Montag, 24. November 2014

Die Menschen mitnehmen: Was können und müssen Laien in der katholischen Kirche leisten: Ein Gespräch mit den beiden Katholikenräten Wolfgang Feldmann (63) und Daniel Wörmann (28)


Kirchenaustritte, demografischer Wandel, Missbrauchsskandale, Priestermangel. Weniger Kirchensteuer einerseits und Verschwendung von Kirchengeldern andererseits. Die katholische Kirche hat viele Baustellen. Warum lohnt es sich trotzdem oder gerade deshalb, als Laie in der Kirche aktiv zu sein und sich auch für den Glauben zu engagieren? Und wie wird man auch in Zukunft Menschen dafür begeistern und so Kirche und Glauben in unserer zunehmend säkularen und multikulturellen Gesellschaft weiter leben können. Darüber sprach das Neue Ruhrwort jetzt mit Wolfgang Feldmann und Daniel Wörmann, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Generationen aktiver Laien stehen.

Fangen wir doch mal ganz grundsätzlich an: Warum glauben Sie eigentlich?

Feldmann: Weil ich als Kind mit Religion und Kirche aufgewachsen bin. Vor allem durch den Einfluss meiner Großeltern waren das Beten und der Gottesdienstbesuch für mich von Anfang an selbstverständlich.

Wörmann: Auch ich bin durch meine Familie in den Glauben hineingewachsen und katholisch sozialisiert worden. Ich glaube aber auch, weil ich weiß und spüre, dass da noch mehr sein muss und mehr ist, als das, was man sehen und wissenschaftlich erklären kann. Da muss es jemanden geben, der das Ganze lenkt. Das speist sich aus dem, was uns die Heilige Schrift gibt und was wir als Gemeinschaft in der katholischen Kirche tun und weitergeben.

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche zu engagieren?

Feldmann: Ich habe nie Angst gehabt, meinen Mund aufzumachen und zu sagen, was ich denke. Ich habe dann aber auch eingesehen, dass man nicht nur kritisieren kann. Wer kritisiert, muss auch versuchen, selbst etwas besser zu machen. Und das habe ich getan und dabei auch etwas bewegen können.

Wörmann: Ich halte es da mit Albert Schweitzer, der gesagt hat: „Um Christ zu werden, reicht es nicht in die Kirche zu gehen. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in der Garage geht.“ Für mich geht es ganz konkret darum, wie man Menschen mit der Frohen Botschaft und ihren Werten erreichen kann, wenn man sie im Gottesdienst vielleicht nicht erreicht. Im Grunde dreht sich alles um das Thema Nächstenliebe und die Frage, wie wir miteinander umgehen und wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Da hat die katholische Kirche den Menschen ganz viel zu sagen und mitzugeben.

Feldmann: Ich sehe das auch so. Wir müssen als Christen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sehen, wo Menschen unsere Hilfe und Zuwendung brauchen. In unserer Gesellschaft sind viele Menschen alt und einsam. Ich erlebe es bei meinem Engagement in der katholischen Ladenkirche immer wieder, wie dankbar Menschen sind, die vielleicht eine schwierige Lebenssituation durchmachen, wenn sie hier jemanden finden, der sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Zeit und Zuwendung für Menschen, die einsam und in Not sind. Das ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche.

Müssen auch die Laien in der katholischen Kirche ihre Organisationsstrukturen überdenken? Brauchen wir noch Katholikenräte?

Wörmann: Die Strukturfrage ist für mich nicht die erste Frage. Sondern es geht darum, welche Schwerpunkte wir in unseren Gremien setzen wollen. Und ich erlebe das gleiche, wie Herr Feldmann, wenn ich Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche organisiere und dafür auch um Spenden bitte, damit auch die Kinder mitfahren können, deren Eltern sich sonst keinen Urlaub erlauben können. Wenn mich diese Kinder dann nach der Freizeit anstrahlen und sagen: Das war toll. So etwas erlebe ich sonst nie. Dann ist das doch das besondere, was Kirche ausmacht und uns trägt. Wir müssen uns als Katholikenräte fragen, mit welchen Themen können wir Menschen ansprechen, begeistern und mitnehmen. Und man kann Menschen mitnehmen. Das erlebe ich, wenn sich der Katholikenrat in Duisburg zum Beispiel für Flüchtlinge und die Schaffung einer Willkommenskultur einsetzt und damit auch anderslautenden Forderungen von Rechtsradikalen entgegentritt. Dann wird katholische Kirche plötzlich ganz positiv wahrgenommen.

Feldmann: Wenn wir Menschen ansprechen und Themen in der lokalen Öffentlichkeit setzen und Stellung beziehen wollen, brauchen wir aber auch auf der stadtkirchlichen Ebene eine professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Diese im Rahmen der Umstrukturierung 2006 abgebaut zu haben, war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Außerdem müssen wir, auf Sicht, wie in Lateinamerika. dafür sorgen, dass. wenn es künftig weniger Pfarrgemeinden, Priester und Kirchen geben wird, dass sich dann kleine Basisgemeinden vor Ort bilden, in denen zuvor dafür ausgebildete Laien auch Seelsorgeaufgaben übernehmen können, damit wir auch in Zukunft die Frohe Botschaft weitergeben können.

Wie aber kann man künftig vor allem junge Menschen für den christlichen Glauben gewinnen und ansprechen, wenn es das katholische Milieu nicht mehr gibt?

Wörmann: Das ist die Königsfrage. Wir müssen als katholische Kirche offener sein für die, die kommen, und ihnen auch zeigen, dass sie auch dann gerne gesehen sind, wenn sie sich vielleicht nur zeitweise und für einzelne Projekte engagieren wollen. Wir haben in der Jugendarbeit gute Erfahrungen damit gemacht, regelmäßige Angebote, die wir personell nicht mehr stemmen können, durch punktuelle Events zu ersetzen und damit Jugendliche zu erreichen und zu begeistern. Jugendliche sind heute natürlich auch mobiler und nicht mehr an eine Pfarrgemeinde gebunden. Und wenn sie bei sich vor Ort kein Angebot finden, das sie anspricht, ist es für sie auch kein Problem zu einem jugendpastoralen Zentrum oder einer Jugendkirche in eine andere Stadt zu fahren. Die Inhalte sind nicht das Problem. Man kann Jugendliche ansprechen. Das hängt natürlich auch von Personen und ihrem Lebensbeispiel ab, das sie ihnen geben. Wichtig ist aber auch, dass wir das nicht alles ehrenamtlich leisten können, sondern hauptamtliche Strukturen brauchen, die ehrenamtliches Engagement unterstützen und begleiten.

Feldmann: Menschen wollen sich heute nicht mehr über 20 Jahre mit einer bestimmten Funktion binden. Sie sind aber in allen Generationen bereit, sich für zeitlich begrenzte Projekte zu engagieren und dafür Zeit und Arbeit einzusetzen. Ich habe das erlebt, als wir hier in Mülheim die katholische Ladenkirche aufgebaut haben und auf die Straße gegangen sind, um mit den Menschen das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu diskutieren. Und ich erlebe es auch derzeit bei der Vorbereitung des Barbaramahls, das Ende November in der Dümptener Barbarakirche stattfinden und Spenden zugunsten der lokalen Hospizarbeit einspielen wird. Das funktioniert aber nur dann, wenn an der Spitze der Gemeinde auch eine charismatische Priesterpersönlichkeit steht, die andere Menschen ansprechen und mitreißen kann.

Was sagen Sie den Menschen, die aus der Kirche austreten, auch deshalb, weil sie sagen: Ich brauche keine Kirche, um zu glauben?

Wörmann: Auch wenn wir die Amtskirche kritisieren, muss es so etwas, wie Kirche geben. Denn sonst verliert die Kirche ihre klare Linie und der christliche Glaube würde der individuellen Willkür unterliegen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass Strukturen, wie immer sie auch heißen, dem Inhalt der Frohen Botschaft dienen müssen. Und aus ihr heraus müssen wir erkennen, was jetzt anliegt und was das für uns bedeutet. Entscheidend ist, dass wir, wie Jesus, immer wieder auf die Menschen zugehen und erkennen, was sie brauchen.

Feldmann: Glauben ist natürlich eine persönliche Angelegenheit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, für mich alleine und ohne Menschen zu glauben, die auch glauben. Es macht Freude, den Glauben in einer Gemeinschaft miteinander zu teilen und die Frohe Botschaft zu verkünden. Das ist für uns Christen ganz wesentlich. Und ich vertraue hier mit Blick auf die Zukunft und vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung auf die Kraft des Heiligen Geistes und auf die Kraft des Gebetes. Es wird immer wieder Menschen geben, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Ich mache das jetzt und ich bin dafür verantwortlich. Und wenn die Laien vor Ort wissen, dass sie sich nicht in jeder Frage an einen Priester wenden müssen und wenden können, weil er vielleicht nur noch alle zwei Monate vorbeikommt, um mit ihnen die Heilige Messe zu feiern, dann wird das zwangsläufig auch den Zusammenhalt und die Selbstständigkeit der Laien vor Ort stärken. Denn Verwaltungsaufgaben kann man vielleicht zentral organisieren. Doch bei der pastoralen und seelsorgerischen Arbeit funktioniert das eben nicht. Und hier werden Laien künftig eine viel größere Rolle spielen.
Zur Person:
Wolfgang Feldmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der pharmazoltischen Industrie. Bevor er 2002 den Vorsitz des Mülheimer Katholikenrates übernahm, war er über 20 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in St. Barbara (Mülheim-Dümpten). Nach seiner Wahl zum Katholikenratsvorsitzenden gehörte Feldmann auch dem Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Vor kurzem hat er sein Ehrenamt in der katholischen Stadtkirche an seinen bisherigen Stellvertreter Rolf Völker abgegeben.
Daniel Wörmann ist 28 Jahre alt. Er hat Betriebswirtschaft und Sozialarbeit in Bochum studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der Personalabteilung des Bistums Essen. Wörmann hat sich bereits früh als Meßdiener und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Er kommt aus der Duisburger Gemeinde St. Josef (Hamborn), die zur Pfarrei St. Johann gehört. Seit einem halben Jahr steht er an der Spitze des Duisburger Katholikenrates. Wörmann ist ehrenamtlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch in der Kommunalpolitik aktiv. Für die CDU saß er zwischen 2009 und 2014 in der Bezirksvertretung. Inzwischen arbeitet er als sachkundiger Bürger im Schul- und im Jugendhilfeausschuss des Duisburger Stadtrates mit

Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort

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