Donnerstag, 30. April 2015

Stark durchs Alter gehen: Wie man im Wohnstift Raadt durch ein spezielles Training die im Alter schwindende Muskelkraft wieder aufbaut und so das Risiko zu stürzen vermindert

Reginald Lebenicnik macht es vor. Der 80-Jährige zieht sich seine mit Sand- und Metallkügelchen gefüllten Fußmanschetten an und hebt das linke Bein an. Gleichzeitig nimmt er einen Overball in beide Hände, hebt ihn über seinen Kopf und führt ihn dann seitlich nach links und rechts. Derweil richten sich Günter (65) und Rosemarie (64) Stiepel gerade auf. Sie nehmen in beide Hände eine Hantel, strecken sie mit ihren Armen erst in die Höhe, um sie dann herunterzunehmen und seitlich nach links und rechts auszustrecken und dann wieder zusammen zu führen. Die drei Bewohner des zum Ev. Krankenhaus gehörenden Wohnstiftes Raadt machen mit beim Kraft,- Koordination- und Balance-Training, das die Ergotherapeutin Isabel Orlik seit 2013 zweimal pro Woche anbietet. Die Senioren sind sich einig: „Wir fühlen uns nach dem Training einfach wieder kräftiger und werden nicht so schnell schlapp.“

Orlik, die wöchentlich 12 bis 15 Senioren trainiert geht davon aus: „Wer rastet, der rostet!“ Deshalb will sie mit ihrem Training, das gezielt die Muskulatur wieder aufbaut und die Koordinationsfähigkeit stärkt, dafür sorgen, „dass die Senioren in Alltagssituationen nicht nur besser agieren, sondern auch reagieren können, wenn sie zum Beispiel stolpern und zu stürzen drohen.“

Solche Bewegungseinheiten, „die alte Menschen fordern, aber nicht überfordern“, sind auch aus Sicht des Mülheimer Allgemeinmediziners Uwe Brock der richtige Weg, um der mit dem Alter zunehmenden Sturzgefahr vorzubeugen. „Ab dem 30. Lebenjahr verlieren wir pro Jahr etwa ein Prozent unserer Muskelmasse. Gleichzeitig lässt auch unsere Knochendichte nach“, beschreibt Brock einen wesentlichen Grund dafür, warum man im Alter an Kraft verliert, leichter fällt und sich dabei auch schneller die Knochen bricht.

Dass man aber auch im Alter durch gezielte Bewegung Muskelmasse wieder aufbauen kann, zeigt das im Wohnstift Raadt praktizierte Training. Das Mülheimer Altenheim wurde 2014 dafür von der Landesinitiative „Sturzprävention bei Senioren“ mit dem Gütesiegel „Sturzpräventive Pflegeeinrichtung“ ausgezeichnet.

Der Leiter des Wohnstiftes Raadt, Andreas Rost, hat festgestellt, dass die Zahl der Stürze, die jährlich in seinem Haus registriert werden „von 118 auf knapp 100 zurückgegangen ist.“ Dabei werden im Wohnstift Raadt auch indirekte Stürze gezählt, bei denen Bewohner aus ihrem Bett oder ihrem Sessel auf den Boden gerutscht sind, weil sie das Gleichgewicht verloren hatten. Noch deutlicher sieht er die Wirkung des Kraft,-Koordinations- und Balance-Trainings aber an der Tatsache, „dass die Zahl der Bewohner, die sich bei einem Sturz schwer verletzt haben, in dem sie sich zum Beispiel den Oberschenkelhals brachen, noch deutlicher zurückgegangen ist als die Zahl der Stürze.“

Für Trainingsteilnehmerin Rosemarie Stiepel sind die wöchentlichen Übungen zum Erhalt und zum Wiederaufbau der Kraft- und Koordinationsfähigkeit ein Instrument „der Lebenserhaltung, das dafür sorgt, dass ich nicht plötzlich nur noch im Bett liegen kann.“ Auch bei ihren Sportkameraden stellt sie fest, dass sich viele von ihnen, die vorher kaum aus ihrem Zimmer herauskamen, plötzlich wieder in die Gemeinschaftsräume des Wohnstiftes oder sogar nach draußen trauen. „Dieses Training beugt nicht nur Stürzen und daraus resultierenden Verletzungen vor. Es schafft auch wieder neue Lebensqualität und verhindert, dass sich alte Menschen immer mehr zurückziehen und sozial isolieren“, sagt Einrichtungsleiter Rost.

Zu dieser Erkenntnis passt auch, dass das Training, an dem auch interessierte Senioren teilnehmen können, die nicht im Wohnstift Raadt leben, inzwischen aus dem kleinen Gymnastik- in den großen Andachtsraum des Altenheimes umgezogen ist. Als Isabel Orlik ihre Sturzprävention im Rahmen der Raadter Inforunde vorstellte, kamen immerhin rund 30 Besucher. Und inzwischen sind einige Bewohner des Wohnstiftes sogar so gut trainiert, das sie am letzten Freitag im Monat an der aus dem Netzwerk der Generationen erwachsenen Stadtteil-Aktion „Raadt geht spazieren“ teilnehmen können.

Weitere Informationen zum Thema findet man auf der Internetseite des Wohnstiftes Raadt unter: www.wohnstift-raadt.de

Dieser Text erschien am 24. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. April 2015

Der christlichen Ethik Geltung verschaffen: Weihbischof Franz Grave sprach bei der Kolpingsfamilie darüber, was Christen in der Politik zu versuchen haben

Fastenzeit vor Ostern. Das heißt Einkehr, Umkehr und Selbstüberprüfung. Der Bezirksverband des Kolpingwerkes tut es an diesem Märzabend im Heimaterder Theresiensaal auf seine Weise. Er lässt Franz Grave eine Antwort auf die Frage geben, ob Politik und Christentum ein Gegensatz an sich sind.

Wer den emeritierten Weihbischof kennt, der auch mit über 80 noch als Seelsorger in der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt arbeitet, weiß, dass er nicht nur ein geistlicher, sondern auch ein politischer Kopf ist. Insofern fällt es ihm an diesem Abend im Kreise der Kolpingfamilie nicht schwer, seine Gedanken zum Thema ohne großes Vortragskonzept so zu entwickeln und zu formulieren, dass man ihm gerne zuhört und mitdiskutiert.

Gut 30 Kolpinggeschwister tun dies und hören sein Plädoyer für ein politisch aktives Christentum. Das solle „sich nicht durch Weltflüchtigkeit, sondern durch Welttüchtigkeit auszeichnen.“ Dass der Gesellenvater Adolph Kolping nicht nur ein frommer, sondern auch ein politisch denkender Mensch war, der die Not der wandernden Handwerksgesellen erkannte und sie unter dem Dach der Gesellenvereine und Gesellenhäuser mit Bildung, Gemeinschaft und Glauben behob, braucht Grave seinen Zuhörern nicht zu erklären. Stattdessen sagt der Kirchenmann: „Wer sich als unpolitischer Christ begreift und sich allein mit dem frommen Gebet im stillen Kämmerlein begnügt, kann kein Freund von Kolping sein.“ Grave nennt den Bereich der Berufsausbildung, in dem er sich bis heute engagiert, als eine zentrale politische Aufgabe. „Denn und Ausbildung und Arbeit geben dem Leben ein Fundament und sorgen dafür, dass das Haus des Lebens nicht einstürzt.“

Grave weiß, dass Kolping kein Verein weltfremder Frömmler ist, sondern auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene Menschen unter die Arme greift, die Hilfe zur Selbsthilfe brauchen, um zum Beispiel mit Ausbildung und Arbeit, aber auch mit geistlicher Orientierung ihren Lebensweg gehen zu können.

Aber Theo Niess und einer seiner Kolpingbrüder, der inzwischen die 90 überschritten hat, geben sich auch selbstkritisch. Sie fragen sich in der Diskussion, ob die politische Bildung bei Kolping zu kurz komme. Vielleicht müsse man die in den 70er Jahren eingeschlafenen Sozialkurse in moderner Form wiederbeleben, um mehr Menschen für Politik zu interessieren und zu begeistern.

Auch wenn Grave selbstironisch feststellt, „dass wir hier mal wieder vor allem mit grauen Köpfen zusammensitzen“, macht eine noch lange nicht ergraute Kolpingschwester deutlich, dass sich junge Leute auch heute für politische Arbeit interessieren lassen. Denn ihr Sohn ist einer von 25 Jugendlichen, die in dieser Woche Bundestagsabgeordnete, die mit Kolping verbunden sind, bei ihrer Arbeit in Berlin begleiten.

Dennoch macht sich Grave keine Illusionen. „Überzeugte und überzeugende Christen, die sich auf der Basis ihres Glaubens in die Politik einmischen, muss man heute manchmal mit dem Fernglas suchen. Das war vor 20 oder 30 Jahren noch anders.“

Deshalb ist für den ehemaligen Vorsitzenden des bischöflichen Hilfswerkes Adveniat angesichts der globalen Frage von Armut und Reichtum eine Renaissance des politisch aktiven Christentums dringend geboten. „Nur so können wir zum Beispiel die großen Zukunftsfragen von Einwanderung und sozialer Integration lösen,“ betont Grave.

Die Zuwanderung begreift er vor dem Hintergrund seiner seelsorgerischen Erfahrung in einer Stadtgemeinde nicht nur als Problem und Herausforderung, sondern auch als Bereicherung. „Wir müssen uns als Christen fragen“, so Grave: „Wem gehört die Welt? Und haben nicht alle Menschen als Geschöpfe Gottes das Recht überall dort zu leben, wo sie für sich und ihre Familien eine Zukunftsperspektive finden?“ Die von Papst Franziskus betonte „Option für die Armen“, sieht der Weihbischof in einer Linie mit dem von Papst Johannes XXIII. initiierten Zweiten Vatikanischen Konzil. „Schon vor 50 Jahren, so Grave: „stellte das Konzil fest, dass die Kirche eine Kirche in der Welt sei, die sich den Menschen ihrer Zeit und deren Sorgen auf Augenhöhe und nicht von oben herab zuwende.“

Einig waren sich die Kolpinggeschwister darin, dass auch ihr Verband im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag leisten muss, um die Integration von Zuwanderern gelingen zu lassen. Gleichzeitig hinterfragten einige, inwieweit alle Zuwanderer auch wirklich integrationsbereit und integrationsfähig seien. Als Nagelprobe für die Integrationsfähigkeit von Menschen, die zu uns kommen, um dauerhaft in unserem Land zu leben, wurde vor allem das Erlernen der deutschen Sprach genannt.

Kritisch beleuchtete ein Kolpingbruder auch die Grundsatzfrage nach dem politischen Engagement: „Muss ich“, so seine These: „als Christ nicht zwangsläufig mein Gewissen manipulieren, wenn ich in die Politik gehe, in der die meisten Entscheidungen auf Kompromissen beruhen?“

Grave räumt diesen moralischen Zwiespalt ein, sieht Christen in der Politik aber auch dazu aufgerufen, „Widerstände und mögliche Isolation auszuhalten“, wenn es darum gehe der christlichen Ethik in der Politik wieder mehr Geltung zu verschaffen. Denn nur dann könne „Politik zur gelebten Frömmigkeit und zum Dienst an den Menschen und eben nicht zum Selbstbedienungsladen für Politiker werden.“ Gab es nach dem Krieg und in der Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland noch eine eindeutige Nähe zwischen Katholischer Kirche und den C-Parteien, so sagt Grave mit Blick auf die aktuelle politische Landschaft. „Es gibt heute nicht mehr die christliche Partei, sondern nur Christen, die sich in unterschiedlichen Parteien engagieren.“

Dieser Text erschien am 28. März 2015 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 26. April 2015

So gesehen: Immer neue Seiten

Wer schreibt, der bleibt! So heißt es unter Journalisten. Doch wer schreiben will, muss irgendwann mal etwas vorgelesen bekommen haben.

Hätte mir meine Mutter früher nicht so viele Geschichten vorgelesen, die ich dann gerne ausschmückte und aufschrieb, hätte ich vielleicht niemals die Freunde an der Sprache im Allgemeinen und an Geschichten, die das Leben schreibt, im Besonderen entdeckt. Bis heute gibt es für mich nichts spannenderes als Menschen und ihre Lebensgeschichte.

Manchmal erscheint sie mir so reich wie eine ganze Bibliothek und manchmal auch nur so fraglich wie ein Buch mit sieben Siegeln. Und wenn ich in meinem Sparbuch lese, weiß ich: Nicht jedes Buch hat ein Happy End oder ist ein Kassenschlager. Sei es drum. So lange wir in unserem Lebensbuch immer wieder eine neue Seite aufschlagen und ein neues Kapitel beginnen können, dürfen wir auch mitten im Drama oder im Krimi auf ein Happy End hoffen, egal, ob uns unser Sparbuch nun wie eine Tragödie oder wie eine Komödie vorkommen mag.

Dieser Text erschien am 22. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 24. April 2015

Flucht in eine vom Krieg zerstörte Heimat; Heinz Auberg erinnert sich an das Kriegsende 1945

Heinz Auberg, der sich heute unter anderem im Geschichtsgesprächskreis Styrum für die Dokumentation der lokalen Geschichte engagiert, war 13 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Die Lieder, die er im Krieg mit seinen Kameraden beim Jungvolk sang hat er heute noch im Kopf. „Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit“ oder: „Unsere Fahne flattert uns voran“, hieß es da. Und im Kino schauten seine Freunde und er sich Filme, wie „Der große König“ oder“: „U-Boote westwärts“ an. Auch der Fahnen-Appell zu Führers Geburtstag am 20. April war für seine Altersgenossen und ihn Pflichtprogramm. „Die Ideologie, die dahinter stand, haben wir als Kinder nicht erkannt. Wir hatten Spaß an unseren Märschen und Geländespielen, obwohl diese natürliche eine Vorbereitung auf den Krieg waren“, erinnert sich Auberg.

Was Krieg bedeutet, begriff er erst im Juni 1943, als seine Schule an der Ecke Adolfstraße/Kaiserstraße von alliierten Bomben zerstört und sein Elternhaus an der Friedrich-Karl-Straße schwer beschädigt wurde. Weil die oberen Geschosse des Hauses unbewohnbar geworden waren, musste sich die Familie über das Kriegsende hinaus notdürftig im Keller einrichten.

„Jetzt sind wir dran. Wie soll es jetzt nur weitergehen?“, hat er sich damals gefragt. Für ihn ging es weiter in die Kinderlandverschickung, zunächst nach Kärnten und später nach Böhmen und Mähren. Nach vergleichsweise friedlichen Monaten, in denen Auberg und seine Mitschüler vom Krieg unbehelligt gemeinsam lernen, spielen und sich auch vergleichsweise gut ernähren konnten, begann für sie im Frühjahr 1945 eine odysseeartige Flucht vor der Roten Armee, zu Fuß, auf LKWs, in überfüllten Zügen oder auch in Güterwagons. Zum Teil warfen die Kinder Schuhe und Kleidung weg, um ihr Marschgepäck leichter zu machen. Übernachtet wurde zum Teil in leerstehenden Schulen und Bahnhofshallen. „Wir wollten einfach nur nach Hause und erfuhren in Budweis davon, dass die Amerikaner im Ruhrgebiet einmarschiert waren“, erinnert sich Auberg. Erst Anfang August sollte er Mülheim wiedersehen. „Ich staunte darüber, dass die Straßenbahn schon wieder fuhr. Aber die Stadt war eine einzige Trümmerlandschaft. Und weil es noch zu wenige intakte Klassenzimmer gab, unterrichteten einige Lehrer in ihren Wohnungen“, erinnert sich Auberg an das Nachkriegs-Mülheim, auf dessen Straßen 1945 800.000 Kubikmeter Trümmerschutt lagen. Eine Lokomotive, der „feurige Elias“ zog den Trümmerschutt in Loren auf den Straßenbahnschinen hinter sich her, etwa in Richtung Flughafen, wo sich ein Schuttablageplatz befand.

Auberg erinnert sich an Hamsterfahrten bis nach Hannover, um Kartoffeln und Brot mit nach Hause zu bringen, ebenso, wie an den nächtlichen Kohlenklau am Speldorfer Bahnhof oder an die mildtätige Schulspeisung der Schweden, die seine hungrigen Klassenkammeraden und ihn zeitweise satt machte. Mit einem Onkel organisierte er in Oberhausen Material für den Wiederaufbau des Styrumer Elternhauses. Doch bis 1947 blieben sein Bruder Horst und er dort Kellerkinder.

Und so erinnert sich Walter Neuhoff an den 11. April 1945

Als Neunjähriger erlebte Walter Neuhoff den Einmarsch der Amerikaner in Mülheim. Am 9. April 1945 hatte er zum letzten Mal mit seinen Eltern den Bunker an der Freilichtbühne aufsuchen müssen. Einen Tag später beobachtete er von seinem Elternhaus an der Tersteegenstraße ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug.

Am Vormittag des 11. April 1945 sah er die ersten amerikanischen Soldaten. Am gleichen Tag hört er, dass drei amerikanische Soldaten bei einem Schusswechsel mit Männern des Volkssturm an der Kaiserstraße und am Dickwall getötet worden sind.

Am 12. April 1945 schoss sein Vater Wilhelm das Foto von den dort Halt machenden GIs.

Dieser Text erschien am 11. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 22. April 2015

Tina Bachmann: Die Frau mit dem Hockey-Gen

Hockey-Olympiasiegerin Tina Bachmann trainiert beim HTC Uhlenhorst eine Herren-Mannschaft aus der Bundesliga - als einzige Frau in Deutschland.

„Sie kenne ich doch vom HTC“, hört Tina Bachmann manchmal an ihrem Arbeitsplatz, der Hölterschule, wo sie als Grundschullehrerin unterrichtet. „Sie kenne ich doch aus der Schule“, hört sie manchmal, wenn sie am Uhlenhorstweg auf der Trainerbank sitzt.

Die 36-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung. Denn sie trainiert als einzige Frau eine Herren-Mannschaft aus der Hockey-Bundesliga. Und der mehrfache deutsche Meister und Europa-Pokalsieger HTC-Uhlenhorst ist ja nicht irgendeine Mannschaft.

Würde Bachmann keine Hockey,- sondern eine Fußballmannschaft trainieren, wäre es so, als ob eine ehemalige Nationalspielerin, wie Steffi Joenes, die Fußball-Herren des FC Bayern München oder von Borussia Dortmund trainieren würde.

Doch die ehemalige Hockey -Nationalspielerin Tina Bachmann, die zwischen 1998 und 2014 genau 214 Mal im Trikot der deutschen Hockey-Damen gespielt und mit ihnen zwei Europameisterschaften und eine olympische Goldmedaille gewonnen hat, ist als Bundesliga-Trainerin in ihrer Sportart Lichtjahre von der Medienpräsenz und dem Verdienst eines Fußball-Bundesligatrainers entfernt.

Das macht Bachmann weder traurig noch neidisch. Das Hockey-Gen hat sie von ihrem Vater Hans-Gerd Bachmann geerbt, der einst selbst in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft spielte und heute die Geschäfte der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft Medl führt. „Das ist gut so, wie es ist. Denn auch wenn Hockey meine große Leidenschaft ist, die für mich, wie Essen, Trinken und Atmen zum Leben dazu gehört, hat mein Beruf als Lehrerin für mich doch absolute Priorität“, betont sie.

„Ich arbeite einfach gerne mit Kindern, weil sie so offen und direkt sind und weil es Freude macht zu sehen, wie man ihnen helfen kann, sich weiterzuentwickeln“, erklärt Bachmann, warum sie ihren Beruf im Klassenzimmer nicht missen möchte.

Ist man mit Blick auf das sprichwörtliche Kind im Manne als Grundschullehrerin vielleicht eine Idealbesetzung als Trainerin einer Herren-Mannschaft? Bachmann schmunzelt und formuliert es so: „Auch als Trainerin muss man Pädagogin und Psychologin sein und dabei immer das richtige Maß an Menschlichkeit und Härte mitbringen.“

Dass sie nicht nur als Nationalspielerin, sondern auch als langjährige Bundesliga-Spielerin mit Stationen beim HTC Uhlenhorst, beim Hockeyclub Raffelberg, bei Eintracht Braunschweig und beim Hockeyclub im niederländischen Eindhoven so manche sportlichen Höhen und Tiefen erlebt hat, sieht die heutige Bundesligatrainerin als natürlichen Vorteil. „Ich weiß doch genau, wie die Spieler sich fühlen, wenn sie sich auf ein Topspiel vorbereiten oder auch bei strömendem Regen auf dem Platz stehen müssen“, sagt Bachmann.

Schon als Spielerin wollte sie „nie nur Mitläuferin sein, sondern eine Führungsposition übernehmen und so einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg leisten.“ Deshalb reizte sie auch die Herausforderung, als ihr HTC-Manager Horst Stralkowski im letzten Sommer das Angebot machte, die Nachfolge von André Henning anzutreten, der sein Traineramt bei den Uhlenhorster Hockey-Herren aus beruflichen Gründen aufgeben musste, obwohl er 2014 mit seinem Team die Deutsche Meisterschaft im Hallen-Hockey gewonnen hatte. „Schon beim ersten Gespräch mit dem Manager und dem Mannschaftsrat habe ich gemerkt, dass wir die gleichen Vorstellungen und Ziele haben. Deshalb wollte ich das unbedingt ausprobieren“, erinnert sich Bachmann. Und die gemeinsamen Ziele sind hoch 

Der 17-köpfige Kader des HTC-Uhlenhorst, der wöchentlich zwei bis drei Trainingseinheiten und ein Spiel absolviert, soll und will sich unter die Top-4 der Bundesliga spielen und perspektivisch auch einen deutschen Meistertitel gewinnen. Dass das realistisch ist, weil sich die Zusammenarbeit zwischen den Hockey-Herrn und ihrer Trainerin gut eingespielt hat, zeigt der jüngste Gewinn des Europa-Pokals im Hallen-Hockey. „So ein Erfolg gibt natürlich Selbstvertrauen und spornt an“, freut sich Bachmann. Deshalb kann sie über gelegentliche Nachfragen, wie: „Haben die Jungs auch Respekt vor dir und nehmen sie dich ernst?“, nur milde lächeln.

„Respekt ist keine Einbahnstraße. Den muss man sich immer erarbeiten“, sagt Bachmann. Und so gibt sie als Trainerin heute das an ihre Spieler weiter, was sie selbst als Spielerin erlebt und erfahren hat. „Man muss an sich arbeiten, damit das eigene Talent zum Tragen kommen kann. Dabei muss man auch Fehler wegstecken und sich immer wieder auf die nächste Aktion konzentrieren, weil ein Spiel immer bis zur letzten Minute noch gedreht werden kann.“

Dieser Text erschien am 11. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. April 2015

So gesehen: Wenn der Zeitgeist frösteln lässt

Wir haben noch ein Loch auf der Seite 1 und ich muss jetzt zur Winterreise.“ Mit dieser über den Schreibtisch geworfenen Bemerkung erwischte mich mein Kollege gestern einigermaßen kalt.

Eine Winterreise im Frühling? Und das, wo sich der Frühling jetzt endlich mal von seiner sonnigen Seite zeigt? „Was für ein Theater“, dachte ich bei mir und lag unwissend, aber instinktiv genau richtig. Denn der Kollege, ein echter Musenfreund, wollte kein Theater machen, sondern sich selbst welches anschauen. Vom Theater an der Ruhr war die Rede. So halbwissend zurückgelassen dachte ich sofort an den guten alten Franz Schubert und fragte mich: „Singen die jetzt auch am Raffelberg?“ Doch ein schneller Blick ins Theaterprogramm zeigte mir. Der Kollege begab sich nicht mit Franz Schubert, sondern mit Elfriede Jelinek, der Mülheimer Volxbühne und dem Kölner ATonalTheater auf eine Winterreise durch unseren Zeitgeist und seine symptomatischen Zeiterscheinungen, wie etwa marode Banken, die, wie eine pucklige Braut, für Investoren aufgehübscht werden.

Bei solchen Ansichten und Aussichten auf die Irrungen und Wirrungen unseres Zeitgeistes kann es einen tatsächlich auch im schönsten Frühling frösteln. Dagegen erscheint eine tatsächliche Winterreise, ob mit oder ohne Schubert, wie ein Frühlingserwachen.

Dieser Text erschien am 10. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 19. April 2015

Petra Stahringer: Eine Frau für jede Tonart

Dieser hohe Raum mit seinem knarrenden Parkettboden und seinen großen Fenstern, die den Blick ins Grüne eröffnen, inspiriert mich sehr. Hier kann man experimentieren und neue Ideen entwickeln“, sagt Petra Stahringer, während sie in ihrem Proben- und Arbeitsraum in der alten Backstein-Schule an der Kettwiger Straße sitzt. In der Mitte des Raumes steht ein Klavier, an seinem Rand ein Xylophon. Und vor dem Klavier stehen Stühle im Halbkreis. Wo früher Schüler unter dem Dirigat strenger Schulmeister singen mussten, treffen sich unter der Woche abends Menschen, die gemeinsam singen, weil es ihnen Freude macht.

Sie treffen sich nicht in einer privaten Musikschule, sondern in den Musischen Werkstätten des Evangelischen Krankenhauses, die Stahringer seit 25 Jahren leitet.

„Das ist genial, dass sich ein Krankenhaus Musik und Kultur leistet“, lobt die ausgebildete Musikerin ihren Arbeitgeber. Auch wenn sie weiß, „dass man Schmerzen nicht wegsingen kann“, erfährt sie bei ihrer musischen Arbeit im größten Mülheimer Medizinbetrieb jeden Tag aufs neue, „dass Musik und Gesang verbinden und Menschen eine positive Körperwahrnehmung verschaffen können“. Eine Patientin hat ihr einmal gesagt: „Wenn ich mit Ihnen singe, hat der Schmerz keinen Platz mehr.“

Die Kantorin des Evangelischen Krankenhauses, die am Samstagabend die Gottesdienste in der Krankenhaus-Kapelle musikalisch begleitet, arbeitet aber nicht nur mit Schmerzpatienten. Zusammen mit anderen Musikern gibt sie im Café Auszeit kleine Konzerte, die Krebs-Patienten und ihre Angehörigen mit Musik „aus ihrem belasteten Alltag herausholen“.

Auch Mitarbeiter des Krankenhauses oder musik- und gesangsinteressierte Mülheimer, die sich einfach irgendwann haben mitbringen lassen, springen gerne in Stahringers Singing Pool oder kommen dienstags zur Probe ihrer Chorgemeinschaft. Im Singing Pool singen Menschen aller Generationen gemeinsam aus reinem Spaß an der Freud. Sie kommen und gehen, wann es ihre Zeit erlaubt. Gesungen wird, was gefällt. Die Chorgemeinschaft singt mit gleicher Freude, aber auch mit dem festen Proben-Ziel, zum Beispiel regelmäßig an der musikalischen Gottesdienstgestaltung im Krankenhaus mitzuwirken. Zuletzt stand ein Gospelworkshop auf dem Programm, an dem auch ein Chor aus der Styrumer Kirchengemeinde St. Mariae Rosenkranz teilnahm.

„Ich war so müde, aber jetzt habe ich hier Energie getankt und fühle mich wieder frisch.“ Solche Sätze hört Stahringer nach dem Singing Pool oder nach der Chorprobe immer wieder. Das überrascht sie nicht. „Das Singen bringt uns in Schwung und macht unseren Körper zum Resonanzraum. Denn der Klang unserer Stimme, die ein echtes Schatzkästchen ist, wirkt harmonisierend und sortiert Atem und Puls. So kommen Körper und Seele wieder in die richtige Balance“, erklärt die Musikerin.

Schon während ihres Studiums hat sie sich auf Chorarbeit spezialisiert, weil sie schon damals gemerkt hat, „dass der Gesang Menschen verbinden und beflügeln kann.“

Gesang als gemeinschaftsstiftendes Instrument? „Schon unsere Vorfahren wussten das genau und auch heute kann man es im Alltag erleben“, sagt Stahringer. Sie denkt dabei nicht nur an Stammesgesänge, Volkslieder oder Nationalhymnen, sondern auch an die Gesänge der Fußballfans im Stadion. „Wer gemeinsam singt, wird süchtig danach, weil er in etwas Größeres hineingenommen und von der Gemeinschaft getragen wird“, beschreibt Stahringer die Kraftquelle des Gesangs.

Aber auch wenn Stahringer mit Musikerkollegen oder musikalischen Mitarbeitern die Treppenhäuser der Klinik und der Backsteinschule oder das Foyer der Augenklinik zum Kammermusiksaal macht, stellt sie immer wieder fest, „dass auch Patienten, die keine klassischen Konzertbesucher sind, vorbeikommen und bleiben.“ Und manchmal sind es sogar Schwerstkranke oder Sterbende, die durch die Musik, die sie durch die geöffnete Zimmertür vom Gang her oder auch beim Gottesdienst hören, plötzlich ganz ruhig und friedlich werden. „Dann merke ich, dass wir als Menschen eben nicht nur Körper, sondern auch Seele sind“, sagt Petra Stahringer.

Zur Person

Petra Stahringer (52) stammt aus Süddeutschland und hat an der Musikhochschule in Esslingen studiert. Schon als kleines Mädchen sang sie gerne mit ihrer Mutter. Mit 9 Jahren erhielt sie ihren ersten Gesangsunterricht. Und mit 14 führte sie in einem Kindergottesdienst ihr erstes Singspiel auf. Mit 15 trat sie einem Kammerchor bei. Nach ihrem Examen fand sie eine erste Stelle als Kantorin am Diakonissen-Krankenhaus in Karlsruhe, wo sie eine umfangreiche musikalische Arbeit leistete. Durch die Freundschaft mit ihrem späteren Ehemann Gijs Burger, mit dem sie heute zwei Kinder hat, kam Stahriinger nach Mülheim und wurde hier von Volkmar Spira als Kantorin für den Aufbau der Musikwerkstätten am Evangelischen Krankenhaus gewonnen.


Dieser Text erschien am 1. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 18. April 2015

Volkmar Spira: Ein Liebhaber des bühnenreifen Wortes

Wenn man sich mit Volkmar Spira unterhält und in seine lachenden und lebendigen Augen schaut, glaubt man nicht, dass er im März seinen 76. Geburtstag gefeiert hat. „Theater hält jung“, sagt der ehemalige Stiftungsdirektor des Evangelischen Krankenhauses. „Das gestaltete Wort macht mir Freude und gibt mir die innere Kraft immer wieder neue Ideen zu entwickeln. Und so lange ich die Kraft habe, mache ich weiter“, betont der Mann, der seit 2008 die Kleine Bühne des Backstein-Theaters leitet.

Für ihn, der schon als Schüler Gedichte lieber inszenieren wollte, statt sie nur aufzusagen, schließt sich mit der Leitung der kleinen Bühne, die kleine und oft zeitlose Texte von Heine, Tucholsky, Ringelnatz, Morgenstern, Goethe, Kästner, Roth und anderen Edelfedern groß herausbringt, ein Lebenskreis.

„Ich hatte immer schon ein Faible für das gestaltete, gespielte und mit Pointen gewürzte Wort“, betont Spira. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Zusammenarbeit „mit sehr wertvollen Menschen, die sich dort einbringen und in der Lage sind auch solistisch zu arbeiten“ glücklich macht.

Es sind rund 15 durch viel Lebenserfahrung gereifte Menschen, wie zum Beispiel der ehemalige Oberarzt Wolfgang Bruns, die Pädagogen Günter Johann und Monika Gruber oder der Pfarrer Justus Cohen, die seine Liebe zum Wort teilen und es verstehen, diese Worte durch Stimme, musikalische Untermalung, Tempo, Gestik, Mimik und gegebenenfalls auch durch pantomimische Einlagen lebendig werden zu lassen.

„Bei uns sollen Zuhörer und Zuschauer etwas erleben, was sie in keinem Buch nachlesen können. und was sie in ihrer Phantasie beflügelt einen schöpferischen Prozess mit nach Hause nehmen lässt“, erklärt Spira das Ziel seiner kleinen Bühne, die nicht nur im Studio 1 an der Schulstraße 10, sondern zum Beispiel auch in Altenheimen oder im Krankenhaus selbst ihr Publikum begeistert.

Dabei macht Spira deutlich, dass der Erfolg, den die Wort- und Rezitationskünstler der Kleinen Bühne seit sieben Jahren erleben, ohne die drei Damen (Petra Stahringer, Bärbel Bucke und Ulrike Dommer) aus der Musikwerkstatt des Evangelischen Krankenhauses nicht denkbar wäre, weil die musikalische Klammer, das gesprochene und dargestellte Wort aufwertet.

„Es war für mich ein emotional schwieriger Moment“, erinnert sich Spira an das Jahr 2008, als er die Leitung der Großen Bühne an seinen Nachfolger Michael Bohn abgab und die kleine Bühne aufzubauen begann. Und auch wenn er mit der Arbeit, die Bohn und sein Backstein-Theater-Ensemble leisten sehr zufrieden und glücklich ist, gibt er zu: „Ich habe auch heute manchmal ein emotionales Zucken, wenn ich bei den Aufführungen in der ersten Zuschauerreihe sitze und nicht mehr eingreifen kann, aber auch nicht mehr eingreifen muss.“

Doch im gleichen Atemzug macht Spira auch deutlich: „Es war für mich die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Hektik und den Stress, die mit einer großen Theaterproduktion verbunden sind, möchte ich heute nicht mehr haben.“

Stattdessen genießt der Mann, dessen Kind der Kulturbetrieb am Evangelischen Krankenhaus war, ist und bleiben wird, dass er heute keine organisatorischen Prozesse steuern, sondern sich ganz auf das Wort und seine Gestaltung konzentrieren kann. „Wir sind als kleine Bühne immer nur mit kleinem Gepäck unterwegs und spielen in einem intimen Rahmen“, freut sich Spira. Dabei sieht er die Aufgabe seines Ensembles, ebenso wie die seiner großen Backstein-Schwester und der musischen Werkstätten darin, Menschen im und außerhalb des Krankenhauses „Erbauung, Sinn und Freude“ zu vermitteln, die ihnen hilft, auch schicksalhaften Momenten mit Würde zu leben. „Denn Kultur“, davon ist Volkmar Spira zutiefst überzeugt: „bedeutet Menschenwürde und Teilhabe am Leben.“

Zitat: Kultur erbaut und erfreut. Sie ist Menschenwürde und Teilhabe am Leben. Volkmar Spira leitet die Kleine Bühne des Backsteintheaters


Zur Person:

Durch sein Elternhaus und sein Engagement in der evangelischen Jugendarbeit kam Volkmar Spira (Lieblingsfach Deutsch) zum Theater und absolvierte von 1961 bis 1963 eine nebenberufliche Ausbildung als Regisseur und Spielleiter für das Amateurtheater. Diese Ausbildung brachte er während der 60er Jahre bei der Jugendbühne der Mülheimer Spielvögel und dem VHS-Studio für darstellendes Spiel ein.

Seine hauptberufliche Laufbahn begann der Diplom-Verwaltungswirt im Presseamt der Stadt Mülheim. 1969 wechselte er mit dem damaligen Oberbürgermeister Heinz Hager in die Direktion des Ev. Krankenhauses. Als Leiter für Personal, Organisation und Datenverarbeitung war Spira dort Hagers rechte Hand.

Als aus dem Krankenhausdirektor Hager 1974 der Oberstadtdirektor Hager wurde, trat Spira dessen Nachfolge als Krankenhausdirektor an. Bis zu seiner Pensionierung 2002 stand Spira an der Spitze des Ev. Krankenhauses und gründete in dieser Funktion 1990 den 1995 von der Unesco ausgezeichneten Kulturbetrieb des Evangelischen Krankenhauses.

Der Kulturbetrieb sollte zum Botschafter des Krankenhauses werden, ein neues Wir-Gefühl im Krankenhaus schaffen und Schwellenängste abbauen.


Dieser Text erschien am 8. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung


Sonntag, 12. April 2015

Michael Bohn: Der Mann mit dem karierten Maiglöckchen

Erst ehrenamtlicher Schauspieler, dann hauptamtlicher Leiter: Michael Bohn erlebt beim Backstein-Theater am Evangelischen Krankenhaus in Mülheim sein Happy End.

Michael Bohn ist sehr entspannt. Kein Wunder. Der hauptamtliche Leiter des Backsteintheaters schaut auf eine erfolgreiche Premiere zurück. Der Auftakt zum Jubiläumsjahr ist gelungen. Seit 25 Jahren leistet sich das Evangelische Krankenhaus einen eignen Kulturbetrieb . „Das ist ein kariertes Maiglöckchen, das es so nicht noch einmal gibt“, sagt der Mann, der vor 25 Jahren als ehrenamtlicher Schauspieler zum Backsteintheater kam, das er seit 2008 hauptamtlich leitet.
Bohn ist Regisseur und Manager der Großen Bühne. Ob Inszenierung, Bühnenbild, Technik, Programmheft oder Pressearbeit. Bohn ist beim Backsteintheater als Mann für alle Fälle gefordert. „Bei uns stehen nicht nur 30 Leute auf der Bühne, sondern auch 30 Leute hinter der Bühne, die im Bereich Maske, Technik und Produktionsassistenz mitarbeiten.“ Sie arbeiten ehrenamtlich und er organisiert den gesamten Theaterbetrieb, zu dem seit 2012 auch eine Junge Bühne mit theaterbegeisterten Schülern gehört, als hauptamtlicher Koordinator.

„Ich bin kein Regisseur, der bei den Proben auf einem Klappstuhl sitzt und den Schauspielern sagt, was sie zu machen haben. Ich gehe auch mit auf die Bühne und wir probieren gemeinsam verschiedene Dinge aus“, beschreibt er seinen Arbeitsstil. Das überrascht nicht. Denn er stand als Schauspieler fast 20 Jahre selbst auf der Bühne des Backsteintheaters. „Meine Lieblingsrolle war die als Diener zweier Herren, weil die so lebhaft ist und viel Lebensfreude ausstrahlt“, erinnert sich Bohn an die Produktion aus dem Jahr 1993.

Weil er selbst lange auf der Bühne stand und weiß, was es bedeutet, Text zu lernen und sich die Seele aus dem Leib zu spielen, weiß er auch, was es braucht, eine gleichermaßen ehrenamtliche und professionelle Schauspielertruppe zusammenzuhalten. „Wertschätzung“ ist für ihn das Schlüsselwort. „Das sind alles wilde Hengste und Fohlen, die sehr viel Zeit, Energie und Kreativität in ihre Arbeit einbringen“, weiß Bohn. Warum tun sie das? Warum investieren Ärzte, Juristen, Studenten, Pfarrer, Orthopädiemechanikerinnen oder Personaltrainer für jede Spielminute auf der Bühne 100 Proben-Minuten?“ Das hat in Bohns Augen nicht nur mit dem Gefühl von Wertschätzung und der Tatsache zu tun, „dass nichts mehr verbindet als der Erfolg“, sondern auch mit der Erfahrung, „dass man sich in einem solchen Ensemble sehr nah ist und sich gegenseitig trägt und damit selbst getragen wird.“

Das sei, so glaubt der Theatermann aus dem Evangelischen Krankenhaus, heute eine seltene und deshalb besonders wertvolle Erfahrung in „einer Wohlstandsgesellschaft, in der sich viele Menschen eher abschotten und als Einzelkämpfer unterwegs sind, weil sie Angst vor Nähe und dem Verlust ihres Wohlstandes haben.“

Dass sich „erbauliches Theater“ am und im Krankenhaus auszahlt, sieht Bohn daran, dass das mit Stiftungsmitteln finanzierte Backstein-Theater dem Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen enormen Image-Gewinn und sogar eine Auszeichnung durch die Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen (Unesco) eingebracht hat.
Er sieht es auch daran, dass sehr viele Zuschauer, die das eintrittsfreie Theater im Evangelischen Krankenhaus genießen, den Fortbestand der Bühne mit zum Teil großzügigen Spenden absichern und so gleichzeitig Menschen einen Theaterbesuch ermöglichen, die sich kein reguläres Theaterticket leisten könnten, zumal, wenn sie mit ihrer ganzen Familie einen Theaterabend erleben möchten.

„Das Backstein Theater hat soziales und kulturelles Leben ins Krankenhaus gebracht. Es ist inzwischen nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in der Bürgerschaft fest verankert“, sagt Bohn im Blick auf 25 Jahre Backsteintheater. Dafür sprechen auch die Kooperationen, die inzwischen eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturbetrieb und den Mülheimer Schulen haben entstehen lassen. „Auf der Bühne“, davon ist Bohn überzeugt, „lernen Jugendliche fürs Leben, weil sie dort lernen, sich selbstbewusst, authentisch und klar auszudrücken und zu bewegen.“

Michael Bohn wurde 1957 in Ost-Berlin geboren. Er kam aber schon im Jahr des Mauerbaus (1961) mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern nach Westdeutschland, wo ihn sein Weg nach dem Abitur ins Ruhrgebiet führte. Eigentlich wollte er schon nach der Schule Schauspieler werden, traute sich diesen Weg dann aber doch nicht zu und studierte stattdessen Politikwissenschaften und Sozialarbeit ab der Universität Duisburg-Essen. Gleichzeitig nahm er an einem Schauspielkurs der Volkshochschule Essen teil. 1990 kam er durch eine Bekannte als ehrenamtlicher Schauspieler zum Mülheimer Backsteintheater und fand 1992 als Direktionsreferent am Evangelischen Krankenhaus nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern mit der Öffentlichkeitsreferentin Regina Bollinger auch die Frau fürs Leben.

Dieser Text erschien am 27. März in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. April 2015

Auch Shakespeare hätte gelacht: Das Artelier Rudziok feierte mit einer neuen Premiere sein zehnjähriges Bestehen

Wir haben es immer schon geahnt. Das Wort Theater kommt nicht von ungefähr. Martina Rudzioks Komödie „Viel Lärm um überhaupt nichts“, die am Samstag im Artelier Rudziok am Heelweg Premiere feierte, hat uns davon überzeugt und begeisterte 25 Zuschauer im kleinen Zimmertheater, das mit seiner 9. Produktion in sein 10. Jahr geht.

Eigentlich erinnerte nur der Titel des Stücks an den Shakespeare-Klassiker. Vielleicht schaute das von Armin Rudziok gemalte Shakespeare-Portrait ja auch deshalb so grimmig von der Bühnenwand. Doch wahrscheinlich hätte Shakespeare selbst seinen Spaß daran gehabt, wäre er an diesem kurzweiligen Abend unter den Zuschauern gewesen. „Das ist mal was anderes, als zu Hause vor dem Fernsehen zu sitzen“, freute sich Theatergängerin Patricia Paulus. Denn Martina Rudziok (alias Bella Donna), ihr Mann Armin (in der Rolle des überheblichen und misanthropischen Regisseurs) Anica Isermann (als Helena), Patrick Palamidas (als Lorenzo) und Sandra Westermann als Frau Müller, „die putzt, wie ein Knüller“, hielten der Schauspielzunft den Spiegel vor. Mit pointenreichem Wortwitz brachten sie ein Fegefeuer der Eitelkeiten auf die kleine Bühne. Da wurden „brüllend komisch“, wie Zuschauerin Sarah Brock in der Pause sagte, die Komplexe und Allüren der Kulturschaffenden auf die Schüppe genommen.

Herrlich blasiert und süffisant spielte Armin Rudziok den Regisseur, der sich für gottgleich hält und dem hautnah am Bühnengeschehen sitzenden Publikum gleich zu Beginn der Aufführung verriet: „Ich hasse Schauspieler! Sie auch?“ Nicht hassen, sondern lieben musste man Martina Rudziok, Anica Isermann und Patrick Palamidas, wie sie sich gegenseitig die Pointen und Gehässigkeiten zuspielten.

„Könnten Sie mal versuchen, nicht dick zu sein? Denn die Gefahr, dass man Sie für die schöne Helena hält, besteht bei Ihnen ja wohl nicht“, giftete Bella Donna gegen die pummelige Helena. Die ließ sich vor der ersten Probe lieber von ihrem Buch „Torten von A bis Z“ inspirieren, statt ihren Text zu lernen. „Könnten Sie mal versuchen, kein Miststück zu sein“, gab die junge Schauspielerin der schnippischen Diva zurück und überzeugte den selbstverliebten Regisseur mit ihrer Erkenntnis: „Der Regisseur hat immer Recht.“

Ihren Ex-Geliebten, den selbstbewussten Lorenzo: „Ich erwarte hier keine Konkurrenz!“ fertigte Bella Donna mit der Feststellung ab: „Wie schön, dass du deinen Humor nicht verloren hast, wenn dir schon dein Talent abhanden gekommen ist.“ Das brachte den Mann aber nicht aus dem Konzept: „Kennt man eine Miss Theatralika, kennt man alle. Du gehörst doch zu den Schauspielerinnen, die ihre besten Zeiten schon lange hinter sich gelassen haben,“ konterte er ihre Bosheit.

Kein Wunder, dass der Regisseur immer wieder beteuerte: „So kann ich nicht arbeiten. Ich sehe hier keine Tiefe, sondern nur Abgründe.“ Doch die offenbarte der größenwahnsinnige Meister selbst, wenn er die Handlung kurzerhand von einer Kirche in die Sparkasse verlegte, „weil wir heute sowieso nur noch den Mammon anbeten“ oder ankündigte: „Wir werden das Stück nackt spielen, weil wir nichts zu verstecken haben und so absolute Transparenz herstellen.“

Da wunderte auch nicht mehr, dass er auf die Idee verfiel, Frau Müller mit der weiblichen Hauptrolle zu betrauen. Müller, die nicht nur putzt wie ein Knüller sondern auch weiß: „Das kann man doch so nicht machen. Ihr Schauspieler habt wirklich alle einen an der Klingel.“ Denn sie hatte so schön aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zitiert. Dass das ein ganz anderes Stück ist, spielte für ihn keine Rolle, „denn hier entsteht schließlich Hochkultur.“ Der Rest war Lachen.


Komödie geht immer:Ein Rückblick auf zehn Jahre Artelier Rudziok


Warum gründet man ein Theater? „Ganz einfach. Ich wollte immer schon mal Regie führen“, sagt die Theaterwissenschaftlerin und Germanistin Martina Rudziok. Weil sie das in ihrem Beruf als PR- und Marketing-Fachfrau nur bedingt kann, eröffnete sie mit ihrem Ehemann Armin vor zehn Jahren im eigenen Haus am Heelweg in Winkhausen ein Zimmertheater, das gerne auch als Kunstgalerie genutzt wird.

Denn nicht nur Martina,- sondern auch ihr Mann Armin Rudziok, der hauptberuflich als Finanzbeamter arbeitet, ist ein kreativer Kopf. Er malt und schreibt, auch gerne mal Kurzgeschichten, bei denen man sich gruseln kann.

Ganz ohne Subventionen und mit viel Idealismus haben die Rudzioks einen kleinen Kulturbetrieb aufgezogen, der drei- bis fünfmal pro Monat mit Theateraufführungen, Ausstellungen und Lesungen von sich reden macht.

„Die Welt ist schon tragisch genug. Deshalb wollen wir unseren Gästen eine unterhaltsame Auszeit vom Alltag gönnen“, erklärt Martina Rudziok, warum sie seit zehn Jahren konsequent auf die Komödie setzt, „in der man auch ernste Themen sehr gut ansprechen kann.“

Das Konzept der Theatermacher und Kulturschaffenden, die ihre Stücke selbst schreiben und bei ihren Inszenierungen mit professionellen und semi-professionellen Schauspielern arbeiten, kommt beim Publikum an.

„Anfangs haben wir auch schon mal nur für vier Zuschauer gespielt. Später hatten wir im Durchschnitt zwölf Zuschauer pro Vorstellung. Und heute sind aufgrund positiver Mundpropaganda und auch aufgrund des lokalen Presseechos in der Regel 22 unserer insgesamt 25 Theaterplätze besetzt“, beschreibt Martina Rudziok die Entwicklung.

Inzwischen hat Rudziok bereits sieben und ihr Mann Armin zwei Komödien, deren Handlung immer aus dem echten Leben kommt, geschrieben und auf ihre kleine Bühne gebracht. „Wir schreiben unsere Stücke auch deshalb selbst, um Tantiemen zu sparen und stattdessen unseren Schauspielern zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung zahlen zu können“, betont die Autorin und Regisseurin.


Dieser Text erschien am 23. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 10. April 2015

Zwei Kirchtürme - Eine Botschaft: Ökumene auf dem Kirchenhügel

Der Kirchenhügel ist der historische Kern Mülheims. Hier wurde im 13. Jahrhundert die Petrikirche und Ende der 1920er Jahre die heutige Marienkirche erbaut. Die beiden Gotteshäuser, die auch für nicht kirchlich gebundene Mülheimer Wahrzeichen ihrer Stadt sind, stehen nah bei einander.

Diese Nähe ist heute auf dem Kirchenhügel ökumenischer Alltag. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit musste allerdings über Jahrhunderte hinweg errungen werden. Nachdem die Petrikirche Mitte des 16. Jahrhunderts evangelisch geworden war, gab es über 200 Jahre kein katholisches Leben auf dem Kirchenhügel. Und auch danach blieb Ökumene für viele ein Fremdwort.

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das Pfarrer Michael Janßen von St. Mariae Geburt, auch als „ökumenisches Konzil“ bezeichnet, setzte sich der Gedanke der gleichberechtigten und vorurteilsfreien Koexistenz der beiden großen christlichen Kirchen durch. Auch überkonfessionelle Ehen wurden damit selbstverständlich. Inzwischen hat der soziale und demografische Wandel die Ökumene beschleunigt. Heute gehören nur noch rund 104?000 der insgesamt 166?000 Mülheimer der evangelischen oder katholischen Kirche an.

Wie berichtet, verließen in Mülheim alleine im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Angesichts der damit verbundenen Strukturprobleme regte der neue Katholikenratsvorsitzende Rolf Völker beim Stadtkatholikenempfang im Januar eine verstärkte ökumenische Zusammenarbeit, etwa in Form einer gemeinsamen Ladenkirche, eines ökumenischen Kirchentages und eines ökumenischen Neujahrsempfanges, an.

Wie ökumenische Zusammenarbeit in der Praxis funktionieren kann, lässt sich auf dem Kirchenhügel studieren. So wird dort nicht nur ein gemeinsames Osterfeuer entzündet, sondern auch ein gemeinsames Gemeindefest gefeiert, das katholische und evangelische Gemeindemitglieder ebenso selbstverständlich zusammenbringt, wie die gemeinsame Bibelarbeit in einem ökumenischen Gesprächskreis oder gemeinsame Fahrten, die katholische und evangelische Christen zum Beispiel Rom, den Altenberger Dom oder das Kloster Stiepel in Bochum entdecken ließen.

Auch in der Krankenhausseelsorge wird eng zusammengearbeitet und nicht nach der Konfession von Patienten gefragt. Die Konfession spielt auch in Chören und Singschulen keine Rolle.

