Sonntag, 2. März 2014

Respekt und Betroffenheit: Wie Kooperationspartner der Jüdischen Gemeinde den Wechsel an ihrer Spitze beurteilen


Wie beurteilen die lokalen Dialog- und Kooperationspartner der Jüdischen Gemeinde die Abwahl des in der Stadtgesellschaft bekannten und geschätzten Gemeindevorstandes, Patrick Marx, und den sich abzeichnenden Abschied des Rabbiners Paul Moses Strasko? Welche Auswirkungen könnte die Tatsache haben, dass der neu gewählte Gemeinderat ausschließlich aus russischstämmigen Mitgliedern bestehen wird. Überraschung, Betroffenheit, Verunsicherung aber auch Zweckoptimismus bestimmen die Reaktionen.

„Die jüdische Gemeinde hat in unserem Ausschuss eine beratende Stimme, die sie zumindest unregelmäßig wahrgenommen hat“, sagt der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Dieter Spliethoff. Dass der neue Gemeinderat jetzt nur noch aus russischstämmigen Mitgliedern bestehen und bewährte und der Stadtgesellschaft zugewandte Gemeinderäte nicht punkten konnten, macht ihn unter Integrationsgesichtspunkten nachdenklich. „Das Ergebnis ist ein schwieriges Signal“, betont der SPD-Ratsherr. Er hofft, dass auch die neuen Gemeindevertreter der Stadtgesellschaft zugewandt bleiben und sprachlich in der Lage sein werden, an den Ausschusssitzungen teilzunehmen. Als bedenklich empfände er es, wenn die Gemeindemitglieder künftig unter sich bleiben sollten.

„Wenn sich eine Gemeinde verändert, schlägt sich das eben auch in Wahlergebnissen nieder“, betont der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink. „Auch die neuen russischstämmigen Gemeinderatsmitglieder werden Interesse an Dialog und Zusammenarbeit haben“, glaubt Fink und verweist auf die guten und vielseitigen Erfahrungen, die die Awo im Umgang mit Zuwanderern in diesen Dialog einbringen könne. In der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände, zu denen auch die Jüdische Gemeinde gehört, sieht er allerdings die personelle Kontinuität gewahrt, weil dort die Geschäftsführer regelmäßig über soziale Themen diskutierten. In diesem Gremium wird die Jüdische Gemeinde, ebenso wie im lokalen Bündnis der Religionen auch weiterhin vom hauptamtlichen Geschäftsführer Michael Rubinstein vertreten.

„Die Unzufriedenheit, die jetzt zur Abwahl bekannter Gemeinderäte geführt hat, hat mich überrascht. Wir hatten bisher eine sehr gedeihliche Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde und ich kann nur hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt“, kommentiert der stellvertretende Caritas-Vorsitzende Hans-Theo Horn das Ergebnis der Gemeinderatswahlen und weist noch einmal darauf hin, „dass Jacques Marx und sein Sohn Patrick der Jüdischen Gemeinde in unserer Stadt eine sehr große Wertschätzung erworben haben.“ Auch die stellvertretende Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, Birgit Hirsch-Palepu wird „den besonders geschätzten Gesprächspartner Patrick Marx vermissen“, kann und will aber derzeit nicht abschätzen, ob die neuen Personen im Jüdischen Gemeinderat Auswirkungen auf die Zusammenarbeit haben werden.

„Das ist ein demokratischer Vorgang und man muss jetzt erst mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln werden“, betont Superintendent Helmut Hitzbleck. Er selbst hatte immer den Eindruck, dass die jetzt abgewählten Gemeinderäte „sich für alle Gruppen innerhalb der Gemeinde eingesetzt haben.“ Mit Blick auf gemeinsame Begegnungen und Aktivitäten im Bündnis für Religionen, die von interreligiösen Stadtrundfahrten bis zur Nacht der offenen Gotteshäuser reichen, hofft Hitzbleck, dass die guten Kontakte zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Mitbürgern nicht nur bleiben, sondern auch intensiviert werden können.

Dass hoffen auch Stadtdechant Michael Janßen und der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann. „Wir haben bisher einen sehr guten Dialog der Religionen geführt. Wenn Christen, Juden und Muslime überall so friedlich zusammenleben würden, wie in Mülheim, hätten wir keine Probleme auf der Welt.“ Jetzt kommt es aus seiner Sicht darauf an „sich kennen zu lernen und Kommunikationsmöglichkeiten mit den neuen jüdischen Gemeinderäten zu finden.“ Janßen betont: „Die Türen der katholischen Kirche stehen für diesen Dialog weit offen.“

Dieser Text erschien am 7. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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