Donnerstag, 26. November 2015

Weil kein Meister vom Himmel fällt oder: Auf dem Markt der Möglichkeiten

In der Aula der Realschule Stadtmitte gehen auch Theaterstücke über die Bühne. Doch an diesem Abend wird der Theatersaal zur Börse, in der gut 100 Achtklässler ihre Rolle fürs Berufsleben oder zumindest eine Ahnung davon finden sollen, welchen Arbeitsplatz sie mit ihren Talenten ausfüllen könnten. Mit den Worten: „Wir wünschen euch einen erkenntnisreichen Abend. Und denkt daran: Löchert eure Gesprächspartner. Denn nur Fragen macht klug“, schicken Rektorin Sabine Dilbat und die für die Berufswahlkoordination zuständige Lehrerin Angelika Rindt-Göbig die Schüler auf die Reise. Sie haben mit Kollegin Dominica Lüning dafür gesorgt, dass sich der Theatersaal der Schule in eine Berufsbörse verwandelt. Auf deren Parkett stellen etwa das Finanzamt, die Sparkasse, der Pflegdienst Hirschel oder das Modehaus Peek und Cloppenburg ihre Ausbildungs- und Berufsperspektiven vor. Der 15-jährige Mike Eichert ist einer der 100 Achtklässler, die zur Berufsrallye starten. Er hat einen ungewöhnlichen Berufswunsch im Gepäck. Eichert möchte Bestatter werden. Ein Praktikum hat er schon vereinbart. „Ich bin ein Mensch, der gerne im Hintergrund organisiert und Menschen hilft“, sagt er über sich selbst. Den ersten Eindruck vom Arbeitsalltag eines Bestattungsunternehmens hat er durch seine Tante gewonnen, die in diesem Bereich arbeitet. „Es ist sehr sinnvoll, Menschen in einer traurigen Situation beistehen und sie trösten zu können“, findet Mike.

Trotz seiner konkreten Vorstellungen und Planungen ist er aber noch offen und freut sich darauf, „heute mal andere Berufe kennen zu lernen, die ich noch nicht so gut kenne.“

Erste Station seiner Rallye ist das Finanzamt. Dort begegnet er dem Ausbilder Richard Oes und seinem ehemaligen Mitschüler Marvin Cettiner. Der hat nach seiner Fachoberschulreife 2012 eine Ausbildung beim Finanzamt begonnen. Jetzt verdient er dort als Anwärter auf den mittleren Dienst monatlich brutto mehr als 1000 Euro.

Dass der nur wenige Jahre ältere Ex-Schülersprecher heute schon sein eigenes Geld verdient und in den eignen vier Wänden wohnt, beeindruckt Mike. Dass die Ausbildung mit einem fünfmonatigen Internatsaufenthalt beginnt, ist für ihn gewöhnungsbedürftig. Aber die Aussicht, nach einer erfolgreichen Ausbildung in den Beamtenstand übernommen zu werden und damit einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen, findet er interessant. „Das könnte abwechslungsreicher sein, als ich erst gedacht habe“, meint Mike, nach dem ihm Oes erklärt hat, dass man beim Finanzamt nicht nur mit Paragrafen, sondern auch mit Menschen arbeite „und dass man als Azubi das Steuerrecht von Null auf in Theorie und Praxis beigebracht bekommt.“ Teamarbeit und soziale Kontakte. Das findet Mike gut.

Auf diesen Mix stößt er auch bei Jennifer Mölders, die den Pflegedienst Hirschel vorstellt. „Bei unserer Arbeit geht es nicht nur darum, alten Menschen den Popo zu putzen. Wir versuchen sie durch unsere Pflege zu motivieren und ihre noch vorhanden Fähigkeiten zu mobilisieren“, erklärt die Altenpflegerin. Schnell erkennt Mike, dass die Altenpflege in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft Zukunft hat und viele Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Bemerkenswert findet er, dass man nach der Ausbildung auch noch Pflegemanagement studieren kann und sich so bis zum Pflegedienstleiter hocharbeiten kann. Mit 825 Euro brutto ist die monatliche Ausbildungsgehalt aber nicht so gut wie beim Finanzamt.

Nicht schlecht staunt Mike auch am Stand des Modehauses Peek und Cloppenburg. Dass man dort nicht nur im Verkauf und an der Kasse, sondern auch in der Verwaltung und im Büromanagement tätig sein kann, hatte er sich so nicht vorstellen können. Und auch am Stand der Sparkasse begreift Mike schnell, dass Bankkaufleute nicht nur Zahlen, sondern auch Menschen und ihre Lebenspläne verstehen müssen, um erfolgreich zu sein.


Dieser Text erschien am 6. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

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