherapeut Christoph Müller-Busch einig, gibt es dagegen im ärztlichen Standesrecht, wenn es darum geht, ob die grundsätzlich straffreie Beihilfe zum Suizid Ärzten durch ihre jeweilige Ärztekammer verboten oder erlaubt werden soll.

„Zwischen dem Wunsch der Versorgungslücke klafft eine riesige Lücke“, räumt Müller-Busch mit Blick auf die ambulante und stationäre Palliativmedizin ein. Er fordert: „Wir müssen in Personal und damit die Herstellung von persönlicher Nähe durch Zeit und Zuwendung investieren.“ Der Mediziner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass gerade mal 0,3 Prozent der deutschen Gesundheitskosten im Bereich der Palliativmedizin entstehen und nur 60.000 von jährlich insgesamt 870.000 Sterbenden in Deutschland in einem Hospiz sterben. „Die meisten Menschen sterben heute immer noch auf einer Intensivstation“, weiß Müller-Busch.

„Das schnelllebige Krankenhaus ist kein Ort zum Sterben, aber die ambulanten Versorgungsstrukturen sind bei uns noch nicht belastungsfähig und müssen finanziell besser ausgestattet werden“, beschreibt Volker Beck das Grundproblem. Er wünscht sich ein palliatives Pflegenetzwerk, in dem mehr Menschen wieder zu Hause sterben können, weil ihre Angehörigen und sie in ihrer ambulanten Pflegesituation auf das Know How von Kliniken und Pflegediensten zurückgreifen und so nicht immer wieder in die Klinik müssen.

Würde der Deutsche Bundestag, der sich nach einer ersten Orientierungsdebatte bis Ende 2015 Zeit für eine Entscheidung nehmen will, die Option einer aktiven Sterbehilfe einrichten, wie es sie bereits in den Niederlanden, in Belgien, in der Schweiz oder im US-Bundestaat Oregon gibt, hätte in den Augen von Ruhrbischof Franz Josef Overbeck massive Folgen für das Selbstbestimmungsrecht der sterbenden Menschen. „Ihre Autonomie würde dann massiv unter Druck gesetzt, weil dann für sie immer die Frage im Raum stünde: Wie lange darf ich zur Last fallen? Was viel darf ich kosten?“ Diesen Rechtfertigungsdruck sieht auch der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff vom Deutschen Ethikrat. Mit Blick auf die Erfahrungen mit dem Paragrafen 218 warnt er vor einer schleichenden Verschiebung von Rechtsnormen und betont: „Der Respekt vor dem Leben und sein Schutz müssen in einem Rechtsstaat immer an erster Stelle stehen.“

Auch die Politiker Beck und Griese sind sich mit Schockenhoff darin einig, dass wir in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen an einem Bewusstseins- und Wertewandel arbeiten müssen, damit Krankheit, Hilfsbedürftigkeit und Tod wieder stärker als selbstverständlicher Bestandteil des menschlichen Lebens akzeptiert wird. Die beste Vorbereitung auf den Ernstfall sieht der Jurist Andreas Jurgeleit darin, möglichst frühzeitig mit Angehörigen und potenziellen Bevollmächtigten darüber zu sprechen, wie man sterben möchte, wie man über Leben und Tod denkt und was man auf keinen Fall möchte. „Nutzen Sie dafür nicht nur die Formulare einer Patientenverfügung, sondern schreiben sie das auch mit Ihren eigenen Worten auf“, rät Jurgeleit

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck, der durch eine Krebserkrankung selbst mit Frage von Leben und Tod konfrontiert worden ist, lässt am Ende der Diskussion noch einmal die christliche Hoffnung aufleuchten, „dass das Leben ein Geschenk Gottes ist und der Tod für uns deshalb kein Ende, sondern ein Durchgang ist, in dem es auf Gott zugeht.“

Dieser Text erschien im Neuen Ruhrwort vom 29. November 2014

Samstag, 6. Dezember 2014

Der Bund stellt zusätzliches Geld für die Flüchtlingshilfe der Kommunen bereit: Was könnte das für Mülheim bedeuten?

Gute Nachrichten aus Berlin. Bund und Länder haben sich gestern im Bundesrat darauf geeinigt, dass der Bund in den kommenden beiden Jahren jeweils 500 Millionen Euro bereitstellen soll, um die Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge finanziell zu unterstützen.

