Sonntag, 10. Mai 2015

Hat die Kirche noch eine Zukunft? Der evangelische Theologe Ulrich Kellermann, der vor 50 Jahren zum Pfarrer ordiniert wurde, meint Ja, wenn sie konsequent auf einen vernünftigen Glauben und menschliche Nähe setzt

Ich hatte das Pech, ein gutes Examen zu machen, scherzt Ulrich Kellermann, wenn man den 1936 Geborenen danach fragt, wie er dazu kam, sich nicht nur als Pfarrer in Holthausen, sondern auch als Theologie-Professor in Münster die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens zur Lebensaufgabe zu machen. Der evangelische Theologe, der als Seelsorger die Menschen vor allem deshalb in die Gottesdienste holte, weil ich sie auch bei Hausbesuchen kennenlernen und ansprechen konnte, blickt am 16. Mai auf 50 Jahre als Pfarrer zurück. Auch im Ruhestand ist er ein kritischer Mitgestalter, Begleiter und Beobachter seiner Kirche geblieben.

Wie sieht er ihren Wandel und ihre Zukunft in einer Zeit, in der es mehr Sterbefälle als Taufen und mehr Kirchenaustritte als Kircheneintritte gibt? Die verfasste Kirche, wie wir sie heute kennen, wird noch kleiner werden, aber ich habe das Vertrauen, dass Gott immer die Form von Kirche suchen und finden wird, die er braucht, um seine Botschaft den Menschen nahezubringen, sagt er. Und was für eine Form von Kirche könnte das sein?

Aus seiner eigenen Biographie weiß er: Nur Überzeugte können andere überzeugen. Ihn überzeugten die Lebensbeispiele seiner Großmutter, die eine fröhliche Christin war und täglich in der Bibel las, obwohl sie vier Kinder verloren hatte und sein Religionslehrer, der ihm eines Tages sagte Du musst Pfarrer werden und ihn davon überzeugte Theologie statt Mathematik zu studieren. Er war ein Mann, der tat, was er dachte und dabei keine Angst hatte, auch gegen den allgemeinen Strom zu schwimmen oder mit seinem Glauben, mit dem er sich immer auch auf das aktuelle Tagegeschehen bezog, irgendwo anzuecken, erinnert er sich an seinen ersten Mentor.

Nicht nur Pfarrer warnt Kellermann vor der Gefahr, es allen recht machen zu wollen. Wir brauchen charismatische Menschen und markante Persönlichkeiten, die ein Gefühl für Menschen haben und an denen sich Menschen orientieren und, wenn nötig, auch abarbeiten können, ist Kellermann überzeugt. Das Beispiel des auch jenseits von Gottesdiensten engagierten Styrumer Pfarrers Michael Manz oder das durch engagierte Gemeindemitglieder organisierte Gemeinschaftsleben rund um die katholische Filialkirche Heilig Geist in Holthausen empfindet er als wegweisend. Wir brauchen Nachbarschaften, die als christliche Gemeinschaft erlebt werden, in denen Menschen angesprochen und mitgenommen werden und in denen niemand Angst hat, sich seinem Nachbarn unangenehm aufzudrängen, wenn er über seinen Glauben spricht, unterstreicht Kellermann.

Den zunehmenden Zentralismus, wie er sich zum Beispiel in Gemeindefusionen und ihren Folgen ausdrückt, sieht er mit Sorge. Denn damit brechen der Kirche die Ränder weg. Und die Menschen werden nur zur Kirche kommen, wenn die Kirche im Dorf bleibt, ist Kellermann überzeugt. Dabei denkt er nicht unbedingt an das volle Programm mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeindezentrum. Eine Ladenkirche in jedem Bezirk reicht auch, glaubt Kellermann.

Er selbst hat in den letzten 15 Jahren gute Erfahrungen mit einem Biblischen Lehrhaus gemacht, zu dem er regelmäßig in die Evangelische Landenkirche an der Kaiserstraße einlädt. Dort kann er 40 und mehr Menschen begrüßen, die mehr über ihren Glauben wissen wollen. Auch die Besucher seiner Gottesdienste im Wohnstift Raadt schätzen seine menschliche Nähe als Seelsorger und seine historisch-kritische Bibel-Auslegung. Auch wenn der Glauben unseren Verstand übersteigt, können wir nicht gegen unseren Verstand glauben, sondern müssen Glauben und Vernunft miteinander vereinen, macht Kellermann seinen Standpunkt als wissenschaftlich fundierter Theologe deutlich. Auch wenn er die Jungfrauengeburt nicht als Tatsache, sondern als Mythos begreift, um die Bedeutung Jesu zu unterstreichen, kann er problemlos daran glauben, dass Jesus ein Gesandter Gottes war, der dessen Liebe zu den Menschen bis in seinen Tod durchgehalten hat.


Der Pfarrer und Professor plädiert für eine Theologie, die biblische Texte, wie einen Text Goethes vor dem historischen Hintergrund ihrer Entstehung interpretiert und sie so in unsere Zeit übersetzt, ohne unsere eigenen Wünschen in sie hinein zu projizieren. Kellermann wünscht sich in diesem Sinne eine Kirche, in der die Pfarrer wieder mehr Zeit für Hausbesuche, Bibellektüre und theologische Fortbildung haben und sich weniger mit Statistiken und Verwaltungsaufgaben beschäftigen müssen.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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