Freitag, 18. Juli 2014

Späte Reifeprüfung oder: Von der Last zur Lust am Lernen: Ein Doppelportrait zur Steigerung der Bildungsmoral


Nikolaus Groß war ein Bergmann, der sich an Abendschulen weiterbildete und so zum Arbeiterführer und Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung aufstieg. Was verbindet Claudia Khom und Peter Wangen mit den 2001 selig gesprochenen Widerstandskämpfer, der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde? „Wohl die Erfahrung, dass Bildung das Leben positiv verändern kann und das man mit Fleiß und Engagement alles erreichen kann, was man wirklich will“, sagen die beiden Abiturienten des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums.
Claudia Khom und Peter Wangen sind besondere Abiturienten. Sie sind nicht 18 oder 19 Jahre jung, wie die meisten Schüler, die in diesen Wochen ihr Zeugnis der Reife erhalten. Mit 34 (Khom) und 25 (Wangen) gehören sie zu den reiferen Jahrgängen, die ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht haben. Beide haben in ihrem ersten Schülerleben die Fachoberschulreife erworben und anschließend etliche Jahre in der stationären Krankenpflegegearbeitet.

Beide beschreiben ihren zweiten Bildungsweg am bischöflichen Abendgymnasium in Essen als „Exodus aus unserem Berufsleben.“

Die 34-jährige Mutter aus Bottrop und der 25-jährige Junggeselle aus Mülheim an der Ruhr waren mit ihrer Arbeit als Krankenpfleger in einem Essener Krankenhaus schon länger nicht mehr zufrieden, als sie nach einem Ausweg suchten und ihn via Internetrecherche am Abendgymnasium des Ruhrbistums fanden.
„Man hat mir immer gesagt, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Aber ich fühlte mich trotzdem nie am richtigen Platz und habe unter der knappen Personaldecke gelitten“, erinnert sich Khom. Und Wangen fühlte sich von seinem Arbeitgeber oft „wie billiges Proletariat und wie ein Rädchen im Getriebe behandelt, obwohl man eine sehr verantwortungsvolle Arbeit leisten musste.“

Vor allem dann, wenn seine ehemaligen Schulfreunde von ihren Erfahrungen mit dem Hochschulstudium und ihrer beruflichen Weiterentwicklung berichteten, spürte er eine schmerzliche Unzufriedenheit, „weil ich selbst das Gefühl hatte, mich in meinem Beruf nicht weiterentwickeln zu können.
„In meinem ersten Schülerleben war ich eher faul und vor allem am Sport interessiert“, erklärt er, warum es auf dem ersten Bildungsweg mit dem Abitur nichts wurde. „Ich habe eigentlich gerne gelernt und anderen Menschen etwas erklärt. Aber in meiner Schule fühlte ich mich nicht wohl. Das hatte auch mit meinen damaligen Mitschülern und Lehrern zu tun, bei denen ich mich nicht gut aufgehoben und gefördert fühlte“, erinnert sich Khom, warum sie nach der elften Klasse ihre Gesamtschule verließ und eine Ausbildung als Krankenpflegerin begann.

„Dennoch“, so sagt sie rückblickend, „hat es mich immer gefuchst, dass ich damals das Abitur nicht gemacht habe, weil ich wusste, dass ich das gekonnt hätte.“ Wie bei ihrem Mitschüler Wangen, war es auch bei Khom „die Angst davor, Fehler zu machen und von anderen dafür ausgelacht zu werden“, die ihr im ersten Schülerleben die Freude am Lernen verdarb.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir Schule Spaß machen könnte“, sagt Wangen nach zweieinhalb Jahren am Abendgymnasium. Hier entdeckte er sein Interesse für Mathematik und Physik und „die faszinierende Logik der Beweisführung, die in diesen Wissenschaften steckt.“
Was hat die Last des Lernens am Abendgymnasium in eine Lust verwandelt? „Das hat wohl mit unseren Lehrern und Mitschülern zu tun. Wir haben hier immer wieder in kleinen Gruppen zusammengearbeitet, in denen alle das gleiche Ziel hatten und niemand auf die Idee gekommen wäre, über jemanden zu lachen, weil der etwas nicht wusste. Und auch die Lehrer standen immer wieder für Fragen bereit. Die konnten wir auch während der Ferien anrufen oder per E-Mail kontaktieren. Außerdem boten sie uns regelmäßig die Gelegenheit, durch Referate und Probeklausuren unser Wissen zu vertiefen und unsern Lernerfolg zu erhöhen“, beschreibt Khom den besonderen Arbeitsstil, „den ich in meiner früheren Schule so nicht kennengelernt habe.“