Was bedeutet das für Mülheim? Obwohl der genaue Verteilungsschlüssel der Mittel noch nicht feststeht, kann sich der stellvertretende Leiter des Sozialamtes, Thomas Konietzka, vorstellen, dass Mülheim mit rund einer Million Euro aus der Bundeskasse rechnen könnte.

Diese Prognose ergibt sich aus dem Verteilungsschlüssel für die Aufnahme der Flüchtlinge. Aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl muss Nordrhein-Westfalen derzeit ein gutes Fünftel aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Deutschland kommen. Mülheim muss wiederum aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl ein Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen, die nach Nordrhein-Westfalen kommen.

Demnach würden NRW 100- von 500 Millionen Euro aus der Bundeskasse zustehen. Und Mülheim bekäme eine dieser Millionen Euro, die nach NRW fließen.

„Das hilft uns natürlich immer. Und ich finde es gut, dass das Thema und der Finanzbedarf der Kommunen in Berlin angekommen ist“, sagt Konietzka. Gleichzeitig bezweifelt er, dass wir damit „zu einer wirklich auskömmlichen Finanzierung kommen werden.“

Denn wenn die Sozialleistungen für Asylbewerber, wie geplant, verbessert werden sollen, wird das die Kommunen zusätzlich finanziell belasten. Der Zeit erhält der Haushaltsvorstand einer Flüchltlingsfamilie monatlich 330 Euro und damit rund 30 Euro weniger als ein deutscher Arbeitslosengeld-II-Empfänger.

Außerdem stellt sich für Konietzka die Frage, „ob das Land, das die Hälfte der Bundesmittel in den nächsten 20 Jahren zurückzahlen muss, die Städte an dieser Rückzahlung beteiligen wird.“ Zurzeit wendet die Stadt sieben Millionen Euro für Flüchtlingshilfen auf und bekommt davon eine Million Euro durch das Land erstattet. 2015 sollen es 1,4 Millionen Euro werden. Derzeit leben in Mülheim rund 900 Flüchtlinge. Ihre Zahl wird 2015 voraussichtlich auf 1300 ansteigen.


Dieser Text erschien am 29. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 1. Dezember 2014

Auf ein Wort: Der Kabarettist Kai Magnus Sting ist so frei

2013 hielt er die Laudatio auf seinen Kabarettkollegen Rene Steinberg. Am 29. November wird der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting von den Mülheimer Karnevalisten beim Prinzenball selbst mit der Spitzen Feder für seine Verdienste um das freie und offene Wort ausgezeichnet. Deshalb bat ihn in der NRZ auf ein Wort.

Frage: Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit der Spitzen Feder?

Antwort: Ich freue mich über diese Auszeichnung, weil sie mir zeigt, dass das, was ich seit vielen Jahre als Alltagskabarettist mache, Menschen gefällt und sein Publikum findet. Und Publikum ist das wichtigste, was ein Künstler braucht.

Frage: Was verbindet Kabarett und Karneval?

Antwort: Ob mit einem Lied, in einer Büttenrede oder bei einer Kabarettnummer. Immer geht es darum Menschen eine gute Geschichte zu erzählen, die sie nicht nur unterhält, sondern sie auch dazu bringt ihren Alltag einmal unter einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Gutes Kabarett und guter Karneval hält Menschen immer auch den Spiegel vor und bringt sie im besten Fall dazu, auch über sich selbst zu lachen. Denn Selbstreflexion ist der Kern des Humors.

Frage: Braucht man heute noch Mut für ein freies Wort?

Antwort: Man braucht zu jeder Zeit freie Geister, die ein freies Wort aussprechen, um gesellschaftliche Gegebenheiten kritisch zu hinterfragen. Ein Land, das seinen freien Geistern einen Maulkorb anlegt, ist ein armes Land. Wenn man in unserem Land zum Beispiel die Bundeskanzlerin kritisiert, ist das kein Problem. Bei der Kritik an Personen, Positionen oder Produkten aus der Wirtschaft kann das schon anders sein, weil die Wirtschaft heute nicht nur die Vorgehensweise der Politik, sondern zum Beispiel über die Werbung auch die Medien beeinflusst.

Dieser Text erschien am 13. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 30. November 2014

Nachhaltig christlich: Das Mülheimer Barbaramahl unterstützt die örtliche Hospizarbeit


Wie können wir etwas schaffen, was im christlichen Sinne nachhaltig wirkt? Aus der Antwort auf diese im Kulturhauptstadtjahr 2010 vom Bochumer Katholikenrat gestellte Frage entstand das Barbaramahl, das inzwischen zweimal in Bochum, einmal in Bottrop und einmal in Mülheim stattgefunden hat. Ziel dieses Mahles, zu dem Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Ruhrbistums eingeladen werden, ist die finanzielle Unterstützung der Hospizarbeit. Denn die heilige Barbara ist nicht nur die Schutzpatronin der Bergleute, sondern auch der Sterbenden, der Flüchtlinge und der Verfolgten. Wolfgang Feldmann vom Kuratorium Barbaramahl schätzt, dass bei jedem Barbaramahl jeweils rund 10.000 Euro für die jeweilige Hospizarbeit vor Ort gesammelt werden konnten. Als er 2012 das Barbaramahl in der Mülheimer Stadthalle organisierte, kamen sogar 13.500 Euro als Reinerlös zusammen, der je zur Hälfte an das stationäre und an das ambulante Hospiz der Ruhrstadt übergeben werden konnte. Dass das Barbaramahl in diesem Jahr schon zum zweiten Mal in Mülheim stattfindet, führt Feldmann darauf zurück, „dass der organisatorische Aufwand doch immens ist und von vielen Katholikenräten gescheut wird.“ Umso dankbarer ist er dafür, dass mit der Gelsenkirchener Pfarrei St. Augustinus und ihrem Pfarrer Manfred Paas neue Gastgeber für das Barbaramahl 2015 gefunden haben.  

In diesem Jahr ist der Pfarrer von St. Barbara in Mülheim-Dümpten Gastgeber des Barbaramahls, das bei seiner fünften Neuauflage am 28. November gleich zwei Premieren erleben wird. Denn das Benefizmahl wird zum ersten Mal in einer Kirche abgehalten. Pfarrer von Schwartzenberg verschweigt nicht, „dass es daran auch einige Kritik aus der Gemeinde gab.“ Doch am Ende konnte er die Widerstände mit dem Hinweis überwinden, dass die Mahlgemeinschaft von der Hochzeit in Kana bis zum Abendmahl mit seinen Jüngern für Jesus von zentraler Bedeutung war und das es bis heute in der römischen Kirche Maria in Trastevere eine Armenspeisung  gibt, bei der sogar Kardinäle die Gäste bedienen.

Und so wurden wurden am 28. November die Kirchenbänke in St. Barbara am Schildberg zur Seite gerückt, um Platz für Tische und Stühle zu schaffen. Aktuell erwarten von Schwartzenberg und Feldmann 165 Gäste.

Wer den Weg zum Barbaramahl in der Mülheimer Barbarakirche fand, durfte sich nicht nur auf ein köstliches Menü mit vier Gängen, sondern auch auf ein klang- und gehaltvolles Barbara-Oratorium mit vier Akten freuen, das zwischen den Gängen zur Aufführung kam und die Heilige Barbara als Schutzpatronin der Verfolgten beleuchtete. Das Oratorium, dessen Text von Schwartzenberg und dessen Musik der Kirchenmusiker der Gemeinde, Burkhard Maria Kölsch, geschrieben haben, versteht der Pfarrer von St. Barbara als aktuelle Parteinahme für die verfolgten Christen in aller Welt. Er weist darauf hin, dass nach Angaben der Hilfsorganisation Open Doors (www.opendoors.de) derzeit Christen in mehr als 50 Ländern der Erde verfolgt werden.

So trugen die Kirchenchorsängerinnen von St. Barbara, die am Oratorium mitwirkten und gleichzeitig auch die Gäste bedienten, während der Aufführung die Fahnen der zwölf Länder tragen, in denen die Christenverfolgung, wie etwa in Syrien, im Iran, im Gaza-Streifen oder in Somalia, besonders ausgeprägt ist. „Ich bin zuhause in vielen Völkern und Nationen, zuhause bei Menschen ihrer Religionen, als ein Gedanke für das Leben, das Gott in Freiheit uns gegeben“, wird es denn auch im letzten Akt des neuen Barbara-Oratoriums heißen.

Manfred von Schwartzenberg und Wolfgang Feldmann lassen als Organisatoren des fünften Barbaramahls keinen Zweifel daran, dass neben dem bezahlten Einsatz eines Catering- und eines Umzugsunternehmens vor allem der ehrenamtliche Einsatz von 100 Chormitgliedern, zehn Pfadfindern und 16 Küchenfeen aus der Gemeinde das Barbaramahl in seiner außergewöhnlichen Form erst möglich machen. Weitere Informationen zum Barbaramahl und zum Barbara-Oratorium findet man unter: www.barbarakirche.de

Texte zu diesem Thema erschienen am 22. und 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort und in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 29. November 2014

Der neue Vorsitzende der Mülheimer SPD, Ulrich Scholten, will ein Kümmerer sein, der die Basis aktiviert und die Leute vor der Haustür abholt

Fast neun Monate war die Führungsfrage bei der Mülheimer SPD nicht geklärt, führten Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Partei-Vize Constantin Körner die Partei kommissarisch und suchten nach einem Nachfolger für den im April zurückgetretenen Parteichef Lothar Fink. Jetzt hat der Unterbezirksparteitag am Samstag in der Stadthalle mit Ulrich Scholten einen neuen Parteichef gewählt. 95,5 Prozent der Delegierten sagten Ja zu dem Mann aus Eppinghofen, der hauptamtlich seit 17 Jahren das Personalwesen der Salzgitter-Mannesmann-Grobblech GmbH leitet und seit 15 Jahren für die SPD im Rat sitzt, wo er unter anderem in den Ausschüssen für Finanzen, Stadtplanung und Bürgerangelegenheiten mitarbeitet. Scholten vereinte 126 Ja-Stimmen bei fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung auf sich.

Der gerade 57 Jahre alt gewordene Mülheimer sieht sich selbst als „Kümmerer.“ Worum er sich als Parteivorsitzender kümmern muss, weiß Scholten aus seiner eignen Biografie. Als er 1973 in die SPD eintrat, hatte sie in Mülheim rund 5000 Mitglieder und regierte die Stadt mit absoluter Mehrheit. Heute gibt es gerade noch 2000 Mülheimer Sozialdemokraten, die bei der Kommunalwahl im Mai zwar stärkste Partei wurden, aber doch nur bescheidene 31,5 Prozent der Stimmen errangen. Selbst als die SPD vor 20 Jahren im Gefolge der Güllenstern-Ruske-Affäre ihre jahrzehntelange absolute Mehrheit verlor, konnte sie noch 40,7 Prozent der Mülheimer Wähler hinter sich vereinigen.

„Wir müssen unsere Mitglieder motivieren und politisch sprachfähig machen“, sagt Scholten. „Wenn jeder Sozialdemokrat nur zehn Bekannte anspricht, erreichen wir schon 20?000 Menschen und wenn die wieder andere Menschen ansprechen, können wir die ganze Stadt erreichen“, rechnet der neue SPD-Chef vor. Mit ganz unterschiedlichen Menschen, „vom Pförtner bis zum Unternehmensvorstand so sprechen zu können, dass sie mich verstehen“, sieht der Personalleiter als eine seiner Stärken, die er auch in die Parteiarbeit einbringen will.

„Der Informationsfluss zwischen Partei,- Fraktion und Ortsvereinen muss besser werden, damit auch die Genossen an der Basis wissen, was der aktuelle Stand unserer Politik ist und wie sie argumentieren und ihre Nachbarn überzeugen können.“

Auch den Draht zu den Betriebsräten und Betriebsgruppen will der neue SPD-Chef wieder stärker aktivieren. Er selbst kam durch seinen in der SPD-Mannesmann-Betriebsgruppe aktiven Vater und durch charismatische Sozialdemokraten, wie Brandt, Schmidt und Wehner zur SPD. Aber Scholten weiß, dass sich die Zeiten seitdem radikal geändert haben. Damals arbeiteten allein bei Mannesmann noch 13.000 Menschen. Heute sind es nur noch 3000. Die SPD kann sich also nicht mehr nur auf ihre Wähler unter den Facharbeitern verlassen. „Damals war die Hälfte der SPD-Stadtverordneten Betriebsrat bei Mannesmann oder Siemens“, erinnert sich Scholten. „Heute haben wir eine extrem individualisierte Gesellschaft, in der viele Menschen glauben, dass sie alles selbst regeln können und keine starke Interessenvertretung mehr brauchen.“

Sie vom Gegenteil zu überzeugen, wird der SPD aus Scholtens Sicht nur dann gelingen, wenn sie zeitgemäße Formen der Kommunikation und der Parteiarbeit aufbaut, mit der sie Menschen ansprechen und begeistern kann, statt sie mit stundenlangen Sitzungen und Grundsatzdiskussionen abzuschrecken. „Wir müssen die Menschen vor der Haustür abholen und uns um die Probleme kümmern, die sie unmittelbar betreffen“, betont Scholten. Darüber hinaus müsse die SPD aus seiner Sicht strategische Zukunftsfragen, wie die Organisation der öffentlichen Personennahverkehrs oder die Gewinnung neuer Arbeitgeber überzeugend beantworten.


Dieser Text erschien am 24. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 27. November 2014

Wie in einem offenen Wohnzimmer: Im Jugendzentrum Stadtmitte wird Integration nicht gefordert, sondern gelebt und gefördert

Am 17. November verlieh der Integrationsrat der Stadt Mülheim, der 24 Mitglieder zählt, den mit 400 Euro dotierten Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration.
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
 
In Mülheim leben 168.000 Menschen aus mehr als 100 Nationen. Da hat integrationsfördernde Jugendarbeit, wie sie jetzt vom Integrationsrat auszeichnet worden ist, für die Stadtgesellschaft eine existenzielle Bedeutung. Wie die aussehen kann, zeigt ein Besuch im Jugendzentrum an der Georgstraße.

Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“

Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.

„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.

„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.

„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.

Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“

Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“

Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.

Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“


Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Priesterbild im Wandel

„Wie stellen wir uns als Gemeinden darauf ein und was macht das mit unserer Seelsorge?“ Das fragt sich nicht nur Theologe Jens Oboth, sondern auch seine Tagungsgäste in der katholischen Akademie Die Wolfsburg angesichts der nicht nur im Bistum Essen dramatisch gesunkenen Zahl von Priestern und Priesteramtskandidaten.  Gerade mal 14 junge Männer aus dem Bistum studieren zurzeit katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. Sie tun es seit 2012 nicht mehr in einem Priesterseminar des Bistums Essen. Das Bochumer Priesterseminar wurde mangels Masse mit dem des Bistums Münster zusammengelegt.

 „Viele Menschen kennen Priester heute nur noch aus Film oder Fernsehen“, sagt Lisa Kienzl. Die Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz muss es wissen, hat sie doch die mediale Inszenierung von Priesterbildern wissenschaftlich untersucht.

Es scheint eine Ironie der Geschichte. Je weniger die Kirche im Dorf und der Pfarrer samt Kaplan in der Kirche ist, desto größer wird das mediale Interesse an positiven Priesterfiguren. Ob Pater Brown oder Dornenvögel, ob Mit Leib und Seele, Sister Act oder Um Himmels Willen. Kienzl ist davon überzeugt, dass das kein Nachteil sein muss und betont: „Auch wenn das Priesterbild in vielen Filmen überhöht und idealisiert wird, kann doch auch das oberflächliche Interesse an Priestern und ihrer Arbeit ein Punkt sein, an dem Kirche anknüpfen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann, um ihr Interesse zu vertiefen.“

Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.


Reinhold formuliert es in seinem Vortrag unter anderem so:  „Der ideale Priester der Zukunft ist kein Idealbild, sondern ein realer Mensch mit einem reflektierten Wissen um seine eigenen Stärken und Schwächen.“ Wie Reinhold geht auch der in der unter anderem in der Priesterfortbildung tätige Jacob davon aus, dass die Gemeinden der Zukunft kleiner und weniger priesterorientiert sein werden, ohne in der Seelsorge, der Verkündigung oder auch in der Jugendarbeit ganz auf Priester verzichten zu können und zu wollen. Jacobs und Reinhold sehen den Priester der Zukunft mehr denn je als einen Teamarbeiter, der auch Menschen außerhalb der Kerngemeinden ansprechen und für eine Mitarbeit gewinnen kann. Die beiden katholischen Priester sind davon überzeugt, dass es nicht immer die hohe Theologie oder Liturgie sein müssen, um Menschen, die nicht zur kleiner werdenden Schar der Kirchgänger gehören zumindest punktuell anzusprechen und ihnen eine gute Erfahrung zu vermitteln, die zum Ausgangspunkt einer neuen Glaubensentdeckung werden kann, aber nicht muss.

Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“

 „Das Geschäft ist vorbei“, sagt der geistliche Rektor der  Wolfsburg. Karl Georg Reploh, der vor 46 Jahren zum Priester geweiht wurde. Er mahnt, sich nicht länger auf die geweihten Priester zu fixieren, sondern plädiert dafür, „das Volk Gottes in die Seelsorge und Verkündigung konsequent einzubeziehen“ und sie zu einem selbstständigen und selbstbewussten Priestertum der Gläubigen zu befähigen. Auch der ehemalige Jesuitenschüler und Volkswirt Peter Schoess mahnt die Laien zu einem Aufbruch aus geistlicher Passivität und Lethargie: „Manchmal meckern wir Laien auch nur deshalb über unsere Hirten, weil wir uns selbst wie Schafe benehmen“, kritisiert Schoess und fragt sich, wie Reploh auch, ob die Gemeinden den Pflichtzölibat für Priester überhaupt noch akzeptieren. Ist der Pflichtzölibat eine Beruf(ungs)bremse fürs Priesteramt? Nicht nur bei dieser Frage wird deutlich, wie es Tagungsleiter Oboth formuliert, „dass der Wandel des Priesterbildes ein Thema ist, in dem viele Emotionen stecken.“
Dieser Text erschien am 18. Oktober 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 24. November 2014

Die Menschen mitnehmen: Was können und müssen Laien in der katholischen Kirche leisten: Ein Gespräch mit den beiden Katholikenräten Wolfgang Feldmann (63) und Daniel Wörmann (28)


Kirchenaustritte, demografischer Wandel, Missbrauchsskandale, Priestermangel. Weniger Kirchensteuer einerseits und Verschwendung von Kirchengeldern andererseits. Die katholische Kirche hat viele Baustellen. Warum lohnt es sich trotzdem oder gerade deshalb, als Laie in der Kirche aktiv zu sein und sich auch für den Glauben zu engagieren? Und wie wird man auch in Zukunft Menschen dafür begeistern und so Kirche und Glauben in unserer zunehmend säkularen und multikulturellen Gesellschaft weiter leben können. Darüber sprach das Neue Ruhrwort jetzt mit Wolfgang Feldmann und Daniel Wörmann, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Generationen aktiver Laien stehen.

Fangen wir doch mal ganz grundsätzlich an: Warum glauben Sie eigentlich?

Feldmann: Weil ich als Kind mit Religion und Kirche aufgewachsen bin. Vor allem durch den Einfluss meiner Großeltern waren das Beten und der Gottesdienstbesuch für mich von Anfang an selbstverständlich.

Wörmann: Auch ich bin durch meine Familie in den Glauben hineingewachsen und katholisch sozialisiert worden. Ich glaube aber auch, weil ich weiß und spüre, dass da noch mehr sein muss und mehr ist, als das, was man sehen und wissenschaftlich erklären kann. Da muss es jemanden geben, der das Ganze lenkt. Das speist sich aus dem, was uns die Heilige Schrift gibt und was wir als Gemeinschaft in der katholischen Kirche tun und weitergeben.

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche zu engagieren?

Feldmann: Ich habe nie Angst gehabt, meinen Mund aufzumachen und zu sagen, was ich denke. Ich habe dann aber auch eingesehen, dass man nicht nur kritisieren kann. Wer kritisiert, muss auch versuchen, selbst etwas besser zu machen. Und das habe ich getan und dabei auch etwas bewegen können.

Wörmann: Ich halte es da mit Albert Schweitzer, der gesagt hat: „Um Christ zu werden, reicht es nicht in die Kirche zu gehen. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in der Garage geht.“ Für mich geht es ganz konkret darum, wie man Menschen mit der Frohen Botschaft und ihren Werten erreichen kann, wenn man sie im Gottesdienst vielleicht nicht erreicht. Im Grunde dreht sich alles um das Thema Nächstenliebe und die Frage, wie wir miteinander umgehen und wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Da hat die katholische Kirche den Menschen ganz viel zu sagen und mitzugeben.

Feldmann: Ich sehe das auch so. Wir müssen als Christen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sehen, wo Menschen unsere Hilfe und Zuwendung brauchen. In unserer Gesellschaft sind viele Menschen alt und einsam. Ich erlebe es bei meinem Engagement in der katholischen Ladenkirche immer wieder, wie dankbar Menschen sind, die vielleicht eine schwierige Lebenssituation durchmachen, wenn sie hier jemanden finden, der sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Zeit und Zuwendung für Menschen, die einsam und in Not sind. Das ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche.

Müssen auch die Laien in der katholischen Kirche ihre Organisationsstrukturen überdenken? Brauchen wir noch Katholikenräte?

Wörmann: Die Strukturfrage ist für mich nicht die erste Frage. Sondern es geht darum, welche Schwerpunkte wir in unseren Gremien setzen wollen. Und ich erlebe das gleiche, wie Herr Feldmann, wenn ich Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche organisiere und dafür auch um Spenden bitte, damit auch die Kinder mitfahren können, deren Eltern sich sonst keinen Urlaub erlauben können. Wenn mich diese Kinder dann nach der Freizeit anstrahlen und sagen: Das war toll. So etwas erlebe ich sonst nie. Dann ist das doch das besondere, was Kirche ausmacht und uns trägt. Wir müssen uns als Katholikenräte fragen, mit welchen Themen können wir Menschen ansprechen, begeistern und mitnehmen. Und man kann Menschen mitnehmen. Das erlebe ich, wenn sich der Katholikenrat in Duisburg zum Beispiel für Flüchtlinge und die Schaffung einer Willkommenskultur einsetzt und damit auch anderslautenden Forderungen von Rechtsradikalen entgegentritt. Dann wird katholische Kirche plötzlich ganz positiv wahrgenommen.

Feldmann: Wenn wir Menschen ansprechen und Themen in der lokalen Öffentlichkeit setzen und Stellung beziehen wollen, brauchen wir aber auch auf der stadtkirchlichen Ebene eine professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Diese im Rahmen der Umstrukturierung 2006 abgebaut zu haben, war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Außerdem müssen wir, auf Sicht, wie in Lateinamerika. dafür sorgen, dass. wenn es künftig weniger Pfarrgemeinden, Priester und Kirchen geben wird, dass sich dann kleine Basisgemeinden vor Ort bilden, in denen zuvor dafür ausgebildete Laien auch Seelsorgeaufgaben übernehmen können, damit wir auch in Zukunft die Frohe Botschaft weitergeben können.

Wie aber kann man künftig vor allem junge Menschen für den christlichen Glauben gewinnen und ansprechen, wenn es das katholische Milieu nicht mehr gibt?

Wörmann: Das ist die Königsfrage. Wir müssen als katholische Kirche offener sein für die, die kommen, und ihnen auch zeigen, dass sie auch dann gerne gesehen sind, wenn sie sich vielleicht nur zeitweise und für einzelne Projekte engagieren wollen. Wir haben in der Jugendarbeit gute Erfahrungen damit gemacht, regelmäßige Angebote, die wir personell nicht mehr stemmen können, durch punktuelle Events zu ersetzen und damit Jugendliche zu erreichen und zu begeistern. Jugendliche sind heute natürlich auch mobiler und nicht mehr an eine Pfarrgemeinde gebunden. Und wenn sie bei sich vor Ort kein Angebot finden, das sie anspricht, ist es für sie auch kein Problem zu einem jugendpastoralen Zentrum oder einer Jugendkirche in eine andere Stadt zu fahren. Die Inhalte sind nicht das Problem. Man kann Jugendliche ansprechen. Das hängt natürlich auch von Personen und ihrem Lebensbeispiel ab, das sie ihnen geben. Wichtig ist aber auch, dass wir das nicht alles ehrenamtlich leisten können, sondern hauptamtliche Strukturen brauchen, die ehrenamtliches Engagement unterstützen und begleiten.

