Sonntag, 24. August 2014

Orden bauen Europa: Klosterfreunde und katholische Akademie begaben sich auf eine geistliche und kulturelle Spurensuche zu den Fundamenten unseres Kontinents


Mit einer Reise durch die Jahrhunderte feiern die Saarner Klosterfreunde in diesem Jahr den 800. Geburtstag ihres ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Mariensaal, das seit fast 25 Jahren als Bürgerbegegnungsstätte eine neue Aufgabe gefunden hat. Unter dem Motto „Orden bauen Europa“ machten die Klosterfreunde jetzt mit einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg Station im Mittelalter.
Als fachkundige Reiseführer beleuchteten die Kirchenhistoriker Gudrun Gleba von der Universität Osnabrück und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster die weltlichen und geistlichen Impulse, die von den Zisterziensern ausgingen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen standen die Heiligen Benedikt von Nurisa (gestorben 547) und Bernhard von Clairvaux (gestorben 1153).

Für Gleba ist „Bernhard der Benedikt des 12. Jahrhunderts.“ Dabei machte sie deutlich, dass Bernhard, der das militärische Vorgehen des Templerordens rechtfertigte und zum Kreuzzug aufrief, sehr wohl um die Widersprüchlichkeit seines Wesens wusste. „Die Zisterzienser waren einfach zu gut, um auf Dauer arm zu bleiben“, machte die Kirchenhistorikerin den Widerspruch zwischen dem Selbstverständnis von betenden und arbeitenden Mönchen, die durch ihr Gelübde zu Armut, Keuschheit, Gehorsam und Demut verpflichtet waren und dem wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand ihrer Klöster deutlich. Auch das Zisterzienserinnenkloster Saarn, das erst im Zuge der Säkularisation im Jahre 1808 aufgelöst wurde, war ja nicht nur Gebetsstätte, sondern auch ein Wirtschaftsbetrieb, dessen Besitz durch die Zustiftungen seiner Gönner stetig wuchs. Die konnten im Gegenzug davon ausgehen, dass in dem von ihnen begünstigten Kloster für ihr Seelenheil gebetet und ihnen nach dem Tod eine letzte Ruhestätte im Kloster bereitet wurde.
Bernhard selbst beschreibt Gleba als einen „asketischen Hardliner“, der „Reformer und Traditionalist in einer Person war.“ Als Mönch ließ er sich zwar zum Priester weihen, lehnte ein Bischofsamt aber ab. Die 68 Klöster, die er zu Lebzeiten selbst gründete sah er, wie Pater Hannöver, erklärte „in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde, in der die ersten Christen alles gemeinsam hatten.“ Gleichzeitig, so Gleba, habe der Ordensreformer mit seinen Predigten in Europa als Diplomat und Anwalt der päpstlichen Vormachtstellung agiert. Einer seiner Schüler, Bernardus Paganelli,  bestieg als Papst Eugen III. 1145 sogar den Stuhl Petri.

„Die Zisterzienser waren nicht unbedingt die besseren Menschen, aber sie wollten es besser machen als die Benediktiner“, formulierte der Kirchenhistoriker und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver den von Citeaux und den Ordensgründern Robert von Molesme und Stephan Harding ausgehenden Reformanspruch der Zisterzienser.

Architektonisch wie liturgisch setzten die Zisterzienser im Gegensatz zu den Benediktinern, deren Abteikirche in Cluny, die im Mittelalter die größte Kirche nördlich der Alpen war, auf schlichte Funktionalität. Ihre Klosterkirchen, die alle der Mutter Gottes geweiht wurden, kannten weder Türme noch goldene Kreuze und bemalte Kirchenfenster, sondern, wie in Saarn nur Dachreiter mit einfachem Glockengeläut. Alle Kreuze im Kloster waren aus einfachem Holz. „Nichts sollte von der Hinwendung zu Gott ablenken“, beschrieb Pater Hannöver die Reform durch Reduktion. Allerdings zeigten die prachtvollen Gemälde, mit denen er die auf Herz-Jesu- und Marienverehrung basierende Spiritualität der Zisterzienser ins Bild setzte, dass die Religiosität auch in ihren mittelalterlichen Klöstern nicht ganz ohne prunkvolle Äußerlichkeit und Anschaulichkeit auskam.
Außerdem ließen Gleba und Hannöver in ihren Tagungsbeiträgen keinen Zweifel daran, dass auch die Klöster ein gesellschaftliches Spiegelbild ihrer Zeit waren. Die meisten Mönche waren adeliger Herkunft und hatten mit den sogenannten Konversen „Laienbrüder fürs Grobe“, die sie bei der alltäglichen Arbeit unterstützten. Auch mit der gleichberechtigten Aufnahme von Ordensfrauen taten sich die Ordensmänner offensichtlich schwer. Deshalb wurden Frauenklöster, wie das 1214 in Saarn gegründete, auch der Oberaufsicht eines männlichen  Abtes unterstellt. Daher unterstanden die Äbtissinnen und ihre Mitschwestern in Mariensaal auch dem Abt von Kloster Kamp. Nicht schlecht staunten die Tagungsteilnehmer, als ihnen Pater Bruno Nobert Hannöver berichtete, dass die Zisterzienserinnen erst seit 1995 im Generalkapitel ihres Ordens vertreten sind, das Amt des Generalabtes aber weiterhin einem Ordensbruder vorbehalten bleibt.

„Damals waren alle Intellektuelle Ordensleute“, machte Kirchenhistorikerin Gleba mit Blick auf das Mittelalter deutlich. Klöster waren die Orte, an denen nicht nur geistliches, sondern auch geistiges Leben stattfand. Diese intellektuelle Dominanz prägte, wie Gleba sehr anschaulich herausarbeitete, nicht nur das Denken des christlichen Abendlandes. Denn in den Klöstern wurde nicht nur der Glauben gelebt, sondern auch Bildung weitergegeben, Caritas praktiziert oder Arbeitsplätze und Architektur geschaffen. Alles in allem waren die Klöster als von Zöllen und Zehnten befreite Großgrundbesitzer also auch sehr weltlich und materiell ausgerichtete Institutionen.
Dieser Text erschien am 19. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort
 

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