Dienstag, 14. Juli 2015

Einsatzort Kirmes: Christian Wallau

Ein Mann bricht zusammen. Die Hitze hat seinen Kreislauf kollabieren lassen. Vielleicht steckt auch ein Herzinfarkt dahinter. Er muss zur Abklärung schnell ins Krankenhaus gebracht werden. Eine Frau wurde von einem Hund gebissen. Sie braucht einen Verband und muss schnellstens zum Arzt, der die Wunde begutachtet, reinigt und ihr vorsorglich ein Tetanusspritze gibt. Erst mal ein Fischbrötchen und ein Bier und dann rauf auf Break Dancer. Das war für den Magen eines jungen Mannes zu viel. Er übergibt sich, muss schnell in eine stabile Seitenlage gebracht werden, damit er an seinem eigenen erbrochenen Mageninhalt nicht erstickt. Dann bekommt er eine Elektrolytlösung verabreicht, um den drastischen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.
Mit solchen und ähnlichen Fällen haben es der Rettungssanitäter Christian Wallau und seine 20 ehrenamtlichen Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz zu tun, die an den zehn Saarner Kirmestagen, jeweils zwischen 14 und 24 Uhr zur Stelle sind, wenn Not am Mann oder an der Frau ist.

„In der Regel haben wir jeden Tag hier vier oder fünf Leute, die wir ambulant mit Verbandsmaterial, Elektrolytlösungen oder Verbandsmaterial versorgen müssen und ein bis zwei schwerere Fälle, in denen man die Betroffenen ins Krankenhaus bringen müssen“, berichtet Wallau.

An diesem regnerischen ist es auf der Saarner Kirmes eher ruhig. „Das ist für mich wie Urlaub“, meint der 36-jährige Zugführer und Einsatzleiter, während er auf zwei Monitoren die Entwicklung der Wetterlage und die Verteilung der Einsatzkräfte im Auge behält. Wallau ist froh, dass er bei diesem Regen mit dem Mann von der NRZ in der mobilen und vor allem trockenen Einsatzleitstelle des Kirmes-Einsatzes sitzen darf und nicht zu den mobilen Fußtrupps gehört, die auch im strömenden Regen, mit ihren Notfallrucksäcken unterwegs sind um hier und da vielleicht eine kleine Schnittverletzung zuzupflastern.

Sollte es zu größeren Unfällen kommen, weil Fahrgeschäfte nicht so funktionieren wie sie sollen oder Feuerwerkskörper vom vorgeschriebenen Kurs abweichen, haben Wallau und seine Sanitäter vorgesorgt. In den Materialwagen lagern Liegen, Verbandsmaterial, Sauerstoffflaschen, Beatmungsgeräte, Spritzen und Intubationshilfen sowie Zelte und Leuchten, die auch die Behandlung bei Dunkelheit erlauben würden.
Einen solchen Ernstfall, Wallau klopft vielsagend auf Holz, hat es bei den Rot-Kreuz-Einsätzen auf der Saarner Kirmes Gott sei Dank noch nicht gegeben. Der Ernstfall. Das war für den Rettungssanitäter der Großbrand am Dickswall (2006) oder sein Einsatz bei der Duisburger Love-Parade-Katastrophe (2010). „Wenn man es von Jetzt auf Gleich mit Menschen zu tun hat, die gerade ihre Existenz verloren haben oder um ihr Leben kämpfen, lässt einen das nicht unberührt“, sagt Wallau. Da sind Einsätze, wie der bei der Bombenentschärfung im März 2015 am Springweg oder die Verpflegung der Feuerwehrleute, die beim Pfingststurm Ela 2014 Schwerstarbeit leisten mussten, schon angenehmer.

„Eis ein gutes Gefühl in einer starken Gemeinschaft einen Dienst zu leisten, der für unsere Gesellschaft wichtig ist und dabei sein erworbenes Wissen auch Jüngere weitergeben und sie im positiven Sinne prägen zu können“, findet der Rettungssanitäter, der drei bis vier mal im Monat auch Rettungseinsätze für das Rote Kreuz fährt.
„Man hat unmittelbar mit Menschen zu tun, denen man helfen kann und die in der Regel auch dankbar für diese Hilfe sind und man sieht sofort, was man in einer starken Gemeinschaft zusammen mit anderen leisten kann“, erklärt Wallau, warum er jedes Jahr eine vierstellige Stundenzahl ins sein Ehrenamt beim Roten Kreuz investiert. Das fällt ihm auch leichter, als etwa dem Mitarbeiter eines kleinen Handwerksbetriebes, weil er auch hauptamtlich für das Rote Kreuz arbeitet und als Disponent in dessen Düsseldorfer Leitstelle mehrere 100 Einsätze koordiniert. „Beim Kirmes-Einsatz“, so berichtet er, „sind viele Schüler und Studenten dabei, die jetzt Ferien haben oder sich problemlos freinehmen können. Wir haben aber auch Berufstätige dabei, die nach der Arbeit zur Kirmes kommen, um bis Mitternacht ihren Dienst zu versehen und dann nach ein paar Stunden Schlaf am anderen Morgen wieder an ihrem Arbeitsplatz sind.“

Wallau, der 1998 als Wehrersatzdienstleistender zum Roten Kreuz kam und dort viele Wochenenden in seine Ausbildung investierte, „weil ich mir nicht vorstellen konnte, auf Menschen zu schießen“, ist nicht allein. Er schätzt, dass derzeit rund 450 Menschen beim Mülheimer DRK. Als ihn jüngst ein junger Mann in einem Mülheimer Lokal fragte: „Woher kenne ich Sie?“ antwortete Wallau: „Ich habe Sie vor einem Jahr ins Krankenhaus gefahren, weil sie soviel getrunken hatten, dass Sie nicht mehr wussten, wer Sie sind und wo sie hin wollten.“  

Dieser Text erschien am 11. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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