Montag, 17. März 2014

Ohne Spenden ginge an vielen Stellen nichts mehr: Schlaglichter der Mülheimer Spendenlandschaft


Heute denkt doch jeder nur noch an sich selbst. Wer so denkt, denkt falsch. Die Zahlen, die der Deutsche Spendenrat veröffentlicht hat, sprechen eine andere Sprache. Danach ist das deutsche Spendenvolumen im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 4,7 Milliarden angestiegen. 23,3 Millionen Deutsche, 3,5 Prozent mehr als im Jahr 2012 haben Geld für wohltätige Zwecke gespendet.

Wer sich bei gemeinnützigen Mülheimer Vereinigungen und Einrichtungen umhört, kann bei der lokalen Spendenentwicklung keine eindeutige Tendenz feststellen.

Sowohl von einer Spendenzunahme (Wir für die Mülheimer Kinder oder Tierschutzverein) wird berichtet, als auch von stabilen Spendenzahlen (Diakoniewerk, Hospiz und Vereinte Evangelische Kirchengemeinde) oder von starken Rückgängen der Spendenfreudigkeit, wie etwa bei der Deutschen Multiple Sklerosegesellschaft, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Kinderschutzbund und dem Verein für Bewegungsförderung und Gesundheitssport. (VBGS)

„Viele Menschen sind heute eher bereit für notleidende Menschen in anderen Ländern, als für notleidende Menschen in der eigenen Stadt zu spenden“, glaubt der VBGS-Vorsitzende Alfred Beyer. Tatsächlich weist der Spendenrat darauf hin, dass ein Großteil der Spendenzunahme unter anderem auf die Hilfe für die Opfer des Taifuns Haiyan auf den Philippinen zurückzuführen ist.

Doch nicht nur Ulrich Schreyer vom Diakoniewerk Arbeit und Kultur und Annegret Cohen von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde sehen auch auf lokaler Ebene eine große Spendenbereitschaft, sobald Projekte greifbar und nachvollziehbar sind.

„Die Leute sind auch heute sehr spendenbereit. Doch man muss mehr tun sie zum Beispiel auch mit interessanten Veranstaltungen ansprechen, um Spenden zu bekommen“, glaubt Gabriele Beyer vom Verein Wir für die Mülheimer Kinder.

Das glaubt auch der Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, Klaus-Jürgen Wolf, der verstärkt auf öffentlichkeitswirksame Informationskampagnen setzen will, frei nach dem Motto: „Tue Gutes und sprich darüber.“ Das strukturelle Problem sieht er, ähnlich wie Christel Schuck vom Freundeskreis Las Torres darin, dass Menschen heute zwar bereit sind für bestimmte Projekte zu spenden, sich aber nicht dauerhaft als Spender, etwa in Form einer Fördermitgliedschaft, auf einen guten Zweck festzulegen.

Auch wenn die Spenden-Umfrage der NRZ kein vollständiges Bild der Mülheimer Spendenlandschaft zeichnen kann, zeigt sich doch, dass Mülheimer Bürger jedes Jahr mehrere 10000 Euro spenden und damit soziale und kulturelle Aufgaben mitfinanzieren, die der Stadtgesellschaft zugute kommen.

Dabei kann auch aus Schlechtem Gutes erwachsen. Das erkennt man, wenn man weiß, dass allein im letzten Jahre von Staatsanwaltschaften verhängte Geldbußen in Höhe von 31500 Euro an 15 gemeinnützige Vereine und Einrichtungen von der Theodor-Fliedner-Stiftung über den Kinderschutzbund bis zur Deutschen Multiple Sklerosegesellschaft geflossen sind.

Die Vorsitzende des Vereins Wir für die Mülheimer Kinder, Gaby Beyer, macht einen bestechenden Vorschlag: „Wie viel Gutes könnten wir in Mülheim bewirken, wenn jeder der 168000 Mülheimer jeden Monat nur einen Euro für einen wohltätigen Zweck spenden würde?“ Wo und wie Geld für gute Taten gebraucht wird und gut angelegt wäre, machen die nachfolgenden Beispiele deutlich.