Feldmann: Menschen wollen sich heute nicht mehr über 20 Jahre mit einer bestimmten Funktion binden. Sie sind aber in allen Generationen bereit, sich für zeitlich begrenzte Projekte zu engagieren und dafür Zeit und Arbeit einzusetzen. Ich habe das erlebt, als wir hier in Mülheim die katholische Ladenkirche aufgebaut haben und auf die Straße gegangen sind, um mit den Menschen das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu diskutieren. Und ich erlebe es auch derzeit bei der Vorbereitung des Barbaramahls, das Ende November in der Dümptener Barbarakirche stattfinden und Spenden zugunsten der lokalen Hospizarbeit einspielen wird. Das funktioniert aber nur dann, wenn an der Spitze der Gemeinde auch eine charismatische Priesterpersönlichkeit steht, die andere Menschen ansprechen und mitreißen kann.

Was sagen Sie den Menschen, die aus der Kirche austreten, auch deshalb, weil sie sagen: Ich brauche keine Kirche, um zu glauben?

Wörmann: Auch wenn wir die Amtskirche kritisieren, muss es so etwas, wie Kirche geben. Denn sonst verliert die Kirche ihre klare Linie und der christliche Glaube würde der individuellen Willkür unterliegen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass Strukturen, wie immer sie auch heißen, dem Inhalt der Frohen Botschaft dienen müssen. Und aus ihr heraus müssen wir erkennen, was jetzt anliegt und was das für uns bedeutet. Entscheidend ist, dass wir, wie Jesus, immer wieder auf die Menschen zugehen und erkennen, was sie brauchen.

Feldmann: Glauben ist natürlich eine persönliche Angelegenheit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, für mich alleine und ohne Menschen zu glauben, die auch glauben. Es macht Freude, den Glauben in einer Gemeinschaft miteinander zu teilen und die Frohe Botschaft zu verkünden. Das ist für uns Christen ganz wesentlich. Und ich vertraue hier mit Blick auf die Zukunft und vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung auf die Kraft des Heiligen Geistes und auf die Kraft des Gebetes. Es wird immer wieder Menschen geben, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Ich mache das jetzt und ich bin dafür verantwortlich. Und wenn die Laien vor Ort wissen, dass sie sich nicht in jeder Frage an einen Priester wenden müssen und wenden können, weil er vielleicht nur noch alle zwei Monate vorbeikommt, um mit ihnen die Heilige Messe zu feiern, dann wird das zwangsläufig auch den Zusammenhalt und die Selbstständigkeit der Laien vor Ort stärken. Denn Verwaltungsaufgaben kann man vielleicht zentral organisieren. Doch bei der pastoralen und seelsorgerischen Arbeit funktioniert das eben nicht. Und hier werden Laien künftig eine viel größere Rolle spielen.
Zur Person:
Wolfgang Feldmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der pharmazoltischen Industrie. Bevor er 2002 den Vorsitz des Mülheimer Katholikenrates übernahm, war er über 20 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in St. Barbara (Mülheim-Dümpten). Nach seiner Wahl zum Katholikenratsvorsitzenden gehörte Feldmann auch dem Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Vor kurzem hat er sein Ehrenamt in der katholischen Stadtkirche an seinen bisherigen Stellvertreter Rolf Völker abgegeben.
Daniel Wörmann ist 28 Jahre alt. Er hat Betriebswirtschaft und Sozialarbeit in Bochum studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der Personalabteilung des Bistums Essen. Wörmann hat sich bereits früh als Meßdiener und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Er kommt aus der Duisburger Gemeinde St. Josef (Hamborn), die zur Pfarrei St. Johann gehört. Seit einem halben Jahr steht er an der Spitze des Duisburger Katholikenrates. Wörmann ist ehrenamtlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch in der Kommunalpolitik aktiv. Für die CDU saß er zwischen 2009 und 2014 in der Bezirksvertretung. Inzwischen arbeitet er als sachkundiger Bürger im Schul- und im Jugendhilfeausschuss des Duisburger Stadtrates mit

Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort