Freitag, 24. Oktober 2014

Altersarmut: Mehr Geld für die Pllege? Auch in Zukunft wird nicht jede helfende Hand zu bezahlen sein

2014 und 2015 rechnet die Stadt mit jeweils 14 Millionen Euro, die sie (s. Kasten) für Menschen aufwenden muss, die ihre Pflegekosten nicht mehr alleine tragen können. Diese Summe dürfte deutlich steigen, wenn ab 2030 das Rentenniveau von 51 auf 43 Prozent des letzten Monatsgehaltes absinken und, wie 2012 vom Bundesarbeitsministerium prognostiziert, mehr als jeder dritte Rentner auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein sollte.

„Derzeit gehen wir davon aus, dass die Kosten für Pflegewohngeld und Hilfe zur Pflege jährlich um ein bis zwei Prozent steigen werden. Wir versuchen mit einer Strategie ambulant vor stationär den Kostenanstieg zu bremsen“, sagt der Leiter des Sozialamtes, Klaus Konietzka.

Dahinter steht die Idee: Wer möglichst lange mit pflegerischen, sozial beratenden und alltagsassistierenden Hilfen zu Hause leben kann, kommt erst später oder gar nicht ins teure Altenheim.

„Wir brauchen in jedem Wohnquartier Unterstützungsstrukturen, die wir heute schon aufbauen. Aber auch preiswerte Dienstleistungen kosten Geld. Und wenn die Zahl der Menschen steigt, die sich diese Dienstleistungen nicht mehr leisten können, werden wir als Gesellschaft nicht darum herum kommen, diese Dienstleistungen auch aus Steuermitteln zu finanzieren“, glaubt Konietzka. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Stadt in diesem Punkt mehr denn je auf finanzielle Hilfe von Land und Bund angewiesen sein wird.

Deshalb ist es aus seiner Sicht konsequent, dass der Bund mit dem Pflegestärkungsgesetz ab 2015 den Pflegeversicherungsbeitrag um 0,5 Prozent erhöhen und damit zusätzlich fünf Milliarden Euro in den Pflegebereich geben will.

Auch für die Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes „Pflegepartner“ Christel Schneider, steht fest: „Wir müssen mehr Geld ins System geben, wenn wir keine minimalistische, sondern eine ganzheitliche Versorgung alter Menschen haben wollen.“ Doch für sie hängt die Pflegequalität nicht nur am Geldbeutel. Viel wäre für sie schon dann gewonnen, wenn ambulante Pflegedienste und Pflegeheime von bürokratischen Dokumentationspflichten entlastet würden, „um mehr Zeit für die Menschen zu haben.“

Ihr Kollege Martin Behmenburg vom ambulanten Dienst „Pflege Zuhause“ ahnt, „dass noch nie dagewesene Belastungen“ auf die Gesellschaft zukommen, wenn immer weniger Pflegebedürftige aus eignen Mitteln für ihre Pflege bezahlen können. Er fürchtet, dass die Versorgung im Extremfall auf das Niveau „satt und sauber“ absinken könnte, wenn es nicht gelingen sollte, die professionelle Pflege durch den Ausbau nachbarschaftlicher und ehrenamtlicher Hilfsstrukturen zu unterstützen.

Gute Ansätze zu der von Behmenburg erhofften „Kultur des Helfens“, sieht Sozialamtschef Konietzka im stadtteilorientierten Netzwerk der Generationen oder in den Menschen, die sich schon heute ehrenamtlich als Bürger- oder Seniorenlotsen engagieren. Aber auch alternative Wohnformen von der Senioren-WG bis zum Mehrgenerationenhaus werden nach seiner Einschätzung ebenso an Bedeutung gewinnen,wie Alltagsdienstleistungen vom Concierge- und Liefer- über den Reparaturservice bis zum Pflegestützpunkt. Initiativen, wie die der großen Wohnungsgesellschaften MWB und SWB, der Stadt, der Paritätischen Initiative für Arbeit oder des Diakonischen Werkes hält er deshalb für wegweisend.

Der Pflegedienstleiter des Altenheims Ruhrgarten, Oskar Dierbach, ist sich mit Martin Behmenburg darin einig, dass Politik und Medien eine breite gesellschaftlich Debatte darüber anstoßen müssten, wie unsere Gesellschaft die sozialen und finanziellen Folgen des demografischen Wandels bewältigen soll.

„Wir müssen den Mut haben, das Tabuthema der Umverteilung anzusprechen. Und die Tatsache verdeutlichen, dass wir für die Pflege mehr bezahlen müssen und das diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe auf alle Schultern gerecht verteilt werden muss.“

Das kann aus seiner Sicht nur dann funktionieren, wenn die Bemessungsgrundlage, auf deren Basis die Pflege finanziert wird, nicht nur Löhne, sondern alle Einkommen, also auch Mieten und Kapitalerträge mit einbezieht. Das jetzige System der Pflegeversicherung mit ihren Pflegestufen empfindet Dierbach als „viel zu bürokratisch und zutiefst ungerecht.“ Er ist er davon überzeugt, dass die Lebensqualität der Betroffenen gesteigert und die Kosten gesenkt werden könnten, wenn man auf allen Ebenen die rehabilitative Pflege stärken und zugunsten der reinen Defizitdiagnose ausbauen würde.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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