Samstag, 24. Januar 2015

Schüler dürfen Fehler machen oder: Was man gerne macht, macht man am Ende auch wirklich gut: Ein Gespräch mit der neuen Rektorin der Realschule Stadtmitte Sabine Dilbat

Sabine Dilbat

"Schule hat mir immer schon Spaß gemacht, weil ich gerne unter Menschen bin und mit Menschen arbeite“, sagt Sabine Dilbat. Gute Voraussetzungen für die neue Rektorin der Realschule Stadtmitte. Zum 1. Dezember hat sie in der Schule an der Oberstraße die Nachfolge von Gebhard Lürig angetreten, der sich in den Ruhestand verabschiedet hat.

Was will die Neue neu machen? „Ich will hier das Rad nicht neu erfinden, sondern mir die Schule genau anschauen und sehen, was geht, was gewünscht wird und was nicht geht.“ Gehen könnte aus ihrer Sicht zum Beispiel eine verstärkte Kooperation mit dem benachbarten Berufskolleg Stadtmitte oder (da spricht die Sportlehrerin) die Einrichtung einer Triathlon AG.

Doch wenn die Pädagogin, die neben ihrer Leitungstätigkeit nicht nur Sport, sondern auch Biologie unterrichtet, sich etwas für ihre Schule wünschen könnte, dann vor allem mehr pädagogisches Personal. Das scheint dringend notwendig an einer Ganztagsschule mit vier Inklusionsklassen und derzeit zwölf Seiteneinsteigern. Seiteneinsteiger nennt man die Flüchtlingskinder, die mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, aber immer ohne deutsche Sprachkenntnisse in das realexistierende deutsche Schulsystem geworfen werden.

Bisher werden diese Seiteneinsteiger in Regelklassen unterrichtet. Doch weil man sich nicht nur an der Realschule Stadtmitte auf mehr Seiteneinsteiger einstellen muss, die bei mehr oder weniger Null anfangen müssen, plant man dort für das zweite Schulhalbjahr die Einrichtung einer eigenen Seiteneinsteigerklasse.

Auch die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicap, macht das binnendifferenzierte Lernen für 633 Schüler und 52 Lehrer (davon 17 in Teilzeit) „zu einer Herausforderung.“ Probleme sieht Dilbat dabei vor allem bei der Integration der Kinder mit sozialem und emotionalem Förderbedarf. Da zur Zeit in ihrem Lehrerkollegium nur vier Sonderpädagogen arbeiten, kann man in den Inklusionsklassen, in denen 6 von 24 Schülern einen Förderbedarf haben, nur die Hauptfächer jeweils mit einer zweiten Lehrkraft unterrichten. In den Nebenfächern muss eine Lehrkraft die pädagogische Binnendifferenzierung mit unterschiedlichen Arbeitsaufträgen und Arbeitsgruppen, wie in den Regelklassen, alleine stemmen.

„Auch in den Regelklassen, in denen im Durchschnitt etwa 30 Schüler sitzen, sind die Zeiten, in denen Lehrer klassischen Frontalunterricht machen konnten, endgültig vorbei“, weiß Dilbat

Natürlich zieht man heute auch an der Realschule Stadtmitte mit Förderkursen, bilingualen Klassen, Berufsförderung, Betriebspraktika und als MINT-Schule mit einem Förder- und Forderschwerpunkt in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik alle pädagogischen Register. Und Dilbat ist immer wieder begeistert, „was Schüler heute alles können, wenn sie für Referate sehr professionell mit Internetrecherche und Powerpoint-Präsentation arbeiten.“

Doch das wichtigste, was Schule auch im digitalen Informationszeitalter Jugendlichen mit auf den Lebensweg geben muss, ist für die 50-jährige Pädagogin: „das Entdecken und Entwickeln der eigenen Talente.“ Aus ihrer eigenen Lebensgeschichte weiß Dilbat: „Was man wirklich gerne macht, macht man am Ende auch gut. Und mit diesem Erfolgserlebnis kann man dann auch selbstbewusst und stark durchs Leben gehen.“ Schule muss aus ihrer Sicht aber nicht nur inspirierende Erfolgserlebnisse schaffen, „sondern Schüler auch ermutigen Fehler zu machen, um aus ihnen zu lernen.“


