Samstag, 5. Juli 2014

Fußball ist ihr Leben: Ein Gespräch mit Manfred Weides vom Kreisligisten 1. FC Mülheim-Styrum über die alltäglichen Herausforderungen an der Fußball-Basis


Wenn sich Detlef Weides in diesen Tagen im Fernsehen die Spiele der Fußballweltermeisterschaft anschaut, hat er immer wieder den Eindruck: „Das ist ganz weit weg. Das hat gar nichts mit uns zu tun.“ Dabei geht es doch um Fußball, ob bei der WM in Brasilien oder beim 1. FC Mülheim in Styrum.

Heute ist der 59-jährige Weides Geschäftsführer des Traditionsclubs, sein Bruder Manfred ist Vorsitzender. „Der Verein und der Fußball sind mein Leben. Ich bin hier aufgewachsen, war schon mit 13 als Mannschaftsbegeleiter dabei und spielte später in der A-Jugend“, erinnert sich Weides.

Der Unterschied zwischen den WM-Kickern und den Kreisliga-Kickern in Styrum liegt vor allem in etlichen Millionen, die sich aus Eintrittsgeldern, Werbeeinnahmen und Fernsehübertragungsrechten speisen. „Wenn ich höre, dass der argentinische Fußballer Lionel Messi 24 Millionen Euro pro Jahr verdient oder das der Deutsche Fußballbund dem ehemaligen Bundestrainer Bert Vogts eine monatliche Lebensrente von 3000 Euro zahlt, frage ich mich schon: Ist das vertretbar. Warum macht man so was?“

Von 250 Millionen Euro Jahresumsatz, schrieb die NRZ, als der Deutsche Fußballbund 2010 zu seiner bisher letzten Jahresbilanz-Pressekonferenz einlud. „Davon kommt hier unten nichts an. So weit gehen die nicht runter, aber der DFB kann auch nicht alle Amateurvereine retten“, sagt Weides ohne Bitterkeit. Bei seinem Engagement an der Fußballbasis hält er es mit John F. Kennedy: „Frage nicht, was der Verein für dich tun kann, frage, was du für den Verein tun kannst?“

Fünf Väter und eine Mutter sehen das genauso, wie er. Sie haben Zeit und Geld in einen Lehrgang investiert, um eine Trainerlizenz zu erwerben und jetzt ein- bis zweimal pro Woche eine Kinder- oder Jugendmannschaft des 1. FC Mülheims unentgeltlich zu trainieren. Selbst der Trainer der ersten Mannschaft, die in der Kreisliga A kickt, bekommt derzeit nur seine Fahrtkosten erstattet. „Wir bekommen zwar vom Landessportbund eine Übungsleiterpauschale. Aber das sind im Jahr vielleicht 350 Euro. Das würde nicht ausreichen, um als Verein davon Trainer zu bezahlen“, sagt Weides.

Über Zahlen möchte der Geschäftsführer des 1. FC Mülheim eigentlich gar nicht sprechen. Aber so viel wird im Gespräch mit ihm dann doch deutlich. Ganz ohne Sponsoren geht es auch bei einem Amateurclub nicht. Denn auch Trikots, Bälle, Fußballschuhe, Fußballtore, Startgelder, Sportversicherung, Fahrtkosten oder Schiedsrichtergebühren wollen bezahlt sein. Wenn man weiß, dass der Eintritt zu den Heimspielen des 1. FC Mülheims bei zwei Euro und der Monatsbeitrag der rund 200 Vereinsmitglieder bei sechs Euro liegt, weiß man, dass der Club mit seinen Bordmitteln keine großen Sprünge machen kann.

Ausgesprochen glücklich ist Weides deshalb, dass er mit der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft (Medl) ein größeres Unternehmen als Sponsoren für die Jugendfußballmannschaften des Vereins gewonnen hat. Auch die Gelder der Stadt und der Sparkassenstiftung, die jetzt in den Umbau des Sportplatzes an der Moritzstraße fließen, sind für den Traditionsclub und seinen Platzpartner Croatia Mülheim Gold wert: „Denn Fußballvereine, die keinen Kunstrasenplatz haben, gehen einer ganz schwierigen Zukunft entgegen, weil die Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Ascheplätzen spielen lassen wollen“, weiß Weides.

Ansonsten putzt er bei Kleinunternehmern und Einzelhändlern im Stadtteil die Klinken, um Kleinstsponsoren, etwa für die Plakatwerbung des Vereins zu gewinnen. „Helft uns doch, die Jungs von der Straße zu holen, damit sie zum Training kommen und am Ende nicht bei euch die Scheiben einschmeißen“, lautet eines seiner Argumente. Weides lässt keinen Zweifel daran, dass die Kinder- und Jugendtrainer oft nicht nur als Übungsleiter, sondern auch als Sozialarbeiter gefragt sind, wenn es darum geht dem Nachwuchs in der Gemeinschaft bestimmte Verhaltensregeln beizubringen.

„Wir sind dankbar, dass wir sie haben“, sagt Detlef Weides, mit Blick auf die Eltern, die sich ehrenamtlich als Trainer oder Mannschaftbegleiter engagieren. Dennoch würde er sich noch mehr Einsatz mancher Eltern wünschen, die ihre Kinder nur am Spielfeldrand abgeben, statt sie anzufeuern oder auch zu Auswärtsspielen zu begleiten.

Aber Weides ist auch Realist: „Es ist angesichts der auch zeitlich immer flexibleren Arbeitsverhältnisse für viele Menschen sehr schwer geworden, im Verein aktiv zu werden. Früher waren 90 Prozent der Leute aus Styrum bei Mannesmann. Und wenn die um 14 Uhr ihre Frühschicht hinter sich hatten, war es für sie kein Problem um 18 Uhr zum Training zu kommen“, erinnert sich Weides an alte Zeiten. Damals kamen auch noch deutlich mehr als 50 Zuschauer zu den Heimspielen, weil es keine Sonntagsspiele in der Ersten und Zweiten Bundesliga und keine Live-Spiele im Bezahlfernsehen gab.
 

Rückpass

 
„Eigentlich hat uns die schönste Zeit als Verein den größten Schaden gebracht, weil damals viele alte Mitglieder verprellt wurden, die weggegangen und nicht wieder gekommen sind“, erinnert sich Detlef Weides an die Zeit, als der 1. FC Mülheim im Styrumer Ruhrstadion gegen Manschaften, wie Bayer Uerdingen, Hannover 96, FC St. Pauli oder Arminia Bielefeld in der Zweiten Fußballbundesliga spielte. Damals waren sechsstellige Sponsorensummen und üppige Spielergehälter keine Seltenheit. Doch nach dem sportlichen kam dann mit der Insolvenz 1976 auch der wirtschaftliche Abstieg und sogar das Vereinsheim musste aufgegeben werden. Noch heute ärgert sich Weides darüber, dass er mit seinen Manschaftskameraden aus der A-Jugend 1973 nicht an der 50-Jahr-Feier seines Clubs im Handelshof teilnehmen durfte, weil das die Vereinsführung des damaligen Regionalligisten als nicht standesgemäß empfand. Weitere Informationen rund um den 1923 gegründeten 1. FC-Mülheim-Styrum, der bis zur für Ende Juli geplanten Fertigstellung des neuen Kunstrasensportplatzes an der Moritzstraße auf dem Sportplatz an der Von-der-Tann-Straße trainiert, findet man im Internet unter: www.1.fc-muelheim.de
 
Dieser Text erschien am 30. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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