Sonntag, 31. August 2014

Gute Altenpflege braucht vor allem mehr Zeit und Zuwendung für den Menschen, damit Pflegende und Gepflegte nicht auf der Strecke bleiben und neuer Nachwuchs für den Beruf gewonnen werden soll


Droht der alternden Stadtgesellschaft ein Pflegenotstand, wie ihn die entsprechenden Prognosen der Krankenkasse IKK und der Bertelsmannstiftung vorhersehen. Martin Behmenburg, der in seinem ambulanten Pflegedienst sechs angehende Altenpfleger ausbildet und Saskia Kühle vom kommunalen Pflegemanagement des Sozialamtes sehen derzeit noch keine akuten Probleme bei der Stellenbesetzung in der Altenpflege . Doch sie räumen ein, dass es zunehmend schwieriger wird, qualifizierten Nachwuchs für einen schweren Beruf zu gewinnen."Altenpflege ist körperlich und seelisch belastend. Sie verlangt die Fähigkeit, mit Leid umgehen zu können und den Willen, Menschen zu helfen“, beschreibt Behmenburg die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in den Beruf der Altenpflege. Er gibt zu, dass die ambulanten Pflegedienste, die sich jetzt in ihrer Arbeitsgemeinschaft auf einheitliche Qualitätsstandards in der Ausbildung geeinigt haben, erst am Anfang einer massiven und systematischen Nachwuchsgewinnung stehen.

Sein Pflegedienst setzt auf die Zusammenarbeit mit Schulen, ihren Beratungslehrern und den Beratern und Begleitern aus dem zur Sozialagentur gehörenden U25-Haus, weil die Jugendliche und ihr Potenzial am besten kennen und einschätzen können. So startet Behmenburgs Pflegedienst ab dem kommenden Schuljahr eine Kooperation mit der Max-Kölges-Schule und dem Berufskolleg Stadtmitte, in deren Rahmen interessierte Acht- und Neuntklässler an einem Tag der Woche das Beruf Altenpflege entdecken und sich dabei auch mit angehenden Altenpflegern über deren Erfahrungen austauschen sollen. Im Altenheim Ruhrgarten, wo acht bis zehn angehende Altenpfleger ausgebildet werden, hat man nach Angaben des Pflegedienst- und Einrichtungsleiters Oskar Dierbach, bei der Nachwuchsgewinnung schon seit einigen Jahren sehr gute Erfahrungen mit Projekttagen und Praktika für Schüler gemacht.

„Wenn wir junge Leute fürdie Altenpflege begeistern wollen, müssen wir den Beruf attraktiver machen“, betont Behmenburg. Dabei denkt er nicht nur an finanzielle Anreize, sondern vor allem an bessere Arbeitsbedingungen, die Altenpfleger nicht mehr krank machen, weil alles immer schneller und rationeller gehen muss. Mehr Teilzeit und Kindergärten für den Nachwuchs könnten aus seiner Sicht zum Beispiel für familienfreundlichere und weniger stressige Arbeitsbedingungen sorgen.

Dass wünscht sich auch die stellvertretende Leiterin des Altenpflegeseminars der Fliedner-Stiftung, Birgit Witt, das zurzeit in acht Kursen 200 angehende Altenpfleger ausbildet. „Die Zahl der jungen Leute, die in den letzten Jahren eine Ausbildungin der Altenpflege begonnen haben, steigt eher, als dass sie sinkt. Doch die angehenden Altenpfleger werden in der Praxis oft frustriert, weil sie ihr Potenzial nicht abrufen können und vieles von dem gar nicht anwenden können, was sie bei uns gelernt haben, weil in der alltäglichen Pflege dafür oft die Zeit fehlt“, umreißt Witt das Problem der Arbeitszufriedenheit. Die kann bei Altenpflegern aus ihrer Sicht auch nicht aufkommen, wenn aus Zeit- und Kostengründen im Zweifel eher eine Magensonde gelegt wird, als eine Stunde in die Handreichungen bei der Nahrungsaufnahme zu investieren.

Einig ist sich Witt mit Oskar Dierbach, dass die Altenpflegeseminare vom Land besser finanziert werden müssten, um mehr Dozenten für die Praxisanleitung am Arbeitsplatz einsetzen zu können.

2006 hat das Land die Kostenpauschale pro Schüler und Monat von 317 auf 280 Euro gesenkt und seit dem nicht mehr erhöht, was zuletzt im Mai zu einer Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag führte. Dass Altenpfleger auf die Straße gehen, um für eine Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen, könnte aus Dierbachs Sicht ruhig öfter der Fall sein als bisher. Er hält seinen diakonischen Berufsstand in diesem Punkt für „zu leidensfähig.“

Witt würde gerne mehr Dozenten und Schüler an ihrem Altenpflegeseminar sehen, sieht sich aber durch das Land ausgebremst. Sie kann nicht nachvollziehen, warum das Land Krankenpflegeschulen eine um 180 Euro höhere Kostenpauschale pro Schüler und Monat bezahlt.

So müssen im Altenpflegeseminar der Fliedner-Stiftung derzeit zwei Vollzeit- und vier Teilzeitdozenten, unterstützt von zehn bis 15 freiberuflichen Dozenten den theoretischen und praktischen Unterricht für 200 angehende Altenpfleger gewährleisten

Eine Stimme aus der Ausbildungspraxis


Der gelernte Radio-und Fernsehtechniker Ralf Brosowski (45) (siehe Foto) macht als Umschüler im zweiten Lehrjahr in dem zum Evangelischen Krankenhaus gehördenden Wohnstift Raadt eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger.

Was könnte seinen neuen Beruf aus seiner Sicht vor allem für den Nachwuchs interessanter machen?

Dazu sagt er. „Der finanzielle Aspekt ist sicher wichtig. Eine Familie versorgen kann man heute nur als examinierter Altenpfleger. Man muss wissen, dass dieser Beruf kein leichter ist und dass man damit nicht reich werden kann. Die Arbeit in der Altenpflege kann man nur aus Liebe heraus tun. Man braucht die Ambition, mit Menschen umgehen und ihnen helfen zu wollen. In der Altenpflege wird man unweigerlich mit Leid und Tod konfrontiert. Damit haben gerade viele junge Leute ein emotionales Problem. Deshalb brauchen wir mehr Personal für die Begleitung der Auszubildenden. Ich denke dabei nicht nur an die fachliche Praxisanleitung, sondern auch an die psychologisch und spirituell stärkende Begleitung.“


Dieser Text erschien am 1. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 29. August 2014

Schubkraft für die Altenpflege: Wie kann man einen für unsere alternde Gesellschaft lebenswichtigen Beruf attraktiver machen?

Mülheim ist eine alte Stadt. Und sie wird älter. Schon heute ist jeder dritte Mülheimer über 60. Und die Statistiker der Stadt gehen davon aus, dass der Anteil der über-70-Jährigen bis 2025 um 5,2 Prozent ansteigen wird. Gleichzeitig hat die Krankenkasse IKK jetzt mitgeteilt, dass die Zahl der pflegebedürftigen Mülheimer bis 2030 um 25 Prozent zunehmen wird. Träfe diese Prognose, die auf Zahlen aus dem Pflegereport der Bertelsmannstiftung beruht, zu, hätten wir 2030 in Mülheim 6380 statt 5094 pflegebedürftige Mitbürger.

Deshalb warnt die IKK vor einem massiven Fachkräftemangel in der Altenpflege und prognostiziert eine Personallücke von über 40 Prozent.

„Wir werden nicht alle Pflegebedürftigen stationär oder ambulant pflegen können. Die Angehörigen werden noch mehr Pflegearbeit übernehmen müssen, als sie dies jetzt schon tun“, glaubt Martin Behmenburg vom ambulanten Pflegedienst Pflege Zuhause. Er weist darauf hin, dass schon heute ? aller ambulanten Altenpfleger über 45 sind. Laut IKK und Bertelsmannstiftung werden schon heute 39 Prozent aller pflegebedürftigen Mülheimer von ihren Angehörigen betreut. „Aber die dürfen wir nicht ausbrennen lassen,“ betont der Pflegedienst- und Einrichtungsleiter im Altenheim Ruhrgarten, Oskar Dierbach. Er plädiert wie Behmenburg für mehr wohnortnahe Pflegeberatung, die Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen auch jenseits der Pflegestufen unbürokratisch hilft und sie mit dem gezielten Einsatz professioneller Altenpfleger zumindest zeitweise entlastet.

Dierbach bezweifelt linearen Zukunftsprognosen, wie der der IKK und der Bertelsmannstiftung, „weil sich Lebensverhältnisse auch weiterentwickeln.“ Er ist davon überzeugt, „dass wir 2030 nicht unbedingt mehr Pflegebedürftige haben werden als heute, wenn wir mehr in soziale Vorbeugung und Rehabilitation investieren und damit Pflegebedürftigkeit vermeiden oder zumindest verringern können.“

Zur sozialen Vorbeugung gehören für ihn funktionierende Stadtteilzentren, in denen Ärzte, Apotheken und Einzelhandel auch noch mit dem Rollator erreichbar sind „und niemand ins Altenheim muss, weil er nicht mehr zum Bäcker oder zum Arzt kommt.“

Dierbach glaubt, dass ein Drittel aller Altenheimbewohner noch zu Hause leben könnten, wenn ihr soziales Umfeld funktionieren und sie durch gezielte Rehabilitation wieder fit und flott gemacht würden. „Im letzten Jahr konnten wir 45 Kurzzeitpflegefälle mit gezielter Rehabilitation wieder so fit machen, dass sie in ein selbstständiges Leben nach Hause entlassen konnten“, berichtet der Mann aus dem Ruhrgarten. Er plädiert für ein „Pflegesystem, dass die Menschen wieder auf die Beine stellt und ihnen nicht erst hilft, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

Saskia Kühle, die selbst lange in der Altenpflege gearbeitet hat, und heute als Teamleiterin für das kommunale Pflegemanagement zuständig ist, glaubt, „dass wir in der stationären Pflege einen verbindlicheren und realistischeren Personalschlüssel brauchen, um nicht nur bedarfsdeckend, sondern auch menschenwürdig zu pflegen.“

Aus ihrer Sicht sollten Altenpfleger monatlich brutto eher 3500 statt 2000 oder 2500 Euro verdienen und damit nicht weniger verdienen als Bankkaufleute. „Aber auch wer 500 Euro pro Monat mehr bekommt, geht auf die Dauer kaputt, wenn die Rahmenbedingungen seiner Arbeit nicht stimmen.“, macht Dierbach deutlich, dass Altenpfleger die sich zum Teil um 14 und mehr Pflegebedürftige kümmern müssen, nicht zum langfristigen Erhalt der Arbeitskraft beitragen. Er ist davon überzeugt, dass menschenwürdige Pflege, die Pflegekräften und Pflegebedürftigen mehr Lebensqualität verschafft, sich auch volkswirtschaftlich auszahlt. Das würde dann auch die Gewinnung von Nachwuchs erleichtern und verhindern, dass viele Altenpfleger bereits nach fünf Berufsjahren aussteigen, weil sie nicht mehr können.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 27. August 2014

Mein Wert hängt nicht von dem ab, was ich leiste: Ein Portrait des Dümptener Diakons Reinhard Sprafke


Diakon Reinhard Sprafke vor
im Pastoralen Trauerzentrum
Heilig Kreuz vor einem von
seiner Frau Margret gemalten Bild

Reinhard Sprafke ist ein bodenständiger  Mann, einer der mit beiden Beinen im Leben steht. Er macht keine großen Worte. Er hört gerne zu und reagiert auf die Worte seines Gesprächspartners, reflektiert dessen Gedankengang mit seiner eigenen Lebenserfahrung. Das ist seine Stärke. Sprafke ist Seelsorger, einer der das Leben aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennt. Diese Bodenständigkeit erklärt sich ebenso, wie seine Berufung, die zu seinem Beruf wurde, aus seiner Biografie. Eigentlich wollte der Spross einer gut katholischen Familie schon als junger Mann Theologie studieren, nachdem er einen Jesuitenpater predigen gehört hatte. „Mich faszinierte damals, was er sagte und wie er es sagte“, erinnert sich Sprafke an sein jugendliches Erweckungserlebnis, das er heute aber nicht mehr näher beschreiben kann, obwohl es ihn damals prägte. „Du musst erst mal reifen. Dann kannst du immer noch Theologie studieren. Lern erst mal ein richtiges Handwerk“, riet ihm die Mutter. Und so ging er nach der Volksschule als 14-Jähriger erst mal in die Bäcker- und Konditorlehre, statt weiter zur Schule und später zur Universität zu gehen und sich dann zum Priester weihen zu lassen. Das war seine Jugend in den 50er Jahren.
Es sollten fast 30 Jahre vergehen, ehe Sprafke Anfang der 80er Jahre als Familienvater seinen Jugendtraum wahr machte und nebenberuflich Theologie studierte, um 1984 dann zum Diakon geweiht zu werden. Der Reifungsprozess, von dem seine Mutter einst sprach, dauerte am Ende etwas länger als gedacht. Doch er hat ihm offensichtlich gut getan. Alles im Leben hat eben seine Zeit, früher oder später.
Als Diakon der Pfarrgemeinde St. Barbara begleitet er nun schon seit 30 Jahren Menschen auf den Scheidewegen ihres Lebens, spricht mit ihnen über Taufe, Trauung und Tod. „Wenn ich zu einem Trau- oder Trauergespräch gehe, kann das auch schon mal drei Stunden dauern“, sagt der 73-Jährige. Er will sich Zeit nehmen, sich ganz auf seinen Gesprächspartner einlassen. „Als Kirche sind wir für die Menschen da“, sagt Sprafke. Damit sagt er schon viel über sein Leben. Der Mann, dessen Lebensweg im sauerländischen Werdohl begann und ihn Ende der 60er Jahre ins Ruhrgebiet führte, war immer wieder da, wenn ihn Menschen brauchten.

Als Leiter des katholischen Jugendheimes von St. Barbara spürte er immer wieder, dass es die Gemeinschaft ist, die einen Menschen formt. „Mein größtes Glück im Leben war, dass ich immer wieder in einer starken Gemeinschaft leben durfte, die mich getragen hat“, sagt Sprafke. Der dreifache Vater und Großvater denkt dabei an seine Familie, aber auch an seine aktive Zeit als Handballer im katholischen Sportverein DJK, an seine Gemeinde St. Barbra oder an die Gruppe von Menschen, mit der er vor fünf Jahren ein Trauerpastorales Zentrum aufgebaut hat.
18 Jahre hat er als Krankenhausseelsorger im Evangelischen Krankenhaus gearbeitet. Das prägte seine Sicht auf Gott und die Welt. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der alles perfekt und stark sein soll und alles, was schwach und krank ist, verdrängt wird“, beschreibt Sprafke seine soziale Wahrnehmung.

„Wir sind Menschen. Wir machen Fehler haben Zweifel. Das gehört dazu“, widerspricht er dem gesellschaftlichen Pseudoideal des Perfektionismus, der nach seiner Ansicht Menschen vor allem eines macht, krank. Mit großer Sorge sieht der Diakon, der in seinem ersten Berufsleben Bäcker und Konditor war, ehe er mit seiner Frau Margret ein Schuhgeschäft betrieb, „dass inzwischen immer mehr Kinder und Jugendliche unter Depressionen leiden, weil sie dem Leistungsdruck, den sie zum Beispiel in der Schule erleben, nicht mehr standhalten.“
Auch Sprafke kennt aus seiner Biografie den Leistungsdruck, als er früh morgens in der Backstube und nachmittags und abends im katholischen Jugendheim St. Barbra arbeitete oder später neben seiner Arbeit im Schuhgeschäft seiner Frau in Fernkursen Theolgie studierte, um sich auf sein Diakonat vorzubereiten. „Das war eine sehr intensive und herausfordernde Zeit“, erinnert er sich. Aber er erinnert sich auch an die Stärkung, die er durch sein Leben in Gemeinschaften und im Glauben erfuhr.

In einer Welt der scheinbar perfekten Menschen, die glauben alles selbst zu wissen und alleine regeln zu können, erscheint vielen Menschen Gott verzichtbar. „Jugendliche zu begeistern und ihnen vor allem Freude zu vermitteln, die stark macht“, sieht der Diakon aus Mülheim als den Kontrapunkt, den die Kirche in ihrer seelsorgerischen Praxis gegen perfektionistischen Zeitgeist setzen muss. Mit dem christlichen Glauben nicht nur jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln: „Ich darf so sein, wie ich bin, weil ich von Gott auch so angenommen werde, wie ich bin. Und mein Lebensglück hängt nicht von meiner eigenen Leistung, sondern von meinem Vertrauen in Gott und meine Mitmenschen ab“, ist für Sprafke eine zentrale Erkenntnis der Frohen Botschaft Jesu, die heute nichts an Aktualität verloren habe.
Als Krankenhausseelsorger und Leiter eines Trauerpastoralen Zentrums an der Tiegelstraße in Dümpten, das er zusammen mit haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut, hat er immer wieder erfahren, „wie gut es Menschen tut, wenn sie sich vorbehaltlos aussprechen und dabei sich selbst und anderen ihre Fehler verzeihen können.“ Dabei stellt er gerade in seiner trauerpastoralen Arbeit immer wieder fest, dass Menschen heute verstärkt das Einzelgespräch und nicht mehr den Austausch in der Gruppe suchen, „in der sie erfahren können, dass sie mit ihrem Leid und ihrer Trauer nicht alleine sind.“ Auch das ist vielleicht Ausdruck einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, in der jeder den Anspruch hat, seine Probleme selbst lösen zu können.

Gerade in Gesprächen mit Menschen, die ihm deutlich machen, dass sie mit dem christlichen Auferstehungsglauben nicht viel anfangen können, spürt Sprafke immer wieder, „dass da doch noch ein Flämmchen flackert.“ Denn auch sie spüren die urmenschliche Suche nach Sinn in ihrem Leben und das Gefühl, dass die Lebenden und die Toten „nicht wirklich weit entfernt und voneinander getrennt sind, sondern eine Gemeinschaft bilden.“ Auch wenn Sprafke aus seiner eigenen Lebenserfahrung weiß, „dass Glaube nicht ohne Wissen funktioniert“ und: „Menschen gerne etwas lernen, aber nicht ungern belehrt werden wollen“, ist er davon überzeugt, „dass der Glaube an einen liebenden Gott, der die eigentliche Ursache unserer Existenz ist“ nicht wirklich „rational verstanden werden kann, sondern in der Begegnung und in der Gemeinschaft emotional erlebt werden muss.“ Dieses Erlebnis zu vermitteln sieht der spätberufene Diakon, der gerade erst mit der Nikolaus-Groß-Medaille der Mülheimer Stadtkirche ausgezeichnet worden ist, als die große Aufgabe der Kirche.
Dieser Text erschien am 3. Mai 2014 im Neuen Ruhrwort 

Dienstag, 26. August 2014

Jenseits des großen Hypes oder: Die Sonnen- und Schattenseiten des Profifußballs - Ein Gespräch mit dem ehemaligen Fußballprofi und heutigen Amateurfußballtrainer Hans Günter Bruns

 
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist Vergngenheit. Seit dem 22. August rollt der Fußball wieder in der Bundesliga. Der richtige Zeitpunkt, um sich mit dem ehemaligen Bundesligafußballer und Nationalspieler Hans Günter Bruns, der 1954 in Mülheim geboren wurde und bis 1999 hier gelebt hat, über Licht und Schatten im Profifußball zu unterhalten.

Frage: Vorab! Welche Beziehung haben Sie zu Mülheim?

Antwort: Hier bin ich aufgewachsen und habe bei Rot Weiß Mülheim mit dem Fußballspielen angefangen. Hier war ich in den 80er und 90er Jahren Trainer beim VFB Speldorf und hier lebt bis heute mein Vater.

Frage: Warum begeistert die Fußball-Bundesliga so viele Menschen?

Antwort: Das hat nicht nur mit sportlicher Leistung zu tun, sondern vielmehr mit der Atmosphäre in den großen Bundesliga-Stadien. Fußball-Bundesliga, dass ist für viele Menschen heute Spaß und Party.

Frage: Erleben die Leute beim Fußball die Gemeinschaft und den Erfolg, den Sie im Alltag oft vermissen?

Antwort: Das ist ganz eindeutig so. Das sieht man aber umgekehrt auch daran, dass viele Menschen ausrasten, wenn ihre Mannschaft mal verliert, weil sie vielleicht auch in ihrem Alltagsleben mit Niederlagen nicht umgehen können.

Frage: Krawall in Bundesligastadien erfordert große Polizeieinsätze. Sollte sich die Bundesliga an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligen?

Antwort: Auf jeden Fall. In der Bundesliga werden Milliarden umgesetzt. Das ist es doch gerechtfertigt, dass sich die Bundesligavereine an den Kosten für Polizeieinsätze beteiligen.

Frage: Hat der Bundesliga-Fußball-Betrieb durch seine starke Kommerzialisierung seine Leichtigkeit verloren?

Antwort: Die hat er schon lange verloren. Seit ich 1990 meine Fußballerkarriere beendet habe, haben sich die Spielergehälter verzehnfacht. Das hat nichts mehr mit der sportlichen Leistung der Spieler zu tun, sondern ist auf einen unglaublichen Hype zurückzuführen, der von vielen Seiten, auch von den Medien, befeuert wird. Es ist schade, dass sich alles auf die Bundesliga fokussiert und kaum jemand noch zum Amateurfußball geht, obwohl auch dort guter Fußball gespielt wird.

Frage: Wird die Bundesliga sportlich überschätzt?

Antwort: Auf jeden Fall. Denn wir haben mit Bayern und Dortmund nur zwei Spitzenmannschaften, gefolgt von einigen ganz guten Mittelklassemannschaften wie Schalke, Leverkusen, Gladbach oder Wolfsburg. In den europäischen Wettbewerben, spielen die Bundesligamannschaften, mit Ausnahme von Bayern und Dortmund, keine Rolle und auch die meisten Spieler unserer Weltmeistermannschaft spielen bei Bayern, Dortmund oder im Ausland.

Frage: Hand aufs Herz. Haben Sie als Fußball-Profi nicht auch schon ganz gut verdient?

Antwort: Mein Gehalt war total in Ordnung. Aber den medialen und kommerziellen Hype, den wir heute in der Fußball-Bundesliga erleben, gab es zu meiner aktiven Zeit nicht einmal ansatzweise.

Frage: Fußball-Profi zu sein, war das für Sie ein Traum?

Antwort: Ich durfte mein Hobby zum Beruf zu machen, auch wenn das Training manchmal Quälerei war. Und vor begeisterten Menschenmassen Fußball zu spielen, ist ein einzigartiges und unglaubliches Gefühl, auch wenn damals noch wesentlich weniger Leute in die Stadien kamen als heute. Vor allem in Gladbach ging es auch sehr familiär zu. Und Spiele, wie unseren 5:1-Sieg über Real Madrid und den Gewinn des UEFA-Pokals in der Saison 1978/79 werde ich im Leben nicht vergessen.

Frage: Wie realistisch ist der jugendliche Traum von einer Karriere als Fußball-Profi?

Antwort: Das kann man nicht pauschal beantworten. Das hat mit Talent, Willenskraft und Einstellung zu tun. Aber man darf nicht vergessen, dass nur zehn Prozent der Jugendlichen, die von den großen Fußballclubs ausgebildet werden, am Ende auch in einer Profimannschaft landen.
 
Dieser Text erschien am 22. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. August 2014

Auf dem Boden der Tatsachen: 150 von 1000 Mülheimer Straße sind dringend reparaturbedürftig. Aner das Geld reicht jedes Jahr nur für etwa 20 Straßenreparaturen.

Der für den Straßenbau zuständige Abteilungsleiter im Tiefbauamt, Andreas Pape, hat in seinem Büro eine Karte des Straßennetzes hängen. Die Straßen, die in einem guten Zustand sind, hat er blau markiert. Straßen in einem befriedigenden Zustand sind grün gefärbt, Straßen, deren Zustand als ausreichend eingestuft werden, tragen die Farbe Gelb. Und rote Straßen sind in einem mangelhaften Zustand und deshalb akut reparaturbedürftig.

„Im Grunde laufen wir den kaputten Straßen immer hinter her“, räumt Pape ein. Würde man alle 150 Straßen, die von der Bauverwaltung die Note mangelhaft bekommen haben, auf einmal erneuern wollen, würde das nach Papes Schätzung rund 30 Millionen Euro kosten. Tatsächlich stehen den drei Stadtbezirken pro Jahr insgesamt rund drei Millionen Euro für Straßenbaumaßnahmen zur Verfügung. Hinzu kommt ein Investitionsprogramm Straßenbau für größere Straßenbauprojekte von überörtlicher Bedeutung, in das unter anderem Städtebaufördermittel des Landes und Bundes fließen. Je nach Höhe der Fördermittel stehen der Stadt so pro Jahr zwischen acht und zehn Millionen Euro zur Verfügung.

„Im Schnitt reicht das Geld pro Jahr für die Erneuerung von 20 Straßen“, weiß Pape.

Kaum ist eine baufällige Straße abgearbeitet, wartet auch schon die nächste dringende Straßenbaustelle. Der Nachschub an reparaturbedürftigen Straßen, denen man, je nach Bedarf mit Asphalt, Beton oder Schotter zu Leibe rücken muss, geht also nie aus. Und der Bauhof der Stadt, der für Straßenreparaturen, aber auch für das Austauschen beschädigter Verkehrsschilder und Straßengeländer zuständig ist, kann in diesem Bereich aktuell nur 15 Mitarbeiter einsetzen und muss deshalb oft auf die Hilfe von Fachfirmen zurückgreifen.

Eine solche Fachfirma, die aus dem TÜV Rheinland und dem Ingenieurbüro Schniering besteht, kommt auch bei der Erfassung der Straßenschäden zum Einsatz. Mit einem Spezialfahrzeug, das alle Straßen abfährt und dabei die jeweils schadhaften Stellen fotografiert und deren Geodaten computertechnisch registriert, schafft man die Datenbasis für eine Liste, auf der die nächsten notwendigen Arbeiten aufgeführt werden. Allerdings wird diese Tour nur alle fünf Jahre durchgeführt. Im September und Oktober ist es wieder so weit. Regelmäßig sind dagegen die bauchtechnisch geschulten Straßenbegeher des Amtes für Tiefbau und Verkehrswesen unterwegs. Ihre Zahl ist erst in diesem Monat von drei auf sechs verdoppelt worden. Ziel der Bauverwaltung ist es, alle Straßen in der Stadtmitte mindestens einmal und alle Straßen in den anderen Stadtteilen mindestens alle zwei Wochen begehen zu lassen.

Dabei haben die Straßenbegeher, die täglich zehn bis 15 Kilometer zurücklegen, neben den Fahrbahnen vor allem die Gehwege im Blick. Dabei staunt der Laie, wenn er erfährt, dass eine hochstehende Bodenplatte oder Fliese erst ab einem Hochstand von 20 Millimetern für die Stadt zum haftpflichtrelevanten Unfallrisiko wird. Jährlich registrieren die Straßenbegeher der Stadt insgesamt rund 6000 Schäden

Besondere Sorgen machen Pape und seinen Kollegen Helmut Voß, Marion Lebbing und Frank Schöttler, die mit ihm zusammen die Vormerkliste erstellen, die Straßen, die noch vor 1970 gebaut worden sind, weil ihre Asphalt- und Schotterschicht noch erheblich dünner angelegt wurde und deshalb den steigenden Belastungen des heutigen Autoverkehrs nicht mehr gewachsen ist. Das gilt auch für die dünneren Gehwegplatten, die in den 70er Jahren im Fußgängerbereich der Leineweberstraße verbaut worden sind und dem heutigen Zuliefererverkehr kaum Stand halten können.

Neben dem motorisierten Verkehr setzen auch Frost und Tauwetter oder ausschlagende Baumwurzeln regelmäßig Geh- und Fahrwegen zu und lassen Risse, Löcher und Stolperfallen entstehen.

Da die Bezirksvertretungen und der Planungsausschuss nur einmal pro Jahr über die dringlichsten und bezahlbaren Straßenbaumaßnahmen entscheiden, die ihnen vom Amt für Tiefbau und Verkehrswesen vorgeschlagen werden, müssen viele Straßenschäden bei Gefahr im Verzug zunächst provisorisch ausgebessert werden, was zu dem an vielen Stellen sichtbaren Flickenteppich führt.

1000 Straßen schlängeln sich auf insgesamt 530 Kilometern durch das 9,1 Qudratkilometer große Stadtgebiet. 150 Straßen stehen aufgrund ihres mangelhaften Zustandes auf der Vormerklisten für dringend notwendige Straßenbauarbeiten.

Dieser Text erschien am 21. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

So gesehen: Die Mobilität bremst ihre Kinder

Wer durch Mülheim geht oder fährt, hat an machen Stellen das Gefühl auf einer Buckelpiste unterwegs zu sein. In unserer Gesellschaft, die sich gerne mobil nennt, möchte man ja gerne vorankommen.

Ironie der Geschichte. Man kommt auf so mancher maroden Straße aber gerade deshalb nicht voran oder sogar ins Stolpern, weil unsere Gesellschaft mit den Jahren so mobil geworden ist, dass es selbst unsere Straßen nicht mehr aushalten.

Gerade wenn man in der Innenstadt unterwegs ist, die in weiten Teilen als Fußgängerzone daher kommt, hat man als Fußgänger in der Fußgängerzone zeitweise das Gefühl, etwas falsch verstanden zu haben und deshalb am falschen Ort zu sein. Denn paradoxerweise scheint dort mit der Zahl der leerstehenden Ladenlokale der geschäftsmäßige Zulieferverkehr vom Lieferwagen, Lastkraftwagen und Taxis im gleichen Maße zugenommen zu haben, von den durch die Fußgängerzone rasenden Radlern ganz zu schweigen.

Offensichtlich gilt in unserer mobilen Gesellschaft: Wenn schon der Rubel nicht rollt, dann wenigstens die Räder, damit man sich wenigstens einbilden kann, voranzukommen.

Dieser Text erschien am 21. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 24. August 2014

Orden bauen Europa: Klosterfreunde und katholische Akademie begaben sich auf eine geistliche und kulturelle Spurensuche zu den Fundamenten unseres Kontinents


Mit einer Reise durch die Jahrhunderte feiern die Saarner Klosterfreunde in diesem Jahr den 800. Geburtstag ihres ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Mariensaal, das seit fast 25 Jahren als Bürgerbegegnungsstätte eine neue Aufgabe gefunden hat. Unter dem Motto „Orden bauen Europa“ machten die Klosterfreunde jetzt mit einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg Station im Mittelalter.
Als fachkundige Reiseführer beleuchteten die Kirchenhistoriker Gudrun Gleba von der Universität Osnabrück und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster die weltlichen und geistlichen Impulse, die von den Zisterziensern ausgingen. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen standen die Heiligen Benedikt von Nurisa (gestorben 547) und Bernhard von Clairvaux (gestorben 1153).

Für Gleba ist „Bernhard der Benedikt des 12. Jahrhunderts.“ Dabei machte sie deutlich, dass Bernhard, der das militärische Vorgehen des Templerordens rechtfertigte und zum Kreuzzug aufrief, sehr wohl um die Widersprüchlichkeit seines Wesens wusste. „Die Zisterzienser waren einfach zu gut, um auf Dauer arm zu bleiben“, machte die Kirchenhistorikerin den Widerspruch zwischen dem Selbstverständnis von betenden und arbeitenden Mönchen, die durch ihr Gelübde zu Armut, Keuschheit, Gehorsam und Demut verpflichtet waren und dem wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand ihrer Klöster deutlich. Auch das Zisterzienserinnenkloster Saarn, das erst im Zuge der Säkularisation im Jahre 1808 aufgelöst wurde, war ja nicht nur Gebetsstätte, sondern auch ein Wirtschaftsbetrieb, dessen Besitz durch die Zustiftungen seiner Gönner stetig wuchs. Die konnten im Gegenzug davon ausgehen, dass in dem von ihnen begünstigten Kloster für ihr Seelenheil gebetet und ihnen nach dem Tod eine letzte Ruhestätte im Kloster bereitet wurde.
Bernhard selbst beschreibt Gleba als einen „asketischen Hardliner“, der „Reformer und Traditionalist in einer Person war.“ Als Mönch ließ er sich zwar zum Priester weihen, lehnte ein Bischofsamt aber ab. Die 68 Klöster, die er zu Lebzeiten selbst gründete sah er, wie Pater Hannöver, erklärte „in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde, in der die ersten Christen alles gemeinsam hatten.“ Gleichzeitig, so Gleba, habe der Ordensreformer mit seinen Predigten in Europa als Diplomat und Anwalt der päpstlichen Vormachtstellung agiert. Einer seiner Schüler, Bernardus Paganelli,  bestieg als Papst Eugen III. 1145 sogar den Stuhl Petri.

„Die Zisterzienser waren nicht unbedingt die besseren Menschen, aber sie wollten es besser machen als die Benediktiner“, formulierte der Kirchenhistoriker und Zisterzienserpater Bruno Norbert Hannöver den von Citeaux und den Ordensgründern Robert von Molesme und Stephan Harding ausgehenden Reformanspruch der Zisterzienser.

Architektonisch wie liturgisch setzten die Zisterzienser im Gegensatz zu den Benediktinern, deren Abteikirche in Cluny, die im Mittelalter die größte Kirche nördlich der Alpen war, auf schlichte Funktionalität. Ihre Klosterkirchen, die alle der Mutter Gottes geweiht wurden, kannten weder Türme noch goldene Kreuze und bemalte Kirchenfenster, sondern, wie in Saarn nur Dachreiter mit einfachem Glockengeläut. Alle Kreuze im Kloster waren aus einfachem Holz. „Nichts sollte von der Hinwendung zu Gott ablenken“, beschrieb Pater Hannöver die Reform durch Reduktion. Allerdings zeigten die prachtvollen Gemälde, mit denen er die auf Herz-Jesu- und Marienverehrung basierende Spiritualität der Zisterzienser ins Bild setzte, dass die Religiosität auch in ihren mittelalterlichen Klöstern nicht ganz ohne prunkvolle Äußerlichkeit und Anschaulichkeit auskam.
Außerdem ließen Gleba und Hannöver in ihren Tagungsbeiträgen keinen Zweifel daran, dass auch die Klöster ein gesellschaftliches Spiegelbild ihrer Zeit waren. Die meisten Mönche waren adeliger Herkunft und hatten mit den sogenannten Konversen „Laienbrüder fürs Grobe“, die sie bei der alltäglichen Arbeit unterstützten. Auch mit der gleichberechtigten Aufnahme von Ordensfrauen taten sich die Ordensmänner offensichtlich schwer. Deshalb wurden Frauenklöster, wie das 1214 in Saarn gegründete, auch der Oberaufsicht eines männlichen  Abtes unterstellt. Daher unterstanden die Äbtissinnen und ihre Mitschwestern in Mariensaal auch dem Abt von Kloster Kamp. Nicht schlecht staunten die Tagungsteilnehmer, als ihnen Pater Bruno Nobert Hannöver berichtete, dass die Zisterzienserinnen erst seit 1995 im Generalkapitel ihres Ordens vertreten sind, das Amt des Generalabtes aber weiterhin einem Ordensbruder vorbehalten bleibt.

„Damals waren alle Intellektuelle Ordensleute“, machte Kirchenhistorikerin Gleba mit Blick auf das Mittelalter deutlich. Klöster waren die Orte, an denen nicht nur geistliches, sondern auch geistiges Leben stattfand. Diese intellektuelle Dominanz prägte, wie Gleba sehr anschaulich herausarbeitete, nicht nur das Denken des christlichen Abendlandes. Denn in den Klöstern wurde nicht nur der Glauben gelebt, sondern auch Bildung weitergegeben, Caritas praktiziert oder Arbeitsplätze und Architektur geschaffen. Alles in allem waren die Klöster als von Zöllen und Zehnten befreite Großgrundbesitzer also auch sehr weltlich und materiell ausgerichtete Institutionen.
Dieser Text erschien am 19. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort
 

Freitag, 22. August 2014

So gesehen: Der Innovationsfaktor Mensch

Die größte Innovation ist immer noch der Mensch, der seinen Mitmenschen hilft. Der Bericht über den Conciergeservice im SWB-Hochhaus am Hans-Böckler-Platz (siehe Text unten) zeigt es.

Man sieht: Es sind offensichtlich die kleinen Dinge, wie die helfende Hand, ein Lächeln oder ein aufmunterndes Wort im richtigen Augenblick, die das Leben schön und auch in einem unter Anonymitätsverdacht stehenden Hochhaus plötzlich ganz persönlich machen. Dass die Mieter als Menschen auf solch einen Service abfahren, zeigen die Vermietungszahlen der SWB. Viele Wohnungsgesellschaften haben in den letzten Jahren Hausmeister und Co. eingespart und dafür mit Vandalismus und Leerständen bezahlt. Auch in Bussen und Bahnen wurden Schaffner aus Kostengründen schon vor langer Zeit aufs Abstellgleis geschoben. Heute gehen eigens eingestellte Kontrolleure auf Schwarzfahrerjagd. Jede Rechnung ohne den Menschen erscheint am Ende doch als Milchmädchenrechnung, bei der alle draufzahlen.

Dieser Text erschien am 16. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 21. August 2014

Der Mensch macht den Unterschied: Wie es der SWB gelang unter anderem mit ihrem Conciergeservice Wohnungsleerstände in ihrem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz drastisch zu reduzieren und warum Mieter ihren Concierge nicht mehr missen wollen

„Seid ihr verrückt. Das kann doch nicht euer Ernst sein.“ Solche und ähnliche Sätze hörten Ingrid Bliss (76) und Jutta Eichholz (67) öfter, als sie vor über einem Jahr Freunden und Verwandten ihre Entscheidung mitteilten, dass sie ihre Wonhnungen im grünen Saarn mit einer Hochhauswohnung am Forum eintauschen wollten, um nicht mehr für jeden Einkauf und für jeden Arztbesuch ins Auto steigen zu müssen.

„Hier ist alles ebenerdig und fußläufig erreichbar“, beschreibt Jutta Eichholz, die manch einem noch als langjährige NRZ-Chefsekretärin in bester Erinnerung ist, die grundsätzlichen Vorzüge ihrer neuen Wohnung am Hans-Böckler-Platz. Doch das, was ihre Besucher inzwischen fast neidisch macht, ist der Conciegerservice, den die SWB seinen Mietern im Hochaus am Hans-Böckler-Platz 9 anbietet.

Concierge. Dabei denkt man spontan an eine strenge Französin, die in ihrer Hausmeisterloge dafür sorgt, dass im Haus alles seine Ordnung hat. Im Eingangsbereich des SWB-Hochhauses sitzt aber keine strenge Dame, sondern mit Gerhard Mackenberg ein freundlicher Herr hinter der Theke eines kleinen Büros. Der 58-Jährige, der vor sechs Jahren als Hausmeister bei Siemens wegrationalisiert wurde, fand vor fünfeinhalb Jahren hier eine neue Stelle als Concierge. Man sieht ihm an, dass ihm sein neuer Beruf als Mädchen für alles Freude macht.

Er nimmt Päckchen an, leiht Leitern, Bücher und Verlängerungskabel aus, deponiert auf Wunsch der Bewohner deren Wohnungsschlüssel in seinem Büro oder liefert Brötchentüten und Pakete auch schon mal direkt an der Wohnungstür ab. Er erledigt für Mieter kleinere Einkäufe und Reparaturen oder fährt sie, wenn nötig, auch schon mal zum Arzt. Eine persönliche Anfrage oder ein Anruf im Concierge-Büro reichen und Mackenberg oder sein Kollege Michael Ivanov legen los.

„Ich hatte im letzten Jahr einen Unfall und saß für drei Monate im Rollstuhl. Ohne die Hilfe von Herrn Mackenberg hätte ich gar nicht gewusst, wie ich zum Arzt kommen sollte“, erinnert sich Ingrid Bliss. „Das ist wirklich ein Superservice. Hier kümmert sich jemand wirklich sehr liebevoll um uns. Dadurch fühlt man sich immer sicher und wohl, weil man immer einen Ansprechpartner hat,“ lobt Mieterin Jutta Eichholz.

Dass der Conciergedienst über ihre Mietnebenkosten finanziert wird, nehmen die beiden Damen gerne in Kauf, „weil das“, wie sie sagen, im Monat nur Centbeträge ausmacht. Denn die Nebenkosten verteilen sich im SWB-Hochhaus auf aktuell 196 Mietparteien. Nur zehn Wohnungen im Hochhaus stehen leer. Das war nicht immer so. „Das war hier mal ein sozialer Brennpunkt, in dem die Hälfte der Wohnungen leer standen“, erinnern sich SWB-Marketingfrau Christina Heine und Sylvia Timmerkamp vom Vermietungsbüro an die schwierige Zeit der späten 80er und frühen 90er Jahren. Denn damals galt es nicht mehr, wie in den 70er Jahren, als die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz entstanden, als chic und modern, in einem City-Hochhaus zu wohnen.

Neue Haustechnik, neue Fenster, mehr Licht und Farbe in den Fluren, neue Nachbarn, wie etwa der städtische Kindergarten Fiedelbär, eine Polizeidienststelle und das Technische Rathaus brachten neues Leben in den alten Angstraum. Und zu dieser neuen Strategie, die sich in den Vermietungszahlen offensichtlich positiv niedergeschlagen hat, gehörte eben auch die Einstellung von Concierges, die über die Paritätische Initiative für Arbeit zur SWB kamen.

„Und die geben wir jetzt auch nicht wieder her“, sind sich Mieterinnen und SWB-Mitarbeiterinnen einig. Auch Concierge Gerhard Mackenberg möchte seinen neuen Arbeitsplatz nicht wieder hergeben. „Man grüßt sich. Man spricht miteinander. Man hört zu. Und die zunehmend älteren Mieter sind sehr dankbar für die Hilfe“, freut er sich.

Dass mit Gerhard Mackenberg und Michael Ivanov gleich zwei Concierges (täglich von 7 bis 11 Uhr und von 17 bis 22 Uhr) anwesend und ansprechbar sind und von zwei im Haus wohnenden Hausmeistern unterstützt werden, gibt den neuen Mieterinnen das gute Gefühl, auch im hohen Alter noch selbstständig in ihrer Wohnung leben zu können. „Hier ziehen wir nicht mehr aus, bis sie uns mit den Füßen nach vorne heraustragen“, bringt es Jutta Eichholz auf den Punkt.

 

Was sagt ein Seniorenberater zum Conciergeservice


„Der Concierge-Service der SWB ist wirklich eine gute Sache, die eine kleine aber wichtige Lücke schließt“, findet Holger Förster, der seit 2003 als Seniorenberater des Sozialamtes arbeitet. Täglich hat er es mit Senioren zu tun, die Angst davor haben, in absehbarer Zeit in ihrer Wohnung nicht mehr allein zurecht zu kommen. Oft sei ihre Wohnung zu groß und nicht barrierefrei genug. Oft fehle ihnen aber auch einfach nur eine hilfreiche Hand, die ihnen durch kleine Unterstützungen das selbstständige Wohnen ermöglichen und den Umzug in eine wesentlich teurere, betreute Seniorenwohnung oder in ein Altenheim ersparen könnte.

„ Die Vermietung von Wohnungen wird in Zeiten des demografischen Wandels sicher erleichtert, wenn Vermieter ihre Wohnungen barrierefreier (etwa durch ebenerdige Duschen) umbauen und zum Beispiel, wie die SWB, einen Conciergeservice anbieten“, glaubt der beim Sozialamt unter der Rufnummer 0208/4555059 erreichbare Seniorenberater.

Dieser Text erschien am 16. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 20. August 2014

So gesehen: Der Regen kann draußen bleiben

Ich würde Ihnen ja gerne ein sonniges Wochenende wünschen. Aber dieser Wunsch wird wohl ein frommer bleiben, wenn man den Meteorologen glauben darf.

Da machen nicht nur Landwirte ein Gesicht, wie drei Tage Regenwetter. Regen, dass hatten wir in diesem Sommer doch schon oft genug. Da ist ein weiterer Starkregen doch wohl im wahrsten Sinne des Wortes überflüssig.

Also, ich werde ja den Verdacht nicht los, dass sich irgendjemand ganz furchtbar daneben benehmen muss, dass uns Petrus im schönsten Sommer so im Regen stehen lässt. Wenn man über die eigene Kirchturmspitze hinausschaut und die Nachrichtenlage betrachtet, kann sich dieser Gedanke wirklich aufdrängen und einem die Stimmung verhageln.

Da bleibt wohl nur eines. Bewahren wir uns selbst ein sonniges Gemüt, in dem wir unseren Nächsten und uns selbst etwas Gutes tun. Denn Sommer ist bekanntlich, was im Kopf passiert und man muss die Sonne selbst aufgehen lassen.

Dieser Text erschien am Samstag, 9. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 16. August 2014

Das Wetter als Existenzfrage: Ein Gespräch mit dem Mülheimer Landwirt Karl Wilhelm Kamann

Wie wird das Wetter? Für den Landwirt Karl Wilhelm Kamann ist das keine Frage des Small Talks, sondern eine der beruflichen Existenz.

Morgens geht sein erster Blick gen Himmel und der zweite auf sein altes Barometer. Zeigt es Hochdruck an, kann sich Kamann auf einen sonnigen und trockenen Tag einstellen. Das ist genau das Wetter, das er im Moment gut gebrauchen kann, um vor allem Weizen, Stroh und später Heu zu ernten. Roggen und Gerste hat er bereits gedroschen und eingefahren. Die Maisernte muss erst Ende September eingebracht werden. Doch mit dem Weizen kommt er derzeit nicht weiter. Denn sein Barometer zeigte nach einer zwischenzeitlichen Hochdruckphase immer wieder Tiefdruck an. „Wir hatten in den letzten Tagen und leider auch im gesamten Jahr zu viel Starkregen und zu wenige Trockenphasen. Weizen und Heu sind noch zu feucht, um sie zu dreschen und einzufahren“, bedauert Kamann.

Als der Westdeutsche Wetterdienst gestern erneut unwetterartigen Starkregen mit Niederschlag von 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter voraussagte, war das für Kamann ein erneuter Strich durch seine Zeitrechnung.

Eigentlich hatte er nach dem Hochdruck-Intermezzo der letzten Tage auf eine natürliche Trocknung seiner noch nicht eingebrachten Weizen,- Stroh- und Heuernte gehofft. Denn nur wenn dessen Feuchtigkeitsgrad unter 14 Prozent liegt, kann Kamann die Ernte problemlos fortsetzen. Ohnehin muss er seine Mäh- und Dreschmaschinen derzeit drosseln, wenn Starkregen und Windböen von 70 bis 80 Stunden/Kilometern, wie sie jetzt vom Westdeutschen Wetterdienst vorhergesagt worden sind, die Weizenhalme in eine für den maschinellen Erntevorgang ungeeignete Schräglage bringen.

Wenn ihm der Starkregen keine andere Wahl lassen sollte, könnte er Weizen in einer Futtermittelfabrik, an die er ohnehin den größten Teil seiner Ernte liefert, künstlich belüften und so trockenen lassen. „Doch das wäre mit zusätzlichen Kosten verbunden“, erklärt er eine mögliche Regenauswirkung auf seinen Gewinn, der immer wieder auch durch Hagelschlag geschmälert wird. Dagegen hat sich der Landwirt, der in Winkhausen, Holthausen und Speldorf Ackerflächen von insgesamt 80 Hektar bewirtschaftet und darauf neben Getreide auch Rüben, Mais und Bohnen anpflanzt, sogar versichert. „Doch diese Versicherung greift erst ab einem hagelbedingten Ernteausfall von mindestens acht Prozent. Und selbst dann muss ich genau überlegen, ob ich den Schaden selbst trage oder im nächsten Jahr eine höhere Versicherungsprämie bezahlen will“, schildert Kamann den witterungsbedingten Teufel, der auch hier im Detail steckt.

Was ihn während der Erntezeit ärgert und um die Qualität der Ernte fürchten lässt, kommt dem Landwirt in der Wachstumsphase gerade recht. „Ist der Mai kalt und nass, fühlt es dem Bauern Scheune und Fass“, zitiert Kamann eine alte Bauernregel.

Auch wenn ihm die Starkregenfälle 2014 das Leben schwermachen und nicht nur den Pflanzen, sondern auch dem feuchtigkeitsspeichernden Lößlehmboden zusetzen, kennt Kamann als Landwirt in der vierten Generation seiner Familie auch aus früheren Jahrzehnten extreme Wetterschwankungen mit Jahren, in denen die Saat mal früher und mal später aufging, weil das Jahr entweder zu kalt oder zu warm, zu trocken oder zu nass war. „Solche Schwankungen gehören dazu. Damit muss man als Landwirt leben“, sagt Kamann und ist deshalb auch eher zurückhaltend, wenn vom Klimawandel die Rede ist. Für 2014 rechnet der Landwirt, der fast das Rentenalter erreicht hat, aber solange weiterarbeiten will, wie es seine Gesundheit erlaubt, mit einem durchschnittlichen Ernteertrag von 7 bis 8 Tonnen pro Hektar. In Spitzenjahren, in denen das Wetter mit einer kontinuierlichen und gemäßigten Abfolge von Kälte,- Wärme,- Nässe,- und Trockenperioden mitspielt, kann der Ernteertrag auch schon mal bei über 10 Tonnen pro Hektar liegen.

Dieser Text erschien am 9. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 8. August 2014

Das Popcornorchester: Ein Ensemble, das alle Handicaps locker überspielt: Ein Probenbesuch in der Musikschule

Das Grau ist tonangebend auf den hohen und langen Fluren der alten Augenklinik an der Von-Graefe-Straße, in der jetzt die Musikschule und das Stadtarchiv zu Hause sind. Erst als sich die Tür des Raumes D4 öffnet, wird es bunter und fröhlicher. Es probt das integrative Popcornorchester. Der Name ist Programm. Pop- und Film-Songs, wie „Mad World“, der Abba-Klassiker „Money, Money, Money“, „Lambada“, „Moon River“ aus Frühstück bei Tiffany, Henry Mancinis „Baby Elefant Walk“ und „Pink Panther“ klingen flott, schmeicheln dem Ohr und machen spontan gute Laune.

Das färbt auch auf die Musiker ab. „Gib alles. Bring die Mädels mal groß raus“, feuert Bass-Gitarrist Kalle Schauenburg seinen Vordermann am Keyboard, David Schünke, an, während sich die Akkordeonistin Lucienne Hougardy und die Cellistin Sonja Oberdörster bei „Mad World“ als Sängerinnen probieren. „Vielleicht zieht ihr den Refrain noch mal etwas in die Länge“, schlägt E-Gittarist und Band-Gründer Bernhard Fuchs vor. Und beim zweiten Versuch klingt es gleich noch besser.

Dass hier Menschen mit und ohne Handicap musizieren, sieht und hört man nicht. Und genau das macht die musikalische Gruppendynamik aus. Hier hat jeder seinen Platz und seine Aufgabe, egal ob er vom Gymnasium aus oder aus den beschützenden Werkstätten der Fliedner-Stiftung kommt. „Ich arrangiere die Stücke so, dass jeder das spielt, was er kann und jedes Instrument gut hörbar zur Geltung kommt“, sagt Musikschullehrer Johannes Burgard, der als musiaklischer Leiter am Klavier den Ton angibt. „Integration oder Inklusion ist in der Musik leichter als etwa an der Regelschule, weil man hier sehr gut auf unterschiedlichen Leistungsniveaus zusammenspielen kann“, findet Bernhard Fuchs.

Der Musikschul- und Sonderpädagoge hat das Popcornorchester vor gut 15 Jahren gegründet. „In den 80er und frühen 90er Jahren wurden wir mit Bruno’s Band oft wie ein Leuchtfeuer herumgereicht, weil wir eine der ersten integrativen Bands im Lande waren. Inzwischen ist das viel normaler geworden, weil fast jede Musikschule ein integratives Ensemble hat“, sagt Fuchs.

„Ich spiele lieber Pop als Klassik. Und ich finde es toll, dass es locker zugeht und wir die Stücke, die wir spielen auch selbst mit aussuchen können“, sagt die 13-jährige Freda Wix, die das Gymnasium Broich besucht. Sie fühlt sich mit ihrer Querflöte im Popcornorchester besser aufgehoben als in anderen Musikschulensembles.

„Hier wird man so genommen, wie man ist. Man braucht sich nicht zu verbiegen. Und die Stücke sind auch nicht zu schwer“, findet Akkordeonistin Lucienne Hougardy. Und für Cellistin Sonja Oberdörster ist das Popcorn-Orchester einfach toll, „weil ich hier mit meinem Instrument besser zur Geltung komme und nicht wie in größeren Ensembles untergehe.“

„Ich mag einfach den Rhythmus“, sagt der 26-jährige Thorsten Welke, der als Monteur in der Fliednerwerkstatt an der Weseler Straße arbeitet und als Drummer des Popcornorchesters mit Pauke, Schellenring, Gong, einem mit Nägeln gefülltem Regenrohr und kleinen, harfenähnlich klingenden Metallstäben einen Hintergrundsound kreiert, den man in keinem gut Popstück vermissen möchte.

„Das ist schon eine Herausforderung und man erlebt immer wieder etwas Neues“, sagen die Brüder David (Keyboard) und Christian Schünke (Geige), die als Tischler und Schlosser bei Fliedner arbeiten. Sie spielen auch nach fast 15 Jahren immer noch gerne mit und treten etwa bei Konzerten zugunsten von Unicef oder demnächst auf Einladung der Alzheimer-Gesellschaft mit ihren Orchesterkollegen auf. Auch in Kirchengemeinden oder bei Familienfesten war das Popcornorchester schon zu hören.

„Was mir im Popcornorchester besonders gut gefällt, ist der Umstand, dass die Musik hier nicht nur Handicaps, sondern alle Altersunterschiede einfach wegspielt und es egal ist, ob du 15 oder wie ich 58 Jahre alt bist“, sagt der beruflich als Betreuer bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung aktive Bass-Gitarrist Kalle Schauenburg. Der Kontakt besteht auch jenseits von Proben und Konzerten. „Gerade für unsere behinderten Mitspieler sind die sozialen Kontakte und die Anerkennung, die sie im und mit dem Popcornorchester erleben von großer Bedeutung“, sagt Bernhard Fuchs.


Dieser Text erschien am 23. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. August 2014

Dem eigenen Gewissen gefolgt: Drei Lebensbeispiele aus dem christlichen Widerstand gegen Hitler, die uns auch heute noch viel zu sagen haben

Vor der Barbarakirche im Mülheimer Stadtteil Dümpten steht ein Stahlkreuz, das die Portraits von Otto Müller, Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus trägt. Das Kreuz wurde dort 2001, im Jahr der Seligsprechung von Nikolaus Groß aufgestellt. In der Mülheimer Gemeinde, die seit 1998 in regelmäßigen Abständen ein Nikolaus-Groß-Muscial auf die Bühne bringt, hat man ein besonders enges Verhältnis zu den drei Männern, die während der NS-Zeit an der Spitze der Katholischen Arbeiterbewegung Westdeutschlands standen und aus ihrem christlichen Glauben heraus gegen die Hitler-Diktatur kämpften. Diesen Kampf mussten sie mit dem Leben bezahlen, weil sie als führende Mitglieder des Kölner Kreises mit anderen Kreisen des Widerstandes in Verbindung standen und um den Versuch wussten, Hitler am 20. Juli 1944 zu beseitigen, um ein neues Deutschland aufzubauen. Das neue Deutschland, das dem Kölner Kreis um den aufgewachsenen KAB-Verbandspräses Otto Müller vorschwebte, war ein Deutschland, das christlich, demokratisch und im Sinne der katholischen Soziallehre gerechter sein sollte. Otto Müller hatte es in einer seiner Schriften zur Entwicklung von Kapitalismus und Sozialismus einmal so formuliert:

„Das Gebot, den Nächsten zu lieben, wie uns selbst, umfasst auch die Liebe zur Gesamtheit des Volkes, fordert Einschränkungen der eigenen Interessen zugunsten des Gemeinwohls. Gleichwohl erscheint die Entwicklung eines christlichen Sozialismus weniger zweckentsprechend, weil sich ein großer Teil der Menschheit nicht zum christlichen Glauben bekennt. Der Inhalt der christlichen Forderung braucht deshalb nicht geschmälert zu werden. Denn letzten Endes sind die Ziele, die eine christliche Lebensauffassung für die Entwicklung der künftigen Sozial- und Wirtschaftsordnung erstrebt, auch von all jenen zu erstreben, die ohne Voreingenommenheit gegen Glaube und Religion, von der Sorge um die Gesundung des Allgemeinwohles geleitet werden. Es kommt darauf an, zur Gemeinsamkeitsarbeit an der Verwirklichung der Ziele alle Gutwilligen zu vereinen.“

Vieles von dem, was im Kölner Kreis vorgedacht worden war, sollte nach dem Krieg auch mit Hilfe von Überlebenden des Kölner Kreises, wie dem späteren Bundesminister Jakob Kaiser oder dem späteren Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold, Eingang in das 1949 verabschiedete Grundgesetz der Bundesrepublik finden. Man denke an das in der Präambel formulierte Bekenntnis „zur Verantwortung vor Gott und den Menschen“, an die im Artikel 1 verankerte Verpflichtung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt oder an den im Artikel 14 festgeschriebene Grundsatz. „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“
Müller, Groß und Letterhaus arbeiteten ab 1927 im Kölner Ketteler-Haus als Verbands-Präses, als Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung und als Verbandsekretär zusammen an der Spitze der katholischen Arbeiterbewegung Westdeutschland. Alle drei wurden nicht nur durch ihren Glauben verbunden und getragen. Sie wussten aus ihrer eigenen Biografie, dass Bildung die Voraussetzung für die gesellschaftliche Gleichberechtigung und politische Teilhabe der Arbeiter war. Der in Mülheim aufgewachsene Lehrersohn Müller hatte schon als junger Pfarrer in Mönchengladbach die Bildungsarbeit der katholischen Arbeitervereine vorangetrieben und eine Doktorarbeit über die Geschichte der christlichen Gewerkschaften geschrieben. Der 1898 im Ruhrgebiet geborene Groß und der 1894 in Wuppertal geborene Letterhaus hatten sich durch Fortbildung von Arbeitern zu Arbeiterführern weiterentwickelt.
Müller, Letterhaus und Groß kannten die sozialen Nöte der Industriearbeiterschaft, etwa im Bergbau, in der Stahl- und in der Textilindustrie, aus eigener Anschauung. Früher, als viele andere erkannten sie, dass diese durch die Weltwirtschaftskrise verschärften Nöte und Ungerechtigkeiten den Nazis in die Hände spielten. Vor und nach 1933 warnten sie nicht nur die katholische Arbeiterschaft vor der Gefahr des Nationalsozialismus. Müller nannte Hitler „ein nationales Unglück.“ Letterhaus warnte als Zentrumsabgeordneter des preußischen Landtags und Vizepräsident des Deutschen Katholikentages: „Wenn es diesem Demagogen Hitler einmal gelingen sollte, an der Spitze Deutschlands zu stehen, dann ist der Anfang des Untergangs da und auch ein neuer Krieg. Wir müssen uns dem entgegenstemmen, wo immer es auch sein mag.“ Dieser Erkenntnis folgend lehnte er 1933 das Ermächtigungsgesetz und das Reichskonkordat ab.
Nikolaus Groß hatte als Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung bereits 1932 kommentiert: „Der Nationalsozialismus stellt weltanschaulich ein wildes Durcheinander aus den verschiedensten Weltanschauungen dar. Politisch ist der Nationalsozialismus Gegner des Volksstaates und der Demokratie und Verfechter des Diktaturgedankens. Deshalb ist der Nationalsozialismus auch das Sammelbecken der politisch Unreifen und Unmündigen geworden.“

Müller, Letterhaus und Groß wussten, worauf sie sich einließen, als sie unter anderem über des Jesuitenpater Alfred Delp Kontakt zu Carl Friedrich Goerdeler, Ludwig Beck und anderen Männern des 20. Juli aufnahmen und ab 1942 im Kölner Kreis Pläne für die Zeit nach Hitler schmiedeten. Generaloberst Beck sollte nach einem Sturz Hitlers Staatsoberhaupt, der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister Gordeler Reichskanzler und Letterhaus Minister für Wiederaufbau werden.

Es kam anders. Alle drei wurden nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler verhaftet und gefoltert. Letterhaus und Groß wurden vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt und in Berlin-Plötzensee gehängt. Der damals bereits 73-jährige Müller starb noch während der Haft am 12. Oktober 1944 in Berlin-Tegel. "Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen, wie wollen wir dann vor Gott und unserem Volk einmal bestehen?" hatte Nikolaus Groß am Tag vor dem Hitler-Attentat den Paderborner KAB-Präses Caspar Schulte gefragt, als dieser den siebenfachen Familienvater vor der Teilnahme am Widerstand gegen Hitler gewarnt hatte. Und Bernhard Letterhaus hatte seine Motivation zum Widerstand gegen Hitler bereits 1940 so formuliert: „Beruf hat im Kern das Wort Ruf. Zu dem, was ich in der Vergangenheit tat und zu dem, was ich in der Zukunft tun muss, bin ich gerufen. Von wem? Nun, wir Christen bekennen: Von Gott. Ich habe diese Stimme im Weltkrieg in mir gehört und bin ihr gefolgt. Deshalb darf ich auch nicht bedrückt sein, wenn ich durch Täler wandern muss. Nur, wenn ich der Stimme nicht folge, müsste ich mich verlieren.“

Die Frage, was wir heute aus dem Lebensbeispielen der katholischen Widerstandskämpfer Müller, Letterhaus und Groß lernen können, hat der 1934 geborene Diakon Bernhard Groß mit Blick auf seinen am 23. Januar 1945 hingerichteten Vater in einem Interview 2011 einmal so beantwortet: „Wir haben gelernt, dass wir uns nicht verbiegen dürfen, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen. Positiver Widerstand sozusagen. Wir haben gelernt, was Freiheit, was Menschenwürde ist und dass man sich dort, wo diese verletzt wird, einsetzen muss.“                       

Dieser Text erschien am 26. Juli 2014 im Neuen Ruhr Wort