Samstag, 26. Juli 2014

Keine Zukunft ohne Herkunft: Ein Gespräch mit dem Stadtplaner Thorsten Kamp darüber, wie und warum sich das Mülheimer Stadtbild in den letzten Jahrzehnten verändert hat


Bilder sagen manchmal mehr als 1000 Worte. Deshalb setzt die Neue Ruhr Zeitung mit einer Fotoserie die Stadt ins Bild setzen und Geschichten über das Leben und die Menschen in ihr erzählen, über das Leben wie es war und wie es ist.

Als zuständiger Abteilungsleiter für Städtebau und Stadtgestaltung hat sich der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes, Thorsten Kamp immer wieder mit dem Stadtbild und seinen Veränderungen beschäftigt.

Das ist für mich wichtig, weil es ohne Herkunft keine Zukunft geben kann, sagt der Stadtplaner. Er ist davon überzeugt, dass man eine Stadt nur dann sinnvoll planen und gestalten kann, wenn man weiß, wie sie früher ausgesehen hat und zu dem wurde, was sie heute ist.

Den Ursprung der Stadt sieht er auf dem Kirchenhügel. Auf ihn liefen noch um 1900 alle Straßen zu, als Mülheim bereits eine industrielle Großstadt an der Ruhr war, sich in ihrem Kern aber noch einen dörflichen Charakter bewahrt hatte, berichtet der baugeschichtlich bewanderte Stadtplaner.

Warum hat sich das Bild der Stadt zum Teil so radikal verändert, dass man an einigen Stellen der Stadt kaum noch historische Anknüpfungspunkte findet, wenn man alte und aktuelle Stadtansichten miteinander vergleicht?

Mülheim ist eine Stadt mit vielen Brüchen und Zäsuren, in der vieles begonnen und vieles unvollendet geblieben ist, sagt Kamp.

Für diese Brüche hat aus Sicht des Stadtplaners nicht nur der Zweite Weltkrieg gesorgt, der 800?000 Kubikmeter Trümmerschutt auf Mülheims Straßen hinterließ und ein Drittel (in der Altstadt sogar über 40 Prozent) der Wohnbebauung zerstörte.

In seinen Augen haben viele Stadtplaner und Architekten die Zerstörungen des Krieges nicht nur als Desaster, sondern auch als Chance begriffen, eine Stadt mit mehr Freiräumen zu schaffen. Es sollte mehr frische Luft und Grün in die Stadt kommen.

Wenn sich Kamp historische Fotos der eng bebauten Vorkriegs-Altstadt mit ihrem Marktplatz anschaut, hat er den Eindruck, dass sie damals fast etwas überfüllt war.

Den Bau der neuen Schloßstraße in den 30er und der neuen Leineweberstraße in den 50er Jahren sieht Kamp als städtebauliche Antwort auf die Herausforderung mit zunehmenden Verkehrsströmen fertig werden zu müssen. Auch die Nordbrücke und der Tourainer Ring dienten diesem Ziel und dienen Kamp, ebenso wie die riesigen Maschinen der Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz als abschreckendes Beispiel für die Planungseuphorie der 60er und 70er Jahre, als Stadtplanung alles Alte verachtete und alles Neue zum Maßstab erhob. Damals habe man nach seiner Ansicht den Fehler begangen, den Pfad der überschaubaren und deshalb besonders menschengerechten Architektur zu verlassen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Architektur die unmittelbarste Kunst ist. Denn einem durch sie geschaffenen Stadtbild kann niemand entkommen.

Im Rückblick auf die autogerechte Stadtplanung der 60er und 70er Jahre bedauert Kamp zum Beispiel, dass ein intaktes Gründerzeit-Viertel rund um das Amtsgericht der Nordbrücke und dem Tourainer Ring weichen musste. Schade findet er auch, dass damals Busse und Bahnen zunehmend unter die Erde verbannt, Autofahrer und Fußgänger zunehmend getrennt wurden und so mit Brücken und Unterführung, wie am Nordeingang des Hauptbahnhofes Unorte ohne Aufenthaltsqualität entstanden sind.

Als positive Beispiele für eine überschaubare, menschengerechte und mit Blick auf die sich immer wieder verändernden Lebensbedürfnisse der Menschen anpassungsfähige Architektur, sieht er die nach dem Ersten Weltkrieg von Krupp gebaute Siedlung Heimaterde oder das Viertel an der Von-Bock-Straße, wo sich alte Bürgerhäuser und moderne Geschossbauten abwechseln und für ein aufgelockertes Stadtbild sorgen.

Wie müsste, wie sollte sich Mülheims Stadtbild verändern? Die Zukunft sieht Kamp in überschaubaren Häusern und Wohnquartieren, in denen man arbeiten und wohnen kann und in denen alte und junge Bürger nachbarschaftlich zusammenleben und sich auf attraktiven Plätzen treffen und aufhalten können und wollen.

Positive Ansätze dazu sieht er bereits in der alten Schule am Fünter Weg in Heißen, wo eine generationsübergreifende Wohngemeinschaft einziehen will oder auch im Wohnquartier im und am Kloster Saarn.

In der Stadtmitte hätte aus seiner Sicht zum Beispiel der Rathausmarkt das Potenzial des zentralen Platzes, der in den letzten Jahren in einen Dornröschenschlaf versetzt worden ist. Hier hofft Kamp auf wiederbelebende Impulse durch das neue Ruhrquartier.

In diesem Zusammenhang erinnert der Stadtplaner daran, dass große stadtbildprägende Bauten, wie das 1912 fertig gestellte Stadtbad, das 1916 vollendete Rathaus oder die 1926 eröffnete Stadthalle nicht nur großstädtischem Selbstbewusstsein und dem Willen zur Repräsentation, sondern auch dem Wunsch entsprungen seien, die Ruhr in die Stadt zu holen. Nicht nur mit Blick auf die gebeutelte Innenstadt glaubt Kamp nicht an die Stadtplanung des großen Wurfes, sondern an Architektur und Räume, die im Alltag funktionieren. Dabei ist für ihn auch die Umwandlung von nicht mehr funktionierenden Einzelhandelsflächen in Wohnraum kein Tabu.

Mit allen seinen Stärken und Schwächen gilt in Kamps Augen auch für Mülheim, was ihm einmal eine Münchener Stadtbaurätin gesagt hat: „Am Stadtbild sieht man, wie die Gesellschaft tickt, die in ihr lebt.“

Die Antwort auf die Frage, wie die Mülheimer Stadtgesellschaft tickt, überlässt der Stadtplaner den Mülheimer Bürgern, wenn sie durch die Stadt gehen und dabei deren Erscheinungsbild betrachten.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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