Dienstag, 31. März 2015

So gesehen: Machen wir kein Drama daraus

Als Knirps fragte ich meine Mutter: „Mutti, warum bist du eigentlich so alt?“ Damals war sie Mitte 40 und ich 8 und alle anderen Muttis, die ich kannte, wesentlich jünger, als meine Mutter! Heute bin ich selbst Mitte 40 und fühle mich eigentlich gar nicht alt, auch wenn ich in bestimmten Lebenslagen schon mal alt aussehe. „Mein Gott, so alt sind Sie schon“, sagte mir jüngst eine erheblich ältere Dame, als sie mich nach meinem Alter fragte. Nach dem ersten Schrecken nahm ich ihre Feststellung als Kompliment für mein jugendliches Aussehen. Und in Zeiten des demografischen Wandels wird der Begriff „jung“ ja ohnehin zunehmend relativ. Wie tröstlich auch die Einsicht, die mir das Backstein-Theater jetzt mit seinem jüngsten Stück „Ewig jung“ vermittelte. Auch im Alter kann man noch jede Menge Spaß haben, wenn man kein Drama daraus macht, sondern das Leben als das sieht, was es ist, eine Komödie mit tragischen Einschlägen, in der jeder auftritt, seine Rolle spielt, und irgendwann wieder abtritt.

Dieser Text erschien am 18. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Sonntag, 29. März 2015

Alt werden ist nichts für Feiglinge: Das Backsteintheater begeisterte mit der musikalischen Tragikkomödie "For ever young"

„26 Inszenierungen mit 364 Aufführungen in 25 Jahren. In Zeiten knapper Kassen ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich das Evangelische Krankenhaus ein Theater leistet“, sagt Backstein-Theaterleiter Michael Bohn. Damit bekommt er zurecht den ersten Applaus des Abends, an dem der Theatergründer Vokmar Spira ebenfalls zurecht in der ersten Reihe sitzt.
Und dann wird es ernst oder heiter oder beides zugleich.

Denn die Backstein-Schauspieler Robert Külpmann, Nadine Kellerberg, Klaus Wehling, Martin Iwanow, Wolfgang Bäcker und Marie Elisabeth Zipp sehen an diesem Abend, an dem Erik Gedeons Komödie „Ewig jung“ Premiere hat, verdammt alt aus. Kein Wunder. Denn sie spielen sich selbst, allerdings im Jahre 2040 als Insassen ihres ehemaligen Theaters, das den Schauspielern jetzt als Altenheim dient. Sabine Dams und Karmen Laco haben in der Maske ganze Arbeit geleistet.
Es ist für die Schauspieler, zu denen auch Schwester Ursula, alias Ursula Bönte, gehört, kein leichter Abend. Denn sie müssen in eine Rolle schlüpfen, die sie mit Alter, Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit konfrontiert. Nicht nur diese Herausforderung meistern sie. Sie singen auch und das gut. Dem Training mit der ausgebildeten Musical-Sängerin Marie Zipp sei Dank.
Mit Musik geht eben alles leichter. Und so kommt nicht nur Schwung auf die Bühne, sondern auch ins Publikum, als Herr Bäcker, Herr Wehling und Herr Iwanow bei „Saturday Night Fever“ von gebrechlichen Greisen zu Travoltas werden. Auch bei anderen Ohrwürmern, wie: „I love Rock’n roll“, „Hey, Mister Tamborin-Man“, „For ever young“ und „I will survive“ werden nicht nur bei den Oldies auf der Bühne, sondern auch bei ihren nicht mehr ganz jungen Zuschauern Lebenserinnerungen wach.

Kein Wunder, dass Frau Kellerberg, die ihre Mitbewohner schon mal gerne mit „Arschgesicht“ und anderen unzitierbaren Unflätigkeiten traktiert, plötzlich ganz weich wird. „Früher war es besser. Was war das doch geil, als wir auf einem Baum saßen, um den Bau einer Autobahn zu verhindern und ich mit einem Typen zusammen war, dessen Dreadlocks so fettig waren, dass man damit eine Fahrradkette hätte schmieren konnte.“

Die Backstein-Schauspieler überzeugen vor allem in den Momenten, in denen Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleibt, weil sich Tragik und Komik berühren. Das ist etwa so, als Frau Kellerberg und Frau Zipp im Eifer des Gefechtes plötzlich ihr Holzbein oder ihre Perücke verlieren und „Now those days are gone“ singen. Das gilt auch für die Szene, in der Herr Wehling seinen Bühnen-Kollegen Herrn Bäcker beim abendlichen Heim-Spiel ermahnt: „Es heißt: Mein und nicht ein Königreich für ein Pferd“ und der Gescholtene trocken feststellt: „Ich bin schon froh, dass ich mich noch an das richtige Tier erinnern kann.“ Wie singt es Schwester Ursula ihren Schützlingen: „Ich sag es euch ins Gesicht: Das Leben macht Spaß, das Alter nicht.“

Dieser Text erschien am 16. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 28. März 2015

Wahlen in den Mülheimer Partnerstädten Kfar Saba und Tours

Gleich zwei Partnerstädte hatten jetzt die Wahl. Die Bürger gaben ihre Stimme für die neue Knesset, das Parlament Israels, ab. Wie Mülheims Mann für Kfar Saba von seinen dortigen Freunden erfuhr, haben sich rund 56 500 von 95 000 Bürgern an der Wahl beteiligten. „Die hatten damit dort eine sehr hohe Wahlbeteiligung“, berichtet Gerhard Bennertz.

Die meisten Wähler, nämlich 34,9 Prozent, stimmten für das von Jitzchak Herzog und Tzipi Livni geführte Mitte-Links-Bündnis der Zionistische Union. Bei der letzten Kommunalwahl 2013 hatten die Mitte-Links-Parteien in Kfar Saba nur 26 Prozent der Stimmen erreicht und lagen damit nur knapp vor der konservativen Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die damals rund 22,9- und jetzt nur 21,9 Prozent der Stimmen erreichte. Damit konnte die Zionistische Union in Kfar Saba den landesweit größten Stimmenzuwachs verzeichnen. Auf Platz 3 landeten bei der Parlamentswahl in Kfar Saba die liberale Zukunftspartei Jesh Atid, die 14,3 Prozent der Stimmen erringen konnte. Mit einem Stimmenanteil von 7,7 Prozent wurde die sozialkonservative Zentrumspartei „Wir alle“ (Kulanu) zur viertstärksten Kraft. Die linke Meretz-Partei holte in Kfar Saba 5,9 Prozent und die national-religiöse Partei Jüdisches Heim landete bei 5,5 Prozent. Für die säkular-nationalistische Partei „Unser Zuhause Israel“(Israel Beitenu) entschieden sich 3,4- und für die ultraorthodoxe Schas-Partei 2,4 Prozent der Wähler.

Da das israelische Parlament nach einem reinen Verhältniswahlrecht mit einer 3,25-Prozent-Hürde und ohne Wahlkreis-Abgeordnete gewählt wird, zieht diesmal kein Abgeordneter aus Kfar Saba in die Knesset ein. „Die Reaktionen auf das Ergebnis der Parlamentswahlen und den überraschenden Wahlsieg von Ministerpräsident Netanjahu sind sehr unterschiedlich. Einige sind nicht glücklich, andere sogar bestürzt, aber manche auch zufrieden. Und alle hoffen, dass sich die Dinge zum Guten wenden und die neue Regierung die politischen und wirtschaftlichen Anliegen des Landes voranbringen kann. Das gilt für den Friedensprozess und für die Lösung der sozialen Probleme, mit denen Israel zu kämpfen hat“, resümiert Bennertz.

Departement-Wahlen in Tours

„Tours ist eigentlich immer eine sehr bürgerliche Stadt gewesen, die 36 Jahre von dem konservativen Bürgermeister Jean Royer regiert wurde, ehe 2005 mit Jean Germain ein Sozialist zum Bürgermeister gewählt wurde. Der hat allerdings im letzten Jahre die Bürgermeister-Wahl gegen den Geschäftsführer der örtlichen Industrie-und-Handelskammer, Serge Babary, von der konservativen UMP verloren“, weiß Mülheims Madame Tours, Brigitte Mangen, zu berichten.

Diese bürgerliche Wählerstruktur hat sich auch bei den Departement-Wahlen in Tours gezeigt. Obwohl der rechtsextreme Front National (FN) in der Region Indre-et-Loire, zu der auch Tours gehört, laut Le Figaro mit 23,8 Prozent der Stimmen zur zweitstärksten Partei wurde, verfehlten die FN-Kandidaten in allen vier Wahlbezirken von Tours den Einzug in die entscheidende Stichwahl am Sonntag. In allen vier Wahlbezirken liegen derzeit die Kandidaten des konservativen Wahlbündnisses aus UMP und UDI vorn, gefolgt von Kandidaten der Sozialisten und der Linken.
Die Konservativen errangen zwischen 29 und 36 Prozent, Linke und Sozialisten zwischen 24 und 30 und der FN zwischen 15 und 22 Prozent.

Alle Parteien traten diesmal mit einem Kandidaten-Doppelpack aus je einem Mann und einer Frau an, so dass Tours am Wahlsonntag acht Abgeordnete in die Versammlung des Departements entsenden kann. Hier wird unter anderem über regionale Schul,- Bau und Infrastrukturprojekte entschieden.

Dieser Text erschien am 25. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 26. März 2015

Reden und Zuhören hilft, um Vertrauen zu gewinnen und sozialen Zusammenhalt zu schaffen:Was dem Bundestagsabgeordneten Arno Klare zur Fragestellung der Essener Gespräche einfällt

Auch Mülheims SPD-Bundestagsabgeordneter Arno Klare gehörte zu den eingeladenen Gästen der Gespräche des Ruhrbistums („Essener Gespräche“), die unter anderem mit einer Fachtagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg ihr 50-jähriges Bestehen feierten.

„Solche Gespräche sind unverzichtbar, weil sie Menschen mit ihren unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen und einander zuhören lassen.“

Die Fähigkeit „die Meinung des anderen zu akzeptieren und nicht unbedingt Recht behalten zu wollen“, sieht Klare in unserer stark individualisierten Gesellschaft als zunehmend vernachlässigt und unterentwickelt an.

Die Antwort auf die beim Festakt gestellte Frage, wie Politik, Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen neues Vertrauen gewinnen können, sieht der Abgeordnete in einem permanenten Dialog, in dem Regierte und Regierende aufeinander zugehen und sich zuhören. „Wir müssen nah bei den Menschen sein, ohne ihnen dabei nach dem Mund zu reden“, findet Klare mit Blick auf die Entscheidungsträger in Kirche und Politik.

Auf der einen Seite sieht er die Politiker in der Bringschuld, ihre Politik zu erklären und dabei „zu tun, was man sagt und nicht mehr zu versprechen, als man halten kann.“ Auf der anderen Seite sieht der Sozialdemokrat die Bürger aber auch in der „Holschuld“, wenn es darum geht, sich zu informieren und an politischen, sozialen oder kirchlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Mit Sorge sieht Klare, „dass heute zwar jeder mit jedem bei Facebook befreundet ist, der soziale Zusammenhalt in unserer Gesellschaft aber schwindet.“ Deshalb plädiert er für einen permanenten Dialog, „den man auch im digitalen Zeitalter nicht über irgendwelche sozialen Netzwerke, sondern nur dadurch organisieren kann, dass sich zwei oder drei Leute gegenübersitzen, um miteinander über ein Thema zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören.“ Dabei sieht er auch die Meinungsmacher der Medien in der Verantwortung, den gesellschaftlichen Dialog in Gang zu bringen, in dem sie auf Stereotype verzichten und der Versuchung widerstehen, alle politischen, wirtschaftlichen oder kirchlichen Entscheidungsträger über einen Kamm zu scheren, sobald einzelne, wie im Falle Edathy oder Tebartz von Elst persönliche Verfehlungen begangen haben.


Dieser Text erschien am 11. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. März 2015

Zum 50. Geburtstag der Essener Gespräche fragten sich deren Teilnehmer: Wie können Kirche und Staat neues Vertrauen gewinnen?

Wie können Kirche und Staat neues Vertrauen gewinnen? Mit dieser Frage beschäftigte sich jetzt der Festakt, mit dem im Hotel Franz der 50. Geburtstag der Essener Gespräche gefeiert wurde.“Freiheit braucht immer das Vertrauen zwischen den Regierten und den Regierenden“, betonte der Tagungsleiter der Essener Gespräche, Paul Kirchhof und zitierte Nicolaus Cusanus: „Denke einfach, zusammenführend und beherzt. Der Gläubige kennt keine Angst und drängt zur Tat.“

Zur Tat aufgefordert sieht Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck die Kirche und ihre Mitglieder auch in einer Zeit, „in der wir nicht mehr Volkskirche, sondern nur noch Kirche im Volk sind.“ In einem ökumenischen Festgottesdienst, den er zusammen mit dem Präses der Rheinischen Landeskirche, Manfred Rekowski, leitete, forderte Overbeck mit Blick auf die Bergpredigt Jesu dazu auf, „auch heute Salz der Erde und Licht der Welt zu sein.“

Auch nach 50 Jahren sieht er die Essener Gespräche als ein wichtiges Forum, um an der Schnittstelle von Kirche und Staat, „für unsere Gesellschaft vor und nachzudenken.“ In seiner Predigt warnte der Ruhrbischof die Christen davor, „in einer Nische zu bleiben“ statt „mit der Frohen Botschaft zu wirken, sich dem gesellschaftlichen Dialog zu stellen und diesen zu gestalten.“

Sein evangelischer Amtsbruder Manfred Rekowski griff auf die Barmer Erklärung der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1934 zurück, um das Verhältnis von Kirche und Staat zu beschreiben: „Regierende und Regierte müssen aus ihrer Verantwortung vor Gott für Frieden und Gerechtigkeit sorgen. Der Staat kann nicht die einzige und totale Ordnung sein. Und die Kirche kann sich nicht staatliche Aufgaben anmaßen.“

Zwei Dinge wurden in der Diskussion mit Politikern, Kirchenvertretern und Juristen deutlich: Kirche und Staat sind Verbündete, wenn es darum geht, die Gesellschaft mit positiven Impulsen weiterzuentwickeln, auch wenn Konflikte, etwa beim Thema Kirchenasyl oder kirchliches Arbeitsrecht offen zu Tage treten.

„Die Kirchen müssen das gemeinsame europäische Recht anerkennen“, fordert etwa der Berliner Innen-Staatssekretär Günter Krings (CDU) beim Thema Kirchenasyl. „Wir stehen als Kirchen nicht über dem Recht. Aber wir können nicht übersehen, dass Flüchtlinge, die aus sicheren Drittländern, wie Spanien oder Italien zu uns kommen und dorthin zurückgeschickt werden, auf der Straße leben müssen“, hält der Leiter des katholischen Büros in Berlin, Karl Jüsten, dagegen. Justiz-Staatssekretär Christian Lange (SPD) relativiert: „Wir sollten Respekt davor haben, dass sich Menschen aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für Flüchtlinge engagieren und dabei nicht vergessen, dass wir bundesweit vielleicht von gerade mal 780 Kirchenasyl-Fällen reden.“

Krings, Lange und Volker Beck von den Grünen sind sich über Parteigrenzen hinweg einig, dass die christlichen Kirchen in moralischen Fragen unverzichtbare Gesprächspartner und Impulsgeber sind. „Das reicht von Abtreibung und Bioethik bis zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr“, macht Lange das Spektrum deutlich.

Dabei macht sich der Chef-Lobbyist der katholischen Bischofskonferenz, in Berlin keine Illusionen darüber, dass der gesellschaftliche Wandel auch an der Arbeit des katholischen Büros nicht spurlos vorbeigegangen ist. „Kirche bekommt heute nichts mehr, weil sie Kirche ist“, sagt er. Volker Beck, selbst bekennender Christ, beschreibt die Säkularisierung der Gesellschaft so: „Vor 50 Jahren waren rund 95 Prozent der Deutschen Mitglied einer christlichen Kirche. Heute ist es gerade noch die Mehrheit.“ Bei Diskussionen stößt er inzwischen auf immer mehr Menschen, die zum Teil auch aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen „der Religion nicht nur neutral oder gleichgültig gegenüberstehen, sondern einen aggressiven Hass auf Religionen entwickelt haben.“

Woher kommen dieser Hass und dieses Misstrauen? Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichtes, Ingrid Schmidt, muss sich derzeit zum Beispiel mit dem Fall eines Düsseldorfer Chefarztes beschäftigen, der seinen Arbeitsplatz verloren hat, weil er in zweiter Ehe verheiratet ist. „Die Kirche muss sich schon fragen, ob ihr Familienbild immer konsequent ist,“ stellt Schmidt fest. Kann die Kirche sich zum Richter über das Privatleben ihrer Mitarbeiter aufschwingen, um ihren Grundsatz von der sakramentalen Unauflöslichkeit der Ehe durchzusetzen? „Die Kirche muss sich treu bleiben und vielleicht auch über die Aufgabe von Einrichtungen nachdenken, wenn sie nicht genug Personal findet, das ihre Vorgaben erfüllen kann“, meint Günter Krings. Sein Bundestags-Kollege Beck sieht das ganz anders und weist auf die biblische Geschichte von der Ehebrecherin hin, die von Jesus vor der Steinigung gerettet wird: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Beck sieht die Kirche in diesem Sinne in der unstatthaften Rolle der Richterin und Steinewerferin. Dass es in der katholischen Kirche auch barmherziger und toleranter zugehen kann, zeigt Christian Lange am Beispiel einer katholischen Kirchengemeinde, die einen schwulen und verpartnerten Mann als Jugendleiter angestellt hat.

„Man kann die Glaubensgrundsätze der Kirche nicht aufspalten, aber die Bischofskonferenz darf durchaus noch mutiger werden und wir haben als Kirche sicher noch einige Hausaufgaben zu machen“, räumt der Leiter des katholischen Büros ein,

Jüsten beschreibt eindrucksvoll seine politische Lobbyarbeit, „bei der man vor nix fies sein darf.“ Für ihn gilt: „Wir wollen nicht in die Presse, sondern ins Bundesgesetzblatt. Und deshalb sprechen wir mit allen, die in der Gesetzgebung etwas bewegen wollen.“ Dabei steigt er, wie er sagt, zunächst immer dort ein, wo Gesetzestexte entstehen, nämlich nicht bei Staatssekretären und Ministern, sondern bei den Referenten, die Gesetzesentwürfe schreiben.

Dabei wird nicht nur im Fall des wiederverheirateten Chefarztes deutlich, dass das kirchliche Arbeitsrecht die Kirche angreifbar macht: „Man kann die Gewerkschaften in den christlichen Dienstgemeinschaften nicht einfach außen vor oder am Katzentisch sitzen lassen, weil Arbeitnehmer immer in der strukturell schwächeren Position sind und man dafür sorgen muss, dass die in den arbeitsrechtlichen Kommissionen gefundenen Ergebnisse dann auch vom kirchlichen Arbeitgeber so umgesetzt werden, statt sich über sie hinwegzusetzen, wenn sie dem Bischof nicht gefallen“, unterstreicht die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichtes.

Was müssen die Kirchen tun, um angesichts von Kirchenaustritten, wieder mehr gesellschaftliches Vertrauen zu gewinnen? Volker Beck zitiert den Kölner Journalisten und Theologen Joachim Frank: „Kirche braucht Glaubwürdigkeit, Realitätssinn und Bescheidenheit.“ Dabei sieht der innen- und religionspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion die Kirche dort am glaubwürdigsten, wo sie zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik „Menschen eine Stimme gibt, die sonst keine Stimme haben, weil sie keine Wähler sind.“ Glaubwürdigkeit und neues Vertrauen würden Kirchen und Staat in Becks Augen auch dadurch gewinnen, wenn sie an die Ablösung der staatlichen Ersatzleistungen für die kirchlichen Säkularisationsverluste herangingen und darüber hinaus Kirchensteuerzahlungen und andere gemeinnützige Spenden rechtlich gleichgestellt würden.

Für Becks sozialdemokratischen Parlamentskollegen Christian Lange steht fest: „Die Flucht in den Laiezismus ist für Deutschland keine Lösung, weil sich die Kooperation zwischen Staat und Kirchen nicht nur im Bildungs- und Sozialbereich bewährt hat.“ Und sein CDU-Kollege Krings macht deutlich, dass man nach den islamistischen Mordanschlägen von Paris im laiezistischen Frankreich darüber nachdenkt, wie Deutschland einen staatlich kontrollierten Religionsunterricht an Schulen einzuführen: „damit Kinder und Jugendliche mehr über ihre Religion erfahren und nicht in die Fänge von irgendwelchen Radikalinskis geraten.“ In diesem Sinne ist Krings auch davon überzeugt, dass die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes auf der rechtlichen Basis staatlich kontrollierter Lehrpläne „auch die Integration der bei uns lebenden Muslime befördern kann.“

Dieser Text erschien am 14. März 2015 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 22. März 2015

Eine Frau mit Durchblick: Dobrila Petrovic

„Heute ist der Bus ja gar nicht so voll!“ oder: „Mensch, die Bahn XY war gestern wieder nicht pünktlich.“ So wird Dobrila Petrovic immer mal wieder angesprochen, wenn sie mit Bus oder Bahn unterwegs ist. Das ist nicht verwunderlich. Denn viele Fahrgäste kennen die 47-jährige Saarnerin aus dem Kundencenter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Löhberg. Denn wer wissen will, mit welchem Bus oder mit welcher Bahn man wohin kommt und wieviel das kostet, für den ist Petrovic die richtige Frau. Zusammen mit ihren Kolleginnen Regina Terre und Hannelore Wiegel sorgt sie dafür, dass die Fahrgäste der MVG ans Ziel kommen. Schon nach den ersten Gesprächstakten merkt man: Dobril Petrovic strahlt Ruhe und Freundlichkeit aus. Und das ist auch ihr wichtigstes Kapital.

„Früher habe ich als Verkäuferin in einem Modehaus gearbeitet. Da waren die Kunden, die zu uns kamen oft schon in einer positiven Grundstimmung und freuten sich auf ein tolles ShoppingErlebnis“, erinnert sich Petrovic an ihr erstes Berufsleben im Einzelhandel. Wenn sie heute im Kundencenter der MVG mit Kunden spricht, kommen die Fahrgäste nicht immer freundlich auf sie zu. Kommunikation ist alles Der Bus oder die Bahn waren mal wieder zu spät. Die Rolltreppe an der U-BahnHaltestelle funktionierte nicht. Oder jemand fühlt sich von einem Fahrkartenkontrolleur der MVG ungerecht behandelt. Dass sind die Klassiker, die Fahrgäste auf die Palme und zu Dobrila Petrovic bringen. „Ruhig bleiben. Zuhören und die Leute ausreden lassen. Blickkontakt halten. Und vor allem Formulierungen, wie ,Wir können nicht’....und ,Sie müssen’ sofort vermeiden.“ So beschreibt Petrovic ihre Krisenkommunikation am Tresen im Kundencenter. Sätze, wie: „Ich kann Sie sehr gut verstehen“ oder „Mal schauen, wie wir Ihnen in der Sache weiterhelfen können“ haben sich aus ihrer Sicht als deeskalierend bewährt. „Ich verstehe die Leute auch wirklich gut. Denn wenn ich eine halbe Stunde in der Kälte stehe, weil der Bus oder die Bahn nicht kommen, ärgert mich das auch“, sagt die freundliche Frau aus dem Kundencenter.

Kann sie Verspätungs-Opfer oft durch eine Fahrpreiserstattung besänftigen, wenn Fahrgäste länger als zehn Minuten über der fahrplanmäßigen Zeit warten und dadurch vielleicht eine Anschlussverbindung oder einen Termin verpasst haben, so ist die Sache bei den Schwarzfahrern oft komplizierter. „Die Leute ärgern sich oft gar nicht so sehr über das Geld, das sie bezahlen müssen, sondern darüber, dass sie vor anderen in aller Öffentlichkeit als Schwarzfahrer abgestempelt worden sind“, weiß Petrovic aus Gesprächen mit Schwarzfahrern, die je nach Sachlage nur eine Bearbeitungsgebühr von 2,50 Euro oder ein Bußgeld von 40 Euro zahlen müssen. Beim Thema „Schwarzfahren“ erlebt Petrovic ganz unterschiedliche Situationen. Da hat sie es zum Beispiel mit einer älteren Dame zu tun, die ein Monatsticket hat, das aber erst ab 9 Uhr gilt, sie aber schon vor 9 Uhr mit ihrem Ticket zum Arzt gefahren ist. Oder ein junger Mann wundert sich, dass er mit seinem Monatsticket, das nur für Mülheim gilt, als Schwarzfahrer aufgeschrieben worden ist, weil er mit der 112 zum Centro gefahren ist und dabei gar nicht gewusst haben will, dass er damit die Stadtgrenzen überfahren hat. Oft glätten sich die Wogen, wenn Petrovic und ihre Kolleginnen Schwarzfahrern anbieten können, ihre Geldbuße in den Kauf eines Monatstickets umzuwandeln. Echte Dankbarkeit erlebt die zweifache Mutter, die vor 14 Jahren aus dem Einzelhandel zum örtlichen Nahverkehrsunternehmen wechselte, weil sie hier nicht bis 20 Uhr arbeiten muss, beim Thema Fahrplanauskunft.

„Manchmal wissen Leute nur grob, wo sie hinwollen, kennen aber die genaue Haltestelle oder Adresse nicht. Dann recherchiere ich nicht nur in unserer elektronischen Fahrplanauskunft Efa, sondern auch im Internet, um sie an das gewünschte Ziel zu bringen. Und wenn es dann geklappt hat, kommen die Fahrgäste auch schon mal Tage später kurz herein und sagen: Toll. Das hat geklappt. Ich habe den Weg gut gefunden“, berichtet Petrovic von ihren kleinen, aber wohltuenden Erfolgserlebnissen. Besonders berühren sie auch die Gespräche mit älteren Fahrgästen, die ihr zwischen Fahrkartenkauf und Fahrplanauskunft ihr Herz ausschütten. Sich auch für solche Lebensgeschichten oft einsamer Menschen im Rahmen ihrer dienstlichen Möglichkeiten Zeit zu nehmen, ist der Frau von der MVG wichtig.

Dieser Text erschien am 21. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 21. März 2015

Erich Oesterwind: Der Mann, der sich kümmert

Wenn Erich Oesterwind auf dem Rathausturm seinen Blick über Mülheim schweifen lässt, entdeckt er wohl keinen Flecken, an dem er nicht schon einmal seine Füße stehen hatte. „Er ist schon seit Menschengedenken bei uns“, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen beim Ordnungsamt über den Leiter des Zentralen Außendienstes.

„Sie kenne ich doch. Sie sind doch beim Ordnungsamt. Können Sie da nicht mal was machen?“ So wird Oesterwind auch am Wochenende angesprochen, wenn er mit seiner Frau Anja einkaufen oder joggen geht und seine Dienstweste mit der großformatigen Rückenaufschrift „Ordnungsamt“ zu Hause gelassen hat.

Ob in der Dienst- oder in der Freizeit, es sind immer wieder die selben Probleme, die Leute auf die Palme und danach zu Oesterwind bringen. Zugeparkte Einfahrten und Bürgersteige, überquellende Müllcontainer, Grünflächen voller Hundekot, notorische Falschparker und Raser. „Können Sie da nicht mal eine Geschwindigkeitsmessung durchführen lassen.“
Dann notiert sich Oesterwind meist schnell das Anliegen und verspricht: „Ich kümmere mich drum.“ Der Hinweis: „Ich habe jetzt frei und bin nicht zuständig“, käme ihm nie in den Sinn. „Ich kenne viele Leute und viele Leute kennen mich. Und es ist doch auch schön, wenn die Leute auf einen zu kommen, weil sie Vertrauen haben“, sagt Oesterwind. Seiner Frau Anja ist er ausgesprochen dankbar, dass sie seine beiläufigen Dienstgespräche in der Freizeit geduldig erträgt, „weil sie meine Arbeit kennt und schätzt.“

Wenn man sich mit Oesterwind unterhält, spürt man, dass seine gut funktionierende Partnerschaft ein wichtiger Kraftquell ist, der ihm die Ruhe und die Kraft verschafft, die er braucht, um auch in schwierigen Gesprächen die Ruhe zu bewahren.

Wenn sich etwa jemand zu Unrecht mit einem Knöllchen bedacht sieht oder ein Fahrzeug stillgelegt werden muss, weil der Halter seinen Führerschein abgeben musste oder seine KFZ-Steuer nicht gezahlt hat, ist ebenso Ärger angesagt, wie bei Gewerbe,- Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen.
„Man darf nicht vergessen, dass 95 Prozent der Dinge, mit denen wir auf Menschen zukommen oder mit denen sie auf uns zukommen, eher unangenehm sind und das für jeden Bürger sein Anliegen immer das Wichtigste ist“, beschreibt Oesterwind seine Grundhaltung, mit der er seine tägliche Krisenkommunikation meistert.

„Meine Lebenserfahrung hilft mir, genau einzuschätzen, wie ich auf welche Menschen zugehen muss, um mit ihnen auch in schwierigen Situationen respektvoll und vor allem auf Augenhöhe sprechen zu können“, sagt Oesterwind.

Mit zunehmender Berufs- und Lebenserfahrung hat Oesterwind auch begriffen, „dass wir nicht alle Probleme in unserer Gesellschaft mit Kontrollen oder Bußgeldern regeln können.“
Das wurde ihm zuletzt deutlich, als ihn besorgte Bürger auf Landstreicher aus Südosteuropa hinwiesen, die regelmäßig in der Müga oder unter der Konrad-Adenauer-Brücke kampieren. „Wir haben uns um die Leute gekümmert und festgestellt, dass sie ganz friedlich sind und ihre Sachen sofort zusammenpacken, wenn man sie auffordert, einen Platz zu räumen. Aber leider haben wir es nicht geschafft, diese Menschen über die Wohnungsfachstelle in regulären Wohnungen unterzubringen, weil sie das einfach nicht wollten“, erzählt der Leiter des Zentralen Außendienstes, der nach seinem Geschmack inzwischen zu viel Zeit an seinem Schreibtisch im dritten Stockwerk des Rathauses und zu wenig Zeit im prallen Menschen-Leben auf der Straße zubringt.

„Dass ich an keinem Tag genau weiß, was und wer heute auf mich zukommt, und dass ich mich jeden Tag mit neuen Menschen und Situationen auseinandersetzen muss“, macht seinen Beruf für Oesterwind aber auch nach mehr als 25 Jahren beim Ordnungsamt spannend und befriedigend. „Ich könnte in zwei Jahren in Rente gehen. Aber sich glaube, dass ich noch zwei Jahre dranhängen werde“, sagt er und lächelt.

Dieser Text erschien am 7. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. März 2015

Knut Binnewerg: Der Mann am Steuer

„Wenn man bekannt und beliebt werden will, muss man eine Bürgerbuslinie ins Leben rufen“, sagt Knut Binnewerg und lacht. Der Mann muss es wissen, hat er doch im Oktober 2012 mit 30 anderen ehrenamtlichen Fahrerkollegen den Styrumer Bürgerbus ins Rollen gebracht. Ein bis zweimal pro Woche sitzt er für jeweils drei Stunden hinter dem Steuer und fährt vor allem ältere und behinderte Bürger durch den Stadtteil. Meistens geht es zum Arzt oder zum Einkaufen. „Obwohl es in Styrum zwei Bus- und zwei Straßenbahnlinien gibt, haben wir hier viele Wohnquartiere, die nicht optimal an den öffentlichen Personennahverkehr der Mülheimer Verkehrsgesellschaft angebunden sind, weil der Fußweg zur nächsten Haltestelle für viele Leute zu weit wäre“, erklärt Binnewerg, warum sich seine Mitstreiter und er 2012 in das Abenteuer Bürgerbus stürzten. Fahrgäste, wie Ursula Reich (62) und ihr gehbehinderter Mann Willi (68) sind für Binnewerg der beste Beweis, dass der Bürgerbus in Styrum gebraucht wird. „Seit es den Bürgerbus gibt, haben wir an Mobilität gewonnen und mein Mann kann jetzt zur Not auch mal allein zum Marktcenter an der Steinkampstraße fahren und dort einen Kaffee trinken“, freut sich Ursula Reich. „Die sind außerdem immer sehr freundlich und hilfsbereit“, lobt sie Binnewerg und die anderen Bürgerbusfahrer. Tante Emma auf vier Rädern Tatsächlich bleibt der Bürgerbusfahrer auf seiner Tour nicht stur hinter seinem Lenkrad sitzen und kassiert die 1,50 Euro für die einfache Fahrt oder notiert, ob ein Fahrgast mit Schwerbehindertenausweis freie Fahrt hat und die Kosten von der Bezirksregierung erstattet werden.

Immer wieder steht er auf, hilft Fahrgästen bei Bedarf aus oder in den achtsitzigen Kleinbus. Auch wenn Rollatoren oder Einkaufstaschen hinein oder hinaus zu bugsieren sind, ist Binnewerg ein Mann der Tat. Der 66-Jährige muss nicht um Hilfe gebeten werden. Er sieht, wenn jemand Unterstützung braucht und packt mit an. Auch die zweite oder dritte Krankengeschichte des Tages hört er sich geduldig an und ist nie um einen Scherz oder ein aufmunterndes Wort für seine Fahrgäste verlegen. Und wenn es der Fahrplan des im Stundentakt durch Styrum pendelenden Bürgerbusses erlaubt, dann wird auch schnell mal eine schwere Einkaufstasche bis zur Haustür getragen. „Wir sind hier so was, wie ein rollender Tante-Emma-Laden“, beschreibt Binnewerg die charmante Mischung aus Nahverkehr, Nahversorgung und menschlicher Nähe.

„Obwohl ich schon über 40 Jahre in Styrum lebe, staune ich immer wieder darüber, dass sich dieser von der Industrie geprägte Ort, einen dörflichen Charakter bewahrt hat. Hier kennt jeder jeden und jeder spricht mit jedem“, erzählt der pensionierte Hauptschullehrer, der früher die Schüler der Hexbachtalschule auf den richtigen Weg gebracht hat, auch wenn dafür schon mal Umwege nötig waren. „Da musste man manchmal nicht nur Lehrer, sondern auch Vater und Sozialarbeiter sein“, erinnert sich Binnewerg an sein pädagogisches Berufsleben, das er 2013 abgeschlossen hat. Seine kommunikative Art und sein pädagogisches Fingerspitzengefühl, das spürt man auch bei der Fahrt durch den Stadtteil, hat sich Binnewerg bewahrt.

Seine Fähigkeit, Dinge in die richtige Richtung zu steuern, in dem er beherzt auf Menschen zugeht, sie ansprechen und zum Mitmachen zu motivieren, hat er auch schon in seiner Zeit als Bezirksvertreter und Bezirksbürgermeister genutzt. Und er nutzt sie heute nicht nur als Vorsitzender des Bürgerbusvereins, sondern auch als Schiedsmann, der in seinem Stadtteil Nachbarschaftsstreitigkeiten schlichtet. „Ich freue mich, wie Bolle, dass das mit dem Bürgerbus funktioniert“, sagt Binnewerg mit Blick auf die 700 Fahrgäste, die jeden Monat mit dem Bürgerbus fahren, der seit seiner ersten Fahrt im Herbst 2012 immerhin schon 92 000 Kilometer zurückgelegt hat. Tatsächlich sind Sätze, wie: „Das ist schon klasse, dass es so was gibt“ bei der Fahrt mit dem Bürgerbus öfter zu hören. „Man ist einfach mittendrin und sieht, dass das, was man macht auch Sinn macht und den Leuten ganz konkret hilft“, beschreibt Binnewerg seine ganz persönliche Motivation. Deshalb setzt er sich auch als Ruheständler nicht nur hinter das Lenkrad des Bürgerbusses, sondern als Vorsitzender des Bürgerbusvereins auch täglich an seinen heimischen Schreibtisch, um organisatorische Fragen zu klären: Haben wir genug Fahrer und genug Werbepartner für unseren Bus? Und muss das Fahrzeug mal wieder zur Inspektion oder in die Waschstraße?

Dabei lässt Binnewerg keinen Zweifel daran, dass der Erfolg des Styrumer Bürgerbusses keine One-Man-Show ist, sondern am Lenkrad, wie am Vereinssteuer im Vorstandsteam viele Väter und Mütter hat, die wie Binnewerg unentgeltlich viel Zeit und Energie investieren, um Bürger mit dem Bürgerbus im besten Sinne des Wortes zu bewegen und mobil zu machen. Für Knut Binnewerg steht fest, dass er auch in seinem Ruhestand weiter am Steuer des Bürgerbusses bleiben will, so lange die Gesundheit mitmacht. „Denn“, so sagt der Pensionär der auch politisch aktiv is: „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, mich ehrenamtlich zu engagieren und will damit nicht aufhören. Denn beim Bürgerbus stellen sich die Erfolgserlebnisse, anders als in meiner Zeit als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, einfach schneller ein.“

Dieser Text erschien am 7. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. März 2015

Helge Rademacher: Der Mann mit Fisch und Familiensinn

Gar nicht so leicht, sich mit Helge Rademacher an seinem Fischwagen auf der Schloßstraße zu unterhalten. Der 44-jährige Markthändler hat alle Hände voll zu tun. Eigentlich wollte er gerade den Krabben-Cocktail fertig machen. Aber die Kunden, die sich mit Backfisch, Lachs, Rollmops, Scholle, Hering und Co eindecken wollen, kommen Schlag auf Schlag. Die meisten kennt er mit Namen. Und die Gespräche an der Fischtheke zeigen, dass er von vielen auch mehr weiß, als den Namen. Hier geht es nicht nur um Heringssalat oder Forelle, sondern auch um die eine oder andere Familien- und Krankengeschichte. „Einige Familien kaufen seit Generationen ihren Fisch bei uns“, erzählt Rademacher.

Er selbst stellt die vierte Generation einer Mülheimer Fischhändlerfamilie dar. „Schon mein Urgroßvater hat Fisch verkauft, aber nach mir ist Schluss“, sagt er. Denn Umsätze und Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Und das hat nicht nur mit dem bröckelnden Branchenmix in der Innenstadt zu tun.
Ab 1967 verkauften seine Eltern Elvira und Heinz ihren Fisch auf dem Rathausmarkt, der vor einigen Jahren auf die Schloßstraße verlegt wurde. Davor brachten die Rademachers ihre Fische mit einem Handkarren und später in einem Geschäft in Styrum an die Frau und den Mann. „Fisch, vor allem Hering, galt mal als Arme-Leute-Essen. Das ist heute ganz anders. Fisch ist teuer geworden, weil sich viele Länder nicht an ihre Fangquoten halten und die Meere leergefischt werden, um eine durch die großen Handelsketten gewachsene Nachfrage zu befriedigen“, beschreibt der Markthändler den Wandel im Fischgeschäft.

Sein Fisch, den er dienstags, donnerstags und freitags auf der Schloßstraße und mittwochs sowie samstags auf dem Pastor-Luhr-Platz in Saarn anbietet, kommt aus dem Nordost-Atlantik über einen Fisch-Großhändler in Bremerhaven nach Mülheim.

Noch während Rademacher nach Marktschluss am frühen Nachmittag seinen Fischwagen ausräumt und den nicht verkauften Fisch im Kühlwagen verstaut, ordert er bei seinem Lieferanten bereits für den nächsten Markttag. Der beginnt zwischen 6 und 7 Uhr. Spätestens um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Denn der Marktwagen will vom Abstellplatz geholt und rechtzeitig bestückt sein, ehe die ersten Kunden kommen. Die Salatkreationen der Rademachers werden täglich frisch und ohne Konservierungsstoffe zubereitet.

„Wir stehen jeden Tag auf dem Markt, ob bei Hitze, Kälte, Eis oder Schnee. Meine Eltern waren 40 Jahre lang nicht in Urlaub, damit das Geschäft funktioniert“, macht Rademacher deutlich, was es bedeutet als Markthändler seine Brötchen zu verdienen. Er selbst gönnt sich maximal 14 Tage Urlaub, aber auch nicht in jedem Jahr. Doch einen Urlaub, den er 2004 auf Gran Canaria machte, möchte er auf keinen Fall vermissen. Denn damals lernte er dort seine spätere Frau Anja kennen. Seit zweieinhalb Jahren ist er stolzer Vater von Töchterchen Lia.
„Meine Familie gibt mir die Kraft immer wieder weiterzumachen“, sagt Helge Rademacher. Weil er ein Familienmensch ist, war es für ihn trotz seiner Ausbildung zum Zahntechniker auch klar, in das Familiengeschäft einzusteigen, als er Mitte der 90er Jahre erkannte, dass es seinen Eltern zunehmend schwerer fiel, den anstrengenden Fischhandel (eine Fischkiste wiegt locker 35 Kilo) alleine zu bewältigen. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn sich meine Eltern eines Tages übernommen hätten, weil ich ihnen nicht geholfen habe“, sagt er. Neben seiner „Bomben-Kraft“ Alexandra Weck steht ihm an diesem Tag auf der Schloßstraße seine 77-jährige Mutter Elvira zur Seite. Der zwei Jahre ältere Vater Heinz musste sich vor wenigen Jahren gesundheitsbedingt aus dem Geschäft zurückziehen.

Wenn man Helge Rademacher nach den prägenden Erlebnissen in seinem Leben fragt, erzählt er vom Zusammenhalt seiner Eltern, der auch in schwierigen Zeiten nie gebröckelt sei. Daraus hat er für sein eigenes Leben gelernt, wie aus seiner Zivildienstzeit in einem Altenheim. „Ich habe dort die Menschen getroffen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut und zu dem gemacht haben, was es heute ist“, betont er. Wenn er heute mit seinen Eltern und alten Menschen spricht, ist er immer wieder von ihrer Lebensleistung beeindruckt, davon, dass sie auch in Kriegs- und Nachkriegsjahren angepackt und den Lebensmut nicht verloren haben. „Alte Menschen müssten in unserer Gesellschaft viel mehr hofiert und nicht einfach links liegen gelassen werden“, findet er.

Dieser Text erschien am 21. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 12. März 2015

Stefan Karbach: Der Mann, der verbindet

Wenn man sich mit Stefan Karbach unterhält, hat man das Gefühl einem Menschen gegenüberzusitzen, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Auch das Zuhören und geduldige Beantworten von Fragen fällt ihm nicht schwer. Damit ist der 37-jährige Diplom-Verwaltungswirt wohl eine Idealbesetzung für die Bürgeragentur. Denn hier hat er es täglich mit Menschen zu tun, die sich über etwas geärgert haben und deshalb in die Bürgeragentur an der Schollenstraße kommen, dort anrufen oder sich per E-Mail melden.
Warum ist der Bauantrag immer noch nicht genehmigt? Warum tut die Stadt nichts gegen Hundehaufen und wilde Müllkippen? Warum machen öffentliche Grünflächen einen so ungepflegten Eindruck? Können Stadt und Polizei an dieser oder jener Ecke nicht etwas gegen Raser tun oder eine Tempo-30-Zone einrichten? Warum ist die defekte Straßenbeleuchtung oder das angefahrene Straßenschild noch nicht repariert? Und könnte man an dieser oder jener Kreuzung mit einer neuen Ampel nicht für mehr Verkehrssicherheit sorgen?

Mit solchen und ähnlichen Fragen wird Karbach täglich konfrontiert. "Man braucht hier schon Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl", sagt Karbach. Gerade wenn besonders erboste Bürger auf ihn zukommen und diese dann im Eifer des Gefechtes auch schon mal etwas lauter werden, lässt er sie erst mal ausreden und bietet ihnen vielleicht auch ein Glas Wasser an, "damit sie herunterkommen können."
Nach sieben Jahren in der Bürgeragentur weiß er, wie wichtig "unsere Arbeit als Bindeglied zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltung ist." Denn immer wieder macht er die Erfahrung, "dass auch Bürger, die am Ende mit ihrem Anliegen vielleicht doch nicht zum Zuge kommen, zufrieden nach Hause gehen können, wenn man ihnen erklären kann, warum etwas geht oder nicht geht und sie begreifen, dass sie nicht Opfer irgendeiner Verwaltungswillkür geworden sind."

Gerade der Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen und die Herausforderung, sich jeden Tag von jetzt auf gleich in ganz unterschiedliche Themenfelder hineinversetzen und einarbeiten zu müssen, findet er spannend. Per E-Mail und Telefon macht er den kurzen Dienstweg frei, um Bürgern in ihrem Anliegen weiterhelfen zu können.

Bei Bedarf werden dann auch schon mal Gesprächstermine mit der Oberbürgermeisterin oder den Bezirksbürgermeistern vereinbart, wenn etwas nicht auf dem kurzen Dienstweg und über die Stellungnahme des zuständigen Fachbereichs im Rathaus geklärt werden kann. "Ich versuche, dass jeder Bürger, der sich mit einem Anliegen an mich wendet, innerhalb einer Woche eine konkrete Antwort bekommt", betont Karbach. Auch wenn sich ein Anliegen im Detail als komplexer erweist und vielleicht noch Unterlagen herbeigeschafft werden müssen, sorgt Karbach mit einem kurzen Zwischenstand dafür, dass der Bürger in seiner Angelegenheit auf dem Laufenden bleibt.

Die großformatigen Kunstwerke mit Merksätzen vom Ollen Hansen aus der Feder des Mülheimer Künstlers Peter Torsten Schulz: "Raus mit der Sprache", "Jeder hat eine Aufgabe" und: "Auch du kannst Probleme haben, wenn du nur willst" hat er als ständige Inspirationsquelle vor Augen.

"Früher stand mein Schreibtisch im Rathaus, heute in einem Ladenlokal", sagt Karbach mit einem Augenzwinkern. Das Ladenlokal, in dem jeder und jede mit seinen Anliegen ankommen und angehört werden kann, ohne von einem Amt zum anderen geschickt zu werden, empfindet er als eine "niederschwellige Anlaufstelle, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit 2003 gäbe, weil sie auch zur Akzeptanz und Stabilität unserer Demokratie beiträgt."

Auch wenn sich Karbach und seine Kollegen von verbitterten Bürgern schon mal Sätze, wie: "Ihr Beamte seid ja eh faul und tut nichts", anhören müssen, kann er solche Sätze locker wegstecken, weil die positiven Erlebnisse mit Menschen, "die erkennen, dass wir ihnen hier helfen wollen und sich dafür auch bedanken" überwiegen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel daran, dass er einem Mann in Not und einer alleinstehenden alten Dame "wieder mehr Luft zum Atmen" verschaffen konnte, indem er ihnen den Kontakt zur Sozialagentur und zur Seniorenberatung vermittelte.
Und mit einem Augenzwinkern denkt er auch gerne an die Dame zurück, die sich um eine Ziege im Tiergehege Witthausbusch sorgte, weil ihre Euter viel zu lang waren und einen entzündeten Eindruck auf sie machten. "Wir haben dann im Tiergehege nachgefragt und konnten der Dame später mitteilen, dass die betreffende Ziege gesund und munter sei, weil diese Euter ein angeborenes Merkmal ihrer Rasse seien.

Dieser Text erschien am 24. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 9. März 2015

Ein Stück charmantes Mülheim: Dorothea Schaaf

„Kommen Sie zwischen 13 und 14 Uhr. Dann habe ich am meisten Zeit“, sagt Dorothea Schaaf. Doch Zeit ist für die Zeitungshändlerin relativ. Denn in ihrem Kiosk an der unteren Schloßstraße verkauft sie nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern unterhält sich mit ihren Stammkunden auch über Gott und die Welt. Mal dreht sich das Gespräch um Krankheiten. Mal geht es um den letzten Urlaub oder um den Arbeitsalltag. Und dann wieder, das bleibt beim Ausblick auf den leerstehenden Kaufhof nicht aus, redet man auch darüber, dass sich die Innenstadt in den letzten 40 Jahren zu ihrem Nachteil entwickelt hat.

Dorothea Schaaf hat diese 40 Jahre miterlebt. Oft war ihr Kiosk, den sie 1975 von ihren Eltern Gerhard und Agnes Scholl übernahm, Teil einer Baustelle. Mal wurde an der Tiefgarage, mal am U-Bahn-Tunnel, mal an der zentralen Haltestelle gebaut. Letztere will die heute 58-Jährige nicht missen, weil sie ihr, allen Leerständen in der Innenstadt zum Trotz, viele Kunden bringt. „Hier muss jeder vorbei, der mit Bus oder Bahn in die Innenstadt kommt“, freut sich Schaaf.

Noch mehr würde sie sich aber freuen, „wenn es mit meinem Mülheim, das ich über alles liebe und auf das ich nichts kommen lasse, mal wieder aufwärts ginge und mehr Leute in der Innenstadt einkaufen würden statt sie schlecht zu reden und im Internet zu bestellen.“

Natürlich hofft auch Schaaf auf einen sinnvollen Branchenmix, „der uns nicht das fünfte Café und den fünften Brillenladen beschert.“ Doch sie beharrt auch darauf, „dass man in der Innenstadt weiterhin vieles finden und einkaufen kann, wenn man sich als Kunde nicht rausreden will, sondern einfach mal hinschaut und hingeht.“

Und nach wie vor ist sie davon überzeugt, dass ein Kaufhaus, wie der Kaufhof mit dem Geschäftsmodell 1000fach alles unter einem Dach auch heute seine Kunden finden könnte.

Dass demnächst aus dem alten Kaufhof eine Seniorenresidenz mit Gastronomie und Einzelhandel werden soll, sieht sie vorerst mit Skepsis: „Es wird viel geredet und Papier ist geduldig. Ich glaube es erst, wenn ich den ersten Spatenstich sehe“, sagt sie.
Ihre Stammkunden, die sie schon von weiten sieht, halten sich gerne länger als nötig an ihrem Kiosk auf. „Den persönlichen Kontakt, den man hier erlebt, erinnert mich auf angenehme Weise an einen Tante-Emma-Laden. Das ist im vollautomatisierten Smartphone-Zeitalter ein echtes Kleinod“, findet Bürgeramtsleiter Reinhard Kleibrink. Für Rolf Fabri, dem Schaaf die Zeitung seiner Wahl bereits herauslegt, bevor er den Kiosk erreicht hat, ist ihr Tante-Emma-Zeitungsladen „ein charmantes Stück Mülheim.“ Und auch Gymnasiast Jan Hoeppner meint: „Man kennt sich und spricht ein paar Worte miteinander. Das ist einfach nicht so anonym, wie anderswo, wo alles nur wortlos über den Scanner gezogen wird.“

Eigentlich hält es Dorothea Schaaf ja mit ihrem Vater, der die Lizenz für seinen 1949 eröffneten Kiosk noch von der britischen Militärregierung bekommen hat: „Das ist ein Zeitungskiosk und keine Trinkhalle, weil Lebensmittel und Druckerschwärze nicht zusammengehören“, zitiert sie sein Credo. Doch als Vater und Mutter Scholl ihre neun Kinder noch mit einem Zeitungskiosk ernährten, kannte die Welt noch kein Internet und auch das Fernsehen musste erst aus den Kinderschuhen herauswachsen. „Nach dem Krieg war der Informationshunger der Leute sehr groß und es gab sehr viel mehr politische und kirchliche Zeitungen und Zeitschriften als heute“, weiß Schaaf. Inzwischen gibt es eben weniger Leser, die sich mit einem sozialen Milieu oder einer politischen Partei verbunden fühlen und entsprechend informiert werden wollen.
Deshalb verkauft Schaaf seit gut 20 Jahren nicht mehr nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Zigaretten, Süßigkeiten, Fahr- und Handykarten. Auch einen Kaffee oder ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk kann man bei ihr bekommen.

Allerdings stellt Schaaf auch immer wieder fest, „dass viele Kunden ihre Zeitung nicht missen wollen und Zeitungen vor allem dann verstärkt gekauft werden, wenn etwas in der Welt passiert und die Leute die Fakten noch mal genau nachlesen wollen.“

Dieser Text erschien am 10. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 8. März 2015

Der kreative Kopf: Kiki Paffendorf


„Alleine Erfolg zu haben, macht nicht so viel Spaß, wie gemeinsam ein Ziel zu erreichen und die Freude darüber mit anderen zu teilen,“ sagt Kiki Paffendorf. Eigentlich heißt die 46-jährige Bürokauffrau, die für ein Tochterunternehmen der Sparkasse arbeitet, Christiane. Doch den Spitznamen Kiki hat sie aus ihrer Kindheit mit ins Erwachsenenleben genommen. So viel Narrenfreiheit gönnt sie sich auch im Alltag nach Aschermittwoch. Als Kind schrieb sie Phantasiegeschichten. Heute bringt sie als Trainerin, Choreographin und Kostümschneiderin der Ruhrgarde phantasievolle Tanzshows auf die Bühne. „Ich mache das nicht allein“, betont Paffendorf und weist auf ihre Kolleginnen Silvia Heibel, Gisela Claus und Yvonne Wustlich hin.

Mit ihnen investiert sie nach Feierabend und am Wochenende hunderte Stunden Arbeit, damit die 25 Tänzerinnen der Ruhrgarde gut aussehen. Wie man als Gardetänzerin oder Karnevalsprinzessin auf der Bühne gut aussehen kann, weiß Paffendorf aus eigner Erfahrung. Jetzt arbeitet sie als Trainerin und Kostümschneiderin hinter den Kulissen. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie. Auch wenn ihr Hobby viel Zeit kostet, möchte sie es als kreativen Ausgleich zum Beruf nicht missen. „Es fasziniert mich zu sehen, wie aus Stoffbahnen Kostüme werden“, erzählt Paffendorf von der gemeinsamen Arbeit mit Elastanstoffen, Pailletten, Strasssteinen, Federboas und Lackstoff.

Nach der Musikauswahl und der Inspiration durch Fernsehen, Zeitschriften und andere Shows kommt der gemeinsame Stoffeinkauf und die anschließende Arbeit mit Nadel, Nähmaschine und elektrischer Schere. „Dabei nähen wir immer erst einen Prototyp und stellen das Kostüm den Mädchen vor, denn sie müssen es ja auch auf der Bühne anziehen“, berichtet Paffendorf. Und da sich die Damen der Ruhrgarde in einer Show viermal umziehen, müssen für jede Show 100 Kostüme geschneidert werden. Kein Wunder, dass die Ruhrgarde nur alle zwei Jahre eine neue Show auf die Bühne bringt. „Wenn die Leute im Saal dann aber mitgehen, weiß man, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat“, freut sich Paffendorf. Sie ahnt: „Frauen schauen bei einer Show aufs Detail, Männer auf das Gesamtkunstwerk.“

Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 7. März 2015

Martina Ising - Die Mutter aller Garden

Das Bild sollte nicht täuschen. Wenn Martina Ising am Stock geht, dann nur zur Show, etwa zuletzt bei der Herrensitzung, als Silver-Girl in den Reihen der Ladykracher. Denn auch wenn die 47-Jährige heute als Trainerin so etwas, wie die Mutter aller Tanzgarden der Roten Funken ist, zieht es sie mit den Ladykrachern auch heute noch auf die Bühne.

„Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man damit nicht mehr aufhören“, sagt Martina Ising über das Tanzen im Karneval. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Applaus und die Anerkennung, die man mit einer Tanzshow vom geneigten Publikum bekommen kann, „gut für das eigene Selbstbewusstsein sind.“ Die Frau muss es wissen, fing sie doch schon in den 70er Jahren mit dem Karnevalstanz an. Damals ließ sie sich von der Mutter einer Freundin zum Tanztraining des Mülheimer Karnevalsvereins mitnehmen. Später wechselte sie zu den Roten Funken, blieb dem Tanzen aber treu. „Ich habe zwischendurch mal eine Pause eingelegt, als Jungs, Disco und andere Dinge für mich interessanter wurden, als der Karneval“, erinnert sich Ising an ihre Auszeit in den 80er Jahren. Doch als sie dann mal wieder beim Rosenmontagszug vorbeischaute, fiel ihr ein: „Das war doch eigentlich ganz schön. Geh doch mal wieder hin.“ Bei den Roten Funken ist man heilfroh über ihr Comeback.

Wenn man die jungen Damen aus ihren Garden, die sie zweimal pro Woche in der Styrumer Feldmannstiftung trainiert, nach ihrer Trainerin befragt, dann beschreiben sie Martina Ising als eine humor- und verständnisvolle Frau, die mit ihrer markanten Stimme bei Bedarf auch schon mal lauter werden kann. Auch wenn die Trainerin betont, „dass der Karnevalstanz nicht perfekt sein muss, sondern vor allem Spaß machen soll“, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass es ganz ohne Disziplin und Anstrengung vor, auf und hinter der Bühne nun mal nichts geht. Für sie selbst ist „das Gefühl von Zusammengehörigkeit“ und „der Stolz auf das gemeinsam Erreichte“, eine wichtige Inspirationsquelle, aus der Sie auch ihre Tanzgardistinnen schöpfen lässt. Mit einer Tanzgarde, davon ist Ising überzeugt, „kann man Mädchen nicht nur von der Straße holen“, sondern ihnen auch Teamgeist und Durchhalte- vermögen  beibringen. Für die Trainerin ist es auch eine wichtige Lebenserfahrung, „auch dann wieder auf die Bühne zurückzukommen, wenn vielleicht mal etwas schiefgelaufen ist.“

Ising ist immer wieder begeistert, wenn sie im Training Mädchen erlebt, „die sich anfangs sehr schwertun und auch sehr schüchtern sind und dann aber im Laufe der Zeit immer mehr aus sich herausgehen und über sich hinauswachsen.“
Ihr wichtigstes Kapital sieht Martina Ising darin, „dass ich ein fröhliches Gemüt habe und gut auf Menschen zugehen kann.“ Das kommt ihr nicht nur als Gardetrainerin bei den Roten Funken, sondern auch bei ihrer menschlich herausfordernden und anspruchsvollen Arbeit als Pflegekraft im Altenkrankenheim des Evangelischen Krankenhauses zugute. Sowohl in ihrem pflegerischen Berufsleben, als auch in ihrem karnevalistischen Privatleben hat sie eines immer wieder begriffen: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist und das Beste daraus machen.“
Dass die Trainerin mit dieser Haltung auf Menschen anziehend wirkt, wird wohl auch daran deutlich, dass ihre Tanzgarden durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer wieder neuen Zulauf bekommen, weil eine Tanzgardistin eine Freundin zum Training mitbringt. Und auch die Tatsache, dass sie ihre eigene Tochter Chantal als Gardetänzerin und Co-Trainer hat gewinnen können, spricht für ihre Qualitäten.

Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 5. März 2015

Erneut deutlich mehr Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenaustritte ist auch im Jahr 2014 deutlich angestiegen. Das geht aus den Zahlen des Amtsgerichtes und der Stadtkirchen in Mülheim hervor. Danach verließen im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Zum Vergleich: 2013 verzeichnete die katholische Stadtkirche nur 413 und die evangelische Stadtkirche 362 Austritte.

Die Ursachen für den deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte seien, so der evangelische Superintendent Helmut Hitzbleck und der katholische Stadtdechant Michael Janßen vor allem finanziell begründet. Die beiden Pfarrer und ihre Dümptener Kollegin Gundula Zühlke aus dem evangelischen Kreissynodalvorstand weisen in diesem Zusammenhang auf die 2013 vom Gesetzgeber novellierte Besteuerung von Kapitalerträgen hin.

Seit Anfang 2014 müssen Banken ihre Kunden darüber informieren, dass der neunprozentige Kirchensteueranteil an ihren Zinseinkünften automatisch an das Finanzamt und von dort an die Kirchen abgeführt wird, wenn sie dieser Praxis nicht ausdrücklich beim Bundeszentralamt für Steuern widersprechen und ihre Kapitalertragssteuern, wie bisher selbstständig im Rahmen ihrer Einkommensteuererklärung angeben. „Viele haben deshalb irrtümlich geglaubt, dass es sich um eine zusätzliche Kirchensteuer handelt, was ja definitiv nicht der Fall ist,“ sagt Janßen. Pfarrerin Zühlke räumt ein: „Da haben wir als Kirche einen Fehler gemacht, weil wir das den Menschen nicht gut genug erklärt haben und sich so viele überfallen fühlten.“

Für die Banken ist das „Mehrarbeit, zu der wir vom Gesetzgeber verpflichtet sind“, betont Sparkassensprecher Frank Hötzel. Er macht aber auch deutlich, dass Kapitalertragssteuern und damit der entsprechende Kirchensteueranteil nur dann fällig werden, wenn Kunden mehr als 801 Euro Zinsen pro Jahr bekommen. Wer weniger Zinseinnahmen hat, muss aber nur dann keine Kapitalertragssteuern zahlen, wenn er über seinen Bankberater einen Freistellungsauftrag erteilt hat.
Hötzel geht davon aus, dass die 75 000 Sparkassenkunden ein Spiegelbild der Mülheimer Stadtgesellschaft darstellen. Von den rund 168 000 Mülheimern sind heute nur noch 49 000 Mitglied der Evangelischen und knapp 52 000 Mitglied der katholischen Kirche. Zwar hat es in den vergangenen Jahren auch Kircheneintritte in Mülheim gegeben, beispielsweise im Jahr 2013 bei den Katholiken 23 und bei den Protestanten 119. Für 2014 liegen derzeit nur Zahlen vom Evangelischen Kirchenkreis vor, der 90 neue Mitglieder aufgenommen hat. Aber diese Zahlen fallen nicht ins Gewicht im Vergleich zu den Austritten. Nur noch gut 60 Prozent der Mülheimer gehören heute einer der beiden großen christlichen Kirchen an.

Dieser Text erschien am 15. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 3. März 2015

Thomas Straßmann: Das närrische Multitalent


Thomas Straßmann
Foto: Privat
„Es ist, wie es ist. Einmal Prinz zu sein, ist das größte als Vollblutkarnevalist.“ So sang Thomas Straßmann, als er in der Session 2001/2002 der Prinz von Mülheim war. Die Charakterisierung als Vollblutkarnevalist sieht er als „liebevolles Kompliment“ und nimmt es gerne an.

Egal, ob man im Karneval einen Stimmungssänger, einen Hoppediz, der in die Bütt steigt, einen Clown für den Kinderkarneval oder einen Sitzungspräsidenten braucht. Thomas Straßmann ist zur Stelle. Nicht nur in seiner eigenen Gesellschaft Blau Weiß, deren Präsident er ist, weiß man das karnevalistische Multitalent zu schätzen. „Im richtigen Leben bin ich ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, aber wenn ich auf der Bühne stehe, lege ich den Schalter um und werde zur Rampensau“, beschreibt der 52-Jährige, der bei Daimler in der Karnevalshochburg Düsseldorf arbeitet, die zwei Seiten seines Wesens.

Mit dem Bazillus Carnevalensis ist Straßmann schon als Knirps infiziert worden. Auch Vater Franz zog schon als Sänger und Redner auf die Bühne. Das Idol seiner Kindheit, war der blau-weiße Kinderclown Fipsi, der einst in einem Zelt an der Duisburger Straße den Nachwuchs närrisch machte. Als der kleine Thommy größer geworden war und mit seinen Freunden Ally Hamann, Joachim Pütz und Herbi Hövelmann erst im Musikzug der KG Blau Weiß und später in den Bands Tramp 2000 und Blue Moon den Ton angab, trat er selbst als Kinderclown die Nachfolge seines Vorbildes Fipsi an. „Da habe ich erst mal gemerkt, wie schwer es ist Menschen gut zu unterhalten“, erinnert sich Straßmann an seine ersten Erfahrungen als Entertainer. Doch die Bühnenluft hat ihn süchtig gemacht. „Das tut natürlich auch dem Ego gut, wenn man Leute begeistern kann und Applaus bekommt. Dann sind alle Probleme und jeder Alltagsstress vergessen“, erklärt Straßmann, warum er sich auch heute auf jeden Auftritt freut.

Natürlich macht der Spaß auch Arbeit. „Eigentlich müsste ich schon im Sommer anfangen, aber meistens beginne ich erst im Oktober mit den Sessionsvorbereitungen“, erzählt Straßmann. Dann sieht er sich nach Feierabend immer wieder in sein Musikzimmer zurück und übt einen Karnevalsschlager nach dem anderen oder studiert die Lokalpresse, um Stoff für seine Büttenrede zu finden. Baustellen, Ruhrbania oder der Nahverkehr waren in den letzten Jahren seine Lieblingsthemen. „Die Karnevalsschlager muss man bis zum Umfallen üben, damit man auf der Bühne nicht mehr über den Text nachdenken muss, sondern einfach lossingen und auf die Leute im Saal zugehen kann,“ beschreibt der Vollblutkarnevalist den Fleiß, der vor dem Preis des Applauses kommt. Nur seine selbst geschriebenen Karnevalsschlager, wie etwa „Da ist der Dieter da“ braucht er nicht mehr zu üben.
 
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 2. März 2015

Alle Schäfchen im Trockenen? Die Kirche zwischen Steuereinnahmen und Sparzwang: Eine Bestandsaufnahme

Immer weniger Kirchenmitglieder, immer weniger Kirchensteuereinnahmen? Die Antwort scheint logisch ganz klar „Ja“ zu sein. Doch so einfach ist es nicht auf eine Formel zu bringen. Denn: Mit der Zahl der Kirchenmitglieder sinken nicht automatisch auch die Kirchensteuereinnahmen. Die seien nämlich immer auch von der konjunkturellen Entwicklung und den steuerrechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Darauf weisen sowohl die evangelische als auch katholische Kirche hin. Zudem sei auch nicht jedes Kirchenmitglied zugleich ein Kirchensteuerzahler.

Und während man beim Bistum im statistischen Durchschnitt mit 211 Euro Kirchensteuereinnahmen pro Kirchenmitglied rechnet und für das laufende Jahr einen Kirchensteuerrückgang von neun Prozent prognostiziert, verbucht man beim evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr dagegen ein Plus – nämlich 2013 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) mit 15,55 Millionen Euro ein Kirchensteueraufkommen, das gut eine Million Euro über dem von 2003 lag.

Doch auch wenn die finanzielle Situation der evangelischen Kirche auf den ersten Blick gut aussieht, warnt Superintendent Helmut Hitzbleck vor voreiligen Schlüssen, weil die Lohnkosten, die im Schnitt mehr als 70 Prozent der kirchlichen Haushalte ausmachten, die zwischenzeitlichen Steuergewinne übersteigen und am Ende „unter dem Strich zu einem Minus führen.“ Deshalb sieht er auch für die Zukunft eine Entwicklung die dazu führt, „dass wir als Kirche mit weniger Menschen an weniger Orten, weiterhin die Arbeit leisten, die uns wichtig ist.“ Dazu gehört „neben der Verkündigung des Evangeliums vor allem für die Menschen da zu sein und sie dort, wo sie sozial abgehängt werden, wieder an die Gesellschaft anzukoppeln.“ Nicht ohne Stolz weist Hitzbleck darauf hin, dass man in den vergangenen Jahren trotz Personalabbau niemanden entlassen und sich auch aus keinem Bereich zurückgezogen habe.

Auch für den katholischen Stadtdechanten Michael Janßen steht fest: „Kirche muss weiter im Stadtbild präsent sein und ihre pastorale und soziale Arbeit vor Ort leisten.“ Doch angesichts der Prognose, dass die katholischen Pfarrgemeinden bis 2030 auf 50 Prozent ihrer aktuellen Kirchensteuermittel in Höhe von je 350?000 Euro verzichten müssen, denkt Janßen über kreative Lösungen nach. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, aus den drei Pfarrverwaltungen eine zentrale Kirchenverwaltung zu machen und dort, wo das möglich ist, auch Gemeindezentren und Gemeindesäle aufzugeben und stattdessen Kirchen zu erhalten und sie in multifunktionale Gemeinderäume umzugestalten. Denkbar ist für ihn auch, die katholische Heilig-Geist-Kirche in Holthausen künftig ökumenisch zu nutzen. Im Frühjahr beginnen Gespräche zwischen Stadtkirche und Bistumsleitung. Sie sollen bis Ende 2017 zu konkreten Vorschlägen führen.

Doch nicht erst seit gestern passen die Stadtkirchen ihre Strukturen den veränderten demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen an. Auf katholischer Seite wurden 2006 aus 15 eigenständigen Pfarrgemeinden drei Großpfarreien mit Gemeinden und Filialkirchen. Auf evangelischer Seite fusionierten die Gemeinden Holthausen, Altstadt und Menden-Raadt zur Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Die Gemeinden Broich und Saarn schlossen sich zusammen. Und Styrum, Johannis und Dümpten bildeten die neue Lukaskirchengemeinde. Gleichzeitig wurden im Laufe der letzten Dekade die 12 Gemeindezentren und Kirchen aufgegeben, damit die zuständigen Gemeinden Bauunterhaltungskosten sparen konnten. In einigen Fällen, wie etwa am Schöltges Hof in Dümpten, an der Walkmühlenstraße oder zuletzt im Fall der Friedenskirche am Humboldthain wurden Gemeindeimmobilien verkauft und zum Beispiel für neuen Wohnraum an der Walkmühlenstraße oder eine privat betriebene Urnenbegräbnisstätte am Humboldthain umgewidmet.

Im Mai diesen Jahres steht die Entwidmung der Christuskirche und ihres Gemeindezentrums am Lindenhof in Saarn an. Die katholische Kirche machte im Rahmen ihrer Gemeindeumstrukturierung 2006 aus der damaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz eine Urnenkirche, in der aber weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Gleichzeitig wurde die Pfarrkirche St. Raphael an der Hingbergstraße profaniert und fortan als Caritas-Zentrum genutzt.

Erheblich schmerzhafter waren die Schließung des katholischen Jugendamtes und die Streichung der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit. Die katholischen Gemeindekindergärten wurden damals in einen Zweckverband des Bistums überführt, während die evangelischen Kitas weiter von den Gemeinden finanziert werden müssen. Wie berichtet sucht die Lukaskirchengemeinde für ihr Haus der kleinen Leute am Klöttschen jetzt einen neuen Träger, um sich finanziell zu entlasten.

Wie sich der Sparzwang auf die kirchlichen Strukturen auswirkt


Die Zahl der Mülheimer Protestanten ist zwischen 2003 und 2013 von rund 60?000 auf rund 51?000 zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Zahl der Mülheimer Katholiken von 58 613 auf 51 751. Superintendent Helmut Hitzbleck und Stadtdechant Michael Janßen sind sich darin einig, dass die beiden großen christlichen Kirchen künftig noch mehr auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Gemeindemitglieder angewiesen sein werden.

Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt. Hier wurde eine hauptamtliche Küsterstelle durch eine 450-Euro-Kraft ersetzt, die von 20 ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde unterstützt wird. Gleichzeitig baute die Gemeinde drei Hausmeisterstellen ab und reduzierte die vierte Hausmeisterstelle von Voll- auf Teilzeit.

Im Bereich der Ev. Stadtkirche wurden in den letzten Jahren drei Pfarrstellen eingespart, weil ein Pfarrer in den Ruhestand und zwei weitere in andere Kirchenkreise gingen und durch drei Mülheimer Pfarrer ersetzt werden konnten, deren bisherige Pfarrstellen im Zuge von Umstrukturierungen und Gemeindefusionen aufgegeben wurden. Aktuell gibt es im evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr 26 Gemeinde- und Funktions-Pfarrstellen.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung