Donnerstag, 27. November 2014

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Priesterbild im Wandel

„Wie stellen wir uns als Gemeinden darauf ein und was macht das mit unserer Seelsorge?“ Das fragt sich nicht nur Theologe Jens Oboth, sondern auch seine Tagungsgäste in der katholischen Akademie Die Wolfsburg angesichts der nicht nur im Bistum Essen dramatisch gesunkenen Zahl von Priestern und Priesteramtskandidaten.  Gerade mal 14 junge Männer aus dem Bistum studieren zurzeit katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. Sie tun es seit 2012 nicht mehr in einem Priesterseminar des Bistums Essen. Das Bochumer Priesterseminar wurde mangels Masse mit dem des Bistums Münster zusammengelegt.

 „Viele Menschen kennen Priester heute nur noch aus Film oder Fernsehen“, sagt Lisa Kienzl. Die Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz muss es wissen, hat sie doch die mediale Inszenierung von Priesterbildern wissenschaftlich untersucht.

Es scheint eine Ironie der Geschichte. Je weniger die Kirche im Dorf und der Pfarrer samt Kaplan in der Kirche ist, desto größer wird das mediale Interesse an positiven Priesterfiguren. Ob Pater Brown oder Dornenvögel, ob Mit Leib und Seele, Sister Act oder Um Himmels Willen. Kienzl ist davon überzeugt, dass das kein Nachteil sein muss und betont: „Auch wenn das Priesterbild in vielen Filmen überhöht und idealisiert wird, kann doch auch das oberflächliche Interesse an Priestern und ihrer Arbeit ein Punkt sein, an dem Kirche anknüpfen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann, um ihr Interesse zu vertiefen.“

Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.


Reinhold formuliert es in seinem Vortrag unter anderem so:  „Der ideale Priester der Zukunft ist kein Idealbild, sondern ein realer Mensch mit einem reflektierten Wissen um seine eigenen Stärken und Schwächen.“ Wie Reinhold geht auch der in der unter anderem in der Priesterfortbildung tätige Jacob davon aus, dass die Gemeinden der Zukunft kleiner und weniger priesterorientiert sein werden, ohne in der Seelsorge, der Verkündigung oder auch in der Jugendarbeit ganz auf Priester verzichten zu können und zu wollen. Jacobs und Reinhold sehen den Priester der Zukunft mehr denn je als einen Teamarbeiter, der auch Menschen außerhalb der Kerngemeinden ansprechen und für eine Mitarbeit gewinnen kann. Die beiden katholischen Priester sind davon überzeugt, dass es nicht immer die hohe Theologie oder Liturgie sein müssen, um Menschen, die nicht zur kleiner werdenden Schar der Kirchgänger gehören zumindest punktuell anzusprechen und ihnen eine gute Erfahrung zu vermitteln, die zum Ausgangspunkt einer neuen Glaubensentdeckung werden kann, aber nicht muss.

Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“

 „Das Geschäft ist vorbei“, sagt der geistliche Rektor der  Wolfsburg. Karl Georg Reploh, der vor 46 Jahren zum Priester geweiht wurde. Er mahnt, sich nicht länger auf die geweihten Priester zu fixieren, sondern plädiert dafür, „das Volk Gottes in die Seelsorge und Verkündigung konsequent einzubeziehen“ und sie zu einem selbstständigen und selbstbewussten Priestertum der Gläubigen zu befähigen. Auch der ehemalige Jesuitenschüler und Volkswirt Peter Schoess mahnt die Laien zu einem Aufbruch aus geistlicher Passivität und Lethargie: „Manchmal meckern wir Laien auch nur deshalb über unsere Hirten, weil wir uns selbst wie Schafe benehmen“, kritisiert Schoess und fragt sich, wie Reploh auch, ob die Gemeinden den Pflichtzölibat für Priester überhaupt noch akzeptieren. Ist der Pflichtzölibat eine Beruf(ungs)bremse fürs Priesteramt? Nicht nur bei dieser Frage wird deutlich, wie es Tagungsleiter Oboth formuliert, „dass der Wandel des Priesterbildes ein Thema ist, in dem viele Emotionen stecken.“
Dieser Text erschien am 18. Oktober 2014 im Neuen Ruhrwort

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