Samstag, 19. Juli 2014

Ein ambivalentes Erbe: Eine Tagung der katholischen Akademie Die Wolfsburg diskutierte und betrachtete die Amtszeit des ersten Ruhrbischofs Franz Kardinal Hengsbach sehr kontrovers


Draußen steht der Stuhl, auf dem Franz Hengsbach während des Zweiten Vatikanischen Konzils Platz nahm. Drinnen, im Saal, der heute seinen Namen trägt, reflektieren Theologen, Kirchenhistoriker, Zeitzeugen, Wegbegleiter und interessierte Laien in der katholischen Akademie Die Wolfsburg das ambivalente Erbe des ersten Ruhrbischofs, der 1988 vom damaligen Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben worden war. Bevor die Zeitzeugen und Wegbegleiter zu Wort kommen, zeichnet der 1981 in Essen geborene und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhruniversität Bochum arbeitende Kirchenhistoriker Franziskus Siepmann mit einem Einblick in seine gerade fertiggestellte Doktorarbeit eine erste Skizze seiner frühen Bischofsjahre in Essen.
Siepmann schlägt den Bogen von der Aufbruchstimmung Ende der 50er Jahre bis zur Stagnation am Ende der 60er Jahre, als sich der konservative Bischof, etwa in der Kontroverse um die Ablehnung der Antibabypille durch die päpstliche Entzyklika Humanae Vitae 1968 von weiten Teilen des Kirchenvolkes entfernte und selbst ein deprimierendes Gefühl der Entfremdung erlebte. Welch ein Kontrast zum Beginn seiner Amtszeit, als der katholische Publizist Walter Dirks an Hengsbach gewandt festgestellt hatte: „Wir bedürfen Ihrer so sehr.“

„Er baute einen Zaun um sich herum und es gab unter den Priestern einen ängstlichen Blick, was da von oben wohl kommen werde“, sagt Generalvikar Klaus Pfeffer über den späten Hengsbach, der Kontroversen in der Priesterschaft als Misstrauensvotum gegen seine Person begriff und deshalb immer wieder auf seine Amtsautorität und die Gehorsamsverpflichtung der Priester pochte. „Er war auf  Vertrauen angelegt und wenn dieses Vertrauen gegeben war, konnte man mit ihm im richtigen Augenblick unter vier Augen auch ein sehr offenes Wort sprechen“, erinnert sich Weihbischof Franz Grave. Rückhaltloses Vertrauen hatte der Ruhrbischof offensichtlich zu seiner Haushälterin. „Tante Hedwig konnte Hengsbach alles sagen. Sie war für Hengsbach Volkes Stimme und keine Predigt verließ das Bischofshaus, die nicht von Tante Hedwig gegengelesen worden und für allgemein verständlich befunden worden war“, erinnert sich Hengsbachs ehemaliger Geheimsekretär Martin Pischel.

„Er konnte sich sehr gut in Menschen hineinversetzen und mit einem sprechen, wie mit einem Bruder,“ beschreibt der ehemalige Direktor des Kommunalverbandes Ruhr, Jürgen Gramke, Hengsbachs segensreiche Moderation im Initiativkreis Ruhrgebiet, dessen Gründung auf seine Idee zurückging.

Als gar nicht brüderlich und segensreich, sondern als autoritär und jeden Widerspruch abbügelnd, empfand der Priester und emeritierte Theologieprofessor Franz-Josef Nocke die Rolle, die Hengsbach zum Beispiel bei der Suspendierung eines vorbildlich engagierten Kaplans spielte, der bei seinem Pfarrer in Ungnade gefallen war, weil er in seinem Haus auch ehemalige Strafgefangene beherbergte oder als er 1970 im Priesterrat des Bistums eine Verurteilung des Theologen Hans Küng durchsetzte, der in einem Zeitungsartikel dafür eingetreten war, bei konfessionsübergreifenden Eheschließungen auf das Primat der katholischen Kindererziehung zu verzichten.

Als ausgesprochen segensreich schilderte dagegen Weihbischof Grave Hengsbachs vom Konzil geprägte Förderung des Laienapostulates. „Er war sehr an den Einschätzungen und Positionen der Laien interessiert und hatte deshalb nicht nur zum Diözesanrat, sondern auch  zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen sehr guten Draht.“ Dabei sahen der Mülheimer Akademiedirektor Michael Schlagheck und der Bochumer Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg bei Hengbach eine klare Aufteilung zwischen dem „Weltdienst der Laien und dem geistlichen Heilsdienst der Priester.“

Wie wichtig Hengsbach dieser Heilsdienst an und für die katholische Basis war, zeigte Hengsbach-Forscher Siepmann am Beispiel des Konzeptes der wohnortnahen Kirche. „Solange ich Bischof bin, bekommt jede Pfarrei ihren eigenen Pfarrer“, sagte der erste Ruhrbischof, der Mitte der 60er Jahre ein Viertel seines Bistumshaushaltes in den Aufbau pfarrgemeindlicher Strukturen investierte und nach der Arbeiter- auch die Familienseelsorge vorantrieb, um das zu erhalten, was schon damals nicht mehr selbstverständlich war, ein sinnstiftendes und lebensbegleitendes katholisches Milieu. „Den Titel Ruhrbischof“, so unterstrich Siepmann, „hat sich Hengsbach, der schon als Paderborner Weihbischof Hammer und Schlägel in seinem Wappen führte und in seinem Bischofsring ein Stück gepresste Kohle trug, nicht selbst zugelegt, sondern er ist ihm im Laufe der Jahre von den Menschen an der Ruhr verliehen worden.“ Siepmanns Doktorvater Damberg machte deutlich, dass die Gründung des Ruhrbistums „das von einem extremen Lokalismus und Kirchturmsdenken geprägte Ruhrgebiet zum ersten Mal administrativ zusammengefasst hat.“

Grave, Gramke und Schlagheck beschrieben Hengsbach als einen „politisch anlaysefesten, konsequenten und zupackenden“ Kirchenführer, „der auf ganz unterschiedliche Menschen zugehen und sie an einen Tisch bringen konnte“, wenn es ihm um sein Herzensanliegen gegangen sei, nämlich darum, „den Strukturwandel im Ruhrgebiet menschenwürdig zu gestalten.“ Hengsbach habe sehr realistisch erkannt, so Gramke: „dass man den Menschen im Ruhrgebiet nach dem Wegbrechen von Kohle Stahl zumuten muss, neue Wege zu gehen und bei der Suche nach Lösungen selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Als vorbildlich würdigten Gramke und Schlagheck in diesem Zusammenhang Hengsbachs persönlichen Einsatz für die Gewinnung neuer Ausbildungsplätze und neuer Netzwerke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Und auch, wenn viele Kirchen, die während der 60er Jahre unter Hengsbach gebaut wurden, inzwischen wieder aufgegeben, abgerissen oder umgewidmet werden mussten, bleibt für Akademiedirektor Schlagheck Hengsbachs Idee einer nahen Kirche auch heute  aktuell, „weil es nicht nur um geografische, sondern vor allem um mentale Nähe geht.“ Diese mentale Nähe lässt sich nach der Ansicht des Kirchenhistorikers Damberg aber nur dann realisieren, wenn es angesichts der demografischen Entwicklung und des sich verstärkenden Priestermangels künftig gelingt „christliches Gemeinschaftsleben auch ohne Priester zu organisieren.“ Ob das im Sinne des ersten Ruhrbischofs gewesen wäre? „Er wäre stark genug gewesen, sich notwendigen Veränderungen anzupassen“, glaubt Weihbischof Grave im Rückblick auf den 1991 verstorbenen Franz Hengsbach.

Franz Hengsbach wurde 1910 im Sauerland geboren und 1937 in Paderborn zum Priester geweiht. Anschließend arbeitete er als Kaplan in Herne. 1948 zum Leiter des Paderborner Seelsorgeamtes bestellt, organisierte er 1949 den deutschen Katholikentag in Bochum zum Thema „Gerechtigkeit schafft Frieden.“ 1953 wurde Hengsbach in Paderborn zum Weihbischof geweiht, ehe er 1958 als Bischof nach Essen wechselte. Sein Wahlspruch als Bischof lautete: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ In seinen ersten Bischofsjahren gründete Hengsbach unter anderem das bischöfliche Abendgymnasium in Essen und die katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim. Außerdem berief er 1961 die erste und bisher einzige Diözesansynode ein, um die Schaffung eines neuen Bistumsbewusstseins zu fördern. „Der Papstbesuch im Ruhrgebiet im Jahr 1987 war sicher ein emotionaler Höhepunkt seiner Amtszeit, bei dem er noch einmal so etwas, wie eine Heerschau des katholischen Milieus erleben durfte“, erinnert sich der Direktor der katholischen Akademie Die Wolfsburg, Michael Schlagheck.

Dieser Text erschien am 5. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen