Mittwoch, 29. Januar 2014

Der Funke ist übergesprungen: Seit 55 Jahren sorgt die Prinzengarde Rote Funken für Spaß an der Freude - Eine närrische Erfolgsgeschichte

„Lustig sein und Gemeinschaft erleben.“ Das begeistert Bernhard und Alfred Nakelski bis heute an ihren Roten Funken. „Da müssen wir dabei sein,“ war der den Nakelski-Brüdern klar, als sie Anfang der 60er die ersten Veranstaltungen der Funken erlebten. Damals waren die beiden Mitte und Ende 20 und wurden von den Funken mit offenen Armen empfangen. Bernhard chauffierte mit seinem Auto die Tanzgardistinnen zum Training. Und der gelernte Schreiner Alfred war mit seinem handwerklichen Geschick wie geschaffen für den Wagen- und Bühnenbau der Funken. Bald schon tanzten auch die drei Nakelski-Schwestern Christel, Irma und Gisela in der Funkengarde mit.

„Die Funken hatten immer ein tolles Programm. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Mainzer Hofsänger oder an die Gonsbach Lerchen“, schaut Bernhard Nakelski auf den Sitzungskarneval der 60er Jahre zurück. Damals gaben sich die 1958 von Hans Wolfgarten, Kurt Iwan, Günter Schaider, Heinz Knappert, Wolfgang Heinemann und Reinhold Erben aus der Taufe gehobenen Funken den Beinamen Prinzengarde. Der Namenzusatz war damals Voraussetzung, um in den Bund Deutscher Karneval aufgenommen zu werden, ohne Gefahr zu laufen mit den Roten Funken aus der Karnevalshochburg Köln verwechselt zu werden.
Die Prinzengarde, die mit Gilbrecht Menninger auch in dieser Session den Stadtprinzen stellt, hat mit bisher elf großen und fünf kleinen Tollitäten ihrem Namen alle Ehre gemacht. Einen Namen hat sich die Gesellschaft, die heute von Heino Passmann und Marc Waldschmidt geführt wird, nicht nur mit ihrer großen Funkensitzung gemacht. Auch die Seniorensitzung oder der närrische Hausfrauennachmittag, die inzwischen vom Hauptauscchuss Groß-Mülheimer Karneval und von der MüKaGe veranstaltet werden, hatten ihren Ursprung bei den Funken, die sich mit Karnevalsveranstaltungen in Altentagestätten und Altenheimen im Luisental, an der Bahnstraße und an der Folkenbornstraße weiterhin auch sozial engagieren.

Zum sozialen Engagement der heute rund 140 Mitglieder starken Gesellschaft gehört auch die Jungendarbeit und die nicht nur in der fünften Jahreszeit gepflegte Geselligkeit. Vom Tagesausflug mit der Weißen Flotte bis zum Zeltlager im Bayerischen Wald reicht hier die Bandbreite der Aktivitäten. Neben einer Altweiberparty in der Styrumer Feldmannstiftung hat die Prinzengarde im Autohaus Extra auch eine Herrensitzung ins Leben gerufen, deren Programm sich im besten Sinne des Wortes sehen lassen kann und sich ganz brav, allen Vorurteilen zum Trotz, deutlich oberhalb der Gürtellinie bewegt.

„Wir hatten es als Gesellschaft nicht immer leicht, die Mülheimer für den Karneval zu gewinnen, weil früher viele Menschen über den Rosenmontagszug die Nase gerümpft haben“, erinnert sich Alfred Nakleski, der für sein ehrenamtliches Engagement im Karneval 2004 zum Ritter vom Schiefen Turm geschlagen wurde. Umso mehr freuen sich die Nakelski-Brüder, die die längst zu Ehrenmitgliedern ihrer Gesellschaft gekürt worden sind, das der mölmsche Karneval mit seinen heute 1700 aktiven Mitgliedern mehr als gesellschaftsfähig geworden ist und die Rosenmontagszugwagen ihrer Gesellschaft regelmäßig vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval prämiert werden.
Für den Vizepräsidenten der Roten Funken, Marc Waldschmidt und die Pressesprecherin der Gesellschaft, Angelika Rudoba steht fest: “Um auch in Zukunft bestehen zu können, brauchen wir weiterhin kreative Köpfe mit guten Ideen, Mut zur Veränderung und eine stetig wachsende Anzahl von Menschen, die mit uns in unserer Gesellschaft Freude und Gemeinschaft leben und erleben möchten.“

Weitere Informationen zur Jubiläumsgesellschaft findet man auf der Internetseite www.rotefunken1958.de
Dieser Text erschien am 10. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung und in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung

Dienstag, 28. Januar 2014

Auf einen Cognac bei Adenauer: Der Mülheimer Christdemokrat Paul Heidrich erinnert sich an eine Begegnung mit dem ersten Bundeskanzler


Vor 50 Jahren, im Oktober 1963, trat der erste BundeskanzlerKonrad Adenauer von seinem Amt zurück. Wie mit seinem Koalitionspartner von der FDP vereinbart, übergab der 87-jährige Regierungschef sein Amt an seinen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, blieb aber Bundesvorsitzender der CDU.

„Jetzt müsste er doch mehr Zeit haben, um uns einmal zu empfangen“, erinnert sich der ehemalige CDU-Ratsherr und Fraktionschef Paul Heidrich an die Idee seiner damaligen Vorstandskollegen bei der Jungen Union, die mit diesem Ansinnen im Oktober 1963 an Adenauer schrieben. „Wir waren überrascht, als wir schon relativ bald einen Brief von Adenauers Privatsekretär bekamen, der uns einen Besuch in Adenauers Privathaus in Rhöndorf in Aussicht stellte“, erzählt Heidrich.

Die Gelegenheit dazu ergab sich dann am 7. Dezember 1963. Heidrich hat noch die NRZ-Ausgabe, die am 10. Dezember 1963 davon berichtete: „Eine interessante Zwischenstation machten die Mitglieder der Jungen Union auf ihrer Fahrt nach Winningen an der Mosel in Rhöndorf. Alt-Bundeskanzler Dr.Konrad Adenauer empfing die Mülheimer zu einem halbstündigen Gespräch. In dem Moselstädtchen Winningen veranstaltete die JU eine Wochenendtagung.“

Heidrich, damals 19 Jahre jung und Pressesprecher der Mülheimer JU, korrigiert den alten NRZ-Artikel: „Das Gespräch, zu dem uns Adenauer mit französischem Cognac in seinem Musikzimmer empfing, sollte nur eine halbe Stunde dauern, dauerte am Ende aber eineinhalb Stunden.“ Und was waren die Themen der Privataudienz beim Altkanzler?

