Freitag, 29. August 2014

Schubkraft für die Altenpflege: Wie kann man einen für unsere alternde Gesellschaft lebenswichtigen Beruf attraktiver machen?

Mülheim ist eine alte Stadt. Und sie wird älter. Schon heute ist jeder dritte Mülheimer über 60. Und die Statistiker der Stadt gehen davon aus, dass der Anteil der über-70-Jährigen bis 2025 um 5,2 Prozent ansteigen wird. Gleichzeitig hat die Krankenkasse IKK jetzt mitgeteilt, dass die Zahl der pflegebedürftigen Mülheimer bis 2030 um 25 Prozent zunehmen wird. Träfe diese Prognose, die auf Zahlen aus dem Pflegereport der Bertelsmannstiftung beruht, zu, hätten wir 2030 in Mülheim 6380 statt 5094 pflegebedürftige Mitbürger.

Deshalb warnt die IKK vor einem massiven Fachkräftemangel in der Altenpflege und prognostiziert eine Personallücke von über 40 Prozent.

„Wir werden nicht alle Pflegebedürftigen stationär oder ambulant pflegen können. Die Angehörigen werden noch mehr Pflegearbeit übernehmen müssen, als sie dies jetzt schon tun“, glaubt Martin Behmenburg vom ambulanten Pflegedienst Pflege Zuhause. Er weist darauf hin, dass schon heute ? aller ambulanten Altenpfleger über 45 sind. Laut IKK und Bertelsmannstiftung werden schon heute 39 Prozent aller pflegebedürftigen Mülheimer von ihren Angehörigen betreut. „Aber die dürfen wir nicht ausbrennen lassen,“ betont der Pflegedienst- und Einrichtungsleiter im Altenheim Ruhrgarten, Oskar Dierbach. Er plädiert wie Behmenburg für mehr wohnortnahe Pflegeberatung, die Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen auch jenseits der Pflegestufen unbürokratisch hilft und sie mit dem gezielten Einsatz professioneller Altenpfleger zumindest zeitweise entlastet.

Dierbach bezweifelt linearen Zukunftsprognosen, wie der der IKK und der Bertelsmannstiftung, „weil sich Lebensverhältnisse auch weiterentwickeln.“ Er ist davon überzeugt, „dass wir 2030 nicht unbedingt mehr Pflegebedürftige haben werden als heute, wenn wir mehr in soziale Vorbeugung und Rehabilitation investieren und damit Pflegebedürftigkeit vermeiden oder zumindest verringern können.“

Zur sozialen Vorbeugung gehören für ihn funktionierende Stadtteilzentren, in denen Ärzte, Apotheken und Einzelhandel auch noch mit dem Rollator erreichbar sind „und niemand ins Altenheim muss, weil er nicht mehr zum Bäcker oder zum Arzt kommt.“

Dierbach glaubt, dass ein Drittel aller Altenheimbewohner noch zu Hause leben könnten, wenn ihr soziales Umfeld funktionieren und sie durch gezielte Rehabilitation wieder fit und flott gemacht würden. „Im letzten Jahr konnten wir 45 Kurzzeitpflegefälle mit gezielter Rehabilitation wieder so fit machen, dass sie in ein selbstständiges Leben nach Hause entlassen konnten“, berichtet der Mann aus dem Ruhrgarten. Er plädiert für ein „Pflegesystem, dass die Menschen wieder auf die Beine stellt und ihnen nicht erst hilft, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

Saskia Kühle, die selbst lange in der Altenpflege gearbeitet hat, und heute als Teamleiterin für das kommunale Pflegemanagement zuständig ist, glaubt, „dass wir in der stationären Pflege einen verbindlicheren und realistischeren Personalschlüssel brauchen, um nicht nur bedarfsdeckend, sondern auch menschenwürdig zu pflegen.“

Aus ihrer Sicht sollten Altenpfleger monatlich brutto eher 3500 statt 2000 oder 2500 Euro verdienen und damit nicht weniger verdienen als Bankkaufleute. „Aber auch wer 500 Euro pro Monat mehr bekommt, geht auf die Dauer kaputt, wenn die Rahmenbedingungen seiner Arbeit nicht stimmen.“, macht Dierbach deutlich, dass Altenpfleger die sich zum Teil um 14 und mehr Pflegebedürftige kümmern müssen, nicht zum langfristigen Erhalt der Arbeitskraft beitragen. Er ist davon überzeugt, dass menschenwürdige Pflege, die Pflegekräften und Pflegebedürftigen mehr Lebensqualität verschafft, sich auch volkswirtschaftlich auszahlt. Das würde dann auch die Gewinnung von Nachwuchs erleichtern und verhindern, dass viele Altenpfleger bereits nach fünf Berufsjahren aussteigen, weil sie nicht mehr können.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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