Ebenso arbeiten Katholiken und Protestanten im örtlichen Netzwerk der Generationen oder in der Hospizbewegung selbstverständlich zusammen oder beziehen gemeinsam Stellung, wenn es etwa um den Schutz des Sonntags oder den Umgang mit Flüchtlingen geht.

„Unsere ökumenische Zusammenarbeit entspricht der Wirklichkeit, die in den Familien bereits seit langem gelebt wird“, sind sich der katholische Pfarrer Janßen und seine Amtsschwester aus der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde, Karla Unterhansberg, einig. Für beide Pfarrer geht es darum, dass die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinden „nah bei den Menschen sind und gemeinsame christliche Werte, wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit vermitteln können.“

Konkrete Nächstenliebe in Form von Rat und Hilfe für den Familienalltag leistet auch das ökumenische Familienzentrum auf dem Kirchenhügel, zu dem sich die katholische Kindertagesstätte Lummerland und die evangelische Kindertagesstätte am Muhrenkamp bereits 2007 zusammengetan haben und damit in Nordrhein-Westfalen zu den ökumenischen Vorreitern gehörten. Und auch dann, wenn das ökumenische Familienzentrum mit seinem Beratungs- und Informationsangebot nicht mehr weiterhelfen kann und deshalb an die Caritas oder Diakonie verweisen muss, gibt es eine ökumenische Abstimmung, darüber, wer was macht und keine Konkurrenz.


Dieser Text erschien am 4. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 8. April 2015

Was lässt Pfarrer an die Auferstehung glauben: Eine kleine Osterumfrage

Michael Manz war 20 Jahre Pfarrer an der Friedenskirche in Heißen, ehe er nach ihrer Aufgabe 2014 als Pfarrer an die Immanuelkirche der Evangelischen Kirchengemeinde Styrum wechselte.

Wie werden die Angehörigen der 149 Opfer und die Angehörigen des Täters Ostern erleben?
Die Botschaft der Auferstehung …
Des Sieges über den Tod …
Neues Leben …

Ein Theologe fragt:
„Warum fallen wir? Damit wir lernen, wieder aufzustehen.“

Wer liegen bleibt, der kann nicht auferstehen.

Ich kann und will nicht glauben, dass Menschen, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden, liegen bleiben …
Sie werden auferstehen.
Ich habe eine Phantasie, ich mache mir ein Bild…

Ich sehe – auch – diese Menschen, wie sie an den Rändern liegen, den Einen durchlassen, ihn sehen, ihn hören, sich von ihm beim Aufstehen eine Hand, den Arm reichen lassen und sich aufrichten lassen, aufstehen …
Und wie sie erst zaghaft und leise, mit brüchiger Stimme, dann aber in immer deutlicher werdenden Tönen zu singen beginnen:
„Hosianna! … Halleluja!“

Und ich weiß, dass der, der da besungen und gepriesen wird, den Einen nicht liegen lassen wird …
Auch wenn es manch Andere zunächst verstummen lassen wird …

Ich wünsche mir, dass dieses mein Bild kein Bild, keine unnütze Phantasie bleiben möge …

Denn Auferstehung  von den Toten bedeutet, dass unser Leben Bedeutung hat – wie auch immer es war, wie auch immer es zu Ende gegangen ist.

Oder um es mit Worten aus dem Vorspann von “Raumschiff Enterprise” zu sagen:
“Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Wir werden in einem Zustand, einer Atmosphäre sein, die nie zuvor ein Mensch gesehen oder erlebt hat.


Bettina Roth ist Pfarrerin in der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim und Mitglied der rheinischen Landeskirchenleitung

Für die Bibel ist die Auferstehung Jesu eine Tatsache: Alle vier Evangelien erzählen, dass Jesus auferstanden und seinen Jüngern begegnet ist. Damit ist die Auferstehung das am besten bezeugte Ereignis im Neuen Testament. Daran kann ich gut anknüpfen. Wie die Auferstehung  Jesu genau geschehen ist, bleibt jedoch offen. Für mich ist das kein Hindernis für österliche Hoffnung. Denn entscheidend ist dies: Durch die Auferstehung Jesu wissen wir: Gott hat selbst den Tod überwunden, und schenkt neues Leben. Das feiern wir an Ostern. Daran glaube ich. Und vertraue darauf, dass Gott das durch Christus auch an uns tut – und tun wird: Uns halten, tragen, retten.  Das ist eine große und wunderbare Hoffnung! Sie tröstet, und richtet Menschen auf. Und kommt uns nahe, indem wir einfach Ostern feiern: Im Gottesdienst mit der Gemeinde. Wenn die Osterkerze leuchtet, das Osterevangelium gelesen wird und die fröhlichen Osterlieder erklingen ist da, was wir uns an diesem Tag gegenseitig wünschen: Frohe Ostern!  Probieren Sie es aus. Sie sind herzlich willkommen!

Katrin Schirmer ist Pfarrerin an der Lutherkirche und zuständig für den Speldorfer Gemeindebezirk Mitte

An die Auferstehung glauben heißt für mich zu begreifen, dass der Tod ist ein Teil des Lebens ist, ein Durchgang zu einer neuen Existenz.
Der Tod ist das Ende meiner menschlichen Gestalt, aber nicht das Ende meiner Geschichte mit Gott. Gott schenkt uns neues Leben.

Mir gibt der Glaube Kraft und Halt im Leben. Es tröstet mich zu wissen, woher ich komme und wohin ich gehe.
Mit Vernunft erklären oder beweisen kann man die Auferstehung nicht. Das ging früher nicht und das geht auch nicht heute.
Ich kann nur erzählen und sagen: Mir hilft mein Glaube – und er verbindet mich mit vielen anderen Menschen auf der Welt.
Es gibt einfach mehr, als wir Menschen mit unserem Verstand fassen können.


Dagmar Tietsch-Lipski arbeitet als evangelische Pfarrerin an der Johanniskirche in der Lukas-Kirchengemeinde und ist als Mitglied im Kreissynodalvorstand Stellvertreterin des Superintendenten

Die Ostergeschichten der Bibel erzählen uns kein Märchen von einem Scheintoten. Jesus kehrt nicht einfach in sein irdisches Leben zurück. Der Tod ist eine absolute Grenze, die niemand rückwärts überschreiten kann.
Auferstehung heißt für mich:  Jesus ist hineingenommen worden in Gottes ewiges Leben. Das ist kein geschichtliches Datum, sondern ein überzeitliches Ereignis. Darum kann man darüber auch keinen Dokumentarfilm drehen. Auch das Neue Testament schweigt darüber, wie das denn passiert ist. Wohl aber wird uns dort berichtet, was die Jünger(innen) mit dem Auferstandenen erleben. Es sind sehr unterschiedliche Berichte, die sich allerdings in einem Punkt einig sind: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus ist dem möglich, der für das Überraschende und Neue offen ist.
Vielleicht ist es gerade das, was die Ostergeschichten der Bibel so glaubwürdig macht: Dass da eben nicht so getan wird, als ob alles ganz glatt und problemlos verlaufen wäre. Sondern dass da auch – ganz modern - von Zweifeln die Rede ist, von Skepsis, von Unglauben.
Ostern ist für mich mehr als der Blick auf das leere Grab: Der Weg, unser Weg führt über den Ostermorgen hinaus, weiter durch die Osterzeit und auch darüber hinaus. Es gilt, den Spuren des Lebens zu folgen und damit das Bekenntnis und den Sinn zu entdecken, den die Ostergeschichten der Bibel in ihrer Vielfalt immer wieder neu vermitteln können. Es geht darum, Vergangenes verabschieden und Neues wagen.

Wolfgang Sickinger ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Heißen

Weil Jesus Christen von den Toten auferweckt wurde, glaube ich auch persönlich an die Auferstehung von den Toten. Das Neue Testament berichtet überzeugend von der Auferweckung Jesu. Dem Glaubenden erweist sich Christus als der lebendige Herr, auf dessen Gegenwart Christen auch im 21. Jahrhundert vertrauen. 

Zeitgemäß vermitteln lässt sich dieser Glaube am besten durch eine verständliche Verkündigung der biblischen Botschaft. Wer mit wissenschaftlichen Fragestellungen über die Möglichkeit eines solchen Wunders nachdenken möchte, könnte grundlegende Einsichten der Quantenphysik zur Kenntnis nehmen. Danach fällt es Christen nicht schwer, der Kraft Gottes ein solches Handeln zuzutrauen.

Manfred von Schwartzenberg ist Ehrenstadtdechant und Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbra 

Mein Glaube an die Auferstehung hängt ganz eng mit meinem Gottesbild zusammen.
Innerlich lehne ich es ab, mir Gott, Himmel und ewiges Leben konkretvorzustellen.
Das wären für mich aufgeblasene eigene (anerzogene und angelesene) Phantasien bzw. Wunschvorstellungen.

Meine positive Grundhaltung zu Gott beziehe ich vom Menschen Jesus, so wie er von sich und Gott spricht bzw. wie ihn das neue Testament präsentiert. Dabei ist für mich das Beeindruckenste die Liebe, die er gepredigt
und gelebt hat. D.h. ich brauch mich nicht mit einem "Gott in den Höhen" gedanklich herumzuquälen.
"Wer mich sieht, sieht den Vater", hat er mal gesagt. Die Genialität der christlichen Botschaft ist es, die Menschheit
aus der Angst vor Göttern und Strafgerichten befreit zu haben und mit Jesus Christus einen "Gott auf Augenhöhe" zu verkünden. Der für mich schönste Satz: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. " (Joh 3,16)

Zeitgemäß vermitteln kann ich diesen Glauben nicht durch Märchen. Ich kann Bilder benutzen, wie Jesus das auch getan hat
und dazu erklären wie er das gemeint hat, wenn er z.B. von den Wohnungen spricht und von sich als Weg, Wahrheit und Leben.
Und ich kann auch immer nur von meinem persönlichen Glauben sprechen. Unbedingt ist der Eindruck zu vermeiden, man habe
die Wahrheit gepachtet und wisse mehr als andere. Mir hilft allerdings die Gemeinschaft der Gläubigen und die Feier des Glaubens sehr.
Und ich sage den Leuten auch oft, warum ich Priester geworden bin. Nicht, weil ich etwas weiß, sondern weil ich von dem Gedanken
der Liebe fasziniert bin. Alles weitere überlasse ich dem Heiligen Geist.


Ein Text zu diesem Thema erschien am 4. April 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung



Montag, 6. April 2015

So gesehen: Als der Osterhase vernascht wurde


Ostern. Das weckt bei mir immer wieder dieselbe Erinnerung. Ein Knirps von vier oder fünf Jahren stapft mit seiner Mutter, seinen beiden großen Schwestern und seiner Tante durch den Witthausbusch. Er sucht den Osterhausen. Scheu und aus Schokolade soll er sein, bekleidet mit einem dünnen Goldpapier und einem roten Band mit Glöckchen um den Hals.
Der Knirps nimmt die Witterung auf. Schon hört er es im Gebüsch knistern und klingeln. Doch siehe da. Auch ein Eichhörnchen hat den Osterhasen gesucht und offensichtlich schneller gefunden. Das Eichhörnchen macht mit dem Osterhasen kurzen Prozess. Es reißt Meister Lampe das Goldkleid vom Leib und vernascht ihn an Ort und Stelle.
Der kleine Knirps staunt darüber, wie schnell man als Osterhase den Kopf verlieren kann, wenn man nicht auf der Hut ist. „Für einmal darf es das“, meint er und gibt sich dem Eichhörnchen geschlagen. Erst später begreift er: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, nicht nur zur Osterzeit!
Dieser Text erschien am 4. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 5. April 2015

Denk ich an Bismarck

Was haben Roberto Ciulli und Otto von Bismarck gemeinsam? Sie haben heute Geburtstag. Der Theatermann vom Raffelberg wird heute 81. Der erste Reichskanzler würde heute 200, wenn er nicht schon 1898 das Zeitliche gesegnet hätte.
Ciulli, der mit dem 1981 gegründeten Theater an der Ruhr Mülheims Namen in alle Welt getragen hat, steht für die große Schauspielkunst, die die Zeitläufte in den Blick nimmt und auf die Bühne bringt. Bismarck steht für die Staatskunst, die die Zeitläufte bestimmt hat.
Nicht nur Mülheim trug Bismarck zu seinem 80. Geburtstag 1895 die Ehrenbürgerschaft an und setzte ihm posthum mit dem 1909 am Kahlenberg errichteten Bismarckturm ein Denkmal.


Auch wenn Bismarck als Kanzler von Kriegen, Kulturkampf und Sozialistengesetzen schon zu Lebzeiten umstritten war, wurde er doch als Kanzler der ersten deutschen Einheit von 1871 von vielen Deutschen seiner Zeit verehrt, vor allem, nachdem er 1890 das Kanzleramt verlassen hatte.  Wo seit 1998 der Künstler Jochen Leyendecker arbeitet und ausstellt, genossen schon die alten Mölmschen schöne Aussichten. Immer wieder stand der Bismarckturm im Mittelpunkt politischer Kundgebungen. Hier feierte etwa die Hitler-Jugend ihre Sonnenwendfeiern. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die britische Militärregierung den Bismarckturm als Funkturm. Obwohl es in den 50er Jahren Pläne gab, den Turm abzureißen, blieb er erhalten und wurde Ende der 70er Jahre generalüberholt.


Dieser Text erschien am 1. April in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 3. April 2015

Neue Leitung im stationären Hospiz: Die Arbeit soll auf mehrere Schultern verteilt werden

Das stationäre Hospiz an der Friedrichstraße hat mit Ute Borghorst seit 14 Tagen eine neue Leiterin. Wie der Geschäftsführer des Hospizes, Ulrich Schreyer, bestätigt, will man die Arbeitsbelastung im Hospiz, in dem sich 15 hauptamtliche und 40 ehrenamtliche Mitarbeiter um bis zu zehn Schwerstkranke und sterbende Menschen kümmern, auf mehr Schultern verteilen. Ute Borghorst wird sich auf die organisatorischen Leitungsaufgaben und die bisherige Leiterin Marie-Luise Gerling-Kleine-König auf ihre Aufgaben in der Pflegedienstleitung des im November 2012 eröffneten Hauses konzentrieren.

Die gelernte Krankenschwester und Diplom-Pflegewirtin Ute Borghorst arbeitet seit 2003 in der Pflegedienstleitung des Evangelischen Krankenhauses und hat 2013 eine Zusatzqualifikation in der Palliativpflege erworben.

Ihre Leitungsaufgaben sieht Borghorst unter anderem darin, die Kommunikation mit der Öffentlichkeit und externen Dienstleistern sicherzustellen und gleichzeitig intern etwa die Zimmerbelegung und das Qualitätsmanagement so zu steuern, dass „das gesamte Hospizteam, möglichst frei von Reibungsverlusten, seiner wertvollen Aufgabe in der Fürsorge für die Gäste nachgehen kann“.
Grundsätzlich sieht sie das stationäre Hospiz, in dem seit seiner Eröffnung 492 Menschen begleitet worden sind, vor der Herausforderung, dass die Nachfrage das Angebot an stationären Hospizplätzen bei weitem übersteigt.

„Jeden Tag“, so berichtet Borghorst, „erreichen uns neue Anfragen, auch aus Regionen weit über die Grenzen von Mülheim hinaus.“ Und sie fügt hinzu: „Natürlich nehmen wir unter Einhaltung der
Regeln von Respekt und Wertschätzung so viele der Menschen wie möglich auf, um ihnen zu helfen.“

Borghorst weist darauf hin, dass das Hospiz zehn Prozent seiner Betriebskosten über Spenden finanzieren muss und deshalb auch weiterhin auf finanzielle Unterstützung aus der Bürgerschaft angewiesen sein wird. Die Voraussetzungen dafür sind in ihren Augen günstig, „weil das Hospiz in Mülheim sehr gut verankert ist und die Öffentlichkeit unserem Empfinden nach den Umstand, ein stationäres Hospiz zu haben, sehr positiv bewertet.“

Was reizt Borghorst an ihrer neuen Aufgabe? Dazu sagt sie: „Die Aufgabe im Hospiz zeichnet sich durch eine viel stärkere Intensität bei der Erfüllung von Bedürfnissen und der Beantwortung existenzieller Fragen der Gäste, der Angehörigen sowie der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter aus. Es ergeben sich dadurch sehr viele, sehr intensive Momente, die der Krankenhausalltag in der Rolle einer Pflegedienstleitung nicht vorsieht und für die Momente bin ich wieder sehr dankbar.“

Und wo vor hat sie den meisten Respekt, wenn sie an ihre neue Aufgabe denkt? Borghorst formuliert es so: „Respekt habe ich vor jeder Begegnung mit schwerst- und todkranken Menschen, denn wir haben eine hohe Verantwortung den Menschen gegenüber. Besonders ausgeprägt empfinde ich es noch einmal darüber hinaus gehend bei einem Gast in jungem Alter, der in unserem Haus seinen letzten Lebensraum bezieht.“

Dieser Text erschien am 1. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung