Sonntag, 28. Dezember 2014

Als es Weihnachten noch etwas weniger sein durfte

Als Ilse Steuck zehn Jahre alt war, da wünschte sie sich zu Weihnachten eine Puppe. „Aber sie zu kaufen, war für meine Eltern damals unerschwinglich. Deshalb hat mir mein Vater mit Stroh und einer Bettdecke eine wirklich schöne Puppe selbst gemacht, über die ich mich sehr gefreut habe“, erzählt 86-Jährige. Über die Geschenkeorgien und Festgelage heutiger Weihnachtstage schütteln sie, Ellen Werner (89), Irmgard Splettstözer (91), Margret Schauenburg (85) und Johanna Padberg (97) milde den Kopf. Wenn sie heute mit ihren Mitbewohnern im Haus Ruhrgarten Weihnachten feiern und „ganz ohne Textblatt“ die alten Weihnachtslieder singen, werden Erinnerungen an die Weihnachtsfeste ihrer Kindheit und Jugend wach, bei denen es geschenke- und essenstechnisch bescheidener als heute, aber nicht unbedingt weniger besinnlich erwartungsfroh zuging. In allen Erinnerungen schwingt vor allem Dankbarkeit dafür mit, dass es ihren Eltern auch in Kriegs- und Hungerjahren immer wieder gelang, ihren Kindern ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten. Auch wenn nach der Bescherung der Weihnachtssegen manchmal schief hängen konnte.

Denn die Freude über die Puppe sollte bei Ilse Steuck nicht lange dauern. Ihr Bruder, der sich selbst über ein Schaukelpferd Marke Eigenbau freuen konnte, schlug am ersten Weihnachtstag vor: „Lass uns doch mal Metzger spielen.“ Und ehe sie sich versah, hatte ihr Bruderherz der Strohpuppe mit einem Messer den Kopf abgeschnitten. „Da war das Geschrei natürlich groß“, erinnert sich Steuck. In ihrer ersten Wut vergaß sie alle christliche Nächstenliebe und riss dem Schaukelpferd des Bruders seinen Schwanz ab. Das Ende vom Lied war eine Strafpredigt der Eltern für ihre beiden gefallenen Weihnachtsengel. „Unsere Eltern haben zwar damals mit uns geschimpft, uns aber nicht geschlagen“, erinnert sich Steuck dankbar an die vergleichsweise milde Reaktion der Eltern, die viel Zeit und Arbeit in die Gaben für ihre lieben Kleinen investiert hatten. „Wir waren als Kinder in einer Familie, in der mein Vater als Bergmann den Lebensunterhalt verdiente, dankbar, wenn wir zu Weihnachten etwas bekamen. Am Heiligen Abend wurden bei uns Kartoffelsalat und Würstchen aufgetischt. Von Onkel und Tante bekamen wir Anziehsachen geschenkt“, so Steuk. Sie erinnert sich auch an die amerikanischen Care-Pakete, deren Lebensmittel die wichtigste Weihnachtsbescherung in den vom Hunger geprägten Nachkriegsjahren waren.

Johanna Padberg, die noch während des Ersten Weltkrieges in eine Bauernfamilie geboren wurde und dort mit vier Schwestern und drei Brüdern aufwuchs, erinnert sich unter anderem daran, dass auch die Festtage um vier Uhr morgens begannen, weil dann die Kühe im Stall gemolken werden mussten. Die schönsten Weihnachtsgeschenke, die sie als Kind von ihren Eltern bekam, waren eine Puppenstube und einen Kaufladen, „den uns unser Vater gebaut hatte.“ Mit einem Augenzwinkern erinnert sich Padberg an ihre kleine Schwester Gretel, die ihr einmal sagte: „Es ist doch komisch, dass das Christkind immer genau weiß, was wir uns gewünscht haben.“ Auch der Nikolaus, der sich später als Onkel Josef entpuppte, wusste immer, womit er den Padberg-Kindern eine Freude machen konnte. „O, du lieber Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an und pack deine Rute wieder ein. Ich will auch recht artig sein“, rezitiert Johanna Padberg das Gedicht, mit dem sie den Nikolaus milde stimmte. „Meine Mutter hat in der Adventszeit immer gebacken. Besonders spannend war es, wenn ich ihr helfen durfte, den Teig für das Spritzgebäck durch den Fleischwolf zu drehen.“ Das traurigste Weihnachtsfest erlebte Johanna Padberg 1943, nachdem einer ihrer Brüder als Soldat in Stalingrad gefallen war.

Auch Margret Schauenburgs älterer Bruder Heinz fiel als Soldat während des zweiten Weltkrieges in Russland. An einer Kriegsweihnacht freuten sich die vier Schwestern und ihr Bruder über eine Scheibe Brot und eine halbe Apfelsine, die ihnen als Festmahl aufgetischt wurden. „Das schönste Weihnachtsgeschenk war für uns ein Teller mit Äpfeln, Nüssen, Spekulatius und Marzipan, das meine Mutter selbst gemacht hatte“, erinnert sich Schauenburg an die besseren Weihnachtstage ihrer Kindheit. Zu denen gehörte auch ein Weihnachtsbaum, den der Vater, der seine Familie als Stahlarbeiter bei Thyssen durchbrachte, selbst im Wald geschlagen hatte. Der Baumschmuck wurde natürlich selbst gebastelt. „Meine Eltern haben viel gespart. Nie wurde etwas weggeworfen. Und alte Puppen wurden immer an die nächstjüngere Schwester verschenkt“, erzählt Schauenburg.

Irmgard Splettstözer wuchs als Bergmannstochter mit zwei jüngeren Brüdern an der Blücherstraße auf. Ihr Vater arbeitete als Bergmann auf der Zeche Rosenblumedelle, auf der noch bis 1966 Kohle gefördert werden sollte. „Wir hatten einen Garten, in dem wir zum Beispiel Möhren und Spinat ernten konnten. Außerdem hielten meine Eltern Hühner, Schweine, Tauben und Kaninchen“, beschreibt Splettstözer die bergmännische Selbstversorgung, die der Familie nicht nur zur Weihnachtszeit beim Überleben half. Unvergessen geblieben ist ihr auch das Weihnachtspaket mit Butter, Printen, Seife, Stollen und Spekulatius, das ihr Vater von der Zeche mit nach Hause brachte. Das schönste Weihnachtsgeschenk ihrer Kindheit war allerdings ein Puppenwagen. „Damals war ich zehn Jahre alt und hatte den Puppenwagen bei Woolworth an der Schloßstraße gesehen. Obwohl meine Eltern mir damals sagten: Der ist zu teuer für uns, bekam ich genau diesen Puppenwagen zu Weihnachten.“

Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen“, rezitiert Ellen Werner, wie in Kindertagen, das Gedicht, ohne das es keine Weihnachtsbescherung gab. „Einmal hat meine Mutter Unterwäsche gegen eine Puppe und ein Huhn getauscht, damit sie uns zu Weihnachten einen Braten auf den Tisch zaubern und mir etwas schenken konnte“, erinnert sie sich. Besonders faszinierte sie die Tatsache, dass ihre Eltern, die ein kleines Geschäft betrieben, in dem man unter anderem Wäsche kaufen konnte, jedes Jahr einen Weihnachtsbaum besorgen konnten, „der in unserer guten Stube mit seiner Tannenspitze bis zur Decke reichte.“

Deshalb gehört es für Werner zu den schönsten Weihnachtserinnerungen, dass sie mit ihrem Vater den Baum? „schmücken durfte“. Zur Belohnung gab es Apfelsinen und Schokolade.

Dieser Text erschien am 24. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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