„Wir haben mit Adenauer damals von unserer Parteiarbeit vor Ort berichtet und darüber gesprochen, wie sich die Beziehungen zwischen Amerika und Europa nach der Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 weiterentwickeln würden,“ berichtet Heidrich. Er erinnert sich auch noch an die mit erhobenen Zeigefinger vorgetragene Feststellung Adenauers, dass die internationale Lage sehr ernst sei und dass sich die CDU nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen dürfe.

„Eine Delegation der Mülheimer JU zu empfangen, dafür hätte Angela Merkel aufgrund ihrer Doppelbelastung als Kanzlerin und Parteivorsitzende heute wahrscheinlich gar keine Zeit“, vermutet er. Er glaubt auch nicht, dass ein solcher Besuch in ihrem Privathaus, sondern wenn, dann nur ganz offiziell im Konrad-Adenauer-Haus oder im Kanzleramt stattfinden würde.

„Die Strukturen des Politikbetriebs sind heute sehr viel ausdifferenzierter. Zu Adenauers Zeiten hatte die CDU noch nicht mal einen Generalsekretär,“ weiß Heidrich. Und was würde er die Kanzlerin heute fragen, wenn er noch mal 19 wäre und die Chance hätte, sie als Vorstandsmitglied der Jungen Union zu treffen? „Heute müsste die Kritik an der für unsere Gesellschaft geradezu tödliche n Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und der damit verbundenen Forderung nach mehr unbefristeten und sicheren Arbeitsverhältnissen der Dreh- und Angelpunkt eines solchen Gespräches sein. Und da Jugendliche heute ganz selbstverständlich Handy und Internet nutzen, wäre angesichts der Ausspähaffäre um den amerikanischen Geheimdienst NSA auch die Datensicherheit ein ganz großes Thema“, vermutet er.

Darüber, ob Merkel, wie einst Adenauer die gut strukturierte Arbeit der Mülheimer JU loben und dem christdemokratischen Nachwuchs, wie einst der Alte, empfehlen würde, bei aller politischen Arbeit auch die Weinprobe an der Mosel nicht zu vergessen, kann der Polit-Senior nur spekulieren. Doch im Rückblick auf seine aktive Zeit in der Jungen Union, als die Mülheimer JU 180 von 800 Parteimitgliedern stellte, eigene Räume an der Eppinghofer Straße hatte und regelmäßig zu Informations- und Bildungsveranstaltungen einlud oder in der Presse Position bezog, bedauert der 69-jährige Christdemokrat, dass er heute so wenig vom Nachwuchs seiner Partei hört.
 

Dieser Text erschien am 7. Dezember 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. Januar 2014

Ein vergessenes Datum oder: Warum wir uns auch heute an den Ersten Weltkrieg erinnern sollren


11.11. Bei diesem Datum denken viele Deutsche an den  Beginn des Karnevals Karneval oder an Sankt Martin, aber nicht an den Tag des Waffenstillstandes, der am 11. November 1918 den Ersten Weltkrieg beendete, in dem 1,8 Millionen deutsche und insgesamt 9 Millionen Soldaten ihr Leben verloren. Der Tag ist bei uns, anders als in Großbritannien oder Frankreich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das liegt natürlich auch daran, dass der 11. November 1918 in Frankreich und Großbritannien als Tag eines Sieges gefeiert werden kann, während man sich in Deutschland an eine verheerende und folgenschwere Niederlage erinnern muss. Und wer tut das schon gerne. Der Gefallenen des Ersten Weltkrieges wird heute, wenn überhaupt, nur noch am Volkstrauertag gedacht, und dann auch nur am Rande.

Unsere Erinnerungskultur wird heute immer noch von der Katastrophe der Nazizeit und des Zweiten Weltkrieges beherrscht. Das hat gute Gründe. Denn mit dem Gedenken an diese dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte haben wir als Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ein menschliches und moralisches Trauma aufarbeiten müssen.

Dennoch täten wir gerade vor diesem Hintergrund gut daran, das Ende des Ersten Weltkrieges und damit den Beginn der ersten demokratischen und parlamentarischen Republik auf deutschem Boden in unser historisches und politisches Bewusstsein aufzunehmen. Denn Hitler und der Zweite Weltkrieg sind nicht ohne die Folgen des Ersten Weltkrieges zu verstehen. Und nur wer sich mit dem 11. November 1918 und seinen politischen Folgen auseinandersetzt und sie verinnerlicht, versteht, wie lebensnotwendig aktive Demokraten für eine Demokratie und die europäische Integration war, ist und bleiben wird. Denn nur wer die Geschichte des 11. November 1918 kennt, weiß: Nur wenn es unseren Nachbarn gut geht, wird es auch uns auf Dauer gut gehen.

Dieser Text erschien als Gastkommentar am 30. Dezember 2013 in der Wochenzeitung Das Parlament

Samstag, 25. Januar 2014

Wie groß ist die Macht der Lobbyisten und wie unabhängig ist die Politik? Ein Gespräch mit den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Ulrike Flach und Anton Schaaf

Wie unabhängig sind unsere Politiker? Eine Frage, die die Bürger umtreibt, wie die aktuelle Debatte um den Fall Pofalla (Deutsche Bahn) oder die Diskussion über frühere Fälle, wie die Gerhard Schroeders (Gazprom) oder Eckart von Klaeddens  (Daimler) zeigen. Können Politiker bruchlos in die Wirtschaft wechseln - oder sollte es eine Karenzzeit geben? Gibt es im deutschen Lobbyismus tatsächlich besorgniserregende Tendenzen? Transparency International behauptet es in seinem jüngsten Korruptionsindex. Auch die ehemaligen Mülheimer Bundestagsabgeordneten Ulrike Flach (FDP) und Anton Schaaf (SPD) sehen bedenkliche Tendenzen, obwohl sie den Lobbyismus nicht grundsätzlich verurteilen wollen und auch keine massive Zunahme sehen können

.„Die Lobbyisten sind vielleicht lauter und professioneller geworden, weil ihnen heute mehr Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen“, glaubt Schaaf. Auch er ließ sich als Rentenpolitiker von der privaten Versicherungswirtschaft zu einem Fachkongress einladen, „ohne dass ich deshalb zu einem Anhänger der privaten Altersvorsorge geworden wäre.“

Und als ihn ein Anrufer aus dem Gewerkschaftslager darum bat, sich dafür einzusetzen, die auslaufende Altersteilzeitregelung um einige Wochen zu verlängern, um noch laufende Altfälle abarbeiten zu können, folgte er diesem Wunsch, weil er das in der Sache richtig fand.

Als gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion und Gesundheitsstaatssekretärin hat Ulrike Flach seit 2009 den massiven Einfluss der Gesundheitslobby kennengelernt. „Ob Pharmaindustrie, Krankenkassen und Krankenhäuser oder Ärzte, Apotheker und Medizingerätehersteller: In Berlin hat jedes große Unternehmen ein eigenes Verbindungsbüro. Und für jede Gesundheitsbranche kommt dort mindestens ein Interessenverband hinzu“, berichtet Flach.

An manchen Tagen, so erinnert sie sich, habe sie mit drei verschiedenen Lobbyisten gesprochen, allerdings nie ohne die Begleitung durch eine Expertin oder einen Experten aus der zuständigen Fachabteilung ihres Ministeriums.

„Solche Gespräche darf man nie alleine führen“, betont Flach. Denn die Begleitung durch eine Fachfrau oder einen Fachmann aus dem eigenen Hause erleichterte ihr nicht nur den Faktencheck, sondern verhinderte auch, dass sie mit einer falschen Einschätzung in der Öffentlichkeit zitiert werden konnte.

„Im Gesundheitswesen geht es um sehr viel Geld, aktuell etwa 280 Milliarden Euro pro Jahr, und deshalb auch um langfristige wirtschaftliche Zukunftschancen“, erklärt die ehemalige Gesundheitspolitikerin, warum sich Lobbyismus in der Gesundheitspolitik besonders auszahlt.

Besonders bedenklich findet sie, „dass es im Bundestag keine Befangenheitsregelung, wie im Rat der Stadt gibt.“ Das führe in der Praxis dazu, dass im Gesundheitsausschuss mehr als die Hälfte der Abgeordneten aus Gesundheitsberufen kämen und mit ihren Gesetzentwürfen zum Teil eindeutig Berufsinteressen vertreten würden. Flach denkt dabei zum Beispiel an einen Ärztekammerpräsidenten, an den Aufsichtsrat einer privaten Klinikkette, an den Geschäftsführer eines Fachärzteverbandes oder an eine ehemalige Gesundheitsministerin an der Spitze eines Pharmaverbandes. Flach und Schaaf sind sich einig, dass es zumindest eine Karenzzeit geben sollte, ehe Politiker mit ihrem in der Politik gesammelten Fachwissen in der Wirtschaft Geld verdienen dürfen.

Dass ein Staatsminister wie Eckart von Klaeden nach dem Ende der letzten Legislaturperiode aus dem Kanzleramt nahtlos in die Automobilindustrie wechselt, hält Schaaf für ein Unding.

„Ich halte aber auch nichts von einem Berufsverbot, weil viele Abgeordnete nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag nicht in ihren alten Beruf zurückkehren können, weil sie im Laufe der Zeit den Anschluss verloren haben oder ihr alter Arbeitsplatz gar nicht mehr existiert“, unterstreicht Flach.

Für sie und für Schaaf ist es heute keine Option, ihr politische Fachwissen zum Beispiel in der Gesundheits- oder Versicherungswirtschaft in klingende Münze umzuwandeln.

„Wäre ich zehn Jahre jünger und in einer anderen Partei“, sähe das vielleicht anders aus“, räumt die 62-jährige Flach ein. Ihr 51-jähriger Ex-Kollege Schaaf könnte sich ein politisches oder soziales Berufsleben nach dem Bundestag vorstellen.

Das Angebot von Wahlkampfspenden oder anderen geldwerten Vorteilen haben Flach und Schaaf, so sagen sie, nie erlebt und hätten solche unmoralischen Angebote, wenn es sie denn gegeben hätte, nie angenommen. Flach kann sich aber daran erinnern, dass der Chef eines Pharmaunternehmens auch schon mal abends bei ihr Zuhause anrief, als es um die Nutzenbewertung neuer Medikamente ging. „Ich habe das Gespräch mit Lobbyisten aber auch nie abgelehnt, weil wir als Politiker immer auch diejenigen anhören müssen, für die unsere Entscheidungen massive wirtschaftliche Auswirkungen haben“, erklärt Flach. Für die Zukunft wünscht sich Ulrike Flach einen Bundestag, der mehr Geld in seine wissenschaftlichen Mitarbeiter investiert, damit so die Parlamentarier dem geballten Fachwissen der Lobbys besser gewachsen sind.


Dieser Text erschien am 7. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 22. Januar 2014

Coaching kannte man früher nur in der Welt des Sportes: Heute wird es immer öfter auch im Spiel des Lebens eingesetzt: Denn wer sich helfen lässt, kommt schneller an sein Ziel

Das neue Jahr hat für viele Menschen mit guten Vorsätzen begonnen. Abnehmen, mehr Sport, gesünder leben, mehr Erfolg im Beruf? Heino Passmann gehört nicht zu den Menschen, die mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gehen. Er hält es mit seiner Mutter. Die hat ihm mit auf den Lebensweg gegeben: „Es macht keinen Sinn, Pläne zu machen, weil es immer anders kommt, als man denkt. Die Zeit ist es, die uns zeigt, was zu tun ist.“

Vor einem halben Jahr hatte der Kommunalpolitiker, Karnevalist, Familienvater und Sozialpädagoge, der in leitender Funktion bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung arbeitet, das Gefühl, es sei Zeit, etwas zu ändern. „Ich fühlte mich gehetzt und überlastet“, erinnert sich der 41-Jährige. Er suchte Hilfe und fand sie bei einem Coach. Einen Coach (Trainer) kannte man früher nur aus dem Sport. Doch heute suchen immer mehr Menschen und Unternehmen die Hilfe eines Coaches, der oder die ihnen hilft, ihre Ziele im Leben zu definieren und zu erreichen. Auch Stadt, Sparkasse und Evangelisches Krankenhaus bestätigen, dass Coaching heute ein wichtiges Instrument der Personalförderung und Personalentwicklung ist.

Regina Zwirner, die als Heilpraktikerin für Psychotherapie, in Raadt lebt und arbeitet, ist so ein Coach, der Menschen berät, die mit ihrer beruflichen oder privaten Lebenssituation unzufrieden sind und nach neuen Lebenszielen suchen. „Im Kern geht es immer um menschliche Beziehungen. Egal, ob das Problem, mit dem Menschen zu mir kommen, im privaten oder im beruflichen Bereich zu suchen ist. Und immer hängt alles mit allem zusammen“, sagt Zwirner.

Mit Passmann ist sich Zwirner darin einig, dass heute immer mehr Menschen Coaching brauchen, „weil unser Leben schneller, freier, chancenreicher, aber damit auch komplizierter geworden“ sei. Als Sinnbild unserer gewandelten Lebenswirklichkeit sehen beide die E-Mail, die unsere Kommunikation und damit die Anforderung, Fragen zu bearbeiten und zu beantworten, erheblich beschleunigt habe.

„Ich bin kein Guru, der den Leuten gute Ratschläge gibt, sondern sie ausreden lässt und ihnen zuhört, um ihre Lebenssituation dann mit meinen Fragen zu spiegeln, etwa mit der Frage: Wie würden Sie sich mit dieser oder jener Entscheidung fühlen und welchen Preis müssten Sie dafür zahlen?“

Wie Zwirners Klienten, suchte auch Passmann, in einer Lebenskrise nicht den Rat von guten Freunden und Verwandten, „weil die mit mir emotional verbunden sind und man dann schnell im eignen Saft schmort oder sich auf bequeme Ausreden zurückzöge, wie: ,Das kann ja kein anderer machen.’“ Auch wenn das, was Passmann in der Beratung erfuhr, für ihn nicht völlig neu war, sah er nach viermal 90 Minuten mit seinem Coach klarer. „Mir hat es sehr geholfen, das ein neutraler Gesprächspartner von außen auf meine Baustellen geschaut hat“, erinnert sich Passmann. Besonders half ihm, dass in der Beratung seine verschiedenen Rollen und die damit verbundenen Erwartungen auf einem Flipchart visualisiert wurden. Auch Zwirner arbeitet gerne mit großen Zetteln, Fragen und auch dem „Instrument des leeren Stuhls“. Dabei geht es darum, die Perspektive zu wechslen und einmal aus seiner Rolle herauszutreten, um sich zum Beispiel in die Rolle des Ehepartners oder des Chefs zu versetzen und damit Denk- und Kommunikationsblockaden zu lösen. „Beim Coaching geht es nicht darum, Ziele zu definieren, die man erreichen soll oder muss. Sondern es geht darum, Ziele zu definieren, die man selbst erreichen will und erreichen kann, weil man sich mit ihnen wirklich gut fühlt.“

Auch Heino Passmann fühlt sich nach dem Coaching wirklich gut, weil er jetzt weiß, „dass ich nicht alles alleine machen muss, sondern auch mal etwas abgeben darf und dass ich nicht immer und überall eingreifen muss, damit sich die Welt weiter dreht.“ Ganz praktisch hat das für Passmann zu der Konsequenz geführt, den Vorsitz des SPD-Ortsvereins Broich aufzugeben und als Präsident der Karnevalsgesellschaft Rote Funken, organisatorische Aufgaben zu delegieren.

So hat er Zeit für seine Familie und sich gewonnen, die er abends jetzt nicht mehr unbedingt bei Sitzungen und Versammlungen oder vor dem Computer verbringt, um Ratsvorlagen oder Schriftverkehr zu bearbeiten. „Ich kann das nur empfehlen“, sagt Passmann in der Rückschau auf sein Coaching, das er als zielführende Lebenshilfe erlebte.

„Damit ist die Arbeit für mich noch nicht vorbei, weiß Heino Passmann, „aber ich fühle mich auf einem guten Weg, auf dem mir mein Leben und mein Engagement wieder mehr Freude machen. Denn ich bin nicht der Mensch, der jeden Tag nach Feierabend zu Hause auf der Couch sitzen und die Füße hochlegen kann.“

Dieser Text erschien am 4. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 18. Januar 2014

Eine spirituelle, kulturelle und soziale Tankstelle: Was Mülheimer an ihrem Kloster in Saarn haben: Eine Umfrage zum Jubiläumsjahr

Wenn Mülheimer ins Kloster gehen, müssen sie nicht dem weltlichen Leben entsagen. Wo früher Zisterzienserinnen arbeiteten und beteten, begegnen sich heute Bürger im Café, in der Bücherei, im Kräutergarten oder in der Klosterkirche. Im ehemalige Kloster finden heute Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Feste, Versammlungen, Theateraufführungen und natürlich auch Gottesdienste statt.

Im Vorfeld des 800. Klostergeburtstages, der umfangreich gefeiert wird fragte ich für die NRZ „Klosterfreunde“ danach, was das Kloster Saarn ihnen bedeutet?

Für mich ist das Kloster in erster Linie ein wunderbarer Veranstaltungsort, an dem man auf hochkooperative Menschen trifft“, sagt die Buchhändlerin Brigitta Lange, die das Kloster mit ihrer Kollegin Ursula Hilberath gerne für Lesungen nutzt. „Doch das Kloster ist noch mehr als ein Veranstaltungsort“, ergänzt sie. „Für mich ist es eine friedliche Oase und ein altes Gebäude mit einer unglaublichen Atmosphäre.“

„Für mich ist es vor allem ein schöner Arbeitsplatz, an dem man auf Schritt und Tritt merkt, dass hier viel Geschichte drin steckt“, formuliert die Leiterin der Bürgerbegegnungsstätte, Sabine Klischat . „Man spürt hier eine friedliche Atmosphäre und ein positives Miteinander von Stadt, Gemeinde, Bürgern und Bewohnern, das vieles möglich macht.“

„Hier kann man im hektischen Alltag zur Ruhe kommen und den Blick auf das Wesentliche im Leben richten“, sagt Wolfgang Geibert , der bis 1967 mit seiner Familie im Kloster Saarn gewohnt hat und 1983 zu den Gründern des Vereins der Freunde und Förderer von Kloster Saarn gehörte. „Seit ich Menschen ehrenamtlich durch das Klostermuseum führe, habe ich eine große Liebe zur Geschichte entwickelt und begriffen, dass vieles, was wir heute materiell für wichtig halten, gar nicht so wichtig ist“, unterstreicht Geibert.

„Für mich ist Kloster Saarn ein Juwel, dessen Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann“, ist der städtische Kulturbetriebsleiter Dirk Schneider überzeugt. „Denn dieser Ort, an dem sich spirituelle Kultur, Bürgerkultur und Hochkultur auf wunderbare Weise verbinden, hat eine Ausstrahlung, die weit über Saarn hinausreicht“, erklärt er seine Vorliebe für das Kloster.

„Auf der professionellen Ebene habe ich mit dem Veranstaltungsort Kloster Saarn nichts zu tun, aber als Mensch berührt mich dieser besondere Ort, den ich als spannend und bereichernd erlebe. Hier hin kann ich mich zurückziehen und ganz mit mir selbst sein“, sagt die Geschäftsführerin der Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft (MST), Inge Kammerichs.

„Kloster Saarn ist für mich ein lebendiger Ort der Begegnung, der Kommunikation und der Glaubensvermittlung“, unterstreicht der stellvertretende Vorsitzende der Saarner Klosterfreunde, Hans-Theo Horn, der gerade eine Stiftung zugunsten von Kloster Saarn aus der Taufe gehoben hat. „Kloster Saarn“, so glaubt Horn „hat in der Bevölkerung über alle Schichten und Gruppen hinweg eine hohe Akzeptanz, weil das Kloster kein künstliches, sondern ein gewachsenes Gebäude ist, in dem man pulsierendes Leben, aber auch stille Einkehr und das Zu-sich-selbst-Finden erfahren kann.“

„Kloster Saarn sollten wir auch weiter pflegen und hegen, weil an diesem Ort unsere Geschichte gegenwärtig wird, und wir hier gut ablesen können, was es früher gab und heute nicht mehr gibt und warum sich was im Laufe der Zeit verändert hat. Nur so können wir die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“, sagt Bezirksbürgermeister Gerhard Allzeit .

„Gerade in unserer turbulenten Zeit spürt man, wenn man in den Klosterhof eintritt und für ein paar Minuten ganz still in der Kirche sitzt, dass das Kloster eine spirituelle Kulturtankstelle ist“, findet der Gemeinderatsvorsitzende von St. Mariä Himmelfahrt, Manuel Gatz .

„Ob im Kräutergarten, in der Bücherei oder bei Konzerten und Gottesdiensten in der Kirche, das Kloster atmet immer noch den Geist seiner früheren Nutzung“, glaubt Stadtdechant Michael Janßen und sieht hier einen Ort, „an dem Menschen zur Ruhe und zu sich selbst kommen können, um nachzudenken und auch nach Gott zu suchen.“

„Für mich ist das Kloster meine geistliche und soziale Heimat“, sagt der ehemalige Klosterbewohner Hermann-Josef Hüßelbeck . „Die Atmosphäre des Klosters strahlt positiv aus. Hier lebt auch heute Jung und Alt zusammen. Man spricht noch miteinander und hilft sich im Alltag.“

„Ich bin kein Kirchenmensch, sondern ein Kulturmensch, aber auch für mich ist Kloster Saarn ein besinnlicher Ort, ein kleines Kunststück und eine Kultstätte, an der Geschichte lebendig wird“, unterstreicht der am Klostermarkt ansässige Künstler Peter Torsten Schulz. „Ich spüre dort eine ehrwürdige und zugleich wohltuende Atmosphäre, die mir nicht nur bei Orgelkonzerten und Gottesdiensten zeigt, dass es schlimm wäre, das Kloster nur als Veranstaltungsort zu sehen“, sagt der langjährige Gemeinderatsvorsitzende von St. Mariä Himmelfahrt, Rolf Hohage .

„Dieser Ort schafft an der stark befahrenen Kölner Straße eine Oase, in der man Natur, Ruhe und Geborgenheit finden kann, sagt die Umweltpädagogin Stefanie Horn, die im Kräutergarten Führungen und Workshops anbietet. Für den Pfarrer von St. Mariä Himmelfahrt, Pater Josef Prinz , ist das Kloster: „mein Zuhause und ein liturgischer Ort, dessen Atmosphäre hilft, ruhig und gelassen zu bleiben.“

Und die Vorsitzende der Werbegemeinschaft, Birte Jess, ist überzeugt: „Das Kloster ist mit seinem sensationellen historischen Gebäudeensemble mehr als ein Veranstaltungsort. Es ist Ausflugsziel, Erlebniswelt, lebendiger Kommunikations- und Begegnungsort und nicht zuletzt auch Ruhezone in einer schnelllebigen Zeit.“

Dieser Text erschien am 14. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 15. Januar 2014

Eine Oase in der Stadt: Kloster Saarn feiert in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag: Wo früher Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten, begegnen sich heute die Bürger

„Die Saat ist aufgegangen“, sagt Hans-Theo Horn, der gerade eine Stiftung zugunsten von Kloster Saarn gegründet hat. Zusammen mit seinen Saarner Klosterfreunden hat der ehemalige Kulturdezernent der Ruhrstadt in den letzten 30 Jahren dafür gesorgt, dass in alte Klostermauern neues Leben einzog. „In seiner Rechtsform existiert das Kloster Mariensaal nicht mehr, aber es ist weiterhin lebendig, weil es an das alte Klosterleben anknüpft und so zu einem Ort der Begegnung, der Kommunikation, aber auch der Glaubensvermittlung geworden ist“, freut sich Horn, der den Spitznamen „Klosterbruder“ in seiner Heimatstadt durchaus als Ehrentitel genießt.

Wo zwischen 1214 und 1808 Zisterzienserinnen arbeiteten und beteten, begegnen sich heute Bürger in einem Klostercafe, in einer Klosterbücherei, bei Führungen und Workshops in einem Kräutergarten oder auch im Kellergewölbe unter dem Kreuzgang. Dort wurde 2008 ein ehrenamtlich betreutes Klostermuseum eröffnet, in dem bisher 15.000 Menschen die wechselvolle Geschichte von Kloster Saarn entdeckt haben. „Seit ich regelmäßig Menschen durch dieses Museum führe, habe ich eine große Liebe zur Geschichte entwickelt und mit Blick auf das Leben der Nonnen begriffen, dass vieles, was uns in unserer heutigen Welt als materiell unverzichtbar erscheint, gar nicht so wichtig ist“, sagt Klosterfreund Wolfgang Geibert.

Die 800-jährige Klostergeschichte, die 2014 in Saarn mit einem großen Jubiläumsprogramm gefeiert wird, hat es in sich. Nachdem 1808 die letzten Zisterzienserinnen unter dem Druck der von der napoleonischen Verwaltung vorangetriebenen Säkularisierung das Kloster verlassen mussten, wurde dieser geistliche Ort über Jahrzehnte zu einer profanen Fabrik, in der erst Gewehre und später Tapeten hergestellt wurden. Als der Industrielle August Thyssen das als alte Kloster 1906 kaufte, wurde aus der Fabrik ein Bauernhof. Später schenkte Thyssen das im Süden des Ruhrgebietes gelegene Kloster der Stadt Mülheim, die dort Wohnungen einrichtete. Der ehemalige Saarner Stadtrat Hermann-Josef Hüßelbeck hat über viele Jahre mit seiner Familie in einer der 30 Klosterwohnungen gelebt. Er sagt: „Die friedliche Atmosphäre des Klosters hat eine positive Ausstrahlung auf die Menschen, die dort leben. Hier leben Alt und Jung in einer guten Nachbarschaft zusammen, in der man noch miteinander spricht und sich auch gegenseitig hilft.“

Ein großer Wendepunkt im Saarner Klosterleben war das Jahr 1979. Damals entschlossen sich das Bistum Essen, die Stadt Mülheim an der Ruhr und das Land Nordrhein-Westfalen, das in einem Dornröschenschlaf schlummernde Kloster zu restaurieren und mit neuem Leben zu erfüllen. 1983 gründete sich der Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn, der zu einem Dreh- und Angelpunkt des neuen Klosterlebens werden sollte. 1985 starteten die Klosterfreunde in der Kloster- und Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt eine geistliche Konzertreihe „Musik im Kloster Saarn“, die sich unter der Federführung des Kirchenmusikers Werner Schepp, mit ihren Chor- und Orgelkonzerten ein landesweites Renommee erworben hat. „Die Musik im Kloster Saarn ist keine beliebige Veranstaltungsreihe. Sie hat eine klare Linie und orientiert sich mit ihren Konzerten am Kirchenjahr. Damit fördert sie die spirituelle Auseinandersetzung mit den christlichen Grundlagen unserer Kultur und betont die Bedeutung des Klosters als kulturelles Zentrum, das seine geistlichen Wurzeln nicht leugnet und mit dem Wissen von gestern und heute unsere Gegenwart gestaltet,“ unterstreicht der inzwischen als Professor an der Folkwangschule lehrende Schepp.

Doch das geistliche Leben im Kloster Saarn beschränkt sich heute keineswegs auf die Kirchenmusik. Wo früher bis zu 30 Zisterzienserinnen arbeiteten und beteten, leben heute mit Josef Prinz, Leo Vieten und Franz-Josef Flötgen drei Oblaten des heiligen Franz von Sales, die sich als Seelsorger mit einem großen Stamm von ehrenamtlichen Mitarbeitern um die 18.000 Seelen zählende Kloster-Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt kümmern.

„Es kommt nicht von ungefähr, dass man 2006 die Klosterkirche St. Mariä Himmelfahrt zur Pfarrkirche der neuen Linksruhr-Pfarrei gemacht hat, obwohl sie nicht die größte Kirche der Pfarrgemeinde ist. Und ich habe immer wieder den Eindruck, dass das Kloster einen Geist und eine Atmosphäre ausstrahlt, die Gemeindemitglieder anzieht, inspiriert und sich in besonderer Weise mit ihre Gemeinde identifizieren lässt. Und diesen Geist geben die in unserer Gemeinde aktiven Menschen auch an andere weiter,“ betont der aus Österreich stammende Pater Josef, der die Gemeinde seit 2010 leitet.

Nicht nur der Pfarrer, sondern auch die im Saarner Ortskern ansässigen Geschäftsfrauen Birte Jess und Birgitta Lange, bescheinigen dem alten Zisterzienserkloster, in dem heute nicht nur Gottesdienste und Kirchenkonzerte, sondern auch Ausstellungen, Klostergespräche zu historischen, theologischen und gesellschaftlichen Themen, Lesungen, Theateraufführungen, Bürgerversammlungen und Feste stattfinden, eine „unglaubliche Atmosphäre, die einen zur Ruhe und zu sich selbst kommen lässt.“ Die Umweltpädagogin Stefanie Horn, die seit 2011 den damals neu eingerichteten Kräutergarten des Klosters betreut, sagt: „Hier kann man wie in einer Oase Natur und Ruhe erleben.“ Tatsächlich wird die stark befahrene Bundesstraße, die am Kloster Saarn vorbei führt, zu einem kaum hörbaren Hintergrundsäuseln, sobald man durch die Toreinfahrt in den grünen Innenhof des Klosters tritt. Und spätestens, wenn man im Kreuzgang die dort aufgehängten Grabsteine und Wappen der einstigen Äbtissinnen betrachtet, fühlt man sich in das Klosterleben von Anno Dazumal zurückversetzt.
Nicht von ungefähr war das Kloster Saarn im europäischen Kulturhauptstadtjahr 2010 eine von 53 spirituellen Kulturtankstellen des Ruhrbistums. Und nicht von ungefähr treffen sich hier auch die Frauen von der Gemeindecaritas, die mit ihren Hausbesuchen, Haussammlungen und Weihnachtspaketen für Bedürftige die soziale Tradition des alten Klosters fortsetzen.

„Früher sind kranke und hilfsbedürftige Menschen zu den Nonnen ins Kloster gekommen“, erzählt die Vorsitzende der Gemeindecaritas, Christa Horn. „Auch heute ist für uns klar, dass die Caritas, als der tätige Liebesdienst in der Hinwendung zu den Menschen in Leid und Not, neben der Verkündigung des Wortes Gottes und der Feier der Sakramente einer der Kernaufträge der Katholischen Kirche und eine wichtige Säule der Gemeindearbeit ist.“ Klostrefreund Hans-Theo Horn, seine Frau Christa und seine Tochter Stefanie sind übrigens nicht die einzige Familie, die sich generationsübergreifend im 190 Mitglieder zählenden Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn engagieren. Deshalb schaut dessen Vorsitzender Jörg Enaux auch optimistisch in die Zukunft, wenn er feststellt, „dass inzwischen viele jüngere Mitglieder in die Aufgaben des Fördervereins hinein gewachsen sind und dessen Arbeit fortführen werden.“ (Thomas Emons)

Weitere Informationen über Kloster Saarn und sein Jubiläumsprogramm 2014 findet man im Internet unter www.freunde-kloster-saarn.de

Dieser Text erschien am 31. Dezember 2013 in der katholischen Zeitung Die Tagespost

Montag, 6. Januar 2014

Wie könnte Kommunalpolitik nicht nur für Frauen attraktiver werden? Eine Umfrage.

„Frauen heben im Ortsverein nicht unbedingt den Finger und sagen: Ich will für dieses oder jenes Amt kandidieren. Sie wollen angesprochen werden. Und sie sind auch öfter als Männer von Selbstzweifeln geplagt“, glaubt Bürgermeisterin Renate aus der Beek, die seit 1998 für die SPD im Rat der Stadt sitzt. Den Sprung in die Kommunalpolitik wagte sie aber erst, als ihre beiden Kinder größer waren. Deshalb hat sie auch Verständnis dafür, dass viele junge Frauen zwischen Beruf und Familie stundenlange Sitzungen scheuen, die mit der Kommunalpolitik verbunden sind. „Junge Frauen sind bereit, sich in einem Projekt zu engagieren“, sagt aus der Beek, die 2014 nicht noch einmal antritt. Aber sie nennt auch die Schattenseiten der Gremiendemokratie. „Sie wollen nicht auf lange Sicht Stunde um Stunde in einem Ausschuss sitzen, um sich dann irgendwann zu Wort zu melden.“

„Frauen gehen pragmatischer an Probleme heran und wollen nicht so lange drumherum reden. Und in der Kommunalpolitik braucht man schon ein dickes Fell und muss sich erst mal durchboxen, ehe man dann das gute Gefühl erlebt, etwas bewegen zu können“, schildert Meike Ostermann ihre Erfahrungen als Ratsfrau der FDP. Sie kandidiert auch 2014 wieder, kann aber nachvollziehen, dass viele Frauen vor einer Dreifachbelastung als Berufstätige, Mutter und Mandatsträgerin zurückschrecken. Deshalb plädiert sie für kürzere und damit familienfreundlichere Sitzungstermine, kompaktere und damit schneller lesbare Ratsvorlagen und eine stärkere Entlastung der ehrenamtlichen Kommunalpolitikerinnen durch hauptamtliche Zuarbeiter.

Eine überraschende Koalition ergibt sich zwischen der ehemaligen FDP-Ratsfrau und Bundestagsabgeordneten, Ulrike Flach, und der Vorstandssprecherin der Grünen, Franziska Krumwiede. Beide plädieren für eine Frauenquote, die fähigen Frauen die Chance gibt zu zeigen, was sie können und Männer dazu zwingt, ihnen diese Chance zu geben. „Es gibt eine scharfe Konkurrenz in der Politik. Und da werden Frauen von Männerseilschaften oft weggedrückt. Dagegen schafft die Quote einen positiven Druck auf beide Seiten“, sagt Flach. Und Krumwiede weist auf das erfolgreiche Quotenbeispiel ihrer Partei hin, in der die Frauen inzwischen sogar mehr als 50 Prozent der Ratsmitglieder und der Ratskandidaten stellen. „Wenn die politische Kommunikation weniger verletzend und zielorientierter wäre und es bei Sitzungen auch eine Kinderbetreuung gäbe, würden sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik engagieren“, ist Krumwiede überzeugt.

Ob Frauen den Sprung in die Kommunalpolitik wagen, ist für Wir/Linke-Ratsfrau Carmen Matuszewski vor allem eine Frage der Erziehung. Viele Männer seien eher dazu erzogen, sich mit natürlicher Aggressivität durchzusetzen, während vielen Frauen ihre gutbürgerliche Erziehung im Wege stehe, die darauf ziele, angenehm und nett zu sein.

Angesichts der vielen jungen, gut ausgebildeten und politisch interessierten Frauen in ihrer Partei ist es für CDU-Ratsfrau Ramona Baßfeld aber nur noch eine Frage der Zeit, wann auch in der zu einem Drittel weiblichen christdemokratischen Ratsfraktion der 50-prozentige Frauenanteil erreicht sein wird, der in der Partei schon heute „in fast allen Gruppen und Arbeitskreisen“ bestehen würde.

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 1. Januar 2014

Helfen macht Freude und hilft zu leben: Warum sich Menschen ehrenamtlich engagieren: Eine Spurensuche

„Willst du froh und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben. Willst du nicht zu früh ins Grab, lehne jedes Amt gleich ab.“ Gott sei Dank denken nicht alle so, wie einst Wilhelm Busch. Denn jedes Jahr vermittelt das an der Wallstraße 7 ansässige Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) 300 bis 500 Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Besonders stolz ist CBE-Geschäftsführer Michael Schüring auf die 62 Mülheimer, die mit Hilfe des CBEs in denen letzten sieben Jahren eigene ehrenamtliche Projekte auf den Weg gebracht haben, die bis heute positiv in die Stadtgesellschaft hineinwirken. Ihr Spektrum reicht vom Reparaturservice Heinzelwerker über Caféhauskonzerte (Kultur in Mülheim) bis hin zur unentgeltlichen Kinderbetreuung durch die Lila Feen.
Doch warum engagieren sich Menschen ehrenamtlich und unentgeltlich? Warum ist das Ehrenamt für sie Lust statt Last? Für die NRZ fragte ich sechs Mülheimer, die sich jetzt im CBE-Kurs „Erfahrungswissen für Inititiativen“ von Gabriele Strauß-Blumberg schulen ließen, um professioneller ehrenamtlich arbeiten und ein eigenes Projekt auf die Beine stellen zu können. Sie erklären, warum sich das Ehrenamt für sie auch ohne Geld lohnt und auszahlt. CBE-Geschäftsführer weiß auf jeden Fall aus seiner Arbeit mit und für Menschen, die sich freiwillig un unentgeltlich für ihre Nächsten engagieren: "Menschen, die sich mit und für andere Menschen ehrenamtlich engagieren, genießen das gute Gefühl: Hier gehöre ich dazu. Hier fühle ich mich wohl.“

Einige persönliche Beispiele:


Werner Große (71) war im Berufsleben Wirtschaftsingenieur und Unternehmensberater. Als Ruheständler, möchte er einen Gesprächskreis in Mülheim (GIM) etablieren, der sich ab 30. Januar alle acht Wochen im Centrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Wallstraße 7 über aktuellen Themen austauscht.

Warum? Das erklärt er so: „Ich möchte einen Kreis interessierter Bürger schaffen, die Freude daran haben, sich mit einem aktuellen Thema auseinanderzusetzen und dabei auch ihre geistige Fitness zu schulen. Es geht mir aber auch darum, in diesem Kreis, an dem auch gerne jüngere Menschen teilnehmen können, persönliche Bekanntschaften und Vertrautheit zu entwickeln. Mir selbst macht es Spaß, mich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen und dabei einen weiten Bogen zu schlagen, um begierig die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft zu verfolgen. Ich habe aber nicht nur Lust auf geistige Auseinandersetzung, sondern auch auf soziale Kontakte. Eine Gemeinschaft zu finden, in der ich beides erleben kann, ist für mich ein Glücksgefühl und eine echte Bereicherung meines Lebens. Nachdem ich jetzt schon seit zehn Jahren als Bildungspate junge Menschen begleitet habe, reizt es mich jetzt, mit einem Gesprächskreis Kontakte zu den Menschen aufzubauen, die meinem Lebensalter nahe sind und zusammen mit meinen Mitsreitern Helmut Pust und Heribert Gorzawski eine Gesprächsrunde zu initieren, die nicht nur geistige Anregung, sondern auch Nähe und Überschaubarkeit schafft.“ 

Nach ihrem Berufsleben als Deutsch- und Geschichtslehrerin am Gymnasium Heißen möchte Ingrid Biermann (62) mit ihrer Kollegin Ingrid Pust (65), die als Gesamtschullehrerin Mathematik unterrichtet hat und einer noch zu findenden Englischlehrerin an einer weiterführenden Schule eine „Förderfeuerwehr“, die zeitlich befristet akut versetzungsgefährdeten Schülern helfen will, das Klassenziel zu erreichen.

Warum sie nach der Schule weiter Schülern helfen will, erklärt die Pädagogin so: „Es gibt für mich kein tolleres Gefühl, als das, Menschen etwas beizubringen, was sie vorher noch nicht konnten oder wussten. Ich kann Menschen Wissen vermitteln und fände es echt schlecht, wenn mein Erfahrungsschatz als Lehrerin verloren ginge. Dabei begreife ich meine ehrenamtliche Arbeit nicht als unentgeltliche Konkurrenz zur dauerhaften Nachhilfe, sondern nur als schnelle und zeitlich befristete Ad-Hoc-Hilfe. Mein ehrenamtliches Engagement ist für mich ein Stück Lebensqualität. Denn wenn man nicht mehr im Berufsleben steht, bricht einem ein ganzes Umfeld plötzlich weg und der Tag ist nicht mehr ausgefüllt. In der Stadt zu gucken, welche Klopapier gerade im Sonderangebot zu haben ist, ist für mich nicht gerade die Erfüllung. Durch meine ehrenamtliche Arbeit erhoffe ich mir Anregungen zu bekommen, die über das Lesen und die Gespräche mit meinem Mann hinausgehen und so meine geistige Beweglichkeit trainieren und langfristig erhalten.“

In seinem Berufsleben war Hermann Gerritzen (74) als Elektrotechniker für ein großes deutsches Unternehmen mit dem Schwerpunkt Förder- und Antriebstechnik auch jenseits der deutschen Grenzen in Maschinenfabriken tätig. In Holland lernte er die Idee eine Reparaturcafès kennen, in dem handwerkliche Laien mit Hilfe von Fachleuten ihre defekten Geräte reparieren können. Warum er zusammen mit einem Radio- und Fernsehtechniker auch in Mülheim solch ein ehrenamtlich arbeitendes Reparaturcafè etablieren möchte, das voraussichtlich ab Januar 2014 einmal pro Monat, jeweils an einem Samstagvormittag, im Medienhaus öffnen soll, erklärt er so: „Ich habe eine detektivische Veranlagung. Deshalb hat mir die technische Fehlersuche immer schon Spaß gemacht. Ich freue mich darauf, anderen Menschen dabei zu helfen, ihre Elektrogeräte zu reparieren und damit auch im Sinne des Umweltschutzes Rohstoffe einsparen zu können. Bei meinem Projekt geht es mir nicht nur um die Technik, sondern auch darum soziale Kontakte zu knüpfen. Denn wenn Leute unter Anleitung von Experten ihr elektrischen Geräte reparieren können, werden sie im Reparaturcafé bei Kaffee und Plätzchen auch miteinander ist Gespräch kommen können. Ich selbst kann durch mein ehrenamtliches Engagement für das Reparaturcafé wieder analytisch tätig werden und so verhindern, dass meine im Berufsleben erworbenen Fähigkeit verkümmern.“ 

Urusla Müller (64) hat in ihrem früheren Berufsleben unter anderem als Chefsekretärin in der Bauindustrie gearbeitet, ehe sie sich zur Yoga-Lehrerin ausbilden ließ. Ihr professionelles Wissen gibt sie jetzt auch gerne ehrenamtlich an Schüler und Lehrer weiter und sorgt damit in der Schule am Hexbachtal für ein enrspanntes Klima. Warum sich ihre unentgeltliche Arbeit für sie auszahlt, erklärt Müller so: „Ich freue mich über die Anerkennung, die meine Arbeit bekommt. Ich bekomme sofort eine Rückmeldung und kann selbst sehen, wie schön Yoga auf allen Ebenen wirkt. Ich habe das gute Gefühl, mit einer Arbeit Stress und die Gefahr von Burnout aus der Welt zu räumen. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, wie Yoga die ganze Persönlichkeit mit Körper, Geist und Seele und die persönliche Selbstreflektion stärken und weiterentwickeln kann. Deshalb ist mir Yoga auch zu einem Lebensinhalt und einer Lebensaufgabe geworden. Wenn ich meine Yogaarbeit nicht hätte, würde ich mich, wie in einem leeren Raum fühlen.“

Die im Vorruhestand lebende Gudrun Schwierczke (63), die zu ihrem Berufsleben nichts sagen oder in der Zeitung lesen will, möchte ab Frühjahr 2014 in einer Dümptener Schule im Zwei-Monats-Rhythmus mit alten und junge Menschen gemeinsam aktiv werden und so den Dialog der Generationen anregen. Mieinander sprechen, gemeinsam Bilder anschauen, Lieder singen oder lesen und vorlesen, kann sie sich für den Auftakt vorstellen. Langfristig sollen die Teilnehmer des regelmäßigen Generationengesprächs aber auch selbst entscheiden, was sie miteinander machen wollen. Warum sie sich ehrenamtlich für einen Gedankenaustausch der Generationen stark machen will, erklärt Schwierzke so: „Es fällt mir schwer, meine Motiavtion in Worte zu fassen. Ich bin immer noch energiegeladen und möchte mit meiner Zeit etwas sinnvolles anfangen. Im Alltag erlebe ich immer wieder, dass Junge sagen: „Ach, die Alten“ und die Alten schimpfen: „Ach, die Jungen.“ Deshalb möchte ich mit einem Treffpunkt der Generationen dazu beitragen, dass junge und alte Menschen ihre Potenziale besser kennen lernen und sich dadurch mit mehr Achtung und Wertschätzung begegnen. Es ist mein Traum, bei den regelmäßigen Treffen und Aktivitäten in die leuchtenden Augen junger und alter Menschen zu schauen und daraus selbst Kraft, Lebensfreude und Lebensqualität zu schöpfen.“

Warum der selbstständige, aber zurzeit arbeitssuchende Rohrleitungsexperte Andreas Dudlik (50) jede Woche ein bis zwei Stunden im Altenheim am Kuhlendahl, alte Menschen besucht, die sonst keinen Besuch bekommen und dabei auch seine Gitarre mitbringt, um mit ihnen zu singen, erklärt er so: „Wenn ich Leute besuche, die keinen Familienanschluss mehr haben, um mit ihnen spreche oder sie im Rollstuhl durch den Park schiebe, merke ich immer wieder, dass es heute nichts besseres gibt, als Menschen Zeit zu schenken. Ich habe bei meiner ehrenamtlichen Arbeit gelernt, dass Geben im wahrsten Sinne des Wortes seliger ist als Geben, weil man viel Vertrauen und Lebensfreude zurückbekommt. Das stärkt auch das eigene Selbstvertrauen. Dieses Vertrauen führt auch dazu, dass man sich selbst nicht mehr ganz so wichtig nimmt und der alltällglich Stress einen nicht mehr so mitnehmen kann. Das ehrenamtliche Engagement kann den eigenen Blick öffnen und eine Hilfe sein, in seinem Leben einen sinnvollen Weg zu gehen und die richtigen Schwerpunkte zu setzen.“

Dieser Beitrag erschien am 24. Dezember 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung


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