Sonntag, 2. November 2014

Altersarmut: Was bedeutet sie und wie könnte man sie überwinden: Ein Gespräch mit Betroffenen

Altersarmut ist für Birgit M. (61) und Klaus Peter Jesko (63) kein akademisches Zukunftsthema, sondern Gegenwart und Alltagsrealität. Beide leben heute von Arbeitslosengeld II und werden auch im Rentenalter nicht über die soziale Grundsicherung hinauskommen, obwohl beide eine gute Ausbildung absolviert und 35 Jahre als Arbeitnehmer in die Sozialversicherung eingezahlt haben.

Birgit M. und Klaus-Peter Jesko begannen ihr Berufsleben mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel. „Das hilft uns auch heute, mit wenig Geld gut umzugehen und auszukommen“, sagen beide. Sie studierte später Betriebswirtschaft und Innenarchitektur und machte Karriere in der Möbelbranche. Er blieb im Einzelhandel und arbeitete zunächst als Verkäufer und später als stellvertretender Abteilungsleiter in verschiedenen Kaufhäusern.

Doch dann wurden sie mit Anfang und Mitte 50 Opfer von Rationalisierungen, Insolvenzen und Geschäftsaufgaben. Auch danach gaben sie nicht auf, bewarben sich hundertfach oder versuchten über Zeitarbeit einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. „Aber irgendwann hielt ich diese moderne Sklaverei und die vielen unentgeltlichen Überstunden nicht mehr aus“, erinnert sich Birgit M.. Bei Jesko kam eine Hüftoperation hinzu, die ihn für eineinhalb Jahre außer Gefecht setzte. Beide suchen zwar noch nach einem Job, sehen ihre Erfolgsaussichten aber als gegen Null gehend an. „Ich bin zu jung für die Rente, aber zu alt für den Arbeitsmarkt“, sagt die 61-Jährige. „Als älterer Bewerber wird man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ernst genommen, weil der Arbeitsmarkt sich heute sehr schnell verändert und viele Personalchefs Angst haben, dass man nicht mehr belastbar ist“, meint Jesko.

Beide wissen, dass viele Personalchefs, dem demografischen Wandel zum Trotz, schon bei Bewerbern dies- und jenseits der 50 die Nase rümpfen. „Sie passen bei uns nicht ins Bild“, musste sich Birgit M. schon mal nach einem Bewerbungsgespräch sagen lassen.

Beide haben aus der Not eine Tugend gemacht und holen sich heute ihre Anerkennung und ihre sozialen Kontakte, die sie im Berufsleben nicht mehr bekommen können, im sozialen Ehrenamt, etwa beim Diakoniewerk, bei der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas oder beim Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende. „Ich habe das Glück, dass ich auf Menschen zugehen kann, aber Altersarmut versteckt sich“, sagt Birgit M. Auch Jesko weiß: „Die Leute kommen nicht raus, weil sie sich für ihre Armut schämen und nicht als faul und gescheitert abgestempelt werden wollen.“

Beide sind sich einig: „Die Deutschen sind sehr leidensfähig, aber irgendwann läuft das Fass über.“ Aber was tun, damit demografischer Wandel und massenhafte Altersarmut, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen oder übermorgen zum sozialen Sprengstoff werden?

„Wir brauchen wieder mehr ordentlich bezahlte Arbeitsplätze, die auch Luft für Altersvorsorge lassen“, glaubt Birgit M. und fügt hinzu: „Es kann doch nicht sein, dass wir Export-Weltmeister sind und gleichzeitig Menschen bei uns auf dem Arbeitsmarkt als Minijobber und prekär Beschäftigte geknechtet und mit der permanenten Angst um ihren Arbeitsplatz zu unkreativen Duckmäusern gemacht werden.“

Für Jesko steht fest: „Die Politik in unserem Land wird zu stark durch Kapitalinteressen gesteuert. Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass alle Berufstätigen, unabhängig von ihrem Einkommen und ihrem Beruf in einem gemeinsame Sozial- und Rentenversicherung einzahlen.“

Aus seiner Sicht kann Altersarmut und sozialer Unfrieden nur dann verhindert werden, wenn Unternehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Europäischen Union durch einheitliche Sozial- und Wirtschaftsstandards gesetzlich dazu verpflichtet werden, Tarifverträge einzuhalten und ihre Steuern auch in dem Land zu bezahlen, in dem sie ihre Gewinne erwirtschaftet haben. Darüber hinaus plädiert Jekso für eine gerechtere Verteilung der Arbeit und ihrer Entlohnung. „Es darf nicht sein, dass ein Manager 5000 Euro pro Stunde und eine Toilettenfrau nur 5 Euro pro Stunde verdient“, findet er und liebäugelt mit der Einführung einer 30-Stunden-Woche, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen.

Für Birgit M. gibt es angesichts des sich abzeichnenden demografischen und sozialen Wandels, nur einen Weg, um den sozialen Frieden zu erhalten: „Politik und Wirtschaft müssen sich von der Gewinnmaximierung für wenige verabschieden und sich wieder an den menschlichen Grundbedürfnissen orientieren, die sich nicht verändert haben. Denn alle Menschen brauchen eine Aufgabe und Anerkennung. Sie wollen Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Und sie wollen sich ihren Lebensunterhalt selbstständig erarbeiten.“

Dieser Text erschien am 17. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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