Mittwoch, 9. April 2014

Kameradschaft und rote Ohren: Thorsten Drewes ist seit 30 Jahren Feuerwehrmann: Er liebt seinen Beruf, auch wenn er manchmal hart ist. Denn er erlebt ihn als sinnvoll. Und seine Kollegen sind für ihn, wie eine große Familie sind, auf die Verlass ist

Versonnen schaut Thorsten Drewes, den 14 neuen Kollegen nach, die am 1. April 2014, dem 90. Geburtstag der Berufsfeuerwehr , dort ihre Ausbildung beginnen. Am Anfang steht eine Sportübung. „Sport wird hier groß geschrieben“, sagt der 51-jährige Brandinspektor. Vor 30 Jahren war er an ihrer Stelle und wurde mit einem Kollegen in voller Montur mit Atemschutzmaske und Atemschutzgerät durch einen dunklen und beschallten Käfigtunnel geschickt. „Da muss man durch, um zu lernen, nicht in Panik zu verfallen und in so einer Ausnahmesituation Vertrauen zu seinem Kollegen, seinem Gerät und zu sich selbst zu entwickeln“, sagt Drewes.

Ausnahmesituationen hat er in 30 Feuerwehrjahren viele erlebt. „Meinen ersten Einsatz in Mülheim werde ich nie vergessen. Ich kam um 7.50 Uhr zum Dienst und sollte um 8 Uhr den Kollegen offiziell vorgestellt werden. Doch dann kam ein Alarm und mein Wachführer sagte einfach: „Komm mit!“ Drewes kam und machte mit. Im Hafen brannte eine Kunststofffabrikation und der Einsatz dauerte drei Tage, genug Zeit, um die Kollegen kennenzulernen. „Feuerwehrleute sind wie eine große Familie. Die ticken einfach alle gleich. Man kann sich blind auf sie verlassen“, schwärmt Drewes. Es war diese Kameradschaft, von der ihm sein Schwiegervater und Vorbild als Feuerwehrmann erzählt hatte, die den gelernten Elektriker nach der Bundeswehrzeit zur Feuerwehr brachte.

Heute gehört ein Orientierungsmarsch, bei dem ein Feuerwehrmann seine durch Augenklappen blind gemachten Kollegen durch ein Waldstück führen muss, zu den ersten Ausbildungsübungen, die angehende Brandmeister hinter sich bringen müssen. „Man muss begreifen, dass man als Einzelkämpfer bei uns keine Chance hat“, betont Drewes.

Über viele Jahre gehörte er zu den Angriffstrupps, die bei der Brandbekämpfung und im Rettungsdienst in der ersten Reihe stehen. Seit 2010 zählt er zu den 15 Einsatzleitern der Berufsfeuerwehr. „Ich stehe heute auf dem Feldherrnhügel“, sagt er mit einem Augenzwinkern und lässt keinen Zweifel daran, dass die lange Zeit an der vordersten Front der Brandbekämpfung für ihn eine harte, aber notwendige Schule war. „Denn nur so kann ich heute Verantwortung für Kollegen tragen und weiß genau, worauf es ankommt und was geht und was nicht und wann man einen Kollegen auch mal aus dem Rennen nehmen muss“, unterstreicht Drewes.

Schon bei einem seiner ersten Einsätze musste er lernen, dass man als Feuerwehrmann auch dem Tod begegnet. Bei einem Brand in einem alten Haus konnten seine Kollegen und er drei Kinder nur noch tot bergen, weil man sie in Qualm und Feuersbrunst zu spät fand. Sie hatten sich unter einem Tisch und in einem Schrank versteckt, statt sich am Fenster bemerkbar zu machen.

Nach einem Unfall auf der A 40 konnten Drewes und seine Kollegen drei Menschen mit Hydraulikschere und Metallspreizer aus einem brennenden Fahrzeug retten, während ein vierter Insasse bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Vor etwa 20 Jahren gehörte er zu den Feuerwehrleuten, die im Uhlenhorst die brennende Villa Grillo löschten, aber die Hausherrin nicht mehr retten konnten. „Einige Gebäudeteile waren durch das Feuer eingestürzt und wir hatten keine Hydranten vor Ort, so dass das Wasser im Pendelverkehr der Tankfahrzeuge dort hin gebracht wurde.“, erinnert sich Drewes.

Im Gedächtnis geblieben ist ihm auch der Brand in einem Mehrfamilienhaus am Dickswall, bei dem die Feuerwehr 21 Menschen retten konnte, aber zwei Bewohner starben. Ein Bewohner war aus dem zweiten Stock gesprungen und hatte dabei das von der Feuerwehr ausgebreitete Sprungtuch verfehlt.

„In solchen Extremsituationen kann man nur funktionieren. Man muss einen Hebel im Kopf umlegen und sich ganz auf seine Aufgabe konzentrieren“, weiß Drewes.

Dass er sich bei seinen Einsätzen an der Feuer- und Rettungsfront nur einige „rote Ohren“ und Schnittverletzungen, aber keinen dauerhaften seelischen Schaden geholt hat, verdankt er vor allem seiner Frau, die selbst in einer Feuerwehrfamilie aufgewachsen ist und ihn nach belastenden Einsätzen immer wieder aufgefangen hat.

Ausgesprochen dankbar ist Drewes dafür, dass es, anders, als in seinen ersten Jahren bei der Feuerwehr heute Notfallseelsorger gibt, die auch nach dem Einsatz für Gespräche zur Verfügung stehen. Auch als diensterfahrener Vorgesetzter bietet er jungen Kollegen nach belastenden Einsätzen immer wieder das Gespräch an. „Heute sagt niemand mehr: Wenn du das nicht vertragen kannst, bist du hier falsch“, beschreibt er die Sensibilisierung und den Mentalitätswandel bei der Berufsfeuerwehr.


Schlaglichter


Am 1. April 1924 traten 17 Feuerwehrleute an der Aktienstraße ihren Dienst bei der neuen Berufsfeuerwehr an.

Sie rückten im ersten Jahr zu 70 Einsätzen aus.

Heute hat die Berufsfeuerwehr Mülheim rund 230 Mitarbeiter, von denen rund 190 Feuerwehrleute sind.

Die Berufsfeuerwehr leistet jedes Jahr rund 30.000 Einsätze, von denen aber nur rund 500 auf die Brandbekämpfung entfallen. Der Großteil der Einsätze wird im Bereich des Rettungsdienstes, des Krankentransportes und der technischen Hilfeleistungen absolviert.

Mal muss Hilfe am Unfallort geleistet werden. Mal muss eine Katze vom Baum geholt werden oder eine undichte Gasleitung ist abzusperren und die betroffenen Anwohner rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Vor 1924 gab es in Mülheim nur eine freiwillige Feuerwehr. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst, aber 2001 neu begründet.

Wer bei der Berufsfeuerwehr arbeiten möchte, muss übrigens eine abgeschlossene Handwerksausbildung haben.

Dieser Text erschien am 2. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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