Mittwoch, 27. August 2014

Mein Wert hängt nicht von dem ab, was ich leiste: Ein Portrait des Dümptener Diakons Reinhard Sprafke


Diakon Reinhard Sprafke vor
im Pastoralen Trauerzentrum
Heilig Kreuz vor einem von
seiner Frau Margret gemalten Bild

Reinhard Sprafke ist ein bodenständiger  Mann, einer der mit beiden Beinen im Leben steht. Er macht keine großen Worte. Er hört gerne zu und reagiert auf die Worte seines Gesprächspartners, reflektiert dessen Gedankengang mit seiner eigenen Lebenserfahrung. Das ist seine Stärke. Sprafke ist Seelsorger, einer der das Leben aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennt. Diese Bodenständigkeit erklärt sich ebenso, wie seine Berufung, die zu seinem Beruf wurde, aus seiner Biografie. Eigentlich wollte der Spross einer gut katholischen Familie schon als junger Mann Theologie studieren, nachdem er einen Jesuitenpater predigen gehört hatte. „Mich faszinierte damals, was er sagte und wie er es sagte“, erinnert sich Sprafke an sein jugendliches Erweckungserlebnis, das er heute aber nicht mehr näher beschreiben kann, obwohl es ihn damals prägte. „Du musst erst mal reifen. Dann kannst du immer noch Theologie studieren. Lern erst mal ein richtiges Handwerk“, riet ihm die Mutter. Und so ging er nach der Volksschule als 14-Jähriger erst mal in die Bäcker- und Konditorlehre, statt weiter zur Schule und später zur Universität zu gehen und sich dann zum Priester weihen zu lassen. Das war seine Jugend in den 50er Jahren.
Es sollten fast 30 Jahre vergehen, ehe Sprafke Anfang der 80er Jahre als Familienvater seinen Jugendtraum wahr machte und nebenberuflich Theologie studierte, um 1984 dann zum Diakon geweiht zu werden. Der Reifungsprozess, von dem seine Mutter einst sprach, dauerte am Ende etwas länger als gedacht. Doch er hat ihm offensichtlich gut getan. Alles im Leben hat eben seine Zeit, früher oder später.
Als Diakon der Pfarrgemeinde St. Barbara begleitet er nun schon seit 30 Jahren Menschen auf den Scheidewegen ihres Lebens, spricht mit ihnen über Taufe, Trauung und Tod. „Wenn ich zu einem Trau- oder Trauergespräch gehe, kann das auch schon mal drei Stunden dauern“, sagt der 73-Jährige. Er will sich Zeit nehmen, sich ganz auf seinen Gesprächspartner einlassen. „Als Kirche sind wir für die Menschen da“, sagt Sprafke. Damit sagt er schon viel über sein Leben. Der Mann, dessen Lebensweg im sauerländischen Werdohl begann und ihn Ende der 60er Jahre ins Ruhrgebiet führte, war immer wieder da, wenn ihn Menschen brauchten.

Als Leiter des katholischen Jugendheimes von St. Barbara spürte er immer wieder, dass es die Gemeinschaft ist, die einen Menschen formt. „Mein größtes Glück im Leben war, dass ich immer wieder in einer starken Gemeinschaft leben durfte, die mich getragen hat“, sagt Sprafke. Der dreifache Vater und Großvater denkt dabei an seine Familie, aber auch an seine aktive Zeit als Handballer im katholischen Sportverein DJK, an seine Gemeinde St. Barbra oder an die Gruppe von Menschen, mit der er vor fünf Jahren ein Trauerpastorales Zentrum aufgebaut hat.
18 Jahre hat er als Krankenhausseelsorger im Evangelischen Krankenhaus gearbeitet. Das prägte seine Sicht auf Gott und die Welt. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der alles perfekt und stark sein soll und alles, was schwach und krank ist, verdrängt wird“, beschreibt Sprafke seine soziale Wahrnehmung.

„Wir sind Menschen. Wir machen Fehler haben Zweifel. Das gehört dazu“, widerspricht er dem gesellschaftlichen Pseudoideal des Perfektionismus, der nach seiner Ansicht Menschen vor allem eines macht, krank. Mit großer Sorge sieht der Diakon, der in seinem ersten Berufsleben Bäcker und Konditor war, ehe er mit seiner Frau Margret ein Schuhgeschäft betrieb, „dass inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche unter Depressionen leiden, weil sie dem Leistungsdruck, den sie zum Beispiel in der Schule erleben, nicht mehr standhalten.“
Auch Sprafke kennt aus seiner Biografie den Leistungsdruck, als er früh morgens in der Backstube und nachmittags und abends im katholischen Jugendheim St. Barbra arbeitete oder später neben seiner Arbeit im Schuhgeschäft seiner Frau in Fernkursen Theolgie studierte, um sich auf sein Diakonat vorzubereiten. „Das war eine sehr intensive und herausfordernde Zeit“, erinnert er sich. Aber er erinnert sich auch an die Stärkung, die er durch sein Leben in Gemeinschaften und im Glauben erfuhr.

In einer Welt der scheinbar perfekten Menschen, die glauben alles selbst zu wissen und alleine regeln zu können, erscheint vielen Menschen Gott verzichtbar. „Jugendliche zu begeistern und ihnen vor allem Freude zu vermitteln, die stark macht“, sieht der Diakon aus Mülheim als den Kontrapunkt, den die Kirche in ihrer seelsorgerischen Praxis gegen perfektionistischen Zeitgeist setzen muss. Mit dem christlichen Glauben nicht nur jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln: „Ich darf so sein, wie ich bin, weil ich von Gott auch so angenommen werde, wie ich bin. Und mein Lebensglück hängt nicht von meiner eigenen Leistung, sondern von meinem Vertrauen in Gott und meine Mitmenschen ab“, ist für Sprafke eine zentrale Erkenntnis der Frohen Botschaft Jesu, die heute nichts an Aktualität verloren habe.
Als Krankenhausseelsorger und Leiter eines Trauerpastoralen Zentrums an der Tiegelstraße in Dümpten, das er zusammen mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, hat er immer wieder erfahren, „wie gut es Menschen tut, wenn sie sich vorbehaltlos aussprechen und dabei sich selbst und anderen ihre Fehler verzeihen können.“ Dabei stellt er gerade in seiner trauerpastoralen Arbeit immer wieder fest, dass Menschen heute verstärkt das Einzelgespräch und nicht mehr den Austausch in der Gruppe suchen, „in der sie erfahren können, dass sie mit ihrem Leid und ihrer Trauer nicht alleine sind.“ Auch das ist vielleicht Ausdruck einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in der jeder den Anspruch hat, seine Probleme selbst lösen zu können.

Gerade in Gesprächen mit Menschen, die ihm deutlich machen, dass sie mit dem christlichen Auferstehungsglauben nicht viel anfangen können, spürt Sprafke immer wieder, „dass da doch noch ein Flämmchen flackert.“ Denn auch sie spüren die urmenschliche Suche nach Sinn in ihrem Leben und das Gefühl, dass die Lebenden und die Toten „nicht wirklich weit entfernt und voneinander getrennt sind, sondern eine Gemeinschaft bilden.“ Auch wenn Sprafke aus seiner eigenen Lebenserfahrung weiß, „dass Glaube nicht ohne Wissen funktioniert“ und: „Menschen gerne etwas lernen, aber nicht ungern belehrt werden wollen“, ist er davon überzeugt, „dass der Glaube an einen liebenden Gott, der die eigentliche Ursache unserer Existenz ist“ nicht wirklich „rational verstanden werden kann, sondern in der Begegnung und in der Gemeinschaft emotional erlebt werden muss.“ Dieses Erlebnis zu vermitteln sieht der spätberufene Diakon, der gerade erst mit der Nikolaus-Groß-Medaille der Mülheimer Stadtkirche ausgezeichnet worden ist, als die große Aufgabe der Kirche.
Dieser Text erschien am 3. Mai 2014 im Neuen Ruhrwort 

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