Samstag, 26. Juli 2014

Keine Zukunft ohne Herkunft: Ein Gespräch mit dem Stadtplaner Thorsten Kamp darüber, wie und warum sich das Mülheimer Stadtbild in den letzten Jahrzehnten verändert hat


Bilder sagen manchmal mehr als 1000 Worte. Deshalb setzt die Neue Ruhr Zeitung mit einer Fotoserie die Stadt ins Bild setzen und Geschichten über das Leben und die Menschen in ihr erzählen, über das Leben wie es war und wie es ist.

Als zuständiger Abteilungsleiter für Städtebau und Stadtgestaltung hat sich der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes, Thorsten Kamp immer wieder mit dem Stadtbild und seinen Veränderungen beschäftigt.

Das ist für mich wichtig, weil es ohne Herkunft keine Zukunft geben kann, sagt der Stadtplaner. Er ist davon überzeugt, dass man eine Stadt nur dann sinnvoll planen und gestalten kann, wenn man weiß, wie sie früher ausgesehen hat und zu dem wurde, was sie heute ist.

Den Ursprung der Stadt sieht er auf dem Kirchenhügel. Auf ihn liefen noch um 1900 alle Straßen zu, als Mülheim bereits eine industrielle Großstadt an der Ruhr war, sich in ihrem Kern aber noch einen dörflichen Charakter bewahrt hatte, berichtet der baugeschichtlich bewanderte Stadtplaner.

Warum hat sich das Bild der Stadt zum Teil so radikal verändert, dass man an einigen Stellen der Stadt kaum noch historische Anknüpfungspunkte findet, wenn man alte und aktuelle Stadtansichten miteinander vergleicht?

Mülheim ist eine Stadt mit vielen Brüchen und Zäsuren, in der vieles begonnen und vieles unvollendet geblieben ist, sagt Kamp.

Für diese Brüche hat aus Sicht des Stadtplaners nicht nur der Zweite Weltkrieg gesorgt, der 800?000 Kubikmeter Trümmerschutt auf Mülheims Straßen hinterließ und ein Drittel (in der Altstadt sogar über 40 Prozent) der Wohnbebauung zerstörte.

In seinen Augen haben viele Stadtplaner und Architekten die Zerstörungen des Krieges nicht nur als Desaster, sondern auch als Chance begriffen, eine Stadt mit mehr Freiräumen zu schaffen. Es sollte mehr frische Luft und Grün in die Stadt kommen.

Wenn sich Kamp historische Fotos der eng bebauten Vorkriegs-Altstadt mit ihrem Marktplatz anschaut, hat er den Eindruck, dass sie damals fast etwas überfüllt war.

Den Bau der neuen Schloßstraße in den 30er und der neuen Leineweberstraße in den 50er Jahren sieht Kamp als städtebauliche Antwort auf die Herausforderung mit zunehmenden Verkehrsströmen fertig werden zu müssen. Auch die Nordbrücke und der Tourainer Ring dienten diesem Ziel und dienen Kamp, ebenso wie die riesigen Maschinen der Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz als abschreckendes Beispiel für die Planungseuphorie der 60er und 70er Jahre, als Stadtplanung alles Alte verachtete und alles Neue zum Maßstab erhob. Damals habe man nach seiner Ansicht den Fehler begangen, den Pfad der überschaubaren und deshalb besonders menschengerechten Architektur zu verlassen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Architektur die unmittelbarste Kunst ist. Denn einem durch sie geschaffenen Stadtbild kann niemand entkommen.

Im Rückblick auf die autogerechte Stadtplanung der 60er und 70er Jahre bedauert Kamp zum Beispiel, dass ein intaktes Gründerzeit-Viertel rund um das Amtsgericht der Nordbrücke und dem Tourainer Ring weichen musste. Schade findet er auch, dass damals Busse und Bahnen zunehmend unter die Erde verbannt, Autofahrer und Fußgänger zunehmend getrennt wurden und so mit Brücken und Unterführung, wie am Nordeingang des Hauptbahnhofes Unorte ohne Aufenthaltsqualität entstanden sind.

Als positive Beispiele für eine überschaubare, menschengerechte und mit Blick auf die sich immer wieder verändernden Lebensbedürfnisse der Menschen anpassungsfähige Architektur, sieht er die nach dem Ersten Weltkrieg von Krupp gebaute Siedlung Heimaterde oder das Viertel an der Von-Bock-Straße, wo sich alte Bürgerhäuser und moderne Geschossbauten abwechseln und für ein aufgelockertes Stadtbild sorgen.

Wie müsste, wie sollte sich Mülheims Stadtbild verändern? Die Zukunft sieht Kamp in überschaubaren Häusern und Wohnquartieren, in denen man arbeiten und wohnen kann und in denen alte und junge Bürger nachbarschaftlich zusammenleben und sich auf attraktiven Plätzen treffen und aufhalten können und wollen.

Positive Ansätze dazu sieht er bereits in der alten Schule am Fünter Weg in Heißen, wo eine generationsübergreifende Wohngemeinschaft einziehen will oder auch im Wohnquartier im und am Kloster Saarn.

In der Stadtmitte hätte aus seiner Sicht zum Beispiel der Rathausmarkt das Potenzial des zentralen Platzes, der in den letzten Jahren in einen Dornröschenschlaf versetzt worden ist. Hier hofft Kamp auf wiederbelebende Impulse durch das neue Ruhrquartier.

In diesem Zusammenhang erinnert der Stadtplaner daran, dass große stadtbildprägende Bauten, wie das 1912 fertig gestellte Stadtbad, das 1916 vollendete Rathaus oder die 1926 eröffnete Stadthalle nicht nur großstädtischem Selbstbewusstsein und dem Willen zur Repräsentation, sondern auch dem Wunsch entsprungen seien, die Ruhr in die Stadt zu holen. Nicht nur mit Blick auf die gebeutelte Innenstadt glaubt Kamp nicht an die Stadtplanung des großen Wurfes, sondern an Architektur und Räume, die im Alltag funktionieren. Dabei ist für ihn auch die Umwandlung von nicht mehr funktionierenden Einzelhandelsflächen in Wohnraum kein Tabu.

Mit allen seinen Stärken und Schwächen gilt in Kamps Augen auch für Mülheim, was ihm einmal eine Münchener Stadtbaurätin gesagt hat: „Am Stadtbild sieht man, wie die Gesellschaft tickt, die in ihr lebt.“

Die Antwort auf die Frage, wie die Mülheimer Stadtgesellschaft tickt, überlässt der Stadtplaner den Mülheimer Bürgern, wenn sie durch die Stadt gehen und dabei deren Erscheinungsbild betrachten.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 22. Juli 2014

Er bleibt ein Kumpel: Der Bergmann und IGBCE-Vorsitzende Willi Bruckhoff ist jetzt 80 Jahre alt: Er mahnt, die Solidarität der Bergleute nicht zu vergessen


„Den Bergbau sollte man nicht vergessen. Denn davon hat die Stadt mal gelebt“, findet Willi Bruckhoff. Der Bergmann, der von 1948 bis 1966 auf Mülheims letzter Zeche Rosenblumendelle einfuhr und 1984 auf Zeche Zollverein in Rente ging, feiert am 15. Juli seinen 80. Geburtstag.

Seit 1978 führt Bruckhoff die Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau, der sich 1998 die örtlichen Industriegewerkschaften für Chemie, Energie und Leder anschlossen. Bruckhoff schätzt, dass 150 von 600 Mitgliedern aus dem Bereich Bergbau kommen. Die Zahl der aktiven Bergleute, die heute auf Zechen in Marl oder Bottrop einfahren schätzt er auf etwa 60.

„Solidarität.“ Das ist für Bruckhoff das wichtigste Erbe, das der Bergbau, in dem einst bis zu 3000 Mülheimer arbeiteten, hinterlassen hat. „Der Zusammenhalt war das Schönste, was wir unter Tage hatten. Das Wort Kumpel kam nicht von ungefähr. Alle für einen und einer für alle. Das wurde von Bergleuten gelebt“, erinnert sich Bruckhoff.

Dass es in unserer Gesellschaft heute immer weniger „kumpelhaft“ zugeht und die Solidarität von vielen als Auslaufmodell angesehen wird, sieht er als schlechtes Zeichen. „Heute sind die meisten Menschen nur mit sich selbst beschäftigt und vielleicht noch an ihrer eigenen Familie und an ihrem Urlaub interessiert“, bedauert Bruckhoff. Der ehemalige Betriebsrat, der wie schon sein Großvater und sein Vater unter Tage gearbeitet hat und froh ist, dass ihm die lebensgefährliche Steinstaublunge erspart geblieben ist, weist darauf hin, dass Dinge, wie Tariflöhne, gesetzlicher Urlaub und betriebliche Mitbestimmung nicht als Selbstverständlichkeiten vom Himmel gefallen sind, sondern von Gewerkschaften erkämpft werden mussten.

Vor allem die Generation der Unter-50-Jährigen vermisst er bei den Gewerkschaftstreffen, bei denen nicht nur über Politik, sondern auch über Rentengerechtigkeit und barrierefreies Wohnen gesprochen wird. Noch schwieriger ist es aus seiner Sicht, die Jahrgänge ab 1964 für ehrenamtliche Vorstandsarbeit zu gewinnen.

Das macht dem 80-Jährigen, der in zwei Jahren sein Amt aufgeben möchte, Sorgen. Denn noch ist ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin und damit die Antwort auf die Frage, wie es bei der örtlichen IGBCE weitergehen soll, nicht in Sicht. So bleibt dem Jubilar nur ein Appell an die Solidarität seiner Kollegen und ein Stoßgebet zur heiligen Barbara, der Schutzpatronin aller Bergleute.

Dieser Text erschien am 15. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 20. Juli 2014

Widerstand; Eine Frage der Haltung - Axel Smend erinnert sich an seinen Vater Günther Smend, der zu den Männern des 20. Juli 1944 gehörte


„Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater. Trotzdem hat er meinem Leben Richtung und Kontur gegeben“, sagt der am 9. Mai 1944 geborene Axel Smend. Sein  Vater war der in Mülheim aufgewachsene und zur Schule gegangene Günther Smend, der zu den Männern des 20. Juli gehörte und deshalb am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt wurde.

„Was ich von meinem Vater gelernt habe, obwohl ich ihn nie kennen gelernt habe, ist, dass man dort, wo man im Leben steht, Verantwortung übernehmen und zu dem stehen muss, was man selbst als richtig erkannt hat“, sagt der heute in Berlin lebende und arbeitende Rechtsanwalt.

Verantwortung hat der Vater von vier Kindern nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich übernommen, in dem er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich im Vorstand und im Kuratorium der Stiftung 20. Juli engagiert. „Die Stiftung wurde bereits 1947 unter der Federführung von Fabian von Schlabrendorff gegründet, der als Adjutant des Generalmajors Henning von Tresckows, selbst zu den Männern des 20. Juli gehört hatte. Ziel der Stiftung war es, den Überlebenden und Hinterbliebenen des 20. Juli ein Forum und eine Anlaufstelle zu bieten. Hier und da wurde auch in finanzieller Not geholfen. Heute versuchen wir mit Hilfe einer Wanderausstellung und in Gesprächen mit Schülern im In- und Ausland den deutschen Widerstand gegen Hitler zu thematisieren und so in Erinnerung zu halten. Deshalb werden wir am 20. Juli auf den Spuren des Widerstandes in Berlin auch eine Stadtrallye für Jugendliche veranstalten“, berichtet Smend.

Gerade in seinen zahlreichen Gesprächen mit Schülern erlebt der 70-jährige immer wieder, „dass Jugendliche neben ihren Detailfragen zum Attentat auf Hitler (Warum konnte man ihn nicht einfach erschießen?) auch den Bogen in die Gegenwart schlagen, wenn sie erkennen, dass auch wir heute in unserem Alltag immer wieder gefordert sind, Widerstandskraft, Initiative und Verantwortung zu übernehmen, um jeder Form von Rechtsextremismus, Rassismus, Intoleranz und Ungerechtigkeit rechtzeitig entgegenzutreten.“

Der menschliche Zwiespalt zwischen „mutigem und vorangehenden Engagement und der Tendenz, sich im Ernstfall lieber weg zu ducken“ bleibt für Smend zeitlos aktuell.  Auch wenn es für den Sohn eines 1944 hingerichteten Widerstandskämpfers „eine große Enttäuschung ist“, dass die Mordtaten des nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) so lange unentdeckt und ungesühnt geblieben sind, glaubt er, dass auch sein Vater mit dem heutigen Deutschland zufrieden wäre. „Denn wenn wir heute im internationalen Vergleich nach rechts und links schauen, haben wir doch eine gut funktionierende Demokratie, die mit den Idioten, die immer noch den falschen Idealen des Nationalsozialismus nachlaufen fertig werden kann und fertig werden muss.“

Dass der bewusste und sensible Umgang mit der NS-Vergangenheit und das Lernen aus ihr nicht immer selbstverständlich waren, weiß Axel Smend aus seiner eigenen Biografie. „Während meine Mutter mit meiner 1940 geborenen Schwester Henriette, mit meinem 1941 geborenen Bruder Rolf und mit mir sehr offen über die Geschichte meines Vaters sprach und uns damit half, die Motive seines Handelns zu verstehen und nachzuvollziehen, war der 20. Juli 1944 in meiner Schulzeit kein Thema. Noch in den frühen 50er Jahren gab es Gerichtsurteile, in denen die Männer um Claus Schenck Graf von Stauffenberg als Verräter bezeichnet wurden“, erinnert sich Smend.


Bis heute kann er es kaum fassen, dass die Witwe des bei einem Luftangriff am 3. Februar 1945 getöteten Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler vom ersten Tag an eine Witwenrente bekam, während seine Mutter bis zum Ende der 50er Jahre darauf warten musste, eine Witwenrente für sich und eine Halbwaisenrente für ihre Kinder zu bekommen. „Bis dahin bekamen wir nur von der Stiftung 20. Juli finanzielle Unterstützung, so dass uns unsere Mutter mit einer Stelle als Bürokraft durchbringen musste“, erinnert sich Smend. Darüber hinaus wurden seine Geschwister und er bereits 1947 von dem Schweizer Arzt Albrecht von Erlach zu einem für die Halbwaisen der deutschen Widerstandskämpfer organisierten Erholungsurlaub in die Schweiz eingeladen. „Das war für uns, die wir aus dem hungernden Deutschland kamen, wie das Paradies, in dem Milch und Honig flossen“, schwärmt Smend.

In der Rückschau bleibt für ihn der Eindruck, dass sich in Deutschland erst während der 60er Jahre die Einsicht durchgesetzt hat, dass der Widerstand, den sein Vater und viele andere Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Hitler entgegengesetzt haben, „dafür gesorgt hat, dass wir Deutschen nach 1945 zumindest ein gewisse moralische Grundlage hatten, auf die wir aufbauen konnten.“ Die neue Sicht auf den Widerstand gegen Hitler im Allgemeinen und auf die Männer des 20. Juli wurde in Smends Augen vor allem durch die Ermittlungen des jüdischen Frankfurter Staatsanwaltes Fritz Bauer im Prozess gegen Otto Ernst Remer (1953) und durch die 68er Bewegung befördert. Remer hatte als Offizier den Aufstand des 20. Juli 1944 niedergeschlagen und nach 1945 als rechtsextremer Politiker den Widerstand gegen Hitler als Verrat verleumdet. Und die rebellierende Jugend fragte ihre Eltern 1968: „Was habt ihr gewusst und was habt ihr getan?“


Für sich selbst hat Smend im Rückblick auf das Leben und Sterben seines Vaters die Einsicht mitgenommen, „dass ich mit meinen Alltagsproblemen relativ souverän umgehen kann, weil sie sich angesichts der der existenziellen Nöte und Ängste, die mein Vater zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung durchleben musste, doch sehr stark relativieren.


Günther Smend  wurde am 29. November 1912 in Trier geboren und kam mit seiner Familie 1924 nach Mülheim. Hier lebte er mit seinen Eltern und seinen jüngeren Geschwistern Rolf und Hella im Haus Luisenthal 11, wo seit 2007 ein „Stolperstein“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig an den Mann aus dem militärischen Widerstand erinnert. Während seiner Schulzeit am heutigen Otto-Pankok-Gymnasium, wo er 1932 das Abitur bestand, war Smend als Ruderer und Läufer sehr erfolgreich und errang 1930 die Stadtmeisterschaft im 5000-Meter-Lauf. Nach dem Abitur verließ er Mülheim in Richtung Detmold, um wie sein Vater Julius, in einem Infanterieregiment Offizier zu werden. Als Offiziersanwärter lernte er während seiner Zeit in Detmold auch seine spätere Frau Renate von Cossel (1916-2005) kennen. Das Paar heiratete im März 1939. Nach Kriegsbeginn kämpfte Smend unter anderem in Frankreich und Russland, ehe er 1943 zum Besuch der Kriegsakademie nach Berlin abkommandiert und im April 1943 zum Generalstab des Heeres befördert wurde. Ab Juli 1943 arbeitete er dort als Adjutant für den Generalstabschef des Heeres, Kurt Zeitzler. Da Zeitzlers kritische Haltung zu Hitlers Kriegsführung bekannt war, wurde Smend  von Oberst Claus Schenck Graf von Stauffenberg gebeten, Zeitzler zur Teilnahme am Staatsstreich gegen Hitler zu bewegen. Der Versuch scheiterte und machte Smend in den Augen der Nazis zum Mitwisser des gescheiterten Attentates. Am 1. August 1944 verhaftet, wurde er am 30. August 1944 vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt. Seine Frau und ihre drei Kinder, die damals in Lüneburg lebten, mussten ihre Wohnung verlassen und in eine kleinere Wohnung umziehen. Alle Briefe und Hinterlassenschaften ihres Mannes wurden ihr abgenommen. Elf Jahre später besuchte Axel Smend mit seiner Mutter zum ersten Mal den Ort, an dem sein Vater von den Nazis ermordet worden war. 2007 nahm er mit seinen Geschwistern und seiner Tante Hella im Luisenthal an der Verlegung des Stolpersteines teil, der dort bis heute an seinen Vater erinnert.
 
Dieser Text erschien am 19. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung   

Samstag, 19. Juli 2014

Ein ambivalentes Erbe: Eine Tagung der katholischen Akademie Die Wolfsburg diskutierte und betrachtete die Amtszeit des ersten Ruhrbischofs Franz Kardinal Hengsbach sehr kontrovers


Draußen steht der Stuhl, auf dem Franz Hengsbach während des Zweiten Vatikanischen Konzils Platz nahm. Drinnen, im Saal, der heute seinen Namen trägt, reflektieren Theologen, Kirchenhistoriker, Zeitzeugen, Wegbegleiter und interessierte Laien in der katholischen Akademie Die Wolfsburg das ambivalente Erbe des ersten Ruhrbischofs, der 1988 vom damaligen Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben worden war. Bevor die Zeitzeugen und Wegbegleiter zu Wort kommen, zeichnet der 1981 in Essen geborene und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhruniversität Bochum arbeitende Kirchenhistoriker Franziskus Siepmann mit einem Einblick in seine gerade fertiggestellte Doktorarbeit eine erste Skizze seiner frühen Bischofsjahre in Essen.
Siepmann schlägt den Bogen von der Aufbruchstimmung Ende der 50er Jahre bis zur Stagnation am Ende der 60er Jahre, als sich der konservative Bischof, etwa in der Kontroverse um die Ablehnung der Antibabypille durch die päpstliche Entzyklika Humanae Vitae 1968 von weiten Teilen des Kirchenvolkes entfernte und selbst ein deprimierendes Gefühl der Entfremdung erlebte. Welch ein Kontrast zum Beginn seiner Amtszeit, als der katholische Publizist Walter Dirks an Hengsbach gewandt festgestellt hatte: „Wir bedürfen Ihrer so sehr.“

„Er baute einen Zaun um sich herum und es gab unter den Priestern einen ängstlichen Blick, was da von oben wohl kommen werde“, sagt Generalvikar Klaus Pfeffer über den späten Hengsbach, der Kontroversen in der Priesterschaft als Misstrauensvotum gegen seine Person begriff und deshalb immer wieder auf seine Amtsautorität und die Gehorsamsverpflichtung der Priester pochte. „Er war auf  Vertrauen angelegt und wenn dieses Vertrauen gegeben war, konnte man mit ihm im richtigen Augenblick unter vier Augen auch ein sehr offenes Wort sprechen“, erinnert sich Weihbischof Franz Grave. Rückhaltloses Vertrauen hatte der Ruhrbischof offensichtlich zu seiner Haushälterin. „Tante Hedwig konnte Hengsbach alles sagen. Sie war für Hengsbach Volkes Stimme und keine Predigt verließ das Bischofshaus, die nicht von Tante Hedwig gegengelesen worden und für allgemein verständlich befunden worden war“, erinnert sich Hengsbachs ehemaliger Geheimsekretär Martin Pischel.

„Er konnte sich sehr gut in Menschen hineinversetzen und mit einem sprechen, wie mit einem Bruder,“ beschreibt der ehemalige Direktor des Kommunalverbandes Ruhr, Jürgen Gramke, Hengsbachs segensreiche Moderation im Initiativkreis Ruhrgebiet, dessen Gründung auf seine Idee zurückging.

Als gar nicht brüderlich und segensreich, sondern als autoritär und jeden Widerspruch abbügelnd, empfand der Priester und emeritierte Theologieprofessor Franz-Josef Nocke die Rolle, die Hengsbach zum Beispiel bei der Suspendierung eines vorbildlich engagierten Kaplans spielte, der bei seinem Pfarrer in Ungnade gefallen war, weil er in seinem Haus auch ehemalige Strafgefangene beherbergte oder als er 1970 im Priesterrat des Bistums eine Verurteilung des Theologen Hans Küng durchsetzte, der in einem Zeitungsartikel dafür eingetreten war, bei konfessionsübergreifenden Eheschließungen auf das Primat der katholischen Kindererziehung zu verzichten.

Als ausgesprochen segensreich schilderte dagegen Weihbischof Grave Hengsbachs vom Konzil geprägte Förderung des Laienapostulates. „Er war sehr an den Einschätzungen und Positionen der Laien interessiert und hatte deshalb nicht nur zum Diözesanrat, sondern auch  zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen sehr guten Draht.“ Dabei sahen der Mülheimer Akademiedirektor Michael Schlagheck und der Bochumer Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg bei Hengbach eine klare Aufteilung zwischen dem „Weltdienst der Laien und dem geistlichen Heilsdienst der Priester.“

Wie wichtig Hengsbach dieser Heilsdienst an und für die katholische Basis war, zeigte Hengsbach-Forscher Siepmann am Beispiel des Konzeptes der wohnortnahen Kirche. „Solange ich Bischof bin, bekommt jede Pfarrei ihren eigenen Pfarrer“, sagte der erste Ruhrbischof, der Mitte der 60er Jahre ein Viertel seines Bistumshaushaltes in den Aufbau pfarrgemeindlicher Strukturen investierte und nach der Arbeiter- auch die Familienseelsorge vorantrieb, um das zu erhalten, was schon damals nicht mehr selbstverständlich war, ein sinnstiftendes und lebensbegleitendes katholisches Milieu. „Den Titel Ruhrbischof“, so unterstrich Siepmann, „hat sich Hengsbach, der schon als Paderborner Weihbischof Hammer und Schlägel in seinem Wappen führte und in seinem Bischofsring ein Stück gepresste Kohle trug, nicht selbst zugelegt, sondern er ist ihm im Laufe der Jahre von den Menschen an der Ruhr verliehen worden.“ Siepmanns Doktorvater Damberg machte deutlich, dass die Gründung des Ruhrbistums „das von einem extremen Lokalismus und Kirchturmsdenken geprägte Ruhrgebiet zum ersten Mal administrativ zusammengefasst hat.“

Grave, Gramke und Schlagheck beschrieben Hengsbach als einen „politisch anlaysefesten, konsequenten und zupackenden“ Kirchenführer, „der auf ganz unterschiedliche Menschen zugehen und sie an einen Tisch bringen konnte“, wenn es ihm um sein Herzensanliegen gegangen sei, nämlich darum, „den Strukturwandel im Ruhrgebiet menschenwürdig zu gestalten.“ Hengsbach habe sehr realistisch erkannt, so Gramke: „dass man den Menschen im Ruhrgebiet nach dem Wegbrechen von Kohle Stahl zumuten muss, neue Wege zu gehen und bei der Suche nach Lösungen selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Als vorbildlich würdigten Gramke und Schlagheck in diesem Zusammenhang Hengsbachs persönlichen Einsatz für die Gewinnung neuer Ausbildungsplätze und neuer Netzwerke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Und auch, wenn viele Kirchen, die während der 60er Jahre unter Hengsbach gebaut wurden, inzwischen wieder aufgegeben, abgerissen oder umgewidmet werden mussten, bleibt für Akademiedirektor Schlagheck Hengsbachs Idee einer nahen Kirche auch heute  aktuell, „weil es nicht nur um geografische, sondern vor allem um mentale Nähe geht.“ Diese mentale Nähe lässt sich nach der Ansicht des Kirchenhistorikers Damberg aber nur dann realisieren, wenn es angesichts der demografischen Entwicklung und des sich verstärkenden Priestermangels künftig gelingt „christliches Gemeinschaftsleben auch ohne Priester zu organisieren.“ Ob das im Sinne des ersten Ruhrbischofs gewesen wäre? „Er wäre stark genug gewesen, sich notwendigen Veränderungen anzupassen“, glaubt Weihbischof Grave im Rückblick auf den 1991 verstorbenen Franz Hengsbach.

Franz Hengsbach wurde 1910 im Sauerland geboren und 1937 in Paderborn zum Priester geweiht. Anschließend arbeitete er als Kaplan in Herne. 1948 zum Leiter des Paderborner Seelsorgeamtes bestellt, organisierte er 1949 den deutschen Katholikentag in Bochum zum Thema „Gerechtigkeit schafft Frieden.“ 1953 wurde Hengsbach in Paderborn zum Weihbischof geweiht, ehe er 1958 als Bischof nach Essen wechselte. Sein Wahlspruch als Bischof lautete: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ In seinen ersten Bischofsjahren gründete Hengsbach unter anderem das bischöfliche Abendgymnasium in Essen und die katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim. Außerdem berief er 1961 die erste und bisher einzige Diözesansynode ein, um die Schaffung eines neuen Bistumsbewusstseins zu fördern. „Der Papstbesuch im Ruhrgebiet im Jahr 1987 war sicher ein emotionaler Höhepunkt seiner Amtszeit, bei dem er noch einmal so etwas, wie eine Heerschau des katholischen Milieus erleben durfte“, erinnert sich der Direktor der katholischen Akademie Die Wolfsburg, Michael Schlagheck.

Dieser Text erschien am 5. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 18. Juli 2014

Späte Reifeprüfung oder: Von der Last zur Lust am Lernen: Ein Doppelportrait zur Steigerung der Bildungsmoral


Nikolaus Groß war ein Bergmann, der sich an Abendschulen weiterbildete und so zum Arbeiterführer und Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung aufstieg. Was verbindet Claudia Khom und Peter Wangen mit den 2001 selig gesprochenen Widerstandskämpfer, der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde? „Wohl die Erfahrung, dass Bildung das Leben positiv verändern kann und das man mit Fleiß und Engagement alles erreichen kann, was man wirklich will“, sagen die beiden Abiturienten des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums.
Claudia Khom und Peter Wangen sind besondere Abiturienten. Sie sind nicht 18 oder 19 Jahre jung, wie die meisten Schüler, die in diesen Wochen ihr Zeugnis der Reife erhalten. Mit 34 (Khom) und 25 (Wangen) gehören sie zu den reiferen Jahrgängen, die ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht haben. Beide haben in ihrem ersten Schülerleben die Fachoberschulreife erworben und anschließend etliche Jahre in der stationären Krankenpflegegearbeitet.

Beide beschreiben ihren zweiten Bildungsweg am bischöflichen Abendgymnasium in Essen als „Exodus aus unserem Berufsleben.“

Die 34-jährige Mutter aus Bottrop und der 25-jährige Junggeselle aus Mülheim an der Ruhr waren mit ihrer Arbeit als Krankenpfleger in einem Essener Krankenhaus schon länger nicht mehr zufrieden, als sie nach einem Ausweg suchten und ihn via Internetrecherche am Abendgymnasium des Ruhrbistums fanden.
„Man hat mir immer gesagt, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Aber ich fühlte mich trotzdem nie am richtigen Platz und habe unter der knappen Personaldecke gelitten“, erinnert sich Khom. Und Wangen fühlte sich von seinem Arbeitgeber oft „wie billiges Proletariat und wie ein Rädchen im Getriebe behandelt, obwohl man eine sehr verantwortungsvolle Arbeit leisten musste.“

Vor allem dann, wenn seine ehemaligen Schulfreunde von ihren Erfahrungen mit dem Hochschulstudium und ihrer beruflichen Weiterentwicklung berichteten, spürte er eine schmerzliche Unzufriedenheit, „weil ich selbst das Gefühl hatte, mich in meinem Beruf nicht weiterentwickeln zu können.
„In meinem ersten Schülerleben war ich eher faul und vor allem am Sport interessiert“, erklärt er, warum es auf dem ersten Bildungsweg mit dem Abitur nichts wurde. „Ich habe eigentlich gerne gelernt und anderen Menschen etwas erklärt. Aber in meiner Schule fühlte ich mich nicht wohl. Das hatte auch mit meinen damaligen Mitschülern und Lehrern zu tun, bei denen ich mich nicht gut aufgehoben und gefördert fühlte“, erinnert sich Khom, warum sie nach der elften Klasse ihre Gesamtschule verließ und eine Ausbildung als Krankenpflegerin begann.

„Dennoch“, so sagt sie rückblickend, „hat es mich immer gefuchst, dass ich damals das Abitur nicht gemacht habe, weil ich wusste, dass ich das gekonnt hätte.“ Wie bei ihrem Mitschüler Wangen, war es auch bei Khom „die Angst davor, Fehler zu machen und von anderen dafür ausgelacht zu werden“, die ihr im ersten Schülerleben die Freude am Lernen verdarb.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir Schule Spaß machen könnte“, sagt Wangen nach zweieinhalb Jahren am Abendgymnasium. Hier entdeckte er sein Interesse für Mathematik und Physik und „die faszinierende Logik der Beweisführung, die in diesen Wissenschaften steckt.“
Was hat die Last des Lernens am Abendgymnasium in eine Lust verwandelt? „Das hat wohl mit unseren Lehrern und Mitschülern zu tun. Wir haben hier immer wieder in kleinen Gruppen zusammengearbeitet, in denen alle das gleiche Ziel hatten und niemand auf die Idee gekommen wäre, über jemanden zu lachen, weil der etwas nicht wusste. Und auch die Lehrer standen immer wieder für Fragen bereit. Die konnten wir auch während der Ferien anrufen oder per E-Mail kontaktieren. Außerdem boten sie uns regelmäßig die Gelegenheit, durch Referate und Probeklausuren unser Wissen zu vertiefen und unsern Lernerfolg zu erhöhen“, beschreibt Khom den besonderen Arbeitsstil, „den ich in meiner früheren Schule so nicht kennengelernt habe.“

Auch ihr Mitschüler, der in seinem ersten Schülerleben an einer Freien Waldorfschule unterrichtet worden war, hatte am Abendgymnasium das Gefühl, „dass ich mich hier ganz anders einbringen konnte und deshalb auch das systematische Lernen erst richtig gelernt habe.“

Wangen lässt keinen Zweifel daran, dass es auch der Albtraum seines ersten Berufslebens in der Krankenpflege war, der ihn vorantrieb. „Ich habe mich vom ersten Tage hier gut gefühlt, weil ich wusste, dass ich hier die Chance bekomme, durch meine eigene Anstrengung meine Lebenschancen zu verbessern.“

Beratungslehrerin Angelika Hover, die am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet, weiß: „Die Schüler am Abendgymnasium sind älter, reifer und deshalb motivierter. Sie wissen, was sie wollen und fordern das Wissen auch aktiv ein. Deshalb arbeiten hier Lehrer und Schüler sehr partnerschaftlich zusammen.“

Durch die Möglichkeit, am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium nicht nur abends, sondern auch vormittags lernen zu können, konnten Khom und Wangen ihren Schulunterricht den Wechselschichten ihres Berufes anpassen und so zunächst parallel arbeiten und lernen. Doch im letzten Jahr vor ihrem Abitur haben beide dann doch der Schule den Vorrang eingeräumt und ihre Berufstätigkeit auf Teilzeit reduziert.
„Auch wenn manche Freunde mich gefragt haben: Warum tust du dir diesen Stress an, habe ich eigentlich erst kurz vor dem Abitur so etwas, wie Schulstress empfunden“, betont Peter Wangen und ist sich mit seiner Mitschülerin Claudia Khom einig: „Die Entscheidung für das Abitur am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium können wir anderen Menschen in einer vergleichbaren Situation nur empfehlen. Für uns war es die beste Entscheidung unseres Lebens.“

Dass sie diese Entscheidung für den zweiten Bildungsweg nicht bereuen mussten, sondern als „eine Erweiterung unseres Horizontes“ erleben konnten, haben die beiden späten Abiturienten aber nicht nur sich selbst zu verdanken. Daran lassen sie keinen Zweifel. „Mein Mann, der selbst auch in der Krankenpflege arbeitet, hat mich ebenso, wie meine Eltern und Schwiegereltern unterstützt und zum Beispiel bei der Betreuung unserer drei Kinder und Pflegekinder entlastet. Er weiß, dass ich nicht glücklich geworden wäre, wenn ich meinen Lebenstraum nicht verwirklichen könnte“, erzählt Khom. Ihr Mitschüler Wangen ist seinen Eltern sehr dankbar, dass er auch als berufstätiger Abendschüler mietfrei zu Hause wohnen durfte und so finanziell enorm entlastet wurde.

Jetzt möchte er Bundesausbildungsförderung (Bafög) beantragen, um in Tübingen Physik und Mathematik und vielleicht ja auch noch Philosophie zu studieren. Auch Khom möchte Mathematik studieren, wahrscheinlich aber wohnortnah im Ruhrgebiet. Denn sie wird ja nicht nur Studentin, sondern auch weiterhin Mutter sein. Auch neben dem Studium möchte sie weiter in der Kinderpflege arbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen. Doch ihr neunjähriger Sohn Lukas kennt schon den wahren Traumberuf seiner Mutter: „Meine Mamma wird jetzt Lehrerin“, sagt er nicht ohne Stolz.

Das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium wurde 1959 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach gegründet. Zunächst wurde es nur von Männern besucht, die ihr Abitur nachholen wollten, um Priester zu werden. Inzwischen sind aber mehr als 50 Prozent der Schüler weiblich und holen am Abendgymnasium des Bistums Essen nicht nur ihr Abitur und ihr Fachabitur, sondern auch ihre Fachoberschulreife nach. Der Schulbesuch ist gebührenfrei und kann durch Bafög unterstützt werden. Wer das Abendgymnasium, das  seit 1998 den Namen von Nikolaus Groß (1898-1945) trägt, besuchen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Es gibt aber auch Schüler, die noch mit Anfang 70 dort ihr Abitur nachholen, weil sie auf ihrem bisherigen Lebensweg nicht dazu gekommen sind. Weitere Informationen zum Nikolaus-Groß-Abendgymnasium findet man im Internet unter: www.abendgymnasium-essen.de

Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

Donnerstag, 17. Juli 2014

Sympathien für die Sperrklausel: Auch in Mülheim findet der Vorschlag des Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion Unterstützer: Aus Sicht der kleinen Bürgerbündnisse wäre eine kommunale Drei-Prozent-Hürde allerdings kontraproduktiv


Bis 1999 musste man fünf Prozent der Wählerstimmen erringen, um in den Rat einzuziehen. Dann urteilte das Landesverfassungsgericht, der Gesetzgeber habe die Sperrklausel auf kommunaler Ebene nicht hinreichend begründet. Der Landtag reagierte damals mit der Abschaffung der Sperrklausel. Dass das ein Fehler war, meint nicht nur der SPD-Fraktionschef im Landtag, Norbert Römer. Er fordert jetzt die Einführung einer Drei-Prozent-Hürde für Stadtratswahlen und findet damit auch beim Fraktionsgeschäftsführer der Mülheimer CDU, Hansgeorg Schiemer Anklang.

„Dass das Sinn machen würde, ist für mich keine Frage. Denn auch wenn die Räte ein Spiegelbild des Wählerwillens sein sollen, darf deren Zersplitterung nicht zur Arbeitsunfähigkeit führen. Und diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man schon mit knapp einem Prozent der Stimmen ein Ratsmandat gewinnen kann“, sagt Schiemer.

Auch Meinungsforscher und Forsa-Chef Manfred Güllner bezieht im Interview eindeutig Position zugunsten einer kommunalpolitischen Sperrklausel. Eine Drei-Prozent-Hürde (siehe unten) hätte bei der jüngsten Kommunalwahl, die Mülheim ein Stadtparlament mit sechs Fraktionen, einer Gruppe und drei einzelnen Stadtverordneten beschert hat, die Mehrheitsbildung erleichtert. Denn dann hätten SPD, CDU und MBI je ein Mandat dazu gewonnen, während sich diese drei Mandate jetzt auf die Piraten, das Bündnis für Bildung und WIR aus Mülheim verteilen.

Dem Bündnis für Bildung reichten bei der Kommunalwahl vom 25. Mai 632 Stimmen, um mit Hasan Tuncer einen Stadtverordneten in den Rat zu entsenden. „Auch wenn wir nur ein Prozent der Wählerstimmen erreicht haben, wäre es schade, wenn diese Stimmen unter den Tisch gefallen wären“, findet Tuncer. Obwohl er einräumt, dass eine Sperrklausel Sinn machen könnte, um rechtsextremen Gruppen den Einzug in den Rat zu verwehren, überwiegen für ihn die Vorteile, die der Verzicht auf eine Sperrklausel mit sich bringt. „Vielfalt im Rat kann viel Gutes für die Bürger bewirken, weil sie für mehr Transparenz und neue Impulse sorgt,“ glaubt er.


Dieser Text erschien am 4. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 16. Juli 2014

Lieber fünf als drei Prozent: Warum der Wahl- und Meinungsforscher Manfred Güllner auch auf kommunaler Ebene für eine parlamentarische Sperrklausel plädiert


Frage: Was halten Sie von dem Vorschlag des SPD-Fraktionschefs im Landtag?

Antwort: Das ist ja mal was Vernünftiges, was die da machen wollen.

Frage: Warum macht eine Drei-Prozent-Hürde für Stadtparlamente Sinn?

Antwort: Weil die Entwicklung zeigt, dass die Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde auf kommunaler Ebene ein katastrophaler Fehler war. Man hat doch ganz bewusst vor dem Hintergrund der Weimarer Erfahrung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fünf-Prozent-Hürde eingeführt, um eine Zerklüftung des Parteiwesens zu verhindern. Deshalb ist auch heute die Einführung einer Sperrklausel goldrichtig. Eine Fünf-Prozent-Hürde wäre mir lieber als eine Drei-Prozent-Hürde. Aber eine Drei-Prozent-Hürde ist besser als nichts.

Frage: Macht der Verzicht auf eine Sperrklausel die Kommunalpolitik nicht demokratischer?

Antwort: Dieser Verzicht hat vor allem dazu geführt, dass die Stadträte jetzt vielen Gruppen eine Plattform bieten, in denen selbst ernannte Advokaten Partikularinteressen vertreten. Das können sie ja gerne tun, aber das müssen sie nicht unbedingt im Rat tun.

Frage: Warum eigentlich nicht?

Antwort: Weil die Kommunalpolitik die Aufgabe hat, einen Interessenausgleich im Sinne aller Bürger zu erreichen.

Frage: Fühlen sich nicht vielleicht mehr Bürger in einem Rat mit mehr Gruppen besser vertreten?

Antwort: Die in den letzten Jahren zum Teil drastisch zurückgegangene Beteiligung an Kommunalwahl beweist das Gegenteil. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass viele Wähler zu Nichtwählern werden, weil sie zunehmend den Eindruck haben, dass sich die großen Parteien immer mehr an Minderheitsinteressen orientieren.

Frage: Was erwarten die Wähler denn von ihren Kommunalpolitikern?

Antwort: Sie wollen keine ideologisch motivierte Kommunalpolitik, in der es um Koalitionsbildungen geht. Sie erwarten, dass die Kommunalpolitiker sich nicht mit sich selbst beschäftigen, sondern an einem Strang ziehen und um ihre Wahlkreise kümmern, wenn es darum geht, die Verwaltung zu kontrollieren und die konkreten Probleme, die die Bürger vor ihrer Haustüre haben, zu lösen.

Dieser Text erschien am 4. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 14. Juli 2014

Kommunikation und Klinken putzen: Wie die Agentur für Arbeit und das U25-Haus Jugendlichen helfen, eine Lehrstelle zu finden

Im September beginnt das neue Ausbildungsjahr. Wer jetzt noch keine Lehrstelle hat, hat nicht mehr viel Zeit und sollte im Zweifel die professionelle Hilfe der Agentur für Arbeit und des U25-Hauses suchen. Darüber, ob es auch in diesem Jahr gelingen kann, fast alle ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugendlichen mit einer Berufs- oder Qualifizierungsperspektive zu versorgen (s. Kasten) wagt man weder bei der Agentur für Arbeit noch im U-25-Haus eine Prognose, ist aber zuversichtlich. Das U25-Haus kümmert sich im Verantwortungsbereich der Sozialagentur um die Vermittlung von Arbeitsplätzen.

„Eigentlich sehen die Ausbildungsmarktzahlen gar nicht so schlecht aus. Denn den 403 Jugendlichen, die derzeit in Mülheim einen Ausbildungsplatz suchen, stehen derzeit 353 offene Stellen gegenüber“, erklärt Katja Hübner von der Agentur für Arbeit. Dennoch weiß sie, dass die Rechnung nicht so einfach aufgeht. „Es ist nicht so, dass es keine Interessenten für die ausgeschriebenen Lehrstellen im Verkauf, im Einzelhandel oder als Bankkaufmann, Industrie- oder Zerspanungsmechaniker gäbe. Aber oft passen die Erwartungen der Ausbildungsbetriebe und die Vorstellungen der Bewerber einfach nicht zusammen“, weiß Hübner.

Wie ihre Kolleginnen im U25-Haus machen die Berufsberater der Agentur für Arbeit immer wieder die Erfahrung, dass es nicht nur schlechte Noten, sondern manchmal auch schlechte Manieren oder zumindest ein unglückliches Auftreten der Bewerber ist, das eine Bewerbung scheitern lässt. „Wir sind natürlich darauf angewiesen, dass die Unternehmen, die uns unterstützen, mit den Bewerbern positive Erfahrungen machen und nicht die Lust verlieren, Praktika zu vergeben und auszubilden“, betont die für das U25-Haus zuständige Bereichsleiterin der Sozialagentur Heike Gnilka.
„Pünktlichkeit, Höflichkeit und Zuverlässigkeit stehen bei vielen Jugendlichen nicht unbedingt an erster Stelle“, räumt Fallmanagerin Stefanie Hahn ein. „Viele Schüler, die einen Ausbildungsplatz suchen unterschätzen, dass der Erfolg einer Bewerbung mit dem ersten Eindruck steht und fällt. Und der fängt schon beim Bewerbungsfoto an. Ein mit dem Smartphone selbst gemachtes Portrait oder eine Bewerbung mit Rechtschreibfehlern gehen gar nicht“, ergänzt Hannah Leitzen, die im U25-Haus das achtköpfige Team der Übergangsbegleiter leitet.

„Auf der Seite der Arbeitgeber ist die Lage sehr differenziert. Da gibt es Unternehmen, die noch mehr Potenzial hätten, Jugendliche auszubilden und andere Unternehmen, die fast über die Grenzen ihrer Möglichkeiten hinausgehen, weil sie händeringend Fachkräfte brauchen. Manche Arbeitgeber achten bei der Einstellung sehr konventionell auf die Noten. Für sie ist eine 4 oder eine 5 in Mathematik oder Deutsch ein No Go. Bei anderen gelingt es uns, die Persönlichkeit der Bewerber in den Vordergrund zu stellen und ihnen die Chance auf ein Praktikum zu vermitteln“, beschreibt Nicole Weyers ihre Arbeit zwischen Kommunikation und Klinkenputzen. Sie kümmert sich mit ihrer Kollegin Jasmin Förster im U25-Haus um die Gewinnung von Ausbildungsplätzen.
Dabei setzt man im U25-Haus nicht nur auf persönliche Begleitung, Beratung und Überzeugungsarbeit, sondern zum Beispiel auch auf Betriebsführungen, bei denen Arbeitgeber ihre Unternehmen interessierten Bewerbern vorstellen und mit ihnen ins Gespräch kommen können oder auf eine Ausbildungsmesse, die am 28. August in der Stadthalle Ausbildungsbetriebe und junge Ausbildungsbewerber zusammenbringt. Besonders bedauerlich finden es Weyers und ihre U25-Kollegin Leitzen, dass viele Realschüler mit guten Noten lieber weiter zur Schule gehen wollen, als ihre guten beruflichen Ausbildungschancen zu nutzen. „Sie übersehen leider, dass die mit einem guten mittleren Schulabschluss oft bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als mit einem höheren Schulabschluss und eher mäßigen Noten“, betont Leitzen und lobt ausdrücklich die vor an den Hauptschulen vorbildliche, weil besonders frühzeitig und praxisnah einsetzende Berufsorientierung. Auch der 19-jährige Edwin Gertzen, der zurzeit am Berufskolleg Stadtmitte seinen Hauptschulabschluss macht, weiß die Hilfestellung im U25-Haus zu schätzen. „Ich bin zwar erst in einem Jahr mit der Schule fertig, beginne aber hier mit der professionellen Unterstützung jetzt schon damit einen Ausbildungsplatz als Industriemechaniker zu suchen“, erklärt der Junge Mann.

Von den 1247 Ausbildungsbewerbern im Agenturbezirk Mülheim konnten im Jahr 2013 nur 48 nicht versorgt werden. Dabei kamen 46 der unversorgten Bewerber aus dem Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit und nur 2 aus dem Verantwortungsbereich des zur Sozialagentur gehörenden U25-Hauses. 2013 betreute das U25 Haus 200 unversorgte Ausbildungsbewerber. In diesem Jahr sind es (nach dem Wegfall des doppelten Abiturjahrgangs) nur noch 120. Im U25-Haus hofft man, wie im Vorjahr zwei Drittel der Ausbildungsplatzsuchenden in einem regulären Ausbildungsverhältnis und ein Drittel in einer weiter qualifizierenden Maßnahme unterbringen zu können. Von den 403 Jugendlichen, die zurzeit noch einen Ausbildungsplatz suchen, haben nach Angaben der Agentur für Arbeit 143 einen Realschul- und 76 einen Hauptschulabschluss. 78 haben ein Fachabitur und 82 ein Abitur gemacht.
 
Das U25-Haus an der Viktoriastraße 26 bis 28 ist von montags bis freitags zwischen 8 bis 16 Uhr geöffnet und unter der Rufnummer  455 54 70 erreichbar. Die Projektkoordinatorin des Mülheimer Ausbildungsservice, Nicole Weyers, die im Frühjahr 2015 ein Speed-Dating und eine Netzwerkveranstaltung für Bewerber und Ausbildungsbetriebe plant, ist im U25-Haus unter
 der Rufnummer 455 54 82 erreichbar.

Dieser Text erschien am 11. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 13. Juli 2014

Doppelpass mit der Wirklichkeit oder: Als wir wieder wer waren: Mülheimer erinnern sich an das Fußballwunder von Bern


Das Fußball-Wunder von Belo Horizonte, der deutsche 7:1-Sieg über Brasilien, weckt bei manchem älteren Mülheimer die Erinnerungen an das Fußballwunder von Bern. „Jubel über 3:2-Triumph - Die Sensation von Bern: Deutschland ist Fußballweltmeister“, titelte die Neue Ruhr Zeitung fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, nach dem ersten Titelgewinn, dem mit Hilfe eines kleineren oder größeren Fußballwunders am kommenden Sonntag der vierte deutsche WM-Titel folgen könnte.

„Wir haben auch damals gesagt: Das kann doch nicht wahr sein. Denn im Jahr 1954 waren die Ungarn das, was heute die Brasilianer sind und die deutsche Mannschaft hatte in der Vorrunde mit 3:8 gegen die damals seit langer Zeit ungeschlagenen Ungarn verloren“, beschreibt Pfarrer und Religionspädagoge Gerhard Bennertz (damals 16 Jahre junger Schüler) die Reaktionen in seiner Familie, die das Wunder von Bern am Radio verfolgte. „Auch meine Mutter war fußballverrückt und hat sich später fast alle Länderspiele im Fernsehen angeschaut. Doch das kam erst 1958 ins Haus. 1954 hatten wir nur ein Radio. Und ich habe noch heute das TOR! TOR! TOR! des legendären Rundfunkkommentators Herbert Zimmermann im Ohr“, erzählt Bennertz.

„Neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Weltmeistertitel für die Deutschen, wie ein helles Licht, das ihnen mit den Helden von Bern zeigte: Es lohnt sich wieder, sich für etwas einzusetzen“, beschreibt er die mentale Wirkung des ersten WM-Titels.

Auch Alt-Bürgermeister Günter Weber (damals 19 Jahre junger Angestellter bei Siemens), der das Berner WM-Finale vom 4. Juli 1954 mit seinen Freunden vom sozialdemokratischen Jugendverband der Falken bei einem Tagesauflug in einer Gaststätte am Radio verfolgte, wird Herbert Zimmermanns „Aus dem Hintergrund kommt Rahn. Rahn müsste schießen. Rahn schießt. Tor!“ nie vergessen. „Der Sieg über Brasilien war eine Überraschung ersten Ranges. Aber der Sieg in Bern war ein echtes Wunder. Das passte in die damalige Aufbruchstimmung und war ein wichtiger Baustein für das Selbstbewusstsein der Deutschen, die die Ruinenhäuser in ihren Städten noch vor Augen hatten“, erinnert sich Weber. Rückblickend hat er das Gefühl, dass die damaligen Fußballhelden ihren Fans näher waren, „weil sie noch keine hochbezahlten Stars waren und mit ihren Heimatclubs eng verbunden blieben.“

„Wir sind damals bis an die Decke gesprungen“, beschreibt der damals 13-jährige MBI-Ratsherr Hans Georg Hötger, wie sein zwölf Jahre älterer Bruder Werner und er auf den 3:2-Sieg-Treffer Helmut Rahns reagierten. „Das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir saßen mit 30 Leuten aus der Nachbarschaft, bei meiner Tante Hermine, die damals schon ein Fernsehgerät hatte“, berichtet Hötger, der in der Jugendmannschaft des VFB Speldorf kickte. „Wir haben damals noch Monate darüber gesprochen und hatten nach der WM ‘54 viele Neuanmeldungen“, erinnert sich Hötger und meint: „Nachdem Deutschland noch 1950 von der Fußball-WM ausgeschlossen war, hat der WM-Gewinn 1954 viele Brücken in die internationale Sportgemeinschaft gebaut und Deutschland neue Anerkennung gebracht.“ Seine persönliche Anerkennung für die Helden von Bern ist auch deshalb so groß, „weil damals noch mehr Idealismus im Spiel war, ohne den der Sport nicht überleben kann.“

„An jeder Ecke wurde darüber gesprochen. Die Euphorie war groß. Denn die Anerkennung tat den Deutschen nach dem verlorenen Krieg gut. Und man hatte das Gefühl, wieder auf etwas stolz sein zu können“, erinnert sich Bezirksbürgermeister Arnold Fessen an die psychologische Aufbauhilfe, die die Helden von Bern geleistet haben. Einen kannte der damals 13-jährige Volksschüler besonders gut. Denn der Ersatztorwart Fritz Herkenrath unterrichtete damals als Referendar an seiner Schule.

„Das war die erste Fernsehsendung meines Lebens und ich bin fast in die Bildröhre hineingekrochen“, erinnert sich der Künstler Peter Torsten Schulz an sein Wunder von Bern. Als zehnjähriger Schüler erlebte er frisch gescheitelt und mit weißem Hemd und dunkler Hose das WM-Finale ‘54 im illustren Kreis der Verlegerfamilie Giradet. Denn sein Vater war damals Chefredakteur der Essener Allgemeinen Zeitung. „Noch spannender als das Spiel fand ich, dass gestandene Herrn in dunklen Anzügen so laut jubeln und sich umarmen konnten“, erzählt Schulz.

SPD-Fraktionschef Dieter Wiechering (damals 12) und als linker Läufer fußballerisch aktiv, erlebte der Fußballer das Fernseh-Finale ‘54 mit seinem Vater in einer norddeutschen Dorfkneipe. „Damals schauten dort nur Männer zu. Und nach dem Spiel war man sehr stolz und das Echo in den Zeitungen lautete: Wir sind wieder wer“, erinnert sich Wiechering.


Dieser Text erschien am 11. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 12. Juli 2014

So gesehen: W wie WM und Werbung


König Fußball regiert die Welt. Diesen Eindruck kann König Kunde in diesen WM-Tagen wirklich bekommen. Schokoriegel und Softdrinks präsentieren sich ihm jetzt ebenso im Fußballdesign, wie die Leberwurst beim Metzger. Letzteres macht durchaus Sinn. Denn am Donnerstag geht es für die deutsche Mannschaft um die Wurst. Und man muss kein Fußballfanatiker sein, um zu hoffen, dass die DFB-Kicker nicht als arme Würstchen vom Platz gehen.

Denn dann hätten nicht nur die Fußballfans, sondern auch alle Marketingstrategen, die geschickt auf die unterbewussten Fanreflexe ihrer Kunden spekulieren, die Schnauze voll. Dabei hat ja alles mal ein Ende, auch die WM. Nur die Wurst hat bekanntlich zwei, im Zweifel auch ein dickes.

Apropos dickes Ende. Auch im Schaufenster eines örtlichen Sanitätshauses wird in diesen Tagen mit einem WM-Fußball und diversen Nationalfähnchen geworben. Dass Fußball zur Reha-Sportart taugen würde, wäre mir neu. Aber vielleicht denken die Geschäftsinhaber ja auch schon weiter. Denn wer die zum Teil rüden Fouls bei der WM beobachtet, der begreift, dass Fußball nicht immer gesund sein muss, sondern ein Nachspiel haben kann, in dem das eine oder andere Reha-Hilfsmittel zum Einsatz kommt. Doch das wird hoffentlich nicht oft der Fall sein. Man kann ja auch mit Bier und Würstchen das Nachspiel bestreiten. Das ist für Fans und Fußballer alle
mal heilsamer und appetitlicher.
 
Dieser Text erschien am 25. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 11. Juli 2014

"Brasilien ist ein Land mit einem großen Potenzial": Ein Gespräch mit Michael Könen, der mit seinem Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos seit vielen Jahren im Süden Brasiliens die Sozialarbeit der Salesianer Don Boscos unterstützt


Michael Könen hat sich gerade in Porto Alegre den französischen 3:0-Sieg über Honduras angeschaut. Als nächstes stehen die Partien Niederlande gegen Australien und Russland gegen Algerien auf seinem WM-Spielplan. Doch der 46-jährige Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater aus dem Ruhrgebiet ist zurzeit weniger als Fußballfan, denn als Entwicklungshelfer im Süden Brasiliens unterwegs. Denn mit seinem Verein Kindern helfen Kindern, grenzenlos unterstützt er seit mehr als 15 Jahren die Sozial- und Jugendarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava leisten. Über die Motivation für sein persönliches Engagement und die soziale Lage im Land der Fußballweltmeisterschaft äußerte er sich jetzt im Gespräch mit der Tagespost.
Wie kam es zu Ihrem persönlichen Engagement für die Salesianer Don Boscos im Süden Brasilien?

Vier Jahre nach meinem Abitur am Essener Don-Bosco-Gymnasium habe ich 1992 in Brasilien einen Freund besucht und dabei die Sozialarbeit der Salesianer in Belle Itajai kennengelernt. Im Jahr darauf machte ich dort ein achtwöchiges Praktikum. Das war der Anfang.

 Wer trägt Ihren Verein?

Wir haben im Moment rund 50 Mitglieder, die durch ihre eigenen Mitgliedsbeiträge und durch ihre Mund-zu-Mund-Propaganda, etwa in Schulen, Gemeinden oder bei unterschiedlichen Veranstaltungen vom Festival Brasil bis zum Weltkindertag jedes Jahr 5000 bis 10.000 Euro für die gute Sache zusammenbringen.

Was ist die gute Sache?

Die Salesianer Don Boscos betreiben im Süden Brasilien fünf Sozialstationen, die alle in sogenannten Armenviertel (Favelas) liegen. Hier bekommen Kinder und Jugendliche nicht nur eine Mahlzeit, eine werteorientierte Erziehung und eine sinnvolle Freizeitgestaltung, sondern auch eine Schul- und Berufsausbildung und damit eine Chance für ihr weiteres Leben.

Können viele diese Chance nutzen?

Dort, wo die Salesianer arbeiten, entwickeln junge Leute eine positive Lebenseinstellung, die sie an ihre Zukunft glauben und in ihre Zukunft investieren lässt. Das sieht man schon daran, wenn die Menschen beginnen, ihre Hütten durch den Bau eines Steinhauses zu ersetzen. Viele brauchen noch nicht mal eine zwei- oder dreijährige Berufsausbildung als Friseur, Bäcker oder Sekrtärin. Oft reicht schon der Anschub durch ein mehrmonatiges Berufstraining, um ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen.

Wie unterstützen Sie diese Sozialarbeit?

Durch die 5000 bis 10.000 Euro, die wir jährlich als Spenden zusammentragen und 1:1 den Salesianern im Süden Brasiliens zur Verfügung stellen, konnten wir schon diverse Arbeitsgeräte von der Druckmaschine über einen Backofen bis zum Lieferwagen, aber auch die Errichtung von Spiel- und Sportplätzen, den Bau einer Begegnungsstätte oder die Anschaffung von Schulmaterialien, Sportgeräten und Musikinstrumenten finanzieren. Das Geld bringe ich jedes Jahr persönlich nach Brasilien und bespreche die aktuellen Projekte mit dem Pater Provinzial. Derzeit müssen zum Beispiel Sanitäranlagen renoviert werden.

Warum protestieren die fußballverrückten Brasilianer auf einmal gegen die WM?

Wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer. Das war so. Das ist so. Und das bleibt so. Aber die Proteste haben mich nicht überrascht. Denn immer mehr Menschen in Brasilien erkennen, dass die WM und die Olympischen Spiele 2016 für sie eine geeignete Plattform sind, um öffentliche und politische Aufmerksamkeit für ihre berechtigten Interessen zu bekommen. Hinzu kommt, dass im Oktober Präsidentschafts- und Parlamentswahlen anstehen. Da müssen die Politiker auf Proteste reagieren.

Wo hakt es im Land des fünffachen Fußball-Weltmeisters?

Beim Stadienbau für die WM ist viel Geld dumm verbraten worden, während die versprochenen Investitionen in die Infrastruktur von Straßen und Flughäfen weiter auf sich warten lassen. Aber auch im Gesundheits- und Bildungssektor muss dringend investiert werden. Die Gesundheitsversorgung ist teuer und schlecht. Die Renten- und Krankenversicherung ist in Brasilien nicht ansatzweise mit der unseren zu vergleichen. Die Salesianer helfen den Armen zum Teil mit einer kostenlosen Gesundheitsversorgung. Aber die Ärzteverteilung im Land ist nicht optimal. Und es gibt zu wenige Krankenhäuser und zu viele Kliniken, die bereits marode sind. Auch Bildung ist in Brasilien ein Wirtschaftsgut. Wer seinen Kindern eine gute Ausbildung verschaffen will, wird tunlichst vermeiden, sie auf staatliche Schule zu schicken. Doch für die Ausbildung an privaten Schulen und Hochschulen muss man tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei umgerechnet rund 1000 Euro, der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 250 Euro pro Monat. Und die Preise in Brasilien sind im Schnitt mit denen bei uns vergleichbar.

Wie sehen Sie die Zukunft Brasiliens, unabhängig davon, ober der WM-Gastgeber diesmal auch Fußballweltmeister wird?

Das Land hat ein großes Potenzial. Der Mittelstand ist in den letzten Jahren gewachsen. Es gibt viele Rohstoffe und eine junge und wachsende Bevölkerung, die mit ihrer riesigen Binnennachfrage die Wirtschaft ankurbelt. Die Zivilgesellschaft hat Fortschritte gemacht. Immer mehr Brasilianer engagieren sich und haben erkannt, dass sie ihre Lebensbedingungen durch eigenes Zutun verbessern können und das politische Korruption kein Naturgesetz, wie das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne ist. Ich kenne zum Beispiel einen Rechtsanwalt, der mit einem privaten Verein die Ausgaben des Bürgermeisters von Itajai kontrolliert. Allerdings hat Brasilien den Fehler gemacht, seine Märkte zu sehr nach außen abzuschotten. Damit wird es natürlich schwer, neue Technologien ins Land zu bekommen.

(Weitere Informationen gibt es unter www.grenzenlose-hilfe.de im Internet oder direkt bei Michael Könen  unter der Rufnummer 0173/3215008)
Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

Mittwoch, 9. Juli 2014

Die Fußball-Weltmeisterschaft als Anschub zur Hilfe: Michael Könen und sein Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos unterszützt seit vielen Jahren die Sozialarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens leisten


Seit Michael Könen 1992 einen Freund in Brasilien besuchte, hat ihn das Land nicht mehr los gelassen. „Die Brasilianer sind fröhlicher und offener, als ich das von den Deutschen kenne“, sagt der 46-jährige Ökonom und Unternehmensberater. Mindestens einmal pro Jahr ist der Mülheimer im Land der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch jetzt weilt er in Brasilien und hat sich bereits einige WM-Spiele angeschaut. Doch das ist nicht sein eigentliches Ziel.

Könen besucht im Süden Brasiliens fünf Sozialprojekte der Salesianer Don Boscos. Die katholischen Ordensleute kümmern sich in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava um Kinder und Jugendliche in den Favelas. Mit Schulunterricht, Berufsausbildung, sinnvoller Freizeitgestaltung, kostenlosen Mahlzeiten und kostenfreier Gesundheitsversorgung sorgen die Salesianer dafür, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien eine Lebensperspektive bekommen. „Dort, wo die Salesianer aktiv sind, kann man beobachten, dass mehr Menschen in den Favelas Arbeit bekommen und ihre Holzhütten durch Steinhäuser ersetzen“, beschreibt Könen den positiven Einfluss der sozialen Arbeit, die er Mitte der 90er Jahre als Student während eines achtwöchigen Praktikums kennen lernte.

Dieses Erfahrung inspirierte ihn vor 15 Jahren zusammen mit Freunden den Verein Kinder helfen Kindern, grenzenlos ins Leben zu rufen. „Wir sind zwar längst keine Kinder mehr, haben dafür aber inzwischen selbst Kinder“, sagt Könen mit Blick auf die rund 50 Mitglieder des Vereins, die nicht nur mit reger Mund-zu-Mund-Propaganda, sondern auch bei Veranstaltungen vom Weltkindertag in der Müga über das Styrumer Familienfest bis zum Markt der guten Taten im Forum für die finanzielle Unterstützung der sozialen Basisarbeit in Brasilien werben.

Nicht ohne Erfolg. Seit seiner Gründung hat der Verein nach Könens Angaben jährlich 5000 bis 6000 Euro zusammengetragen, die in Brasilien Fußball- und Spielplätze entstehen ließen oder den Salesianern geholfen haben Sportmaterial und Arbeitsgeräte von der Druckmaschine bis zum Backofen oder auch Musikinstrumente anzuschaffen.

„Egal, ob die Jugendlichen aus den Favelas bei den Salesianern das Friseur- oder das Bäckerhandwerk erlernen oder sich zur Sekretärin ausbilden lassen. Sie müssen gar nicht unbedingt eine dreijährige Ausbildung machen, um mit den dort erworbenen Grundkenntnissen Arbeit zu finden“, weiß der sozial engagierte Ökonom zu berichten.

Die sozialen Proteste im Vorfeld der Fußball-WM überraschen den Brasilienfreund nicht. „In einer Stadt mit einem viertklassigen Fußballclub hat man für die WM ein riesiges Stadion gebaut und viel Geld dumm verbraten, das anderswo dringend gebraucht würde“, ärgert sich Könen. Nicht nur in der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch im Bildungs- und Gesundheitssektor sieht er in Brasilien Investitionsbedarf. „Eltern, die für ihre Kinder eine gute Ausbildung wollen, müssen sie auf private Schulen schicken und dafür tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei 1000 Euro. Und auch eine gute medizinische Versorgung muss privat bezahlt werden“, schildert er die sozialpolitische Ausgangslage im wirtschaftlich ambitionierten Land, das aus seiner Sicht schon aufgrund einer günstigen Demografie und einer enormen Binnennachfrage „ein großes Potenzial hat.“

Werden die Proteste der Brasilianer, die nicht auf der Sonnenseite des Wirtschaftswunders leben, die Fußball-WM beeinflussen? Könen meint: „Brasiliens Demokratie ist noch jung. Und die Menschen entdecken langsam, dass sie durch ihr eigenes Zutun politisch etwas bewirken können. Deshalb werden sie die WM auch als Plattform für Proteste nutzen, zumal im Oktober Präsidentschaftswahlen anstehen. Aber wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer.“

Weitere Informationen unter www.grenzenlose-hilfe.de oder direkt bei Michael Könen unter der Rufnummer 0173/3215008


Dieser Text erschien am 25. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Juli 2014

So gesehen: Die Sehnsucht nach dem Happy End


Wenn Sie sich in diesen Tagen als Fußballfan outen und die Hoffnung ausdrücken, Deutschland möge nach 1954, 1974 und 1990 doch mal wieder Weltmeister werden, wird ihnen eine fast 100-prozentige Zustimmung in Schwarz-Rot-Gold sicher sein. Wenn Sie sich aber als Mitglied einer Religionsgemeinschaft oder einer politischen Partei outen, müssen Sie im Zweifel mit Widerspruch, Hohn und mancher Schwarz-Weiß-Malerei rechnen. Das Gespräch mit Pfarrer und Fußballfan Michael Manz (siehe unten) gewährt interessante Einsichten in die deutsche Volksseele. Und aus dieser Volksseele kommen ja auch die Volksmärchen, die meistens ein Happy End haben. Und weil die Deutschen im Spiel des Lebens von manchem Spielführer so manches Märchen erzählt bekommen haben, das sich am Ende als Horrorgeschichte entpuppte, wollen sie heute lieber mit König Fußball, der ihnen im Gegensatz zu anderen Spielfeldern klare Regeln und Ergebnisse garantiert, ein Sommermärchen mit Happy End erleben. Und selbst, wenn es damit nicht klappt, bleibt ihnen die Gewissheit, dass nach dem Spiel immer vor dem Spiel ist und wir deshalb früher oder später auf jeden Fall Weltmeister werden.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 6. Juli 2014

Brot und Spiele: Warum schafft der Fußball, was Politik und Kirche oft nicht gelingt, nämlich die Menschen zusammenzubringen und zu begeistern? Ein Gespräch mit dem Styrumer Pfarrer und Fußballfan Michael Manz


Wer zurzeit durch die Stadt geht, sieht an allen Ecken und Enden Schwarz-Rot-Gold. Die Fußball-Weltmeisterschaft macht es möglich. Warum können sich so viel mehr Menschen mit hoch bezahlten Profifußballern identifizieren als zum Beispiel mit Kirchen und Parteien, die mit ihren Pfarrern und Politikern qua Amt für soziale Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen sollten? Liegt es nur am Unterhaltungswert? Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer und Fußballfan Michael Manz, der seit vielen Jahren und auch bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zum Public Viewing ins Gemeindehaus einlädt.

Frage: Warum begeistert und vereint die Fußball-WM so viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten?

Antwort: Das ist das Prinzip Brot und Spiele. Die Menschen erleben die Fußball-WM als eine befreiende und reinigende Ablenkung vom harten Alltag.

Frage: Wovon geht diese befreiende und reinigende Wirkung aus?

Antwort: Bei einer Fußball-WM kann man vor dem Fernsehen, im Stadion oder beim Public Viewing gemeinsam schreien, lachen, weinen und jubeln, ohne das einen jemand schräg anguckt.

Frage: Warum können hoch bezahlte Fußballer mehr Menschen hinter sich vereinen als Politiker, Pfarrer oder Verbandsfunktionäre?

Antwort: Weil sie als „unsere Jungs“ in einem Stellvertreterkampf für uns alle gewinnen oder verlieren und damit ein großes Gefühl der Verbundenheit schaffen, das Menschen die Siege und Niederlagen der Fußballer als persönlichen Erfolg oder Misserfolg erleben lässt. Als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde, waren wir plötzlich Papst und wenn die deutsche Mannschaft das WM-Turnier gewinnt, werden wir Weltmeister sein.

Frage: Liefert die Fußball-WM den Menschen also die Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse, die sie im Alltag vermissen?

Antwort: Richtig. Wenn ich zum Public Viewing einlade, kommen schon mal 120 Leute. Beim Gottesdienst sind es höchstens die Hälfte. Obwohl Fußballspiele und Gottesdienste viele Gemeinsamkeiten haben. Man singt gemeinsam. Man steht in bestimmten Momenten kollektiv auf oder setzt sich wieder und ein Mann in Schwarz, entweder der Schiedsrichter oder der Pfarrer, leitet das Spiel. Ich stelle beim Public Viewing immer wieder fest, dass man schneller das Eis brechen und mit den Menschen ins Gespräch kommen kann, weil sie fröhlich und gelöst sind und auch Leute, die alleine kommen, tauchen plötzlich ins Wir ein.

Frage: Warum finden die Menschen dieses Wir nicht auch in Kirchen, Parteien und Verbänden?

Antwort: Eine Fußball-WM ist etwas außergewöhnliches. Politik und Kirche sind Alltag. Der Fußball lässt die Menschen Lebensfreude spüren. Da verzeihen sie einem Uli Hoeneß auch schon mal, dass er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat, während sie im Zweifel nicht nur aus der katholischen, sondern auch aus der evangelischen Kirche austreten, weil ein Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst Kirchensteuergeld verschwendet hat. Da wird vieles miteinander verrührt. Aber wir machen sicher nicht nur in der Kirche oft den Fehler, nur auf Sachthemen zu setzen und zu wenig die Gefühle anzusprechen. Deshalb lade ich auch zum Public Viewing ins Gemeindehaus der Immanuelkirche ein, um den Leuten zu zeigen, dass Kirche nicht nur eine verkopfte Veranstaltung ist.

Antwort: Aber wir müssen auch in unserem Alltag daran arbeiten, den Menschen mehr Lebensfreude zu vermitteln. Das sollte uns als Kirche mit der Frohen Botschaft eigentlich nicht allzu schwer fallen.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 5. Juli 2014

Fußball ist ihr Leben: Ein Gespräch mit Manfred Weides vom Kreisligisten 1. FC Mülheim-Styrum über die alltäglichen Herausforderungen an der Fußball-Basis


Wenn sich Detlef Weides in diesen Tagen im Fernsehen die Spiele der Fußballweltermeisterschaft anschaut, hat er immer wieder den Eindruck: „Das ist ganz weit weg. Das hat gar nichts mit uns zu tun.“ Dabei geht es doch um Fußball, ob bei der WM in Brasilien oder beim 1. FC Mülheim in Styrum.

Heute ist der 59-jährige Weides Geschäftsführer des Traditionsclubs, sein Bruder Manfred ist Vorsitzender. „Der Verein und der Fußball sind mein Leben. Ich bin hier aufgewachsen, war schon mit 13 als Mannschaftsbegeleiter dabei und spielte später in der A-Jugend“, erinnert sich Weides.

Der Unterschied zwischen den WM-Kickern und den Kreisliga-Kickern in Styrum liegt vor allem in etlichen Millionen, die sich aus Eintrittsgeldern, Werbeeinnahmen und Fernsehübertragungsrechten speisen. „Wenn ich höre, dass der argentinische Fußballer Lionel Messi 24 Millionen Euro pro Jahr verdient oder das der Deutsche Fußballbund dem ehemaligen Bundestrainer Bert Vogts eine monatliche Lebensrente von 3000 Euro zahlt, frage ich mich schon: Ist das vertretbar. Warum macht man so was?“

Von 250 Millionen Euro Jahresumsatz, schrieb die NRZ, als der Deutsche Fußballbund 2010 zu seiner bisher letzten Jahresbilanz-Pressekonferenz einlud. „Davon kommt hier unten nichts an. So weit gehen die nicht runter, aber der DFB kann auch nicht alle Amateurvereine retten“, sagt Weides ohne Bitterkeit. Bei seinem Engagement an der Fußballbasis hält er es mit John F. Kennedy: „Frage nicht, was der Verein für dich tun kann, frage, was du für den Verein tun kannst?“

Fünf Väter und eine Mutter sehen das genauso, wie er. Sie haben Zeit und Geld in einen Lehrgang investiert, um eine Trainerlizenz zu erwerben und jetzt ein- bis zweimal pro Woche eine Kinder- oder Jugendmannschaft des 1. FC Mülheims unentgeltlich zu trainieren. Selbst der Trainer der ersten Mannschaft, die in der Kreisliga A kickt, bekommt derzeit nur seine Fahrtkosten erstattet. „Wir bekommen zwar vom Landessportbund eine Übungsleiterpauschale. Aber das sind im Jahr vielleicht 350 Euro. Das würde nicht ausreichen, um als Verein davon Trainer zu bezahlen“, sagt Weides.

Über Zahlen möchte der Geschäftsführer des 1. FC Mülheim eigentlich gar nicht sprechen. Aber so viel wird im Gespräch mit ihm dann doch deutlich. Ganz ohne Sponsoren geht es auch bei einem Amateurclub nicht. Denn auch Trikots, Bälle, Fußballschuhe, Fußballtore, Startgelder, Sportversicherung, Fahrtkosten oder Schiedsrichtergebühren wollen bezahlt sein. Wenn man weiß, dass der Eintritt zu den Heimspielen des 1. FC Mülheims bei zwei Euro und der Monatsbeitrag der rund 200 Vereinsmitglieder bei sechs Euro liegt, weiß man, dass der Club mit seinen Bordmitteln keine großen Sprünge machen kann.

Ausgesprochen glücklich ist Weides deshalb, dass er mit der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft (Medl) ein größeres Unternehmen als Sponsoren für die Jugendfußballmannschaften des Vereins gewonnen hat. Auch die Gelder der Stadt und der Sparkassenstiftung, die jetzt in den Umbau des Sportplatzes an der Moritzstraße fließen, sind für den Traditionsclub und seinen Platzpartner Croatia Mülheim Gold wert: „Denn Fußballvereine, die keinen Kunstrasenplatz haben, gehen einer ganz schwierigen Zukunft entgegen, weil die Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Ascheplätzen spielen lassen wollen“, weiß Weides.

Ansonsten putzt er bei Kleinunternehmern und Einzelhändlern im Stadtteil die Klinken, um Kleinstsponsoren, etwa für die Plakatwerbung des Vereins zu gewinnen. „Helft uns doch, die Jungs von der Straße zu holen, damit sie zum Training kommen und am Ende nicht bei euch die Scheiben einschmeißen“, lautet eines seiner Argumente. Weides lässt keinen Zweifel daran, dass die Kinder- und Jugendtrainer oft nicht nur als Übungsleiter, sondern auch als Sozialarbeiter gefragt sind, wenn es darum geht dem Nachwuchs in der Gemeinschaft bestimmte Verhaltensregeln beizubringen.

„Wir sind dankbar, dass wir sie haben“, sagt Detlef Weides, mit Blick auf die Eltern, die sich ehrenamtlich als Trainer oder Mannschaftbegleiter engagieren. Dennoch würde er sich noch mehr Einsatz mancher Eltern wünschen, die ihre Kinder nur am Spielfeldrand abgeben, statt sie anzufeuern oder auch zu Auswärtsspielen zu begleiten.

Aber Weides ist auch Realist: „Es ist angesichts der auch zeitlich immer flexibleren Arbeitsverhältnisse für viele Menschen sehr schwer geworden, im Verein aktiv zu werden. Früher waren 90 Prozent der Leute aus Styrum bei Mannesmann. Und wenn die um 14 Uhr ihre Frühschicht hinter sich hatten, war es für sie kein Problem um 18 Uhr zum Training zu kommen“, erinnert sich Weides an alte Zeiten. Damals kamen auch noch deutlich mehr als 50 Zuschauer zu den Heimspielen, weil es keine Sonntagsspiele in der Ersten und Zweiten Bundesliga und keine Live-Spiele im Bezahlfernsehen gab.
 

Rückpass

 
„Eigentlich hat uns die schönste Zeit als Verein den größten Schaden gebracht, weil damals viele alte Mitglieder verprellt wurden, die weggegangen und nicht wieder gekommen sind“, erinnert sich Detlef Weides an die Zeit, als der 1. FC Mülheim im Styrumer Ruhrstadion gegen Manschaften, wie Bayer Uerdingen, Hannover 96, FC St. Pauli oder Arminia Bielefeld in der Zweiten Fußballbundesliga spielte. Damals waren sechsstellige Sponsorensummen und üppige Spielergehälter keine Seltenheit. Doch nach dem sportlichen kam dann mit der Insolvenz 1976 auch der wirtschaftliche Abstieg und sogar das Vereinsheim musste aufgegeben werden. Noch heute ärgert sich Weides darüber, dass er mit seinen Manschaftskameraden aus der A-Jugend 1973 nicht an der 50-Jahr-Feier seines Clubs im Handelshof teilnehmen durfte, weil das die Vereinsführung des damaligen Regionalligisten als nicht standesgemäß empfand. Weitere Informationen rund um den 1923 gegründeten 1. FC-Mülheim-Styrum, der bis zur für Ende Juli geplanten Fertigstellung des neuen Kunstrasensportplatzes an der Moritzstraße auf dem Sportplatz an der Von-der-Tann-Straße trainiert, findet man im Internet unter: www.1.fc-muelheim.de
 
Dieser Text erschien am 30. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 3. Juli 2014

Nach dem Sturm kommt die Kostenflut: Wer zahlt was?


Der Sturm ist vorüber. Die Schäden bleiben und müssen beseitigt werden. Wer zahlt eigentlich dafür? Ich fragte für die NRZ aus gegebenem Anlass bei Stadt, Feuerwehr, Mülheimer Verkehrsgesellschaft, Haus und Grund sowie beim Mülheimer Versicherungsfachmann Volker Bretz nach.

Frage: Wer zahlt für Feuerwehreinsätze?

Antwort: Sturmbedingte Einsätze, bei denen es darum geht, Gefahren für die öffentliche Sicherheit abzuwehren, in dem zum Beispiel ein umgestürzter oder ein gegen eine Hauswand gestürzter Baum beseitigt werden muss, stellt die Feuerwehr betroffenen Hauseigentümern nicht in Rechnung. Die Kosten trägt die Stadtkasse. Die Stadt ermittelt derzeit im Auftrag des Landes die anfallenden Schadenskosten. Deren Höhe ist derzeit noch nicht absehbar. Das Land will aber Hilfsmittel der Europäischen Union beantragen und den Kommunen damit unter die Arme greifen, so dass die Stadt und ihre steuerzahlenden Bürger hoffen können, die Folgekosten nicht alleine tragen zu müssen. Ist ein Baum allerdings auf einem Privatgrundstück sturmbedingt umgestürzt, ohne das öffentliches Gelände in Mitleidenschaft gezogen worden ist, wird die Feuerwehr nicht aktiv. Dann muss der private Grundstückseigentümer den umgestürzten Baum in eigener Regie und auf eigene Kosten beseitigen lassen.

Frage: Wer zahlt für Sturmschäden an Gebäuden?

Antwort: Sturmschäden gelten grundsätzlich als höhere Gewalt. Deshalb können Hauseigentümer auch nicht die Stadt verantwortlich machen, wenn zum Beispiel ein Baum, der auf öffentlichem Grund und Boden stand, auf ihr Haus gestürzt ist und dort Schaden angerichtet hat. Das gilt auch für Bäume, die zum Beispiel auf dem Grundstück eines privaten Nachbarn standen. Die Schadenskosten muss jeder Hauseigentümer über seine Gebäudesachversicherung abdecken. Der Eigentümerverband Haus und Grund, der in den letzten Tagen über 100 Anfragen beantworten musste, geht davon aus, dass alle seine 4000 Mitglieder über eine Gebäudesachversicherung verfügen, die Sturmschäden abdeckt.

Antwort: Beim städtischen Immobilienservice schätzt man die Sturmschäden, die etwa an einigen Schulen entstanden sind, als „überschaubar“ ein, weist aber auch darauf hin, dass die Stadt diese Gebäudeschäden auf eigene Kosten reparieren lassen muss, da sie die öffentlichen Gebäude nur gegen Feuer und Einbruch, nicht aber gegen Sturmschäden versichert hat.

Frage: Wer zahlt für Sturmschäden an Kraftfahrzeugen?

Antwort: Auch hier gilt das Prinzip der höheren Gewalt und des privaten Versicherungsschutzes. Wenn das eigene Auto beschädigt oder schrottreif ist, weil es im Sturm von einem umstürzenden Baum getroffen wurde, muss der Fahrzeugeigentümer die Schadenskosten über seine Teil- oder Vollkaskoversicherung abdecken. Eine mögliche Haftpflichtversicherung greift in diesem Fall nicht.

Frage: Wer zahlt für Oberleitungsschäden?

Antwort: Der Sturm hat auf breiter Front Oberleitungen der Mülheimer Straßen- und Stadtbahnlinien beschädigt. Gegen diese höhere Gewalt hat die Mülheimer Verkehrsgesellschaft keinen Versicherungsschutz. Die Kosten, deren Höhe noch nicht feststeht, muss die MVG beziehungsweise die aus den Verkehrsgesellschaften Mülheim, Essen und Duisburg bestehende Verkehrsgesellschaft Via tragen.

Frage: Wer zahlt für sturmbedingte Schäden an Bussen und Bahnen?

Antwort: Für ihre Busse hat die MVG eine entsprechende Versicherung abgeschlossen, die im Schadensfall greift. Für ihre Straßenbahnen gibt es einen solchen Versicherungsschutz nicht. In diesem Fall hatte die MVG aber Glück im Unglück, weil der Sturm zumindest in Mülheim weder Busse noch Bahnen beschädigt hat.

 
Dieser Text erschien am 14. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 2. Juli 2014

"Dieser Sturm hat den Charakter des Hauptfriedhofes verändert", sagt dessen Leiter Wolfgang Rosenberger


„Der Friedhof ist wegen Sturmschaden bis auf Weiteres geschlossen“ steht auf einem Aushang am Seiteneingang des Hauptfriedhofes. Auch die Torbögen des Haupteingangs, durch die sonst Trauernde, Hinterbliebene und Erholungssuchende kommen und gehen, sind versperrt. Wenn der Leiter des Hauptfriedhofes, Wolfgang Rosenberger , das Rolltor am Seiteneingang für den Besucher von der Presse öffnet, sieht man sofort, warum die Sperrung Sinn macht. Nur wenige Meter hinter dem Eingangsbereich und vor dem Beginn der Eichenallee liegt ein mächtiger Silberahornbaum, dessen Wurzelwerk den Asphalt aufgebrochen hat.

Je weiter man sich vom Haupteingang entfernt und vom oberen in den unteren, stärker bewaldeten Teil des 42 Hektar großen Hauptfriedhofes kommt, desto mehr umgestürzte Bäume, herunterhängende Äste und Sträucher, die wie ein Buschbarrikade Wege versperren, sieht man.

An der einen oder anderen Stelle muss man auch schon mal einen Ast anheben, um sich den Weg zu bahnen. Und dabei merkt man sofort, wie schwer und auch spitz so ein vom Pfingststurmtief heruntergerissener Ast sein kann.

„Vor einigen Tagen hätten Sie hier noch gar nicht langlaufen können“, sagt Rosenberger, während man weiter entfernt Motorsägen rattern hört. Zehn Mitarbeiter des Grünflächenamtes und sechs Mitarbeiter eines privaten Gartenbaubetriebes sind dabei, zunächst die Haupt- und dann die Seitenwege von umgestürzten Bäumen und heruntergefallenen Ästen zu befreien. Einige Seitenwege müssen ganz neu angelegt werden, weil sie vom Starkregen unterspült worden sind.

Auch das Sternenfeld, auf dem Kinder beigesetzt sind, ist von der Krone eines umgestürzten Baumes bedeckt. An den Wegesrändern sieht man zersägte Baumstümpfe umgestürzter Bäume, die am Ringweg zwischengelagert werden und auf ihren späteren Abtransport warten. „Wie wir die Massen von Grün- und Holzabfall entsorgen“, müssen wir noch entscheiden, sagt Gartenmeister Rosenberger und weist den Besucher von der Presse auf die Gefahr hin, die man nicht auf den ersten Blick sieht. Vom Sturm abgerissene Äste, die lose in Baumkronen hängen und jederzeit aus mehreren Metern Höhe zu Boden stürzen können, könnten für Friedhofsbesucher im Ernstfall zur extremen Gefahr werden.

Um Unglücksfällen vorzubeugen bleibt die Öffentlichkeit derzeit am Hauptfriedhof ausgesperrt. „Wir werden den Hauptfriedhof in der nächsten Woche noch nicht öffnen können“, glaubt Rosenberger. In dieser Woche haben auf dem 1916 eröffneten Hauptfriedhof gar keine Beisetzungen stattgefunden.

In der nächsten Woche sollen allerdings einige Wege und Grabfelder im oberen Bereich des Hauptfriedhofes schon wieder so gefahrlos passier- und erreichbar sein, dass die dort geplanten sechs Beerdigungen ohne Risiko für die Trauergesellschaften durchgeführt werden können.

Wolfgang Rosenberger (57) arbeitet bereits seit 26 Jahren auf dem Hauptfriedhof und hat auch den Wirbelsturm Kyrill im Januar 2007 miterlebt. „Doch der war nicht so schlimm, wie dieser Sturm, weil der die Bäume diesmal im belaubten Zustand erwischt hat“, sagt der Gartenmeister, der in seinem ersten Berufsleben Kaufmann war. „Durch das Laub entstand eine Segelwirkung, durch die die Bäume dem Sturm eine größere Angriffsfläche geboten und seine Zerstörungskraft verstärkt haben“, erklärt Rosenberger. Vor allem alte Bäume mit einer besonders großen Baumkrone hielten dem Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von über 120 Stundenkilometern weniger Stand als die jüngeren und biegsameren Bäume.Rosenberger geht davon aus dass rund 160 Bäume, 40 mehr als bei Kyrill, ein Opfer des Sturms geworden sind. Die Beseitigung der Sturmschäden werde noch Monate dauern. Art und Umfang der Grabschäden kann die Friedhofsverwaltung derzeit noch nicht abschätzen. „Der Sturm und seine Folgen haben den Charakter des Hauptfriedhofes verändert. Das ist eine echte Prüfung für uns“, lautet Rosenbergs vorläufige Zwischenbilanz.

Dieser Text erschien am 13. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung