Montag, 6. Juli 2015

Auf den Spuren starker Frauen: Ein Stadtrundgang durch Oberhausen

Die Frauen der KFD vor ihrer Kirche in Styrum

"Wenn ich vor 100 Jahren gelebt hätte, hätte ich wohl echte Probleme gehabt", sagt Elisabeth Ronig, während sie sich die graue Perücke überzieht und ihren eleganten Schleierhut mit einer Nadel am Haarknoten fest macht. Jetzt ist sie schick, wie zu Großmutters Zeiten. Doch wir sind in der Gegenwart des Jahres 2015. Unterstützt von Stefanie Hecke von der katholischen Familienbildungsstätte nimmt die Ko-Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft St. Joseph 35 ihrer 160 KFD-Schwestern mit auf eine Zeitreise.

Im 100. Jahr ihrer Gemeinschaft machen sich die KFD-Frauen auf den Weg um die Spuren von Frauen zu suchen, die im Licht der Öffentlichkeit oder auch im Stillen Gutes bewirkt und so auf ihre Weise Geschichte geschrieben haben. "Zum 100. Geburtstag unserer Gemeinschaft, den wir am 3. Oktober mit einem Empfang in St. Joseph feiern werden, möchten wir an diese Frauen erinnern, die mit ihrem Wirken bis heute unsere Gemeinde und unsere Stadt prägen und mit denen wir in einem historischen Bogen stehen und verbunden sind", betont Ronig.

Bevor die Damen diesen Bogen schlagen, stimmen sie sich in ihrer 1873 eingeweihten Gemeindekirche mit dem Lied "Gehe aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit" ein. Auch wenn die Sommerzeit sich mit Regenschauern an diesem Samstagvormittag nicht von ihrer schönsten Seite zeigt, lassen sich die Zeitreisenden nicht davon abhalten, den Spuren tatkräftiger aus ihrem Umfeld nachzugehen. Nur wenige Schritte von St. Joseph entfernt schauen sie auf das Elisabeth-Krankenhaus, das heute zur Helios-Gruppe gehört.
Ronig berichtet von den Elisabethschwestern, die das Krankenhaus unter der Führung ihrer Oberin Mutter Klara 1869 eröffneten. Es sei für die Bevölkerung, so lobte die Lokalpresse damals, "ein echtes Bedürfnis und eine echte Wohltat."

Eine echte Wohltat für die Menschen in St. Joseph war auch das Engagement, das Kaplan Heinrich Küppers und seine Haushälterin Klara Bäumen dort in den schweren Jahren der Weltwirtschaftskrise und der NS-Diktatur an den Tag legten. In einer Zeit von Not und staatlicher Repression ließen sich der Kaplan und seine Haushälterin, die Ronig, bei der Station am Kaplan-Küppers-Weg als "mutige und beherzte Frau" beschreibt nicht davon abhalten, kirchliche Jugendarbeit und Nothilfe für die Armen zu leisten. Weil Bäumen und Küppers bekennende Gegner der Nazis waren und in der Kaplanei regimekritische Flugblätter gefunden wurden, nahm sie die Gestapo 1942 in Haft. Nur Bäumens glaubhaft vorgetragene Notlüge, sie habe die Flugblätter außerhalb Oberhausens gefunden und dem Kaplan übergeben, der sie für den Aufbau eines späteren Kriegsmuseums verwahren wollte, ließ das tatkräftige Tandem die Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat überleben.

Erlebt haben viele ältere Teilnehmerinnen der Zeitreise den unermüdlichen Einsatz der 1934 geborenen und 2006 verstorbenen Gemeindeschwester Richarda Reinhold. "Sie war wie ein fröhlicher Wirbelwind, der von einer Aufgabe zur nächsten flog", hieß es an der Klörenstraße. Dort hatte Schwester Richarda, die zwischen 1970 und 2000 in der Kranken- und Altenpflege von St. Joseph segensreich wirkte im ehemaligen Gemeindekindergarten eine Altentagesstätte eingerichtet. Außerdem organisierte sie Ferienfreizeiten für pflegebedürftige Menschen, um ihnen und ihren Angehörigen Lebensqualität und Entlastung zu verschaffen. "Sie hatte immer Verständnis und nie ein Problem damit, unkomplizierte Lösungen zu finden", sagte Ronig über die tatkräftige Ordensfrau.
Zunächst an der Joseph- und später im Vincenzhaus an der Wörthstraße richtete sich der Rückblick der Styrumer KFD-Frauen auf das Lebenswerk der Antonie Savels. Als Schwester und Haushälterin des ersten Pfarrers von St. Joseph, August Savels, kam sie 1866 nach Styrum und wurde dort schnell auf die soziale Not der Waisenkinder aufmerksam. Diese betreute sie zusammen mit ehrenamtlichen Helferinnen, die aufgrund ihrer schwarzen Diensttracht, im Volksmund bald liebevoll "Schornsteinpfegerinnen" genannt werden, zunächst in der Styrumer Kaplanei und ab 1882 im neu errichteten Vinzenzhaus. Dort wurde aus Antonie Savels die Dominikanerin Schwester Dominika. Sie machte aus der Not eine Tugend macht und gründete später sogar eine eigene Vincenzschule. Denn ihre bis zu 300 Waisen und vernachlässigten Sozialwaisen wurden damals in den öffentlichen Schulen ausgegrenzt.

Eine tödliche Ausgrenzung erleben Antonies Nachfolgerinnen, als sie während der Nazi-Zeit im Vincenzhaus unter anderem geistig behinderte Kinder betreuten. Einige, aber nicht alle von ihnen konnten sie vor dem Euthanasieprogramm der braunen Machthaber retten, indem sie ihre Schützlinge bei deren Verwandten verstecken. Heute betreuen unter anderem 14 Dominikanerinnen im Vincenzhaus alte und pflegebedürftige Menschen. Ein Gemälde "Jesus segnet die Kinder" erinnert in der Kapelle an die frühere Bestimmung des Hauses.

Da die Styrumer Kirchengemeinde St. Joseph zum Teil auch auf Mülheimer Stadtgebiet liegt, schauten die KFD-Frauen an der Luisenschule am Glockenstraße auch über die Stadtgrenzen hinaus. Sie betrachteten die Namenspatronin der Schule, die mecklenburgische Prinzessin und spätere preußische Königin Luise. Als Mädchen war sie mit ihrer Großmutter, der Landesmutter Marie-Luise-Albertine von Hessen Darmstadt in den 1780er und 1790er Jahren mehrfach zu Gast auf Schloss Broich. Weil die sehr natürliche, freundliche und volksnahe Prinzessin, bei ihren Aufenthalten auch den Kontakt mit ihren Untertanen suchte und zum Beispiel Kindern vorlas oder ihnen Dinge aus ihrem persönlichen Besitz schenkte, blieb die mit nur 34 Jahren 1810 verstorbene Luise den Menschen in bester Erinnerung. Daran änderte auch die von Elisabeth Ronig berichtete Tatsache nichts, dass sie keine fleißige Schülerin war und ihre Aufsätze vor Fehlern nur so strotzten. Deshalb wurde sie von ihren Lehrern gerne auch mal "Prinzessin Husch" genannt.

Keine Monarchin, sondern eine gewählte und nicht weniger beliebte Politikerin stellte Stefanie Hecke an der Luise-Albertz-Halle vor. Denn die Halle trägt den Namen der langjährigen Oberhausener Oberbürgermeisterin, Ratsfrau und Bundestagsabgeordneten. Hecke zeichnete das Lebensbild einer couragierten Sozialdemokratin, die 1901 geboren wurde und politisch ab 1945 in die Fußstapfen ihres von den Nazis ermordeten Vaters und Landtagsabgeordneten Hermann Albertz trat. Hecke erinnerte nicht nur daran, dass die vormalige Verwaltungsangestellte Luise Albertz die erste Frau an der Spitze einer Großstadt war. Sie berichtete auch davon, dass sich Albertz als Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Petitionsausschusses im Volksmund den Ehrentitel "Mutter der Bedrängten“ erwarb und bis zu ihrem Lebensende 1979 politisch aktiv blieb.

Last, but not least lernten die Frauen von St. Joseph an der Elsa-Brandström-Straße den "Engel von Sibirien" kennen. Als solcher ging die 1888 in St. Petersburg geborene Tochter eines schwedischen Diplomaten geborene und 1948 in den USA gestorbene Rotkreuz-Schwester in die Geschichte ein. Denn ohne Rücksicht auf ihre eigene  Gesundheit und politische Widerstände kümmerte sie sich seit Beginn des Ersten Weltkrieges  in Russland, Deutschland und in den USA um Kriegsgefangene, Flüchtlinge und deren Kinder. (Thomas Emons)

Stimmen, Eindrücke und Kontakte:


Doris Rickmann: "Ich fand unseren Rundgang und unsere Rundfahrt auf den Spuren bedeutender Frauen interessant. Einiges hat man gewusst. Vieles war aber auch neu. Was ich von dieser Zeitreise zu unserem Jubiläum mitnehme, ist die Erkenntnis, dass die Rechte, die Frauen heute haben, erst durch die Frauen erkämpft worden sind, die wir heute kennengelernt haben. Es ist schön, dass diese Frauen gelebt und für uns den Weg freigemacht haben."

Irene Wilhelm: "Diese Aktion passt wirklich gut zu unserer katholischen Frauengemeinschaft und ihrem Jubiläum, weil sie uns zeigt, dass man auch in schwierigen Zeiten etwas bewegen kann. <

Annelie Glunz: "Es hat mich überrascht, dass es in unserer Stadt und in unserer Gemeinde so viele Frauen gab, über die man berichten konnte. Was sie auf ihrem Gebiet geleistet haben, ist wirklich anerkennenswert und kommt in unserer Zeit viel zu wenig rüber, weil vieles an Tradition und kirchlichen Bindungen leider verloren geht. Gott sei Dank wird in unserer Gemeinde auch heute noch viel gemacht, ob für Kinder, Senioren oder auch durch die Gründung neuer Familienkreise. Aber es könnte noch mehr sein."

Hedi Gröger: "Ich fand es schön, heute viel, aber nicht zu viel über bekannte Frauen zu erfahren, die uns Mut machen, weil sie zeigen, dass es sich lohnt, sich einzusetzen. Ich habe diese Zeitreise aber nicht nur als sehr informativ, sondern auch als sehr gesellig empfunden. Schön, dass wir auch gemeinsam gesungen und Kaffee getrunken haben."

Gertrud Deutsch: "Auch ich fand es schön, beim gemeinsamen Singen, Gemeinschaft zu erleben. Es ist doch erstaunlich, dass wir oft in der ganzen Welt unterwegs sind und so wenig über unsere Heimatstadt wissen. Die Frauen, deren Lebensgeschichte wir heute kennen gelernt haben, können uns auch heute noch als Vorbilder inspirieren. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass diese Frauen so aktiv geworden sind und so viel erreicht haben, obwohl sie früher weniger Rechte hatten, als die Frauen von heute."

Die Gemeinschaft KFD in St. Joseph wurde vor 100 Jahren als katholischen Frauen- und Mütterverein aus der Taufe gehoben. Heute wird die auch für interessierte Nichtmitglieder offene KFD-Gruppe von Gotlinde Hampen und Elisabeth Ronig geleitet. Ihre Aktivitäten reichen von der Andacht über Wallfahrten bis zu Karnevalsfesten, Erzählcafés und Wohlfühltagen. Eine Kontaktaufnahme ist für interessierten Frauen, die mitmachen oder auch erst mal nur vorbeischauen wollen per E-Mail an: elisabeth.ronig@web.de möglich. 

Dieser Text erschien am 20. Juni im Neuen Ruhrwort

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