Montag, 29. September 2014

Geld ist doch nicht alles: Der Organisator der Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach, über die fortschreitende Ökonomisierung unserer Gesellschaft

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Was hat uns dieses über 2000 Jahre alte Wort aus der Bergpredigt Jesu heute noch zu sagen? Es könnte nicht aktueller sein, glaubt der Organisator der ökumenischen Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach. Deshalb hat Dierbach, der als Pflegedienstleiter im Altenheim Ruhrgarten arbeitet, zusammen mit einem Kreis von Theologen und Nichttheologen der Gerhard-Tersteegen-Konferenz eben dieses Wort als Leitthema für die Bibeltage ausgewählt, zu denen er am 20. und 21. September rund 400 Gäste einlud. Es können natürlich auch mehr werden, weil die seit über 100 Jahren stattfindenden Bibeltage eintrittsfrei und für alle Interessierten offen sind. Aber was könnte Menschen 2014 an der Mahnung Jesu vor dem Mammon interessieren? Es würden nicht so viele Menschen zu den Bibeltagen kommen, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dass die Frohe Botschaft vom lebendigen und in Jesus Christus offenbarten Gott, der die Menschen liebt und will, etwas mit ihrem Leben zu tun hat und ihnen gut tut, betont Dierbach. In diesem Sinne versteht er die Bibeltage 2014 als ein Forum für eine geistige und kulturelle Alternativveranstaltung zur totalen Ökonomisierung unserer Gesellschaft. Denn eben diese totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Menschen permanent einredet: Hast du was, dann bist du was, sieht er als den Mammon unserer Tage.

Auch Kirche, Diakonie und Caritas, die in seinen Augen die Aufgabe haben, die frohe Botschaft Jesu lebendig werden zu lassen, um so zu einem Treffpunkt zwischen Gott und der Welt zu werden, atmen die gleiche Luft dieser durchökonomisierten und durchrationalisierten Gesellschaft, in der ein gnadenloser Wettlauf um materielle Vorteile herrscht und nicht nur Menschen, sondern auch Institutionen, wie Kirche, Diakonie und Caritas in Versuchung geraten, ihre eigene Mitte zu verlieren.

Dierbach hat kein Problem damit, dass die Kirche zum Beispiel als Arbeitgeber von bundesweit einer Million Menschen mit Geld wirtschaftet und Geld aus Spenden und Steuern einnimmt, solange sie nicht ihre Mitte und ihre göttliche Sendung aus den Augen verliert, nämlich, dass es für sie darum geht, den Menschen zu dienen und nicht zu verdienen.

Er erinnert daran, dass auch die Jünger Jesu Spenden für die Armen gesammelt hätten und alle Christen von Jesus aufgefordert seien, ihre Talente, zu denen auch Geld gehören könne, nicht zu vergraben, sondern damit zu wuchern. Auf der anderen Seite dürfe die Kirche, die sich immer wieder auf ihre biblischen Wurzeln besinnen müsse, nicht vergessen, dass Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben habe. Auch die christlichen Kirchen sieht Dierbach in der Versuchung, gerade in Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen und Kirchenmitgliedszahlen die Sorge um Macht, Geld und Einfluss in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns zu stellen. Wenn sie freiwillig Gott austauschen gegen den Gott Mammon, gehen sie kaputt, mahnt er und weist darauf hin, dass die großen Segenswerke der Kirche nicht durch ökonomische Konzepte, sondern durch den Gehorsam einzelner Menschen gegenüber ihrer göttlichen Sendung und der daraus folgenden Vollmacht entstanden sind. Dierbach ist überzeugt, dass wir in Deutschland nicht zu wenig Geld, sondern zu viele harte Herzen haben.

Das Beispiel einer Oberhausener Kirchengemeinde, die aus finanziellen Gründen aufgelöst werden sollte, dann aber genug Spender fand, um ihre seelsorgerische und soziale Arbeit mit einem Pfarrer und einem Jugendleiter fortzusetzen, zeigt ihm: Wo Kirche nah bei Gott und nah bei den Menschen ist, werden am Ende auch finanzielle Engpässe überwunden.

Natürlich weiß auch Dierbach, dass die Kirche ihre Mitarbeiter nicht mit Gebeten bezahlen kann. Er weiß aber auch, dass die Menschen zu Recht von der Kirche erwarten, dass sie anders mit Geld umgeht, als dies auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmen tun und dabei nie vergisst, das Geld den Menschen dienen muss und nicht umgekehrt.

Für Dierbach geht es im Kern darum, dass Kirche durch ihr authentisch gelebtes Glaubenszeugnis vor allem Herzen bewegen und die Menschen erleben lassen muss: Das, was hier geschieht, hat etwas mit meinem Leben zu tun und hier sind Menschen, die sich für mich interessieren und mir eine glaubwürdige Antwort auf die Frage geben, woher ich komme, wer ich bin und wohin ich gehe.

Dabei ist sich der evangelische Christ Dierbach mit dem katholischen Papst Franziskus einig, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen ausbeuterischen Auswüchsen „Menschen tötet und in seiner Wurzel ungerecht ist.“ Und noch ein anderer Aspekt treibt ihn um: Auch wenn das für ihn keine inhaltlich entscheidende, sondern nur eine strukturelle Frage ist, kann er sich auch eine Kirche ohne Kirchensteuern und durch sie finanzierte Pfarrer- und Bischofsgehälter vorstellen. Das könnte, glaubt Dierbach, eine Hilfe sein, die Kirche zu erneuern, weil es eine starke Herausforderung für alle Menschen wäre, die sich um ein kirchliches Amt bewerben oder als Kirchenmitglied kirchliche Aufgaben mit finanzieren und dann sehr viel enger miteinander verbunden wären und sich deshalb auch viel stärker fragen müssten: Was tue ich warum und für wen und was erwarten wir voneinander.

Am Ende entscheidet sich für Dierbach die Zukunftsfähigkeit der Kirchen aber nicht an ihrer Finanzierung, sondern daran, ob sie ihr Handeln an der biblischen Botschaft Jesu von der Liebeszusage Gottes ausrichten und diese als ihren Mittelpunkt begreifen, sie leben und verkünden oder nicht.

Dieser Text erschien am 20. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. September 2014

"Wir müssen wegkommen vom Sitzungskatholizismus": Ein Rückblick und Ausblick mit dem scheidenden Vorsitzenden des Mülheimer Katholikenrates

An der Spitze des Katholikenrates, der als Laiengremium die 51.751 Mülheimer Katholiken veritt, vollzog sich am 24. September ein Stabwechsel. Der Vorsitzende Wolfgang Feldmann gibt sein Ehrenamt nach zwölf Jahren ab. Im Gespräch, das ich mit ihm für die NRZ führte, zieht er Bilanz und blickt nach vorn.

Frage: Warum geben Sie Ihr Amt auf?

Antwort: Feldmann : Ich finde es besser aus freien Stücken und zu einem Zeitpunkt zu gehen, an dem die Meisten sagen: „Schade, dass er schon geht.“ Man sollte kein Amt zu lange inne haben und es damit überstrapazieren. Denn neue Leute bringen wieder neue Ideen und Impulse mit. Das gilt für die Kirche ebenso wie für die Politik oder die Wirtschaft.

Frage: Gibt es denn schon einen potenziellen Nachfolger?

Antwort: Den gibt es, auch wenn ich mich gefreut hätte, eine Nachfolgerin zu bekommen. Über Namen spreche ich nicht, aber die Mitglieder der Vollversammlung des Katholikenrates werden nicht auf ihre Schnürsenkel schauen und sagen müssen: Hoffentlich fragt mich keiner.

Frage: Was war das einschneidendste Erlebnis Ihrer Amtszeit?

Antwort: Das war sicher die Gemeindeumstrukturierung des Jahres 2006, als drei Mülheimer Großpfarreien entstanden und die mittlere Ebene der Stadtkirche wegbrach.

Frage: Sind damals Fehler gemacht worden?

Antwort: Dass wir damals das katholische Jugendamt und die hauptamtliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eingespart haben, halte ich auch heute noch für einen Fehler. Hier ist die evangelische Kirche erheblich professioneller aufgestellt.

Frage: Was verbuchen Sie auf Ihrer Haben-Seite?

Antwort: Ich bin stolz darauf, dass ich mit dazu beitragen konnte, dass wir in Mülheim keine Kirche abgerissen haben. Die beiden Kirchen, die aufgegeben wurden, haben als Caritas-Zentrum St. Raphael und als Urnenkirche Heilig Kreuz eine sinnvolle Nachfolgenutzung gefunden. Außerdem freue ich mich, dass wir als Katholikenrat mit dazu beitragen konnten, dass wir seit 2004 eine katholische Ladenkirche haben. Menschen, die in keine Kirche und in kein Pfarrbüro kommen würden, finden dort einen niederschwelligen Zugang und immer jemanden finden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Da wird auch ehrenamtlich gute Seelsorge geleistet. Als wertvolle Initiative des Katholikenrates sehe ich es auch, dass wir mit dem Barbaramahl in der Stadthalle 2012 mehr als 13?000 Euro für die örtliche Hospizarbeit sammeln konnten. Außerdem haben wir mit unserem Neujahrs- und Arbeitnehmerempfang wichtige Foren geschaffen, in denen katholische Kirche öffentlich zu aktuellen Themen Stellung nehmen und mit den Akteuren der Stadtgesellschaft ins Gespräch kommen kann. Das gilt auch für unser Engagement im interreligiösen Dialog, das mit dafür gesorgt hat, dass wir in Mülheim zwischen den Religionen Frieden haben.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft der Stadtkirche?

Antwort: Ich glaube, dass wir in zehn bis 15 Jahren nur noch eine Pfarrgemeinde in Mülheim haben werden und das wird St. Mariae Geburt sein. Verwaltungstechnisch ist das machbar. Aber die Seelsorge muss weiterhin vor Ort geleistet werden. Dabei werden engagierte Gemeindemitglieder, wie in Lateinamerika, eine größere Rolle spielen müssen.

Frage: Wird es diese engagierten Laien dann auch noch geben?

Antwort: Da bin ich zuversichtlich, wenn ich sehe, wie viele junge und gut ausgebildete Menschen sich engagieren, obwohl wir als Kirche ein Wellental durchschreiten, weil wir durch Skandale an Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber Menschen suchen in ihrem Leben Sinn und Orientierung und wir haben eine frohe Botschaft, die wir aber glaubhaft und mutig vertreten müssen. Wir müssen vom Sitzungskatholizismus zur praktizierten Nächstenliebe kommen. Wir sollten im Alltag einfach mehr füreinander da sein und aufeinander aufpassen.

Frage: Wie sehen Sie die Kirchenaustritte?

Antwort: Ich glaube, dass viele Menschen, die aus der Kirche austreten, schlagzeilenträchtige Skandale nur als Vorwand nutzen, um Geld zu sparen. Sie vergessen dabei, dass Kirche auch mit Hilfe von Kirchensteuern, etwa bei der Caritas, in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern, wichtige Arbeit leistet. Sicher haben Einzelne in der Kirche auf schlimme Weise versagt. Trotzdem wehre ich mich immer vehement gegen eine pauschale Verurteilung der Kirche.

Wolfgang Feldmann (63) arbeitete bis zu seiner Pensionierung für ein großes Pharmaunternehmen. 1977 wurde er erstmals in den Pfarrgemeinderat von St. Barbara gewählt, dessen Vorsitz er 1981 übernahm. Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Katholikenrates gab er 2004 den Pfarrgemeinderatsvorsitz ab und engagierte sich für einige Jahre im Diözesanrat und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. 2005/06 gehörte er auch zu den Mitgliedern der Kommission, die den damaligen Ruhrbischof Felix Genn bei der Neustrukturierung der katholischen Gemeinden beriet. Der verheiratete Familienvater glaubt, dass die katholische Kirche mehr Priester gewinnen könnte, wenn sie auf den Pflichtzölibat verzichten würde. Ein freiwilliger Zölibat kann aus seiner Sicht aber auch den Vorteil haben, dass Priester mehr Zeit für ihre Gemeinde haben.

2006 gab es in Mülheim noch rund 60?000 Katholiken. Heute sind es etwas mehr als 51?000. 2013 traten 413 Mülheimer Katholiken aus der Kirche aus. Im laufenden Jahr waren es bisher 369. Im Jahr 2013 standen 299 katholischen Taufen und 23 Wiederaufnahmen in die Kirche 512 Bestattungen gegenüber.


Dieser Text erschien am 17. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. September 2014

Wie und warum an die Shoa erinnern? Eindrücke aus einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg


„Wie und warum die Shoa erinnern?“ Eine schwierige Frage. Eine Tagung in der Wolfsburg stellte sie am 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Tagungsleiter Jens Oboth nannte gleich zu Beginn zwei Zahlen, die er selbst als unfassbar beschrieb: 55 Millionen Menschen verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. 6 Millionen Menschen wurden Opfer der Shoa. „Wie kann man dieses unglaubliche Menschheitsverbrechen der nachwachsenden Generation vermitteln, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden“, fragte Oboth.

Der Regisseur Johannes Kuhn gab eine Antwort mit seinem Film „Der Dachdecker von Birkenau.“ In ihm gab er den millionenfachen Holocaust-Opfern ein Gesicht, in dem er den 90-jährigen Mordechai Ciechanower an den Orten seines Martyriums von seinem Leiden und Überleben in sechs Konzentrationslagern und Ghettos berichten ließ. „Das war das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Das hat mich zerbrochen“, erinnert sich Ciechanower im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, in dem er einst als Dachdecker arbeiten musste, an den 10. Dezember 1942. Es war der Tag, an dem er auf der Rampe des Konzentrationslagers von Mutter und Schwester getrennt wurde und sie nie wiedersehen sollte. Sein Vater und er durchlebten und überlebten die Hölle des Holocaust und sollten sich nach Kriegsende in einem Camp für „displaced persons“ wiedersehen.
Nach 100 belastenden und zugleich beeindruckenden und berührenden Filmminuten, fällt der Beginn der Diskussion nicht leicht. „Dieser Film wird mich noch lange beschäftigen,“ sagt eine Tagungsteilnehmerin. „Das Schlimmste war die Erniedrigung der Menschen und ihr Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit“, sagt eine andere. Wer diesen Film gesehen hat, und das sollte jeder einmal getan haben, weiß, was der Holocaust war und was er angerichtet hat.

Der im christlich-jüdischen Dialog aktive Theologe Hans Hermann Henrix und die im Stiftungsrat der internationalen Jugendbegegnungsstätte des ehemaligen KZs Auschwitz engagierte Politikwissenschaftlerin Katarina Bader bescheinigen Kuhn: „Sie haben der Erzählung des Überlebenden, den Platz eingeräumt, der ihm zukommt und auf jedes Spiel mit Effekten und Emotionen verzichtet.“
Kuhn und Bader sind sich einig, dass sich die Enkelgeneration im Erinnern an die Shoa leichter tut, als die Kinder der Tätergeneration, deren Erinnerung an Krieg und Holocaust noch stärker von Schuldzuweisungen an die eigenen Eltern dominiert werde. Kuhns Film, der vom Verein Gegen das Vergessen und für Demokratie produziert worden ist, zeigt es. Die Jugendlichen, denen Mordechai Ciechanower seine Geschichte erzählt, fragen ihn interessiert und unbefangen. Und er ermutigt sie dazu. „Die Jugend muss wissen, was passiert ist, damit sich so etwas nicht wiederholt. Fragen Sie alles, was Sie wissen wollen und haben Sie keine Scham“, sagt er. Dass der Holocaust-Überlebende mit Elan, aber ohne Verbitterung und Schuldzuweisung von seinem Leidensweg berichtet, beeindruckt nicht nur Regisseur Kuhn, der ihn 2005 im ehemaligen KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen kennengelernt und 2013 auf seiner Zeitreise zu seinen Leidensstationen begleitet hat. Auch die Zuschauer sind sichtbar bewegt.

„In Auschwitz ist nicht das Judentum, sondern das Christentum gestorben“, zitiert Jens Oboth mit Elie Wiesel einen anderen Holocaust-Überlebenden und stellt damit die selbstkritische Schuldfrage in Richtung Katholische Kirche. „Dass müssen wir uns als Christen gesagt sein lassen“, räumt Theologe Henrix ein. Ausgehend von einem Hirtenwort der deutschen Bischöfe im August 1945 beschreibt er die lange Entwicklung von der Schuldverdrängung, die den Katholizismus allein als Hort des Widerstandes sehen wollte bis zum klaren Eingeständnis der eigenen Schuld, wie sie im November 1975 von den deutschen Bischöfen in ihrer Erklärung „Unsere Hoffnung“ formuliert worden sei. Henrix erinnert daran, dass es unter den 500.000 aktiven Nazis auch viele getaufte Christen gegeben habe. Er zitiert in diesem Zusammenhang das Wort des Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz: „Die Katholiken haben während der NS-Zeit mit dem Rücken zum verfolgten jüdischen Volk einfach weitergelebt.“
Auch Tagungsteilnehmer, die während der 50er und frühen 60er Jahre zur Schule gegangen sind, erinnern sich an Lehrer, „die viel gewusst, aber nichts gesagt und kräftig verdrängt haben.“ Der Theologe Henrix wirbt um Verständnis für diesen frühen Verdrängungsprozess: „Wir brauchten als Gesellschaft diese Zeit, um ein erwachsenes Verhältnis zu unserer Geschichte zu bekommen.“ Bis zu der vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 formulierten Einsicht, „dass der 8. Mai 1945 auch für die Deutschen kein Tag der Niederlage, sondern ein Tag der Befreiung gewesen ist“, sei es ein weiter Weg gewesen. Filmische Zeitzeugenberichte, wie ihn jetzt die katholische Akademie in Mülheim zeigte, sind für Henrix geeignet, den Holocaust auch für die nachfolgende Generation anschaulich und begreifbar zu machen.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen bei der Mitarbeit in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz und beim Verfassen einer Biografie des Holocaust Überlebenden Jurek Hronowski („Jureks Erben“) plädiert Katarina Bader dafür, Raum für die Begegnung christlicher, jüdischer und islamischer Jugendlicher zu schaffen und auch die Kinder der Holocaust-Opfer und Überlebenden stärker in Zeitzeugenbefragungen mit einzubeziehen.
Baders Bilanz: „Die meisten Jugendlichen halten die Erinnerung an die Shoa und den Krieg für sinnvoll. Sie haben aber oft den Eindruck, dass man nicht offen und ehrlich darüber sprechen kann, weil es noch zu viele Tabus gibt. Deshalb müssen wir selbstkritisch darüber nachdenken, ob die Enkel- und Urenkelgeneration in das Erinnerungsgebäude einziehen will, das wir ihnen aufgebaut haben.“ (Thomas Emons)

Johannes Kuhns und Mordechai Ciechanowers Zeitzeugen-Film „Der Dachdecker von Birkenau wird ab November 2014 als DVD erhältlich sein. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.der-dachdecker-von-birkenau.de

 Dieser Text erschien am 12. September 2014 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 19. September 2014

Ein Modell, mit dem alle besser fahren würden: Warum der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft für unentberlich hält

Dass der von 15 Mitarbeitern geleistete Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) vor dem Aus stehen könnte, weil das Bundesprogramm Bürgerarbeit (siehe unten) Ende des Jahres ausläuft, treibt den Vorsitzenden des Seniorenbeirates, Helmut Storm, um. Deshalb plädiert der ehemalige Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, wie der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, für einen steuerfinanzierten sozialen Arbeitsmarkt, weil sich dieser aus seiner Sicht nicht nur sozial, sondern auch volkswirtschaftlich auszahlt.

Frage: Warum ist der MVG-Begleitservice aus Ihrer Sicht unverzichtbar?

Antwort: Man muss sehen, dass viele ältere Menschen kein Auto haben oder kein Auto mehr fahren können und deshalb um so mehr auf Bus und Bahn angewiesen sind, um mobil zu bleiben und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dabei geht es um alltägliche Dinge, wie einen Arztbesuch, einen Einkauf, einen Theaterbesuch oder die Teilnahme an einem Kaffeekränzchen. Wenn alte Menschen dann aber auf einen Rollator angewiesen sind oder ihre Sehkraft nachlässt, sind sie bei der Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs auf Begleitung angewiesen. Und selbst wenn sie Kinder haben, sind die oft aus beruflichen Gründen nicht abkömmlich.

Antwort: Für alte Menschen ist diese subventionierte Mobilitätsassistenz aber auch deshalb wichtig, weil im Alter die Zahl der sozialen Kontakte abnimmt und die Pflege jedes verbliebenen Kontaktes um so wichtiger wird.

Frage: Können sich die unter Konsolidierungsdruck stehenden öffentlichen Haushalte denn die dauerhafte Finanzierung eines sozialen Arbeitsmarktes leisten?

Antwort: Ich bin kein Finanzfachmann, habe aber in der NRZ mit Interesse gelesen, dass die deutsche Staatskasse zurzeit einen Überschuss von 16,1 Milliarden Euro aufweist. Man muss diese Diskussion ehrlich führen und sehen, dass Langzeitarbeitslose auch Kosten verursachen und langfristig auch dann zusätzliche Kosten anfallen, wenn Langzeitarbeitslose in Folge ihrer Erwerbslosigkeit krank werden oder sogar auf die schiefe Bahn abrutschen. Auch wenn ich weiß, dass diese Rechnung wackelig ist und nur schwer auf Euro und Cent zu belegen ist, ist dieser Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen. Hier können wir uns viel Geld und Ärger sparen, wenn wir Langzeitarbeitslosen eine sinnvolle Beschäftigung geben und alte Menschen mobilisieren und ihnen möglichst lange ein selbstständiges und mobiles Leben ermöglichen, statt sie vor der Zeit in ein Altenheim zu schicken.

Frage: Aber die Mehrkosten für die öffentlichen Hände bleiben.

Antwort: Ja, die bleiben, aber sie relativieren sich auch, wenn man nur die Differenz zwischen Sozial- und Lohnkosten betrachtet und darüber hinaus anerkennt, dass auf unserem hoch differenzierten und spezialisierten Arbeitsmarkt eben nicht mehr das Stammtischargument stimmt: „Wer Arbeit will, bekommt auch welche.“ Außerdem glaube ich, dass zumindest die Senioren, die eine gute Rente haben und nicht auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, bereit wären, einen Beitrag zu leisten, um sich ihre mit dem Service verbundene Lebensqualität zu erhalten. Man könnte den Begleitservice sozial Bedürftigen weiter kostenfrei und den finanziell besser gestellten Senioren ein Monatsticket für Bus, Bahn und Begleitservice anbieten. Das wäre ohne großen organisatorischen Aufwand zu machen und würde ein sinnvolles Angebot sichern. Vorstellbar wäre auch, die Bürgerarbeit etwa für Einkäufe, Gespräche oder kleine Reparaturen im Haushalt auszuweiten.

Frage: Was würden Sie den Bundetagsabgeordneten sagen, die über die weitere Finanzierung der Bürgerarbeit entscheidenden müssten?

Antwort: Gehen Sie auf die Straße und schauen Sie sich die alten Menschen an. Schauen Sie ganz genau hin und fragen Sie Ihre Mutter oder Ihren Vater.

Antwort: Und denken Sie daran, dass sich der Wert einer Gesellschaft immer auch daran bemisst, wie sie mit ihren alten Menschen umgeht, die am Ende ja auch Wähler sind.
Dieser Text erschien am 3. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 17. September 2014

Gemeinsam vorankommen: Der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft wird von Nutzern und Mitarbeitern nicht nur als ein Mobilitätsgewinn für alle Beteiligten erlebt: Seine langfristige Finanzierung steht aber auf wackeligen Beinen

Wer glückliche Menschen erleben möchte, sollte den Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) begleiten.

Begleiter, wie Joachim Schmidt (61), Hicham Hadij (40) oder Sven Becker (34) sind glücklich, weil sie aus der Arbeitslosigkeit herausgekommen sind und jetzt eine sinnvolle Arbeit haben, indem sie täglich Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mobil machen, indem sie sie von zu Hause abholen und mit ihnen zusammen im Bus oder in der Bahn zum Friseur, zum Arzt, zum Einkauf oder zum Seniorentreff begleiten.

„Wenn Sie das einmal gemacht haben, wollen Sie das immer weitermachen“, sagt der aus Marokko stammende Jurist Hadij, dessen Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. Auch sein Kollege Schmidt, der früher als Speditionskaufmann gearbeitet hat, sagt: „Ich habe noch nie eine Arbeit gemacht, die mich so befriedigt.“ Und Becker, der schon als Verkäufer, Gärtner und Kellner gearbeitet hat, erlebt bei seinen täglichen Bus- und Bahntouren, bei denen er regelmäßig Rollatoren und ihre meist betagten Nutzer über Bordsteinkanten, Schlaglöcher und Stufen bugsiert, „dass die Menschen richtig dankbar sind, wenn wir kommen, weil sie sich durch uns wieder sicher fühlen und so am öffentlichen Leben teilnehmen können.“

„Hier kümmert man sich wirklich ganz liebevoll um uns. Wenn es diesen Begleitservice nicht gäbe, wären wir doch einsam und verlassen“, sind sich Mathilde Posadowski (99) und Dagmar Wiedwald (83) einig, die es mit Hilfe der MVG-Service-Leute von ihren Wohnungen in Speldorf und Stadtmitte in Bus und Bahn zum gemeinsamen Mittagessen und Kaffeetrinken im Rotkreuz-Seniorentreff an der Prinzess-Luise-Straße geschafft haben. Auch die Dümptenerin Erika Fork (86), die sich an diesem Vormittag von Hicham Hadji zum Friseur begleiten lässt, möchte den Begleitservice für Bus und Bahn nicht missen, „weil ich so raus und unter Menschen komme.“ „Denn“, so Fork weiter: „Ich brauche den Kontakt zu Menschen und kann nicht die ganze Zeit alleine zu Hause sitzen und lesen“

Doch obwohl der Begleitservice der MVG von so vielen Menschen als Gewinn erlebt wird, steht seine Finanzierung in den Sternen. Denn die 15 Mobilitätsassistenten werden mit Hilfe des Bundesprogramms Bürgerarbeit finanziert, das Ende des Jahres ausläuft. Obwohl die regionale Verkehrsgesellschaft Via, zu der auch die MVG gehört, und die Sozialagentur derzeit prüfen, ob und wie der Begleitservice der MVG und ihrer Schwestergesellschaften mit neuen Förderprogrammen des Bundes, des Landes und der Europäischen Union 2015 fortgesetzt werden könnte, spricht MVG-Sprecher Olaf Frei angesichts der wirtschaftlich schwierigen Situation der Nahverkehrsgesellschaften von einer „ergebnisoffenen Prüfung“, die sich vor allem von der Hoffnung auf neue Fördermittel des Bundes und des europäischen Sozialfonds stützt.

Die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer gibt sich zuversichtlich, dass es spätestens im November eine spruchreife und für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung geben wird. Doch ihre Zuversicht wird nicht von allen geteilt.

Auch der Leiter des Begleitservice, Frederik Wohlgehaben, fände es kontraproduktiv, wenn die 15 Bürgerarbeiter der MVG ab 2015 nicht weitermachen könnten, „weil wir sie jetzt alle geschult haben und sie gut eingearbeitet sind und außerdem das Vertrauen unserer Kunden erworben haben.“ Auch MVG-Sprecher Frei spricht von „einem tollen Service, den wir fortsetzen wollen, weil er gut angenommen wird und in die Zeit des demografischen Wandels passt.“

Dieser Text erschien am 28. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 14. September 2014

So gesehen: Ein Silber-Blauer bei den Roten

Nun soll also Ulrich Scholten neuer SPD-Vorsitzender werden, ein Mann, von dem mehrere Dinge bekannt sind. Er ist Stadtverordneter und beherrscht damit das kleine Einmaleins der Politik. Er ist Arbeitsdirektor, was darauf hindeutet, dass er Arbeitnehmerbelange nicht nur vom Hörensagen kennt. Und er arbeitet für ein Stahlwerk, was eine robuste Kondition nahelegt. Eher unbekannt dürfte aber sein, dass der designierte SPD-Chef auch Ehrensenator der Karnevalsgesellschaft Röhrengarde Silber-Blau ist und sich damit auch unter Narren zu bewegen weiß. Jetzt wird auch klar, warum Scholten erst am 22. November gewählt werden soll - mitten in der Karnevalszeit. Aber, sehen wir es positiv, ein Karnevalist kann im Tollhaus der Politik, in dem so manche Narren das Blaue vom Himmel versprechen, nur hilfreich sein. Denn bei Politikern ohne Humor würden auch die Wähler bald nichts mehr zu lachen haben.
Dieser Text erschien am 12. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 13. September 2014

Wenn Kinder ins Kloster gehen: Wie der Saarner Klosterfreund Wolfgang Geibert dem Nachwuchs dem Nachwuchs die Lebenswelt der Zisterzienserinnen von Marien Saal näherbringt


Wolfgang Geibert bei einer Klosterführung für
Eltern und Kinder
An diesem Sonntag kommen viele Menschen in den Saarner Klosterhof, um im Kloster-Café Kaffee und Kuchen zu genießen. Randi, Jonas, Ole-Einar,Tabitha, Carlos und Lorena wollen mehr. Sie lassen sich vom Klosterfreund Wolfgang Geibert durch das ehemalige Zisterzienserinnenkloster führen, das heute eine Bürgerbegegnungsstätte ist.

Eine gute Stunde kommen die Kinder, das Jüngste ist fünf, das Älteste zehn, nicht mehr aus dem Staunen heraus. Denn sie tauchen sehr spielerisch und handfest in eine Zeit ein, in der über 600 Jahre im Kloster gebetet und arbeitet wurde. Erste Überraschung: Wo heute Menschen im Kloster Saarn beschaulich wohnen, arbeiteten früher die Handwerker des Klosters. „Da wurde zum Beispiel Brot gebacken und Eisen geschmiedet. Und das Wasser kam damals natürlich nicht aus dem Wasserhahn, sondern aus dem Brunnen im Klosterhof, wo es die Nonnen mit einer Kurbel und einem Eimer aus zehn Metern Tiefe zu Tage fördern mussten“, berichtet der Klosterfreund. Die Kinder sind beim Blick in den vergitterten Brunnenschacht sichtlich beeindruckt. Jonas findet es spannend, dass jede der insgesamt 36 Saarner Äbtissinnen („Das war die Chefin im Kloster“) ein eigenes Wappen hatte. Diese betrachten die Kinder zusammen mit den Namen der verblichenen Klosterchefinnen im Kreuzgang: „Maria Magdalena von Brembt“, liest Randi. Und ihr fällt spontan ein: „Maria Magdalena. So hieß doch auch die Freundin von Jesus.“

Wolfgang Geibert, der im Auftrag der Saarner Klosterfreunde jedes Jahr rund 20 Führungen für Kinder und Jugendliche anbietet, kommt bei den kleinen Klosterbesucher gut an, weil er keine Geschichtsstunde herunterspult, sondern sie immer wieder persönlich anspricht, mit kleinen Fragen aus der Reserve lockt, ihnen historische Fundstücke aus dem Klostermuseum in die Hand gibt und sie ausprobieren lässt, wie schwer es anno dazumal war, mit einer Handmühle das Korn fürs tägliche Brot zu mahlen. Carlos und Lorena müssen sich da schon gemeinsam ins Zeug legen, um den Mühlstein in Bewegung zu setzen. Kein Wunder, dass nicht nur Ole-Einar das mechanische Wassermühlenmodell lieber ist, das sich gleich nebenan mit einem Hebel in Gang setzen lässt.

Nicht schlecht staunen die Kinder, als sie in einer Glasvitrine eine alte Perkussionspistole entdecken, die sich in jedem Abenteuerfilm gut machen würde. „Dass hier Pistolen und Gewehre hergestellt wurden, nach dem die Nonnen ausgezogen waren, hätte ich nicht gedacht“, gibt Jonas zu. Auch die Klosterkutte aus grobem Leinen, die ihm Geibert anlegt, ist ihm nur kurzfristig sympathisch. „Das kratzt ja ganz schön. Darf ich das wieder ausziehen.“

Randi und Tabitha sind fast etwas irritiert, als sie Geibert auf der Nonnenempore in der Klosterkirche einander gegenüberstellt und ihnen andeutet, wie die Klosterfrauen und ihre Verwandten, die sie besuchten, durch ein Tuch voneinander getrennt wurden und nur so miteinander sprechen, sich aber nicht sehen konnten. Und spätestens, als sie erfahren, dass die Zisterzienserinnen vier bis fünf Stunden pro Tag beten mussten, aber täglich nur eine halbe Stunde miteinander sprechen durften und sich ansonsten mit kleinen Tafeln schriftlich verständigen mussten, weiß Randi, dass sie früher wohl lieber nicht ins Kloster gegangen wäre.

„Ich finde es gut und wichtig, dass die Kinder in einer Zeit, in der man das alles sagen und tun darf, was man will, auch erfahren, dass es früher einmal ganz anders war“, sagt Randis Großmutter Andrea Dorsch. Aber auch heute darf man im Kloster nicht alles tun, was man möchte. Ein klares „Nein, die muss ich wieder einsammeln“, bekommen die Kinder vom Klosterfreund zu hören, als sie ihn mit Blick auf ihre leihweise ausgehändigten Fundstücke von der Eisenschnalle über die Münze bis zur Tonscherbe, ganz begeistert und treuherzig fragen: „Dürfen wir die mit nach Hause nehmen?“

Nicht schlecht staunen die Kinder, als sie erfahren, dass Archäologen vor über 30 Jahren am Kloster Saarn über 20.000 Tonscherben ausgegraben und nummeriert haben, um zu wissen, was wo im Erdreich beieinander gelegen hat. „Das war wie ein großes Puzzlespiel“, meint Geibert trocken. Auch den heiligen Benedikt von Nursia, den die Kinder mit Buch und Abtsstab in der Klosterkirche entdecken, bringt er ihnen sehr anschaulich nahe. „Der heilige Benedikt hat vor 1500 Jahren in einem Buch alle Regeln aufgeschrieben, damit die Mönche und Nonnen wissen, wie man sich im Kloster zu benehmen hat. Das war so, wie wenn euer Schuldirektor in einer Schulordnung aufschreibt, wie ihr euch zu benehmen habt.“ Doch anders, als heutige Schüler, wurden Klosterbrüder und Klosterschwestern bei Regelverstößen früher auch schon mal mit Prügel und Kerkerhaft bestraft. Doch das ist Gott sei Dank Vergangenheit, ebenso wie die Schweigepflicht beim Essen im heutigen Klostercafe, in dem die einst die Nonnen speisten und dabei aus der Bibel vorgelesen bekamen.

„Diese Führung ist richtig liebevoll und kindgerecht gemacht, aber auch so interessant, dass man auch als Erwachsener auf sehr kurzweilige Weise etwas dazulernt“, resümiert Gabriele Manthey ihren Eindruck, die sich diesmal spontan angeschlossen hatte und bei der nächsten Kinderführung noch einmal mit ihrer Enkelin dabei sein will.

Die nächste offene Kinderführung durch das Kloster Saarn bietet Wolfgang Geibert am Samstag, 11. Oktober 2014, um 11.45 Uhr an. Schulklassen und Kindergartengruppen können unter der Rufnummer 0208/436467 vereinbaren. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.freunde-kloster-saarn.de

Dieser Beitrag erschien unter anderem am 5. September 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 8. September 2014

Kostenlos, aber nicht umsonst: Telefonseelsorge wird immer wichtiger: Die Zahl der Anrufe stieg 2013 um 4000 auf 24.000 an

Telefonseelsorge wird immer wichtiger. Ihre 125 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprachen im vergangenen Jahr mit 24.000 Menschen in Not. Damit stieg die Zahl der Anrufer im Vergleich zum Jahr davor um 4000. Das bedeutet: Im Durchschnitt wählen täglich 66 Anrufer die kostenlosen Rufnummern der Telefonseelsorge. „Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein Anrufer davon spricht, sich das Leben nehmen zu wollen. Außerdem stellen wir fest, dass die Leute sehr viel mehr als früher auch nachts anrufen“, schildert der Leiter der Telefonseelsorge Olaf Meier die Entwicklung.

Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Isolation und daraus resultierende Probleme, wie Drogensucht oder Depression und andere psychische Erkrankungen. Das sind die zunehmend artikulierten Probleme, die sich die ehrenamtlichen Frauen und Männer am anderen Ende der Leitung anhören. „Die Probleme. die in den Gesprächen mit der Telefonseelsorge geäußert werden, schlagen auch in unseren Beratungsstellen auf. Dort haben wir es zunehmend vor allem auch mit jüngeren Menschen zu tun, die psychisch krank werden, weil sie dem Leistungsdruck auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr standhalten,“ sagt die Geschäftsführerin der Caritas, Regine Arntz. Sie vertritt die katholische Stadtkirche im Kuratorium der Telefonseelsorge, die ökumenisch von der evangelischen und der katholischen Kirche finanziert wird.

Rund ein Viertel des sechsstelligen Jahresetats wird aus Mülheimer Kirchensteuereinnahmen finanziert. Deshalb sitzt neben Arntz auch der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises an der Ruhr. Helmut Hitzbleck, im Kuratorium der für Mülheim, Duisburg und Oberhausen zuständigen Telefonseelsorge.

„Vielen Menschen fällt es schwer, mit ihren Sogen in eine Beratungsstelle zu kommen. Deshalb ist es wichtig, dass sie bei der Telefonseelsorge eine anonyme Anlaufstelle finden, wo ihnen jemand zuhört und ihnen einen positiven Impuls gibt, egal wann und egal, wie schlecht es einem Anrufer geht“, beschreibt Arntz die wichtigste Funktion des Angebotes.

Obwohl die Telefongespräche anonym sind, schätzt der Olaf Meier auf der Grundlage der Bevölkerungsverteilung, dass etwa ein Viertel aller Anrufe aus Mülheim kommt. Auch ein Viertel der ehrenamtlichen Mitarbeiter, die jeden Monat dreimal für jeweils vier Stunden am Telefon sitzen, kommt aus Mülheim.

„Mülheim ist ein gutes Pflaster für die Gewinnung ehrenamtlicher Mitarbeiter, weil es hier offensichtlich besonders viele Menschen gibt, die gerne mit Sprache umgehen und sich für Menschen interessieren und diese Herausforderung auch als Chance sehen, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln“, betont der hauptamtliche Leiter Olaf Meier.

Meier, der zusammen mit seiner hauptamtlichen Kollegin Rosemarie Schettler die Telefonseelsorge leitet und die ehrenamtlichen und zu 85 Prozent weiblichen Mitarbeiter begleitet, schätzt, dass die Ausbildung eines professionellen Ehrenamtlers rund 6000 Euro kostet. Die zwischen 30 und 70 Jahre alten Frauen und Männer, die sich ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge engagieren, tun dies zwar unentgeltlich, bekommen aber ihre Fahrtkosten erstattet. Darüber hinaus erhalten sie jeden Monat eine dreistündige Supervision, um ihre eignen Erfahrungen reflektieren und verarbeiten zu können. Außerdem nehmen sie nach ihrer Erstausbildung regelmäßig an Fortbildungen teil.

„Um für die Telefonseelsorge arbeiten zu können, sollte man selbst in stabilen Verhältnissen leben, um genug Luft und Lust mitzubringen“, betont Olaf Meier. Die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Dienst in der Telefonseelsorge ist für ihn die Fähigkeit: „sich in andere Menschen hineindenken und ihnen zuhören zu können, ohne sie mit eigenen Ratschlägen zu überfallen.“ Sich unbezahlt als sozial und psychologisch stabile und selbstreflektierte Persönlichkeit Zeit für die Sorgen anderer Menschen zu nehmen. Das kann und will heute längst nicht jeder leisten. Meier räumt ein, dass die Zahl der Menschen, die zu den Infoabenden der Telefonseelsorge kommen, in denen vergangenen Jahren zurückgegangen sei. Dennoch kann die Telefonseelsorge auch in diesem Jahr wieder 15 ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter einen Mann und drei Frauen aus Mülheim, ausbilden. „Denn früher“, erklärt Meier, „kamen mehr Menschen zu uns,die Interesse zeigten, dann aber wieder absprangen. Heute kommen dafür mehr Menschen zu uns, die wissen, worauf sie sich einlassen und deshalb im Durchschnitt auch zehn Jahre bei uns bleiben.“
Der Psychologe und Theologe Olaf Meier (56) leitet die Telefonseelsorge Mülheim-Duisburg-Oberhausen seit 1996. Zuvor war er im pastoralen Gemeindedienst und in der Medienforschung tätig.

Die ökumenische Telefonseelsorge, die täglich und rund um die Uhr unter den kostenlosen Rufnummern 0800/1110111 oder ?0800/1110222 erreichbar ist, feiert am 24. Oktober in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg ihr 40-jähriges Bestehen.

Wer sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit bei der Telefonseelsorge interessiert, kann sich telefonisch unter 0203/22657 oder im Internet unter: www.telefonseelsorge-muelheim.de informieren.

Der nächste Ausbildungskurs, der 200 Unterrichtsstunden umfasst und die Grundlagen der psychologischen Gesprächsführung vermittelt, startet im Frühjahr 2015. Im kommen Jahr soll es auch eine Infoveranstaltung in der Stadtmitte geben
 
Dieser Text erschien am 3. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 6. September 2014

Schlaglichter auf den Mülheimer Alltag während des Ersten Weltkrieges


August Thyssens Maschinenfabrik, in der damals auch Kriegsgefangene aus Russland und Belgien eingesetzt wurden, war während des Ersten Weltkriegs der drittgrößte Munitionshersteller Deutschland. Thyssen konnte die Gewinne seiner Fabrik durch die Kriegsproduktion bis 1917 auf rund 300 Millionen Mark verdreifachen und war, ebenso, wie der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke bis zuletzt Verfechter eines deutschen Siegfriedens mit weitreichen Annexionen in Frankreich und Belgien. Auch in der Friedrich-Wilhelms-Hütte wurden Granaten für den Krieg produziert, aber in erheblich geringerem Umfang als bei Thyssen. Im Kriegsjahr 1917 bestand die Belegschaft der FWH aus 395 deutschen Arbeitern und aus 398 Kriegsgefangenen. Auch während des Zweiten Weltkrieges sollten Zwangsarbeiter in den Mülheimer Rüstungsbetrieben eingesetzt werden.

Kriegsbegeisterung Auch in Mülheim herrschte im August 1914 Euphorie. „Die Menschen sind auch hier auf die Straße gelaufen und haben gejubelt. Sie haben später die in der Kaserne an der Kaiserstraße stationierten Soldaten des Infanterieregimentes 159 mit Hurrah verabschiedet“, beschreibt Hans Werner Nierhaus die damalige Stimmung. Die Kriegsbegeisterung fand auch ihren Niederschlag in der Aufstellung von Jugendkompanien, in denen junge Männer bei regelmäßigen Geländeübungen auf den Militärdienst vorbereitet wurden. In Mülheim gab es damals viele Krieger- und Veteranenvereine. Seit 1873 erinnerte ein Kriegerdenkmal an die Gefallenen des kurzen und siegreichen Krieges gegen Frankreich. Die heute unbegreifliche patriotische Euphorie, die in der Mülheimer Zeitung vom 2. August 1914 in der Schlagzeile „Mit Gott für Kaiser und Reich. Der Herr segne die deutschen Waffen“ ihren Niederschlag fand, war in der fatalen Fehleinschätzung begründet, dass sich deutschen Truppen, wie 1870/71 einen schnellen Sieg erringen und spätestens Weihnachten 1914 wieder daheim sein würden.
 
 
Lebensmittel wurden mit zunehmender Kriegsdauer knapp und teuer, weil die Versorgung der an der Front kämpfenden Soldaten Vorrang hatte. Ein halbes Pfund Butter kostete 1918 15 Mark. Viele Händler weigerten sich, Papiergeld anzunehmen. Wenn es etwas zu kaufen gab, wie hier bei Zorn an der Leineweberstraße, kam es zu einem Massenansturm. Ab 1915 wurden Lebensmittelkarten für Fleisch, Brot, Kartoffeln, Zucker und Gemüse eingeführt und ab 1916 brachen immer mehr Mülheimer mit dem Zug oder mit dem Fahrrad zu Hamsterfahrten ins Münsterland und zum Niederrhein auf. Außerdem kam es zu ersten Hunger- und Friedensstreiks. Im Bericht über eine Hamsterfahrt hieß es damals in den Vaterstädtischen Blättern: „Die Fahrt war beschwerlich und viel zu unergibig. Auf den Feldern arbeiteten französische Kriegsgefangene. Man freute sich doch auch über das Wenige, das man bekommen hatte.“ Im Schlachthof wurde eine Konservenfabrik und eine Gemüsedörranstalt eingerichtet, um der Bevölkerung die Nahrungsvorsorge für den Winter zu erleichtern. Außerdem spürten die Mülheimer die Folgen des Krieges auch daran, dass ab 1916 ein Großteil der städtischen Gaslaternen abgeschaltet und die Straßenbahnfahrten deutlich reduziert wurden. Auch die Friedrich-Wilhelms-Hütte war betroffen. Weil zu viele Pferde an der Front waren, fehlten sie daheim, um die Fuhrwerke mit Kohle zu ziehen. Folge: Nur drei von damals fünf Hochöfen konnten befeuert werden.
 
Große Angst hatten die Mülheimer nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges nicht nur vor möglichen Spionen, sondern auch vor Luftangriffen. In einem Merkblatt der Luftstreitkräfte hieß es damals: „Ruhe ist die erste Pflicht. Panik ist gefährlicher als Fliegerangriff. Suche Schutz im nächsten Haus. Fort von der Straße. Fort von Haustüre und Fenstern. Neugier ist Tod. Fehlt Häuserschutz, dann niederwerfen in Graben oder Vertiefungen. Nachts kümmere dich um keinen Angriff.“ Und im September 1917 ordnete das auch für Mülheim zuständige Generalkommando in Münster eine nächtliche Verdunkelung an, um möglichen Angreifern aus der Luft die Orientierung zu erschweren.

Obwohl es auch im Ersten Weltkrieg Luftangriffe auf deutsche, englische und belgische Städte gab und dabei allein in Deutschland 700 Zivilisten ums Leben kamen, blieb Mülheim dieses Schicksal im Ersten Weltkrieg erspart.

Kurz vor dem Waffenstillstand im November 1918 entwickelte Pläne für Luftangriffe auf das Ruhrgebiet kamen nicht mehr zur Ausführung. Im Zweiten Weltkrieg sollte die Stadt dann allerdings von rund 160 alliierten Luftangriffen getroffen werden, bei denen fast
11 000 Mülheimer ihr Leben verloren.
Die Soldaten des Infanterieregimentes 159, die während des Ersten Weltkrieges in Belgien und Frankreich kämpften, genossen in Mülheim, das seit 1899 Garnisonsstadt war, ein hohes Ansehen. Veteranen bekamen nicht nur eine staatliche, sondern auch eine städtische Rente. Als das Regiment am 13. Dezember 1918 nach Mülheim zurückkehrte, wurde die Stadt bereits von Arbeiterräten regiert. 1920 musste das Regiment die Stadt verlassen, weil das Ruhrgebiet von den Alliierten entmilitarisiert wurde. Weil viele 159er die deutsche Kriegsniederlage nicht akzeptieren wollten und an die von deutschnationalen Kreisen verbreitete „ Dolchstoßlegende “ glaubten, wonach das deutsche Heer 1918 im Felde unbesiegt geblieben und nur durch die fehlende Unterstützung der politischen Führung zur Aufgabe gezwungen worden sei, schlossen sie sich einem bis zu 1000 Mann starken rechtsextremen Freikorps an, der von ihrem Kommandanten Hauptmann Siegfried Schulz (1870-1942) geführt wurde und bei der Bekämpfung von Massenstreiks gegen den Kapp-Putsch (1920) und im Ruhrkampf gegen die französische Besatzung (1923) eine blutige Rolle spielen sollte.
 
Ihren Patriotismus dokumentierten die Mülheimer nicht nur, wie hier auf dem Foto oben zu sehen, mit der Enthüllung einer Kaiser-Wilhelm-Büste, die im September 1915 ausgerechnet vor dem Lazarett an der Dimbeck aufgestellt wurde, sondern auch, in dem sie ihr Geld in Kriegsanleihen investierten. 1917 hieß es in einem Werbeaufruf für eine solche Kriegsanleihe: „Deutschland darf nicht rasten oder rosten und der Krieg verursacht Kosten. Rings von blödem Hass umfaucht, wild bedroht von aller Welt, wehrt sich Michel und er braucht Geld, Geld, Geld!“ Dass mit dem Kriegsbedarf und dem Appell an den Patriotismus auch Geld verdient wurde, zeigt auch diese Zeitungsanzeige des Kaufhauses Harmonia, das sich damals am Löhberg/Ecke Wallstraße befand und seine Hemden, Jacken, Handschuhe, Unterkleider, Socken, Leibbinden und Fußlappen „enorm billig“ in Fünf-Kilo-Paketen als versandfertige „Liebesgaben“ für die Soldaten an der Front pries. Auch Werbeanzeigen für damals oft getragene Trauerhüte hat Hans-Werner Nierhaus in der Lokalpresse der Kriegsjahre 1914 bis 1918 gefunden.



3500 Mülheimer verloren als Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben. „Die ersten Todesanzeigen für gefallene Soldaten, die ab dem Spätsommer 1914 in der Mülheimer Presse erschienen, klangen noch sehr patriotisch. Doch das änderte sich mit der zunehmenden Zahl der Gefallenen. Ab 1915 wurde auch in der Presse zunehmend die Frage aufgeworfen, wann der Krieg zu Ende und wieder Frieden sein könne“, sagt der Lokalhistoriker Hans-Werner Nierhaus. „Er starb für Gott, Kaiser und Vaterland den Heldentod“, zitiert Nierhaus aus einer Todesanzeige von Ende 1914. Sehr viel nüchterner liest sich die Todesanzeige der Familie Fuglsang aus dem November 1915: „Unser lieber Sohn Hans beim 11. Husaren-Regiment hat bei der Erstürmung eines Schützengrabens als erster bei Rembov zwischen Gostynin und Lupien einen Kopfschuss erhalten und war sofort tot. Wir danken dem lieben Gott für ein rasches Ende ohne Leiden und geben dem Vaterland das beste, was wir haben“.

Das Elend, zu dem der Krieg an allen Fronten führte, wurde vor allem durch die verwundeten Soldaten deutlich, die mit Mülheimer Straßenbahnen transportiert und in einem Lazarett an der Dimbeck, im katholischen und evangelischen Krankenhaus der Stadt behandelt wurden. 
Dieser Texte erschienen vom 30. Juli bis zum 3. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 4. September 2014

Eine Zäsur der Zeitgeschichte: 1914-2014: Was lässt sich heute noch aus dem Ersten Weltkrieg lernen? Ein Gespräch mit dem Historiker Hans-Werner Nierhaus

40 Jahre lang hat Hans-Werner Nierhaus als Lehrer Schülern der Karl-Ziegler- und der Otto-Pankok-Schule Geschichte beigebracht. Als Ruheständler schreibt der 65-Jährige Geschichte. Nach seinem 2007 im Klartextverlag erschienen Buch über den Zweiten Weltkrieg in Mülheim will er voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres nun auch ein Buch über das lange 19. Jahrhundert vorlegen. In diesem Zusammenhang hat er sich auch mit dem Mülheimer Alltag im Ersten Weltkrieg beschäftigt. Zu Beginn einer kleinen Serie, die mit seiner Hilfe den Mülheimer Alltag im Ersten Weltkrieg beleuchtet, fragte die ihn in der Mülheimer NRZ danach, was wir 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges aus dieser Zäsur der Zeitgeschichte lernen können.

Frage: Warum ist für sie der Erste Weltkrieg noch ein Teil des langen 19. Jahrhunderts?

Antwort: Nierhaus: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war die deutsche Gesellschaft immer noch eine sehr konservative Klassengesellschaft, die von den Werten des 19. Jahrhunderts geprägt war. Das kam unter anderem im preußischen Drei-Klassen-Wahlrecht zum Ausdruck, das das Stimmengewicht eines Wählers mit seinem Steueraufkommen verband und dafür sorgte, dass bis 1919 kein einziger Sozialdemokrat in den Mülheimer Stadtrat einziehen konnte. Außerdem gab es bis 1919 auch keine Frauen im Stadtrat, sondern nur Ratsherrn, weil Frauen erst 1918 das Wahlrecht erhielten. Also erst nach dem Ersten Weltkrieg gelang in Deutschland der Übergang zu einer demokratischen Gesellschaft.

Frage: Aus welchen historischen Quellen können Sie schöpfen?

Antwort: Ich war bei meiner Recherche im Stadtarchiv überrascht, als ich feststellen musste, dass es über das gesellschaftliche Leben im 19. Jahrhundert keine zusammenhängende Darstellung gab. Ich habe deshalb viele meiner Erkenntnisse zum Beispiel aus alten Zeitungen, persönlichen Nachlässen, Verwaltungsakten, Briefen und Stadtratsprotokollen zusammengetragen.

Frage: Warum gab es auch in Mülheim 1914 so etwas wie Kriegsbegeisterung?

Antwort: Das hatte wohl damit zu tun, dass die Deutschen damals nur den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 im Kopf hatten. Das war ein kurzer und erfolgreicher Krieg mit vergleichsweise wenigen Opfern gewesen, der den Deutschen die nationale Einigung brachte. Vor diesem Hintergrund konnten sich auch viele Mülheimer 1914 gar nicht vorstellen, was ein moderner Krieg mit all seiner technischen und massenhaften Vernichtungskraft bedeutete und welche Opfer auf sie zukommen sollten.

Frage: Warum überlagert die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg heute das Bewusstsein für die Bedeutung des Ersten Weltkrieges?

Antwort: Der Zweite Weltkrieg hat durch seine Bombenangriffe das Bild unserer Stadt nachhaltig verändert und wesentlich mehr zivile Opfer gefordert als der Erste Weltkrieg. Das Kriegsende 1945 wurde von den Deutschen als einschneidender und die Kriegsniederlage als totaler empfunden, als das im Jahr 1918 der Fall war. 1918 wollten viele Deutschen die Kriegsniederlage ihres Landes nicht wahrhaben. Und letztlich dürfen wir nicht vergessen, dass der politische Aufstieg der Nazis und der Zweite Weltkrieg seine Ursachen nicht zuletzt im Ersten Weltkrieg und seinen politischen und wirtschaftlichen Folgen hatte. Denken Sie an die für Deutschland harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrages. Ob Nationalismus, vormilitärische Erziehung oder verpflichtende Arbeitseinsätze auf dem Land. Vieles, was im Ersten Weltkrieg von Bedeutung war, wurde später auch im Nationalsozialismus wieder aufgegriffen.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Lektion, die man aus dem Ersten Weltkrieg ziehen muss?

Antwort: Vor allem die Einsicht darin, dass Krieg kein Mittel der Politik sein kann. Angesichts des Ersten Weltkrieges begreift man erst, wie wertvoll der Frieden und die sicher nicht immer leichte Zusammenarbeit der Staaten in Europa ist. Der europäische Einigungsprozess kann vor dem Hintergrund von zwei Weltkriegen politisch nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Dieser Text erschien am 29. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 2. September 2014

Ein Leben in zwei Ländern im Herzen Europas: 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sagt der in Polen geborene Mülheimer Wojciech Brzeska: "Auch in Polen schauen die meisten Menschen heute nach vorne und nicht mehr zurück."

„Deutschland macht Friedensvorschlag, aber Polen will nicht verhandeln.“ Mit dieser Titelschlagzeile verschleierte die vom NS-Regime gleichgeschaltete Mülheimer Zeitung am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen, mit dem vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Wie sieht der 20 Jahre nach Kriegsende in Polen geborene Mülheimer Wojciech Brzeska , der seit 26 Jahren in Deutschland lebt, den 1. September, der auch in diesem Jahr auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes als Antikriegstag mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal im Luisental begangen wurde? Und wie beurteilt er vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie die wechselvolle Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen?

Frage: Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Ihrem Leben?

Antwort: Brzeska : Mein deutschstämmiger Vater, der 1927 geboren wurde und 1975 gestorben ist, hat während des Weltkriegs als Soldat in der Wehrmacht gekämpft. Er hat mir später aber nur erzählt, dass der Krieg für ihn eine schreckliche Zeit gewesen sei. Ich selbst bin als Kind in Polen mit Spielfilmen über den Krieg aufgewachsen, in denen gezeigt wurde, wie schlecht die Deutschen, wie gut die Polen und wie viel besser noch die Russen waren. Ich habe das damals aber nicht kritisch hinterfragt, sondern als unterhaltsame Actionfilme gesehen.

Frage: Welche Rolle spielt die Weltkriegserinnerung für das heutige Polen?

Antwort: Der Zweite Weltkrieg bleibt im Gedächtnis der Polen eine traumatische Erfahrung, die über Jahrzehnte die Identität des Landes bestimmt hat, weil die Polen sich unter der sowjetischen Dominanz nach 1945 auch nicht selbstständig entwickeln konnten und immer wieder um ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen mussten. Aber vor allem die junge Generation schaut heute nicht zurück, sondern in die Zukunft, weil sie sich als Teil der Europäischen Union begreift und anerkennt, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben. Die allermeisten Polen sehen sich heute nicht mehr in der historischen Opferrolle.

Frage: Wie fällt Ihre ganz persönliche Bilanz der deutsch-polnischen Beziehungen aus?

Antwort: Das fällt sehr positiv aus. Seit ich 1988 mit meiner Frau Renate nach Deutschland kam, ist das Ansehen der Polen in Deutschland spürbar gewachsen. Die Deutschen, die schon während der politischen Umbruchphase der 80er Jahre mit den Polen solidarisch waren, erkennen heute auch den wirtschaftlichen Erfolg der Polen an, die ihre neuen Entwicklungschancen als Mitglied der Europäischen Union genutzt haben. Vom Supermarkt bis zur Autobahn. Vieles in Polen sieht heute aus wie in Deutschland. Auch durch zahlreiche Jugendbegegnungen und Städtepartnerschaften, wie zum Beispiel die zwischen Oppeln und Mülheim, sind sich Polen und Deutsche nach 1989 entschieden näher gekommen. Für mich persönlich ist die Erinnerung an das Stadtjubiläum 2008 besonders bewegend, als 80 junge Musiker aus meiner polnischen Heimatregion Kattowitz in meiner Mülheimer Heimatkirche St. Engelbert die von dem in Mülheim lebenden polnischen Komponisten Piotr Radko geschriebene Mülheim-Festouvertüre aufführten.

Frage: Was ist für Sie heute Heimat? Deutschland oder Polen?

Antwort: Inzwischen habe ich mehr Jahre in Deutschland gelebt als in Polen. Außerdem ist hier meine Tochter geboren worden und ich konnte viele meiner privaten und beruflichen Träume, etwa die Freizügigkeit des Reisens oder das Arbeiten als Journalist und PR-Fachmann verwirklichen. Außerdem habe ich hier in Deutschland immer Menschen gefunden, die mich freundlich aufgenommen haben. Deshalb sehe ich heute Deutschland als meine Heimat an, auch wenn ich meine polnischen Wurzeln nicht verleugne und gerne meine in Polen lebende Mutter, meinen Bruder oder meinen Neffen und meine Nichte dort besuche.

Wojciech Brzeska wurde in Sosnowiec, acht Kilometer südlich von Kattowitz geboren. In Krakau und Kattowitz begann er auch 1984 sein Germanistik und Theologiestudium, das er 1995 an der Universität Essen-Duisburg abschließen sollte. Brezka brach 1988 von der späteren Mülheimer Partnerstadt Opole auf, um von dort aus mit seiner Frau ins Ruhrgebiet zu reisen, wo bereits eine Schwägerin lebte. Als schlesisches Oppeln gehörte das heute polnische Opole bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Deutschland.

Schon während des 19. Jahrhunderts waren viele Polen aus der Bergbauregion Kattowitz ins Ruhrgebiet gekommen, um im hiesigen Bergbau zu arbeiten. Brzeska, der 1995 von Essen nach Mülheim zog, arbeitete hier von 1997 bis 2006 als Pressesprecher der katholischen Stadtkirche und des Caritasverbandes. Zwischen 2007 und 2010 war er als PR-Referent für die Mülheimer Sozialholding tätig, ehe er 2011 als Marketingfachmann zum international agierenden Mülheimer Chemikalienhändler Harke Group wechselte.

Dieser Text ereschien am 29. August 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung