Samstag, 1. März 2014

Warum die Jüdische Gemeinde nach ihren Gemeinderatswahlen vor einer historischen Zäsur steht


Die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen steht vor einer historischen Zäsur. Denn bei der Gemeinderatswahl wurden am Sonntag ausschließlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Gemeindemitglieder gewählt.

Die fünf deutschen Gemeinderatsmitglieder, unter ihnen auch der in Mülheim bekannte und geschätzte Apotheker Patrick Marx, wurden nicht wieder gewählt. „Ich hätte gerne weitergemacht. Aber ich bin Demokrat und akzeptiere das Ergebnis“, kommentierte Marx das Wahlresultat, das erst am Anfang der nächsten Woche im Detail veröffentlicht werden soll. Denn bis dahin können Wähler oder Gewählte die Wahl und ihr Ergebnis anfechten.

Gestern gab es aber noch keine Anzeichen dafür, dass es zu solchen formalrechtlich begründeten Einsprüchen und einer möglichen Neuwahl des neunköpfigen Gemeinderates kommen könnte.

Bei der Wahl am Sonntag waren 1600 der 2700 jüdischen Gemeindemitglieder zur Wahl aufgerufen. Rund 30 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre (jeweils neun) Stimmen ab, die sie auf verschiedene Kandidaten verteilen konnten, ohne dabei mehr als eine Stimme für einen Kandidaten abgeben zu können. Dabei erhielt der Kandidat mit den meisten Stimmen rund 350 Stimmen, während Marx nur 159 Stimmen erhielt (191 weniger als bei der Wahl 2010) und damit den Einzug in den Gemeinderat um 100 Stimmen verfehlte.

Patrick Marx, dessen mit dem Ehrenring der Stadt ausgezeichneter Vater Jacques die Gemeinde von 1972 bis 2010 geleitet und geprägt hatte, will zwar aktives Mitglied der Gemeinde bleiben, „weil das meiner Überzeugung entspricht“, sich aber aus der ehrenamtlichen Arbeit zurückziehen.

Patrick Marx hatte sich zuletzt um die Sanierung des Gemeindezentrums und um Restaurierungsarbeiten am Jüdischen Friedhof an der Gracht gekümmert. Für letzteres Projekt hatte er bereits mehrere 1000 Euro Spenden einwerben können.

Das ist sehr schade. Aber Demokratie ist Demokratie“, kommentiert Gerhard Bennertz das sich abzeichnende Ergebnis der jüdischen Gemeinderatswahlen. Der evangelische Theologe ist seit den frühen 70er Jahren als ein maßgeblicher Akteur des christlich-jüdischen Dialogs ein guter Kenner und Freund der Jüdischen Gemeinde. Bennertz war es auch, der in Mülheim vor über 30 Jahren den ersten Anstoß zur Aufarbeitung der Geschichte der Jüdischen Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust gab.

Den Trend zu jüdischen Gemeinderäten, die nur noch aus Mitgliedern bestehen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen und zum Teil der deutschen Sprache nicht mächtig sind, kennt er allerdings auch aus anderen Städten. Denn dort gilt, was auch für die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen gilt. 95 Prozent der heutigen Gemeindemitglieder sind nach der politischen Wende von 1989/90 aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert.

Deshalb stieg die Zahl der Gemeindemitglieder in den letzten 25 Jahren von 120 auf jetzt 2700, wurde 1999 ein großes Gemeindezentrum im Duisburger Innenhafen errichtet und ist der Gemeindealltag heute zweisprachig. Man spricht deutsch und immer öfter auch russisch. Nur noch 27 deutsche Mitglieder der Gemeinde gehörten der Gemeinde auch schon 1989 an.

Wie und ob der neue Gemeinderat, der sich Anfang kommender Woche konstituieren wird, die Netzwerk,- Dialog- und Projektarbeit der jetzt abgewählten Gemeinderatsmitglieder fortsetzen kann und will, ist noch völlig offen. Hinzu kommt, dass Rabbiner Paul Strasko, die Gemeinde Ende Juni aus persönlichen Gründen und auf eigenen Wunsch verlassen wird. Wie man hört, fühlten sich viele russischstämmige Gemeindemitgliedern von ihren Landsleuten nicht nur sprachlich, sondern mit der Forderung, die Belange der älteren Gemeindemitglieder mehr als bisher zu berücksichtigen auch inhaltlich besser angesprochen. Außerdem soll die Wahlwerbung der jetzt abgewählten Gemeinderatsmitglieder und die interne Darstellung ihrer Arbeit nicht optimal gewesen sein.

Auch die deutliche Erhöhung des Kultusgeldes, mit dem nicht erwerbstätige und deshalb auch nicht steuerpflichtige Gemeindemitglieder zur Gemeindefinanzierung beitrage, hat wohl für Verstimmung gesorgt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der alte Gemeinderat beschlossen hatte, im Gegenzug alle Kultur-, Bildungs- und Sozialveranstaltungen, die neben den Gottesdiensten im Gemeindezentrum stattfinden, für Gemeindemitglieder eintrittsfrei zu halten.

Fest steht: Auch der neue neunköpfige Gemeinderat, der sich Anfang der nächsten Woche konstituieren und drei neue Vorstandsmitglieder wählen wird, steht in der Pflicht für die Projekte und Verantwortlichkeiten, die der alte Gemeinderat eingegangen ist.

Der Jüdische Friedhof an der Gracht muss für 60?000 Euro erneuert und der Beton des 1999 errichteten Gemeindezentrums für drei Millionen Euro saniert werden. Die Gemeinderäte tragen Verantwortung für einen jährlichen Etat von 1,75 Millionen Euro und 30 hauptamtliche Mitarbeiter. Hinzu kommen noch einmal rund 70 Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich für die Gemeinde engagieren

Zur Gemeinde gehören auch ein Kindergarten, in dem nicht nur jüdische, sondern auch christliche und muslimische Kinder betreut werden sowie Sozial- und Service-Büros in Mülheim, Duisburg und Oberhausen, in denen Gemeindemitglieder bei zweisprachigen Sozialarbeitern Rat und Hilfe für ihren Alltag finden.

Allerdings hat die Jüdische Gemeinde nicht nur eine gewählte eheramtliche Spitze, sondern auch eine hauptamtliche und deutschsprachige Geschäftsführung, deren Bedeutung künftig wachsen dürfte.


Dieser Text erschien am 5. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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