Sabine Dilbat wurde 1964 in Bochum geboren. Nach dem Abitur studierte sie zunächst Wirtschaftswissenschaften und später Sport und Biologie auf Lehramt. Weil damals in NRW nur wenige Lehrer eingestellt wurden, wechselte sie nach Niedersachsen, wo sie ab 2001 als Lehrerin und Konrektorin an Haupt,- Real- und Oberschulen in Bad Bederkesa und Cadenberge arbeitete.

Zuletzt war sie in Cuxhaven tätig. „Meine Stelle in Mülheim ist für mich eine Rückkehr zu meinen Wurzeln, weil ich im Ruhrgebiet noch viele Freunde und Familienangehörige habe“, freut sich die dreifache Mutter, die sich in ihrer Freizeit gerne mit Laufen und Radfahren entspannt und fit hält.


Dieser Text erschien am 13. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 21. Januar 2015

Wer Gott bezeugen will, muss den Menschen sehen: Pfarrer Michael Manz wechselte vor einem Jahr unfreiwillig die Gemeinde und fühlt sich jetzt aber genau am richtigen Platz


„Ich weiß nicht, wohin mich Gott führt. Ich weiß nur, dass er mich führt“, zitiert Pfarrer Michael Manz sein Lebensmotto, das er beim Schriftsteller Gorch Fock gefunden hat. Genau ein Jahr ist es her, dass der evangelische Seelsorger nicht ganz freiwillig die Gemeinde wechselte, von Heißen nach Styrum ging. „Als ich erfuhr, dass die Friedenskirche am Humboldthain aufgegeben werden sollte, ging für mich erst mal eine Welt unter“, erinnert sich Manz.

Doch heute weiß er: „Ohne diesen Bruch hätte ich mich nie in Styrum beworben, wo ich jetzt angekommen bin und mich am richtigen Platz fühle.“ Denn hier hat der Sohn einer Arbeiterfamilie sehr viel mehr als in der beschaulichen Heimaterde mit Menschen zu tun, die nicht nur die seelsorgerische, sondern auch die konkrete soziale Hilfe brauchen.

Beides gehört für den 52-Jährigen zusammen. „Man kann die Leute nicht von oben herab bepredigen und theologisch salbadern. Wer Gott bezeugen will, muss den Menschen sehen und ihn mit seinen Nöten ernst nehmen“, sagt Manz und beschreibt damit die wichtigste Erfahrung seines Pfarrerlebens, die sich in den letzten zwölf Monaten noch einmal verstärkt hat. Deshalb machte er aus der Aktion Mensch Friedenskirche die Aktion Immanuel hilf. „Hier kommen bestimmt dreimal so viele Menschen zu mir, die Unterstützung brauchen“, beschreibt Manz die soziale Wirklichkeit in Styrum. In den beiden Wochen vor Weihnachten hat er allein 40 Lebensmitteltüten an die notleidende Frau und den notleidenden Mann gebracht. Die sind nicht als Manna vom Himmel gefallen, sondern von den Frauen des Abendkreises gepackt worden. „Das ist das Tolle hier in Styrum“, sagt Manz: „Es gibt nicht nur viele Menschen, die Hilfe brauchen, sondern hier wollen die Menschen auch helfen und füreinander da sein.“ In der konkreten Gemeindearbeit stellt er immer wieder fest: „Das es hier viele Menschen gibt, die nur darauf warten, angesprochen zu werden, um die Ärmel hochzukrempeln.“ Das erlebt er nicht nur bei den rund 100 ehrenamtlichen Gemeindemitarbeitern, sondern auch bei Styrumern, die sich zum Beispiel im Nachbarschaftsverein oder in der Feldmannstiftung an der Augustastraße mit sozialer Basisarbeit für ihre Nachbarn im Stadtteil stark machen.

Als Pfarrer versteht er sich hier in Styrum nicht nur als geistlicher Leiter der Sonntagsgottesdienste, die vielleicht von 50 der 3500 Gemeindemitglieder besucht werden. Ihm geht es darum, sich zu kümmern und Klinken zu putzen. Hausbesuche und Geburtstagsgrüße gehören für ihn ebenso zur Seelsorge, wie ein Gemeindefest mit Menschenkickerturnier, ein Gospelkonzert in der Immanuelkirche oder ein Martinsmarkt. „Die Menschen haben die Single-Isierung unserer Gesellschaft satt und wollen zumindest in ihrem kleinen Kosmos Gemeinde und Stadtteil etwas zusammen erleben und auf die Beine stellen.“, glaubt Manz.

Darin sieht er auch eine Chance für die Kirche, wenn sie in einer zusehends sozial gespaltenen Gesellschaft, die ihn zunehmend an die Verhältnisse des späten 19. Jahrhunderts erinnert, Menschen jenseits von Gottesdiensten und Kirchenmauern christliche Nächstenliebe erfahren lässt. Dazu gehört auch ein sozialer Feuerwehrtopf, mit dem der Styrumer Pfarrer kleine, aber wirksame Soforthilfe leisten kann, um zum Beispiel mit ein paar Euro den nächsten Besuch im Waschsalon oder Weihnachtsgeschenke für Kinder aus dem Gemeindekindergarten zu organisieren, die eine Bescherung sonst nur vom Hörensagen kennen.

Und manchmal kann konkrete Seelsorge auch ganz einfach und ohne großen Geldaufwand möglich sein. „Sie sind schuld, dass ich jetzt wieder zur Kirche komme“, sagte ihm jüngst eine Frau, die sich für seinen Glückwunsch zu ihrem runden Geburtstag bedankte. Nicht nur sie, sondern rund 350 Gemeindemitglieder konnte Manz zum Weihnachtsgottesdienst in der vollbesetzen Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße begrüßen, rund 295 mehr als zum Weihnachtsgottesdienst 2013 gekommen waren. „Das war wirklich ein kleines Weihnachtswunder“, sagt Manz mit einem Augenzwinkern.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 19. Januar 2015

Kinder helfen Kindern: Ein Kurzinterview mit Gemeindereferentin Susanne Heimann zur Sternsinger-Aktion 2015

Frage: Ist es schwierig, Kinder als Sternsinger zu gewinnen?

Antwort: 2014 hatten wir Probleme. Aber diesmal gehen wieder mehr Kinder mit. In unserer Gemeinde St. Barbara sind 50 Sternsinger unterwegs. Das sind Kommunion- und Grundschulkinder, die von Eltern und von Jugendlichen begleitet werden, die in der Gemeinde aktiv sind. Viele Kinder finden es spannend, bei fremden Leuten zu schellen und nach ihrem Segen nicht nur eine Spende, sondern auch Süßigkeiten zu bekommen.

Frage: Stehen Sternsinger auch schon mal vor verschlossenen Haustüren?

Antwort: Das passiert bei uns nicht, weil sich jeder, der von den Sternsingern besucht werden möchte, in eine Liste eintragen muss. In unserer Gemeinde sind das zurzeit rund 720 Personen, die im letzten Jahr rund 7600 Euro gespendet haben. Wer die Sternsinger kommen lässt, ist in der Regel auch großzügig. Außerdem ist die Zahl der Spender relativ stabil, weil verstorbene Gemeindemitglieder durch junge Familien ersetzt werden können, die durch ihre Kinder auf die Sternsinger aufmerksam werden.

Frage: Warum sammeln Mülheimer Kinder in diesem Jahr für Ihre Altersgenossen auf den Philippinen?

Antwort: Weil die Finanzierung von Sozialstationen, in denen mangelernährte philippinische Kinder täglich eine gesunde Mahlzeit erhalten, vom Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend vorgegeben worden ist. Die Sternsinger haben sich aber auch vorab mit dem Thema beschäftigt und erkannt, dass es ihnen hier vergleichsweise gut geht, während viele Altersgenossen auf den Philippinen hungern müssen.


Dieser Text erschien am 3. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 17. Januar 2015

Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz unterstützt eine Schule in Kamerun und schlägt so eine Brücke der Bildung und der Menschlichkeit


Bis zum Frühjahr 2013 kannte Constant Leke aus Kamerun Deutschland nur vom Hörensagen, das bis 1918 Kolonialmacht in seinem Land war. Damals arbeitete der heute 36-jährige Theologe gerade mal zwei Jahre als Pfarrer in Mamfe, als sein Name plötzlich auf einer Liste seines Bischofs Francis Lysinge stand. Der hatte eine Anfrage seines Essener Amtsbruders Franz-Josef Overbeck auf dem Tisch liegen. Overbeck suchte einen Geistlichen, der die kamerunische Gemeinde in Mülheim-Styrum und die vor allem aus afrikanischen Ländern stammenden französischsprachigen Katholiken im Ruhrbistum betreuen könnte. Außerdem sollte Leke zusammen mit Gemeindereferentin Sigrid Geiger die Leitung der Gemeinde St. Mariae Rosenkranz übernehmen, deren Pastor Norbert Dudek als Pfarrer nach St. Marien in Schwelm wechseln sollte.

Da Leke gleichermaßen Englisch wie Französisch sprach, kam er als Kandidat für die Auslandsseelsorge im fernen Deutschland in Frage, obwohl er bis dahin kein Wort Deutsch sprach. Doch ein viermonatiger Intensivkurs in der Hauptstadt Jaunde änderte das. „Ich habe sehr viel über Deutschland gelesen, aber eigentlich zog mich dort nichts hin. Ich wusste, dass es dort kälter, als in Kamerun war und das auch Probleme mit Rassismus gab“, erinnert sich Leke an seine Vorbereitung auf die Mission Ruhrgebiet. Doch für den katholischen Priester, der seinem Bischof Gehorsam versprochen hatte, war es keine Frage, dass er den Auftrag, nach Deutschland zu gehen, erfüllen würde.

„Ich habe schon als Grundschüler die Berufung in mir gespürt, Priester zu werden und Menschen dort zu helfen und sie als Seelsorger zu begleiten, wo sie mich brauchen“, erzählt Leke. Im August 2013 traf er in seiner neuen Gemeinde St. Mariae Rosenkranz ein. „Am Anfang war es sehr schwer und obwohl ich einen mehrmonatigen Deutschkurs hinter mir hatte, hatte ich das Gefühl völlig fremd zu sein und kein einziges Wort zu verstehen“, erinnert er sich an seine ersten Tage am Styrumer Marienplatz.

 
Dass er sich inzwischen dort fast, wie zu Hause fühlt und die deutsche Sprache gut spricht und versteht, hat unter anderem auch mit Burglind Werres zu tun, die die Gemeindebücherei leitet, und ihn mit ihrem Schulenglisch einfach ansprach. Inzwischen sind die beiden nicht nur im neuen Gospelchor, den Leke mit Mitgliedern der kamerunischen Gemeinde ins Leben gerufen hat, ein eingespieltes Team. Werres und Leke haben auch das Hilfswerk Mamfe Charity gegründet. Das will eine Schule in Lekes alter Heimat unterstützen und so eine Brücke in seine neue Heimat schlagen.

„Als ich von Pastor Leke hörte, dass es dort nicht nur an Büchern und Notebooks, sondern auch an Fenstern, Türen, Tischen und Stühlen fehlt und die oft bitter armen Eltern pro Schuljahr und Kind zwischen 50 und 70 Euro Schuldgeld bezahlen müssen, war mir klar, dass man da was tun muss“, sagt Werres. „Über 80 Prozent der Menschen in Mamfe arbeiten als Bauern. Sie arbeiten viel und verdienen wenig, weil die Böden nicht viel Ertrag bringen. Deshalb leben viele Menschen von der Hand in den Mund, aber die Gottesdienste und Gebetsgruppen sind immer gut besucht“, skizziert Leke die soziale und religiöse Ausgangslage in seiner alten Heimat, in der 38 Prozent der Einwohner Katholiken sind, es aber keine Kirchensteuer, wie in Deutschland,  gibt. Katholische Schulen werden in Kamerun ebenso wenig aus Steuermitteln bezahlt, wie katholische Priester, die auf die Spenden aus ihrer Gemeinde angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und das eine oder andere für Bedürftige zu erübrigen. „Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das kann man gar nicht miteinander vergleichen“, betont Leke mit Blick auf die katholischen Kirchen in Kamerun und Deutschland. Um ihren Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten, sind katholische Schulen im Kamerun auf Schulgeld angewiesen. „Aber wenn Eltern plötzlich sterben oder das Schuldgeld nicht mehr aufbringen können, müssen manchmal auch begabte Kinder die Schule abbrechen“, beschreibt Leke das Bildungsdilemma in Kamerun, das trotz Schulpflicht immer noch eine Analphabetenquote von rund 25 Prozent hat. „Bei uns wird Schülern vieles nachgetragen und kostenlos zur Verfügung gestellt. Doch in Kamerun müssen Eltern und ihre Kinder zum Teil schwere Opfer bringen, um eine Schulausbildung zu bekommen, ohne die Kinder keine Zukunft haben“, erklärt Werres, warum sie sich dafür stark macht, die katholischen Schulen in Mamfe mit Geld- und Sachspenden zu unterstützen.

 
Mit einem Benefizkonzert des neuen Gospelchores und mit einer Blauen Stunde in der Gemeindebücherei, die ihren Gästen nicht nur von Afrika erzählte, sondern mit einem deutsch-afrikanischen Buffet den schwarzen Kontinent auch kulinarisch erleben ließ, konnten erste Spenden für Stipendien und Schulmaterial eingenommen werden. Außerdem freut man sich über alte, aber noch gut zu gebrauchende Notebooks, Schreibmaterial und Schultaschen, die demnächst im katholischen Gymnasium von Mamfe ihr zweites Schulleben beginnen werden. Dort lernen aktuell 250 Mädchen und Jungen fürs Leben. Auch Rollstühle, Rollatoren und Blindenstöcke werden in Mamfe gebraucht, um behinderten Schülern mehr Selbstständigkeit und Mobilität verschaffen zu können.

Damit man einen ordnungsgemäßen Geldtransfer gewährleisten- und Spendenquittungen ausstellen kann, hat sich das noch kleine Hilfswerk, Mamfe Charity dem großen katholischen Hilfswerk Missio angeschlossen. Außerdem freuen sich Leke und Werres darüber, dass sie inzwischen einen EDV-Fachmann für ihre gute Sache gewinnen konnten, der die alte Hardware aus Deutschland für die Kinder in Kamerun auf Vordermann bringt. Weitere Helfer, die sich in einem kleinen Team für die Schulentwicklungshilfe im Südwesten Kameruns engagieren möchten, sind ihnen natürlich willkommen. Wer dem Hilfswerk Mamfe Charity helfen möchte, sollte sich unter der Rufnummer 0177-9276974 oder per E-Mail an: burglind_we@yahoo.com mit Burglind Werres in Verbindung setzen.
 
Dieser Text erschien am 3. Januar 2015 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 10. Januar 2015

Was hat sich die Verkehrswacht für 2015 vorgenommen? Ein Kurzinterview mit ihrem Vorstand Carsten Kuhlmann

Frage: Warum brauchen wir eine Verkehrswacht, wenn sich die Polizei um die Sicherheit im Straßenverkehr kümmert?

Antwort: Die Polizei muss im Straßenverkehr dafür sorgen, das Regeln und Gesetze eingehalten werden. Wir arbeiten als gemeinnütziger Verein vorbeugend daran, das Vorsicht, Umsicht und Rücksicht bei allen Verkehrsteilnehmern ankommen und Vorfahrt haben.

Frage: Was tun Sie dafür im neuen Jahr 2015?

Antwort: Wir verteilen wieder unsere Verkehrssicherheitsbroschüren für den Schulweg an Kinder und Eltern, bieten ein Rollatortraining für Senioren und ein Fahrsicherheitstraining für junge Autofahrer an, machen uns für die Wiederbelebung des Verkehrsübungsplatzes stark, setzen unsere politische Lobbyarbeit für eine bessere Verkehrsinfrastruktur fort, richten auf unserer Internetseite
www.verkehrswacht-muelheim.de ein Bürgerforum für Anliegen und Anregungen ein, verstärken unsere Jugendarbeit und zeigen Schülern mit dem Dekra-Truck, wie man vermeidet, in den toten Winkel eines LKWs zu geraten und so von dessen Fahrer übersehen zu werden. Außerdem bieten wir auch 2015 Sommer- und Winterchecks fürs Auto an.

Frage:Welche Tipps geben Sie Verkehrsteilnehmern mit auf ihren Weg durch den Winter?

Antwort: Wenn Autos keine Winterreifen mit vier Millimetern Profiltiefe haben, sollten sie im Winter stehen bleiben. Autofahrer sollten außerdem genau überprüfen, dass ihre Leuchten richtig eingestellt sind und ihr Kühl- und Wischwasser einen Gefrierschutz hat. Grundsätzlich gilt für Autofahrer im Winter: Runter vom Gaspedal Fußgänger und Radfahrer sollten sich hell, am besten mit einer reflektierenden Warnweste kleiden oder zumindest Reflexionsstreifen am Ärmel tragen, damit sie im Dunkeln von den Autofahrern gut und vor allem rechtzeitig gesehen werden.

 
Dieser Text erschien am 31. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 5. Januar 2015

So gesehen: Vorsicht vor guten Vorsätzen

Wenn das alte Jahr zu Ende geht, ist man geneigt, sich etwas für das neue Jahr zu wünschen oder etwas vorzunehmen. Dabei sollte es jeder, der schon etliche Jahre gewechselt hat, besser wissen.

Nichts ist am Silvesterabend beim Rückblick auf das ablaufende Jahr frustrierender als das Eingeständnis, dass man so viele gute Vorsätze mal wieder nicht verwirklicht hat. Mal wieder zu viel Stress, Hektik und Kalorien. Mal wieder zu wenig Gelassenheit und Bewegung, um die Pfunde wieder abzubauen. Doch bevor wir uns heute über die guten Vorsätze krank ärgert, die wir 2014 nicht in die Tat umsetzen konnten oder wollten, sollten wir uns am letzten Tag des alten Jahres am besten mit gar keinen Vorsätzen für die 365 Tage des neuen Jahres belasten und einfach einsehen, dass wir auch 2015 nur eines tun können: nach bestem Wissen und Gewissen 100-prozentig unperfekt durchs Leben zu gehen, es einfach so zu nehmen wie es kommt. Denn der Druck guter Vorsätze kann am Ende unsere Gesundheit gefährden und die sollten wir uns für 2015 doch allemal wünschen und gönnen, soweit es in unserer Macht steht. Denn auch im neuen Jahr ist und bleibt es so sicher, wie das Amen in der Kirche: Der Mensch denkt und Gott lenkt. Und dem sind ein paar Gramm zuviel auf der Hüfte bestimmt schnuppe. Na, dann: Wohl bekomm’s, das neue Jahr.


Dieser Text erschien am 31. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 3. Januar 2015

Handicaps fangen im Kopf an: Eine Anfrage zum Welttag der Menschen mit Behinderung

Wenn sie sich zum heutigen Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung etwas wünschen könnten, fiele Alfred Beyer und Karl-Heinz Reinelt eine Menge ein. Der selbst nach einer Knochenkrebserkrankung beinamputierte Beyer engagiert sich seit über zwei Jahrzehnten als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände und des Vereins für Bewegungsförderung und Gesundheitssport (VBGS). Reinelt setzt sich seit 15 Jahren im Vorstand der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ein. Er ist nicht selbst betroffen, kam aber durch die Erkrankung seiner inzwischen verstorbenen Frau zur heute 120 Mitglieder zählenden DMSG.

Obwohl es in Mülheim seit über 20 Jahren eine Checkliste für barrierefreies Bauen gibt und Barrierefreiheit zumindest bei öffentlichen Bauten seit zehn Jahren gesetzlich verpflichtend ist, sehen beide immer noch Aufklärungsbedarf, um das Einmaleins des barrierefreien Bauens in die Köpfe von Architekten zu bekommen und teuere Nachrüstungen zu vermeiden.

Dazu gehören zum Beispiel Türen, die mindestens 90 Zentimeter breit sind und deshalb auch für Rollstuhlfahrer passierbar sind. Bedienungselemente im Aufzug sollten nicht höher als 85 Zentimeter installiert werden, um auch für Rollstuhlfahrer erreichbar zu sein. Und Rollstuhlrampen schaffen nur dann einen barrierefreien Zugang, wenn ihre Steigung nicht mehr als sechs Prozent beträgt und ihre Seiten mit einem zehn Zentimeter hochen radabweisenden Seitenschutz versehen sind, damit kein Rollstuhlfahrer seitlich von der Rampe fallen kann.

Wenn Beyer von Barrierefreiheit spricht, denkt er aber auch Induktionsschleifen, die Schwerhörigen in öffentlichen Räumen das Verstehen erleichtern, weil sie korrespondierend mit ihrem Hörgerät störende Nebengeräusche verschwinden lassen und ihnen so die Kommunikation erheblich erleichtern. Auch Sehbehinderten und Blinden wäre aus seiner Sicht sehr geholfen, wenn es flächendeckend kontrastreiche Treppenstufen, großgedruckte Briefe und taktile Leit- und Informationssysteme gäbe.

Reinelt ärgert sich vor allem über Rücksichtslosigkeiten, die nicht nur Rollstuhlfahrer in ihrem Alltag behindern. Da werden nicht nur Bürgersteige, sondern auch die ohnehin rar gesäten Behindertenparkplätze von Unbefugten zugeparkt oder der Vordermann lässt die Tür achtlos ins Schloss fallen, statt sie dem Hintermann am Rollator oder im Rollstuhl aufzuhalten, um ihm damit den Weg freizumachen.

Auch die Spendenbereitschaft, auf die ehrenamtliche Behinderten-Selbsthilfegruppen angewiesen sind, um ihre sozial integrierende Arbeit fortsetzen zu können, sieht Reinelt auf dem Rückzug. Dabei muss die DMSG schon 900 Euro investieren, wenn sie zum Beispiel für ihre Tagesausflüge einen Reisebus mit Hebebühne chartert. Denn nur mit einer solchen Hebebühne können auch die oft auf einen Rollstuhl angewiesenen MS-Kranken mitkommen, wenn es etwa zum Niederrhein oder nach Holland geht.

Reinelt und Beyer sind sich auch einig, dass sich viele Arbeitgeber immer noch schwer damit tun, Schwerbehinderte als Praktikanten, Lehrlinge oder Mitarbeiter einzustellen. „Viele Unternehmer wissen gar nicht, welche finanzielle Unterstützung sie zum Beispiel vom Landschaftsverband Rheinland bekommen können, wenn sie einen behindertengerechten Arbeitsplatz einrichten“, sagt Reinelt.

„Viele Arbeitgeber haben Angst, dass Schwerbehinderte nicht belastbar sind und deshalb zu oft krankheitsbedingt ausfallen“, glaubt Lars Lürig. Dabei ist der 39-jährige Luisenschullehrer das beste Beispiel dafür, dass man einen anspruchsvollen Beruf auch dann 100-prozentig ausfüllen kann, wenn der eigene Schwerbehindertenausweis aufgrund nur rudimentär ausgebildeter Gliedmaßen eine 100-prozentige Minderung der Erwerbsfähigkeit ausweist. Der Sozialwissenschaftler und Anglist arbeitet ganz normal als Fach- und Klassenlehrer und nimmt selbstverständlich auch an Klassenfahrten teil. „Ich sehe mich als einen Botschafter der Menschen mit Behinderung. Durch mich erleben Schüler, dass Inklusion möglich und Vielfalt in jeder Hinsicht für unsere Gesellschaft der Normalfall ist,“ sagt er.


Dieser Text erschien am 3. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 2. Januar 2015

Die Paulikirche: Geschichte eines Mülheimer Politikums

Dort, wo heute an der Delle Autos parken und man im Hintergrund die 1989 eröffnete Sparkasse auf dem damals neugestalteten Berliner Platz sieht, stand im Jahr 1934, als das historische Hochwasser-Foto aus dem Stadtarchiv entstand, noch die Paulikirche. In dem Fachwerkhaus, das man auf dem alten Foto sieht, sollte in den 80er Jahren die Geschäftsstelle der Grünen einziehen. Die historische Aufnahme zeigt die Paulikirche noch mit ihrer Turmspitze, die am 23. Juni 1943 dem großen Luftangriff auf Mülheim zu Opfer fallen und auch nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut werden sollte.

Die Paulikirche, die 1971 abgerissen werden sollte, hatte eine bewegte Geschichte. Die erste Paulikirche wurde im 17. Jahrhundert als Kirche der Lutheraner an der Delle errichtet. Als die Kirche zu klein und die Gemeinde mit rund 5000 Mitgliedern zu groß geworden war, errichtete man um 1880 die zweite Paulikirche. Auch wenn die theologischen und liturgischen Unterschiede zwischen Reformierten und Lutheranern an Bedeutung verloren und die Paulikirche als Gotteshaus der evangelischen Altstadtgemeinde zu kleinen Schwester der Petrikirche wurde, schätzten viele Mülheimer die Paulikirche. In ihr wurden Kinder getauft, gaben sich Paare das Ja-Wort und wurden täglich ökumenische Andachten abgehalten.

Ihren letzten Gottesdienst erlebte die Paulikirche am 27. Juni 1971. Damals wie heute (siehe Friedenskirche) wurde die Aufgabe der Kirche finanziell begründet. Die Restaurierung der Kirche, so hieß es damals, sei für die evangelische Altstadtgemeinde viel zu teuer. Und außerdem brauche man die Paulikirche als zweite Kirche neben der Petrikirche nicht mehr.

Die Paulikirche, so hatte es das Presbyterium bereits 1969 beschlossen, sollte abgerissen und das Grundstück für den Bau von Altenwohnungen genutzt werden.

Heute wird die Friedenskirche am Heißener Humboldthain Ende des Jahres als Gotteshaus aufgegeben und (wie berichtet) zu einer Urnengrabstätte umgebaut. Doch anders, als 1971, stellen die evangelischen Christen in Mülheim nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit. Damals waren 106?000 Mülheimer (56 Prozent der Bevölkerung) Protestanten. Heute stellen die rund 52?000 Protestanten Mülheims noch rund 32 Prozent der Stadtbevölkerung. Damals gab es 190.000 Mülheimer. Heute sind es noch 166.000.

1971 war der Abriss der Paulikirche ein Politikum. Alte Mülheimer trauerten um die Kirche an der Delle. Einige junge Mülheimer gingen auf die Barrikaden und besetzten im August 1971 das dem Abriss geweihte Gotteshaus. Ihre Idee: Die Kirche solle nicht abgerissen, sondern zu einem selbstverwalteten Jugendzentrum umfunktioniert werden. Mit diesem Plan, konnten sich nicht nur einige Gemeindemitglieder, sondern auch die politischen Nachwuchsorganisationen von SPD und FDP anfreunden.

Zwar diskutierten Mitglieder des Initiativausschusses Jugendclubhaus mit Vertretern der Kirchengemeinde und der Stadt über ihre Pläne, fanden bei den Entscheidungsträgern am Ende aber kein Gehör. Die besetzte Kirche wurde von der Polizei geräumt. Das Presbyterium der ev. Altstadtgemeinde bekräftigte im September 1971 seine Entscheidung für den Abriss, der am 6. Oktober 1971 auch vollzogen wurde.

Ironie der Geschichte. Die an der Delle geplanten Altenwohnungen entstanden später am Scharpenberg. Aus dem Kirchengrundstück wurde ein Parkplatz.


Dieser Text erschien am 29. Dezember 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung