Sonntag, 30. November 2014

Nachhaltig christlich: Das Mülheimer Barbaramahl unterstützt die örtliche Hospizarbeit


Wie können wir etwas schaffen, was im christlichen Sinne nachhaltig wirkt? Aus der Antwort auf diese im Kulturhauptstadtjahr 2010 vom Bochumer Katholikenrat gestellte Frage entstand das Barbaramahl, das inzwischen zweimal in Bochum, einmal in Bottrop und einmal in Mülheim stattgefunden hat. Ziel dieses Mahles, zu dem Gäste aus allen gesellschaftlichen Bereichen des Ruhrbistums eingeladen werden, ist die finanzielle Unterstützung der Hospizarbeit. Denn die heilige Barbara ist nicht nur die Schutzpatronin der Bergleute, sondern auch der Sterbenden, der Flüchtlinge und der Verfolgten. Wolfgang Feldmann vom Kuratorium Barbaramahl schätzt, dass bei jedem Barbaramahl jeweils rund 10.000 Euro für die jeweilige Hospizarbeit vor Ort gesammelt werden konnten. Als er 2012 das Barbaramahl in der Mülheimer Stadthalle organisierte, kamen sogar 13.500 Euro als Reinerlös zusammen, der je zur Hälfte an das stationäre und an das ambulante Hospiz der Ruhrstadt übergeben werden konnte. Dass das Barbaramahl in diesem Jahr schon zum zweiten Mal in Mülheim stattfindet, führt Feldmann darauf zurück, „dass der organisatorische Aufwand doch immens ist und von vielen Katholikenräten gescheut wird.“ Umso dankbarer ist er dafür, dass mit der Gelsenkirchener Pfarrei St. Augustinus und ihrem Pfarrer Manfred Paas neue Gastgeber für das Barbaramahl 2015 gefunden haben.  

In diesem Jahr ist der Pfarrer von St. Barbara in Mülheim-Dümpten Gastgeber des Barbaramahls, das bei seiner fünften Neuauflage am 28. November gleich zwei Premieren erleben wird. Denn das Benefizmahl wird zum ersten Mal in einer Kirche abgehalten. Pfarrer von Schwartzenberg verschweigt nicht, „dass es daran auch einige Kritik aus der Gemeinde gab.“ Doch am Ende konnte er die Widerstände mit dem Hinweis überwinden, dass die Mahlgemeinschaft von der Hochzeit in Kana bis zum Abendmahl mit seinen Jüngern für Jesus von zentraler Bedeutung war und das es bis heute in der römischen Kirche Maria in Trastevere eine Armenspeisung  gibt, bei der sogar Kardinäle die Gäste bedienen.

Und so wurden wurden am 28. November die Kirchenbänke in St. Barbara am Schildberg zur Seite gerückt, um Platz für Tische und Stühle zu schaffen. Aktuell erwarten von Schwartzenberg und Feldmann 165 Gäste.

Wer den Weg zum Barbaramahl in der Mülheimer Barbarakirche fand, durfte sich nicht nur auf ein köstliches Menü mit vier Gängen, sondern auch auf ein klang- und gehaltvolles Barbara-Oratorium mit vier Akten freuen, das zwischen den Gängen zur Aufführung kam und die Heilige Barbara als Schutzpatronin der Verfolgten beleuchtete. Das Oratorium, dessen Text von Schwartzenberg und dessen Musik der Kirchenmusiker der Gemeinde, Burkhard Maria Kölsch, geschrieben haben, versteht der Pfarrer von St. Barbara als aktuelle Parteinahme für die verfolgten Christen in aller Welt. Er weist darauf hin, dass nach Angaben der Hilfsorganisation Open Doors (www.opendoors.de) derzeit Christen in mehr als 50 Ländern der Erde verfolgt werden.

So trugen die Kirchenchorsängerinnen von St. Barbara, die am Oratorium mitwirkten und gleichzeitig auch die Gäste bedienten, während der Aufführung die Fahnen der zwölf Länder tragen, in denen die Christenverfolgung, wie etwa in Syrien, im Iran, im Gaza-Streifen oder in Somalia, besonders ausgeprägt ist. „Ich bin zuhause in vielen Völkern und Nationen, zuhause bei Menschen ihrer Religionen, als ein Gedanke für das Leben, das Gott in Freiheit uns gegeben“, wird es denn auch im letzten Akt des neuen Barbara-Oratoriums heißen.

Manfred von Schwartzenberg und Wolfgang Feldmann lassen als Organisatoren des fünften Barbaramahls keinen Zweifel daran, dass neben dem bezahlten Einsatz eines Catering- und eines Umzugsunternehmens vor allem der ehrenamtliche Einsatz von 100 Chormitgliedern, zehn Pfadfindern und 16 Küchenfeen aus der Gemeinde das Barbaramahl in seiner außergewöhnlichen Form erst möglich machen. Weitere Informationen zum Barbaramahl und zum Barbara-Oratorium findet man unter: www.barbarakirche.de

Texte zu diesem Thema erschienen am 22. und 29. November 2014 im Neuen Ruhrwort und in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 29. November 2014

Der neue Vorsitzende der Mülheimer SPD, Ulrich Scholten, will ein Kümmerer sein, der die Basis aktiviert und die Leute vor der Haustür abholt

Fast neun Monate war die Führungsfrage bei der Mülheimer SPD nicht geklärt, führten Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Partei-Vize Constantin Körner die Partei kommissarisch und suchten nach einem Nachfolger für den im April zurückgetretenen Parteichef Lothar Fink. Jetzt hat der Unterbezirksparteitag am Samstag in der Stadthalle mit Ulrich Scholten einen neuen Parteichef gewählt. 95,5 Prozent der Delegierten sagten Ja zu dem Mann aus Eppinghofen, der hauptamtlich seit 17 Jahren das Personalwesen der Salzgitter-Mannesmann-Grobblech GmbH leitet und seit 15 Jahren für die SPD im Rat sitzt, wo er unter anderem in den Ausschüssen für Finanzen, Stadtplanung und Bürgerangelegenheiten mitarbeitet. Scholten vereinte 126 Ja-Stimmen bei fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung auf sich.

Der gerade 57 Jahre alt gewordene Mülheimer sieht sich selbst als „Kümmerer.“ Worum er sich als Parteivorsitzender kümmern muss, weiß Scholten aus seiner eignen Biografie. Als er 1973 in die SPD eintrat, hatte sie in Mülheim rund 5000 Mitglieder und regierte die Stadt mit absoluter Mehrheit. Heute gibt es gerade noch 2000 Mülheimer Sozialdemokraten, die bei der Kommunalwahl im Mai zwar stärkste Partei wurden, aber doch nur bescheidene 31,5 Prozent der Stimmen errangen. Selbst als die SPD vor 20 Jahren im Gefolge der Güllenstern-Ruske-Affäre ihre jahrzehntelange absolute Mehrheit verlor, konnte sie noch 40,7 Prozent der Mülheimer Wähler hinter sich vereinigen.

„Wir müssen unsere Mitglieder motivieren und politisch sprachfähig machen“, sagt Scholten. „Wenn jeder Sozialdemokrat nur zehn Bekannte anspricht, erreichen wir schon 20?000 Menschen und wenn die wieder andere Menschen ansprechen, können wir die ganze Stadt erreichen“, rechnet der neue SPD-Chef vor. Mit ganz unterschiedlichen Menschen, „vom Pförtner bis zum Unternehmensvorstand so sprechen zu können, dass sie mich verstehen“, sieht der Personalleiter als eine seiner Stärken, die er auch in die Parteiarbeit einbringen will.

„Der Informationsfluss zwischen Partei,- Fraktion und Ortsvereinen muss besser werden, damit auch die Genossen an der Basis wissen, was der aktuelle Stand unserer Politik ist und wie sie argumentieren und ihre Nachbarn überzeugen können.“

Auch den Draht zu den Betriebsräten und Betriebsgruppen will der neue SPD-Chef wieder stärker aktivieren. Er selbst kam durch seinen in der SPD-Mannesmann-Betriebsgruppe aktiven Vater und durch charismatische Sozialdemokraten, wie Brandt, Schmidt und Wehner zur SPD. Aber Scholten weiß, dass sich die Zeiten seitdem radikal geändert haben. Damals arbeiteten allein bei Mannesmann noch 13.000 Menschen. Heute sind es nur noch 3000. Die SPD kann sich also nicht mehr nur auf ihre Wähler unter den Facharbeitern verlassen. „Damals war die Hälfte der SPD-Stadtverordneten Betriebsrat bei Mannesmann oder Siemens“, erinnert sich Scholten. „Heute haben wir eine extrem individualisierte Gesellschaft, in der viele Menschen glauben, dass sie alles selbst regeln können und keine starke Interessenvertretung mehr brauchen.“

Sie vom Gegenteil zu überzeugen, wird der SPD aus Scholtens Sicht nur dann gelingen, wenn sie zeitgemäße Formen der Kommunikation und der Parteiarbeit aufbaut, mit der sie Menschen ansprechen und begeistern kann, statt sie mit stundenlangen Sitzungen und Grundsatzdiskussionen abzuschrecken. „Wir müssen die Menschen vor der Haustür abholen und uns um die Probleme kümmern, die sie unmittelbar betreffen“, betont Scholten. Darüber hinaus müsse die SPD aus seiner Sicht strategische Zukunftsfragen, wie die Organisation der öffentlichen Personennahverkehrs oder die Gewinnung neuer Arbeitgeber überzeugend beantworten.


Dieser Text erschien am 24. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 27. November 2014

Wie in einem offenen Wohnzimmer: Im Jugendzentrum Stadtmitte wird Integration nicht gefordert, sondern gelebt und gefördert

Am 17. November verlieh der Integrationsrat der Stadt Mülheim, der 24 Mitglieder zählt, den mit 400 Euro dotierten Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration.
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
 
In Mülheim leben 168.000 Menschen aus mehr als 100 Nationen. Da hat integrationsfördernde Jugendarbeit, wie sie jetzt vom Integrationsrat auszeichnet worden ist, für die Stadtgesellschaft eine existenzielle Bedeutung. Wie die aussehen kann, zeigt ein Besuch im Jugendzentrum an der Georgstraße.

Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“

Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.

„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.

„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.

„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.

Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“

Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“

Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.

Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“


Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Priesterbild im Wandel

„Wie stellen wir uns als Gemeinden darauf ein und was macht das mit unserer Seelsorge?“ Das fragt sich nicht nur Theologe Jens Oboth, sondern auch seine Tagungsgäste in der katholischen Akademie Die Wolfsburg angesichts der nicht nur im Bistum Essen dramatisch gesunkenen Zahl von Priestern und Priesteramtskandidaten.  Gerade mal 14 junge Männer aus dem Bistum studieren zurzeit katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. Sie tun es seit 2012 nicht mehr in einem Priesterseminar des Bistums Essen. Das Bochumer Priesterseminar wurde mangels Masse mit dem des Bistums Münster zusammengelegt.

 „Viele Menschen kennen Priester heute nur noch aus Film oder Fernsehen“, sagt Lisa Kienzl. Die Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz muss es wissen, hat sie doch die mediale Inszenierung von Priesterbildern wissenschaftlich untersucht.

Es scheint eine Ironie der Geschichte. Je weniger die Kirche im Dorf und der Pfarrer samt Kaplan in der Kirche ist, desto größer wird das mediale Interesse an positiven Priesterfiguren. Ob Pater Brown oder Dornenvögel, ob Mit Leib und Seele, Sister Act oder Um Himmels Willen. Kienzl ist davon überzeugt, dass das kein Nachteil sein muss und betont: „Auch wenn das Priesterbild in vielen Filmen überhöht und idealisiert wird, kann doch auch das oberflächliche Interesse an Priestern und ihrer Arbeit ein Punkt sein, an dem Kirche anknüpfen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann, um ihr Interesse zu vertiefen.“

Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.


Reinhold formuliert es in seinem Vortrag unter anderem so:  „Der ideale Priester der Zukunft ist kein Idealbild, sondern ein realer Mensch mit einem reflektierten Wissen um seine eigenen Stärken und Schwächen.“ Wie Reinhold geht auch der in der unter anderem in der Priesterfortbildung tätige Jacob davon aus, dass die Gemeinden der Zukunft kleiner und weniger priesterorientiert sein werden, ohne in der Seelsorge, der Verkündigung oder auch in der Jugendarbeit ganz auf Priester verzichten zu können und zu wollen. Jacobs und Reinhold sehen den Priester der Zukunft mehr denn je als einen Teamarbeiter, der auch Menschen außerhalb der Kerngemeinden ansprechen und für eine Mitarbeit gewinnen kann. Die beiden katholischen Priester sind davon überzeugt, dass es nicht immer die hohe Theologie oder Liturgie sein müssen, um Menschen, die nicht zur kleiner werdenden Schar der Kirchgänger gehören zumindest punktuell anzusprechen und ihnen eine gute Erfahrung zu vermitteln, die zum Ausgangspunkt einer neuen Glaubensentdeckung werden kann, aber nicht muss.

Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“

 „Das Geschäft ist vorbei“, sagt der geistliche Rektor der  Wolfsburg. Karl Georg Reploh, der vor 46 Jahren zum Priester geweiht wurde. Er mahnt, sich nicht länger auf die geweihten Priester zu fixieren, sondern plädiert dafür, „das Volk Gottes in die Seelsorge und Verkündigung konsequent einzubeziehen“ und sie zu einem selbstständigen und selbstbewussten Priestertum der Gläubigen zu befähigen. Auch der ehemalige Jesuitenschüler und Volkswirt Peter Schoess mahnt die Laien zu einem Aufbruch aus geistlicher Passivität und Lethargie: „Manchmal meckern wir Laien auch nur deshalb über unsere Hirten, weil wir uns selbst wie Schafe benehmen“, kritisiert Schoess und fragt sich, wie Reploh auch, ob die Gemeinden den Pflichtzölibat für Priester überhaupt noch akzeptieren. Ist der Pflichtzölibat eine Beruf(ungs)bremse fürs Priesteramt? Nicht nur bei dieser Frage wird deutlich, wie es Tagungsleiter Oboth formuliert, „dass der Wandel des Priesterbildes ein Thema ist, in dem viele Emotionen stecken.“
Dieser Text erschien am 18. Oktober 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 24. November 2014

Die Menschen mitnehmen: Was können und müssen Laien in der katholischen Kirche leisten: Ein Gespräch mit den beiden Katholikenräten Wolfgang Feldmann (63) und Daniel Wörmann (28)


Kirchenaustritte, demografischer Wandel, Missbrauchsskandale, Priestermangel. Weniger Kirchensteuer einerseits und Verschwendung von Kirchengeldern andererseits. Die katholische Kirche hat viele Baustellen. Warum lohnt es sich trotzdem oder gerade deshalb, als Laie in der Kirche aktiv zu sein und sich auch für den Glauben zu engagieren? Und wie wird man auch in Zukunft Menschen dafür begeistern und so Kirche und Glauben in unserer zunehmend säkularen und multikulturellen Gesellschaft weiter leben können. Darüber sprach das Neue Ruhrwort jetzt mit Wolfgang Feldmann und Daniel Wörmann, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Generationen aktiver Laien stehen.

Fangen wir doch mal ganz grundsätzlich an: Warum glauben Sie eigentlich?

Feldmann: Weil ich als Kind mit Religion und Kirche aufgewachsen bin. Vor allem durch den Einfluss meiner Großeltern waren das Beten und der Gottesdienstbesuch für mich von Anfang an selbstverständlich.

Wörmann: Auch ich bin durch meine Familie in den Glauben hineingewachsen und katholisch sozialisiert worden. Ich glaube aber auch, weil ich weiß und spüre, dass da noch mehr sein muss und mehr ist, als das, was man sehen und wissenschaftlich erklären kann. Da muss es jemanden geben, der das Ganze lenkt. Das speist sich aus dem, was uns die Heilige Schrift gibt und was wir als Gemeinschaft in der katholischen Kirche tun und weitergeben.

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche zu engagieren?

Feldmann: Ich habe nie Angst gehabt, meinen Mund aufzumachen und zu sagen, was ich denke. Ich habe dann aber auch eingesehen, dass man nicht nur kritisieren kann. Wer kritisiert, muss auch versuchen, selbst etwas besser zu machen. Und das habe ich getan und dabei auch etwas bewegen können.

Wörmann: Ich halte es da mit Albert Schweitzer, der gesagt hat: „Um Christ zu werden, reicht es nicht in die Kirche zu gehen. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in der Garage geht.“ Für mich geht es ganz konkret darum, wie man Menschen mit der Frohen Botschaft und ihren Werten erreichen kann, wenn man sie im Gottesdienst vielleicht nicht erreicht. Im Grunde dreht sich alles um das Thema Nächstenliebe und die Frage, wie wir miteinander umgehen und wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Da hat die katholische Kirche den Menschen ganz viel zu sagen und mitzugeben.

Feldmann: Ich sehe das auch so. Wir müssen als Christen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sehen, wo Menschen unsere Hilfe und Zuwendung brauchen. In unserer Gesellschaft sind viele Menschen alt und einsam. Ich erlebe es bei meinem Engagement in der katholischen Ladenkirche immer wieder, wie dankbar Menschen sind, die vielleicht eine schwierige Lebenssituation durchmachen, wenn sie hier jemanden finden, der sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Zeit und Zuwendung für Menschen, die einsam und in Not sind. Das ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche.

Müssen auch die Laien in der katholischen Kirche ihre Organisationsstrukturen überdenken? Brauchen wir noch Katholikenräte?

Wörmann: Die Strukturfrage ist für mich nicht die erste Frage. Sondern es geht darum, welche Schwerpunkte wir in unseren Gremien setzen wollen. Und ich erlebe das gleiche, wie Herr Feldmann, wenn ich Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche organisiere und dafür auch um Spenden bitte, damit auch die Kinder mitfahren können, deren Eltern sich sonst keinen Urlaub erlauben können. Wenn mich diese Kinder dann nach der Freizeit anstrahlen und sagen: Das war toll. So etwas erlebe ich sonst nie. Dann ist das doch das besondere, was Kirche ausmacht und uns trägt. Wir müssen uns als Katholikenräte fragen, mit welchen Themen können wir Menschen ansprechen, begeistern und mitnehmen. Und man kann Menschen mitnehmen. Das erlebe ich, wenn sich der Katholikenrat in Duisburg zum Beispiel für Flüchtlinge und die Schaffung einer Willkommenskultur einsetzt und damit auch anderslautenden Forderungen von Rechtsradikalen entgegentritt. Dann wird katholische Kirche plötzlich ganz positiv wahrgenommen.

Feldmann: Wenn wir Menschen ansprechen und Themen in der lokalen Öffentlichkeit setzen und Stellung beziehen wollen, brauchen wir aber auch auf der stadtkirchlichen Ebene eine professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Diese im Rahmen der Umstrukturierung 2006 abgebaut zu haben, war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Außerdem müssen wir, auf Sicht, wie in Lateinamerika. dafür sorgen, dass. wenn es künftig weniger Pfarrgemeinden, Priester und Kirchen geben wird, dass sich dann kleine Basisgemeinden vor Ort bilden, in denen zuvor dafür ausgebildete Laien auch Seelsorgeaufgaben übernehmen können, damit wir auch in Zukunft die Frohe Botschaft weitergeben können.

Wie aber kann man künftig vor allem junge Menschen für den christlichen Glauben gewinnen und ansprechen, wenn es das katholische Milieu nicht mehr gibt?

Wörmann: Das ist die Königsfrage. Wir müssen als katholische Kirche offener sein für die, die kommen, und ihnen auch zeigen, dass sie auch dann gerne gesehen sind, wenn sie sich vielleicht nur zeitweise und für einzelne Projekte engagieren wollen. Wir haben in der Jugendarbeit gute Erfahrungen damit gemacht, regelmäßige Angebote, die wir personell nicht mehr stemmen können, durch punktuelle Events zu ersetzen und damit Jugendliche zu erreichen und zu begeistern. Jugendliche sind heute natürlich auch mobiler und nicht mehr an eine Pfarrgemeinde gebunden. Und wenn sie bei sich vor Ort kein Angebot finden, das sie anspricht, ist es für sie auch kein Problem zu einem jugendpastoralen Zentrum oder einer Jugendkirche in eine andere Stadt zu fahren. Die Inhalte sind nicht das Problem. Man kann Jugendliche ansprechen. Das hängt natürlich auch von Personen und ihrem Lebensbeispiel ab, das sie ihnen geben. Wichtig ist aber auch, dass wir das nicht alles ehrenamtlich leisten können, sondern hauptamtliche Strukturen brauchen, die ehrenamtliches Engagement unterstützen und begleiten.

Feldmann: Menschen wollen sich heute nicht mehr über 20 Jahre mit einer bestimmten Funktion binden. Sie sind aber in allen Generationen bereit, sich für zeitlich begrenzte Projekte zu engagieren und dafür Zeit und Arbeit einzusetzen. Ich habe das erlebt, als wir hier in Mülheim die katholische Ladenkirche aufgebaut haben und auf die Straße gegangen sind, um mit den Menschen das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu diskutieren. Und ich erlebe es auch derzeit bei der Vorbereitung des Barbaramahls, das Ende November in der Dümptener Barbarakirche stattfinden und Spenden zugunsten der lokalen Hospizarbeit einspielen wird. Das funktioniert aber nur dann, wenn an der Spitze der Gemeinde auch eine charismatische Priesterpersönlichkeit steht, die andere Menschen ansprechen und mitreißen kann.

Was sagen Sie den Menschen, die aus der Kirche austreten, auch deshalb, weil sie sagen: Ich brauche keine Kirche, um zu glauben?

Wörmann: Auch wenn wir die Amtskirche kritisieren, muss es so etwas, wie Kirche geben. Denn sonst verliert die Kirche ihre klare Linie und der christliche Glaube würde der individuellen Willkür unterliegen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass Strukturen, wie immer sie auch heißen, dem Inhalt der Frohen Botschaft dienen müssen. Und aus ihr heraus müssen wir erkennen, was jetzt anliegt und was das für uns bedeutet. Entscheidend ist, dass wir, wie Jesus, immer wieder auf die Menschen zugehen und erkennen, was sie brauchen.

Feldmann: Glauben ist natürlich eine persönliche Angelegenheit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, für mich alleine und ohne Menschen zu glauben, die auch glauben. Es macht Freude, den Glauben in einer Gemeinschaft miteinander zu teilen und die Frohe Botschaft zu verkünden. Das ist für uns Christen ganz wesentlich. Und ich vertraue hier mit Blick auf die Zukunft und vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung auf die Kraft des Heiligen Geistes und auf die Kraft des Gebetes. Es wird immer wieder Menschen geben, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Ich mache das jetzt und ich bin dafür verantwortlich. Und wenn die Laien vor Ort wissen, dass sie sich nicht in jeder Frage an einen Priester wenden müssen und wenden können, weil er vielleicht nur noch alle zwei Monate vorbeikommt, um mit ihnen die Heilige Messe zu feiern, dann wird das zwangsläufig auch den Zusammenhalt und die Selbstständigkeit der Laien vor Ort stärken. Denn Verwaltungsaufgaben kann man vielleicht zentral organisieren. Doch bei der pastoralen und seelsorgerischen Arbeit funktioniert das eben nicht. Und hier werden Laien künftig eine viel größere Rolle spielen.
Zur Person:
Wolfgang Feldmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der pharmazoltischen Industrie. Bevor er 2002 den Vorsitz des Mülheimer Katholikenrates übernahm, war er über 20 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in St. Barbara (Mülheim-Dümpten). Nach seiner Wahl zum Katholikenratsvorsitzenden gehörte Feldmann auch dem Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Vor kurzem hat er sein Ehrenamt in der katholischen Stadtkirche an seinen bisherigen Stellvertreter Rolf Völker abgegeben.
Daniel Wörmann ist 28 Jahre alt. Er hat Betriebswirtschaft und Sozialarbeit in Bochum studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der Personalabteilung des Bistums Essen. Wörmann hat sich bereits früh als Meßdiener und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Er kommt aus der Duisburger Gemeinde St. Josef (Hamborn), die zur Pfarrei St. Johann gehört. Seit einem halben Jahr steht er an der Spitze des Duisburger Katholikenrates. Wörmann ist ehrenamtlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch in der Kommunalpolitik aktiv. Für die CDU saß er zwischen 2009 und 2014 in der Bezirksvertretung. Inzwischen arbeitet er als sachkundiger Bürger im Schul- und im Jugendhilfeausschuss des Duisburger Stadtrates mit

Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 22. November 2014

"Das ist eine echte Chance für mein Leben" oder: Wie eine Teilzeitausbildung Arbeitssuchenden und Arbeitgebern helfen kann: Ein Beispiel aus der Immobilienwirtschaft


Beate Steinmann kann sich noch gut an das erste Gespräch mit Joanna Marszolek erinnern. Im April stellte sich die 32-jährige Mutter bei der Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit vor. „Ich möchte gerne eine Teilzeitausbildung machen, weil ich zwei Kinder habe, um die ich mich kümmern muss. Aber ich werde so einen Ausbildungsplatz wohl nicht bekommen“, sagte Marzolek ihr damals. „Das wollen wir doch mal sehen“, hatte ihr Steinmann geantwortet. Rückblickend gibt sie aber zu, dass sie die Erfolgsaussichten damals mit „einem Sechser im Lotto“ verglichen habe.

Doch dieser Sechser im Lotto flatterte ihr schon bald in Form einer Stellenausschreibung der Firma Glückauf Immobilien ins Haus. „Wir möchten eine Bürokauffrau ausbilden und freuen uns auch auf Bewerbungen junger Eltern. Die Ausbildung kann auch in Teilzeit absolviert werden“, hieß es da sinngemäß. Aufgegeben hatte die Zeitungsanzeige der Geschäftsführer der Glückauf Immobilien, Sven Fischer.

„Wenn man Leute einstellt, die schon mitten im Leben stehen und nach einer Familienpause zurück in den Beruf wollen, bekommt man Menschen, die eine große Lebenserfahrung und soziale Kompetenzen mitbringen. Sie begreifen ihren Arbeitsplatz als echte Chance und sind deshalb hoch motiviert“, erklärt der 34-jährige Immobilienkaufmann seine Personalpolitik. Solche positiven Beispiele wünscht sich der Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch, öfter. Ihn treibt es um, dass viele Arbeitgeber über Fachkräftemangel klagen, aber selbst nicht ausbilden, geschweige denn das Potenzial erkennen, das sie sich mit einem verstärkten Angebot von Teilzeitausbildungsplätzen erschließen könnten.

Das sieht auch der gelernte Chemiker Sven Fischer so, der selbst nach einem schweren Unfall und einer längeren Auszeit über den 2. Bildungsweg in seinen heutigen Beruf kam. Er versteht, warum Berufsbiografien nicht immer auf geraden Wegen verlaufen. Joanna Marszolek hatte nach dem Abitur Germanistik studiert, das Studium aber abgebrochen und sich dann mit 450-Euro-Jobs durchgeschlagen.

„Diese Ausbildung ist für mich nach den vielen 450-Euro-Jobs endlich eine echte Chance und eine Investition in meine Zukunft“, sagt die zweifache Mutter, die nicht nur bei der Kinderbetreuung von ihren Eltern, ihrem Mann und von einer Freundin unterstützt wird. „Ohne mein soziales Netzwerk könnte ich meine Ausbildung nicht schaffen“, gibt die junge Frau zu. Denn trotz Teilzeitarbeit in der Firma, muss die angehende Bürokauffrau immer wieder ganztägige Seminare besuchen und zwei volle Berufsschultage pro Woche absolvieren. Gelernt wird abends und am Wochenende, wenn die Tochter (4) und der Sohn (10) im Bett oder mit Papa unterwegs sind. „Ich habe hier eine sehr verständnisvolle Ausbilderin, die selbst als Mutter in Teilzeit arbeitet“, freut sich Marszolek. Ein Vorbereitungsseminar der Berufsbildungswerkstatt und ein Schnupperpraktikum bei Glückauf Immobilien erleichterten ihr den Einstieg.

Ihr Chef bescheinigt ihr nach zweienhalb Monaten einen „100-prozentigen Arbeitseinsatz in einer 50-prozentigen Arbeitszeit, in der sie sehr konzentriert und komprimiert bei der Sache ist.“

Und so lernt sie in ihrer dreijährigen Teilzeitausbildung alles, was sie als Bürokauffrau braucht, ob Büroplanung und Organisation, Finanzbuchhaltung, Kundenkontakte sowie Verwaltung und Bearbeitung aller für die diversen Immobiliendienstleistungen notwendigen Datensätze. Gerade diese Vielfalt mache ihr Freude.

Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. November 2014

So gesehen: In ruhigen Bahnen


Seit Samstagabend kann der Hauptbahnhof wieder sein, was er sein soll, ein Ort an dem Menschen einsteigen und mitgenommen werden können. Denn in den vorangegangenen Streiktagen fühlten sich die Fahrgäste der Deutschen Bahn ja nicht nur auf dem Mülheimer Bahnhof, eher als abgehängte Manövriermasse auf dem Abstellgleis („Mal sehen, wann welcher Zug kommt und wohin er fährt?) denn als willkommene, zahlende und deshalb selbstverständlich mitgenommene Fahrgäste.

Dass die Gewerkschaft der Lokomotivführer, die nicht nur für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten, sondern auch für mehr eigene Macht gestreikt hat, ihren Streik, der eigentlich bis heute die Fahrgäste auf die Folter spannen, sollte, am Samstagabend vorzeitig abgebrochen haben, zeigt das auch die stursten GDL-Strategen Gott sei Dank nicht nur Bahnhof verstehen, und wissen, dass sie die Leidensfähigkeit ihrer eigentlichen Arbeitgeber, nämlich der Fahrgäste im Zug der Zeit nicht überstrapazieren dürfen, wenn sie am Ende nicht selbst aufs Abstellgleis geraten und abgehängt werden wollen.

Gerade in Zeiten, die schon ohne Bahnstreik manchmal wie eine Achter- oder Geisterbahnfahrt anmuten, ist man heute auf seiner Lebensreise doch wirklich für jede Fahrt dankbar, die auf sicheren Gleisen und in ruhigen Bahnen zur rechten Zeit zum Ziel führt, und sei es auch nur bei einer Zugreise vom Mülheim in andere schöne Städte, die es ja auch geben soll und die eine Reise oder einen Arbeitsweg wert sind, vor allem dann, wenn man eine Rückfahrkarte in der Tasche hat und weiß, dass man auch als Fahrgast der Deutschen Bahn bestimmt wieder nach Hause kommt, ohne draufzahlen oder bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten zu müssen.

Dieser Text erschien am 10. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 19. November 2014

Die Sozialarbeiterin Krimhild Orth betreut im Auftrag der Stadt Mülheim die Flüchtlinge an der Gustavstraße in Styrum


Es ist erst gut zwei Wochen her, dass 136 Flüchtlinge an die Gustavstraße in Styrum gezogen sind. Die Koffer dürften mittlerweile ausgepackt sein, alle Fragen aber sicher noch nicht geklärt. Hier hilft Krimhild Orth weiter. Die Sozialarbeiterin ist seit zwei Wochen Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. Was steht im Brief vom Amt? Wo gibt es einen sprachkundigen Arzt, der einer Frau helfen kann, die an Diabetes leidet? Wo bekomme ich einen warmen Mantel her, wenn es jetzt kälter wird? Krimhild Orth kennt die Antworten. Noch ist sie Einzelkämpferin, soll aber in absehbarer Zeit durch eine Kollegin oder einen Kollegen unterstützt werden.

„Ich bin eigentlich ganz gut im Thema“, sagt Orth nach 21 Jahren als Sozialarbeiterin im Dienste der Stadt. Erst arbeitete sie im Flüchtlingsdienst, dann als Bezirkssozialarbeiterin in Styrum. Flüchtlinge, aber auch die Arbeit mit Familien in schwierigen Lebenslagen sind ihr vertraut. „Die Menschen, die hier leben, haben zum Teil Traumatisches erlebt. Sie müssen erst mal ankommen und zur Ruhe kommen,“ sagt Orth. Sie organisiert nicht nur die Teilnahme an Deutschkursen, Arztbesuche, erläutert den Inhalt amtlicher Schreiben oder vermittelt bei Bedarf Gespräche in einem Sozialpsychologischen Zentrum und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ganz oft müssen Orth und Hausverwalter Detlef Voß auch einfach nur dafür sorgen, dass Flüchtlinge ihre Wohnung an der Gustavstraße möbliert bekommen oder eine Waschmaschine anschließen können.

Auch wenn die Sozialarbeiterin in ihrem zurzeit noch sehr kärglich eingerichteten Büro regelmäßig Sprechstunden anbietet, wird sie natürlich auch außerhalb ihres Büros regelmäßig angesprochen. „Viele, aber beileibe noch nicht alle Flüchtlinge wissen, dass ich da bin, wer ich bin und was ich hier mache“, erzählt Orth. Doch sie arbeitet an ihrem Bekanntheitsgrad, in dem sie regelmäßig Wohnungsbesuche macht. „Dabei erlebe ich eine große Freundlichkeit und Offenheit. Die Menschen bieten mir meistens sofort einen Sitzplatz und etwas zu trinken an“, berichtet sie. Wenn der eine die Sprache des anderen nicht versteht, behilft man sich eben mit Händen und Füßen oder ein paar Brocken Englisch. Wenn es komplizierter wird, weil es zum Beispiel um gesundheitliche Probleme geht, greift sie auf den Sprachkundigen-Pool und den Gesundheitswegweiser der Stadtverwaltung zurück, um einen Dolmetscher oder einen sprachkundigen Arzt zu besorgen. „Ich bin hier wie ein Drehscheibe“, beschreibt die Sozialarbeiterin ihre Vermittlungs,- Kontakt- und Kommunikationsarbeit.

Sie bindet ehrenamtliche Helfer ein, die Flüchtlinge zum Beispiel bei Arztbesuchen und Ämtergängen begleiten. Sie hat damit begonnen Kontakte zu Einrichtungen im Stadtteil zu knüpfen. Beim Nachbarschaftsverein und in der Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung an der Augustastraße war sie schon und hat dort eine große Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft gespürt. Vereine, Schulen oder das Jugendzentrum am Styrumer Marktplatz stehen noch auf ihrem Besuchsplan.

„Ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge hier an der Gustavstraße nicht wie in einem Ghetto leben, sondern das es ein selbstverständliches Miteinander und Nebeneinander gibt und sie am ganz normalen Leben im Stadtteil teilnehmen können,“ betont Orth. Auch wenn sie mögliche Probleme und Berührungsängste nicht wegreden will, ist sie optimistisch, dass das gelingen kann, wenn Flüchtlinge und Einheimische sich im Alltag kennen lernen und etwas über das Leben des jeweils Anderen erfahren können. „Das verändert den Blick“, weiß Orth.

Gute Ansätze dafür sieht sie. Dass sich Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren und eine ältere Dame aus der Nachbarschaft Kleiderspenden für den Winter angeboten hat, sieht sie ebenso als ein gutes Zeichen dafür, wie die Tatsache, „dass sich die Stadt heute bemüht, für die Flüchtlinge ordentliche Wohn- und Lebensbedingungen zu schaffen.“ Als Orth in den frühen 90er Jahren zum ersten Mal mit Flüchtlingen arbeitete, wurden sie nicht, wie heute, in regulären Wohnungen, sondern in Wohncontainern einquartiert. Das ist heute Vergangenheit.

In den SWB-Häusern an der Styrumer Gustavstraße leben derzeit 144 Menschen aus 21 Nationen. Insgesamt bietet Mülheim zurzeit 642 Menschen aus 36 Nationen eine Zuflucht. An der Gustavstraße ist derzeit noch Wohnraum für 25 bis 30 Menschen frei. Darüber hinaus steht die Stadt in enger Verbindung mit den örtlichen Wohnungsbaugesellschaften und privaten Vermietern, um im Bedarfsfall weiteren Wohnraum für Flüchtlinge zu beschaffen.

 
Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 


 

 

 

 

Mittwoch, 12. November 2014

Was kommt in die Tüte? Ein Blick in die Mülheimer Lebensmittelkontrollen


Restaurants, Imbisslokale, Metzgereien, Trinkhallen, Bäckereien, Eisdielen, Kantinen und Supermärkte. Sie alle bekommen mehr oder weniger regelmäßig Besuch von Lebensmittelkontrolleuren des Ordnungsamtes. Die Routinekontrollen sind bisher kostenlos. Das soll sich ändern, wenn es nach dem Willen des NRW-Verbraucherschutzministers Johannes Remmel von den Grünen geht.

Welche Kosten auf die routinemäßig kontrollierten Betriebe zukommen könnten, wenn sich das Ministerium nicht für eine Kostenpauschale entscheiden sollte, lässt sich an den Kosten messen, die nach einer Beanstandung für eine Nachkontrolle anfallen. Der Stundensatz eines Lebensmittelkontrolleurs liegt derzeit bei 57 Euro. Hinzu kommen 20 Euro als Fahrtkostenpauschale. Weitere 20 Euro werden fällig, wenn eine Lebensmittelprobe genommen und untersucht werden muss. Muss die Amtstierärztin als Sachverständige zur Begutachtung herangezogen werden, kommen noch einmal 78 Euro hinzu.

„Das gibt viel Arbeit und Ärger“, ahnen Heike Schwalenstöcker-Waldner und Ulrich Schäfer. Sie sind als Amtstierärztin und als Gruppenleiter für die kommunale Lebensmittelkontrolle verantwortlich.

„Wenn zum Beispiel ein Kioskbesitzer, der vor allem Lutschbonbons und Zigaretten verkauft, für eine Routinekontrolle plötzlich einen dreistelligen Betrag bezahlen soll, wird er das bestimmt nicht lustig finden“, beschreibt Schäfer das Dilemma der ministerialen Geldbeschaffungspläne. Auf der anderen Seite weiß Schwalenstöcker-Waldner: „Die Lebensmittelkontrolle ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen, und die sind klamm.“

In der städtischen Lebensmittelkontrolle arbeiten derzeit fünf Mitarbeiter, die sich auf viereinhalb Stellen verteilen. Eine Stelle wird vom Land finanziert. Die anderen müssen aus der Stadtkasse bezahlt werden. Ihre Lebensmittelkontrolle kostet die Stadt, einschließlich Personalkosten, jährlich 850.000 Euro. Dazu kommen rund 396.000 Euro, die die Stadt jedes Jahr als Trägeranteil für das in Krefeld ansässige und von zehn Städten finanzierte Chemische Untersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper entrichtet. Dort werden alle Mülheimer Lebensmittelproben untersucht, die entweder von den Lebensmittelkontrolleuren genommen oder von besorgten Bürgern bei der Behörde eingereicht werden.

Ob Betriebe, die Lebensmittel herstellen, verarbeiten oder auch nur mit ihnen handeln, wöchentlich, monatlich, quartalsmäßig, halbjährlich, jährlich oder nur alle 18, 24 oder 36 Monate kontrolliert werden, hängt von ihrem hygienischen Risikopotenzial ab, das nach einem Kriterienkatalog bewertet wird: Werden verderbliche Lebensmittel verarbeitet? Handelt es sich um einen Alt- oder einen Neubau? Ist der Betrieb schon mal auffällig geworden? Veranlasst er selbstständig regelmäßig Lebensmittelproben, die er dokumentieren kann? Gibt es einen ebenfalls dokumentierten Reinigungsplan? „Eine Eisdiele oder eine Metzgerei, die mit frischen Zutaten arbeiten, haben ein höheres Risikopotenzial als ein Discounter, der vor allem mit abgepackten Produkten arbeitet“, erklärt Schwalenstöcker-Waldner.

Sie vermutet, dass der Druck auf die Lebensmittelkontrolleure zunehmen wird, wenn künftig nicht mehr nur Nachkontrollen, sondern auch die routinemäßigen und unangemeldeten Lebensmittelkontrollen bezahlt werden müssen. Andererseits kann sie sich vorstellen, dass Betriebe durch Kontrollgebühren einen zusätzlichen Ansporn haben könnten, durch sorgfältige Einhaltung der Hygiene,- Bau- und Kennzeichnungsauflagen häufigere Lebensmittelkontrollen zu vermeiden.

Natürlich würde sich die Amtstierärztin wünschen, dass zusätzliche Gebühreneinnahmen in zusätzliches Personal investiert würden, damit Lebensmittekontrollen künftig nach dem Vier-Augen-Prinzip von zwei Lebensmittelkontrolleuren durchgeführt werden könnten. Doch die Aussicht auf personelle Verstärkung beurteilt sie ebenso skeptisch wie die Zielsetzung des Ministers, wirklich kostendeckende Gebühren einzuführen. Hinzu kommt: Müsste die Stadt eine weitere Verwaltungsstelle für die Bearbeitung der neuen Gebührenbescheide einstellen, wäre das mit zusätzlichen Personalkosten von jährlich 55.000 Euro verbunden.
 

Zahlen & Fakten

 

1115 Betriebe bekommen regelmäßig und unangemeldet Besuch von Lebensmittelkontrolleuren.

2013 wurden 778 Betriebe routinemäßig kontrolliert. Hinzu kamen nach 102 Beanstandungen 82 amtlich veranlasste Nachkontrollen sowie über 200 außerordentliche Kontrollen, die zum Beispiel auf Bürgerbeschwerden oder Schnellwarnmeldungen des Landes zurückgingen. Bis Ende September 2014 wurden 884 Betriebe routinemäßig kontrolliert. Dabei kam es zu 150 Beanstandungen und 76 Nachkontrollen.

Beanstandet wurden vor allem hygienische Mängel und falsche Kennzeichnungen. Einige Beispiele aus dem Sündenregister: Zu viele Keime im Hackfleisch oder in der Sahne, Käseimitate, die als Käse und Formfleisch, das als Schinken angeboten wird.

Fehlende Fliegengitter am Küchenfenster, schmutzige Küchenböden, mit Altfett verschmierte Öfen und Küchenfliesen, zugestellte Waschbecken und das Fehlen von Papierhandtüchern und Seife, unverpackte und deshalb durch Gefrierbrand beschädigte Lebensmittel in der Tiefkühltruhe.

924 mal mussten Lebensmittelproben untersucht werden. 182 Mal kam es dabei zu Beanstandungen. In 23 Fällen, in denen 2013 vorsätzlich und wiederholt gegen Hygieneauflagen und Kennzeichnungsvorschriften verstoßen wurde, wurden Strafverfahren eingeleitet oder Buß- und Verwarngelder verhängt. 2012 gab es 32 solcher Fälle. Im laufenden Jahr sind es 28.

2014 wurden drei, 2013 fünf und 2012 elf Strafverfahren eingeleitet. 2014 wurden 21 Bußgelder zwischen 100 und 1000 Euro, 2013 waren es 14 Bußgelder zwischen 100 und 300 Euro. Und 2012 gab es 18 Bußgelder zwischen 100 und 700 Euro. Im laufenden Jahr erreichten zwölf Bürgerbeschwerden die Lebensmittelkontrolleure. 2013 waren es 11 und 2012 17.

Im laufenden Jahr haben 10 Bürger verdächtige Lebensmittelproben zur amtlichen Überprüfung eingereicht. 2013 waren es nur 5 und 2012 11.
 
Dieser Text erschien am 7. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. November 2014

Wie barrierefrei sind Mülheims Busse und Bahnen?


Essen hat sie schon, Mülheim bekommt sie 2015; 15 neue Niederflurbahnen für 2,5 Millionen Euro pro Fahrzeug. Mittelfristig sollen insgesamt 19 Niederflurbahnen vom Typ NF2 auf Mülheims Straßen fahren.

Dass die Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) trotz ihres aktuellen 34-Millionen-Euro-Defizits neue Niederflurbahnen mit ausklappbarer Einstiegsrampe anschaffen will, hat mit dem Auftrag des Gesetzgebers zu tun. Der will den öffentlichen Personennahverkehr bis 2022 zu 100 Prozent „barrierefrei“ machen.

MVG-Sprecher Nils Hoffmann ist skeptisch. „In Mülheim wie in vielen finanzschwachen Kommunen in NRW wird es nur schwer möglich sein, das Ziel des barrierefreien Umbaus bis 2022 zu stemmen. Aufgrund der bis 2019 zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist aber schon jetzt absehbar, dass bis zum 1. Januar 2022 die Barrierefreiheit im ÖPNV nicht erreicht werden kann“, sagt er.

Landesweit schätzt der Städtetag NRW den Finanzbedarf für den barrierefreien Umbau des Nahverkehrs auf rund 1,75 Milliarden Euro. Das Investitionsvolumen für den barrierefreien Umbau aller rund 40 Mülheimer Straßenbahnhaltestellen schätzt Hoffmann auf rund 50 Millionen Euro.

Allein im kommenden Jahr sollen insgesamt zehn Millionen Euro in den barrierefreien Umbau, also den Aufbau erhöhter Einstiegsbahnsteige, investiert werden. Auf der Umbauliste stehen die Haltestellen RWE-Sporthalle, Oppspring und Kuhlendahl, die von der Linie 104 angefahren werden, sowie die Haltestelle Speldorf Bahnhof, die von der Linie 901 angesteuert wird.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände (AGB), Alfred Beyer, würdigt die Bemühungen von MVG und Stadt, die Haltestellen barrierefrei zu machen. Immerhin sind schon heute 71 Prozent der Straßenbahn,- 33 Prozent der Bus- und 50 Prozent der Stadtbahnhaltestellen barrierefrei.

Allerdings sieht er auch noch Nachholbedarf. „Die Umstiegssituation am Hauptfriedhof ist für Fahrgäste mit Rollstuhl oder Rollator unzumutbar“, findet er. Dort müssen Fahrgäste, die in Richtung Flughafen und Wohnstift Raadt fahren, von der 104 in einen Bus umsteigen. Auch im Speldorfer Ortszentrum, wo man derzeit auf der Duisburger Straße in die 901 einsteigen muss, erkennt er ebenso Umbaubedarf, wie an den noch aufzuglosen Stadtbahnhaltestellen Eichbaum und Von-Bock-Straße oder im unterirdischen Busbahnhof am Hauptbahnhof, der nur über Rolltreppen und Treppen erreichbar ist. Ihn sähe Beyer am liebsten oberirdisch und damit barrierefrei zwischen Hauptbahnhof, Forum und Hauptpost.

Auch die Einstiegrampen der neuen Niederflurbahnen sieht er aufgrund ihrer drei bis vier Zentimeter hohen Einstiegskanten skeptisch und plädiert deshalb für fahrzeuggebundene Einstiegshilfen in Form eines Hebelifts.

Dieser Text erschien am 1. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 9. November 2014

Rückblick auf die Reichspogromnacht in Mülheim: Die Flammen des Hasses


Dort, wo heute am Viktoriaplatz das Medienhaus entsteht, stand bis zum 9. November 1938 Mülheims Synagoge. Bei ihrer Grundsteinlegung (1905) hatte Rabbiner Otto Kaiser ihren Bau als Zeichen religiöser Toleranz gefeiert, hatte mit Blick auf Synagoge, Marien- und Petrikirche gesagt: „Es ist, als ob sie einander zuwinken, als ob sie einander brüderlich die Hand reichen wollten, auf dass nie wieder die Flammen des Hasses aufzüngeln."

Doch in der sogenannten Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 züngeln die Flammen des Hasses lichterloh, lassen die Synagoge niederbrennen, die zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr der auf etwa 340 Mitglieder geschrumpften Jüdischen Gemeinde, sondern der Stadtsparkasse gehört, die ihr angrenzendes Gebäude erweitern will. Ausgerechnet Feuerwehrchef, SS-Mann Alfred Freter, wird in dieser Nacht zum Brandstifter. Obwohl die Feuerwehr darauf achtet, dass der Brand nicht auf die Nachbarhäuser übergreift, erinnert sich der Rechtsanwalt Otto Niehoff 1980 an Explosionen und abgesprengte Mauerteile der Synagoge, die in dieser Nacht die Fenster seines benachbarten Elternhauses durchschlagen.

Freter hat am Abend des 9. November 1938 mit seinen NSDAP-Genossen in Essen der Gefallenen des an selbigen November 1923 gescheiterten Hitler-Putsches gedacht, als ihn die Brandrede des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels erreicht. Ende der 50er Jahre muss er sich für seine Brandstiftung vor Gericht verantworten, aus formalrechtlichen Gründen wird er aber nie verurteilt.

Auch in der Mülheimer Stadthalle gedenken die Nazis an diesem 9. November 1938 ihrer 15 Jahre zuvor in München getöteten Gesinnungsgenossen. Dass Niederbrennen der Synagoge bleibt in dieser Pogromnacht nicht der einzige Übergriff auf die Jüdische Gemeinde. Alt-Bürgermeister Karl Schulz, damals 16 Jahre junger Lehrling, erinnert sich 60 Jahre nach den Ereignissen: „Die Bahnstraße, in der viele jüdische Händler und Anwälte ihre Geschäfte und Büros hatten, war mit Dingen überfüllt, die man aus den Fenstern herausgeworfen hatte."

SA- und SS-Männer ziehen am 9. und 10. November mit Hetzliedern durch die Stadt, demolieren jüdische Geschäfte und misshandeln jüdische Mitbürger." 80 von ihnen werden willkürlich verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Sie kommen bis Weihnachten 1938 wieder frei, nachdem die Frauen der Inhaftierten Tag für Tag bei Polizei und Gestapo vorstellig werden. Benno Kohn, Mitglied der jüdischen Gemeinde, die sich längst nicht mehr in der Synagoge am Viktoriaplatz, sondern im Gemeindehaus an der Löhstraße trifft, wird in seiner Wohnung an der Eppinghofer Straße so brutal zusammengeschlagen, dass er wenig später im Marienhospital stirbt.

Er wird nicht das letzte jüdische Opfer der Nazis bleiben. Rund 270 Mülheimer Gemeindemitglieder werden ab 1941 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet. Nach der Reichspogromnacht setzt unter den jüdischen Mülheimern eine Fluchtwelle ein. Rund 350 von ihnen können sich ins Exil retten. Was in der Pogromnacht 1938 eskalierte, begann schon Jahre vorher mit Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte.

Dieser Text erschien am 8. November 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 7. November 2014

"Sprechen Sie uns an" oder: Die Mülheimer Lotsen kommen und weisen nicht nur älteren Mitbürgern den Weg


„Ich würde gerne mal wissen, wie ich es anstelle, dass ich in meine Badezimmer meine Badewanne durch eine ebenerdige Dusche ersetzen kann.“ Das Anliegen von Astrid Lauterfeld ist ein Klassiker, wenn es um das barrierefreie Wohnen im Alter geht. Die Bürgerlotsen Beate Gottwald und Hans-Dieter Schnapka wissen Bescheid. „Das ist ein Fall für Holger Förster von der Seniorenwohnberatung der Stadt.“ Die 64-jährige Mülheimerin, die früher ihren Kunden die Haare schnitt und der 68-jährige Mülheimer, der bis zur Pensionierung bei der Berufsfeuerwehr gearbeitet hat, sind zwei der bisher neun ehrenamtlich aktiven Bürgerlotsen, die sich am vergangenen Samstag auf dem Kurt-Schumacher- Platz der Öffentlichkeit vorstellten. Ab sofort werden die Bürgerlotsen, die man an ihren blauen Jacken und ihren Buttons mit der Aufschrift Mülheimer Lotse erkennt in der gesamten Stadtmitte unterwegs sein, um nicht nur für ältere Menschen ansprechbar zu sein. „Das finde ich toll, wenn man Leute einfach ansprechen kann, die sich auskennen und wissen, wo man was bekommen oder finden kann“, freut sich die 60-jährige Astrid Lauterfeld.

Auch andere Bürger bleiben an diesem Samstag am Infozelt auf dem Kurt-Schumacher-Platz stehen, um zum Beispiel zu fragen: „Wo geht es eigentlich zur RWE-Sporthalle? Was sind eigentlich Bürgerlotsen? Was muss ich eigentlich machen, wenn ich einem Angehörigen einen Altenheimplatz besorgen will? Oder: Kennen Sie jemanden, der mir helfen kann, mein Schlafzimmer auf- und abzubauen?“ Auch auf letztere Frage bleiben die Bürgerlotsen die Antwort nicht schuldig  und notieren sich die Telefonnummer einer älteren Dame, um sie später zurückrufen und einen Termin mit den ebenfalls ehrenamtlich aktiven Heinzelwerkern vom Diakonischen Werk vereinbaren zu können.
So soll das auch künftig in der Praxis funktionieren. Die Bürgerlotsen, die unter der zentralen Rathaus-Rufnummer 0208/455-3544 erreichbar sind, geben dem oder der Ratsuchenden ihre Karte oder notieren sich die Telefonnummer, um zu klären, wer in welchem Fall helfen kann und dann den Kontakt zu den hilfesuchenden Bürgern herzustellen. Weil auch die ehrenamtlichen Bürgerlotsen nicht alles wissen können, stehen ihnen hauptamtliche Ankerpersonen aus der Stadtverwaltung und anderen sozialen Bereichen zur Seite, die Fragen rund um Themen, wie Gesundheit, Pflege, Wohnen, Mobilität oder Behörden schnell und kompetent beantworten und ihrerseits Kontakt zu den jeweils zuständigen Ansprechpartnern vermitteln können.

„Weil wir in der Stadtmitte einen hohen Anteil von zum Teil alleinlebenden Senioren und anonymen Nachbarschaften haben, werden die Mülheimer Lotsen zunächst nur in diesem Stadtteil unterwegs sein“, betont Jörg Marx vom federführenden Sozialamt. Langfristig, wenn sich noch mehr Bürgerlotsen finden sollten, kann sich der Sozialplaner aber auch eine Ausweitung dieser Bürgerdienstleistung auf andere Stadtteile vorstellen. „Ich habe als Feuerwehrmann gerne geholfen und möchte auch im Ruhestand nicht damit aufhören, zumal ich meine Einsatzseiten selbst bestimmen kann“, erklärt Hans-Dieter Schnapka, warum er sich nach einer 16-stündigen Schulung als Bürgerlotse auf den Weg macht. Und seine Kollegin Beate Gottwald sieht ihr Ehrenamt nicht nur als „eine sinnvolle Sache“, sondern auch „als eine gute Gelegenheit“ an: „unserer Gesellschaft, in der wir immer noch gut leben können, etwas zurückzugeben.“
Wer sich als Mülheimer Lotse engagieren oder sich weitergehend über die Mülheimer Lotsen informieren möchte, findet in Jörg Marx, der beim Sozialamt an der Ruhrstraße 1 unter der Rufnummer 0208/455-5012 erreichbar ist, einen kompetenten Ansprechpartner.

Dieser Text erschien am 28. Oktober 2014 im Pressedienst der Stadt Mülheim

 


 

Dienstag, 4. November 2014

Jung und verschuldet: Was dem Leiter der AWO-Schuldnerberatung, Carsten Welp, zum Thema Altersvorsorge und Altersarmut einfällt


Brüchige, befristete und prekäre Beschäftigungsverhältnisse wirken sich offensichtlich auf die private Altersvorsorge aus. Darauf weist das Vermögensbarometer des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes hin, wonach 16 Prozent der Deutschen und 50 Prozent der Unter-30-Jährigen und der Geringverdiener keine private Altersvorsorge leisten können und wollen. „Das überrascht mich nicht“, sagt Carsten Welp. „Wenn Menschen noch in der beruflichen Orientierungsphase sind und später in befristeten Arbeitsverträgen, in Zeitarbeitsverhältnissen oder im Niedriglohnsektor stecken und kaum ihre laufenden Kosten decken können, tritt die Altersvorsorge in den Hintergrund“, weiß der 45-jährige Jurist, der seit 2002 die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt leitet.

Folgt man den Landesstatistikern von IT NRW, so hat jeder Mülheimer ein verfügbares Jahreseinkommen von 22.675 Euro. Schaut man in den kommunalen Familienbericht, so liegt das durchschnittliche Netto-Monatseinkommen bei 2938 Euro. 20 Prozent der Familien geben ihr entsprechendes Einkommen mit über 4000 Euro, 33 Prozent mit weniger als 3000 Euro, 25 Prozent mit weniger als 2000 Euro und 5 Prozent mit weniger als 1000 Euro an. Doch das ist statistischer Durchschnitt. Carsten Welp und seine Kolleginnen haben es in der Beratungsstelle der Awo jährlich mit 1200 bis 1300 Mülheimern zu tun, die ihre Schulden nicht mehr oder kaum noch zurückzahlen können und deshalb als überschuldet gelten. „Die Zahl der Schuldenfälle hat zwar nicht zugenommen, die einzelnen Fälle sind aber komplexer geworden“, sagt Welp. Arbeitslosigkeit, Scheidung, unkalkulierter Konsum, aber auch der mit der Rente verbundene Einkommensrückgang sieht der Schuldnerberater von der Awo als Hauptursachen dafür, dass Menschen in die Schuldenfalle geraten, die dann nicht selten zu einer Schuldenspirale wird, wenn neben steigenden Strom,- Heizungs- und Mietkosten auch noch Kredit- und Verzugszinsen gezahlt werden müssen.

Auch wenn Welp betont, „dass sich die Schuldenproblematik durch alle Generationen und soziale Schichten zieht“, fällt ihm mit Blick in die Beratungsstatistik doch auf, dass die 25- bis 40-Jährigen mit einem Anteil von 40 Prozent die größte Klientengruppe stellen. Zählt man den Zehn-Prozent-Anteil der Unter-25-Jährigen dazu sind die Hälfte aller Ratsuchenden in der Schuldnerberatungsstelle an der Bahnstraße unter 40.

„Wir haben schon heute mit Altersarmut zu tun, aber das wird sicher ein noch größeres Thema“, befürchtet Welp und fordert: „Wir brauchen ein vernünftiges Lohngefüge, mehr Rentenaufklärung und eine Altersvorsorge, die auch für kleine Geldbeutel bezahlbar ist.“

Die Awo-Schuldnerberatung an der Bahnstraße 18 bietet dienstags von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr eine für alle Mülheimer Bürger offene und kostenfreie Sprechstunde an. Infos: 45 003-116 oder unter www.awo-mh.de


Dieser Text erschien am 29. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 2. November 2014

Altersarmut: Was bedeutet sie und wie könnte man sie überwinden: Ein Gespräch mit Betroffenen

Altersarmut ist für Birgit M. (61) und Klaus Peter Jesko (63) kein akademisches Zukunftsthema, sondern Gegenwart und Alltagsrealität. Beide leben heute von Arbeitslosengeld II und werden auch im Rentenalter nicht über die soziale Grundsicherung hinauskommen, obwohl beide eine gute Ausbildung absolviert und 35 Jahre als Arbeitnehmer in die Sozialversicherung eingezahlt haben.

Birgit M. und Klaus-Peter Jesko begannen ihr Berufsleben mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel. „Das hilft uns auch heute, mit wenig Geld gut umzugehen und auszukommen“, sagen beide. Sie studierte später Betriebswirtschaft und Innenarchitektur und machte Karriere in der Möbelbranche. Er blieb im Einzelhandel und arbeitete zunächst als Verkäufer und später als stellvertretender Abteilungsleiter in verschiedenen Kaufhäusern.

Doch dann wurden sie mit Anfang und Mitte 50 Opfer von Rationalisierungen, Insolvenzen und Geschäftsaufgaben. Auch danach gaben sie nicht auf, bewarben sich hundertfach oder versuchten über Zeitarbeit einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt. „Aber irgendwann hielt ich diese moderne Sklaverei und die vielen unentgeltlichen Überstunden nicht mehr aus“, erinnert sich Birgit M.. Bei Jesko kam eine Hüftoperation hinzu, die ihn für eineinhalb Jahre außer Gefecht setzte. Beide suchen zwar noch nach einem Job, sehen ihre Erfolgsaussichten aber als gegen Null gehend an. „Ich bin zu jung für die Rente, aber zu alt für den Arbeitsmarkt“, sagt die 61-Jährige. „Als älterer Bewerber wird man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr ernst genommen, weil der Arbeitsmarkt sich heute sehr schnell verändert und viele Personalchefs Angst haben, dass man nicht mehr belastbar ist“, meint Jesko.

Beide wissen, dass viele Personalchefs, dem demografischen Wandel zum Trotz, schon bei Bewerbern dies- und jenseits der 50 die Nase rümpfen. „Sie passen bei uns nicht ins Bild“, musste sich Birgit M. schon mal nach einem Bewerbungsgespräch sagen lassen.

Beide haben aus der Not eine Tugend gemacht und holen sich heute ihre Anerkennung und ihre sozialen Kontakte, die sie im Berufsleben nicht mehr bekommen können, im sozialen Ehrenamt, etwa beim Diakoniewerk, bei der Arbeiterwohlfahrt, der Caritas oder beim Styrumer Treff für aktive Arbeitssuchende. „Ich habe das Glück, dass ich auf Menschen zugehen kann, aber Altersarmut versteckt sich“, sagt Birgit M. Auch Jesko weiß: „Die Leute kommen nicht raus, weil sie sich für ihre Armut schämen und nicht als faul und gescheitert abgestempelt werden wollen.“

Beide sind sich einig: „Die Deutschen sind sehr leidensfähig, aber irgendwann läuft das Fass über.“ Aber was tun, damit demografischer Wandel und massenhafte Altersarmut, wenn nicht heute, dann vielleicht morgen oder übermorgen zum sozialen Sprengstoff werden?

„Wir brauchen wieder mehr ordentlich bezahlte Arbeitsplätze, die auch Luft für Altersvorsorge lassen“, glaubt Birgit M. und fügt hinzu: „Es kann doch nicht sein, dass wir Export-Weltmeister sind und gleichzeitig Menschen bei uns auf dem Arbeitsmarkt als Minijobber und prekär Beschäftigte geknechtet und mit der permanenten Angst um ihren Arbeitsplatz zu unkreativen Duckmäusern gemacht werden.“

Für Jesko steht fest: „Die Politik in unserem Land wird zu stark durch Kapitalinteressen gesteuert. Wir brauchen eine Politik, die dafür sorgt, dass alle Berufstätigen, unabhängig von ihrem Einkommen und ihrem Beruf in einem gemeinsame Sozial- und Rentenversicherung einzahlen.“

Aus seiner Sicht kann Altersarmut und sozialer Unfrieden nur dann verhindert werden, wenn Unternehmen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Europäischen Union durch einheitliche Sozial- und Wirtschaftsstandards gesetzlich dazu verpflichtet werden, Tarifverträge einzuhalten und ihre Steuern auch in dem Land zu bezahlen, in dem sie ihre Gewinne erwirtschaftet haben. Darüber hinaus plädiert Jekso für eine gerechtere Verteilung der Arbeit und ihrer Entlohnung. „Es darf nicht sein, dass ein Manager 5000 Euro pro Stunde und eine Toilettenfrau nur 5 Euro pro Stunde verdient“, findet er und liebäugelt mit der Einführung einer 30-Stunden-Woche, um mehr Menschen in Arbeit zu bringen.

Für Birgit M. gibt es angesichts des sich abzeichnenden demografischen und sozialen Wandels, nur einen Weg, um den sozialen Frieden zu erhalten: „Politik und Wirtschaft müssen sich von der Gewinnmaximierung für wenige verabschieden und sich wieder an den menschlichen Grundbedürfnissen orientieren, die sich nicht verändert haben. Denn alle Menschen brauchen eine Aufgabe und Anerkennung. Sie wollen Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Und sie wollen sich ihren Lebensunterhalt selbstständig erarbeiten.“

Dieser Text erschien am 17. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 1. November 2014

Endstation Altersarmut? oder: An den Babyboomern kommt keiner vorbei - Wie sich der öffentliche Personennahverkehr auf den sozialen und demografischen Wandel einstellt

Freie Fahrt für freie Bürger. Wird das ab 2030 auch noch für die zunehmende Zahl der Rentner gelten, die dann, laut Bundesarbeitsministerium, zu mehr als einem Drittel auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, weil das Rentenniveau dann auf 43 Prozent des letzten Arbeitseinkommens absinken wird. Vor diesem Hintergrund stellte ich im Auftrag der die NRZ MVG-Sprecher Nils Hoffmann (51) die Frage, wie sich die Mülheimer Verkehrsgesellschaft schon heute auf den sozialen und demografischen Wandel einstellt.

Frage: Werden Menschen, die künftig als Rentner mit deutlich weniger Geld auskommen müssen, überhaupt noch mobil sein können?

Antwort: Wir sprechen hier von den Babyboomern, die in den 60er Jahren geboren worden sind und ab 2030 in Rente gehen. Sie werden nicht nur für den Nahverkehr, sondern für alle Dienstleister in Zukunft die Hauptzielgruppe sein. Auch Stadt, Handel und Wirtschaft müssen daran interessiert sein, dass alle sozialen Schichten dieser großen Gruppe mobil bleiben und damit am öffentlichen Leben teilhaben können. Denn Mobilität gehört nicht nur zur Grundversorgung. Sie ist auch ein Grundrecht.

Frage: Was tut die MVG schon heute für Senioren und die Fahrgäste mit kleinem Portemonnaie?

Antwort: Wir bieten Senioren ein vergünstigtes Bärenticket und sozialen Hilfsempfängern ein Sozialticket an, mit dem man monatlich für 74,60 bzw. 29,90 Euro durch Mülheim fahren kann. Dabei stellen wir fest, dass die Zahl der Bärenticket-Nutzer derzeit stagniert, während die Zahl der Nutzer des Sozialtickets leicht ansteigt.

Frage: Die MVG fährt derzeit ein Jahres-Defizit von 34 Millionen Euro ein. Kann man sich da ein Sozialticket noch leisten?

Antwort: Ein dem Sozialticket vergleichbares reguläres Monatsticket für den Bereich Mülheim würde etwa 58 Euro statt 29,90 Euro kosten. Die Differenz wird allerdings nicht von der Stadt oder der MVG, sondern aus Steuermitteln des Landes finanziert. Das bedeutet, dass das Sozialticket für Stadt und MVG kostenneutral ist und darüber hinaus unseren Kundenstamm erweitert, weil die Betroffenen (siehe oben) sonst gar nicht mobil wären. Wir erfüllen hier also eine elementare Aufgabe für unsere Stadtgesellschaft.

Frage: Aber mit dem Anteil der alten steigt auch der Anteil der in ihrer Mobilität eingeschränkten Fahrgäste?

Antwort: Zur Zeit sind 15 Mobilitätsassistenten in Mülheim für die MVG im Einsatz für den Seniorenbegleitservice. Ihre Arbeit wird finanziert durch das Bundesprogramm Bürgerarbeit. Ende 2014 läuft dieses Programm aus. Zur Zeit wird aber geprüft, wie und in welcher Form dieser Service weiter aufrecht erhalten werden kann, weil dieses Angebot im Zuge des demografischen Wandels immer wichtiger wird und von unseren älteren Fahrgästen sehr geschätzt wird.

Frage: Und was tut die MVG, um Busse und Bahnen für die zunehmende Zahl mobilitätseingeschränkter Fahrgäste zumindest barrierearm zu machen

Antwort: Im ÖPNV-Gesetz NRW ist festgeschrieben, dass Busse und Bahnen in Mülheim bis zum 1. Januar 2022 barrierefrei sein sollen. Wir sind da in Mülheim relativ weit an der Spitze, in dem wir mit Aufzügen und erhöhten Haltestelleninseln nicht nur älteren Menschen den Ein- und Ausstieg erleichtern.

Antwort: Aber ich glaube, dass wir am Ende keinen 100-prozentig barrierefreien Nahverkehr hinbekommen werden.

Frage: Ist denn zumindest ein barrierearmer Nahverkehr bis 2022 überhaupt finanzierbar und damit auch realistisch?

Antwort: In Mülheim wie in vielen finanzschwachen Kommunen in NRW wird es nur schwer möglich sein, das Ziel des barrierefreien Umbaus bis 2022 zu stemmen. Aufgrund der bis 2019 zur Verfügung stehenden Finanzmittel ist aber schon jetzt absehbar, dass bis zum 1. Januar 2022 die Barrierefreiheit im ÖPNV nicht erreicht werden kann.

Antwort: Nach einer Schätzung des Deutschen Städtetages Nordrhein-Westfalen werden allein für die Umrüstung der Haltestellen in NRW Investitionen in Höhe von ca. 1,75 Mrd. Euro benötigt. Die Einhaltung des Zeitpunktes 2022 wäre laut Städtetag nur möglich, wenn etwa das Fünffache des bisherigen Investitionsvolumens eingesetzt wird. Bei Fortschreibung des derzeitigen jährlichen Investitionsvolumens wären alle Haltestellen erst im Jahr 2065 barrierefrei.

Antwort: Aus unserer Sicht ist eine bessere Finanzausstattung der Kommunen durch eine Gemeindefinanzreform erforderlich. Also eine Reform der Gemeindefinanzen, die die Kommunen wieder in die Lage versetzt, notwendige Investitionen selbst vornehmen zu können.

Dieser Text erschien am 16. Oktober 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung