Mittwoch, 22. Juli 2015

Ein Fall für Zwei: Nimet Karla und Paul Baning

Für die Meisten ist es ein stilles Örtchen, das sie noch einmal schnell aufsuchen, bevor sie den nächsten Zug nehmen. Für die 38-jährige Karla Nimet und den 50-jährigen Paul Baning ist es ihr Arbeitsplatz, die öffentliche Toilette im Hauptbahnhof.

Wenn man sie dort hinter der Kasse oder beim Durchwischen der Toiletten antrifft, machen sie einen zufriedenen Eindruck. Hygienebewusste Zeitgenossen, die beim Wort Bahnhofstoilette zusammenzucken, werden überrascht sein. Ob Fliesen, Waschbecken oder Toiletten: Alles sieht frisch, sauber und hell aus.

Dass das so ist, ist das Werk von Karla und Baning. Sie sorgen für ein stilles, sicheres und sauberes und sauberes Örtchen. Manchmal müssen sie dabei Handschuhe anziehen und ihren Ekel überwinden, weil manche WC-Nutzer, die offensichtlich nicht ganz sauber ticken. Karla und Baning nehmen es gelassen: „Das gehört zum Job. Da muss man durch“, sagen sie.

Einen Job zu haben, mit dem sie Geld verdienen können, ist für die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen und den Familienvater einer Tochter und eines Sohnes keine Selbstverständlichkeit.

Beide haben lange von Arbeitslosengeld 2 gelebt und erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man zuhause sitzt und einem die Decke auf den Kopf fällt, weil der Arbeitsmarkt einen nicht braucht. „Wir können nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun. Wir wollen arbeiten und unser eigenes Geld verdienen, weil das unser Selbstbewusstsein hebt“, sind sich die beiden einig. „Jetzt kann ich endlich mal mit meiner Frau und meinen Kindern Essen gehen“, beschreibt Baning, was den Unterschied ausmacht, wenn man vom Hilfsempfänger zum Arbeitnehmer wird. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich mich nach der Arbeit auf der Couch ausruhen kann und meine Kinder um mich habe“, erzählt Karla. Was sie sich mit ihrem verdienten Geld gönnen kann, fällt ihr nicht ein. Aber das sie ihren Söhnen ein Handy kaufen konnte und sie jetzt beim Einkauf nicht auf jeden Cent gucken muss, macht die Mutter stolz.

Natürlich gab es für Karla und Baning auch ein Berufsleben vor der Arbeitslosigkeit und dem Arbeitslosengeld 2. Sie hat als Hilfskraft in der Altenpflege und als Reinigungskraft gearbeitet, bevor sie ihre Arbeit verlor. Baning, der vor 13 Jahren aus Ghana nach Deutschland kam, um hier mit der Frau seines Herzens zu leben und eine Familie zu gründen, hatte in seiner afrikanischen Heimat als Buchhalter in einer Brotfabrik gearbeitet. Doch das war in Deutschland nicht möglich, weil er sich mit der deutschen Sprache schwer tut. So schlug er sich als Reinigungskraft und Zeitarbeiter durch. Doch irgendwann hatten Karla und Baning in der durchrationalisierten Arbeitswelt keinen Platz mehr. Doch dann holte sie die städtische Job-Service GmbH aus der Zwangspause heraus und vermittelte sie an die Stadtdienste der PIA-Stiftung, die zuverlässige Mitarbeiter für ihre saubere Dienstleistung im Hauptbahnhof suchte.

Natürlich kennen Baning und Karla die Leute, die ihre Nase rümpfen, wenn sie erfahren, dass sie in der Bahnhofstoilette, freundlich, zuverlässig und bestimmt ihren Mann und ihre Frau stehen. Solchen Spöttern sagen sie ganz selbstbewusst: „Was wollt ihr? Wir arbeiten auf ehrliche Weise für unseren Lebensunterhalt.“

Von ihren Kunden, die für den Besuch des stillen Bahnhofsörtchens 50 Cent bezahlen müssen, wenn sie nicht als Hilfeempfänger einen Mülheim-Pass vorweisen können, werden sie in 99 von 100 Fällen respektvoll und oft sogar dankbar behandelt.Wenn sie nicht gerade von ihrem Kollegen Christian Glöckner vertreten werden, arbeiten Karla und Baning werktags von 7 bis 19 Uhr, samstags von 7 bis 18 Uhr und sonntags von 9 bis 17 Uhr für alle Eiligen, die unter Druck stehen. Die Zahl der Menschen, die täglich bei ihnen Erleichterung suchen, schwankt zwischen 10 und 500. Geschäftige Anzugträger sind darunter, frustrierte Ehefrauen, die ihnen vom Stress mit ihrem Gatten berichten oder Obdachlose, die ziellos durch die Stadt streifen und sich manchmal auch an einer Flasche festhalten.

Dabei müssen sie sich an ihrem Arbeitsplatz auf unterschiedlichste Charaktere einstellen und auch dann ihre ruhige Freundlichkeit bewahren, wenn Kunden nicht einsehen wollen, dass der Besuch einer öffentlichenToilette, die für viel Steuergeld eingerichtet wurde, 50 Cent wert sein sollte. Gerne denken Baning und Karla an den Mann zurück, der ihnen freudestrahlend einen Blumenstrauß überreichte und feststellte: „Ich komme im Land viel herum und deshalb weiß ich, dass das hier die sauberste Bahnhofstoilette in NRW ist.“ Und auch wenn ihre Arbeitsstelle bei den PIA-Stadtdiensten zunächst nur auf ein Jahr befristet ist, leisten sie gute Arbeit und sind guter Hoffnung, dass es für sie weitergeht.


Dieser Text erschien am 19. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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