Freitag, 18. April 2014

Pragmatischer Wandel: Mit unserer Gesellschaft ändert sich auch ihre Grabkultur: Eine Karfreitagsbetrachtung


Und Josef nahm den Leib und wickelte ihn in ein reines Leinentuch und legte ihn in seine neue Gruft, die er in den Felsen ausgehauen hatte; und er wälzte einen großen Stein an die Tür der Gruft und ging weg.“ So beschreibt der Evangelist Matthäus die Beisetzung Jesu durch einen guten und gerechten Ratsherrn. In der Karwoche gedenken Christen dem Leiden und Sterben Jesu, ehe sie mit Ostern dessen Auferstehung von den Toten feiern. Ob man an ein Leben nach dem Tod glauben kann und will, ist eine persönliche Entscheidung. Sicher ist nur eines. Das irdische Leben endet mit dem Tod und wirft für die Hinterbliebenen die Frage auf, wie sie ihre verstorbenen Angehörigen beisetzen wollen.

Diese Frage beantworten inzwischen zwei Drittel aller Hinterbliebenen in Mülheim mit einer Feuerbestattung. Das zeigen die Zahlen der Friedhofsverwaltung und die übereinstimmenden Erfahrungberichte der Bestatter Stefan Helmus-Fohrmann, Hermann Mombour, Johannes Vehar und Martin Elstermeier. „Als ich vor 28 Jahren anfing, wurden rund 90 Prozent aller Verstorbenen erdbestattet. Inzwischen liegt der Anteil der Feuerbestattungen bei über 60 Prozent und wird in den nächsten Jahren sicher noch auf über 70 Prozent ansteigen“, sagt Elstermeier. Die Ursache für den Trend zu Urnengrabstellen, die für eine Liegezeit von in der Regel 25 Jahren bezahlt werden, sehen seine Kollegen und er vor allem darin, dass die Familien heute nicht mehr über Generationen hinweg an einem Ort zusammenleben und deshalb dort auch nicht mehr die Gräber ihrer Verstorbenen regelmäßig besuchen und pflegen können. „Die alten Eltern in Mülheim wollen ihren Kindern nicht die Grabpflege zumuten, wenn diese heute vielleicht im Hamburg leben“, sagt Bestatter Helmus-Fohrmann. Welch ein Unterschied zu früheren Generationen: „Vor der Eröffnung des Altstadtfriedhofes im Jahr 1812 bestatteten die Mülheimer ihre Toten rund um die Petri,- die Marien oder die Paulikirche. Wenn sie zur Kirche gingen, kamen sie an den Gräbern ihrer verstorbenen Angehörigen vorbei. Man ging regelmäßig zu den Gräbern der Verstorbenen und wusste genau, wo welcher Nachbar lag und welche Lebensgeschichte er hatte“, weiß Familienforscherin Bärbel Essers. Sie hat sich im Rahmen ihres Publikationsprojektes über die Volkszählung von 1861 mit der Mülheimer Friedhofs- und Begräbniskultur beschäftigt.

Tod und Beisetzung waren damals auch öffentlich präsenter. Verstorbene wurden vor ihrer Beerdigung zu Hause aufgebahrt und mit einer Kutsche zum Friedhof gefahren. Bestatter gab es in Mülheim erst ab den 1890er Jahren. Zuvor wurden Särge beim Schreiner angefordert, sobald ein Todesfall eingetreten war. Nur ganz wenige Menschen ließen sich damals feuerbestatten, weil das als Ausdruck einer atheistischen Weltsicht galt.

Die Evangelische Kirche gestattete die Feuerbestattung erst vor etwas mehr als 100 Jahren. Und die Katholische Kirche machte erst im Zuge des 2. Vatikanischen Konzils in den 60er Jahren ihren Frieden mit der Feuerbestattung, während es im Judentum und im Islam bis heute nur Erdbestattungen gibt.

Der katholische Pfarrer Manfred von Schwartzenberg und sein evangelischer Amtsbruder Michael Manz sagen beide, dass Feuer- und Erbestattung, dem christlichen Auferstehungsglauben nicht widersprechen, „weil wir nur die sterbliche Hülle des Körpers und nicht die unsterbliche Seele eines Menschen beisetzen“ und „die Auferstehung keine physikalische, sondern eine metaphysische Angelegenheit ist.“

Deshalb entschied sich die von Schwartzenberg geleitete Pfarrgemeinde St. Barbara auch dazu, die 2007 vom Bistum aufgegebene Kirche Heilig Kreuz als Urnenkirche, in der auch Gottesdienste und Kulturveranstaltungen stattfinden, neu zu nutzen. Immerhin 300 Menschen haben sich seit 2007 in der Urnenkirche Heilig Kreuz bestatten lassen und sich damit für eine pflegefreie Grabform entschieden.

Einig sind sich beide Pfarrer mit dem Bestatter Hermann Mombour, wenn er sagt: „Unabhängig von der Beisetzungs- und Grabform brauchen Menschen auch heute die Anlaufstelle, an der sie ihre Trauer bewältigen können. Viele Menschen, die sich für eine anonyme Beisetzung entschieden haben, werden damit später oft nicht fertig.“

Daten, Zahlen, Fakten, Hintergründe


Zurzeit sterben in Mülheim jährlich etwas mehr als 2000 Menschen. Von ihnen wurden, laut Friedhofsverwaltung 1499 (2012) und 1605 (2013) auf städtischen Friedhöfen beigesetzt. 1014 der 1499 (67,65 Prozent) der 2012 dort durchgeführten Beisetzungen waren Urnenbestattungen. 2013 waren 1081 von 1605 Beisetzungen (67,35 Prozent) Urnenbeisetzungen. Der Trend zur Feuer- und Urnenbestattung zeigt sich auch in der Relation der 7 Erdbestattungs- und 13 Urnenbestattungsformen, die auf den Friedhöfen der Stadt abgeboten werden.

Der Bestatter Johannes Vehar bestätigt, dass der Trend heute immer stärker zu Grabformen geht, die man als pflegefrei bezeichnet, weil man mit dem Kauf der Grabstelle, etwa im Buchenurnenhain, in der Urnenkirche Heilig Kreuz, unter Familienbäumen, in Gemeinschaftsgrabanlagen und Partnergräbern, Urnenkammern in Urnenwänden oder Stelen, auch einmalig für die Grabpflege bezahlt. Vehar schätzt die Spannbreite der jährlichen Grabpflegekosten, die bei einem klassischen Urnen- oder Erdgrab anfallen, je nach Größe der Grabstelle auf 100 bis 1000 Euro. Während heute eine Ruhezeit von 25 Jahren die Regel sei, weiß Vehar, dass vor dem Zweiten Weltkrieg Gräber auch für 100 Jahre und nach dem Krieg nicht selten noch für 50 Jahre gekauft wurden.
 
Dieser Text erschien am 17. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

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