Jugend mit Zukunft

So heißt eine 2002 vom ehemaligen Superintendenten Frank Kastrup gegründete Stiftung, die Kinder, Jugendliche und Familien stark machen will. Elternkurse und kirchliche Jugendarbeit werden ebenso gefördert, wie Hausaufgabenhilfe, Antigewalttraining oder Unterstützung für junge schwangere Frauen. Das Spendenvolumen, wie in den Vorjahren konstant bei rund 6000 Euro.
 
Kinderschutzbund

Seit 1977 setzt sich der unabhängige Verband in Mülheim für die Rechte von Kindern ein. In seiner Geschäftststelle an der Schloßstraße 31 betreibt er eine ärztliche Beratungsstelle, die der Misshandlung und Vernachläßigung von Kindern vorbeugt und entgegenwirkt. Ein Spielpunkt für Kinder, betreuter Umgang von Kindern und getrennt lebenden Eltern, Still- und Wickelmöglichkeiten, eine Mädchengruppe, ein Kleiderladen am Dickswall und Hausaufgabenhilfe gehören ebenso zu seinen Angeboten und Aktivitäten. 2013 konnte der Kinderschutzbund Spenden in Höhe von 19200 Euro einwerben. 2012 waren es noch 30000 Euro gewesen.

Diakoniewerk

Seit Mitte der 80er Jahre fördert das Diakoniewerk Arbeit und Kultur Langzeitarbeitslose durch Beschäftigung und Qualifizierung. Außerdem betreibt es eine Tafel, an der sich Bedürftige mit gespendeten und kostenlosen Lebensmitteln versorgen können. Hinzu kommen eine Schultafel, für die Lebensmittel und Schulmaterialien eingekauft werden, um damit bedürftige Schüler zu unterstützen und ihnen ein Frühstück in der Schule zu ermöglichen. Das von Ulrich Schreyer geleitete Diakoniewerk kann derzeit jährlich konstant 9000 bis 10000 Euro an Spenden verbuchen. Hinzu kamen 2013 rund 200000 Euro, die für das seit 2012 vom Diakoniewerk und vom Evangelischen Krankenhaus betriebene stationäre Hospiz an der Friedrichstraße, das in der Bau- und Investionsphase mit Spenden von insgesamt rund 300000 Euro bedacht wurde.

Arbeiterwohlfahrt

Der 1920 gegründete und der SPD nahestehende Sozialverband betreibt unter anderem ein Familienbildungswerk, eine Schuldnerberatung, eine Drogenhilfe, eine Seniorentagesstätte, eine Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle und ein Sorgentelefon für von sexuellem Missbrauch bedrohte Kinder und Jugendliche sowie das Jugendzentrum Altes Wachhaus in Holthausen. Das jährliche Spendenvolumen der Awo bewegt sich derzeit konstant zwischen 5000 und 10000 Euro.

Wir für die Mülheimer Kinder

Der von Gaby Beyer geführte Verein finanziert das von der Awo betriebene Sorgentelefon Elefon, das Kindern und Jugendlichen hilft, die von Misshandlung und sexuellem Missbrauch bedroht sind. Außerdem unterstützt der Verein Grundschulprojekte und die Arbeit mit sozailabenachteiligten Kindern sowie Kinder, die mit ihren Müttern vor häuslicher Gewalt ins Frauenhaus geflüchtet sind. 2013 konnte der Verein Spenden in Höhe von rund 30000 Euro einnehmen und damit ein Plus von etwa fünf Prozent verbuchen.

DRK

Das Deutsche Rote Kreuz rettet in Mülheim seit 1907 Leben. Im Rettungs- und Krankentransport ist es ebenso aktiv wie bei Sammlung von Blutspenden oder in der Jugendarbeit. Das DRK betreibt eine Seniorentagesstätte und eine Kleiderkammer für Bedürftige. Außerdem gibt es Erste-Hilfe- und Schwimmkurse und betreibt einen Hausnotrufdienst für alleinlebende Senioren, liefert Essen auf Rädern, leistet Besuchdienste und bietet Senioren betreute Reisen und einen Einkaufservice an. Vor allem durch Überalterung und Tod ist die Zahl der DRK-Fördermitglieder in den letzten 20 Jahren von 8000 auf 3700 zurückgegangen. Allein 2013 gingen die von den Fördermitgliedern erbrachten Spenden um rund 10 Prozent auf 260000 Euro zurück. Kontakt und Infos 450060

DMSG

Die 115 Mitglieder zählende Ortsvereinigung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ist dringend auf Spenden angewiesen, um zum Beispiel Feste, Veranstaltungen und Ausflüge zu organisieren, um die an MS erkrankten und oft auch finanziell eingeschränkten Mitglieder aus der sozialen Isolation herauszuholen. Doch Ausflüge können nur mit teuren Spezialbussen durchgeführt werden, die über eine Hebebühne verfügen. Um so härter trifft die DMSG, die 14-tägig zu einem Treffen in die Altentagesstätte an der Folkenbornstraße einlädt, der Spendenrückgang von 20000 Euro auf 12000 Euro, den sie 2013 verkraften musste. „Spender unterstützen heute eher Sportvereine als Selbshilfegruppen“, glaubt der DMSG-Vorsitzende Karl-Heinz Reinelt.

Tierschutzverein

Der 1951 gegründete und von Heidrun Schultchen geleitete Verein konnte das städtische Tierheim an der Horbeckstraße gerade erst beim Einbau neuer Zwinger finanziell unterstützen, musste aber 2013 einen Rückgang der Spenden von etwa fünf Prozent auf rund 30000 Euro hinnehmen. Auch wenn Tiere medizinisch behandelt werden müssen oder Tierhalter in einer Sprechstunde Rat und Hilfe suchen, kann sich das städtische Tierheim auf die finanzielle und fachliche Hilfe des Vereins verlassen.

Stadtbücherei

Egal ob es um die Anschaffung neuer Medien oder neuer Computer geht. Die Stadtbücherei kann sich seit 1997 auf die finanzielle Hilfe eines aktuell 193 Mitglieder zählenden Freundeskreises verlassen. Sein Vorsitzender Bernhard Haake freut sich über ein stabiles Spendenvolumen von jährlich rund 10000 Euro. Diese Summe kommt nicht nur durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, sondern auch durch die Erlöse einer Schmökerstube am Kurt-Schumacher-Platz und durch Büchertrödel in den Stadtteilbüchereien zustande.  

VBGS

Der 1989 gegründete Verein für Bewegungsförderung für Gesundheitssport steht für Sport, Spiel und Geselligkeit von Menschen mit und ohne Handicap. Ob Anschaffung neuer Sportgeräte, Kleinbusse für den Fahrdienst oder Honorare für Übungsleiter. Das alles funktioniert nur mit Spenden. „Doch das Geld sitzt nicht mehr so locker und die Spendenfreudigkeit geht in den letzten Jahren leider sehr nachgelassen“, sagt der Vereinsvorsitzende Alfred Beyer. Er schätzt, dass das Spendenvolumen des VBGS in den letzten fünf Jahren von jährlich 30000 auf 20000 Euro zurückgegangen ist..

Kirche

Die Kirchengemeinden sind soziale, geistliche und kulturelle Ankerpunkte der Stadtgesellschaft. Sie leisten generationsübergreifend von der Wiege bis zur Bahre Seelsorge und Sozialarbeit, unterhalten Gotteshäuser und Gemeindezentren, die für viele Menschen wichtige Anlaufpunkte sind. Auch jenseits ihrer Kirchtürme unterstützen Gemeinden mit ihren Spenden kirchliche Entwicklungshilfeprojekte. Während sich Pfarrerin Annegret Cohen von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre über eine stabiles Spendenaufkommen von rund 130000 Euro pro Jahr, darunter Kollekten von rund 32000 Euro, freuen kann, sanken die Erlöse aus Spenden, Sammlungen und Kollekten in der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbara zwischen 2011 und 2013 um 4,8 auf zuletzt rund 46000 Euro. Den Hauptgrund für diese Entwicklung sieht Pfarrer Manfred von Schwartzenberg im demografischen Wandel, weil die Pfarrgemeinde viele alte und besonders spendenfreudige Gemeindemitglieder durch den Tod verliert.

Partei

Der Schatzmeister der CDU, Werner Oesterwind, spricht von einem stabilen Spendenniveau mit großen Schwankungen zwischen 8000 Euro und maximal 25000 Euro pro Jahr. Immer wieder stellt er fest, dass die Spendenbereitschaft in Wahljahren besonders groß und in Jahren ohne Wahl ehergering ist. Angesichts der Erstellung von Informationsmaterial, Wahlplakaten, Saalmieten und Zeitungsanzeigen sieht er aber in Wahljahren auch einen erheblich höheren Finanzbedarf der politischen Parteien.

Las Torres

Der Freundeskreis Las Torres unterstützt in der venezulanischen Hauptstadt Caracas die Asociación Civil de Educación Integral San Benito, einen Verein, der in drei Elendsvierteln in Caracas Zentren unterhält, in denen 150 Klein- und Kindergartenkinder, Vorschul- und Schulkinder vom ersten bis zum 14. Lebensjahr von 30 hauptamtlichen Mitarbeitern betreut werden. Durch seine bundesweit gesammelten Spenden konnte der Freundeskreis in den letzten Jahren zwischen 150000 und 200000 Euro für diese Sozial- und Bildungsarbeit zur Verfügung stellen. „Wir können uns nicht beklagen und profitieren von einem in 30 Jahren gewachsenen Vertrauensbonus, aber es wird zunehmend schwieriger dauerhafte Fördermitglieder zu gewinnen, weil gerade jüngere Menschen heute immer mehr in beruflich ungesicherten Verhältnissen leben müssen, so dass wir langfristig mit einem Spendenrückgang rechnen müssen,“ sagt die Sprecherin des Freundeskreises, Christel Schuck
 
KHTC

700 Mitglieder spielen on den 40 Mannschaften des Kahlenberger Hockey- und Tennisclubs nicht nur Hockey und Tennis, sondern betreiben auch Wassersport. Geschäftsführer Ulrich Grüneboom weiß, dass Spenden vor allem dann fließen, wenn es um konkrete Projekte und insbesondere um die Jugendarbeit geht. So konnte der KHTC sich 2011 über Spenden von 25000 Euro und 2012 über Spenden von 13000 Euro freuen, die halfen einen neuen Kunstrasenplatz anzulegen. 2013 gingen dann allerdings nur rund 5000 Euro ein, von denen 3000 Euro in die Jugendarbeit flossen.

Caritas

Seit 1920 hilft der katholische Sozialverband Menschen in Not. Einzelfallhilfe, Erziehungsberatung und Unterstützung von Familien gehören ebenso zu den Aktivitäten, wie die Förderung und Beschäftigung psychisch kranker Menschen oder die Bildungs- und Sozialarbeit in der offenen Ganztagsschule sowie mit und die Unterstützung und Integrationsförderung von Zuwanderern. 2011 konnte die Caritas bei den von ihren ehrenamtlichen Gemeindegruppen zweimal jährlich durchgeführten Spendensammlungen insgesamt 54000 Euro einnehmen, 2012 waren es 57000 Euro und 2013 59000 Euro einnehmen.
 
Eine komprimierte Fassung dieses Textes erschien am 13. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

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