Sonntag, 30. März 2014

So gesehen: Recycling von Grund auf


Sie werfen das Grundgesetz in den Müll? So fragt mich streng ein Stadtverordneter, den ich, Zufall der Geschichte, am Samstag beim Altpapiercontainer treffe, wo ich neben diversen Zeitungen auch eine Miniaturausgabe des Grundgesetzes als Altlast entsorge.

Nicht dass ich der Ansicht wäre, dass man das Grundgesetz auf den Müllhaufen der Geschichte werfen könnte oder sollte. Gott, bewahre. Doch alles hat einmal ein Ende, so auch diese extrem kleingedruckte Ausgabe unserer Verfassung, die für mich als Staatsbürger mit Lesebrille nicht nur zeitlich, sondern auch drucktechnisch überholt war und ihren Dienst mehr als getan hat.

Natürlich habe ich als treuer Staatsbürger noch die einen oder andere aktuellere und größer gedruckte Grundgesetzausgabe im Bücherregal.

Denn Demokratie braucht einen klaren Durchblick auf der Höhe der Zeit und verträgt kein Kleingedrucktes. Es geht schließlich um einen Gesellschaftsvertrag. Doch gerade deshalb wollen Grundgesetzartikel, wie zum Beispiel der erste: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ nicht nur gedruckt und nachgelesen, sondern gelebt werden. Nur so werden sie Wirklichkeit und kein Altpapier.


Dieser Text erschien am 24. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 27. März 2014

Robin Hood, bitte melden? In Mülheim brauchen derzeit 2400 Menschen einen gesetzlichen Betreuer, weil sie ihre persönlichen Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können


Betreuung. Dabei denkt man an Kinder oder alte Menschen, denen man Zeit und Zuwendung schenkt. Doch wenn es um gesetzliche Betreuung von Menschen geht, die ihre persönlichen Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können, geht es um mehr. Es geht nicht nur um Beistand im Alltag, sondern auch um Beistand im Dickicht der Bürokratie. Als haupt- oder ehrenamtlicher Betreuer darf man keine Angst vor Ämtern und ungewöhnlichen Situationen haben, muss sozial, gesundheits- und vermögensrechtliche Fragen im Interesse seines Schutzbefohlenen regeln.

„Wir haben in Mülheim zurzeit 2400 Menschen, die gesetzlich betreut werden, weil sie, wie es im Paragrafen 1896 des Bürgerlichen Gesetzbuches beschrieben wird: auf Grund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen können“, erklärt Amtsgerichtsdirektorin Susanne Galonska-Bracum die rechtlichen Voraussetzungen für die Bestellung eines gesetzlichen Betreuers. Das Amtsgericht verlangt von den gesetzlichen Betreuern mindestens einmal pro Jahr Rechenschaft über ihre Arbeit und überprüft in regelmäßigen Abständen, ob die gesetzliche Betreuung fortgeführt oder aufgehoben werden soll.

„Viele Menschen scheuen diese Verantwortung und haben Angst davor, bei Gericht gemeldet zu sein“, sagt Dagmar Auberg vom Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM). Der Betreuungsverein des SKFM, der demnächst (siehe Kasten) zu einer Informationsveranstaltung einlädt, sucht ebenso wie der zur Arbeiterwohlfahrt gehörende Betreuungsverein Escor händeringend ehrenamtliche Betreuer, um seine hauptamtlichen Betreuer zumindest in den leichteren Fällen zu entlasten.

Beim Betreuungsverein des SKFM werden derzeit 199 Klienten betreut, Bei Escor sind es 50. Beim SKFM arbeiten es vier haupt- und 59 ehrenamtliche Betreuer. Bei Escor kümmern sich zwei hauptamtliche und 20 ehrenamtliche Betreuerinnen und 50 zu betreuende Menschen.

„Meistens handelt es sich dabei aber um Angehörige. Wir haben nur fünf Leute, die sich rein ehrenamtlich und aus sozialem Interesse um Menschen kümmern, die gesetzlich betreut werden müssen“, beklagt Auberg. Sie wünscht sich „Robin-Hood-Persönlichkeiten“, die „einfühlsam mit einem hilfsbedürftigen Menschen umgehen können, sich im Umgang mit Ämtern auskennen, keine Angst vor Ärzten und Krankenhäusern haben und verantwortlich mit Geld umgehen können.“

Doch Frank Hoeke von der beim Gesundheitsamt angesiedelten Betreuungsbehörde (siehe Zitat) kann die Zurückhaltung verstehen, obwohl ehrenamtliche Betreuer über die Betreuungsvereine haftpflichtversichert und von diesen nur mit einfacheren Fällen betraut sind. „Viele Betreuungsfälle sind aufgrund von ungeklärten sozial- und gesundheitsrechtlichen Ansprüchen, vor dem Hintergrund von Vermögensfragen oder auch aufgrund psychischer Erkrankungen so komplex, dass man dafür einen hauptamtlichen Betreuer braucht,“ meint er. Zurzeit sind 50 bis 60 Berufsbetreuer für die Behörde im Einsatz. Ihre Zahl hält Hoeke für ausreichend. Doch mit Sorge sieht er die steigende Zahl von ungeklärten Betreuungsanträgen, die seine Behörde prüfen muss. Oft, so Hoeke, seien Betroffene im gesetzlichen Sinne gar nicht betreuungsbedürftig, sondern fielen durch die Lücken im sozialen und medizinischen Betreuungssystems oder seien mit dem Dickicht des Sozial- und Gesundheitsrechtes überfordert. Deshalb fordert er einen sozialpsychiatrischen Dienst, der ältere Menschen aufsucht, um ihren tatsächlichen Hilfebedarf rechtzeitig zu klären.

 Dieser Text erschien am 14. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 24. März 2014

Eine Schatzsuche in der eigenen Biografie: Der Verlag an der Ruhr hat Bildbände, Kurzegschichten und Spiele entwickelt, die mit Erfolg in der Pflege von demenziell veränderten Menschen eingesetzt werden


„Das ist doch eine Säge“, ruft der Mittachtziger begeistert aus, der im Haus Ruhrgarten zu den Gästen der Tagespflege für demenziell veränderte Menschen gehört. Mit Pflegekraft Cornelia Wagner, die die Tagespflege leitet, setzt er ein vierteiliges Puzzle mit einem entsprechenden Bildmotiv zusammen. Auch das nächste Bildpuzzle, das einen Hobel zeigt, zaubert ihm ein Lächeln ins Gesicht. „Den kenn ich auch. Ich war ja Handwerker“, erzählt er stolz. Und Wagner setzt nach: „Wo gehobelt wird...“ „Da fallen Späne“, ergänzt der Tagespflegegast mit Handwerksbiografie. Er lacht, als habe er einen kleinen Schatz gefunden, einen Schatz aus seiner Vergangenheit. Auch als Wagner einen Bildband aufschlägt, in dem unter anderem ein Foto vom Königssee zu sehen ist, werden bei ihrem Gast angenehme Erinnerungen wach. „Da waren wir auch mal. Denn meine Frau war eine Reisetante“, sagt er und lacht. Wagner lacht auch in einem nicht immer leichten Pflegealltag.

„Solche Bücher und Spiele sind uns eine große Hilfe, weil sie eine Brücke in die Vergangenheit bauen und uns helfen, etwas über die Biografie unserer Besucher zu erfahren“, sagt Wagner. „Das hilft vor allem jungen Pflegekräften, die sich kaum noch in die Jugendzeit ihrer Gäste hineinversetzen können und gibt ihnen ein Stück Sicherheit“, bestätigt ihre musiktherapeutisch arbeitende Kollegin Anke Kolodziej.

„Ich wollte wissen, was brauchen diese Menschen und diejenigen, die sich um sie kümmern“, erinnert sich die beim Verlag an der Ruhr für das Thema Altenpflege zuständige Redakteurin Evelyn Wagenblast. Bevor sie daran ging, Bücher und Spiele für Demenzkranke und ihre Pflegekräfte zu entwickeln, machte sie 2011 eine Hospitanz im Ruhrgarten und merkte dabei: „Weniger ist mehr. Wir brauchen einfache Texte und Fotos, die ohne Erklärungen Zugänge zur Biografie der demenziell veränderten Menschen schaffen und Emotionen wecken.“ Inzwischen hat sie im Auftrag ihres Verlages, der vor über 30 Jahren als Schulbuchverlag gegründet wurde, zum Teil selbst und zum Teil mit Autoren aus der Altenpflege nicht nur Bilderbücher, Puzzles, Spiele und Ratgeber, sondern auch ganz bewusst einfach strukturierte Vorlesegeschichten herausgegeben, in denen zum Beispiel von den Kartoffelferien, von einem Grammophon oder vom Hochzeitskleid die Rede ist. „Das motiviert unheimlich“, erinnert sich Kolodziej an das Lächeln eines demenzkranken Mannes, der sich durch die Geschichte vom Hochzeitskleid plötzlich erinnerte: „Ich war ja auch verheiratet.“ Besonders gern hat Kolodziej die Jahreszeiten-Bücher aus dem Verlag an der Ruhr, in denen unter anderem mit jahreszeitlichen Gedichten und Liedern (samt Musik-CD) wohltuende Erinnerungen geweckt werden.

„Wie bei unseren pädagogischen Büchern für die Schulpraxis geht es uns auch mit diesen Medien für Demenzkranke und die sie betreuenden Pflegekräfte darum, ein praktische Hilfestellung zu geben, um Ressourcen zu aktivieren“, schlägt Wagenblast eine Brücke vom alten zum neuen Verlagsgeschäft, „das“, wie sie sagt: „unsere ursprünglichen Erwartungen übertroffen hat.“

„Das ist etwas, was man sofort einsetzen kann, und was einem hilft, mit Demenzkranken ins Gespräch zu kommen, ohne das man gleich 1000 Fortbildungen machen muss“, lobt der in der ambulanten Pflege und bei der Alzheimergesellschaft engagierte Peter Behmenburg auch ein Poesiealbum, das mit seinen alten Fotos und Sinnsprüchen das Langzeitgedächtnis demenziell veränderter Menschen aktiviert. Aus der Hirnforschung weiß er, „dass ein solch positiv aktivierendes Identitätserlebnis demenzkranke Menschen bis zu fünf Stunden entspannen und beleben kann.“

Weitere Informationen sowie Rat und Hilfe rund um das Thema Demenz bietet die örtliche Alzheimergesellschaft: www.alzheimer-muelheim.de
 
Dieser Text erschien am 20. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung 

 

Sonntag, 23. März 2014

Teilnehmer statt Zuschauer sein: Ein Appell des Rabbiners Paul Moses Strasko an die Kinder Abrahams: Ein interreligiöser Denkanstoß

"Wir müssen von Zuschauern und Objekt wieder zu Teilnehmern und Subjekt unserer Religion werden", sagte der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen, Paul Moses Strasko beim Jahresempfang der katholischen Stadtkirche. Im Pfarrsaal von St. Barbra betonte er in seiner Rede die gemeinsame Basis der Zehn Gebote, die nicht nur verstanden, sondern auch gelebt werden müsse.

Juden, Christen und Muslims müssten sich als Kinder Abrahams fragen, "ob uns der Text der Zehn Gebote wirklich wichtig ist und ob wir auch eine Beziehung dazu haben." Auch wenn Gottesdienste helfen könnten, näher zu Gott zu kommen, sei die gelebte Menschenliebe des Alltages am Ende das Entscheidende. Die Zehn Gebote müssen aus Straskos Sicht im Leben der Gläubigen mehr als eine Erinnerung an religiöse Wurzeln sein. Sie zeigen uns, dass alle Menschen Teil des göttlichen Schöpfungsprozesses seien und deshalb auch als Kinder Gottes ein gleichberechtigtes Anrecht auf Glück und Gerechtigkeit hätten. Die Zehn Gebot versteht der Rabbiner als Impulsgeber für einen ständigen Lernprozess, der uns vom Lesen zum Tun und Verstehen führen könne. "Ich möchte lieber eine Predeigt sehen, als eine Predigt hören", sagt Strasko und nennt Menschen, wie den katholischen Wiederstandskämpfer Nikolaus Groß oder den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King als Beispiel für eine solch gelungenes Lebensbeispiel eines aktiv gestaltenden und teilnehmenden. Glauben.

Samstag, 22. März 2014

Eine Stadt geht zu Fuß: Am 18. März legte ein Warnstreik im öffentlichen Dienst nicht nur Busse und Bahnen lahm: 3500 Beschäftigte waren zum Arbeitskampf aufgerufen

In der kommenden Woche müssen Bürger mit einer Einschränkung der öffentlichen Dienstleistungen rechnen. Die Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) wies ihre Kunden bereits gestern via Internet darauf hin, dass sie voraussichtlich am Dienstag ganztägig bestreikt wird. MVG-Sprecher Nils Hoffmann empfiehlt betroffenen Fahrgästen, im Notfall Fahrgemeinschaften zu bilden oder auf die vom Streik nicht betroffenen S-Bahnen umzusteigen. „Streik ist höhere Gewalt. Da können wir nichts machen und wir wissen, dass die Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi gerne das Instrument der Überraschung einsetzt,“ erklärt Hoffmann. Er weiß, dass 65 Prozent der 470 MVG-Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert sind. Nicht nur Bus- und Bahnfahrer, sondern auch die Mitarbeiter der Kundencenter werden zum Streik aufgerufen. In Mülheim sind lediglich zehn Mitarbeiter in sicherheitsrelevanten Bereichen, etwa im Betrieb der Tunnelanlagen, bei der Stromversorgung oder in der Leitstelle auf jeden Fall dienstverpflichtet.

„Wir wissen noch von nichts“, räumt Stadtsprecher Volker Wiebels ein. „Doch sollten zum Beispiel die Kindertagesstätten bestreikt werden, werden wir uns umgehend mit den betroffenen Eltern in Verbindung setzen und kurzfristig Notfallpläne aufstellen und eine Notrufnummer einrichten, so dass kein Kind unbetreut bleiben wird“, betont Wiebels. Er verweist auf die Erfahrungen aus früheren Streiks im öffentlichen Dienst, in denen Erzieherinnen, die sich nicht am Streik beteiligten, in den bestreikten oder in benachbarten Kindertagesstätten die Kinderbetreuung sichergestellt hätten.

Verdi-Geschäftsführerin Henrike Greven sagte am Freitag: „Wir sind noch in der Feinabstimmung. Wann wir streiken, werden wir erst am Montag um 10 Uhr bekanntgeben. Wenn wir streiken, wird das alle Bereiche treffen.“

Also müssen Bürger an einem Tag der kommenden Woche auch im Bereich der Müllabfuhr oder der Verwaltung mit Einschränkungen rechnen. Insgesamt ruft Verdi in Mülheim 3500 Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes zum Streik auf. Angesichts eines Organisationsgrades, der sich im öffentlichen Dienst zwischen 60 und 75 Prozent bewegt, geht Greven von einer durchschlagenden Streikwirkung aus. Mit Genugtuung registriert sie das Verständnis, das auch Stadtkämmerer Uwe Bonan für die Tarifforderungen ihrer Gewerkschaft gezeigt hat. „Die Beschäftigten, die im öffentlichen Dienst als Busfahrer, Erzieherin oder Altenpfleger eine gute Arbeit leisten und mit Bruttogehältern von 2100 bis 2300 Euro am Monatsende nach Hause gehen, tragen keine Schuld an der Finanzmisere der Kommunen“, verteidigt Greven die Verdi-Forderungen nach 100 Euro und insgesamt 3,5 Prozent mehr Lohn.


Dieser Text erschien am 15. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. März 2014

Rückblick: Als die Kommunalpolitik weiblich wurde: Vor 95 Jahren zogen die ersten Frauen in das Mülheimer Stadtparlament ein

Heute, da Mülheim von einer Oberbürgermeisterin und Nordrhein-Westfalen von einer Ministerpräsidentin aus Mülheim regiert wird, kann man sich Politik ohne Frauen gar nicht mehr vorstellen.

Doch als mit Luise Blumberg, Katharina Havermann und Maria Büssemeyer vor 95 Jahren die ersten drei Frauen ins Mülheimer Stadtparlament einzogen, war das eine Revolution. Denn erst die November-Revolution des Jahres 1918, die Deutschland am Ende des Ersten Weltkrieges von der Monarchie zur Republik werden ließ, verschaffte den Frauen das Wahlrecht.

Nach der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung im Januar 1919 war die Kommunalwahl vom 2. März 1919 die zweite Wahl, bei der nicht nur Mülheimer, sondern auch Mülheimerinnen wählen und gewählt werden konnten. Nicht nur das war damals neu, sondern auch das Wahlrecht. Es war damals zum ersten mal ein demokratisches und allgemeines Verhältniswahlrecht. Denn im Kaiserreich waren zumindest die preußischen Kommunal- und Landtagswähler noch in drei Steuerklassen eingeteilt wurden. Die wenigen Bürger in der ersten Steuerklasse stellten dabei ein Drittel der Stimmen, ebenso wie die überschaubare Zahl in der mittleren Steuerklasse und die Masse der volljährigen Männer in der dritten Steuerklasse. Das Gewicht einer Stimme war also nicht gleichwertig, sondern orientierte sich am Einkommen und an dem persönlichen Steueraufkommen. Das war natürlich ebenso ungerecht, wie der Ausschluss der Frauen.

Aber auch nach der ersten demokratischen Kommunalwahl der Weimarer Zeit, blieben die drei Ratsfrauen unter den damals insgesamt 72 gewählten Stadtverordneten eine fast verschwindende Minderheit. Außerdem fällt auf, dass bei der Kommunalwahl vom 2. März 1919 nur 37.057 von insgesamt 74.625 Wahlberechtigten von ihrem Wahlrecht auch Gebrauch machten. Wahlmüdigkeit und fehelendes Vertrauen in die politische Handlungskraft von Parteien waren also wohl schon damals ein Thema. Das Wahlergebnis vom 2. März 1919 brachte der SPD 19, dem Zentrum 18, der DVP 12, der KPD 9, der DNVP 8, der DDP 5 und der Wirtschaftsvereinigung 1 Stadtratsmandat

In seiner Eröffnungsrede vor dem neuen Stadtrat sagte der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke unter anderem: "Meine Damen und Herren! So begrüße ich Sie heute, die neue Stadtverordnetenversammlung. Neu, wie die Versammlung, ist auch die Art es Grußes. Zum ersten Male habe ich die Ehre, neben den Herrn auch Damen in unserer Mitte willkommen zu heißen. Ich freue mich dessen und hoffe, dass Sie uns eine wertvolle Hilfe bei unserer Art der Arbeit sein werden, die wir zu leisten haben, sein werden." Und Lembke fügte mit Blick auf das neue Wahlrecht hinzu: "Die neuen Wahlen haben sich fast ausschließlich nach parteipolitischen Gesichtspunkten vollzogen.Möge es mir gestattet sein, dieser Tatsache gegenüber, den Wunsch zum Ausdruck zu bringen, dass unter den zu erwartenden parteipolitischen Auseinandersetzungen die Sache selbst niemals leiden möge.

Die damals 43-jährige Lehrerin Maria Büßemeyer, die ebenso, wie die Hausfrau Katharina Havermann für das katholische Zentrum in den Stadtrat einzog, war die erste Frau, die bei der konstituierenden Sitzung des Stadtparlamentes am 21. März 1919 das Wort ergriff. Leider hat die Mülheimer Zeitung nicht festgehalten, zu welcher Angelegenheit sie gesprochen hat. Die dritte Ratsfrau war damals Luise Blumberg. Die damals erst 29-jährige Krigerwitwe und zweifache Mutter wurde von der liberalen Deutschen Volkspartei ins Stadtparlament entsandt. Ihre Partei hatte am Wahltag in einer Zeitungsanzeige verkündet: "Achtung Frauen! Die Deutsche Volkspartei ist die einzige Partei, die eine Frau an aussichtsreicher Stelle ihrer Liste aufgestellt hat." Blumberg, die, wie Büssemeyer, bis 1929 dem Stadtrat angehörte, sollte 1932 auch in den rheinischen Provinziallandtag gewählt werden, ehe mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 die politische Mitwirkung der Frauen wieder zurückgedrängt werden sollte. Nach 1945 waren es dann die Christdemokratin Anni Seelbach und die Sozialdemokratin Luise Vosshagen, die als erste Frauen in den neuen demokratischen Stadtrat einziehen konnten.

Ab 1982 sollte dann mit der Sozialdemokratin Eleonore Güllenstern zum ersten Mal eine Oberbürgermeisterin an der Spitze der Stadt und des Rates stehen. Auch im Bundestag standen Frauen wie Gisela Praetorius und Helga Wex (beide CDU) oder Ulrike Flach (FDP in den Nachkriegsjahrzehnten für den berechtigten Anspruch der Frauen auf politische Teilhabe.

Lieder ist in den Unterlagen des Stadtarchives über die Stadtverordnete Katharaina Havermann gar nichts und über ihre beiden Kolleginnen auch nur sehr wenig überliefert. Von Blumberg ist bekannt, dass sie 1890 als Tochter des Kaufmanns Christian Becker und seiner Frau Gertrud Lindgens in Mülheim geboren wurde und hier 1907 ihren Abschluss an der Luisenschule machte, ehe sie 1909 den Juristen Ernst Blumberg heiratete, der bereits kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 fiel. Blumberg ist 1974 gestorben.

Ihr Kollegin Maria Büssemeyer wurde am 15. Januar 1876 in Soest geboren und kam 1904 als Lehrerin nach Mülheim, wo sie ihren Beruf bis 1936 ausübte, zuletzt als Konrektorin an der katholischen Volksschule an der Bruchstraße. Sie blieb unverheiratet und kinderlos und starb am 27. April 1973 in Mülheim.

Dienstag, 18. März 2014

So gesehen: Die Last mit dem Laster

Gestern war es so weit. Ich habe ihn endlich vernascht, den letzten Nikolaus. Er war wirklich süß und lecker, der kleine Mann aus Schokolade, obwohl seine Zeit offensichtlich schon länger abgelaufen ist.

Und das ist auch gut so, für meine Figur, der ein bisschen Fastenzeit nicht schaden kann. Doch ich befürchte, ich werde schon bald rückfällig, spätestens beim nächsten Osterhasen, der in seinem früheren Leben vielleicht ja auch mal ein Nikolaus war. Er steht sicherlich schon in den Supermärkten im Regal und wartet auf die Kunden.

Die Summe aller Laster bleibt eben immer konstant und das wohl leider nicht nur, wenn sie aus Schokolade sind.
 
 
Dieser Text erschien am 17. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 17. März 2014

Ohne Spenden ginge an vielen Stellen nichts mehr: Schlaglichter der Mülheimer Spendenlandschaft


Heute denkt doch jeder nur noch an sich selbst. Wer so denkt, denkt falsch. Die Zahlen, die der Deutsche Spendenrat veröffentlicht hat, sprechen eine andere Sprache. Danach ist das deutsche Spendenvolumen im vergangenen Jahr um 13 Prozent auf 4,7 Milliarden angestiegen. 23,3 Millionen Deutsche, 3,5 Prozent mehr als im Jahr 2012 haben Geld für wohltätige Zwecke gespendet.

Wer sich bei gemeinnützigen Mülheimer Vereinigungen und Einrichtungen umhört, kann bei der lokalen Spendenentwicklung keine eindeutige Tendenz feststellen.

Sowohl von einer Spendenzunahme (Wir für die Mülheimer Kinder oder Tierschutzverein) wird berichtet, als auch von stabilen Spendenzahlen (Diakoniewerk, Hospiz und Vereinte Evangelische Kirchengemeinde) oder von starken Rückgängen der Spendenfreudigkeit, wie etwa bei der Deutschen Multiple Sklerosegesellschaft, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Kinderschutzbund und dem Verein für Bewegungsförderung und Gesundheitssport. (VBGS)

„Viele Menschen sind heute eher bereit für notleidende Menschen in anderen Ländern, als für notleidende Menschen in der eigenen Stadt zu spenden“, glaubt der VBGS-Vorsitzende Alfred Beyer. Tatsächlich weist der Spendenrat darauf hin, dass ein Großteil der Spendenzunahme unter anderem auf die Hilfe für die Opfer des Taifuns Haiyan auf den Philippinen zurückzuführen ist.

Doch nicht nur Ulrich Schreyer vom Diakoniewerk Arbeit und Kultur und Annegret Cohen von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde sehen auch auf lokaler Ebene eine große Spendenbereitschaft, sobald Projekte greifbar und nachvollziehbar sind.

„Die Leute sind auch heute sehr spendenbereit. Doch man muss mehr tun sie zum Beispiel auch mit interessanten Veranstaltungen ansprechen, um Spenden zu bekommen“, glaubt Gabriele Beyer vom Verein Wir für die Mülheimer Kinder.

Das glaubt auch der Geschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, Klaus-Jürgen Wolf, der verstärkt auf öffentlichkeitswirksame Informationskampagnen setzen will, frei nach dem Motto: „Tue Gutes und sprich darüber.“ Das strukturelle Problem sieht er, ähnlich wie Christel Schuck vom Freundeskreis Las Torres darin, dass Menschen heute zwar bereit sind für bestimmte Projekte zu spenden, sich aber nicht dauerhaft als Spender, etwa in Form einer Fördermitgliedschaft, auf einen guten Zweck festzulegen.

Auch wenn die Spenden-Umfrage der NRZ kein vollständiges Bild der Mülheimer Spendenlandschaft zeichnen kann, zeigt sich doch, dass Mülheimer Bürger jedes Jahr mehrere 10000 Euro spenden und damit soziale und kulturelle Aufgaben mitfinanzieren, die der Stadtgesellschaft zugute kommen.

Dabei kann auch aus Schlechtem Gutes erwachsen. Das erkennt man, wenn man weiß, dass allein im letzten Jahre von Staatsanwaltschaften verhängte Geldbußen in Höhe von 31500 Euro an 15 gemeinnützige Vereine und Einrichtungen von der Theodor-Fliedner-Stiftung über den Kinderschutzbund bis zur Deutschen Multiple Sklerosegesellschaft geflossen sind.

Die Vorsitzende des Vereins Wir für die Mülheimer Kinder, Gaby Beyer, macht einen bestechenden Vorschlag: „Wie viel Gutes könnten wir in Mülheim bewirken, wenn jeder der 168000 Mülheimer jeden Monat nur einen Euro für einen wohltätigen Zweck spenden würde?“ Wo und wie Geld für gute Taten gebraucht wird und gut angelegt wäre, machen die nachfolgenden Beispiele deutlich.

Jugend mit Zukunft

So heißt eine 2002 vom ehemaligen Superintendenten Frank Kastrup gegründete Stiftung, die Kinder, Jugendliche und Familien stark machen will. Elternkurse und kirchliche Jugendarbeit werden ebenso gefördert, wie Hausaufgabenhilfe, Antigewalttraining oder Unterstützung für junge schwangere Frauen. Das Spendenvolumen, wie in den Vorjahren konstant bei rund 6000 Euro.
 
Kinderschutzbund

Seit 1977 setzt sich der unabhängige Verband in Mülheim für die Rechte von Kindern ein. In seiner Geschäftststelle an der Schloßstraße 31 betreibt er eine ärztliche Beratungsstelle, die der Misshandlung und Vernachläßigung von Kindern vorbeugt und entgegenwirkt. Ein Spielpunkt für Kinder, betreuter Umgang von Kindern und getrennt lebenden Eltern, Still- und Wickelmöglichkeiten, eine Mädchengruppe, ein Kleiderladen am Dickswall und Hausaufgabenhilfe gehören ebenso zu seinen Angeboten und Aktivitäten. 2013 konnte der Kinderschutzbund Spenden in Höhe von 19200 Euro einwerben. 2012 waren es noch 30000 Euro gewesen.

Diakoniewerk

Seit Mitte der 80er Jahre fördert das Diakoniewerk Arbeit und Kultur Langzeitarbeitslose durch Beschäftigung und Qualifizierung. Außerdem betreibt es eine Tafel, an der sich Bedürftige mit gespendeten und kostenlosen Lebensmitteln versorgen können. Hinzu kommen eine Schultafel, für die Lebensmittel und Schulmaterialien eingekauft werden, um damit bedürftige Schüler zu unterstützen und ihnen ein Frühstück in der Schule zu ermöglichen. Das von Ulrich Schreyer geleitete Diakoniewerk kann derzeit jährlich konstant 9000 bis 10000 Euro an Spenden verbuchen. Hinzu kamen 2013 rund 200000 Euro, die für das seit 2012 vom Diakoniewerk und vom Evangelischen Krankenhaus betriebene stationäre Hospiz an der Friedrichstraße, das in der Bau- und Investionsphase mit Spenden von insgesamt rund 300000 Euro bedacht wurde.

Arbeiterwohlfahrt

Der 1920 gegründete und der SPD nahestehende Sozialverband betreibt unter anderem ein Familienbildungswerk, eine Schuldnerberatung, eine Drogenhilfe, eine Seniorentagesstätte, eine Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle und ein Sorgentelefon für von sexuellem Missbrauch bedrohte Kinder und Jugendliche sowie das Jugendzentrum Altes Wachhaus in Holthausen. Das jährliche Spendenvolumen der Awo bewegt sich derzeit konstant zwischen 5000 und 10000 Euro.

Wir für die Mülheimer Kinder

Der von Gaby Beyer geführte Verein finanziert das von der Awo betriebene Sorgentelefon Elefon, das Kindern und Jugendlichen hilft, die von Misshandlung und sexuellem Missbrauch bedroht sind. Außerdem unterstützt der Verein Grundschulprojekte und die Arbeit mit sozailabenachteiligten Kindern sowie Kinder, die mit ihren Müttern vor häuslicher Gewalt ins Frauenhaus geflüchtet sind. 2013 konnte der Verein Spenden in Höhe von rund 30000 Euro einnehmen und damit ein Plus von etwa fünf Prozent verbuchen.

DRK

Das Deutsche Rote Kreuz rettet in Mülheim seit 1907 Leben. Im Rettungs- und Krankentransport ist es ebenso aktiv wie bei Sammlung von Blutspenden oder in der Jugendarbeit. Das DRK betreibt eine Seniorentagesstätte und eine Kleiderkammer für Bedürftige. Außerdem gibt es Erste-Hilfe- und Schwimmkurse und betreibt einen Hausnotrufdienst für alleinlebende Senioren, liefert Essen auf Rädern, leistet Besuchdienste und bietet Senioren betreute Reisen und einen Einkaufservice an. Vor allem durch Überalterung und Tod ist die Zahl der DRK-Fördermitglieder in den letzten 20 Jahren von 8000 auf 3700 zurückgegangen. Allein 2013 gingen die von den Fördermitgliedern erbrachten Spenden um rund 10 Prozent auf 260000 Euro zurück. Kontakt und Infos 450060

DMSG

Die 115 Mitglieder zählende Ortsvereinigung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ist dringend auf Spenden angewiesen, um zum Beispiel Feste, Veranstaltungen und Ausflüge zu organisieren, um die an MS erkrankten und oft auch finanziell eingeschränkten Mitglieder aus der sozialen Isolation herauszuholen. Doch Ausflüge können nur mit teuren Spezialbussen durchgeführt werden, die über eine Hebebühne verfügen. Um so härter trifft die DMSG, die 14-tägig zu einem Treffen in die Altentagesstätte an der Folkenbornstraße einlädt, der Spendenrückgang von 20000 Euro auf 12000 Euro, den sie 2013 verkraften musste. „Spender unterstützen heute eher Sportvereine als Selbshilfegruppen“, glaubt der DMSG-Vorsitzende Karl-Heinz Reinelt.

Tierschutzverein

Der 1951 gegründete und von Heidrun Schultchen geleitete Verein konnte das städtische Tierheim an der Horbeckstraße gerade erst beim Einbau neuer Zwinger finanziell unterstützen, musste aber 2013 einen Rückgang der Spenden von etwa fünf Prozent auf rund 30000 Euro hinnehmen. Auch wenn Tiere medizinisch behandelt werden müssen oder Tierhalter in einer Sprechstunde Rat und Hilfe suchen, kann sich das städtische Tierheim auf die finanzielle und fachliche Hilfe des Vereins verlassen.

Stadtbücherei

Egal ob es um die Anschaffung neuer Medien oder neuer Computer geht. Die Stadtbücherei kann sich seit 1997 auf die finanzielle Hilfe eines aktuell 193 Mitglieder zählenden Freundeskreises verlassen. Sein Vorsitzender Bernhard Haake freut sich über ein stabiles Spendenvolumen von jährlich rund 10000 Euro. Diese Summe kommt nicht nur durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, sondern auch durch die Erlöse einer Schmökerstube am Kurt-Schumacher-Platz und durch Büchertrödel in den Stadtteilbüchereien zustande.  

VBGS

Der 1989 gegründete Verein für Bewegungsförderung für Gesundheitssport steht für Sport, Spiel und Geselligkeit von Menschen mit und ohne Handicap. Ob Anschaffung neuer Sportgeräte, Kleinbusse für den Fahrdienst oder Honorare für Übungsleiter. Das alles funktioniert nur mit Spenden. „Doch das Geld sitzt nicht mehr so locker und die Spendenfreudigkeit geht in den letzten Jahren leider sehr nachgelassen“, sagt der Vereinsvorsitzende Alfred Beyer. Er schätzt, dass das Spendenvolumen des VBGS in den letzten fünf Jahren von jährlich 30000 auf 20000 Euro zurückgegangen ist..

Kirche

Die Kirchengemeinden sind soziale, geistliche und kulturelle Ankerpunkte der Stadtgesellschaft. Sie leisten generationsübergreifend von der Wiege bis zur Bahre Seelsorge und Sozialarbeit, unterhalten Gotteshäuser und Gemeindezentren, die für viele Menschen wichtige Anlaufpunkte sind. Auch jenseits ihrer Kirchtürme unterstützen Gemeinden mit ihren Spenden kirchliche Entwicklungshilfeprojekte. Während sich Pfarrerin Annegret Cohen von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre über eine stabiles Spendenaufkommen von rund 130000 Euro pro Jahr, darunter Kollekten von rund 32000 Euro, freuen kann, sanken die Erlöse aus Spenden, Sammlungen und Kollekten in der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbara zwischen 2011 und 2013 um 4,8 auf zuletzt rund 46000 Euro. Den Hauptgrund für diese Entwicklung sieht Pfarrer Manfred von Schwartzenberg im demografischen Wandel, weil die Pfarrgemeinde viele alte und besonders spendenfreudige Gemeindemitglieder durch den Tod verliert.

Partei

Der Schatzmeister der CDU, Werner Oesterwind, spricht von einem stabilen Spendenniveau mit großen Schwankungen zwischen 8000 Euro und maximal 25000 Euro pro Jahr. Immer wieder stellt er fest, dass die Spendenbereitschaft in Wahljahren besonders groß und in Jahren ohne Wahl ehergering ist. Angesichts der Erstellung von Informationsmaterial, Wahlplakaten, Saalmieten und Zeitungsanzeigen sieht er aber in Wahljahren auch einen erheblich höheren Finanzbedarf der politischen Parteien.

Las Torres

Der Freundeskreis Las Torres unterstützt in der venezulanischen Hauptstadt Caracas die Asociación Civil de Educación Integral San Benito, einen Verein, der in drei Elendsvierteln in Caracas Zentren unterhält, in denen 150 Klein- und Kindergartenkinder, Vorschul- und Schulkinder vom ersten bis zum 14. Lebensjahr von 30 hauptamtlichen Mitarbeitern betreut werden. Durch seine bundesweit gesammelten Spenden konnte der Freundeskreis in den letzten Jahren zwischen 150000 und 200000 Euro für diese Sozial- und Bildungsarbeit zur Verfügung stellen. „Wir können uns nicht beklagen und profitieren von einem in 30 Jahren gewachsenen Vertrauensbonus, aber es wird zunehmend schwieriger dauerhafte Fördermitglieder zu gewinnen, weil gerade jüngere Menschen heute immer mehr in beruflich ungesicherten Verhältnissen leben müssen, so dass wir langfristig mit einem Spendenrückgang rechnen müssen,“ sagt die Sprecherin des Freundeskreises, Christel Schuck
 
KHTC

700 Mitglieder spielen on den 40 Mannschaften des Kahlenberger Hockey- und Tennisclubs nicht nur Hockey und Tennis, sondern betreiben auch Wassersport. Geschäftsführer Ulrich Grüneboom weiß, dass Spenden vor allem dann fließen, wenn es um konkrete Projekte und insbesondere um die Jugendarbeit geht. So konnte der KHTC sich 2011 über Spenden von 25000 Euro und 2012 über Spenden von 13000 Euro freuen, die halfen einen neuen Kunstrasenplatz anzulegen. 2013 gingen dann allerdings nur rund 5000 Euro ein, von denen 3000 Euro in die Jugendarbeit flossen.

Caritas

Seit 1920 hilft der katholische Sozialverband Menschen in Not. Einzelfallhilfe, Erziehungsberatung und Unterstützung von Familien gehören ebenso zu den Aktivitäten, wie die Förderung und Beschäftigung psychisch kranker Menschen oder die Bildungs- und Sozialarbeit in der offenen Ganztagsschule sowie mit und die Unterstützung und Integrationsförderung von Zuwanderern. 2011 konnte die Caritas bei den von ihren ehrenamtlichen Gemeindegruppen zweimal jährlich durchgeführten Spendensammlungen insgesamt 54000 Euro einnehmen, 2012 waren es 57000 Euro und 2013 59000 Euro einnehmen.
 
Eine komprimierte Fassung dieses Textes erschien am 13. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung
 
 

Samstag, 15. März 2014

Papier ist geduldiger als die Wähler: Sie wollen lieber Taten als Worte sehen


Sie kosten viel Arbeit, Zeit, Papier und Druckerschwärze: die Wahlprogramme. Die SPD hat gerade erst ihren Mülheim-Plan vorgestellt, mit dem sie am 25. Mai in die Kommunalwahl und anschließend in die neue Ratsperiode gehen will. Doch lohnt sich die programmatische Mühe überhaupt? Ich habe nachgefragt, auf der Straße und am Telefon.

Gerade mal eine von 18 Befragten konnte mit dem Begriff Mülheim-Plan etwas anfangen. Ein Mülheimer Amtsleiter, immerhin Parteimitglied, der aber namentlich nicht zitiert werden möchte, kam erst im zweiten Anlauf darauf: „Ach ja, das ist doch das Wahlprogramm der SPD“ und zwei oder drei Befragte spekulierten, ob es sich beim Mülheim-Plan um einen Plan zur Belebung der Innenstadt oder um das Mülheimer Leitbild handele. Alles in allem drängt sich im Gespräch mit Bürgern der Eindruck auf, dass Wahlprogramme keine Bestseller sind, obwohl sie kostenlos unter die Wähler gebracht werden.

„Ich wähle lieber Menschen als Programme. Denn bei Menschen kann man sich auf seinen Instinkt und seine Lebenserfahrung verlassen, dass am Ende zumindest die Tendenz stimmt“, sagt Künstler Peter Torsten Schulz und fügt hinzu: „Wenn mir ein Wahlprogramm mal in die Hände fällt, schaue ich auch hinein, ansonsten lese ich nur meine Zeitung von vorne bis hinten durch. Denn es wäre ja etwas Neues, wenn das, was in einem Wahlprogramm geschrieben steht am Ende auch 1:1 eingehalten würde.“

Der Pastor von St. Engelbert in Eppinghofen Michael Clemens meint: „Ich lese keine Wahlprogramme, weil ich den Parteien nicht über den Weg traue. Denn das was drin steht und das was raus kommt, stimmt oft nicht miteinander überein. Ich schaue mir lieber an, was in der Wirklichkeit passiert und spreche mit den Menschen in meinem Stadtteil, die die Folgen von Politik zu spüren bekommen. Und wenn ich da auf die Entscheidung über die Max-Kölges-Schule sehe, werde ich zum Beispiel aus der inkonsequenten Haltung der SPD bei der Kommunalwahl auch meine Konsequenzen ziehen.“

Sein evangelischer Amtskollege, Michael Manz , aus Styrum glaubt: „Wahlprogramme sind viel vergebliche Arbeit und Liebesmühe. Denn in ihnen steht meistens alles und nichts drin und wenn wir ehrlich sind, wird höchstens die Hälfte ihrer Forderungen eingelöst.“ Für den Pfarrer der Immanuelkirche steht fest: „Politiker müssen die Bürger nicht mit Papier überzeugen, sondern ihre Politik vorleben. Und deshalb wähle ich auch nicht Programme, sondern Personen, deren Haltung mir nachvollziehbar scheint und lese vielleicht in der Zeitung die Synopsen aus den Wahlprogrammen nach.“

Auch der 50-jährige Sozialversicherungsfachangestellte Martin van Dorp , liest, schaut und hört lieber in den Medien nach, wofür Parteien und Politiker stehen als ihre Wahlprogramme zu lesen. „Sowohl bei Bundestags- und Landtagswahlen als auch bei Kommunalwahlen kann ich mich über die verschiedenen Medien sehr gut informieren. Wenn ich das nicht tute, kann ich nicht meckern, sondern muss mir den Schuh selbst anziehen“, betont van Dorp.

Die Sozialpädagogin Elfriede Majer (56) weiß zwar, was der Mülheim-Plan ist, achtet aber weniger auf Programme als auf Personen und darauf, „wie sich Parteien in der politischen Praxis bisher positioniert haben.“ Die Ehrenvorsitzende des Kolpingwerkes, Marlies Schröder, schaut zwar auch schon mal in ein Wahlprogramm. „Noch mehr sehe ich mir mit Blick auf die Kommunalwahl an, was in den letzten fünf Jahren passiert ist und sehe, dass es in Mülheim so lange dauert, gute Ideen umzusetzen, was der Stadt nicht gut tut.“

Bankkaufmann Matthias Böhler (42) gibt zu, dass es auch mit seiner eigenen Bequemlichkeit zu tun hat, wenn er sich mit Blick auf die Kommunalwahl doch lieber in der Zeitung als in den gemeinhin recht dicken Wahlprogrammen informiert. Außerdem setzt er auch auf das Gespräch mit Kommunalpolitikern. „Sie müssten eigentlich das ganze Jahr und nicht nur drei Monate vor der Wahl in der Öffentlichkeit präsent sein und den Bürgern deutlich machen, dass sie die Ergebnisse von Kommunalwahlen vielleicht viel mehr betreffen, als die von Landtags- und Bundestagswahlen“, findet Böhler.

Auch wenn die Bibliothekarin Helga Steinwender „die Wahlprogramme nur sehr grob liest“, hält sie diese doch für unverzichtbar, „weil man in ihnen etwas über das Profil und die Positionierung einer Partei erfährt.“ Und vor dieser Wahl am 25. Mai 2014 möchte sie von den Parteien und Kommunalpolitikern vor allem erfahren, was sie für die Kultur und dagegen tun wollen, „dass die Innenstadt immer mehr verkümmert und immer mehr Kneipen sterben.“

Auch dem 49-jährigen Stefan Goede liegt vor allem die Innenstadt am Herzen. Mit diesem Anliegen liest er „die Wahlprogramme nicht, wie das Evangelium, von der ersten bis zur letzten Seite und vergleicht das Papier mit der Praxis.“ Sein Resümee: „Viele Menschen setzten sich für die Innenstadt ein, aber es wird trotzdem immer schlimmer.“

„Wahlprogramme kommen zu wenig auf den Punkt“, glaubt der beruflich in der Werbebranche und ehrenamtlich bei der Verkehrswacht engagierte Carsten Kuhlmann . Im Rahmen seines Ehrenamtes bereitet der 52-Jährige eine Podiumsdiskussion mit den kommunalen Spitzenpolitikern vor und liest deshalb zurzeit in den Wahlprogrammen nach, was dort zum Thema Verkehr und Sicherheit im Straßenverkehr steht. Doch privat zieht er einen prägnanten Zeitungsartikel einem dicken Wahlprogramm vor, wenn es um seine politische Meinungs- und Willensbildung geht.

 Dieser Text erschien am 12. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 12. März 2014

Reden wir doch mal über die Wirtschaft: In einer BWL-AG lernen Zehntklässler der Realschule Broich das kleine Einmaleins der Betriebs- und Volkswirtschaft



Welche Unternehmen gibt es in Mülheim und wie verdienen sie ihr Geld? Was ist der Unterschied zwischen einer Aktiengesellschaft und einer GmbH? Wie arbeiten Banken und welche Geldanlagemöglichkeiten bringen welche Risiken und Renditen? Und was muss ein Selbstständiger bei einer Betriebskostenrechnung beachten?

Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich Miriam Kneffel, Regina Habig, Julia Elsner, Karolin Detmers, Pia Marie Helmberg, Kim Christin Frütel und Thomas Dlugosch immer dienstagsnachmittags. Dann treffen sie sich die Schüler mit ihren Lehrern Jochem Bonacker und Christian Kosmalla zur AG Betriebswirtschaftslehre. Das Engagement und der Wissensdurst, den die Zehntklässler der Realschule Broich an den Tag legen, ist umso beachtlicher, da es freiwillig und unzensiert ist und in eine arbeitsintensive Zeit fällt, in der sich die Jugendlichen auf ihr zentralen Abschlussprüfungen vorbereiten müssen.

Doch sie haben eine gemeinsame Motivation, die sie antreibt. Nach der Mittleren Reife wollen sie auf das Wirtschaftsgymnasium an der Lehnerstraße wechseln und dort ihr Abitur machen. Von dort kommt auch der Wirtschaftspädagoge Jochem Bonacker, der sich aufgrund zusätzlicher Verpflichtungen am Wirtschaftsgymnasium und am Berufskolleg Lehnerstraße in diesem Halbjahr von angehenden Sozialwissenschaftslehrer Christian Kosmalla vertreten lässt.

Die beiden Pädagogen sind sich mit ihren Schülern einig, dass ein Schulfach Wirtschaft, wie es noch bis Ende des Schuljahres an 70 Realschulen des Landes erprobt wird, wünschenswert wäre. „Das Thema Wirtschaft ist so vielseitig, dass man jedes Fach, in dessen Rahmen man es unterrichten könnte, damit überfrachten würde“, glaubt Schülerin Pia Marie Helmberg.

„Die meisten Schüler gehen sehr naiv an das Thema Wirtschaft heran, obwohl die meisten von ihnen ja auch schon Wirtschaftsakteure sind, wenn sie etwa ein Girokonto eröffnen, einen Handyvertrag haben oder einen Nebenjob machen“, weiß Kosmalla. „Es kann nicht sein, dass jemand der keinen Leistungskurs Sozialwissenschaften gewählt hat, die Schule ohne nennenswerte wirtschaftliche Grundkenntnisse verlässt. Das gehört zur Allgemeinbildung und ist Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe“, plädiert Bonacker  für ein Schulpflichtfach Wirtschaft, wie es in Süddeutschland bereits eingeführt worden ist.

Auch Realschulrektor Wolfgang Dahmen kann sich ein Schulfach Wirtschaft vorstellen, weist aber auch darauf hin, dass er dafür mehr Pädagogen mit ökonomischen Fachwissen bräuchte und angesichts der begrenzten Wochenstundenzahl ein anderes Fach aufgeben müsste. Für ihn hat die vor zehn Jahren eingerichtete BWL AG vor allem das Ziel, „den Schülern, die zum Wirtschaftsgymnasium wechseln wollen Wissen zu vermitteln, damit sie sich hier schon freischwimmen können.“

„Egal, ob ich später Pilot, Bankkaufmann oder Kassierer im Supermarkt werde, wirtschaftliche Grundkenntnisse werde ich immer brauchen, wenn ich zum Beispiel einen Versicherungsvertrag abschließe oder mich um meine Rente kümmern muss“, weiß Thomas Dlugosch. Er fand es spannend zu erfahren, wie das milliardenschwere Internetnetzwerk Facebook mit Werbung und den persönlichen Daten seiner Nutzer Geld verdient. Für Miriam Kneffel waren Einblicke in die Betriebskostenrechnung und Buchführung eines Unternehmers spannend, „weil ich mit solchen Themen sonst gar nicht in Berührung kommt.“ Außerdem empfindet sie das Arbeiten in einer kleinen Gruppe, „in der man immer wieder seine Fragen stellen und eine verständliche Antwort bekommen kann“, als sehr entspannend.

Anders, als in vielen Wirtschaftsmedien bleiben Begriffe, wie Absatz, Umsatz, Fixkosten oder Deutscher Aktienindex (DAX) in der BWL AG für die Schüler kein Buch mit sieben Siegeln. Auch Prozentrechnen und Dreisatz erscheinen ihnen nach dem Blick auf Unternehmensstatistiken und Bilanzen in einem ganz praktischen Licht.

Viele der Jugendlichen, die sich am dienstags Zeit für die Wirtschaft nehmen, haben diese bereits als Praktikanten bei Banken und Versicherungen oder als Kinder von selbstständigen Unternehmern kennengelernt. „Ich finde es spannend, wie man ein Unternehmen wirtschaftlich am Laufen halten kann“, sagt Karolin Detmers. Sie hat ihrer Mutter schon oft bei der Buchführung über die Schulter geguckt und kann sich vorstellen, nach einer entsprechenden kaufmännischen Ausbildung in das Speditionsunternehmen ihres Vaters einzusteigen. Auch ihre Mitschüler haben eine kaufmännische Berufsperspektive vor Augen oder können sich eine Tätigkeit als Finanzbeamtin oder Wirtschaftsinformatikerin vorstellen.



Dieser Text erschien am 27. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Brigitte Block: Nachruf auf eine starke Frau, die mit ihrem Lebensbeispiel Zeichen gesetzt hat


Sie selbst hat sich in einem Gespräch mit der NRZ einmal als optimistisch, lebhaft und neugierig beschrieben. Und so erinnern sich auch viele an Brigitte Block, die jetzt nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben ist.

„Sie war pure Lebensfreude und hatte auch für ihre Nachbarn immer ein offenes Ohr und eine hilfreiche Hand“, beschreibt Karin Medenblik-Bruck ihre ehrenamtlich und vielseitig engagierte Mitbürgerin, die sie unter anderem aus ihrer Mitarbeit im Dümptener Netzwerk der Generationen kannte.

„Sie ist eine Frau gewesen, die mit ihrem ehrenamtlichen Engagement und mit ihrer lebensbejahenden Menschlichkeit Zeichen gesetzt hat und die man deshalb auch im Gedächtnis behalten wird“, sind sich Marlies Rustemeier vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement und Jörg Marx vom Sozialamt einig.

Es waren ihre Lebensfreude, ihre positive Neugier auf Menschen, die die gebürtige Berlinerin und zweifache Mutter, die seit Mitte der 50er Jahre in Dümpten lebte, auch im Alter immer wieder antrieb, aktiv zu werden und ihren reichen Erfahrungsschatz mit anderen Menschen zu teilen, sei es als Leihoma der Arbeiterwohlfahrt, als Mitarbeiterin der Seniorenzeitung Alt, na und?!, als Bürgerlotsin in Dümpten, als Mitarbeiterin der Schmökerstube oder auch als Zeitzeugin in verschiedenen Projekten und Ausstellungen, wie zuletzt bei der „Reise meines Lebens.“

Die Stadt Mülheim hat Brigitte Block, die mit ihrem Lebensbeispiel gezeigt hat, dass es gut tut und hilft zu leben, wenn man anderen Menschen hilft, 2004 für ihren ehrenamtlichen Einsatz die Ehrenspange verliehen.


Dieser Text erschien am 7. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. März 2014

Wie viel Öffentlichkeit darf es sein? Rechstdezernent Frank Steinfort über die Gratwanderung zwischen Amtsgeheimnis und Transparenz


Demokratie lebt von Öffentlichkeit. Entscheidungen von Politik und Verwaltung sollen nachvollziehbar und diskutierbar sein. Dennoch ist jetzt im Fall Edathy mit Hans Peter Friedrich ein Minister gestürzt, weil er ein Amtsgeheimnis über Ermittlungen gegen einen SPD-Bundestagsabgeordneten nicht für sich behalten oder auf dem normalen Dienstweg an die Bundeskanzlerin weitergegeben, sondern dem SPD-Vorsitzenden Siegmar Gabriel mitgeteilt hat. Und in Moers hat der Bürgermeister Strafanzeige gegen unbekannt wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses und Geheimnisverrat gestellt, weil Teile des Rechnungsprüfungsberichtes noch vor der Beratung durch das Stadtparlament in der Lokalpresse gelandet sind. Vor diesem Hintergrund sprach ich für die NRZ mit dem Rechtsdezernenten Frank Steinfort über die Gratwanderung zwischen Amtsgeheimnisse und Transparenzgebot.

Frage: Darf ein Dezernent alles sagen, was er weiß?

Antwort: Nein, denn als Beamter unterliegen alle Informationen, die er in Ausübung seiner hoheitlichen Aufgaben auf dem Dienstweg erfahren hat, zunächst mal alle der Verschwiegenheit. Damit will der Gesetzgeber vor allem personenbezogene Daten schützen und der Verwaltung helfen, als neutrale Instanz agieren zu können. Diese Verschwiegenheit gilt allerdings nicht für den verwaltungsinternen Dienstverkehr, in dem Vorgänge bearbeitet werden und alle Mitarbeiter einer Schweigeverpflichtung unterliegen. Das gilt übrigens auch für Ratsmitglieder.

Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Amtsgeheimnis und Transparenz?

Antwort: Im Einzelfall müssen Beamte auf der Basis des geltenden Rechts abwägen, ob die Persönlichkeitsrechte schwerer wiegen als das Informationsrecht der Öffentlichkeit. Wenn wir etwa auf den Dienstweg erfahren, dass es in einer Gasstätte hygienische Probleme gibt, werden wir das als Verwaltung sanktionieren und auf Abhilfe drängen, aber nicht den Namen des Gastwirtes veröffentlichen, um seine berufliche Existenz zu schützen. Wenn es aber schwerwiegende Mängel gibt, die nicht sofort abgestellt werden, werden wir ein Restaurant schließen und damit öffentlich machen, dass es dort Probleme gibt, weil der Schutz der öffentlichen Gesundheit auch ein hohes Rechtsgut ist.

Frage: Werden Beamte, die gegen ihre Verschwiegenheitspflicht verstoßen, juristisch anders behandelt als ehrenamtliche Ratsmitglieder?

Antwort: Ja, weil Beamte im Gegensatz zu ehrenamtlichen Ratsmitgliedern nicht nur dem Straf- und Zivilrecht, sondern auch dem Beamtenrecht unterliegen. Beamte, die gegen ihre Verschwiegenheitspflicht verstoßen, können disziplinarrechtlich verfolgt werden. Sie können entlassen, ihre Dienst- oder Ruhestandsbezüge können bis zu drei Jahren um bis zu 20 Prozent gekürzt werden. Auch die Aberkennung des Ruhegehaltes ist möglich. Verstoßen Ratsmitglieder gegen ihre Verschwiegenheitsverpflichtung, kann der Rat ein Ordnungsgeld verhängen. Unabhängig davon können Ratsmitglieder natürlich auch straf- und zivilrechtlich belangt werden, wenn es etwa um Schadensersatz oder Behinderung der Strafverfolgung geht.

Frage: Wer entscheidet darüber, was geheim bleibt?

Antwort: Personenbezogene Daten unterliegen grundsätzlich der Geheimhaltung. Im Zweifel entscheidet die Oberbürgermeisterin, in welcher Angelegenheit etwas öffentlich gesagt werden kann. Außerdem muss sie bei der Festlegung der Tageordnung des Rates entscheiden, welche Daten im Interesse von Privatpersonen oder Belangen des öffentlichen Wohls besonders schützenswert sind und deshalb in nichtöffentlicher Sitzung behandelt werden.

Frage: Muss eine Demokratie nicht absolut transparent sein?

Antwort: Nein, weil Bürger ihre Daten von rechts wegen uns zur Verfügung stellen müssen und sich im Gegenzug darauf verlassen müssen, dass ihr informationelles Selbstbestimmungsrecht gewahrt bleibt. Gäbe es absolute Transparenz, könnte zum Beispiel jeder abfragen, wer wo wohnt, wie viele Kinder er hat oder welcher Religionsgemeinschaft er angehört.

Frage: Weshalb kann Geheimhaltung auch im öffentlichen Interesse sein?

Antwort: Das Informationsfreiheitsgesetz schützt ausdrücklich etwa Entwürfe, die im Rahmen eines Entscheidungsprozesses erstellt werden. Sie stellen Überlegungen und Optionen dar, können aber noch mit sachlichen Fehlern behaftet sein und würden nur zur Verwirrung führen, wenn sie öffentlich in die Diskussion kämen. Auch Verhandlungen mit Investoren, die etwa ein städtisches Grundstück kaufen wollen, brauchen Diskretion. Nur so können wir prüfen, welcher Investor wirtschaftlich wie stark ist und welche Absichten er verfolgt. Würden solche personen- und projektbezogene Daten und Fakten vorzeitig transparent, würden wir sensible Fakten von Investoren nicht mehr erfahren. Das Ergebnis einer totalen Transparenz wäre dann am Ende die Verschleierung von Fakten, die wir als Rat und Verwaltung für vernünftige Entscheidungen brauchen.

Dieser Text erschien am 6. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 9. März 2014

Niemand darf behindert werden: Nicht nur beim Thema Bauen und Wohnen pldäiert die neue Behindertenkoordinatorin der Stadt, Inge Lantermann, für mehr Barrierefreiheit

Eine psychisch kranke Frau sucht eine neue Wohnung. Das St. Marien-Hospital und eine Kindertagesstätte am Kuhlendahl möchten wissen, ob ihre Baupläne die seit 2003 geltenden Vorschriften für Barrierefreiheit entsprechen. Ein Mann will wissen, wo und wie er zu einem Schwerbehindertenausweis kommt. Und eine Frau, die vor einem Bewerbungsgespräch steht, bittet um Rat, ob und wie sie im Gespräch mit ihrem künftigen Arbeitgeber ihre rheumatische Erkrankung thematisieren soll. Gehörlose Eltern brauchen einen Gebärdendolmetscher, um sich mit dem Arzt ihres Kindes verständigen zu können. Die Mülheimer Verkehrsgesellschaft fragt im Zusammenhang mit dem barrierefreien Umbau einer U-Bahn-Haltestelle nach geeigneten taktilen Leitsystemen für Blinde und Sehbehinderte.

Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich Inge Lantermann als Behindertenkoordinatorin der Stadt. Obwohl sie ihre neue Stelle bereits im November angetreten hat, sieht sie sich selbst noch in der Einarbeitungsphase. „Dort, wo ich Leuten nicht auf Anhieb weiterhelfen kann, weiß ich aber, wo sie Spezialistenrat finden können“, berichtet Lantermann. Ausgerechnet bei der sehr anspruchsvollen Prüfung von Bauplänen brauchte sie keine Einarbeitungszeit. „Denn ich habe ein gutes technisches Verständnis und habe das Lesen von Bauplänen schon bei der Wohnberatung von Senioren gelernt.“

Immer wieder trifft sie in ihrem neuen Arbeitsbereich auf Schnittstellen mit ihrem beruflichen Vorleben in der Seniorenberatung, wenn es zum Beispiel um barrierefreies Wohnen im Alter geht. „Gerade die großen Wohnungsbaugesellschaften MWB, SWB und Immeo haben inzwischen erkannt, dass sie davon profitieren, wenn sie ihre Wohnungen barrierefrei umbauen und damit alte und zuverlässige Mieter behalten können. Allerdings fehlt es in der Stadt immer noch an einem ausreichenden Angebot barrierefreier und auch bezahlbarer Wohnungen“, schildert Lantermann ihren Eindruck. Mit Sorge sieht sie deshalb in die Zukunft, wenn die Generation der in den 60er Jahren geborenen Babyboomer in Rente gehen wird und aufgrund ihrer zum Teil brüchigen und prekären Berufsbiografien mit kleinen Renten auskommen muss.

Nicht nur mit Blick auf den demografischen Wandel einer Stadtgesellschaft, in der schon heute jeder Dritte über 60 ist, ist Behinderung für Lantermann kein Randthema. Sie weist darauf hin, dass rund 30000 der aktuell etwa 166000 Mülheimer als schwerbehindert gelten. Die Bandbreite der Behinderungen reicht von der geistigen und körperlichen Behinderung bis zur psychischen Erkrankung. „Menschen mit Behinderung sind weniger behindert, als das sie oft behindert werden. Wir sollten nicht auf ihre Defizite, sondern auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten schauen“, rät Lantermann.

In der Zusammenarbeit mit der Fürsorgestelle des Sozialamtes, die schwerbehinderte Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber in Fragen rund um die Intergrationshilfen am Arbeitsplatz berät, stellt Lantermann immer wieder fest,“dass Arbeitgeber sehr wohl bereit sind, Menschen mit Behinderung einzustellen, wenn sie sehen, dass die Bewerber mit Handicap mit einer Hilfestellung in der Lage sind ihren Arbeitsplatz auszufüllen.“

Auch mit Blick auf die Checkliste für barrierefreies Bauen, sieht Lantermann, dass man bei Neubauten mit einem Mehraufwand von zwei bis drei Prozent dafür sorgen kann, dass Zugangsbarrieren beseitigt und Behinderte nicht behindert werden.

Sie denkt dabei zum Beispiel an Türen, die auch für Rollstuhlfahrer breit genug sind, an akustische Etagenansagen im Aufzug, die Blinden ebenso die Orientierung erleichtern, wie taktile Wegweiser oder Hinweisschilder, die groß genug beschriftet sind, um auch von Sehbehinderten gelesen werden zu können. Auch Haltegriffe und von Rollstuhlnutzern unterfahrbare Waschbecken in Toiletten oder von Rollstuhlfahrern in Sitzhöhe erreichbare Bedienungselemente im Aufzug können für Barrierefreiheit im Bau sorgen. Deshalb würde Lantermann nicht nur öffentliche, sondern auch private Bauherren gerne beraten, um rechtzeitig und damit kostensparend an Barrierefreiheit zu denken. „Gerade der Umgang mit Architekten in dieser Frage manchmal schwierig, weil sie Individualisten sind und ihre ganz eigenen Vorstellungen haben“, weiß Lantermann.

Barrierefreiheit und Teilhabe von Menschen mit Handicap entscheidet sich für Lantermann aber nicht nur am Bau, sondern auch an der Frage, wie dicht und barrierefrei das Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs ist und ob das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap durch ausreichende Personal- und Raumressourcen möglich gemacht werden kann. Beim Thema Inklusion plädiert Lantermann für eine Wahlfreiheit der Eltern, „weil sie voll dahinter stehen müssen, wenn Inklusion erfolgreich sein soll.“

Inge Lantermann wurde vor 49 Jahren in Mülheim geboren. Sie erlernte nach der Mittleren Reife an der Mühlenfeldschule zunächst den Beruf der Arzthelferin, ehe sie am Heinrich-Heine-Gymnasium in Oberhausen das Abitur nachholte und anschließend eine Ausbildung zur Krankenschwester machte. In diesem Beruf arbeitete sie einige Jahre in den Evangelisch Krankenhäusern Mülheim und Oberhausen, ehe sie begann an der Fachhochschule Bochum Sozialarbeit zu studieren. Nach dem Examen fand sie 1995 bei der Stadt eine Anstellung in der Pflegeberatung, ehe sie 2003 in den Bereich der Wohnberatung für Senioren wechselte. 2007 übernahm sie die Koordination des Netzwerks der Generationen, in dem es darum ging die nachbarschaftlichen und ehrenamtlichen Aktivitäten in den Stadtteilen zu stärken. Seit November 2013 ist sie als Behindertenkoordinatorin der Stadt im Gesundheitsamt (Raum 2.15) an der Heinrich-Melzer-Straße 1-3 zu finden und führt damit qua Amt auch die Geschäfte der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände. Wer ihren Rat sucht, sollte unter der Rufnummer 0208/4555367 oder per Mail an inge.lantermann@muelheim-ruhr.de einen Gesprächstermin mit ihr vereinbaren.
 
Dieser Text erschien am 26. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 6. März 2014

Der Spaß fährt immer mit: Auch eine Reifenpanne konnte die Roten Funken am Rosenmontag nicht aufhalten


Wenn einer Reise tut, dann kann er was erleben und sei es die Reise von der Kaiserstraße bis zur Schlossbrücke an Bord des Rosenmontagswagens der Roten Funken. „Es ist einfach ein tolles Gemeinschaftserlebnis, mitzufahren und so vielen Menschen eine Freude zu machen“, sind sich die Ehrensenatoren Egbert Rettinghaus, Peter Beitz und Johannes Terkatz einig, während sie die Tüten und Kartons öffnen und mit vollen Händen Popcorn, Bonbons, Lutscher, Bälle und kleine Tüten mit Salzgebäck unter das Helau schreiende und unentwegt nach Kamelle verlangenden Narrenvolk am Straßenrand bringen. „Ich werfe immer gezielt. Davon hat man am meisten“, sagt Rettinghaus. Doch manchmal macht einem der ruckelnde Wagen oder eine Windböe einen Strich durch die Rechnung und die fliegende Süßigkeit landet doch nicht bei dem kleinen Mädchen mit dem tollen Tigerkostüm oder bei der charmant lächelnden Dame mit den Hasenohren. Na ja. Der nächste kleine Kamellejäger wartet schon und freut sich ebenso.

Anfangs scheint Petrus nicht mit den Rosenmontagsfahrern zu sein. Doch Funken-Präsident Heino Passmann behält mit seinem närrischen Zweckoptimismus Recht. „Sobald wir losfahren, hört der Regen auf.“ So kommt es. Als der Funkenwagen um 14.30 Uhr rollt, zieht sich der Regen zurück. Was unvorhergesehen kommt, ist ein platter Reifen des Traktors, der den Gesellschaftswagen zieht. Die Funken nutzen die Zwangspause unter dem Kurt-Schumacher-Platz für eine kleine Stärkung mit Kaffee und Berliner Ballen, ehe der Ersatztraktor, der am Ende des Zuges immer mitfährt, eingetroffen ist.

Jetzt haben die Roten Funken die Rote Laterne im Rosenmontagszug. Doch das mindert den Wurfspaß der Rosenmontagsfahrer kein bisschen. Es sind noch genug Narren da. Besonders sportlich zeigt sich Ehrensenator Detlev Wysocki, der wie ein Volleyballer die Bälle ins Menschenmeer faustet und zwischendurch die prallen Popcornsäcke auf Passmanns Präsidentenplattform wirft. Der Karneval weckt eben auch den Jungen im Manne.
Dieser Text erschien am 4. März 2014 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 5. März 2014

Mit den Kindertollitäten unterwegs auf der närrischen Zielgeraden



Fünf Auftritte in knapp drei Stunden. Der Karnevalssamstag verlangt Kondition. Kinderprinz Jason, Prinzessin Janina, Harlekin Melina und ihre Adjutanten Gabi und Hermann-Josef Hüßelbeck haben sie.

Die Begeisterung, mit der sie bei den Prunksitzungen der KG Blau Weiß, der Mölmschen Houltköpp und der KG Knattsch Gek sowie beim Pfarrkarneval in Christ König und St. Mariae Rosenkranz empfangen und nicht ohne Zugabe und kleine Präsente von der Bühne gelassen werden, feuert sie an.

Zwischen den Auftritten lassen sich Jason, Janina und Melina in ihrem Prinzenmobil von Karnevalsschlagern inspirieren. Ihre Favoriten sind die Lieder des Lokalmatadors Thomas Straßmann: „Da ist der Dieter da“ und: „Ich bin so stolz, der Prinz von Mülheim zu sein.“

Außerdem schauen sie noch mal kurz in ihre Textkarten. „Wir sind ja leider schon auf der Zielgeraden, aber daran wollen wir jetzt noch nicht denken, sondern einfach mit euch feiern“, verkündet Janina II. Jason I. und Janina II. laden die über 1000 Jecken, die an diesem Abend im Altenhof, in der Stadthalle, in der Schulaula an der Bruchstraße, in der Styrumer Union und im Gemeindehaus am Steigerweg feiern, zum Rosenmontagszug ein: „Mit euch zusammen wird das sicher viel Spaß machen“, versichern sie.

Wenn man beobachtet, wie sich die Kindertollitäten auf der Bühne bewegen und sprechen und hier und da schon fast professionell ins Publikum lächeln, merkt man, dass ihre rund 150 Sessionsauftritte ihrem Selbstbewusstsein gut getan haben. Aber vor dem Auftritt bei seiner Heimatgesellschaft, den Houltköpp, räumt Jason ein, dass bei aller Freude über den Erfolg beim Publikum und der Vorfreude auf den heutigen Rosenmontag, auch ein bisschen Wehmut mit im Spiel ist. Denn am Aschermittwoch ist ja alles vorbei.

Doch die kurze Melancholie ist schnell vergessen, als ein Scherzbold aus dem Musikzug der Houltköpp kurz vor dem Einzug in den Festsaal der Stadthalle ruft: „Jetzt bitte alle Handys auf laut stellen.“ Doch gegen das mit Pauken und Trompeten gespielte „Es war einmal ein treuer Husar“ hätte wohl kein Handy-Klingelton eine Chance.

„Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich in den Festsaal der Stadthalle einziehe“, sagt Adjutant und Ex-Prinz Hermann-Josef später im Wagen. Da ist der kurze Ärger mit einem Sicherheitsmann, der das Prinzenmobil nicht vor dem Stadthalleneingang parken lassen wollte, schon wieder verraucht. Auch die kleinen Säle, wie in der Schulaula an der Bruchstraße oder im Gemeindehaus von Christ König haben ihren Reiz, weil die Kindertollitäten hier mit ihren närrischen Untertanen auf Tuchfühlung gehen und diese mit ihrer Zugabe „Heidewitzka, Herr Kapitän“ fasst noch mehr von den Stühlen und Sitzbänken holen als mit ihrem eigentlichen Prinzenlied: „Von den Mölmschen Houltköpp wurden wir gesandt, gute Laune zu verbreiten im ganzen Land.“

Der größte Fan der Kindertollitäten ist an diesem Abend der Sitzungspräsident des Pfarrkarnevals in Christ König, Klaus Groth, der die Jecken nach dem Auftritt mit „Gebt mir ein Jason, gebt mir ein Janina, gebt mir ein Melina“ von ihren Biertischbänken holt. Karneval heißt schließlich nicht nur Sitzen, Schunkeln und Klatschen, sondern auch Bützen und Umarmen. Davon machen die Kindertollitäten vor ihren Auftritten reichlich Gebrauch, auch wenn ihr Adjutant mit Blick auf den engen Terminplan darum bittet, „die Begrüßungsarien nicht ausufern zu lassen.“ Und dann wirft er den Terminplan einmal fast selbst über den Haufen, weil er die CD mit den Liedern der Kindertollitäten im Auto vergessen hat.

Dieser Text erschien am 3. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 4. März 2014

Der Clown im Manne: Backsteintheaterleiter Michael Bohn über die Lust an der Kostümierung


Auf Straßen und in Sälen trifft man in diesen tollen Tagen Cowboys, Clowns, Piraten und Prinzessinnen. Kein Wunder. Denn wir haben ja Karneval. Aber weshalb kostümieren sich Menschen in der Fünften Jahreszeit.

Sie kostümieren sich nicht nur im Karneval, sondern jeden Tag, das ganz Jahr über, sagt Michael Bohn. Der 56-jährige Sozialpädagoge muss es wissen, ist er doch als ehrenamtlicher Schauspieler beim Backsteintheater des Evangelischen Krankenhauses über viele Jahre in verschiedene Rolle geschlüpft und hat sich dafür immer wieder verkleidet, so dass er dafür nicht auf die Tollen Tage warten musste. Inzwischen ist aus dem Hobby ein Beruf geworden, auch wenn Bohn als hauptamtlicher Intendant und Regisseur des Theaters gewissermaßen die Bühnenseiten gewechselt hat.

Wenn Bohn an die Alltagskostümierung jenseits der Rosenmontagszüge denkt, hat er zum Beispiel an den Klassiker, Anzug und Krawatte, vor Augen.

Auch das ist eine Verkleidung, mit der sein Träger Seriosität ausstrahlen und Respekt bekommen will, glaubt Bohn. Aber diese dienstliche Kostümierung strahlt für ihn auch Standardisierung und Rationalität aus. Bohn ist fest davon überzeugt, dass Kleider Leute machen und ihre Haltung und ihr Denken beeinflusst. „Es gibt sicher auch Menschen, die mit ihrem Dienstanzug auch ihr eigenständiges Denken und Fühlen an der Garderobe abgeben, meint Bohn und stellt fest, dass gerade der Nadelsteifenanzug und die Krawatte in den letzten Jahren stark an Renommee eingebüßt haben, weil sehr viele Menschen mit Anzugträgern in der immer stärker durchrationalisierten Wirtschaft sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben.’“

Wenn der Mittfünfziger an seine Kindheit und Jugend zurückdenkt, fallen ihm vor allem zwei Kostüme ein, die er gerne trug. „Als Junge habe ich mich gerne als Cowboy verkleidet, weil ich damit etwas davon haben wollte, was der Cowboy ausstrahlte und was ich eher nicht hatte, Kraft, Stärke und Mut.“

Später, man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, liebte Bohn seine damals langen Haare, seinen Parker und seine Jeanshose mit breitem Schlag. „Das war für uns damals auch wie ein Dresscode oder eine Verkleidung, die zeigte, dass wir mit dem gesellschaftlichen Establishment nichts zu tun haben wollten.“

Aus seinen Bühnenrollen weiß er, dass ein Kostüm zumindest auf Zeit auch die Persönlichkeit und das eigene Denken und Fühlen verändert. „Man bewegt sich ganz anders und spricht auch ganz anders, wenn man zum Beispiel plötzlich in den Rock eines Königs schlüpft oder auf der anderen Seite zum Clown wird.“

Dass der Clown und die Prinzessin immer noch zu den Kostümklassikern des Karnevals gehören, wundert ihn nicht.

„Der Clown steht für Fröhlichkeit, positives Denken und Unkompliziertheit. Damit vermittelt er den wohltuenden Eindruck, dass auch das Leben leicht sein könnte, während die Prinzessin für Würde, Schönheit und Respekt steht.“

Bohn ist immer wieder fasziniert, wie glücklich Jugendliche sind, die bei der Jungen Bühne des Backsteintheaters mitspielen, wenn sie im Kostümfundus in verschiedene Verkleidungen schlüpfen können. „Gerade für Jugendliche symbolisieren diese Kostüme auch die vielen Möglichkeiten, die sie im Leben haben könnten. Besonders gerne ziehen die elf, zwölf und 13-jährigen Mädchen Hochzeitskleider an. Das ist für sie, weil sie heute schon früh unter einem starken Leistungsdruck stehen, wie ein Ausgleich, die Flucht in eine heile Welt, in der sie von ihrer Zukunft in einer glücklichen und harmonischen Ehe und Familie träumen können.“

Die Kostümierung kommt in Bohns Augen „dem urmenschlichen Bedürfnis entgegen, einmal Grenzen zu überschreiten und ganz verschiedene Rollen auszuprobieren, die mit der eigenen Lebenswirklichkeit gar nichts zu tun haben.“ Ob Gangsterboss, Teufelsweib oder Engel, Bohn ist überzeugt, „dass eine Verkleidung immer auch ein Stückchen Mut verlangt, weil sie bei anderen Menschen Erwartungen weckt, die schnell auch peinlich werden können.“

Vor allem bei den gesellschaftlich noch weniger verbogenen Kindern sieht er deshalb „einen viel größeren Mut, dieses Risiko der Peinlichkeit in Kauf zu nehmen, während Erwachsene mit ihren Alltags- und Karnevalskostümen ja immer auch Liebe und Respekt ernten wollten.“

Den Nachwuchsschauspielern von der Jungen Bühne rät er immer wieder: „Es kommt nicht darauf an, auf der Bühne schön zu wirken. Man muss ehrlich spielen, Ecken und Kanten zeigen und auch den Mut zur Hässlichkeit haben.“ Auch auf der Bühne des Lebens hat Bohn oft das Gefühl, „dass Menschen eine Maske tragen und den anderen Menschen vorspielen wollen, dass ihr Leben schön und ohne Ecken und Kanten ist, was aber eben nicht der Lebenswirklichkeit entspricht.“

Er selbst hat unter anderem den Clown in der Commedia dell ‘Arte deshalb besonders gerne gespielt, „weil er eben nicht nur lustig war, sondern auch traurige Momente erlebte und sich in einem melancholischen Monolog fragte, ob man jemanden wie ihn eigentlich lieben könne.“ Und eben dieses Streben nach Liebe und Anerkennung sieht Bohn auch jenseits aller Kostümierung an den Tollen Tagen als das elementare Handlungsmotiv der menschlichen Existenz.

Dieser Text erschien am 1. März 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. März 2014

So gesehen: Wenn Beamte jeck werden


Dezernenten, also Chefbeamte, können auch anders daher kommen, als im Anzug mit Krawatte. Gestern erschien Baudezernent Peter Vermeulen als Scheich und Rechtsdezernent Frank Steinfort als schwarzer Prinz zum Dienst.

Das närrische Outfit der Herrn kann nicht wirklich verwundern. Denn sie kommen aus dem Rheinland und gestern stand der Möhnensturm auf ihrem Dienstplan. Da kann man sich das schon mal erlauben, auch als Amtsträger jeck zu werden. Und weil in jedem Kostüm ein wahrer Kern steckt, darf der Scheich Vermeulen auch mal von sprudelnden Geldquellen träumen, die das arg gebeutelte Stadtsäckel auffüllen. Und auch als schwarzer Prinz bräuchte sich Steinfort keine Gedanken über Geld und Gesetze machen, sondern könnte wahrscheinlich auf einen märchenhaften Schatz und magische Zauberkräfte zurückgreifen, wenn es mal eng wird. Wenn es mit bis Aschermittwoch mit der närrischen Geldvermehrung aber nicht klappt, sehen wir Vermeulen beim nächsten Möhnensturm wohl als Dukatenesel und Sterntaler wieder. Es sei denn, man fände bis dahin in Mülheim noch eine Ölquelle oder eine Goldader.


Dieser Text erschien am 28. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 2. März 2014

Respekt und Betroffenheit: Wie Kooperationspartner der Jüdischen Gemeinde den Wechsel an ihrer Spitze beurteilen


Wie beurteilen die lokalen Dialog- und Kooperationspartner der Jüdischen Gemeinde die Abwahl des in der Stadtgesellschaft bekannten und geschätzten Gemeindevorstandes, Patrick Marx, und den sich abzeichnenden Abschied des Rabbiners Paul Moses Strasko? Welche Auswirkungen könnte die Tatsache haben, dass der neu gewählte Gemeinderat ausschließlich aus russischstämmigen Mitgliedern bestehen wird. Überraschung, Betroffenheit, Verunsicherung aber auch Zweckoptimismus bestimmen die Reaktionen.

„Die jüdische Gemeinde hat in unserem Ausschuss eine beratende Stimme, die sie zumindest unregelmäßig wahrgenommen hat“, sagt der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Dieter Spliethoff. Dass der neue Gemeinderat jetzt nur noch aus russischstämmigen Mitgliedern bestehen und bewährte und der Stadtgesellschaft zugewandte Gemeinderäte nicht punkten konnten, macht ihn unter Integrationsgesichtspunkten nachdenklich. „Das Ergebnis ist ein schwieriges Signal“, betont der SPD-Ratsherr. Er hofft, dass auch die neuen Gemeindevertreter der Stadtgesellschaft zugewandt bleiben und sprachlich in der Lage sein werden, an den Ausschusssitzungen teilzunehmen. Als bedenklich empfände er es, wenn die Gemeindemitglieder künftig unter sich bleiben sollten.

„Wenn sich eine Gemeinde verändert, schlägt sich das eben auch in Wahlergebnissen nieder“, betont der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Lothar Fink. „Auch die neuen russischstämmigen Gemeinderatsmitglieder werden Interesse an Dialog und Zusammenarbeit haben“, glaubt Fink und verweist auf die guten und vielseitigen Erfahrungen, die die Awo im Umgang mit Zuwanderern in diesen Dialog einbringen könne. In der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtsverbände, zu denen auch die Jüdische Gemeinde gehört, sieht er allerdings die personelle Kontinuität gewahrt, weil dort die Geschäftsführer regelmäßig über soziale Themen diskutierten. In diesem Gremium wird die Jüdische Gemeinde, ebenso wie im lokalen Bündnis der Religionen auch weiterhin vom hauptamtlichen Geschäftsführer Michael Rubinstein vertreten.

„Die Unzufriedenheit, die jetzt zur Abwahl bekannter Gemeinderäte geführt hat, hat mich überrascht. Wir hatten bisher eine sehr gedeihliche Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde und ich kann nur hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt“, kommentiert der stellvertretende Caritas-Vorsitzende Hans-Theo Horn das Ergebnis der Gemeinderatswahlen und weist noch einmal darauf hin, „dass Jacques Marx und sein Sohn Patrick der Jüdischen Gemeinde in unserer Stadt eine sehr große Wertschätzung erworben haben.“ Auch die stellvertretende Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, Birgit Hirsch-Palepu wird „den besonders geschätzten Gesprächspartner Patrick Marx vermissen“, kann und will aber derzeit nicht abschätzen, ob die neuen Personen im Jüdischen Gemeinderat Auswirkungen auf die Zusammenarbeit haben werden.

„Das ist ein demokratischer Vorgang und man muss jetzt erst mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln werden“, betont Superintendent Helmut Hitzbleck. Er selbst hatte immer den Eindruck, dass die jetzt abgewählten Gemeinderäte „sich für alle Gruppen innerhalb der Gemeinde eingesetzt haben.“ Mit Blick auf gemeinsame Begegnungen und Aktivitäten im Bündnis für Religionen, die von interreligiösen Stadtrundfahrten bis zur Nacht der offenen Gotteshäuser reichen, hofft Hitzbleck, dass die guten Kontakte zwischen christlichen, jüdischen und muslimischen Mitbürgern nicht nur bleiben, sondern auch intensiviert werden können.

Dass hoffen auch Stadtdechant Michael Janßen und der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann. „Wir haben bisher einen sehr guten Dialog der Religionen geführt. Wenn Christen, Juden und Muslime überall so friedlich zusammenleben würden, wie in Mülheim, hätten wir keine Probleme auf der Welt.“ Jetzt kommt es aus seiner Sicht darauf an „sich kennen zu lernen und Kommunikationsmöglichkeiten mit den neuen jüdischen Gemeinderäten zu finden.“ Janßen betont: „Die Türen der katholischen Kirche stehen für diesen Dialog weit offen.“

Dieser Text erschien am 7. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 1. März 2014

Warum die Jüdische Gemeinde nach ihren Gemeinderatswahlen vor einer historischen Zäsur steht


Die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen steht vor einer historischen Zäsur. Denn bei der Gemeinderatswahl wurden am Sonntag ausschließlich aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Gemeindemitglieder gewählt.

Die fünf deutschen Gemeinderatsmitglieder, unter ihnen auch der in Mülheim bekannte und geschätzte Apotheker Patrick Marx, wurden nicht wieder gewählt. „Ich hätte gerne weitergemacht. Aber ich bin Demokrat und akzeptiere das Ergebnis“, kommentierte Marx das Wahlresultat, das erst am Anfang der nächsten Woche im Detail veröffentlicht werden soll. Denn bis dahin können Wähler oder Gewählte die Wahl und ihr Ergebnis anfechten.

Gestern gab es aber noch keine Anzeichen dafür, dass es zu solchen formalrechtlich begründeten Einsprüchen und einer möglichen Neuwahl des neunköpfigen Gemeinderates kommen könnte.

Bei der Wahl am Sonntag waren 1600 der 2700 jüdischen Gemeindemitglieder zur Wahl aufgerufen. Rund 30 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre (jeweils neun) Stimmen ab, die sie auf verschiedene Kandidaten verteilen konnten, ohne dabei mehr als eine Stimme für einen Kandidaten abgeben zu können. Dabei erhielt der Kandidat mit den meisten Stimmen rund 350 Stimmen, während Marx nur 159 Stimmen erhielt (191 weniger als bei der Wahl 2010) und damit den Einzug in den Gemeinderat um 100 Stimmen verfehlte.

Patrick Marx, dessen mit dem Ehrenring der Stadt ausgezeichneter Vater Jacques die Gemeinde von 1972 bis 2010 geleitet und geprägt hatte, will zwar aktives Mitglied der Gemeinde bleiben, „weil das meiner Überzeugung entspricht“, sich aber aus der ehrenamtlichen Arbeit zurückziehen.

Patrick Marx hatte sich zuletzt um die Sanierung des Gemeindezentrums und um Restaurierungsarbeiten am Jüdischen Friedhof an der Gracht gekümmert. Für letzteres Projekt hatte er bereits mehrere 1000 Euro Spenden einwerben können.

Das ist sehr schade. Aber Demokratie ist Demokratie“, kommentiert Gerhard Bennertz das sich abzeichnende Ergebnis der jüdischen Gemeinderatswahlen. Der evangelische Theologe ist seit den frühen 70er Jahren als ein maßgeblicher Akteur des christlich-jüdischen Dialogs ein guter Kenner und Freund der Jüdischen Gemeinde. Bennertz war es auch, der in Mülheim vor über 30 Jahren den ersten Anstoß zur Aufarbeitung der Geschichte der Jüdischen Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust gab.

Den Trend zu jüdischen Gemeinderäten, die nur noch aus Mitgliedern bestehen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen und zum Teil der deutschen Sprache nicht mächtig sind, kennt er allerdings auch aus anderen Städten. Denn dort gilt, was auch für die Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen gilt. 95 Prozent der heutigen Gemeindemitglieder sind nach der politischen Wende von 1989/90 aus der damaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert.

Deshalb stieg die Zahl der Gemeindemitglieder in den letzten 25 Jahren von 120 auf jetzt 2700, wurde 1999 ein großes Gemeindezentrum im Duisburger Innenhafen errichtet und ist der Gemeindealltag heute zweisprachig. Man spricht deutsch und immer öfter auch russisch. Nur noch 27 deutsche Mitglieder der Gemeinde gehörten der Gemeinde auch schon 1989 an.

Wie und ob der neue Gemeinderat, der sich Anfang kommender Woche konstituieren wird, die Netzwerk,- Dialog- und Projektarbeit der jetzt abgewählten Gemeinderatsmitglieder fortsetzen kann und will, ist noch völlig offen. Hinzu kommt, dass Rabbiner Paul Strasko, die Gemeinde Ende Juni aus persönlichen Gründen und auf eigenen Wunsch verlassen wird. Wie man hört, fühlten sich viele russischstämmige Gemeindemitgliedern von ihren Landsleuten nicht nur sprachlich, sondern mit der Forderung, die Belange der älteren Gemeindemitglieder mehr als bisher zu berücksichtigen auch inhaltlich besser angesprochen. Außerdem soll die Wahlwerbung der jetzt abgewählten Gemeinderatsmitglieder und die interne Darstellung ihrer Arbeit nicht optimal gewesen sein.

Auch die deutliche Erhöhung des Kultusgeldes, mit dem nicht erwerbstätige und deshalb auch nicht steuerpflichtige Gemeindemitglieder zur Gemeindefinanzierung beitrage, hat wohl für Verstimmung gesorgt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der alte Gemeinderat beschlossen hatte, im Gegenzug alle Kultur-, Bildungs- und Sozialveranstaltungen, die neben den Gottesdiensten im Gemeindezentrum stattfinden, für Gemeindemitglieder eintrittsfrei zu halten.

Fest steht: Auch der neue neunköpfige Gemeinderat, der sich Anfang der nächsten Woche konstituieren und drei neue Vorstandsmitglieder wählen wird, steht in der Pflicht für die Projekte und Verantwortlichkeiten, die der alte Gemeinderat eingegangen ist.

Der Jüdische Friedhof an der Gracht muss für 60?000 Euro erneuert und der Beton des 1999 errichteten Gemeindezentrums für drei Millionen Euro saniert werden. Die Gemeinderäte tragen Verantwortung für einen jährlichen Etat von 1,75 Millionen Euro und 30 hauptamtliche Mitarbeiter. Hinzu kommen noch einmal rund 70 Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich für die Gemeinde engagieren

Zur Gemeinde gehören auch ein Kindergarten, in dem nicht nur jüdische, sondern auch christliche und muslimische Kinder betreut werden sowie Sozial- und Service-Büros in Mülheim, Duisburg und Oberhausen, in denen Gemeindemitglieder bei zweisprachigen Sozialarbeitern Rat und Hilfe für ihren Alltag finden.

Allerdings hat die Jüdische Gemeinde nicht nur eine gewählte eheramtliche Spitze, sondern auch eine hauptamtliche und deutschsprachige Geschäftsführung, deren Bedeutung künftig wachsen dürfte.


Dieser Text erschien am 5. Februar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung