Samstag, 26. April 2014

Die Militärs müssen auf jeden Fall draußen bleiben: Wie der deutsch-russische Maschinenbauingenieur Andrej Korobov als Pendler zwischen Deutschland und Russland die Ukraine-Krise sieht


Der Name ist russisch. Die Sprache verrät den Franken. Vor 36 Jahren wurde Andrej Korobov in Moskau geboren, ehe er 1991 mit seinen Eltern nach Franken kam und dort aufwuchs. Seit einem Jahr ist der gelernte und studierte Maschinenbauer, der zuvor für ein Stuttgarter Unternehmen tätig war, für die internationalen Geschäftsbeziehungen des Mülheimer Planungs- und Beratungsunternehmens Agiplan (siehe Kasten) zuständig.

In dieser Funktion pendelt er derzeit regelmäßig zwischen Mülheim und Chelyabinsk im Südural, wo Agiplan für einen Hersteller von Bergbaumaschinen mit über 3000 Beschäftigten eine neue Schweißmontagehalle, inklusive neuem Lager und Logistik plant. Parallel engagieren sich die Agiplaner beim Werksaufbau eines deutschen Automobilzulieferers in der Samara-Region an der Wolga.

„Die Konflikte in der Ukraine spielen bei unseren Arbeitsgesprächen keine Rolle. Das Geschäft geht weiter wie üblich. Bisher ist kein Projekt gestoppt und kein Mitarbeiter abgezogen worden. Aber in den privaten Nebengesprächen, abends beim Bier oder beim Wodka, spürt man schon eine unterschwellige Sorge, zumal viele der russischen Kollegen vor Ort Verwandte in der Ukraine haben und nicht einsehen, dass sie demnächst vielleicht nur noch mit einem Visum dort hin fahren können, wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union würde“, schildert Korobov die Stimmungslage zwischen Industrieprojekt und Weltpolitik. Und dann erinnert er sich an den Scherz eines russischen Kollegen, als man auf dem Werksgelände in Chelyabinsk an einer Gasleitung vorbeikam und dieser mit einem Augenzwinkern feststellte: „Wir bekommen unser Gas ja ganz regulär über den nächsten Verteiler ins Werk geliefert und müssen die Gasleitungen nicht auf offene Strecke anbohren, so wie die Ukrainer.“

Ob in Gesprächen mit russischen Topmanagern oder mit Mitarbeitern an der Werkbank. Immer wieder spürt Korobov, „dass die Deutschen und ihre Ingenieurskunst in Russland eine sehr hohe Wertschätzung genießen.“ Auch deutsche Autofabrikate sind bei Russen begehrt und werden manchmal mit dem Scherz-Aufkleber „Trophäe aus Berlin“ versehen. Bis heute wird der Sieg über Hitler-Deutschland am 9. Mai in Russland als Nationalfeiertag zelebriert. Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, als das Unternehmen, an dessen Modernisierung Agiplan jetzt mitarbeitet, aus der Ukraine in den Ural verlegt wurde, um es nicht in die Hände der deutschen Besatzer fallen zu lassen, ist nicht vergessen. Sie bestimmt aber nicht mehr den Blick auf das heutige Deutschland.

Korobov, der dank seiner Biografie sowohl in der russischen, wie in der deutschen Kultur zu Hause ist, weiß, „dass die Russen einen sehr ausgeprägten Nationalstolz haben und Ernstfall immer auf der Seite ihres Präsidenten stehen werden, wenn sie ihn auch nicht immer mögen.“

Dennoch ist er auch nach den jüngsten Zuspitzungen in der Ost-Ukraine zuversichtlich, dass die Krise nicht aus dem Ruder laufen wird, „weil wir heute Gott sei Dank in einer globalisierten Wirtschaft leben, in der alle aufeinander angewiesen sind.“ Voraussetzung für ein gelingendes Krisenmanagement, um das er die politischen Verantwortlichen in Washington, Brüssel, Moskau und Kiew nicht beneidet, ist aus seiner Sicht, „dass man die Militärs raus lässt.“

Auch wenn viele seiner russischen Gesprächspartner in Moskau oder Chelyabinsk die Ukraine vor dem Hintergrund der gemeinsamen Sprache und sowjetischen Geschichte so ansehen, wie die Deutschen Bayern oder Hessen und deshalb kein Verständnis für die Aufregung in der Europäischen Union haben, ist man sich auch jenseits des Projektprotokolls mit Blick auf die aktuelle Krise einig, „dass das niemand braucht und will, weil jeder ruhig leben, seine Geschäfte entwickeln und hoffentlich bald wieder zum Urlaub auf die Krim fahren will, wenn dort keine Milizen mehr patrouillieren.“ Auch im Europa des Jahres 2014, daran lässt Korobov keinen Zweifel, brauchen Handel und Wandel vor allem Frieden, damit sich russischer Optimismus und russische Improvisationskunst und deutsche Planungskunst nicht nur bei den von Agiplan betreuten Projekten auch weiterhin aufs beste ergänzen können.

 

agiplan, dessen Firmenzentrale sich an der Kölner Straße 80 bis 82 befindet, wurde 1961 als technisches Beratungs- und Planungsunternehmen gegründet, Es beschäftigt inzwischen 200 Mitarbeiter vom Maschinenbauingenieur bis zum Sozialgeografen. Fünf Mitarbeiter haben russische Wurzeln. Seit 1991 hat Agiplan eine eigene Niederlassung in Moskau. Dort sind acht russische und ein österreichischer Mitarbeiter beschäftigt. Zurzeit arbeitet Agiplan in Russland nur für Auftraggeber aus der privaten Wirtschaft. Der technische Sachverstand des Unternehmens wurde aber auch schon von staatlichen Auftraggebern genutzt, um zum Beispiel Industrieparkprojekte zu begutachten, die mit Steuergeldern finanziert wurden. Grundsätzlich arbeitet Agiplan nicht nur für Wirtschaftsunternehmen, sondern auch für Städte und Regionen. Fabrikbauten und Logistiksysteme werden von Agiplan ebenso geplant und gemanagt, wie der Wettbewerb um europäische Fördermittel für regionale Entwicklung oder das aus 160 Unternehmen und 12 Forschungseinrichtungen bestehende Effizienzcluster Logistik Ruhr, in dem zurzeit 40 Projekt zur Optimierung von Transport- und Versorgungssystemen durchgeführt werden. Weitere Informationen zum Unternehmen findet man unter www.agiplan.de
 
Dieser Text erschien am 24. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 

 

 

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