Samstag, 31. Mai 2014

Der Optimist - Warum der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers, Tim Fürbach, davon überzeugt ist, dass Solidarität kein Thema von gestern ist

Wer einen Optimisten treffen will, ist bei Tim Fürbach richtig. Solidarität ist kein Thema von gestern. Für mich ist es ein Teil meiner Familiengeschichte, sagt der 29-jährige Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers.

Ein zentraler Platz der Stadt ist heute nach seinem Ur-Ur-Großvater benannt, der 1949 zum Gründungsvorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt wurde und noch kurz vor seinem Tod im Jahr 1951 mit dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie aushandelte.

Davon profitiert heute auch sein Ur-Ur-Enkel nicht nur bei den von den Tarifparteien vereinbarten Lohnerhöhungen. Als ich vor zehn Jahren bei Siemens meine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker begann, war es aufgrund meiner familiären Prägung keine Frage, dass ich auch in die IG Metall eintrete, erinnert sich Fürbach. Sein Vater ist bereits seit 50 Jahren in der IG Metall und sein Großvater Georg Rand war in den 50er Jahren erster Bevollmächtigter der IG-Metall in Oberhausen, ehe er als Bildungssekretär in die Frankfurter Hauptverwaltung der IG Metall wechselte. Erzähl mal Opa, wie war das damals? erinnert sich Fürbach an die Frage, mit der er so viele Gespräche mit seinem Großvater begann, Gespräche in denen er auch seinen Ur-Ur-Großvater Hans Böckler kennenlernte. Was mich an meinem Ur-Ur-Großvater am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass er auch großem Druck nicht von seinen Idealen der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit abgewichen ist, sagt Fürbach.

Aus den Erzählungen seines Großvaters weiß der junge Maschinenbautechniker, der beui Siemns arbeitet und im August Vater wird, dass sein Ur-Ur-Großvater während der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet hat und immer wieder von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und misshandelt wurde. Besonders beeindruckt hat ihn eine Postkarte, die ihm sein Großvater gezeigt hat. Auf ihr sind verschlüsselte Botschaften der Männer enthalten, die am 20. Juli 1944 vergeblich versuchten, den Diktator Adolf Hitler zu töten. Hätte die Gestapo diese Postkarte bei ihm gefunden, wäre das sein sicheres Todesurteil gewesen, weiß Fürbach. Der Verfolgung und Ermordung konnte Böckler, der nach einem gelungenen Staatsstreich gegen Hitler freie Gewerkschaften aufbauen sollte, auch nur deshalb entkommen, weil er von einem Sympathisanten aus der NS-Bauernschaft rechtzeitig gewarnt wurde und sich im Bergischen Land verstecken konnte.

Geschichte! Und die Gegenwart? Wenn Menschen früher in einem Betrieb ihre Lehre gemacht haben, konnte es sein, dass sie ihr ganzes Berufsleben dort verbrachten. Heute müssen junge Leute mobiler sein. Und in einer Zeit der permanenten medialen Reizüberflutung, in der jeder seine Botschaften über das Internet zu verbreiten, ist für viele schwieriger geworden, sich inhaltlich zu orientieren und sich auch politisch und sozial irgendwo zu verankern, beschreibt Fürbach den gesellschaftlichen Wandel.

Der hat aus seiner Sicht aber nicht zu einer Entsolidarisierung der Gesellschaft geführt. Junge Leute interessieren sich auch heute für Politik und dafür, was um sie herum passiert. Sie wollen aber auch wissen, was bringt mir das, wenn ich in einer Gewerkschaft bin und wo kann ich mitmachen und mitentscheiden, berichtet Fürbach aus seiner Zeit als Betriebsrat und Jugendvertreter bei Siemens.

Dass immerhin deutlich mehr als 50 Prozent seiner 4834 Kollegen am Mülheimer Siemens-Standort, gewerkschaftlich organisiert sind, wertet er als Indiz dafür, dass der Wert der Solidarität auch heute in den Menschen tief verankert ist, weil sie in guten, wie in schlechten Zeiten spüren, dass man nur gemeinsam stark ist.

Sein solidarisches Urerlebnis hatte der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers 2011 in Köln. Damals habe ich in Köln an einem Aktionstag teilgenommen, bei dem mehr als 50000 junge Leute gemeinsam für eine Übernahmegarantie in der Metallindustrie demonstriert haben. Das war ein starkes Gefühl, erinnert sich Fürbach.

Dass Auszubildende heute nach ihrer Lehre bei Siemens für mindestens zwei Jahre in ein festes Angestelltenverhältnis übernommen werden, sieht er als ein konkretes Ergebnis gewerkschaftlicher Solidarität. Das verstehen auch junge Menschen, wenn man es ihn verständlich erklärt und sie nicht einfach zuquatscht, betont Fürbach.

Dass sie merken, dass sie im Ernstfall auf eine starke Mannschaft zurückgreifen können, in der sie selbst auch mitmachen und mitentscheiden können, führt aus Sicht des jungen IG-Metallers, der seine Betriebsratsarbeit für eine berufliche Weiterbildung ausgesetzt hat, dazu, dass heute wieder mehr junge Arbeitnehmer in die Gewerkschaften eintreten.

Wohin das Fehlen gewerkschaftlicher Lobbyarbeit und gewerkschaftlicher Solidarität führen kann, sieht er an der Zunahme befristeter und sozial unsicherer Beschäftigungsverhältnisse.

Auch das hat er in vielen Gesprächen als Gewerkschafter und Betriebsrat immer wieder deutlich machen können: Ohne die Gewerkschaftliche Solidarität wäre Deutschland nicht das wirtschaftlich erfolgreiche Land, dass es heute ist. Tarifvertraglich geregelte Gehälter, geregelte Arbeitszeiten, Urlaubsansprüche, Mitbestimmung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder gleicher Lohn für Leiharbeiter kommen nicht von ungefähr, sondern sind ein Ergebnis der von den Gewerkschaften solidarisch erkämpften und verteidigten Tarifautonomie, lautet sein Credo.

Dass sich diese Solidarität auch wirtschaftlich lohnt und auszahlt, liegt für den Arbeitnehmer Fürbach auf der Hand, weil auch Arbeitgeber nur dann von Arbeitnehmern profitieren, wenn diese gesund und motiviert bleiben und nicht schon nach wenigen Jahren durch schlechte Arbeitsbedingungen verbraucht sind.

Dass Solidarität aber auch heute tief im Menschen drinsteckt, sieht er aber auch jenseits der Arbeitswelt, wenn sich Menschen zum Beispiel um jemanden kümmern, der auf der Straße gestürzt ist und nicht einfach vorbeigehen oder wenn ihm seine Nachbarn in Dümpten selbstverständlich mit einer Leiter für die Wohnungsrenovierung aushelfen oder ihn zum gemütlichen Grillen einladen. Es liegt wohl auch an meiner familiären Prägung, dass ich an das gute im Menschen glaube, beschreibt der Ur-Ur-Enkel Hans Böcklers seine auf Solidarität und aufbauende und damit das Erbe seines Ur-Urgroßvaters fortsetzende Lebenseinstellung.

300000 Deutsche waren gewerkschaftlich organisiert, als der damals 28-jährige Hans Böckler 1903 sein Laufbahn als hauptamtlicher Mitarbeiter des Deutschen Metallarbeiterverbandes begann. Als er 1951 starb, hatte der von ihm mitgegründete und geführte Deutche Gewerkschaftsbund in Westdeutschland 5,9 Millionen Mitglieder. Heute gibt es in Mülheim rund 18000 und im wiedervereinigten Deutschland rund 6,1 Millionen DGB-Mitglieder, 1,9 Millionen mehr als 2010, aber 5,7 Millionen weniger als 1991 .

Dieser Text erschien am 24. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 29. Mai 2014

Späte Ansichten einer Wahl: Warum Menschen erst in letzter Minute wählen gehen und was danach mit ihren Stimmen passiert: Einblick in ein Mülheimer Wahllokal


Normalerweise werden in der Cafeteria des Karl-Ziegler-Gymnasiums Schüler und Lehrer versorgt. Doch an diesem Sonntag bleibt dort die Küche kalt. Stattdessen bekommt die Demokratie ihre wichtigste Nahrung, die Stimmen der Bürger. Denn am Wahltag der Europa- und Kommunalwahl wird die Cafeteria zum Wahllokal für den Stadtmitte-Stimmbezirk 012. Nur Wasserflaschen sind zu sehen, die sich die acht Wahlhelfer zur Erfrischung mitgebracht haben.

„Kurz vor Toresschluss kommt immer noch ein ganzer Schwung von Leuten,“ weiß Wahlvorsteherin Kerstin Braun. Die Frau vom Grünflächenamt muss es wissen. Denn seit sie 18 war, hat sie jede Wahl als Wahlhelferin begleitet. Und sie behält recht. Zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr wählen rund 40 Frauen und Männer in letzter Minute, darunter auch ein Briefwähler, der vergessen hatte seinen Wahlbrief rechtzeitig einzuwerfen und eine ältere Dame mit Rollator, der Braun über die Stufen ins Wahllokal hinein und später wieder hinaus hilft.

Wie und warum wird man zum späten Wähler? „Ich habe mir heute einen schönen Wellnesstag mit Waldlauf und Freiluftsauna gegönnt“, begründet der 48-jährige Eventmanager Carsten Kroll seinen späten Wahlgang. Er glaubt, „dass das schöne Wetter viele Wahlfaule davon abgehalten haben wird, ins Wahllokal zu kommen.“

Der späte Wähler und Jurastudent Christoph Götz hat vor dem Gang ins Wahllokal noch einmal den Internet-Wahlomaten der Bundeszentrale für politische Bildung bemüht, „damit ich nicht alle Wahlprogramme durchlesen muss.“ Obwohl der 29-Jährige einräumt, dass die Wahlentscheidung für ihn keine leichte war, betont er: „Ich habe noch keine Wahl verpasst, weil das für mich zum Engagement für die Demokratie einfach dazugehört.“

Auch für die beiden Mittsiebziger Anni und Günther Müller ist das Wahlrecht eine „Bürgerpflicht“, die sie nach einem Sportnachmittag vor dem Fernsehen selbstverständlich gerne erfüllen, „weil wir keine Stimme zu verschenken haben.“ Während die Müllers, die zur Gruppe der Stammwähler gehören, zugeben, dass ihnen der Durchblick bei zwölf Parteien und Wählerbündnissen auf den Kommunalwahlzetteln schwerfällt, begrüßt der 37-jährige Künstler Patrick Gerhard die neue Vielfalt auf dem Stimmzettel. „Da ist bestimmt für jeden was dabei und ich bin ohnehin dafür, dass es mehr Bürgerentscheide und Bürgerbefragungen gibt“, sagt er. Trotzdem kommt er erst spät zur Wahl: „Weil ich diesmal eigentlich gar nicht wählen gehen wollte, mich aber von einer Freundin habe überzeugen lassen.“

„Wenn man das Wahlrecht hat, sollte es auch nutzen“, erklärt er 41-jähriger Einzelhandelskaufmann, warum er spät aber nicht zu spät zur Wahl kommt. Besonders wichtig ist ihm, der darüber nachdenkt nach Spanien auszuwandern, die Wahl des Europäischen Parlaments. Doch um 18 Uhr ist es so weit. „Ich erkläre den Wahlgang für geschlossen“, sagt Wahlvorsteherin Braun. Nur eine junge Frau die gerade erst aus der Wahlkabine kommt, darf ihre drei Wahlzettel noch in die Urne werfen.

Dann fängt das große Zählen an, bei dem die acht Wahlhelfer nicht nur von der NRZ, sondern auch von der AfD-Ratskandidatin Eva Viljoen beobachtet werden. Die Kandidatin will darauf achten, dass bei der Stimmenauszählung alles mit rechten Dingen zugeht. Schon bald kommt es fast zum Eklat, als die AfD-Bewerberin mit Hinweis auf die Europawahlordnung darauf bestehen will, dass jede gezählte Stimme laut vorgelesen werden soll. „Wenn wir das machen, sind wir noch um 24 Uhr hier. Und wenn jeder hier seine Stimmen laut vorlesen würde, würden wir uns am Ende verzählen und bräuchten für jeden Wahlhelfer einen eigenen Raum“, weist sie Braun zurecht.

Danach wird friedlich und flottgezählt, zunächst die grauen Stimmzettel für die Europawahl, dann die grünen für die Stadtratswahl und zuletzt die roten für die Wahl der Bezirksvertretung. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Braun. Kein Wunder. Ihre Wahlhelfer kommen alle aus der Familie. Ihr beim Tiefbauamt arbeitender Mann Ralf und ihre Tochter Charlotte zählen ebenso mit, wie ein Schwager, die beiden Neffen Merlin und Yanik, sowie Charlottes Freund Christian Howahl und ihre Tante Silke Stöhr. „Wir wählen gerne und fühlen uns mit der Stadt und der Demokratie verbunden. Deshalb wollen wir ihr etwas zurückgeben und unseren Beitrag dazu leisten, dass alles auch so weiter läuft“, sind sich Tante und Nichte einig.

„Wo habt ihr die CDU? Zwei Kreuze auf einem Zettel? Das ist doch ungültig. Ich habe hier eine Stimme für die Familienpartei.“ Alle Stimmen werden sicherheitshalber dreimal durchgezählt. Und kurz nach 19 Uhr kann Charlotte Braun per Handy Ergebnisse ans Wahlamt durchgeben. Anschließend wird das Wahlergebnis protokolliert und von allen Wahlhelfern unterschrieben. Und zum guten Schluss heißt es dann noch mal:“Einpacken!“ Alle Stimmen werden nach Wahlgang und Partei sortiert in große Umschläge gesteckt, die versiegelt später ans Wahlamt gehen. Um 19.50 Uhr verlassen Kerstin und Ralf Braun nach 13 freiwilligen Arbeitsstunden als Letzte das Wahllokal.

 

Bei der Europa- und Kommunalwahl wurden im Stadtmittestimmbezirk 012 insgesamt 444 Stimmen abgegeben, davon drei ungültig. Das entsprach eine Wahlbeteiligung von 35 Prozent.

Bei der Europawahl erhielt die SPD 153, die CDU 110, die Grünen 60, die FDP und die Linke jeweils 21, die AFD 39 und die Piraten 12 Stimmen. Jeweils 3 Stimmen entfielen auf die Tierschutzpartei, Die Partei und auf Pro NRW. Jeweils 2 Stimmen bekamen die Familienpartei, die Christliche Mitte, die Freien Wähler und die Partei Bibeltreuer Christen. Jeweils eine Stimme erhielten, die NPD, das Bürgerkommitee Solidarität, die Ökologisch Demokratische Partei und die Bayernpartei.

Bei der Kommunalwahl für Rat und Bezirksvertretung 1 entschieden sich 113 Wähler für die SPD, 114 für die CDU, 47 für die MBI, 66 für die FDP, 36 für die AFD, 31 für die Grünen, 11 für die Linke, 10 für die Piraten, 6 für das Bündnis für Bildung, 4 für WIR, 2 für AUF, 2 für das Bündnis für Bürger.
 
Dieser Text erschien am 26. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 27. Mai 2014

Der unentschiedene Bürger: Warum immer mehr Wähler zu Nichtwählern werden: Ein Gespräch mit dem Meinungsforscher Manfred Güllner


Warum sind so extrem viele Wähler unentschieden, wenn sie wählen sollen, obwohl noch nie so viele Parteien und Bündnisse, wie vor dieser Kommunalwahl am 25. Mai um ihre Stimme werben? Diese vom Bürgerbarometer aufgeworfene und für die Demokratie existenzielle Frage besprach ich für die NRZ mit dem Gründer und Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, Manfred Güllner.

Wissen die Wähler nicht mehr, was sie wollen?

Dass 30 bis 50 Prozent der Bürger auch relativ kurz vor der Wahl sagen, dass sie nicht wissen, wen sie wählen sollen, ist heute nicht ungewöhnlich. Viele wollen sich bis zuletzt eine Hintertürchen offenhalten, auch wenn sie schon wissen, wen sie wahrscheinlich wählen werden. Es könnte ja sein, dass die Oberbürgermeisterin kurz vor der Wahl mit der Stadtkasse durchbrennt.

Ist die Unentschiedenheit der Wähler reine Taktik und Täuschung?

Nein. Das hat mit dem Verlust von Vertrauen in die Politik zu tun. In Mülheim haben Sie dafür ein großartiges Beispiel. Nach dem die damalige Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern 1994 zurücktrat und die SPD ihre absolute Mehrheit verloren hat, ist die Bindekraft der großen Parteien zurückgegangen und die Zahl der Nichtwähler angestiegen.

Liegen die Gründe für den Vertrauensverlust nicht tiefer?

Das Problem ist, dass in den Rathäusern oft große Politik gespielt und ideologisch motiviert miteinander gestritten wird. Das wollen die Bürger aber nicht. Sie erwarten von der Kommunalpolitik, dass sie an einem Strang zieht und Standortentscheidungen von Verkehrsberuhigung bis Parkgebühren trifft, die die Bürger sofort in ihrem Alltag positiv spüren. Hinzu kommt, dass Kommunalpolitiker sich oft an Minderheitenthemen orientieren, die vermeintlich Mehrheitsthemen sind, weil sie von selbst ernannten und öffentlich auftretenden Advokaten dazu gemacht werden. Außerdem fördern Kommunalpolitiker oft Großprojekt, die kein Bürger braucht. In Nordrhein-Westfalen ist auch die Abschaffung der bewährten Doppelspitze aus ehrenamtlichem Stadtoberhaupt und hauptamtlichem Verwaltungschef ein Grund für den zunehmenden Vertrauensverlust. Das hat zum Teil fatale Folgen gehabt.

Warum?

Nicht jeder Verwaltungschef kann gut mit Bürgern umgehen. Früher hatte man einen Oberbürgermeister, der als Stadtoberhaupt und Vorsitzender des Rates ein wichtiges Scharnier zwischen Bürgern und Verwaltung war. Und man hatte einen Oberstadtdirektor, der die Verwaltung im Griff hatte. Diese Doppelspitze fehlt heute. Da sind viele gute Leute auf der Strecke geblieben . Das politische Personal ist schwächer geworden und viele Oberbürgermeister sind mit ihrer Doppelrolle überfordert.

Ist die klassische Unterscheidung von Stamm- und Wechselwählern angesichts so vieler unentschlossener Wähler noch zutreffend?

Wir haben heute nur noch eine kleine Gruppe von Kernwählern, die aus alter Loyalität ihre Partei wählen. Vor allem die 60- bis 70-Jährigen sind treue Wähler, die noch ihre alten Bindungen haben. Und wir wissen, dass etwa 70 Prozent der Bürger, die bei einer Wahl eine Partei gewählt haben, diese auch bei der nächsten Wahl wählen. Wir haben es heute aber auch mit einer zunehmenden Zahl von sporadischen oder dauerhaften Nichtwählern zu tun, die sagen: „Ich möchte wählen, kann es aber nicht, weil mir das politische Angebot, was ich habe, nicht gefällt.“

Bei der Kommunalwahl 2009 gab es in Mülheim einen Minusrekord. Nur 51,9 Prozent der Wahlberechtigten machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Wie kann Kommunalpolitik 48,9 Prozent Nichtwähler zurückgewinnen?

Parteien und ihre Kommunalpolitiker müssen sich fragen: Wer sind die Nichtwähler? Sie müssen zu den Menschen gehen und ihnen zuhören. Denn gerade in den sozial benachteiligten Stadtteilen ist die Zahl der Nichtwähler höher als in den bürgerlichen Stadtteilen, weil gerade dort viele Menschen das Gefühl haben: Die Politiker haben kein Ohr für unsere Sorgen und verharmlosen vieles. Sie nehmen uns nicht mehr ernst.

Der 1941 in Remscheid geborene Soziologe Manfred Güllner gründete 1984 in Köln Das Meinungsforschungsinstitut Forsa, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die sich mit Sozialforschung und statistischen Analysen beschäftigt. Über 80 fest angestellte Mitarbeiter und 1200 freiberufliche Interviewer erheben für Forsa nicht nur Daten, die für die Politik- und Wahl,- sondern auch für die Sozial,- Medien- und Marktforschung relevant sind. Hauptsitz des Unternehmens ist heute Berlin. Darüber hinaus gibt es Niederlassungen in Dortmund und Frankfurt am Main. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.forsa.de.
 
Dieser Text erschien am 15. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 26. Mai 2014

So gesehen: Bier und Bares fürs Kloster


Manchmal geht nicht nur Liebe, sondern auch Ökumene durch den Magen. So war es jüngst, als die katholische und evangelische Gemeinde in Saarn gemeinsam den 800. Klostergeburtstag feierte.

Da bewirteten die evangelischen Gastgeber ihre katholischen Klosterfreunde mit frisch gebrautem Klosterbier und schenkten ihnen obendrein für jedes Klosterjahr einen Euro fürs Geldsäckel der neuen Klosterstiftung. Dazu passte auch, dass der evangelische Pfarrer Gerald Hildebrand bei einer Theateraufführung das Habit eines Klosterbruders anlegte und in die Rolle des Beichtvaters der Saarner Klosterfrauen schlüpfte.

Zurecht wies der katholische Gemeinderat Jens Ammann darauf hin, dass das Kloster 1214 gegründet worden sei, als man unter Christen noch keinen Unterschied zwischen katholisch und evangelisch kannte. Auch das Mittelalter war manchmal eben sehr modern.

Dieser Text erschien am 21. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 24. Mai 2014

Manfred von Schwartzeberg: Ein Gottesmann für jede Tonart

Der Mann hat eine musische Ader. Schon als Gymnasiast ist Essen und später als Theologiestudent in Bochum hat er seine Liebe zum Gesang und zum Theaterspiel entdeckt und ausgelebt. Keine Frage. So ein Talent kann man als Pfarrer gut gebrauchen. Denn schließlich geht es auch in der Liturgie und bei der Verkündigung der Frohen Botschaft im besten Sinne des Wortes um die Kunst der Darstellung.

Als der Männergesangverein Frohsinn, dessen Ehrenmitglied von Schwartzenberg ist, seinen 150. Geburtstag feierte brachte er ihm selbstverständlich ein Geburtstagsständchen, dass sich hören lassen konnte. Über die Grenzen seiner Pfarrei St. Barbra hinaus wurde er 1998 bekannt, als er das Libretto für ein Musical über das Leben des katholischen Arbeiterführers und Widerstandskämpfers Nikolaus Groß schrieb. Vertont vom Kirchenmusiker Burkhard Maria Kölsch, wurde es von rund 150 Gemeindemitgliedern seitdem nicht nur in Mülheim immer wieder auf die Bühne gebracht und machte das Erbe des 2001 selig gesprochenen Groß lebendig und anschaulich. Und nicht von ungefähr gehört von Schwartzenberg auch zu den Trägern der Nikolaus-Groß-Medaille, mit denen die Stadtkirche seit einigen Jahren verdiente Katholiken auszeichnet.

Mal froh, mal nachdenklich trifft er nocht nur in seinen Predigten, sondern auch in seinen Stellungnahmen zu öffentlichen Themen immer wieder den Kern der Sache. Da, wo er es für notwendig hält, scheut sich der Ehrenstadtdechant der katholischen Stadtkirche auch nicht davor, politisch Stellung zu beziehen, etwa für den Erhalt eines weiterführenden Schulstandortes im multikulturellen Stadtteil Eppinghofen.

Auch wenn er als Kaplan in Gelsenkirchen-Schalke oder als Militärdekan bei der Bundeswehr in seinem Priesterleben schon mehr gesehen hat als Mülheim, hat ihn die Ruhrstadt nie so wirklich losgelassen. Hier wurde er 1971 in St. Engelbert zum Priester geweiht. Hier war er in den späten 70er und in den frühen 80er Jahren als Kaplan in der Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz und als Stadtjugendseelsorger tätig. Diese Erfahrung und das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung, die Jugendarbeit für die Zukunft der Kirche hat, lässt ihn auch mit 70 sagen: "Mein Herz schlägt für die Jugend." Deshalb bat er jetzt zu seinem Geburtstag auch nicht um Geschenke, sondern um Spenden für die von Ruhrbischof Hubert Luthe gegründete Jugendstiftung des Bistums Essen, deren Kuratorium er bis heute angehört.

Deshalb gehörte die Auflösung des katholischen Stadtjugendamtes (2007) auch zu den schmerzlichsten Momenten seiner Amtszeit als Mülheimer Stadtdechant in den Jahren 1993 bis 2011. Immerhin konnte er als Stadtdechant im Rahmen der Gemeindestrukturreformen (2005/2006) wesentlich mit dazu beitragen, dass Mülheim nicht nur zwei, sondern drei Großpfarreien erhielt und für die aufgegebenen Kirchen Heilig Kreuz und St. Raphael sinnvolle Folgenutzungen als Urnenkirche und als Caritas-Zentrum gefunden werden konnten.

Auch wenn sich Manfred von Schwartzenberg, der als Pfarrer seit 1992 an der Spitze der ibzwischen aus 18.000 Seelen und drei Gemeinden bestehenden Pfarrgemeinde St. Barbara steht, keine Illuisonen über die Erosion des katholischen Milieus macht, zeigen sich doch gerade in seiner Dümptener Gemeinde immer noch erfreulich lebendige Elemente dieses Milieus. Hier gibt es nicht nur einen Gemeindekindergarten und ein katholisches Jugendheim, sondern auch eine aktive Frauengemeinschaft und eine KAB-Gruppe sowie einen aus der katholischen Kirche erwachsenen Sportverein (DJK Tura 05) und eine Gemeindepartnerschaft mit Kroatien, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zu einem modernen Gemeindeleben, auch das weiß der kommunikationstechnisch auf der Höhe der Zeit stehende Pfarrer, der sein Amt Gott sei Dank auch über seinen 70. Geburtstag hinaus ausüben wird, gehört auch eine moderne Außendarstellung über die neuen Medien. Und so hat Manfred von Schwartzenberg auf die sehr empfehlenswerte Internetseite seiner Gemeinde (www.barbarakirche.de) an seinem Ehrentag eine Videobotschaft gestellt, aus der sehr anschaulich hervorgeht, was ihn trägt und was ihm wichtig ist, nämlich das Gefühl nicht nur von den eigenen Eltern, sondern eben auch von Gott gewollt zu sein und von vielen wohlgesonnen Menschen guten Willens auf seinem Lebensweg begleitet zu werden.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 24. Mai 2014 im Neuen Ruhrwort



Montag, 19. Mai 2014

Warum erleiden nicht nur politische Parteien heute zunehmend einen Bedeutungsverlust und wie lässt sich diesem Trend entgegenwirken? - Ein Gespräch mit dem Pfarrer von St. Barbara Manfred von Schwartzenberg


Als Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Barbara ist Manfred von Schwartzenberg Vertreter einer gesellschaftlichen Institution, die früher sehr vielen Menschen heilig war. Darüber, dass das zumindest in der Breite der Gesellschaft heute nicht mehr so ist, macht sich der ehemalige Stadtdechant, der am 20. Mai 2014 seinen 70. Geburtstag feiert, keine Illusionen.

Mit Blick auf das Bürgerbarometer der NRZ, das in seinen Zahlen und Aussagen eindrucksvoll und alarmierend zugleich einen zunehmenden Bedeutungsverlust der etablierten Parteien dokumentiert, sieht er Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Handlungsbedarf.

"Menschen wollen das Gefühl haben, das jemand für sie da ist, ihre Sorgen ernst nimmt und ihre Interessen vertritt", beschreibt der Ehrenstadtdechant die gemeinsame Herausforderung, vor die er nicht nur politische Parteien und Kirchen, sondern auch andere gesellschaftlich relevante Akteure, wie Gewerkschaften, Vereine und auch die Medien gestellt sieht.

"Ich kenne Familien, die auch heute noch in klassischen Milieus leben, die sich in Sportvereinen, in der Gemeinde oder auch in Parteien engagieren. Aber das ist nur noch ein Bruchteil der Menschen", beschreibt von Schwartzenberg die gesellschaftliche Entwicklung. "Wir leben heute in einer sehr individualisierten und sehr mobilen Gesellschaft", erklärt der Seelsorger den sozialen Trend der Gegenwart, der klassische Institutionen und Bindungen an Bedeutung verlieren lässt. Ob zum Beispiel Ruhrbania die Stadt attraktiver macht oder nicht, ist aus seiner Sicht für die Mehrheit der Menschen "nicht ihr Ding", sondern "nur für wenige wirtschaftlich orientierte Menschen von Interesse, die sich fragen, wie sich der Standort Mülheim weiterentwickeln kann". Der eigene Arbeitsplatz und das eigene Einkommen, der Sportverein oder der Schrebergarten liegen dem klassischen Otto-Normal-Verbraucher in seinen Augen näher als große kommunalpolitische Projekte.

"Wir müssen sehen, dass die Menschen heute wesentlich mobiler geworden sind und dass sich ihr Lebensraum eben nicht mehr nur auf die Stadt begrenzt", sagt der Geistliche. Dieses Phänomen wirkt sich aus seiner Sicht nicht nur auf das Wahlverhalten, sondern auch auf den Gottesdienstbesuch, den Einkauf oder die Freizeitgestaltung aus.

Die meisten Menschen sieht er heute eher als politisch uninteressiert und auf sich selbst bezogen an, frei nach dem Motto: "Hauptsache, mir geht es gut und: Ich bin der Mittelpunkt."

Den Ausgang des Bedeutungsverlustes, den gesellschaftliche Institutionen heute erleiden, erkennt er in einem Werteverfall, der mit der Auflösung der klassischen Familienstrukturen begonnen hat. "Denn die Familien, in denen Menschen gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen und Leben weitergeben, ist die Keimzelle unserer Gesellschaft", betont Schwartzenberg.

In einer Zeit, in der aus seiner Sicht "immer mehr öffentlich relevante Dienstleistungen privatisiert und kapitalisiert werden und ein Ausverkauf der Gesellschaft droht", wundert es ihn nicht, dass auch Bürger sich immer stärker auf ihre individuelle und materielle Lebenswirklichkeit konzentrieren und ohne Rücksicht auf religiöse, politische oder soziale Bindungen dort hingehen, wo sie am schnellsten ihre individuellen Bedürfnisse erfühlt sehen, egal, ob es um den Konsum oder um ein politisches Anliegen geht. Einerseits den Niedergang der Innenstadt zu beklagen, aber andererseits auf der grünen Wiese einzukaufen und Einkaufszentren zu errichten. Darin sieht Schwartzenberg einen Widerspruch, in dem sich nicht nur Politiker, sondern auch Bürger und Kunden verfangen.

Sind wir also schon in der Egoismus-Hölle angekommen? Ganz so kulturpessimistisch will es Schwartzenberg dann doch nicht sehen. Allein schon die Existenz eines Centrums für bürgerschaftliches Engagement zeigt ihm, "dass es auch heute Menschen gibt, die bereit sind, sich zu engagieren und anderen Menschen, denen es vielleicht nicht so gut geht, unter die Arme zu greifen".

Nicht nur die Öffentlichkeitsarbeiter der Parteien sieht er in der Pflicht, "in einer Zeit, in der auch die Informationen immer schneller werden, neue Wege der Kommunikation zu finden und die Leute dort abzuholen, wo sie stehen".

Wie das konkret aussehen kann, zeigt er an einem Beispiel aus der Gemeinde-Caritas. Kürzlich bekam er per E-Mail den Notruf einer alleinerziehenden Altenpflegerin, die aufgrund einer familiären Notlage plötzlich ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen konnte. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin besuchte die Frau zuhause, sprach mit ihr und machte sich ein Bild von der konkreten Notlage. Am Ende konnte der Frau mit einer Finanzspritze aus den von Gemeindemitgliedern gespendeten Geldern der Caritas aus der Not herausgeholfen werden.

Ob die Frau künftig in den Gottesdienst kommt, ist von Schwartzenberg dabei nicht so wichtig wie die positive Vorbildwirkung, die eigene Botschaft - in dem Fall, die der christlichen Nächstenliebe - nicht nur verkündet, sondern auch in die Tat umgesetzt zu haben. Aus seiner Gemeinde weiß der Pfarrer: "Wo gleichgesinnte und gutwillige Menschen sich begegnen, miteinander sprechen, sich zuhören und am Ende gemeinsam aktiv werden, kann Vertrauen und noch viel mehr Gutes entstehen".

Wie politische Parteien aber auch Vertrauen verspielen und so den eigenen Bedeutungsverlust befördern können, weil sie an den Bedürfnissen der Bürger vor Ort vorbeiregieren, hat Schwartzenberg in Eppinghofen gesehen. "Dieser Stadtteil, in dem Menschen so vieler Nationen zusammenleben, bräuchte dringend ein Schul- und Bildungszentrum. Hier hat man erst mit den Leuten gesprochen und ihnen viel versprochen und dann nichts eingehalten, weil man das Geld wegschwimmen sah. Hier wurden die Bedürftigen ohne Rücksicht auf die langfristige Entwicklung des Stadtteils einfach stillgestellt", beklagt der Pfarrer der Mülheimer Nordgemeinde, zu der auch Eppinghofen gehört.

Deshalb wundert es ihn auch nicht, dass sich in diesem Stadtteil neue Bürgerbündnisse gebildet haben, auch wenn er nicht genau weiß, ob ihre Gründung die Probleme lösen kann. Als politisch denkender Mensch weiß der Pfarrer aus Dümpten aber auch: "Natürlich ist Demokratie immer auch ein Kampf der Interessen und man wird es nie allen recht machen können. Aber am Ende steht und fällt es immer mit den Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren und mit anzupacken".
 
Dieser Text erschien am 17. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 18. Mai 2014

So gesehen: Ein reifes Herz schlägt in der Jugend

Wenn man 70 Jahre alt wird, wie das beim Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, am 20. Mai 2014 der Fall ist, wird man sich nur schwer noch zur reiferen Jugend zählen können. Dennoch sagt der ehemalige Jugendseelsorger auch heute noch: "Mein Herz schlägt für die Jugend." Und weil der ehemalige Stadechant nicht nur ein Mann des Wortes, sondern auch der Tat ist, wünscht er sich zu seinem runden Geburtstag keine persönlichen Geschenke, sondern Spenden für die Jugendstiftung des Bistums Essen. Denn der Gottesmann aus Dümpten, weiß, dass nicht nur die katholische Kirche auf Dauer verdammt alt aussehen wird, wenn sie für die Jugend nicht nur einen Segen, sondern auch einen Geldsegen bereit hält.

Dieser Text erschien am 17. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 17. Mai 2014

So gesehen: Wir sind Gott sei Dank noch nicht überflüssig

Manchmal kommt man sich als Mensch in einer technisierten Welt überflüssig vor, weil einem Dinge abgenommen werden, die man früher noch selbst machte, zum Beispiel das Geldzählen und Kassieren beim Einkaufen. So glänzt ein Mülheimer Supermarkt mit einem Kassensystem, in dem man seine Geldscheine und Münzen nur noch in einen Schlitz oder in einen Schacht stecken muss. Die Maschine rechnet den Betrag aus und spuckt das Wechselgeld automatisch aus. Gefährlich einfach. Denn weiß der Mensch, ob er der Maschine vertrauen kann? Kann so ein Kassenautomat wirklich bis drei und darüber hinauszählen? Ist er ehrlich?

Ob diese automatisierten Kassensysteme, die Gott sei Dank noch von leibhaftigen Verkäuferinnen bedient werden, vor ihrer Inbetriebnahme einem Charaktertest unterzogen werden, ist nicht bekannt. Sicher ist allerdings: Nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen haben Macken. Und so brauchte der Kassenautomat, der sich jetzt im Supermarkt am Kleingeld verschluckte, erst mal einen kräftigen Schlag vors Blech, ehe er weiterzählte. Wie tröstlich, wenn man sieht, dass die wichtigsten Anstöße immer noch von Menschen kommen und auch diese Zeitung mit ihren Denkanstößen bisher noch nicht von Textautomaten, sondern von leibhaftigen Menschen erstellt und gelesen wird.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 16. Mai 2014

So gesehen: Jeder bekommt sein Fett weg

Wenn man ist Kloster geht und dort kein Schweigegelübde ablegt, dann kann man was erzählen. Zum Beispiel davon, woher Redewendungen, wie „ins Fettnäpfchen treten“ kommen. So berichteten die Kunsthistorikerin Angelika Böttcher und Klosterfreund Wolfgang Geibert bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Anno Tobak und alles in Butter“, die jetzt im Gewölbekeller des Saarner Klosters zu sehen ist, dass es im Mittelalter Sitte war, sich die Schuhe einzufetten, um sie angesichts der vielen unbefestigten Straßen und Wege vor Feuchtigkeit und Dreck zu schützen. Die Kunst bestand dabei darin, nicht ins Fettnäpfchen zu treten, um anschließend nicht das ganze Fett ins Haus zu tragen. Angesichts dieser Anekdote von Anno Tobak konnte sich der ehemalige Bezirksvertreter Geibert (SPD) mit Blick auf den ebenfalls anwesenden CDU-Ratsherrn Wolfgang Michels, die augenzwinkernde Bemerkung nicht verkneifen, „dass sich die Straßenverhältnisse in Mülheim immer mehr dem Mittelalter annähern.“ Doch Michels wurde mit dieser Anspielung nicht auf dem falschen Fuß erwischt, sondern fragte zurück: „Sind dafür nicht die Bezirksvertretungen zuständig?“ Allerdings wären Ratsmitglieder und Bezirksvertreter gleichermaßen auf dem Holzweg und würden bei der Kommunalwahl am 25. Mai in einer Sackgasse landen, wenn sie es beim Thema Straßenzustände bei der irreführenden Diskussion über Zuständigkeiten beließen. In dieses Fettnäpfchen sollten die Kommunalpolitiker lieber nicht treten, wenn sie am Ende nicht in die Wüste geschickt werden wollen. Denn die mittelalterlichen Regenten hatten zwar schlechte Straßen, brauchten aber auch keine schlechten Wahlergebnisse zu fürchten.

Dieser Text erschien am 12. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 15. Mai 2014

Gemeinsame Baustellen: Wie erleben junge und alte Mülheimer ihre Stadt? Ein Gespräch zwischen den Generationen

Wie erleben Mülheimer aus unterschiedlichen Generationen ihre Stadt und deren Entwicklung? Und wo sehen sie in einer stark alternden Stadt, in der schon heute 30 Prozent der Bürger über 60, aber nur 18 Prozent unter 21 Jahren sind Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen? Darüber sprach ich im Auftrag die NRZ vor dem Hintergrund der Ergebnisse ihres Bürgerbarometers mit der Vorsitzenden des Jugendstadtrates, Olga Teplytska, (17), die nach ihrem Abitur an der Otto-Pankok-Schule Pharmazie studieren möchte und mit dem langjährigen CDU-Kommunalpolitiker Paul Heidrich (70), der sich inzwischen seit einigen Jahren als Vertreter des Katholikenrates im Seniorenbeirat der Stadt engagiert.
Fangen wir doch mal mit dem positiven an. 15 Prozent der Befragten glauben, dass sich die Stadt in den letzten fünf Jahren zu ihrem Vorteil verändert hat. Worauf kann sich solcher Optimismus stützen?
Teplytska: Ich weiß, dass das Medienhaus und das modernisierte Cinemaxx-Kino im Rhein-Ruhr-Zentrum bei vielen Jugendlichen gut ankommt. Auch die neue Hochschule ist für Mülheim ein echter Gewinn.
Heidrich: Diese Einschätzung ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Wenn ich an positive Veränderungen in unserer Stadt denke, denke ich am ehesten noch an das neue Haus der Stadtgeschichte und die Musikschule in der alten Augenklinik. Diese Kombination ist sicher sehr attraktiv, ebenso wie die sozialen Kontakte, die durch die Netzwerke der Generationen in den Stadtteilen entstehen.
Leider stellen 61 Prozent der Befragten ja auch fest, dass sich die Stadt in den letzten fünf Jahren zu ihrem Nachteil verändert hat. Warum eigentlich?
Teplytska: Viele sind über Ruhrbania und darüber verärgert, dass mit dem Kaufhof nichts passiert. Außerdem wünschen sich viele Jugendliche eine breitere Auswahl an Diskotheken und einen vor allem im Nachtexpress besser ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr.
Heidrich: Diese negative Beurteilung ist aus meiner Sicht vor allem auf den desolaten Zustand der Innenstadt zurückzuführen. Wir brauchen dort einen vernünftigen Branchenmix und müssen mit allen Hauseigentümmern nach einer tragfähigen Lösung suchen. Aber auch in den anderen Stadtteilen klagen gerade ältere Bürger, dass der Weg zum nächsten Lebensmittelgeschäft oder zum nächsten Arzt immer weiter wird. Die zentralen Einkaufszentren sind für viele in ihrer Mobilität eingeschränkten Senioren nicht mehr erreichbar. Und einen Lieferservice können sich viele nicht leisten.
Dennoch lebt die ganz überwiegende und auch generationsübegreifende Mehrheit der Mülheimer gerne in ihrer Stadt. Ist das ein Widerspruch?
Teplytska: Nein. Denn Jugendliche und junge Erwachsene schätzen nicht nur die sehr engagierte Jugendarbeit, die in Mülheim geleistet wird, oder ansprechende Festivals, wie Voll die Ruhr oder das Reaggee-Festival, sondern auch ein relativ breites Angebot an Praktikums,-Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, die man in Mülheim auch mit Hilfe von Berufsmessen gut finden kann.
Heidrich: Gerade für die wachsende Zahl alter Menschen, die heute Gott sei Dank länger mobil bleiben als früher hat Mülheim als Stadt am Fluss einen hohen Naherholungs- und Freizeitwert. Letzterer wird vor allem durch ein reichhaltiges Kulturangebot verstärkt.
Es fällt aber auf, dass der Anteil der Menschen, die „sehr gerne“ in Mülheim Leben unter den Alten größer ist als unter den Jungen, es aber auch eine kleine Gruppe von Alten gibt, die „sehr ungerne“ in der Stadt leben. Diese Fraktion gibt es bei den Jungen gar nicht.
Teplytska: Wie gerne man in der Stadt lebt, hängt sicher auch vom Stadtteil ab, in dem man lebt. Ich selbst wohne in Heißen, fühle mich abends an der zentralen Haltestelle in der Innenstadt aber eher unwohl und unsicher. Ältere Menschen schätzen vielleicht eher eine sehr ruhige Wohnlage, während für viele junge Leute etwas mehr los sein könnte. Die Zufriedenheit der Jungen steigt aber auch mit ihrer Mobilität, weil sie weniger als alte Menschen auf ihren Stadtteil begrenzt sind, wenn es um ihre Freizeit oder auch um ihre Ausbildung und Arbeit geht.
Heidrich: Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, warum man nicht gerne in Mülheim leben sollte. Aber ich weiß, dass viele alte Menschen heute nach 21 Uhr nicht mehr gerne aus dem Haus gehen, weil sie sich subjektiv unsicher fühlen, was vielleicht auch mit der Polizeipresseberichterstattung zu tun hat. Und ich kann mich natürlich
auch noch an Zeiten erinnern, als ich mich abends in der Innenstadt kein bisschen unsicher fühlte, weil sie damals zu dieser Zeit noch wesentlich mehr bevölkert war, weil es dort mehr Restaurants und auch Kinos gab als heute.
„Trau keinem über 30“, lautete ein Spontispruch der 68er-Bewegung. Paul Heidrich und Olga Teplytska sehen heute vor allem Gemeinsamkeiten zwischen den Generationen, wenn es um bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum für Menschen mit Rollator, Rollstuhl und Kinderwagen oder um eine gute und bezahlbare Mobilität mit Bussen und Bahnen geht. Gerade in den Bereichen Wohnen und Nahverkehr können sich beide auch gemeinsame Initiativen von Seniorenbeirat und Jugendstadtrat vorstellen. Das alte und junge Menschen sich gegenseitig helfen können, sehen Heidrich und Teplytska auch daran, dass es in Mülheim Schüler gibt, die regelmäßig Senioren besuchen oder alte Menschen, die als Ausbildungspaten oder Zeitzeugen ihre Berufs- und Lebenserfahrung an Jugendliche weitergeben. Besonders erfreulich findet es Heidrich, dass die Zeiten, in denen Kinderspielplätze stillgelegt wurden, weil sich Nachbarn über den Kinderlärm beschwerten, in Mülheim der Vergangenheit angehören. Gerärgert hat er sich aber, als es vor einigen Monaten in Broich einen mit dem Erhalt einer Hundeswiese vorgetragenen Anwohnerwiderstand gegen die Errichtung eines Studentenwohnheims für die neue Hochschule an der Duisburger Straße gab.
 
Dieser Text erschien am 9. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eine Markthalle im Grünen macht noch keinen Frühling: Wie Einzelhändler und Dienstleister in der Innenstadt eine mögliche Alternative zum leerstehenden Kaufhof sehen

Droht Mülheim eine leere Mitte? Diese Frage kann man sich stellen, wenn man auf die Leerstände an der unteren Schloßstraße schaut und auf den größten Leerstand, den Kaufhof, zusteuert. „Es muss was geschehen!“ Diesen Satz hört man immer wieder, wenn man sich mit Einzelhändlern und Dienstleistern in der Innenstadt unterhält. Hier überrascht das Bürgerbarometer mit der Feststellung, dass es auch die besser verdienenden und kaufkräftigen Bürger sind, die anstelle des Kaufhofes gerne einen Park mit überdachter Markthalle sehen würden. Dabei hört man doch immer wieder, dass es gerade die zahlungskräftige Kundschaft ist, die es in Mülheim zwar gibt, die aber immer seltener in der Innenstadt und dafür immer öfter in Saarn, Düsseldorf, Essen oder auch im Internet einkauft.
Deshalb drängt sich die Frage auf, ob eine attraktive Markthalle im Grünen die Innenstadt wieder in die grüne Zone bringen kann?
 
Durch fast alle Gespräche zieht sich die Skepsis, dass das gelingen kann, wenn nicht auch der Branchenmix, die Verkehrsführung und die Parkplatz(kosten)situation nachhaltig verbessert würden.
Nur wenige sind so optimistisch, wie Forum-Manager Wolfgang Pins: „Erst ein gutes Angebot erzeugt Nachfrage“, glaubt er und verweist auf die guten Erfahrungen mit der Gourmetmeile an der Ruhr. „Da sitzen auch die Champangertrinker, die sich vor allem treffen, sehen und gesehen werden wollen“, betont er. Deshalb ist er davon überzeugt, dass eine Markthalle in der grünen Mitte auch die gut betuchten Einkaufsexilanten wieder in die Innenstadt locken könnte.
„Ich würde mich für Mülheim freuen, wenn auf diesem zentralen Grundstück ein architektonisches und städtebauliches Highlight entstehen kann, so dass es ein Alleinstellungsmerkmal wird und jeder sagt: Da musst Du hin! Ich wage aber nicht zu prognostizieren, ob eine solche Projektentwicklung trotz der großen Bemühungen dazu zu stemmen ist.“, meint Hotelier Karlheinz Noy, der jeden Tag mit Sorge auf den leer stehenden Kaufhof schaut. Er glaubt nicht, dass eine Markthalle im Park einen Frühling in der Innenstadt macht, wenn nicht auch die Verkehrsführung in der Innenstadt attraktiver und praxisgerechter werden, damit „Gäste und Kunden nicht jeweils rätseln müssen, wie sie in Stadt unkompliziert hinein und wieder heraus kommen.“
Auch Juwelier Werner Lüttgen glaubt nicht wirklich daran, dass eine Markthalle im Grünen die kaufkräftigen Kunden zurückholen könnte, wenn sie nicht in der gesamten Innenstadt wieder das fänden, was sie jetzt anderswo suchen, nämlich ein Einkaufserlebnis in Fachgeschäften mit breitem und höherwertigen Angebot, und das nicht nur im Bereich Kleidung. Eine Markthalle könnte aus seiner Sicht auch nur dann Kunden ziehen, wenn sie jeden Tag beschickt würde.
 
Die Frage, ob eine Markthalle im Park die Kaufkräftigen wieder in die Innenstadt lockt, empfindet auch Apotheker Hermann Lickfeld als „berechtigt.“ Das Dilemma der Innenstadt beschreibt er so: „Discounter und Billigläden haben wir genug. Was fehlt, ist mehr Qualität.“ Die Kundschaft dafür sieht er, „weil wir in unserer Stadt eine sehr positive Sozialstruktur haben.“ Eine Markthalle mit qualitiv ansprechendem Angebot im Park könnte aus seiner Sicht dann neue Kunden anziehen, „wenn das alte Parkhaus reaktiviert und die Durchgängigkeit zum Hafenbecken gewährleistet wäre.“ Seine Kollegin Masoumeh Hediehlou meint: „Ob so eine Markthalle etwas bringen würde, ist schwer zu sagen. Das müsste schon was Überragendes sein.“ Sie selbst hat den Eindruck, „dass die Auswahl beim Einkauf klein ist und jeden Tag kleiner wird.“ Am ehesten, so glaubt sie, würde ein Outletcenter mit Markenprodukten kaufkräftige Kunden in die Stadt ziehen.
Kostenfreie Parkplätze und ein gutes gastronomisches Angebot an der Ruhrpromenade sieht
Doris Eumann vom Herrenausstatter Clever als wesentliche Voraussetzung für einen möglichen Erfolg einer Markthalle. Der Erfolg sei aber auch dann nicht garantiert. „Das Publikum hat in den letzten Jahren nachgelassen und wir leben heute vor allem von älteren Stammkunden aus dem Mittelstand“, betont Eumann. Die Kunden mit noch mehr Geld im Portemonaie sieht sie eher in Saarn als in der Stadtmitte.
„Eine attraktive Markthalle im Grünen wäre eine schöne Sache, wenn das ganze Umfeld nachziehen würde. Wir haben einfach zu wenig hochwertigen Fachhandel“, glaubt der Inhaber von
Brillen Kriewitz, Egbert Rettinghaus. Er wird wehmütig, wenn er auf alte Innenstadtfotos aus den 60er und 70er Jahren sieht, „wie belebt, dass hier früher mal war.“
Auch Cornelie van de Schans vom Teeladenan der Leineweberstraße glaubt nach 20 Jahren, in denen das Umfeld kontinuierlich schlechter geworden ist, kaum noch an die erlösende Wirkung einer Markthalle. „Es muss einfach mehr passieren“, sagt sie. Kunden kommen nie nur für ein Geschäft in die Stadt, sondern immer nur dann, wenn sie dort zwei oder drei Erledigungen machen können.
„Ich weiß, dass wir irgendwo ansetzen müssen und ein Alleinstellungsmerkmal brauchen. Und zusätzliche Büros sorgen ganz bestimmt nicht für neue Kunden und eine Belebung der Innenstadt“, sagt die Geschäftsführerin von Body & Beach (ehemals Herta Oeler), Britta vom Felde mit Aussicht auf eine Markthalle. Lieber wäre ihr ein Kaufhof voller Boutiquen. Doch das hält sie selbst für eher unrealistisch.
„Eine Markthalle im Park wäre besser als der abgewrackte Kaufhof, aber es wird sehr schwierig sein, die Innenstadt wiederzu beleben“, meint Birgit Karenfort vom gleichnamigen Schuhgeschäft. Die Ruhrbania-Baustellen haben der Innenstadt aus ihrer Sicht nachhaltig geschadet. Auch mit einer Markthalle sieht sie die Schloßstraße nicht als zweite Kö, „weil die Mülheimer zwar Geld haben, aber auch sehr sparsam sind.“ Sie sieht die potenziellen Innenstadtkunden eher im preis-leistungsorientierten Mittelstand als in der Luxusklasse. Nachholbedarf, so Karenfort, gebe es vor allem beim Modeangebot für die reifere Jugend.
„Das wird sehr schwierig, dieseKunden zurückzubekommen,“ sagt
MSM-Herrenausstatter Gernot Schulz mit Blick auf das Segment der besonders kaufkräftigen Kunden. Obwohl er glaubt, dass er mit der Qualität seines Angebotes den Vergleich mit Saarn oder Düsseldorf nicht zu scheuen braucht, sieht er die besonders kaufkräftigen Kunden derzeit eher dort oder im Internet einkaufen, weil sich das gesamte Umfeld der Innenstadt seit den goldenen 70er Jahren verschlechtert habe. Den Kaufhof sähe Schulz lieber vom Eigentümer umgebaut statt mit Steuermitteln abgerissen und durch eine Markthalle im Grünen ersetzt.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 12. Mai 2014

Droht eine Nahversorgungslücke? Tengelmann prüft zurzeit die Schließung von zwei Märkten in Stadtmitte und Styrum

Dem Einzugsbereich an der unteren Schloßstraße, die schon jetzt nicht nur unter dem leerstehenden Kaufhof zu leiden hat, droht ein weiterer Tiefschlag. Der rund 300 Quadratmeter große Tengelmann-Markt, der erst vor zweieinhalb Jahren umgebaut und aufgehübscht wurde, steht auf der Kippe.

„Es besteht die Absicht zwei Mülheimer Märkte zu schließen. Das ist aber noch nicht definitiv. Die endgültige Entscheidung fällt im Laufe des Jahres“, sagte gestern eine Sprecherin der Unternehmensgruppe Tengelmann auf meine Anfrage im Auftrag der NRZ.

Sie bestätigte, dass neben dem Markt an der Leineweberstraße auch der Markt im Styrumer Marktcenter an der Steinkampstraße auf dem Prüfstand steht, „weil sie wirtschaftlich nicht die Zahlen bringen, die wir uns als Unternehmen wünschen.“ Auch wenn bei Tengelmann vorerst nur von einer Schließungsabsicht und einer allein wirtschaftlich begründeten Prüfung der Standorte die Rede ist, stimmt es nachdenklich, wenn man von der Unternehmenssprecherin erfährt, dass bereits in der kommenden Woche mit Arbeitnehmervertretern über Schließungsmodalitäten und Sozialpläne gesprochen werden soll.

„Das würde für die betroffenen Bewohner eine empfindliche Lücke in ihre Nahversorgung reißen“, fürchtet Sozialplaner Jörg Marx. Der Mann vom Sozialamt weiß aus einer Haushaltsbefragung im letzten Jahr, dass die Stadtmitte zwischen Scharpenberg, Altstadt, Schloßstraße und Hans-Böckler-Platz ein Wohnquartier mit vielen alten und immobilen Bewohnern ist. Laut Stadtforschung leben in diesem Bereich 9245 Menschen, von denen 37 Prozent älter als 60 sind. Stadtweit liegt der Anteil der Über-60-Jährigen nur bei rund 30 Prozent. Marx und sein Chef, Sozialamtsleiter Klaus Konietzka, bestätigten, dass die Stadtmitte heute zu den Wohnvierteln mit geringer Kaufkraft gehören.

„Die Kundenfrequenz ist in den letzten Jahren abgebrochen“, weiß Forum-Manager Wolfgang Pins. Schlechte Verkehrsführung und fehlende Parkplätze haben aus seiner Sicht ebenso dazu beigetragen, wie der Leerstand des Kaufhofgebäudes. Hier sieht Pins den Eigentümer und nicht den Steuerzahler gefordert, Abhilfe zu schaffen.

Darüber hinaus sieht der Forum-Manager aber auch einen Megatrend zu großen Märkten mit großer Auswahl oder zu kleinen, dann aber besonders feinen Märkten. Obwohl Pins darauf hinweist, dass die Innenstadt Kaufkraft an neue Einkaufszentren in Dümpten und Saarn verloren hat, sieht er mit Blick auf das neue Wohnquartier an der Ruhrpromenade auch eine neue zahlungskräftige Kundschaft für Einzelhandel in der Innenstadt heranziehen.

Dieser Text erschien am 8. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 11. Mai 2014

So gesehen: Mülheim - Heiter bis wolkig

War der Mai nicht mal ein Wonnemonat? „Alles neu macht der Mai“, dichtete anno 1829 der Mülheimer Poet und Pädagoge Hermann Adam von Kamp. Ob das Mai-Wetter damals auch schon so wechselhaft war?

Ausgerechnet zum Muttertag muss man mit einer Regenwahrscheinlichkeit von bis zu 75 Prozent rechnen. Sagen zumindest die Wetterfrösche. Das haben unsere Mütter und unsere Mutterstadt nun wirklich nicht verdient.

Sollte ausgerechnet das Fest, mit dem die Stadt am Fluss ihr neues Quartier am Wasser feiern will, ins Wasser fallen. So war das mit dem Begießen bestimmt nicht gemeint.

Aber seien wir mal keine Frösche und bewahren uns ein sonniges Gemüt. Denn im Fluss der Zeit ist schon viel Wasser die Ruhr hinuntergeflossen und die Stadt, der so manches mal das Wasser bis zum Hals stand und steht, hat schon ganz andere Stürme überlebt. Zur Not packen wir den farbenfrohen Mülheim-Schirm von Claus Schiemann ein. Der garantiert die rosarotesten und himmelblausten Aussichten auf Mülheims Schönheiten, egal, ob es regnet, hagelt oder schneit. Er zeigt damit, warum, 86 Prozent der beim Bürgerbarometer der NRZ Befragten, trotz aller erkennbaren Probleme immer noch gerne in Mülheim leben. Wenn das mal kein wetterfester Lichtblick ist.

Dieser Text erschien am 10. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 10. Mai 2014

Ist das Image von Ruhrbania noch zu retten? Ein Gespräch mit der PR-Fachfrau Anita Gilges

Wenn Unternehmen Werke schließen oder Produkte zurückrufen müssen, sind Anita Gilges und ihre Kollegen von der PR-Agentur Blue Moon als Öffentlichkeitsarbeiter gefordert, um die Krise zu kommunizieren und den Imageschaden zu begrenzen. Könnte auch Ruhrbania, von dem im Bürgerbarometer der Neuen Ruhr Zeitung nur 24 Prozent der Befragten sagen, dass sie damit mehr Lebensqualität und Attraktivität für die Stadt verbinden, Krisen-PR gut tun und das schwache Image aufpolieren.
Ist das Image von Ruhrbania noch zu retten?
Auf jeden Fall. Trotz viel Beton sieht man gute Ansätze. Wohnen am Wasser. Das ist auf jeden Fall attraktiv.
Was könnte mehr Mülheimer für Ruhrbania begeistern?
Man sollte das neue Ruhrquartier mit seinem großen Platz für kulturelle und sportliche Events nutzen, bei denen die Bürger Ruhrbania positiv erleben. Im Winter könnte ich mir dort auch einen Weihnachtsmarkt oder eine Eislauffläche vorstellen.
Erschlägt der Beton an der Ruhrpromenade nicht jede noch so gute PR-Argument?
Nicht, wenn man als Stadt öffentlich deutlich macht, dass man vorhat Ruhrbania grüner zu machen und dabei auch die Bürger einbezieht.
Und was könnte man vorhaben, damit sich Bürger und Ruhrpromenade wieder grün sind.
In New York hat man zum Beispiel gute Erfahrungen damit gemacht, zusammen mit den Bürgern Bäume zu pflanzen, Blumenkübel aufzustellen und Hochbeete anzulegen, um eine grüne Meile entstehen zu lassen.
Wer soll das bezahlen?
Das muss die Stadt nicht alleine machen. Dafür kann man auch Anwohner, Geschäftsleute und Unternehmer gewinnen, die daran interessiert, sind, dass das neue Quartier aufgewertet wird und ein besseres Image bekommt.
Aber steht dem nicht der leerstehende Kaufhof und sein ebenfalls ungenutztes Parkhaus im Weg?
Nicht, wenn man auch hier die Bürger einbezieht und auf dem Laufenden hält. Dabei sollte man mit der Öffentlichkeit ehrlich kommunizieren und nichts schön reden, sondern Probleme offen benennen. Wenn man noch keine konkrete Lösung in der Hand hat, sollte man das auch offen sagen und kann dabei aus der Not eine Tugend machen, in dem nan zu einem Ideenwettbewerb aufruft, an dem zum Beispiel örtliche Architekten ihre Gestaltungsvorschläge für das Kaufhofareal präsentieren könnten. Wenn ich mir im Internet die städtische Kommunikation zur Ruhrbania anschaue, scheint sie mir doch sehr defensiv und in den letzten Jahren geradezu abgebrochen zu sein. Wichtig ist aber eine offensive Kommunikation. Denn wenn man nichts sagt, entsteht bei Bürgern und Presse der Eindruck, dass man nichts tut. Und das führt dann zu immer mehr Misstrauen und einer immer kritischeren Presseberichterstattung.
Haben Sie ein vergleichbares Imageproblem, wie bei Ruhrbania schon mal in einer anderen Stadt erlebt?
Für eine gute PR ist es bei Ruhrbania schon sehr spät. Wir haben auch in anderen Städten, wie Münster und Köln den Aufbau neuer Stadtquartiere pr-technisch begleitet, allerdings von Anfang an. Auch dort gab es anfangs durchaus kritische Stimmen, aber nicht in diesem Ausmaß. Und als das Projekt realisiert war, waren die meisten Bürger doch eher positiv gestimmt.
Wie erklären Sie sich, dass im eindeutigen Imagetrend gegen Ruhrbania Männer eher als Frauen und Jüngere eher als Älter die Vorteile des Quartiers sehen?
Das hat sich damit zu tun, dass Männer oft wirtschaftliche Vorteile stärker bewerten und Älteres in der Regel nicht so sehr an Neuerungen interessiert sind, die Gewohntes verändern.

Anita Gilges wurde 1968 in Düsseldorf geboren und studierte nach einem journalistischen Volontariat BWL, Marketing und Kommunikationswissenschaften. Anschließend arbeitete sie als PR-Fachfrau in Unternehmen der Computerbranche sowie der Versicherungs- und der Wohnungswirtschaft. Bevor sie 2000 in Neuss ihre eigene PR- und Werbeagentur Blue Moon gründete, die 20 Mitarbeiter beschäftigt, war die verheiratete Mutter eines neunjährigen Sohnes im Bereich Unternehmenskommunikation für die Mülheimer PR-Agentur Koob tätig. Im Internet: www.bluemoon.de

Dieser Text erschien am 6. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 7. Mai 2014

Wenn Schüler von Schülern lernen: Sechstklässler der Otto-Pankok-Schule unterrichteten Grundschüler aus dem Dichterviertel und ließen sie dabei mit allen Sinnen lernen

Aluminium. Das hört sich nicht gerade nach einem spannenden Unterrichtsstoff für Dritt- und Viertklässler an. Ist es aber, wenn, wie an diesem Vormittag elf Sechstklässler der Otto-Pamkok-Schule in die Rolle von Lehrern schlüpfen und ihre jüngeren Mitschüler von der Grundschule am Dichterviertel mit allen Sinnen lernen lassen.

„Während einer Projektwoche haben wir den Film Akte Aluminium gesehen. Der zeigt, wie schädlich sich die Herstellung von Aluminium auf die Umwelt und die Gesundheit der Menschen auswirken kann. Das wollten wir auch anderen Kindern erklären“, schildert Otto-Pankok-Schülerin Alexandra Hufnagel, wie es zur Unterrichtsstunde von Schülern für Schüler kam. Und ihr Klassenkamerad Lasse Lautenschläger macht deren Lernziel deutlich: „Man muss ja nicht gleich bei Flugzeugen und Autos auf Aluminium verzichten. Es gibt aber keinen Grund, warum man sein Pausenbrot in Aluminiumfolie statt in einen Butterbrotsdose einpacken muss.“

Es ist schon erstaunlich, wie die Nachwuchspädagogen die Dritt- und Viertklässler mit ihrer Öko-Bilanz in Sachen Aluminium in Bann schlagen und 45 Minuten wie im Flug vergehen.

Los geht es mit einer Fantasiereise und Entspannungsmusik. Ganz nebenbei wird die Frage gestellt: „Ist dir schon mal aufgefallen, wie oft uns das Metall Aluminium in unserem Alltag begegnet?“ Weiter geht es mit einem Rollenspiel, in dem Otto-Pankok-Schüler Kevin Ignatijuk seinen Alltag nachspielt und die Grundschüler immer dann Aluminium rufen, wenn er einen aluminiumhaltigen Gegenstand in die Hand nimmt. Bei der silberglänzenden Coladose ist der Chor der Aluminium-Rufer eindeutig stärker als bei so unverdächtigen Dingen, wie einem Deoroller oder einer Zahnpastatube, die aber auch das umweltschädliche Metall in sich haben. Zum Schluss kommt der Aluminiummüll zur Wiederverwertung in eine gelbe Tonne. „Die schaffen wir jetzt für jede Klasse an“, verspricht Grundschulrektorin Nicola Küppers.

Danach heißt es „Richtig oder Falsch?“ Die Grundschüler müssen Fragen rund ums Aluminium beantworten und sich jeweils hinter dem Otto-Pankok-Schüler mit gehobenem oder gesenktem Daumen versammeln. Meistens liegen die Dritt- und Viertklässler instinktiv richtig. „Aluminium ist leicht und rostet nicht? Richtig!...Aluminium ist leicht zu produzieren und für den Menschen und die Natur harmlos? Falsch!“

Noch besser kommen die alugelockten Otto-Pankok-Schüler mit ihrem Anti-Aluminium-Rap „Nimm Aluminium nicht in den Mund. Dann bleibst du auch gesund“ und mit ihrer bildreichen Geschichte der Außerirdischen Mec und Tec an. Die wundern sich bei ihrem Ausflug auf die Erde über die aluminiumsüchtigen Menschen, die ihre Umwelt zerstören, um an den Stoff ihrer Träume zu kommen. Auch Alu-Boy und Alu-Girl, alias Baris Akin und Lena Kuschniok, haben die Lacher und die Aufmerksamkeit der Grundschüler auf ihrer Seite, als sie sich im Streitgespräch mit der Anti-Alu-Anwältin Hanna Rebhun erst mal dumm stellen: „Das ist doch ein Supermetall!“ und sich erst nach unzähligen Argumenten gegen die energieintensive und umweltbelastende Gewinnung von Aluminium doch nachdenklich zeigen: „Vielleicht sollte man doch nicht so viel Aluminium benutzen, sondern lieber etwas anderes nehmen.“

Nicht nur für die Grundschüler Carol, Amalia, Niklas, Angelina und Doua ist nach der etwas anderen Unterrichtsstunde, die unter dem Motto: „Weg mit dem Alu“ mit einem Aluminium-Ballspiel zu Ende geht, klar: „Wir werden in Zukunft weniger Aluminium benutzen und den Aluminiummüll in die Gelbe Tonne werfen, damit er wieder verwendet werden kann.“ Während ihr Klassenkamerad Justin vor allem toll findet, „dass wir keine Hausaufgaben aufbekommen haben“, hat ihnen der Unterricht von Schülern für Schüler vor allem deshalb besonders gut gefallen, „weil er lockerer war und wir bei den Spielen nicht nur zuhören, sondern auch aufstehen und mitmachen durften.“ Und für die Otto-Pankok-Schüler-Lehrer Alexandra Hufnagel und Kevin Ignatijuk bleibt die Erfahrung, „dass wir durch das Projekt gelernt haben, auch vor fremden Schülern frei zu sprechen und deshalb selbstbewusster geworden sind.“

Was sagen die Pädagogen?


Grundschulrektorin Nicola Küppers: „So viel hätte ich den Schülern in einer Stunde gar nicht beibringen können, weil die Kinder hier auf einer ganz anderen Ebene und sehr motiviert mit- und voneinander gelernt haben.“

Ulrich Bender, stellvertretender Leiter der Otto-Pankok-Schule: „Schüler können sich gemeinsam voranbringen, wenn sie mit allen Sinnen lernen und dabei ihr eigenes Lernen reflektieren und steuern.“

Renate Garbe-Müller, für das Projekt verantwortliche Biologielehrerin an der Otto-Pankok-Schule: „In dem Schüler anderen Schülern etwas vermitteln, wiederholen und vertiefen sie das selbst gelernte, ohne dass sie das als langweilige Wiederholung erleben.“

Monika Wietz, Mitarbeiterin der offenen Ganztagsgrundschule im Dichterviertel: „Ich kenne hier einige Kracher, die sich heute ganz ruhig verhalten und toll mitgemacht haben.“

Grundschulen und Kindertagesstätten, die am aktivierenden und nachhaltigen Lernen von Kindern für Kinder, interessiert sind, können sich unter der Rufnummer 0208/4553960 bei der Otto-Pankok-Schule informieren.
 
Dieser Text erschien am 5. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 5. Mai 2014

So gesehen: Lieber Aussichten als Ansichten

Verstehe einer die Wähler. Kaum versuchen die Parteien sie mal niederschwellig und plakativ anzusprechen, ist es dem launischen Souverän auch schon wieder nicht recht. Wie in der Samstagsausgabe berichtet, werden die tiefer gehängten oder tiefer gerutschten Wahlplakate nicht nur im Saarner Dorfkern als Verkehrshindernis, um nicht zu sagen, als Stein des Anstoßes gesehen. Gerade Kinder, so las man, seien durch unsere tiefer gelegten Politiker, respektive ihre plakativen Statthalter, gefährdet.

Das fehlte noch, dass unsere Kommunalpolitiker im Wahlkampf zum Verkehrshindernis werden statt die Verkehrsführung in der Stadt zu verbessern und den Reformstau an so mancher Baustelle aufzulösen. Aber vielleicht haben es die Parteien ja auch nur gut gemeint und an die Forderung des Kinderschutzbundes gedacht, das Wahlalter abzusenken. Deshalb wollten sie ihre Wahlbotschaften vielleicht lieber etwas tiefer hängen, um auch mit dem Wähler von morgen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ob man politische Werbebotschaften am Ende lieber tiefer oder höher hängen sollte, bleibt Ansichtssache.

Unausweichlich ist für Wähler und Gewählte aber die Einsicht, dass eine Stadt und ihre Bürger nicht von plakativen Wahlkampfansichten, sondern von konkreten Aussichten in der Wirklichkeit ihres Alltages leben.


Dieser Text erschien am 28. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 3. Mai 2014

Die Bundestagsabgeordneten wollen dran bleiben: Auch nach dem Ende der Bürgerarbeit haben Beschäftigungsperspektiven für Langzeitarbeitslose für Arno Klare und Astrid Timmermann-Fechter politische Priorität, obwohl sie im Detail unterschiedliche Schwerpunkte setzen


Am 1. Mai wird die Arbeit gefeiert. 71 Mitarbeiter des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur haben sicher keine Lust dazu. Wie berichtet, droht ihnen ab August die Rückkehr in die Langzeitarbeitslosigkeit und die Hartz-IV-Existenz. Denn das Bundesprogramm Bürgerarbeit läuft aus, was seit drei Jahren, seit dem Start des Programms bekannt war. Es wird mit europäischem Geld bezahlt und das war befristet.

Wenn man die Mülheimer Bundestagsabgeordneten Arno Klare und (SPD) Astrid Timmermann-Fechter (CDU) fragt, warum es die Große Koalition nicht geschafft hat, beim Thema Bürgerarbeit eine lückenlose Lösung für Langzeitarbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu finden, weisen beide darauf hin, dass sie als Verkehrspolitiker (Klare) und als Familienpolitikerin (Timmermann-Fechter) nicht vom Fach sind, wenn es um Sozial- und Arbeitsmarktpolitik geht.

Das es Priorität hat, Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit zu bringen, ist für beide Parlamentarier unstrittig. „Wir müssen gucken, was möglich ist, dürfen aber auch keine falschen Hoffnungen wecken“, sagt Timmermann-Fechter. Sie will bei den Fachpolitikern ihrer Fraktion nachhaken und das Gespräch mit dem Diakoniewerk suchen. „Die Tür steht offen “, betont Klare mit Blick auf den Koalitionsvertrag.

Der bekennt sich dazu, auch Langzeitarbeitslosen „existenzsichernde Arbeit“ zu verschaffen -was nach Ansicht von Fachleuten auf einen sozialen Arbeitsmarkt hinauslaufen müsste, also auf geförderte Tätigkeiten in meist gemeinnützigen Einrichtungen. „Die Akzente sind thematisch richtig gesetzt. Wir haben nur noch kein Projektdesign“, weist Klare auf die laufende Arbeit am Nachfolgeprogramm hin. Das wird aber erst 2015 und damit zu spät kommen, um den 71 betroffenen Mitarbeitern des Diakoniewerkes ihren Job zu retten

Auch wenn beide Bundespolitiker betonen, dass die Bürgerarbeit ein zeitlich befristetes Programm war, um Langzeitarbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, räumt Klare ein: „Wir hätten viel frühzeitiger an der Entwicklung eines steuerfinanzierten sozialen Arbeitsmarktes herangehen müssen.“ Die SPD fordert diesen bereits seit 2007, konnte sich aber in der letzten Großen Koalition damit nicht durchsetzen.

Für Christdemokratin Timmermann-Fechter hat die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt jedoch Priorität, „weil man sich angesichts der vielen Aufgaben des Staates am Ende des Tages immer fragen muss, wer das finanzieren soll. Auch wenn nur eine Hand voll von Bürgerarbeitern aus dem Diakoniewerk in den ersten Arbeitsmarkt gefunden hat, bleibt für Timmermann-Fechter, „dass jeder Erfolg im Einzelfall zählt.“

Dieser Text erschien am 1. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 1. Mai 2014

Damit das Kind nicht in den Brunnen fällt: Frühe und flexible Erziehungshilfen zahlen sich aus

Kinder machen Freude. Manachmal überfordern sie aber auch ihre Eltern. Dafür stehen die 1310 Fälle, in denen das Sozialamt als federführende Behörde im Jahr 2012 eine Hilfe zur Erziehung anordnete oder gewährte.

Auch wenn die Zahl der Eziehungshilfen, wie Ende März im Jugendhilfeausschuss vorgestellt und jetzt auch vom statistischen Landesamt IT NRW veröffentlicht, gegen den Landestrend von plus 1,9 Prozent im Vergleich zum Jahr davor um 43 (-3,2 Prozent) zurückging, fällt auf, dass die Zahl der flexiblen Familienhilfen im gleichen Zeitraum um 18,3 Prozent von 262 auf 310 angestiegen ist.

„Die flexibibele Familienhilfe soll Familien mölglichst frühzeitig und niederschwellig helfen , ihren Alltag besser zu organisieren und so Eltern entlasten, ehe das Kind in den Brunnen gefallen ist“, erklärt Sozialplanerin Birgit Mohr diesen „Türöffner der Eziehungshilfe“. Die steigende Zahl der flexiblen Familienhilfen begründet Mohr unter anderem damit, „dass die Leute heute aufmerksamer hinschauen und sich mehr besorgte Nachbarn, Erzieherinnen oder Lehrer bei uns melden, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind vernachlässigt werden könnte, weil es zum Beispiel regelmäßig ohne Frühstück zur Schule kommt oder abends unbeaufsichtigt auf dem Spielplatz spielt.“

Einen weiteren vorbeugenden Effekt sieht der stellvertretende Sozialamtsleiter Thomas Konietzka im Familienbesuchservice, den seine Behörde vor fünf Jahren eingerichtet hat, um möglichst früh auf Probleme in Familien aufmerksam zu werden. Rund 1200 mal besuchte das Sozialamt im letzten Jahr Familien mit einem neugeborenen Kind. „Wenn Eltern die flexible Familienhilfe verstärkt annehmen und sich unterstützen lassen, ist das ein gutes Zeichen“, findet Konietzka.

Denn auch, wenn er sagt: „Unsere erste Frage ist immer: Was ist gut für das Kind“, weiß er angesichts der 1,4 Milliarden Euro Schulden, die auf der Stadt lasten, auch um die Kosten, die vor allem stationäre und längerfristige Erziehunghilfen, wie etwa die Unterbringung in einem Heim oder in einer Pflegefamilie mit sich bringen.

„Ein Heimplatz kostet im Schnitt 200 Euro pro Tag“, berichtet Konietzka. Für die Unterbringung in einer Pflegefamilie, muss die Stadt, je nach Alter der Kinder und Jugendlichen, monatlich zwischen 467 und 651 Euro, plus 223 Euro für die Pflegeeltern bezahlen.

„In der Erziehungshilfe gilt ambulante Hilfe vor Heimunterbringung, weil wir die Eltern in ihrer Erziehungskomptenz stärken und die Kinder so lange es geht, in ihrem gewohnten familiären Umfeld belassen wollen“, erklärt Mohr.

Dass die Zahl der flexiblen Familienhilfen 2012 angestiegen, aber alle anderen Erziehungshilfen (siehe Kasten) rückläufig sind und die Stadt ihre Kosten für Erziehungshilfe um eine Million auf 17,2 Millionen Euro senken konnte, sieht Thomas Konietzka als Erfolg einer vorbeugenden, frühszeitigen und verstärkt ambulanten Erziehungshilfe.
 

31 Mitarbeiter im Kommunalen Sozialen Dienst gehen in die Familien, um den Erziehungshilfebedarf festzustellen und zu planen. Die Ausführung der Erziehungshilfe überträgt das Sozialamt dann in der Regel an die Sozialverbände Caritas, Diakonie und Arbeiterwohlfahrt, an das Raphaelhaus oder an das Gerhard-Tersteegen-Institut, das zum Beispiel eine Tagesgruppe in Styrum betreut.

2012 gewährte das Sozialamt 470 Erziehungsberatungen. 2011 waren es 471. 40 Kinder (2011 waren es 45) wurden in einer Tagesgruppe betreut. 226 Kinder (2011 waren es 264) waren in einem Heim untergebracht und 134 statt 153 wurden in einer Pflegefamilie versorgt und erzogen. Drei statt sechs Familien bekamen eine längerfristige sozialpädagogische Familienhilfe. Zwei statt vier Kinder und Jugendliche erhielt eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung. Und die Zahl der seelisch behinderten Kinder und Jugendlichen, die bei ihrer gesellschaftlichen Eingliederung unterstützt wurden sank im Jahresvergleich 2011/2012 von 143 auf 120.

Dieser Text erschien am 25. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung