Sonntag, 31. August 2014

Gute Altenpflege braucht vor allem mehr Zeit und Zuwendung für den Menschen, damit Pflegende und Gepflegte nicht auf der Strecke bleiben und neuer Nachwuchs für den Beruf gewonnen werden soll


Droht der alternden Stadtgesellschaft ein Pflegenotstand, wie ihn die entsprechenden Prognosen der Krankenkasse IKK und der Bertelsmannstiftung vorhersehen. Martin Behmenburg, der in seinem ambulanten Pflegedienst sechs angehende Altenpfleger ausbildet und Saskia Kühle vom kommunalen Pflegemanagement des Sozialamtes sehen derzeit noch keine akuten Probleme bei der Stellenbesetzung in der Altenpflege . Doch sie räumen ein, dass es zunehmend schwieriger wird, qualifizierten Nachwuchs für einen schweren Beruf zu gewinnen."Altenpflege ist körperlich und seelisch belastend. Sie verlangt die Fähigkeit, mit Leid umgehen zu können und den Willen, Menschen zu helfen“, beschreibt Behmenburg die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in den Beruf der Altenpflege. Er gibt zu, dass die ambulanten Pflegedienste, die sich jetzt in ihrer Arbeitsgemeinschaft auf einheitliche Qualitätsstandards in der Ausbildung geeinigt haben, erst am Anfang einer massiven und systematischen Nachwuchsgewinnung stehen.

Sein Pflegedienst setzt auf die Zusammenarbeit mit Schulen, ihren Beratungslehrern und den Beratern und Begleitern aus dem zur Sozialagentur gehörenden U25-Haus, weil die Jugendliche und ihr Potenzial am besten kennen und einschätzen können. So startet Behmenburgs Pflegedienst ab dem kommenden Schuljahr eine Kooperation mit der Max-Kölges-Schule und dem Berufskolleg Stadtmitte, in deren Rahmen interessierte Acht- und Neuntklässler an einem Tag der Woche das Beruf Altenpflege entdecken und sich dabei auch mit angehenden Altenpflegern über deren Erfahrungen austauschen sollen. Im Altenheim Ruhrgarten, wo acht bis zehn angehende Altenpfleger ausgebildet werden, hat man nach Angaben des Pflegedienst- und Einrichtungsleiters Oskar Dierbach, bei der Nachwuchsgewinnung schon seit einigen Jahren sehr gute Erfahrungen mit Projekttagen und Praktika für Schüler gemacht.

„Wenn wir junge Leute fürdie Altenpflege begeistern wollen, müssen wir den Beruf attraktiver machen“, betont Behmenburg. Dabei denkt er nicht nur an finanzielle Anreize, sondern vor allem an bessere Arbeitsbedingungen, die Altenpfleger nicht mehr krank machen, weil alles immer schneller und rationeller gehen muss. Mehr Teilzeit und Kindergärten für den Nachwuchs könnten aus seiner Sicht zum Beispiel für familienfreundlichere und weniger stressige Arbeitsbedingungen sorgen.

Dass wünscht sich auch die stellvertretende Leiterin des Altenpflegeseminars der Fliedner-Stiftung, Birgit Witt, das zurzeit in acht Kursen 200 angehende Altenpfleger ausbildet. „Die Zahl der jungen Leute, die in den letzten Jahren eine Ausbildungin der Altenpflege begonnen haben, steigt eher, als dass sie sinkt. Doch die angehenden Altenpfleger werden in der Praxis oft frustriert, weil sie ihr Potenzial nicht abrufen können und vieles von dem gar nicht anwenden können, was sie bei uns gelernt haben, weil in der alltäglichen Pflege dafür oft die Zeit fehlt“, umreißt Witt das Problem der Arbeitszufriedenheit. Die kann bei Altenpflegern aus ihrer Sicht auch nicht aufkommen, wenn aus Zeit- und Kostengründen im Zweifel eher eine Magensonde gelegt wird, als eine Stunde in die Handreichungen bei der Nahrungsaufnahme zu investieren.

Einig ist sich Witt mit Oskar Dierbach, dass die Altenpflegeseminare vom Land besser finanziert werden müssten, um mehr Dozenten für die Praxisanleitung am Arbeitsplatz einsetzen zu können.

2006 hat das Land die Kostenpauschale pro Schüler und Monat von 317 auf 280 Euro gesenkt und seit dem nicht mehr erhöht, was zuletzt im Mai zu einer Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag führte. Dass Altenpfleger auf die Straße gehen, um für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen, könnte aus Dierbachs Sicht ruhig öfter der Fall sein als bisher. Er hält seinen diakonischen Berufsstand in diesem Punkt für „zu leidensfähig.“

Witt würde gerne mehr Dozenten und Schüler an ihrem Altenpflegeseminar sehen, sieht sich aber durch das Land ausgebremst. Sie kann nicht nachvollziehen, warum das Land Krankenpflegeschulen eine um 180 Euro höhere Kostenpauschale pro Schüler und Monat bezahlt.

So müssen im Altenpflegeseminar der Fliedner-Stiftung derzeit zwei Vollzeit- und vier Teilzeitdozenten, unterstützt von zehn bis 15 freiberuflichen Dozenten den theoretischen und praktischen Unterricht für 200 angehende Altenpfleger gewährleisten

Eine Stimme aus der Ausbildungspraxis


Der gelernte Radio-und Fernsehtechniker Ralf Brosowski (45) (siehe Foto) macht als Umschüler im zweiten Lehrjahr in dem zum Evangelischen Krankenhaus gehördenden Wohnstift Raadt eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger.

Was könnte seinen neuen Beruf aus seiner Sicht vor allem für den Nachwuchs interessanter machen?

Dazu sagt er. „Der finanzielle Aspekt ist sicher wichtig. Eine Familie versorgen kann man heute nur als examinierter Altenpfleger. Man muss wissen, dass dieser Beruf kein leichter ist und dass man damit nicht reich werden kann. Die Arbeit in der Altenpflege kann man nur aus Liebe heraus tun. Man braucht die Ambition, mit Menschen umgehen und ihnen helfen zu wollen. In der Altenpflege wird man unweigerlich mit Leid und Tod konfrontiert. Damit haben gerade viele junge Leute ein emotionales Problem. Deshalb brauchen wir mehr Personal für die Begleitung der Auszubildenden. Ich denke dabei nicht nur an die fachliche Praxisanleitung, sondern auch an die psychologisch und spirituell stärkende Begleitung.“


Dieser Text erschien am 1. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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