Auch ihr Mitschüler, der in seinem ersten Schülerleben an einer Freien Waldorfschule unterrichtet worden war, hatte am Abendgymnasium das Gefühl, „dass ich mich hier ganz anders einbringen konnte und deshalb auch das systematische Lernen erst richtig gelernt habe.“

Wangen lässt keinen Zweifel daran, dass es auch der Albtraum seines ersten Berufslebens in der Krankenpflege war, der ihn vorantrieb. „Ich habe mich vom ersten Tage hier gut gefühlt, weil ich wusste, dass ich hier die Chance bekomme, durch meine eigene Anstrengung meine Lebenschancen zu verbessern.“

Beratungslehrerin Angelika Hover, die am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet, weiß: „Die Schüler am Abendgymnasium sind älter, reifer und deshalb motivierter. Sie wissen, was sie wollen und fordern das Wissen auch aktiv ein. Deshalb arbeiten hier Lehrer und Schüler sehr partnerschaftlich zusammen.“

Durch die Möglichkeit, am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium nicht nur abends, sondern auch vormittags lernen zu können, konnten Khom und Wangen ihren Schulunterricht den Wechselschichten ihres Berufes anpassen und so zunächst parallel arbeiten und lernen. Doch im letzten Jahr vor ihrem Abitur haben beide dann doch der Schule den Vorrang eingeräumt und ihre Berufstätigkeit auf Teilzeit reduziert.
„Auch wenn manche Freunde mich gefragt haben: Warum tust du dir diesen Stress an, habe ich eigentlich erst kurz vor dem Abitur so etwas, wie Schulstress empfunden“, betont Peter Wangen und ist sich mit seiner Mitschülerin Claudia Khom einig: „Die Entscheidung für das Abitur am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium können wir anderen Menschen in einer vergleichbaren Situation nur empfehlen. Für uns war es die beste Entscheidung unseres Lebens.“

Dass sie diese Entscheidung für den zweiten Bildungsweg nicht bereuen mussten, sondern als „eine Erweiterung unseres Horizontes“ erleben konnten, haben die beiden späten Abiturienten aber nicht nur sich selbst zu verdanken. Daran lassen sie keinen Zweifel. „Mein Mann, der selbst auch in der Krankenpflege arbeitet, hat mich ebenso, wie meine Eltern und Schwiegereltern unterstützt und zum Beispiel bei der Betreuung unserer drei Kinder und Pflegekinder entlastet. Er weiß, dass ich nicht glücklich geworden wäre, wenn ich meinen Lebenstraum nicht verwirklichen könnte“, erzählt Khom. Ihr Mitschüler Wangen ist seinen Eltern sehr dankbar, dass er auch als berufstätiger Abendschüler mietfrei zu Hause wohnen durfte und so finanziell enorm entlastet wurde.

Jetzt möchte er Bundesausbildungsförderung (Bafög) beantragen, um in Tübingen Physik und Mathematik und vielleicht ja auch noch Philosophie zu studieren. Auch Khom möchte Mathematik studieren, wahrscheinlich aber wohnortnah im Ruhrgebiet. Denn sie wird ja nicht nur Studentin, sondern auch weiterhin Mutter sein. Auch neben dem Studium möchte sie weiter in der Kinderpflege arbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen. Doch ihr neunjähriger Sohn Lukas kennt schon den wahren Traumberuf seiner Mutter: „Meine Mamma wird jetzt Lehrerin“, sagt er nicht ohne Stolz.

Das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium wurde 1959 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach gegründet. Zunächst wurde es nur von Männern besucht, die ihr Abitur nachholen wollten, um Priester zu werden. Inzwischen sind aber mehr als 50 Prozent der Schüler weiblich und holen am Abendgymnasium des Bistums Essen nicht nur ihr Abitur und ihr Fachabitur, sondern auch ihre Fachoberschulreife nach. Der Schulbesuch ist gebührenfrei und kann durch Bafög unterstützt werden. Wer das Abendgymnasium, das  seit 1998 den Namen von Nikolaus Groß (1898-1945) trägt, besuchen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Es gibt aber auch Schüler, die noch mit Anfang 70 dort ihr Abitur nachholen, weil sie auf ihrem bisherigen Lebensweg nicht dazu gekommen sind. Weitere Informationen zum Nikolaus-Groß-Abendgymnasium findet man im Internet unter: www.abendgymnasium-essen.de

Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

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