Dienstag, 10. November 2015

Der Entdecker: Städteführer Stephan Haas

Stephan Haas im Broicher Schloßhof
Eigentlich ist der Mülheimer Stephan Haas als Städteführer immer in seiner Heimatstadt und den Nachbarstädten des Ruhrgebietes unterwegs. Doch manchmal zieht es ihn auch mal ganz wo anders hin. So war er jüngst in München mit der U-Bahn unterwegs, als er plötzlich von einem Mann angesprochen wurde, den er auf den ersten Blick nicht kannte: „Kenne ich Sie nicht. Sie machen doch Stadtführungen im Ruhrgebiet.“
Das macht der 50-Jährige tatsächlich schon seit zwölf Jahren.  „Ich habe in Mülheim angefangen und dann wurde mein Radius immer größer, weil ich von Stadtführungen in Mülheim alleine nicht leben könnte“, erzählt der Freiberufler.

In seinem früheren Leben hat er mal eine Banklehre gemacht, „weil meine Eltern wollten, dass ich etwas Vernünftiges lerne.“ Doch nach der abgeschlossenen Banklehre wusste er, „dass das nichts für mich ist.“ Stattdessen studierte Haas in Duisburg Geschichte und Geografie. Nach seinem eigenen Diplom arbeitete er dann in der Diplom-Beratung der Hochschule. Doch seine Stelle war zeitlich befristet und lief irgendwann aus. „Was mach ich jetzt mit all meinem Wissen und meiner Kreativität?“ fragte er sich und spezialisierte sich langsam, aber sicher zum Stadtführer für Mülheim und das gesamte Ruhrgebiet. Er fand eine Anstellung bei einer privaten Tourismusfirma, die allerdings schon nach einem Jahr in die Insolvenz ging. Aus der Not machte Haas eine Tugend und sich selbstständig. Heute können ihn an der Region interessierte Menschen nicht nur über die Mülheimer Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft MST, sondern auch privat über seine Internetseiten: www.tourserviceruhr.de. und www.revierprofis.de buchen. Das Geschäft läuft. Rund 10 000 Menschen erkunden mit Haas jedes Jahr Stadt und Region, zu Fuß, auf dem Rad, im Reisebus oder auf dem Schiff. „Seit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark und Kulturhauptstadt 2010 haben die Menschen das Ruhrgebiet als touristische Region entdeckt“, freut sich Haas. Inzwischen kennt er nicht nur Mülheim, sondern auch das gesamte Ruhrgebiet, wie seine eigene Westentasche, hat jede Menge Daten, Zahlen und Fakten über Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Geografie im Kopf. Für jede seiner Führungen hat er ein eigenes Manuskript geschrieben. „Das nehme ich mir, wie einen Spickzettel mit zu meinen Touren. Auch wenn ich sie in der Regel nicht brauche, beruhigt das enorm“, weiß Haas.

Schulklassen, Jugend- und Seniorengruppen gehören ebenso zu seinen Kunden, wie private Freundeskreise, Rotary Clubs oder diverse Kollegien, die von einem Betriebsausflug etwas mehr als Kaffee, Kuchen, Bier und Ruhrblick erwarten. Haas, der als reiselustiger Zeitgenosse privat schon in über 60 Ländern unterwegs war, „staunt selbst darüber, dass ich im Laufe der Jahre auch schon Gäste aus ebenso vielen Ländern durch Mülheim und das Ruhrgebiet geführt habe.“ Das Spektrum reichte von englischen Fans alter Industriekultur über spanische Architekten bis hin zu koreanischen Umweltschützern. „Mir kommt zu Gute, dass ich meine Führungen nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer Sprache anbieten kann“, betont Haas.

Ob auf Deutsch oder Englisch. Haas hat immer im Hinterkopf, dass Stadttouristen nicht nur informiert, sondern auch unterhalten werden wollen. Deshalb gibt er nicht nur Zahlen, Daten und Fakten, sondern auch jede Menge Anekdoten zum Besten. Dönekes, wie die vom sparsamen Industriellen August Thyssen, der sich das Brückengeld sparte, in dem er nicht mit seiner Kutsche über die Mülheimer Kettenbrücke fuhr, sondern sie zu Fuß überquerte. Besonders gut gefällt ihm auch die Geschichte von der Broicher Landesmutter Marie-Luise Albertine von Hessen-Darmstadt. Sie ließ sich 1789 im Schloss Broich ein größeres Treppenhaus anlegen, weil das Alte für ihre ausufernden Kleider zu eng geworden war. „Das war dann wohl ein Modebau“, scherzt Haas. Gerne erzählt Haas auch die Anekdote von den katholischen Klosterfrauen in Saarn, die im 16. Jahrhundert mit ihrem lauten Orgelspiel dafür sorgten, dass dem reformierten Gottesmann Hören und Sehen verging und dieser gar nicht zu Wort kam. „Das nennt man dann wohl, jemanden durchorgeln“, meint Haas mit einem Augenzwinkern.

Dieser Text erschien am 7. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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