Donnerstag, 27. November 2014

Wie in einem offenen Wohnzimmer: Im Jugendzentrum Stadtmitte wird Integration nicht gefordert, sondern gelebt und gefördert

Am 17. November verlieh der Integrationsrat der Stadt Mülheim, der 24 Mitglieder zählt, den mit 400 Euro dotierten Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration.
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
 
In Mülheim leben 168.000 Menschen aus mehr als 100 Nationen. Da hat integrationsfördernde Jugendarbeit, wie sie jetzt vom Integrationsrat auszeichnet worden ist, für die Stadtgesellschaft eine existenzielle Bedeutung. Wie die aussehen kann, zeigt ein Besuch im Jugendzentrum an der Georgstraße.

Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“

Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.

„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.

„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.

„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.

Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“

Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“

Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.

Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“


Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

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