Samstag, 30. Mai 2015

Erst in den Tunnel, dann aufs Feld: Erdbeerernte in Dümpten

Andreas Bolten reicht seiner Frau Christiane Bolten-In der Beeck eine frisch gepflückte Erdbeere. Sie schmeckt süß. Bisher kamen die Erbeeren noch nicht vom freien Feld, sondern aus zwei sogenannten Erdbeertunneln. Die gut 100 Meter langen und zehn Meter breiten Tunnel, die in 1000 Arbeitsstunden mit einem Stahlgerüst und durchsichtigen Plastikfolien errichtet worden sind, erinnern an riesige Gewächshäuser. Sie beschirmen lange und wiederum in Folien warm gehaltene und mit kilometerlangen Schläuchen bewässerte Erddämme, in denen auf jedem laufenden Meter acht Erdbeerpflanzen sprießen. „So können wir schon seit gut 14 Tagen Erdbeeren verkaufen, obwohl man die Erdbeeren auf dem freien Feld erst ab heute ernten kann“, erklärt Bolten.

Ob aus dem „Tunnel“ oder auf dem freien Feld: Gepflückt werden die Erdbeeren von Justina und ihren derzeit fünf Kolleginnen. Sie alle sind Hausfrauen oder Schülerinnen und kommen aus Ostrów Mazowiecka im Osten Polens, 90 Kilometer östlich von Warschau entfernt. Dort hat die 37-jährige Justina ihren Ehemann und eine 16-jährige Tochter zurückgelassen, um im Mai und Juni bei der Erdbeerernte auf dem Dümptener Bauernhof an der Bonnemannstraße zu helfen.

Sie könnte das auch in ihrer Heimat tun. Doch dann würde sie nicht 8,50 Euro, sondern höchstens vier oder fünf Euro pro Stunde verdienen. Auch wenn sie in den ersten Tagen zeitweise Rückenschmerzen bekam, weil es in der Natur der Sache liegt, dass man Erdbeeren nur hockend oder kniend und vor allem nur mit viel Vorsicht und Fingerspitzengefühl pflücken kann, macht Justina einen zufriedenen Eindruck. „Hier ist es schön und friedlich. Und die Leute sind gut“, sagt sie über ihren ersten Ernteeinsatz in Deutschland. Besonders glücklich ist sie darüber, dass sie während ihrer Zeit in Dümpten in einer Unterkunft wohnen kann, die sie fast an ein Hotel erinnert.

Das Mitarbeiter-Quartier auf dem Hof ließen Bolten und In der Beeck vor zwei Jahren errichten, ihr bestehendes Mitarbeiterhaus war zu klein geworden. Es gibt eine kleine Küche, in der sich die Erntehelferinnen selbst versorgen können, Duschen, Toiletten sowie einen Raum mit Waschmaschine. Die Zimmer, jeweils ausgestattet mit Bett, Tisch, Stuhl, Sessel, Schrank und Fernsehgerät sind knapp 15 Quadratmeter groß.

„Mobile Wohncontainer kamen für uns nicht in Frage. Denn wir haben uns gefragt: Was würden wir von unseren Arbeitgebern erwarten, wenn wir als Erntehelfer in einem anderen Land arbeiten würden“, erklärt das Landwirtsehepaar aus dem Mülheimer Norden seine Motivation zur Bauinvestition.

Auch mit dem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde haben Bolten und In der Beeck kein finanzielles Problem: „Bei uns gilt: Guter Lohn für gute Arbeit“, betonen sie. Wie in den Vorjahren setzen die Dümptener Landwirte auch in dieser Erbeer- und Himbeer-Saison sechs Erntehelferinnen aus dem Osten Polens ein.

In Spitzenzeiten können es auch schon mal zehn sein. Allerdings würde sich Christiane In der Beeck, die für jede Erntehelferin eine eigene Personalakte zur Dokumentation von Arbeitszeiten, Entlohnung, Sozialabgaben und Krankenversicherungsschutz führen muss, wünschen, dass der Einsatz der Erntehelfer aus dem östlichen EU-Nachbarland mit weniger Bürokratie verbunden wäre. „Mama, musst du schon wieder ins Büro? Kannst du nicht noch etwas mit uns spielen“, bekommt sie abends immer von Tochter Marlene (4) und Söhnchen Clemens (zweieinhalb Jahre) zu hören.

Und warum kommen die Erntehelfer aus dem fernen Ost-Polen und nicht aus Mülheim und dem westlichen Ruhrgebiet? Bei dieser Frage verdreht Andreas Bolten die Augen. „Wir haben es früher immer mal wieder über die Agentur für Arbeit versucht, aber nicht geschafft, jemanden als Erntehelfer oder als fest angestellte landwirtschaftliche Hilfskraft zu bekommen, weil das ein körperlich anstrengender Job ist, den man nicht zwischen 8 und 16 Uhr erledigen kann. Viele fallen schon hinten über, wenn man ihnen sagt, dass sie um 5.15 Uhr auf dem Feld sein müssen“, berichtet Bolten.

Und so kommen auch die beiden festangestellten Mitarbeiter des Dümptener Bauernhofes, die einen Brutto-Lohn von rund zwölf Euro pro Stunde verdienen nicht aus Deutschland, sondern aus Polen. Eine von ihnen ist der 62-jährige Marian Brzostek, der früher in einem Schlachthof gearbeitet hat und seit fast drei Jahren für Bolten und In der Beeck so etwas, wie ihre rechte Hand ist. Marian, der aus Ostrów Mazowiecka kommt, holt auch jedes Jahr Erntehelferinnen aus seiner Heimat nach Dümpten. Er bringt es auf den Punkt: „Arbeit ist Arbeit, ob in Polen oder in Deutschland. Du darfst nur keine zwei linken Hände haben und musst mitdenken und mit anfassen können“.


Dieser Text erschien am 20. Mai 2015 on der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 29. Mai 2015

Immer auf Empfang: Gerd Wollenweber

„Hallo, können Sie mal eben.“ Diesen Satz hört Gerd Wollenweber öfter. Der 54-jährige Vater und Großvater sitzt regelmäßig, wie auf einem Präsentierteller, mitten im Foyer des Evangelischen Krankenhauses. Er leitet ein Team von 20 Kollegen, die dafür sorgen, dass die zentrale Information der Klinik an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr besetzt ist. „Bei uns läuft irgendwie alles zusammen. Und wir sind das erste Gesicht, dass die Menschen sehen, die ins Krankenhaus kommen“, beschreibt Wollenweber seinen Arbeitsplatz, an dem seine Kollegen und er gleich mehrere Bildschirme und Telefone im Blick haben müssen. Der wichtigste Blick ist der ins Foyer und in das Gesicht des jeweils nächsten Besuchers.

Jährlich werden im Evangelischen Krankenhaus allein 21.000 stationäre und 62 000 ambulante Patienten behandelt. „Wenn die Ärzte ihre Sprechstunden abhalten, ist besonders viel zu tun. Dann kann es durchaus schon mal vorkommen, dass man im Laufe einer Schicht mit bis zu 300 Menschen spricht“, erzählt Wollenweber. Er weiß, „dass wir mit unserer Arbeit und unserem Verhalten darüber entscheiden, ob sich Patienten und Besucher in unserem Krankenhaus gut aufgehoben fühlen oder nicht.“

Tausende Fragen und Aufgabenstellungen prasseln täglich auf Wollenweber und seine Kollegen ein: „Ich muss zur Darmspiegelung. Wo muss ich dahin? Ich habe hier einen Sprechstundentermin, weiß aber nicht genau wo und bei wem? Können Sie mir ein Taxi bestellen? Haben sie noch eine Eintrittskarte für die nächste Aufführung des Backsteintheaters? Wo bitte geht es zur Radiologie? Wer ist bei Ihnen der diensthabende Unfallarzt? Ein Aufzug muss repariert werden! Bitte, verständigen Sie die Haustechnik. Und bitte sorgen Sie dafür, dass die Toilette im 3. Stock gereinigt wird. Öffnen Sie doch bitte die Schranke. Und: Drucken Sie mir doch bitte meinen Aufnahmebogen aus.“ Pause. Oder auch nicht.

Wenn Wollenweber aus seinem Alltag berichtet, merkt man: Die Information des Evangelischen Krankenhauses ist ein kleines Dienstleistungskraftwerk. „Man muss hier schon belastbar sein und gleichzeitig viel Einfühlungsvermögen mitbringen“, sagt Wollenweber und betont im gleichen Atemzug: „Die Arbeit macht mir aber auch Freude, weil ich ein kommunikativer Mensch bin, der gerne mit anderen Menschen zusammenarbeitet und ihnen weiterhilft.“

Wenn sich eine Dame bei ihm mit einem Schokoladenherz bedankt, der er bei ihrer Einweisung rasch den von ihr benötigten Rollstuhl besorgt hat, sind das für Wollenweber kleine Glücksmomente, die Kraft geben.

Kraft für Momente, über die Wollenweber sagt: „Man muss auch schon mal lächeln, wenn man innerlich eine Faust in der Tasche macht.“ Solche Situationen erlebt er zum Beispiel, wenn er einen jungen Mann, der seine Pizzapappe links liegen lässt darauf hinweisen muss, dass das Foyer ein Warte- und Aufenthalts,- aber kein Speiseraum ist. Und dem Mann, der seine Kollegen und ihn wüst beschimpfte, weil der Kartenautomat für die Patiententelefone defekt war und deshalb kein Restgeld ausspucken wollte, zahlte er den fälligen Betrag kurzerhand aus der eigenen Tasche, um ihn später mit der Klinik zu begleichen.

„Man lernt hier das ganze Leben kennen“, sagt Wollenweber über seinen Arbeitsplatz. Mal darf er sich mit einem jungen Vater freuen, der sein neugeborenes Kind anmelden will. Mal muss er ein tröstendes Wort für einen Menschen finden, der die letzten Habseligkeiten eines im Krankenhaus verstorbenen Angehörigen abholen muss.

Und dann zählt plötzlich jede Sekunde, wenn etwa blutüberströmte Menschen, die gerade zusammengeschlagen worden sind oder ein Mann mit Verdacht auf Schlaganfall vor Wollenweber und seinen Kollegen stehen und sie fragen, wo sie ärztliche Hilfe bekommen können.

Ihm selbst hat seine Frau Doris geholfen, die schon länger als ihr Mann im Informations-und Patientenservice-Team des Evangelischen Krankenhauses arbeitet. „Bewirb dich doch einfach mal“, ermutigte sie ihn, als er Ende 2012 seine Teamleiterstelle bei einer Firma verlor, die bundesweit Telefonrechnungen erstellt. Als kluger Mann tat er, was seine Frau ihm sagte und wurde aufgrund seiner Erfahrung und einer Umstrukturierung im Evangelischen Krankenhaus gleich als neuer Teamleiter der Klinik-Information eingestellt. „Wenn ich gewusst hätte, wie gut mir die Arbeit hier gefällt, wäre ich schon viel früher gekommen“, meint Wollenweber. „Eigentlich geht es immer darum miteinander im Gespräch zu bleiben“, beschreibt er die wichtigste Erkenntnis aus seinen beiden Berufsleben.

Dieser Text erschien am 23. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. Mai 2015

So gesehen: Nur nicht gleich in die Luft gehen

Beim Thema Flughafen gehen viele Mülheimer in die Luft. Den einen geht der Ausstieg aus dem Flugbetrieb nicht schnell genug. Die anderen sehen das Kapitel Flughafen als ein Trauerspiel für den Wirtschaftsstandort Mülheim, der einen neuen Höhenflug gut gebrauchen könnte.

Doch jetzt wird es am Flughafen feierlich. Das haben wir nun schriftlich. Denn die Bezirksregierung hat das dort geplante Oktoberfest genehmigt. Wenn die Aussichten in der Ruhrstadt schon nicht rosig sind, darf die Stimmung am Flughafen zumindest schon mal Blau-Weiß sein. Und wenn die Musi, mit Brezeln, Bier und Hendl dafür sorgt, dass sich die Ruhris wie im Wirtschaftswunderland Bayern fühlen und dafür mit ihrem Kleingeld die lokale Konjunktur ankurbeln, ist das ja auch eine Wirtschaftsförderung im besten Sinne des Wortes.

Doch während sich so mancher Bayern-Fan schon aufs „Angezapft ist“ freut, fragt sich so mancher Fluglärm-Gegner, was denn da beim Oktoberfest am Flughafen verzapft wird.

Denn wer mit Musik und Bier feiert, wird auch schon mal lauter, als es dem ruhebedürftigen Nachbarn lieb ist. Aber der Fluglärmgegner mag sich mit der Einsicht trösten, dass der saisonale Lärm der blau-weißen Vergnügungstouristen, die einfach mal abheben wollen, in seinen Ohren das reinste Säuseln ist, wenn er an die Alternative der abhebenden Düsenjets denkt.

Dieser Text erschien am 20. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 23. Mai 2015

Schöner wohnen im Hochhaus: Ein Erfahrungsbericht vom Hans-Böckler-Platz

„Du ziehst ins Hochhaus? Um Gottes Willen!“ Ingrid Bliß hat diesen Satz ihrer Schwägerin noch gut im Ohr. Vor zwei Jahren war das, als sie sich entschloss ihr großes Eigenheim am Uhlenhorst gegen eine 63-Quadratmeter- große Wohnung im 14. Stock des SWB-Hochhauses am Hans-Böckler-Platz 7 bis 9 einzutauschen.

„Das Haus war für mich einfach zu groß geworden. Und die Wege zum Einkauf oder zum Arzt waren plötzlich zu weit“, erinnert sich die 77-Jährige an die Zeit der Entscheidungsfindung. Es waren Schicksalsschläge, die Bliß und ihren inzwischen verstorbenen Lebensgefährten dazu bewogen aus dem grünen Stadtrand Mülheims ins City-Hochhaus zu ziehen. Sie war nach einem Unfall zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen und er war schwer krank. Beide nahmen sich eine gleich große Wohnung, die sie problemlos bewirtschaften, verlassen und wieder erreichen konnten, sie im 14. und er im 6. Stock.

Ingrid Bliß’ Sohn, der bei der Polizei arbeitet war zunächst skeptisch und überprüfte erst mal die Sicherheitslage. Doch als er sah, dass die Kollegen mit einer Dienststelle vor Ort präsent sind, ließ er seine Mutter beruhigt ins Hochhaus ziehen.

Und spätestens, als sie vom Concierge des Hochhauses zum Arzt gefahren wurde, war Ingrid Bliß im Hochhaus zu Hause. Als ihr Lebensgefährte dann vor einem Jahr starb, übernahmen Jutta und Hans Eichholz seine 63-Qudaratmeter große Wohnung im sechsten Stock.

„Die Miete wurde immer teurer und wir hatten in unserer 90 Quadratmeter großen Wohnung in Saarn eigentlich immer das Gefühl, einen Raum zu viel zu haben, nach dem die Kinder aus dem Haus und auch unsere Enkelin nicht mehr so oft wie früher bei uns übernachtete“, erinnert sich die 67-jährige Jutta Eichholz an ihre wachsende Unzufriedenheit, die sie zum Umzug motivierte. Auch ihr 71-jähriger Mann Hans will nicht mehr raus aus dem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz: „Wir sind mitten drin und brauchen hier kein Auto und keine Vorratskammer. Denn das Forum und der Bahnhof sind direkt vor der Tür. Auch die Ruhr oder die Ärzte erreicht man zu Fuß“, schildert Eichholz die Vorzüge des zentralen Wohnens im Hochhaus.

Was Ingrid Bliß und ihre Nachbarn aus dem 6. Stock, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hat, gleichermaßen schätzen, sind die Barrierefreiheit ihrer Wohnungen und der umfassende Mieterservice, der rund um die Uhr durch einen Concierge und zwei Hausmeister geleistet werden.
Ebenerdige Hauseingänge, Aufzüge und stufenlose Flure machen auch Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die Bewegung im und aus dem Haus heraus leicht. „Wir sind hier gut aufgehoben und versorgt“, sind sich Ingrid Bliß und Jutta Eichholz einig. Und mit einer monatlichen Warmmiete von rund 570 bis 590 Euro kommen sie auch finanziell gut über die Runden.

Wenn man ihre Wohnungen betritt, fällt einem die Helligkeit und der funktionale Zuschnitt auf. Die Wohnungen haben zwei große Wohnräume, eine kleine Diele, eine kleine Küche und ein kleines Badezimmer mit niederschwelliger Dusche. Bliß und das Ehepaar Eichholz lieben die raumhohen Fenster, durch die sie in Richtung Dickswall und Tourainer Ring auf die Stadt und bis nach Essen blicken können. Regelmäßig sitzen sie allein oder mit Gästen auf ihrem schmalen, aber langen Balkon. „An den Verkehrslärm gewöhnt man sich schnell. Der ist für mich inzwischen wie Musik. Und wenn man die Balkontüre und die Fenster zumacht, hört man gar nichts mehr“, versichert Jutta Eichholz.

Einen weiteren Vorzug ihrer Hochhaus-Wohnung sieht Eichholz darin, dass sie sich nur den Badeanzug und den Bademantel anziehen und mit dem Aufzug in den 22. Stocke fahren muss, wenn sie schwimmen oder in die Sauna gehen möchte. Ebenso, wie das Ehepaar Eichholz, geht auch Ingrid Bliß donnerstags um 15 Uhr zum Nachbarschaftstreff, den die SWB in einer ehemaligen Gaststätte organisiert, deren Räume sich im Erdgeschoss des 1971 erbauten Hochhauses befinden. Auch die täglichen Gespräche im Postraum oder im Concierge-Büro des Hochhauses lassen bei ihnen erst gar nicht das Gefühl von Anonymität und Einsamkeit aufkommen. Nicht ohne Stolz weist Hausverwalterin Sylvia Timmerkamp darauf hin, dass derzeit nur 2 von 206 Wohnungen leer stehen.

Dieser Text erschien am 27. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 22. Mai 2015

Hoch hinaus? Der Mülheimer Wohnungsmarkt im Wandel

Sie galten einst als Paradebeispiel für verdichteten Wohnungsbau und modernen Wohnkomfort: Als die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz Anfang der 70er Jahre gebaut wurden, ging man davon aus, dass Mülheim eines Tages mehr als 200 000 Einwohner haben werde. Doch in den 80er und 90er Jahren erlebten die Hochhäuser als sozialer Brennpunkt einen drastischen Imageverlust, der sich in Wohnungsleerständen von rund 50 Prozent niederschlug. Mit Investitionen von 8,8 Millionen Euro in Modernisierung und Mieterservice wendete die SWB das Blatt und gewann damit eine ganz neue Mieterklientel für ihre Hochhäuser. Zum Start unserer neuen Serie „Wohnen ist Leben“ haben wir mit Mietern über das neue Lebensgefühl in den Hochhäusern gesprochen.

Denn: In der Art und Weise, wie wir wohnen spiegeln sich auch unsere Lebensbedürfnisse und unser Lebensgefühl. Als Mülheim 1808 mit etwas mehr als 10 000 Einwohnern zur Stadt wurde, waren seine Wohnverhältnisse noch dörflich geprägt. Als 1898 der Vorläufer der heutigen Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft gegründet wurde, ging es angesichts der zunehmenden Industrialisierung und dem damit verbundenen Zustrom von Arbeitskräften darum, möglichst schnell und preiswert auf der Basis der Hilfe zur Selbsthilfe neuen Wohnraum in einer Stadt zu schaffen, die 1908 die 100 000-Einwohner-Grenze überschritt.

Als die SWB 1951 gegründet wurde, ging es um einen schnellen Wiederaufbau einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg rund ein Drittel ihres Wohnraums verloren hatte.

„Heute müssen wir uns als Wohnungsgesellschaften anstrengen und in Modernisierung, Kundenorientierung und Wohnumfeldverbesserung investieren, weil wir einen Wohnungsmarkt haben, in dem es mehr Wohnungen als Mieter gibt“, sagt SWB-Sprecherin Christina Heine. Allein in den letzten fünf Jahren investierte die SWB 98,5 Millionen Euro. Und die MWB nimmt für die Modernisierung ihres Wohnungsbestandes jährlich acht Millionen Euro in die Hand.

„Es gibt nicht mehr den einen Wohnungsmarkt, sondern einen Haufen von Teilmärkten“, sagt Heines MWB-Kollegin Ann-Karen Häbel. Die Haupt-Herausforderung auf dem Wohnungsmarkt sieht sie im demografischen Wandel. „Ein-Personen-Haushalte nehmen zu. Der Bedarf an Wohnfläche pro Person und die Ansprüche steigen“, beschreibt sie dessen Auswirkungen.

Ob Vermietung von Wohn- und Gewerbeflächen, Bauträgergeschäft, Hausverwaltung, Projekt- und Stadtentwicklung, ob familienfreundliche oder seniorengerechte Wohnangebote. MWB (4700 Wohnungen, davon weniger als ein Prozent leerstehend) und SWB (8570 Wohnungen, davon 1,5 Prozent leer stehend) sehen sich auf einem für sie anspruchsvollen Wohnungsmarkt auch für die Zukunft gut und breit aufgestellt.

Dieser Text erschien am 27. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 20. Mai 2015

So gesehen: Journalisten leben gefährlich

Wenn ein Stadtmensch aufs Land geht, dann kann er was erleben. So erging es mir gestern, als ich einen Mülheimer Bauernhof besuchte. Kaum hatte ich das Willkommens-Schild an der Einfahrt erreicht, als zwei Wachhunde, die mir hungrig und angriffslustig erschienen, laut bellend auf mich zu stürmten und an mir hoch sprangen. Hatten die Jungs mich zum Fressen gern? Oder hatten sie schon mal schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht? Schließlich hat sich schon so mancher bissige Journalist im Eifer des Gefechtes den Vorwurf eingehandelt, ein Wadenbeißer oder gar ein Schweinehund zu sein.

Dieser Text erschien am 15. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 19. Mai 2015

Kfar Saba im Aufbruch: Gerhard Bennertz berichtet aus der israelischen Partnerstadt

Es herrscht dort eine richtige Aufbruchstimmung“, berichtet Gerhard Bennertz aus Kfar Saba . Gerade ist Mülheims Mister Israel aus der Partnerstadt im Nahen Osten zurückgekehrt. Dort nahm er unter anderem an den Gedenkfeierlichkeiten zum israelischen Volkstrauer- und Unabhängigkeitstag teil und legte am Mahnmal auf dem Friedhof an der Weizmannstraße in Kfar Saba als Vertreter Mülheims einen Kranz nieder.
Besonders beeindruckte ihn der Besuch im grünen Nordostviertel von Kfar Saba, das unter anderem mit modernen Wohnungen, breiten Fußgänger- und Fahrradstraßen, Schulen, Kindertagesstätten und Kulturzentren glänzt. Das Geld privater Investoren ließ ein attraktives Wohnquartier für bis zu 15.000 Menschen entstehen.


Auch der große Stadtpark im Zentrum und der Gewerbepark im Süden sind erweitert und modernisiert worden. Der Stadtpark ist nicht nur eine grüne Oase, sondern zieht auch durch seine Spiel- und Sportplätze zahlreiche Menschen an. Im Gewerbegebiet des sogenannten Industrial Parks von Kfar Saba sind vor allem High-Tech-Unternehmen ansässig. Hier entwickelte Dov Moran mit seiner Firma M-Systems der USB-Stick, der heute weltweit als mobiles Speichermedium genutzt wird.
Zuzug aus dem teuren Tel Aviv

„Die wirtschaftliche und soziale Situation im 1903 gegründeten Kfar Saba, das seit 1993 unsere Partnerstadt ist, ist aktuell eindeutig besser als in Mülheim“, unterstreicht Bennertz. Kfar Saba profitiert derzeit vor allem von einem starken Zuzug aus dem 15 Kilometer südlich gelegenen Tel Aviv. Weil dort die Mieten und Immobilienpreise enorm angestiegen sind, ziehen viele Menschen nach Norden in Richtung Kfar Saba. Mit der Schnellbahn, die zurzeit nach Norden, Westen und Süden ausgebaut wird, kann man Tel Aviv in einer halben Stunde erreichen.

Während Mülheim seit 1993 etwa 9000 Einwohner verloren hat, ist die Zahl der Bürger von Kfar Saba im gleichen Zeitraum um rund 20.000 angestiegen. Seit März diesen Jahres ist Kfar Saba, wo inzwischen rund 101.000 Menschen leben offiziell zur Großstadt geworden. Im Gespräch mit Kfar Sabas Bürgermeister Yehuda Ben-Hamo konnte sich Bennertz davon überzeugen, dass das Interesse an der Partnerschaft mit Mülheim weiterhin groß ist. Für 2016 plant der Mülheimer Städtepartnerschaftsverein, dessen Kfar-Saba-Kompetenzteam jetzt vom ehemaligen Vereinsvorsitzenden Peter Wolfmeyer geleitet wird, die nächste Bürgerfahrt.

„Rund 400 Mülheimer und 300 Bürger aus Kfar Saba haben sich seit 1993 kennengelernt. Da sind viele persönliche Kontakte entstanden“, freut sich der jetzt nur noch beratend tätige 77-jährige Vater der deutsch-israeleische Städtepartnerschaft. Besonders bewährt hat sich aus seiner Sicht, „dass die Teilnehmer der Bürgerbegegnungen immer privat bei Familien untergebracht worden sind.“ 

Besonders gern erinnert sich Bennertz an ein kinderloses Mülheimer Ehepaar, dem Kfar Saba und seine Menschen so ans Herz gewachsen waren, dass es sich dort sogar finanziell für Kindertagesstätten und Baumpflanzugen engagierte. „Die Mülheimer haben in Kfar Saba den Ruf, freundlich, offen und unvoreingenommen zu sein“, weiß Bennertz, der in den letzten 30 Jahren fast 40-mal in Israel zu Gast war.


Dieser Text erschien am 8. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. Mai 2015

Lisa Wehling: Die Zuverlässige

Mittags bei Hemmerle an der Schloßstraße. Die Bäckerei gleicht einem Taubenschlag. Kunden komen und gehen. Die meisten haben es eilig. Viele kommen in ihrer Mittagspause, um sich mit belegten Brötchen, Kaffee und Kuchen zu stärken. Andere decken sich mit Brot, Stuten, Bienenstich oder Crossaints ein. „Wie hoch ist bei diesem Brot der Roggenanteil? Warum sind die Brötchen zwei Cent teurer geworden? Von diesem Kuchen möchte ich aber kein randstück haben. Und ist der auch frisch?“ Letztere Frage hört Lisa Wehling in schöner Regelmäßigkeit und lächelt milde. „Natürlich. Alle unsere Backwaren werden täglich frisch zubereitet.“ Und dann braucht eine ältere Dame mit Rollator ihre Hilfe. Erst muss sie über die kleine Eingangsrampe in die Bäckerei buggsiert werden. Und später bringt sie der Dame Kaffee und Kuchen an den Tisch. Denn die Bäckerei an der Schloßstraße ist auch ein Café.

Auch als sich die Bäckereiverkäuferin Zeit für den Mann von der Presse nimmt, wird sie regelmäßig von Kunden gegrüßt und grüßt freundlich zurück. Die meisten Kunden kann sie mit namen ansprechen. „Ihr Namensgedächtnis finde ich toll“, meint eine Kundin. Wenn Wehling ihren Hemmerle-Arbeitsdress auszieht und ganz privat in Mülheim unterwegs ist, wird sie öfter angesprochen: „Ich kenne sie doch irgendwoher. Aber ich weiß nicht, wo ich Sie hinstecken soll“, hört sie oft und antwortet dann: „Wahrscheinlich haben wir uns schon mal bei hemmerle an der Theke gesehen.

Wer Wehling und ihre Kolleginnen bei der Arbeit beobachtet, merkt sofort. Ihre Arbeit ist kein leichter Job, sondern erfordert menschliches Fingespitzengefühlt. Im Minutentakt müssen sie sich möglichst freundlich lächelnd auf neue Kunden einstellen, die nicht immer freundlich auf sie zukommen. Und die Wünsche wechseln so schnell wie die Gesichter. Mal soll der Kaffee in eine vorgewärmte und mal in eine kalte Tasse eingeschenkt werden. Mal muss das Brötchen hell und mal mal wieder dunkel sein.

Wenn man sich mit Lisa Wehling unterhält, merkt man, dass sie eine gelassene und freundliche Frau ist, deren Lebenserfahrung dafür sorgt, dass sie sich so schnell von nichts aus der Ruhe bringen lässt. Wenn sie sagt: „Ich habe gerne Menschen um mich herum“, glaubt man das der zweifachen Mutter sofort.

Die 56-Jährige lässt keinen Zweifel daran, dass sie gerne zur Arbeit geht, auch wenn ihr Arbeitstag oft schon kurz nach fünf Uhr in der Frühe beginnt und auch die Sonntage nicht immer arbeitfrei sind. Denn bevor sie 2006 als verkäuferin bei Hemmerle einstieg, hatte sie auch schon Zeiten hinter sich, in denen sie mit mehreren Jobs den Lebensunterhalt für ihre Kinder und sich verdienen musste. Als Reinigungskraft hat Wehling ebenso gearbeitet, wie als Empfangsdame an der Rezeption eines Altenheimes oder als Buchhalterin in einem Versicherungbüro.

Sowohl das kaufmännische Handwerk, als auch der Umgang mit Kunden sind für Lisa Wehling nicht neu. Denn sie ist als Einzelhandelskauffrau bei ihrem Vater in die Lehre gegangen, der bis Mitte der 80er Jahre in der Nachbarstadt Duisburg einen Supermarkt betrieb, der etwa so groß war, wie der im vergangenen Sommer geschlossene Tengelmann-Markt an der Leineweberstraße. „Das würde ich heute nicht noch mal machen. Denn wenn man beim eigenen Vater lernt, muss man immer die Beste sein“, erinnert Wehling an die harte Schule ihrer Lehrjahre. Doch in dieser Zeit, in der ihre Arbeitstage oft schon um drei Uhr nachts beim Einkauf auf dem Großmarkt begannen, hat sie die Tugenden trainiert, die ihr auch heute noch als als wichtiges Rüstzeug helfen, im Berufsleben zu bestehen: „Zuverlässigkeit und Flexibilität.“


Auch wenn Wehling einräumt, „dass man nicht jeden Tag gleich gut drauf sein kann“, hat sie schon in ihren Lehrjahren begriffen: „Man darf seine eigenen Probleme nicht mit ins Geschäft bringen. Und egal was gerade zu tun ist, der Kunde steht immer im Mittelpunkt.“ Deshalb lässt sie sich auch dann nicht auf Dikussionen ein, wenn ihr ein Kunde mal krumm kommt. „Denn die netten Kunden sind Gott sei Dank in der Meheit und schreiben uns manchmal sogar einen Brief, in dem sie sich für unsere freundliche und gute Beratung bedanken“, freut sich Wehling. Dennoch stellt sie auch fest, „dass viele menschen gereizter sind als früher, weil überall die Preise steigen und die Einkommen oft nicht mithalten können.“

Dieser Text erschien am 16. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 16. Mai 2015

Die Flüchtlinge kommen: Sind sie auch bei uns angekommen? Eindrücke und Einsichten einer Podiumsdiskussion im Mülheimer Altenhof

Auch die Heilige Familie, wir wissen es aus der Bibel, war eine Flüchtlingsfamilie. Musste sie doch vor dem kindermordenden Herodes nach Ägypten fliehen. Angesichts der aktuellen Flüchtlingsströme, mehr als 50 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht, fragten der  Bezirksverband Kolping und der Evangelische Kirchenkreis An der Ruhr bei einer Podiumsdiskussion im Altenhof: „Menschen auf der Flucht! Auch bei uns angekommen?“ 300 interessierte und mitdiskutierende Zuhörer zeigten, dass das Thema Flüchtlinge in der Ruhrstadt ein aufgeschlossenes Publikum findet.

„Auch wenn das mit Sicherheit nicht in jedem Kopf der Fall ist, haben wir in Mülheim in Sachen Willkommenskultur doch einen positiven Mainstream“, stellt Sozialdezernent Ulrich Ernst nicht ohne Stolz fest. Er konnte darauf verweisen, dass allein unter der städtischen Federführung durch Sonja Klausen rund 130 Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge aktiv sind. Es geht um Alltagsbegleitung, um Freizeitgestaltung oder auch um Bildungs- und Sprachförderung. „Der Begriff Wunder von Mülheim ist berechtigt“, nahm Stadtdechant Michael Janßen Bezug auf eine vielzitierte Schlagzeile der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er berichtete in diesem Zusammenhang unter anderem von der Arbeit, die die Caritas in ihrer Integrationsagentur leistet und von ihrem neuen Integrationslotensenprojekt, das Anfang des Monats an den Start gegangen ist.

Dass sich Christen für Flüchtlinge öffnen müssen, steht für den Superintendenten Helmut Hitzbleck außer Frage: „Menschen, die sich mit Ach und Krach aus höchster Lebensgefahr zu uns gerettet haben, die rot-weiße Schranke vor die Nase zu knallen und ihnen zu sagen: Das Boot ist voll, würde uns Christen ins Gesicht schlagen und ist deshalb ethisch inakzeptabel“, sagte der oberste Repräsentant der evangelischen Stadtkirche. Den Umgang mit Flüchtlingen sieht er als einen „langen Weg des Lernens, der nicht enden wird.“ Die aus Mülheim kommende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Mülheims Sozialdezernent Ernst nannten Zahlen, die nachdenklich machen. 2014 kamen 40.000 Flüchtlinge nach Nordrhein-Westfalen. In diesem Jahr werden es voraussichtlich 53.000 sein. „Und das wird noch nicht das Ende der Fahnenstange sein“, betonte Kraft. Sie sieht die Unterbringung, Versorgung und Integration der Flüchtlinge, die aufgrund der Kriegslage in ihrer Heimat lange und vielleicht für immer bei uns bleiben werden „nicht nur als staatliche, sondern auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Ihrer eignen Heimatstadt bescheinigte sie, „dass das schon sehr vorbildlich ist, wie man das hier hinbekommt.“ Katholikenrat Rolf Hohage unterstützte Krafts Forderung nach einer stärkeren Beteiligung des Bundes an den Kosten für die Unterbringung und Gesundheitsvorsorge der Flüchtlinge. „Der Bund darf die Kommunen da nicht hängen lassen“, unterstrich er und machte die Relationen deutlich: „Während wir in Deutschland rund 500.000 Flüchtlinge aufgenommen haben, sind es in Ländern, wie Jordanien oder dem Libanon eine Million.“

Allerdings räumte Kraft auf eine kritische Nachfrage aus dem Publikum auch ein, dass Deutschland und Schweden innerhalb der Europäischen Union derzeit unverhältnismäßige viele Flüchtlinge aufnehmen, die zum Beispiel an den Küsten der Niederlande, Belgiens oder Italiens landen und, laut EU-Recht dort aufgenommen werden müssten. „Das funktioniert aber nicht, weil diese Länder die Flüchtlinge weiterziehen lassen und wir als wirtschaftsstarkes Land mit einer ganz eigenen Geschichte auch eine ganz eigene Verantwortung haben, wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen, die für ihre Familien und sich eine Lebensperspektive suchen,“ beschrieb Kraft den problematischen Ist-Zustand der europäischen Flüchtlingspolitik.

Kraft, Hitzbleck und Janßen waren sich einig, dass das Ruhrgebiet eine ausgeprägte Integrations- und Zuwanderungserfahrung hat, die anders, als in Sachsen, wo erheblich weniger Zuwanderer leben, keine Pegida-Proteste aufkommen lässt. „Von Ehrenamtlichen, die sich für die Flüchtlinge engagieren höre ich immer wieder: Wir geben nicht nur, sondern wir nehmen auch, weil die Begegnung mit Fremden eine Bereicherung für uns ist“, berichtete Stadtdechant Janßen. Und Kraft betonte: „Angesichts unseres eigenen Nachwuchsmangels brauchen wir junge, gut ausgebildete Zuwanderer.“ Allerdings gab Superintendent Hitzbleck auch zu: „Aufgrund ihrer eigenen Vertreibungs- und Fluchtgeschichte wissen zwar viele Menschen bei uns, was es bedeutet, von heute auf morgen aus gesicherten Verhältnissen gerissen zu werden und vor dem Nichts zu stehen. Dennoch haben wir auch mit unserer historischen Erfahrung bei der Integration von zugewanderten Arbeitskräften und Vertriebenen, wohl noch nie vor einer solch großen Aufgabe gestanden, wie wir das heute tun.“

Sozialdezernent Ernst untermauerte Hitzblecks Andeutung mit Fakten. Die Stadt Mülheim muss derzeit 868 Flüchtlinge beherbergen und versorgen. Ende des Jahres rechnet man mit 1200 Flüchtlingen. Das kostet die Stadt im Jahr elf Millionen Euro, von denen das Land 2,7 Millionen Euro trägt. Bisher hat die Stadt alle Flüchtlinge in insgesamt 170 Wohnungen untergebracht. Von denen stellt sie selbst 30 zur Verfügung. Weitere 110 wurden bei der lokalen Wohnungsgesellschaft SWB angemietet. Der Rest wird bei anderen Eigentümern angemietet. Nachdem die Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt im vergangenen Jahr ihr Hildegardishaus, das jetzt wieder zum Altenheim werden soll, als gemeinschaftliche Übergangsunterkunft für Flüchtlinge bereit stellte, soll jetzt eine leer stehende Schule, die für ein privates Wohnbauprojekt vorgesehen ist, bis zum Jahresende als Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge genutzt werden. „Das streben wir nicht an, aber wir haben derzeit keine anderen Unterbringungsmöglichkeiten und für das nächste Jahre bereiten wir auch schon Standorte für Wohncontainer vor, weil wir angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen daran wohl nicht vorbeikommen werden“, sagt Ernst. Werner Hellmich vom Mülheimer Flüchtlingsrat kann sich in diesem Zusammenhang auch vorstellen, Flüchtlinge im Rahmen eines Wohnbauprojektes sinnvoll zu beschäftigen. Darüber hinaus fordert er „eine richtige Entwicklungshilfe, die Lebensverhältnisse schafft, die eine Flucht erst gar nicht nötig macht.“ Und Christel Schuck von der in Venezuela aktiven Hilfsinitiative Las Torres macht deutlich, „dass auch Deutschland mit seinen Waffenexporten Kriege erst möglich macht, die Menschen aus ihrer Heimat fliehen lassen.“ Thomas Emons

Weitere Informationen zum Integrationslotsen-Projekt der Mülheimer Caritas findet man auf ihrer Internetseite: www.caritas-muelheim.de Darüber hinaus kann man Wohnungsangebote für Flüchtlinge auch unter der Rufnummer 0208/455-5401 an die Stadt Mülheim oder per E-Mail an: ulrich.ernst@muelheim-ruhr.de an ihren Sozialdezernenten richten.

Dieser Text erschien am 25. April 2015 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 15. Mai 2015

So gesehen: Die Jugend von heute

Ja, die Jugend von heute. So klagte schon früher mancher ältere Zeitgenosse und meinte damit, dass die Jugend auch nicht mehr das sei, was sie vermeintlich mal gewesen sei und wir uns deshalb auf eine düstere Zukunft einstellen müssten.

Dabei hat die Jugend von heute manchmal wirklich tolle Ideen. Das merkte ich am Samstag beim Wochenendeinkauf im Forum. Zwischen zwei Supermärkten hatte sich der Nachwuchs des Lionsclubs postiert.

Nicht vergebens animierten die jungen Leute die Kunden, bei ihrem Einkauf nicht nur an sich, sondern mit zumindest einem haltbaren Lebensmittel auch an die bedürftigen Gäste der Mülheimer Tafel zu denken.

Dem sympathischen Appell der Jugend konnten sich nur wenige Käufer entziehen, so dass am frühen Nachmittag schon sechs Einkaufswagen mehr als gut gefüllt waren. Mit ihrem Inhalt kann das Diakoniewerk an seiner Tafel nun so manchen Hunger stillen, auch den nach mehr Menschlichkeit, in einer Gesellschaft, in der es offensichtlich noch junge Menschen gibt, die dafür sorgen, dass Nächstenliebe nicht nur ein Wort ist, sondern manchmal auch durch den Magen geht. Das macht Appetit auf eine Zukunft, in der nicht nur deshalb für alle gesorgt ist, weil jeder an sich denkt.


Dieser Text erschien am 11. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 12. Mai 2015

Darlington setzt wieder auf Labour

Auch in den kommenden fünf Jahren wird die englische Partnerstadt Darlington von Jenny Chapman im Unterhaus vertreten. Die erstmals 2010 gewählte Kandidatin der Labour Party hatte bei den Wahlen am Donnerstag mit 42,9 Prozent der Stimmen die Nase vorn. Gegenüber ihrer ersten Wahl konnte sie einen Stimmenzuwachs von 3,5 Prozent verbuchen. Der Kandidat der Konservativen, Peter Cuthbertson, ging mit 35,2 Prozent der Stimmen als Zweiter durchs Ziel und konnte für seine Partei ein Stimmenplus von 3,7 Prozent erringen. Auf Platz 3 landete der Kandidat der nationalkonservativen United-Kingdom-Party (Ukip), Dave Hodgson, der 13,1 Prozent der Stimmen errang. Während Ukip seinen Stimmenanteil um 10,3 Prozent erhöhen konnte, verloren die Liberaldemokraten mit ihrer Kandidatin Ann Marie Curry 18,6 Prozent ihres 2010 erreichten Stimmenanteils und wurden mit 4,8 Prozent nur viertstärkste Kraft. Insgesamt gingen nur 62,5 Prozent der stimmberechtigten Darlingtoner am Donnerstag zur Wahl.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 10. Mai 2015

Hat die Kirche noch eine Zukunft? Der evangelische Theologe Ulrich Kellermann, der vor 50 Jahren zum Pfarrer ordiniert wurde, meint Ja, wenn sie konsequent auf einen vernünftigen Glauben und menschliche Nähe setzt

Ich hatte das Pech, ein gutes Examen zu machen, scherzt Ulrich Kellermann, wenn man den 1936 Geborenen danach fragt, wie er dazu kam, sich nicht nur als Pfarrer in Holthausen, sondern auch als Theologie-Professor in Münster die Frohe Botschaft des christlichen Glaubens zur Lebensaufgabe zu machen. Der evangelische Theologe, der als Seelsorger die Menschen vor allem deshalb in die Gottesdienste holte, weil ich sie auch bei Hausbesuchen kennenlernen und ansprechen konnte, blickt am 16. Mai auf 50 Jahre als Pfarrer zurück. Auch im Ruhestand ist er ein kritischer Mitgestalter, Begleiter und Beobachter seiner Kirche geblieben.

Wie sieht er ihren Wandel und ihre Zukunft in einer Zeit, in der es mehr Sterbefälle als Taufen und mehr Kirchenaustritte als Kircheneintritte gibt? Die verfasste Kirche, wie wir sie heute kennen, wird noch kleiner werden, aber ich habe das Vertrauen, dass Gott immer die Form von Kirche suchen und finden wird, die er braucht, um seine Botschaft den Menschen nahezubringen, sagt er. Und was für eine Form von Kirche könnte das sein?

Aus seiner eigenen Biographie weiß er: Nur Überzeugte können andere überzeugen. Ihn überzeugten die Lebensbeispiele seiner Großmutter, die eine fröhliche Christin war und täglich in der Bibel las, obwohl sie vier Kinder verloren hatte und sein Religionslehrer, der ihm eines Tages sagte Du musst Pfarrer werden und ihn davon überzeugte Theologie statt Mathematik zu studieren. Er war ein Mann, der tat, was er dachte und dabei keine Angst hatte, auch gegen den allgemeinen Strom zu schwimmen oder mit seinem Glauben, mit dem er sich immer auch auf das aktuelle Tagegeschehen bezog, irgendwo anzuecken, erinnert er sich an seinen ersten Mentor.

Nicht nur Pfarrer warnt Kellermann vor der Gefahr, es allen recht machen zu wollen. Wir brauchen charismatische Menschen und markante Persönlichkeiten, die ein Gefühl für Menschen haben und an denen sich Menschen orientieren und, wenn nötig, auch abarbeiten können, ist Kellermann überzeugt. Das Beispiel des auch jenseits von Gottesdiensten engagierten Styrumer Pfarrers Michael Manz oder das durch engagierte Gemeindemitglieder organisierte Gemeinschaftsleben rund um die katholische Filialkirche Heilig Geist in Holthausen empfindet er als wegweisend. Wir brauchen Nachbarschaften, die als christliche Gemeinschaft erlebt werden, in denen Menschen angesprochen und mitgenommen werden und in denen niemand Angst hat, sich seinem Nachbarn unangenehm aufzudrängen, wenn er über seinen Glauben spricht, unterstreicht Kellermann.

Den zunehmenden Zentralismus, wie er sich zum Beispiel in Gemeindefusionen und ihren Folgen ausdrückt, sieht er mit Sorge. Denn damit brechen der Kirche die Ränder weg. Und die Menschen werden nur zur Kirche kommen, wenn die Kirche im Dorf bleibt, ist Kellermann überzeugt. Dabei denkt er nicht unbedingt an das volle Programm mit Kirche, Pfarrhaus und Gemeindezentrum. Eine Ladenkirche in jedem Bezirk reicht auch, glaubt Kellermann.

Er selbst hat in den letzten 15 Jahren gute Erfahrungen mit einem Biblischen Lehrhaus gemacht, zu dem er regelmäßig in die Evangelische Landenkirche an der Kaiserstraße einlädt. Dort kann er 40 und mehr Menschen begrüßen, die mehr über ihren Glauben wissen wollen. Auch die Besucher seiner Gottesdienste im Wohnstift Raadt schätzen seine menschliche Nähe als Seelsorger und seine historisch-kritische Bibel-Auslegung. Auch wenn der Glauben unseren Verstand übersteigt, können wir nicht gegen unseren Verstand glauben, sondern müssen Glauben und Vernunft miteinander vereinen, macht Kellermann seinen Standpunkt als wissenschaftlich fundierter Theologe deutlich. Auch wenn er die Jungfrauengeburt nicht als Tatsache, sondern als Mythos begreift, um die Bedeutung Jesu zu unterstreichen, kann er problemlos daran glauben, dass Jesus ein Gesandter Gottes war, der dessen Liebe zu den Menschen bis in seinen Tod durchgehalten hat.


Der Pfarrer und Professor plädiert für eine Theologie, die biblische Texte, wie einen Text Goethes vor dem historischen Hintergrund ihrer Entstehung interpretiert und sie so in unsere Zeit übersetzt, ohne unsere eigenen Wünschen in sie hinein zu projizieren. Kellermann wünscht sich in diesem Sinne eine Kirche, in der die Pfarrer wieder mehr Zeit für Hausbesuche, Bibellektüre und theologische Fortbildung haben und sich weniger mit Statistiken und Verwaltungsaufgaben beschäftigen müssen.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 9. Mai 2015

"Wir haben gejubelt": Wie Mülheimer den 8. Mai 1945 erlebten

Wie erlebten Mülheimer den 8. Mai 1945? Viele dachten: "Hoffentlich kommen wir bald nach Hause. Der 8. Mai 1945 steht für das Ende von NS-Diktatur und Krieg. Im Gespräch machten Mülheimer Zeitzeugen vor allem eines deutlich: Am 8. Mai 1945 stand nicht Weltpolitik, sondern der Kampf ums Überleben auf der Tagesordnung. Dennoch wurde der Tag, trotz Ungewissheiten und Widrigkeiten, als Befreiung erlebt.

"Wir waren alle froh, dass es endgültig vorbei war", erinnert sich die 1920 geborene Elli Küppers an das Kriegsende im Mai 1945. Das erlebte sie nicht zu Hause in Styrum, sondern im Teutoburger Wald. Dorthin war die Familie bereits Ende März evakuiert worden. Die Mülheimerin, die heute in Heißen wohnt, erinnert sich noch genau daran, dass man in die gute Stube einer Familie in Pivitzheide bei Detmold einquartiert worden war. Weil die eigenen Lebensmittelkarten nicht anerkannt wurden, musste die Familie bei Bauern um Brot bitten. Dass der Krieg zu Ende war, merkte sie, als sie mit einer Freundin zum Hermannsdenkmal wanderte und plötzlich Zwangsarbeiter auftauchten.

"Ich  hatte die Nase voll vom Krieg", erinnert sich der damals 21-jährige Elektriker Wilhelm Janßen an seinen 8. Mai 1945, den er als Kriegsgefangener im alliierten Wiesenlager von Rheinberg erlebte. Janßen, der seine letzten Kriegstage als Eisenbahn-Flakhelfer erlebt hatte, berichtet von kalten Nächten unter freiem Himmel, denen später nur bedingt wetterfeste Zehn-Mann-Zelte gefolgt seien. Janßen hatte Glück im Unglück. Weil er für die Alliierten zwischenzeitlich Küchendienst schieben und Maschinen reparieren musste. So konnte er dem harten Lageralltag immer wieder entfliehen. Wirklich vorbei war der Krieg für Janßen aber erst am 6. Juni 1945, als ihn ein amerikanischer Lastwagen auf dem Mülheimer Rathausmarkt absetzte. Einen Monat später wurde er in einem Kino an der Schloßstraße dann zum ersten Mal mit den Bildern aus einem Konzentrationslager konfrontiert.

Ebenfalls im berüchtigten Wiesenlager von Rheinberg erlebte Werner Dreesen (Jahrgang 1921) den 8. Mai. Kurz vor Kriegsende hatte er sich selbst aus der Wehrmacht entlassen. Er war schon wieder in Mülheim, als ihn US-Soldaten an einem Straßenposten gefangen nahmen und nach Rheinberg brachten. Dort mussten er und seine Leidensgenossen in Erdlöchern und unter freiem Himmel, krank und hungrig kampieren. "Das war das Schlimmste, woran ich mich erinnern kann", sagt Dreesen. Am 8. Mai flog eine US-Maschine über das Lager und warf Flugblätter ab. Und plötzlich war der Ruf zu hören: "Der Krieg ist aus"

 Der 1927 in Mülheim geborene Heinz Schemkes erlebte die letzten Kriegstage als Angehöriger des Reichsarbeitsdienstes im Hunsrück. Dort geriet er in Gefangenschaft und wurde nach Frankreich gebracht. Im Lager von Torray La Fleche erfuhr er am 8. Mai 45 von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. "Wir haben gejubelt und uns gesagt: ,Hoffentlich kommen wir jetzt bald wieder nach Hause. Und dann hat irgendjemand die deutsche Nationalhymne angestimmt", erzählt Heinz Schemkes.

Das Kriegsende erlebte der damals 16-jährige Hans-Joachim Neuhaus mit seiner Mutter in Daspe an der Weser. Wenige Wochen zuvor hatte der junge Luftwaffenhelfer bei einem Tieffliegerangriff einen Arm verloren. Weil seine Mutter damals dort als Sekretärin des Bürgermeisters arbeitete und Neuhaus der englischen Sprache mächtig war, wurde ihm die unerwartete Aufgabe übertragen, das Dorf an die einrückenden US-Truppen zu übergeben. Neuhaus erinnert sich noch gut daran, dass er den Amerikanern mit einem weißen Taschentuch entgegenging, um seine Friedfertigkeit zu zeigen.

Die 1923 geborene Tochter des damaligen Mülheimer Oberbürgermeisters Edwin Hasenjaeger, Margarete Pferdmenges, erlebte das Kriegsende in Oerlinghausen in der Nähe von Bielefeld. Dort lebte ihre Schwägerin. Drei Ereignisse aus der Zeit des Kriegsendes sind ihr besonders in Erinnerung geblieben: Der Schrei der Erleichterung, den ihre Mutter ausstieß, als der Bruder Gisbert heimkehrte, der ebenso wie der 1943 in Russland gefallene Bruder Gunther Soldat gewesen war, sowie das Glück, dass ihr damals gerade ein Jahr alter Sohn Gunther unverletzt blieb, nachdem ein Gewehrschuss der einmarschierenden Amerikaner das Küchenfenster durchschlagen und die Glasscherben in den darunter stehenden Kinderwagen geregnet waren. Und schließlich ist ihr der amerikanische Militärpolizist unvergessen, der während des Mittagessen ins Haus kam, sich wie selbstverständlich eine Flasche Wein aus der Vorratskammer holte, um dann der Familie zum Abschied noch "einen guten Appetit" zu wünschen.

Der spätere Geschichtsvereinsvorsitzende und Studienrat Hans Fischer erlebte das Kriegsende als 13-jähriger Schüler in Bayerisch Eisenstein. Dort kampierte er mit Mitschülern auf Srohballen in einem ehemaligen Kinosaal, als sich plötzlich wie eine Mund-zu-Mund-Propaganda die Nachricht vom Frieden verbreitete. Bayerisch Eisenstein war für Fischer und seine erschöpften Altersgenossen nur eine Etappe auf dem langen Weg aus der Kinderlandverschickung in Böhmen und Mähren zurück nach Mülheim.

Dieser Text erschien am 6. Mai 2005 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 8. Mai 2015

Eine Stadtrundfahrt auf den Spuren des Mülheimer NS-Terrors

Die Mendener Brücke an der Ruhr und das leerstehende Winkhaus an der Ecke Eppinghofer Bruch/Leybankstraße sind nur zwei auf den ersten Blick unscheinbare Orte, die Helmut Herrmann morgen auf seiner historischen Stadtrundfahrt ansteuern wird. Am 8. Mai, dem 70. Jahrestag des Kriegsendes, will der Nestor der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes in drei Stunden interessierten Zeitreisenden Spuren der Mülheimer NS-Herrschaft aufzeigen. „Das ist weiter notwendig, solange es Politik und Justiz nicht schaffen, rechtsextreme Gruppen und Parteien zu verbieten und Flüchtlingsheime zum Teil von der Polizei bewacht werden müssen, weil sie von Rechtsradikalen angegangen werden“, findet der 1929 geborene Herrmann. Er selbst erlebte, wie seine Eltern von der SA misshandelt und inhaftiert wurden, weil sie aktive Kommunisten und Gewerkschafter waren.

Spuren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft findet man zum Beispiel am alten Winkhaus, das viele Mülheimer noch als Kneipe kennen. „An den Fenstern sind noch die Gitter des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers zu sehen, in dem vor allem französische Zwangsarbeiter Hunger und Gewalt ertragen mussten. Sie wurden an der nahegelegenen Bahnstrecke bei Gleisarbeiten eingesetzt,“ berichtet Herrmann. Aus früheren Nachforschungen weiß er, dass es während des Zweiten Weltkrieges in Mülheim rund 24?000 Zwangsarbeiter gab, die in 55 Lagern interniert waren. Er schätzt, dass rund 400 von ihnen während ihrer Zeit in Mülheim ums Leben kamen und unter anderem auf dem Altstadtfriedhof begraben wurden. Den alten Friedhof zwischen Dimbeck und Kettwiger Straße wird Herrmann bei seiner Stadtrundfahrt ebenso anfahren, wie die Mendener Brücke. Sie hieß während der NS-Zeit Hermann-Göring-Brücke und wurde bei Kriegsende gesprengt. Unweit der Mendener Brücke wohnte einst auch Werner Best, der nach dem Kriegs als Justitiar bei Stinnes Karriere machte und rechtlich nur mit einer Geldstrafe belangt wurde, obwohl er während des Krieges Reichsstatthalter in Dänemark und mitverantwortlich für die Deportation jüdischer Bürger war.

Das Schicksal der rund 600 jüdischen Bürger, die 1933 in Mülheim lebten, wird morgen am Jüdischen Friedhof an der Gracht erzählt. „Gut die Hälfte von ihnen musste ihren Hausrat verkaufen, um ihre Flucht aus Nazi-Deutschland bezahlen zu können. Die anderen kamen während des Holocaust ums Leben“, berichtet Herrmann.

Bei der Station am Uhlenhorst wird er von dem Beitrag erzählen, den Mülheimer Industrielle, wie Fritz Thyssen oder Emil Kirdorff zum Aufstieg Hitlers leisteten. Doch auch die Leidensgeschichte von NS-Gegnern, wie Willi Müller, Otto Gaudig oder Fritz Terres, die von den Nazis ermordet wurden, soll bei der am8. Mai startenden Stadtrundfahrt auf den Spuren der NS-Diktatur zur Sprache kommen.

Dieser Text erschien am 7. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 6. Mai 2015

So gesehen: Immer wieder neue Seiten


Wer schreibt, der bleibt! So heißt es unter Journalisten. Doch wer schreiben will, muss irgendwann mal etwas vorgelesen bekommen haben.

Hätte mir meine Mutter früher nicht so viele Geschichten vorgelesen, die ich dann gerne ausschmückte und aufschrieb, hätte ich vielleicht niemals die Freunde an der Sprache im Allgemeinen und an Geschichten, die das Leben schreibt, im Besonderen entdeckt. Bis heute gibt es für mich nichts spannenderes als Menschen und ihre Lebensgeschichte.

Manchmal erscheint sie mir so reich wie eine ganze Bibliothek und manchmal auch nur so fraglich wie ein Buch mit sieben Siegeln. Und wenn ich in meinem Sparbuch lese, weiß ich: Nicht jedes Buch hat ein Happy End oder ist ein Kassenschlager. Sei es drum. So lange wir in unserem Lebensbuch immer wieder eine neue Seite aufschlagen und ein neues Kapitel beginnen können, dürfen wir auch mitten im Drama oder im Krimi auf ein Happy End hoffen, egal, ob uns unser Sparbuch nun wie eine Tragödie oder wie eine Komödie vorkommen mag.


Dieser Text erschien am 22. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Sonntag, 3. Mai 2015

Das Salz in der Suppe: Die Grünen Damen im Haus Ruhrgarten geben seit 40 Jahren ein Beispiel der Menschlichkeit

Renate Münker (links) Annette Rex (Mitte) und Ingeborg Hufschmidt

„Willst du nicht zu früh ins Grab, lehne jedes Ehrenamt gleich ab“, spottete einst Wilhelm Busch. Doch wenn man sich mit Annette Rex (56), Ingeborg Hufschmidt (75) und Renate Münker (80) (Foto: Peters) über ihr Ehrenamt im Haus Ruhrgarten unterhält, ist nicht von Zeitaufwand, Arbeit und Anstrengung, sondern immer wieder von Glück und Dankbarkeit die Rede. Als Grüne Damen schenken sie Bewohnern im Altenheim an der Mendener Straße wöchentlich vier bis fünf Stunden ihrer Zeit, um mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören oder vielleicht auch gemeinsam zu singen, zu basteln oder (wenn möglich) einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Sie sind mit ihrem Einsatz nicht allein, sondern Teil einer Gruppe von 30 Grünen Damen und zwei Grünen Herren,

„Anders, als die hauptamtlichen Mitarbeiter müssen wir nichts und dürfen fast alles. Wir bringen Zeit und Muße mit. Es geht uns nicht um Bespaßung, sondern um aufrichtige Zuwendung“, beschreibt die vierfache Mutter Annette Rex den Reiz ihres Ehrenamtes, das sie als „eine wohltuende Entschleunigung“ ihres Alltages erlebt. Als ihre Kinder aus dem Gröbsten heraus waren suchte sie nach einem Ehrenamt, „in dem ich meine Talente einbringen konnte“ und fand es 2011 über eine im Förderverein des Altenheims aktive Nachbarin als Grüne Dame im Ruhrgarten.

Renate Münker stieß bereits 1981 zu den Grünen Damen, die „damals noch eine Nähstube für die Altenheimbewohner betrieben.“ Als Ehefrau von Pfarrer Herbert Münker, der damals als Geschäftsführer den Ruhrgarten leitete, hatte sie eine persönliche Bindung zu dem Altenheim, dem sie bis heute als Grüne Dame treu geblieben ist. Warum? „Wenn ich bei den Begegnungen in die leuchtenden Augen der Bewohner schaue und spüre, dass ich für sie als Mensch wichtig bin und sie meine Zeit und Zuwendung schätzen, gehe ich immer ganz beglückt und ausgeglichen nach Hause“, beschreibt Münker den Lohn für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Dabei stellt sie immer wieder fest, „dass man als Grüne Dame auch Grenzen ziehen muss und sich nicht nur von einem Bewohner vereinnahmen lassen darf.“ Ihre Kollegin Ingeborg Hufschmidt trat als Grüne Dame vor 25 Jahren in die familiären Fußstapfen ihrer Schwägerin und ihres Schwagers. „Damals waren die Bewohner noch wesentlich beweglicher als heute und ließen sich von den Grünen Damen und Herrn auch schon mal gerne zum Kaffeetrinken in deren Garten einladen“, erinnert sich die Mutter und ehemalige kaufmännische Angestellte.

Heute haben es Hufschmidt und ihre Mitstreiter im grünen Kittel immer öfter mit dementiell veränderten Menschen zu tun. Bei ihnen geht es ganz unspektakulär darum, eine Hand zu halten, zu lächeln oder gemeinsam ein Lied zu singen, das noch im Langzeitgedächtnis abgespeichert ist und neue Lebensgeister wecken kann. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn man am Ende eines Gesprächs oder einer Begegnung gefragt wird: Wann kommen Sie wieder? Oder man vielleicht sogar in den Arm genommen wird“, berichtet Hufschmidt und betont: „Man wird durch diese ehrenamtliche Arbeit gelassener und dankbarer und erkennt, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Für den Pflegedienstleiter des Ruhrgartens, Oskar Dierbach, steht fest: „Die Grünen Damen und Herren sind hier das Salz in der Suppe, weil sie als vertrauensvolle und unabhängige Gesprächspartner für die Bewohner segensreich sind. Gleichzeitig sind sie als Übersetzer und Brückenbauer auch für Angehörige und hauptamtliche Mitarbeiter wertvoll.“

Dieser Text erschien am 30. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 2. Mai 2015

Heike Wagener: Die Frau vom Büdchen an der Ruhr

„Sie kenne ich doch. Ihre Würstchen sollen ja so gut sein“, erinnert sich Heike Wagener an die Gesprächseröffnung eines Radtouristen, der sich jüngst bei seiner Tour de Ruhr an ihren Büdchen stärkte. „Hier wird man immer wieder nett bedient. Und wenn es das Büdchen am Leinpfad nicht gäbe müsste man ja verhungern oder verdursten.“ Das hört man immer wieder von Spaziergängern, Radfahrern und Paddlern, die an diesem frühen Nachmittag eines sonnigen Werktages bei Heike Wagner vorbeischauen, um sich mit Kaffee, Bier, Würstchen oder Süßigkeiten einzudecken.

Heute strahlt die 59-Jährige mit der Sonne um die Wette. Denn an schönen Tagen, wie diesem, läuft ihr gerade mal zwölf Quadratmeter großer Laden ganz gut. Da muss sie immer wieder ans Fenster oder aus dem Büdchen heraus, um ihre Kunden zu begrüßen und zu bedienen. „Aber an Tagen mit schlechtem Wetter kann man hier auch schon mal acht oder neun Stunden sitzen und mit einem Umsatz von 30 Euro nach Hause gehen“, weiß Wagener. Auch große Sport-Übertragungen, die Menschen zu Hause vor dem Fernsehen hocken statt zu Ruhr kommen lassen, sind für Wagener ein echter Umsatz-Killer.

Die Wetterabhängigkeit des Geschäftes kennt sie schon von ihrer Mutter Wilhelmine Wolf, die das um 1902 eröffnete Büdchen 1972 übernahm und bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 führte. „Meine Mutter konnte einfach irgendwie alles und vor allem gut mit Menschen umgehen“, erinnert sich Heike Wagener, die in das Geschäft schon als Jugendliche „hineingewachsen ist.“

Auch wenn man, wie sie sagt „von so einem kleinen Kiosk nicht leben, sondern ihn nur als Nebenerwerb betreiben kann“, war es für Heike Wagener keine Frage, die Trinkhalle ihrer Mutter, in der sie schon als Teenager regelmäßig mithalf, weiterzuführen.

Auch als sie als Technische Zeichnerin ihr Geld verdiente, hielt sie mit Vater Hans der Mutter den Rücken frei. Und heute kann sie auf die Hilfe ihres Ehemannes Ulrich und ihrer Tochter Annette zählen. Denn einen bezahlten Mitarbeiter, der mal beim Ein- und Verkauf mithilft oder mit anfasst, wenn Bierkästen ins Büdchen geschleppt werden müssen, könnte Wagner gar nicht bezahlen. Nicht bezahlbar ist für sie aber auch das Gefühl: „meine eigene Chefin zu sein und nur zu machen, was ich machen will.“ Sie lächelt: „Natürlich macht man nicht nur, was man will. Denn irgendwann möchte man ja auch mal Geld verdienen.“ Und so hält sie ihr Büdchen an schönen Sommertagen auch schon mal bis 23 Uhr offen oder macht erst gar nicht auf, wenn es stürmt und regnet und sowieso keiner kommt.

Wagener hat den Vorteil, dass sie mit ihrer Familie in einem Haus, gleich hinter ihrem Büdchen wohnt. Auch das kleine Bootshaus, das zum Büdchen am Leinpfad gehört und einige Ruderboote beherbergt, kann sie schnell aufsperren, wenn ein Paddler ablegen will. Im Sommer sind höchstens drei oder vier Urlaubstage an der See drin. „Mehr können wir uns nicht leisten. Denn im Sommer machen wir den meisten Umsatz. Dafür gönnen wir uns in der Winterpause schon mal einen Skiurlaub“, erzählt Wagener. Denn zwischen November und Februar bleibt das Büdchen am Leinpfad geschlossen.

Dabei stellt Wagener fest, „dass unsere Winterpause kürzer geworden ist, weil die Tage im Herbst, Winter und Frühjahr wärmer geworden sind.“ Früher, so weiß sie aus der Geschichte, wurden im Büdchen am Leinpfad sogar Schlittschuhe ausgeliehen, wenn die Ruhr im Winter zugefroren war. Doch diese Zeiten sind ebenso Vergangenheit, wie jene, in denen neben Getränken, Snacks und Süßigkeiten auch Zigaretten verkauft wurden.

Nur ungern erinnert sich Wagener an die Einbrecher, die nach erfolgloser Suche nach Zigaretten und Geld Mitte der 70er Jahren die gesamte Trinkhalle abbrannten oder an den betrunkenen Mann, der unweit des Büdchens in die Ruhr fiel und später nur noch tot geborgen werden konnte.

Da erinnert sie sich schon lieber an den Boxer, der eines Tages durch das eine Fenster ins Büdchen hinein und aus dem anderen wieder heraussprang und dabei eine Spur der Verwüstung hinterließ.

Dieser Text erschien am 25. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 1. Mai 2015

Eine Stütze der Freiheit: Vor 70 Jahren wagten die Mülheimer Gewerkschaften den demokratischen Neuanfang

Hunger, Not und das schwere Erbe von Diktatur und Krieg standen vor 70 Jahren Pate, als Gewerkschafter den demokratischen Neuanfang wagten.

„Als 1890 in Mülheim zum ersten Mal der Tag der Arbeit gefeiert wurde, mussten Arbeiter, die an der Maikundgebung teilnahmen, damit rechnen, auf eine schwarze Liste gesetzt zu werden und ihre Arbeit zu verlieren“, erinnert DGB-Geschäftsführer Dieter Hillebrand an die Anfänge der Arbeiterbewegung. Als Gewerkschafter, wie Heinrich Melzer, Friedrich Müllerstein, Heinrich Pütz oder Johann Doetsch nur wenige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 Kontakt zur Mülheimer Militärregierung aufnehmen, um mit ihren Vertretern über den Aufbau einer freien Gewerkschaftsbewegung und deren Ziele zu sprechen, wissen sie, was Verfolgung bedeutet.

Hinter ihnen lagen zwölf Jahre Nazi-Diktatur, in denen es keine freien Gewerkschaften, sondern nur eine staatlich gelenkte Deutsche Arbeitsfront gab. Heinrich Melzer, der zum ersten DGB-Vorsitzenden in Mülheim gewählt wird, wurde von den Nazis mehrfach inhaftiert. Andere Gewerkschafter, die vor 1933 kommunalpolitisch aktiv waren, wie Willi Müller, Fritz Terres, Otto Gaudig, Paul Meister oder Hans Kaiser mussten ihren Widerstand gegen Hitler mit dem Leben bezahlen.

Noch im April 1945 rufen die ehemaligen Gewerkschafter, zu denen auch Ernst Tommes, Kurt Thierbach, Willi Zimbehl oder Heinrich Gröscher gehören, eine antifaschistische Bewegung ins Leben. Sie beziehen im ehemaligen Haus des christlichen Metallarbeiterverbandes an der Bahnstraße und in einer Baracke an der Ruhrstraße ihr Quartier, organisieren Betriebsversammlungen und formulieren ihre politischen Ziele.

Die Arbeiter sollen in den demokratisch geführten und kontrollierten Betrieben mitbestimmen und die Schlüsselindustrien sozialisiert werden. Außerdem sprechen sich die Gewerkschafter der ersten Stunde für die Bildung von Kontrollausschüssen aus, die dafür sorgen sollen, alle aktiven Nazis aus den Führungspositionen in Wirtschaft, Verwaltung, Schule und Presse zu entfernen. Neben dem parteilosen Heinrich Melzer, der von 1922 bis 1933 die Geschäfte der Deutschen Arbeiterunion geführt hatte, wurden der Sozialdemokrat und vormalige Sozialdezernent Ernst Tommes und der christliche Gewerkschafter und Journalist Johann Doetsch zu den führenden Köpfen der neuen Gewerkschaftsbewegung, zu der auch Kommunisten, wie Friedrich Müllerstein gehörten.

Am 5. Juni 1945 gab die neue britische Militärregierung, die die Amerikaner in Mülheim abgelöst hatte, bekannt: „Freie Gewerkschaften werden zugelassen, Jedoch muss deren Tätigkeit mit demokratischen Mitteln ausgeführt werden. Die Gewerkschaften sollen nicht nur in beruflichen, wirtschaftlichen und sonstigen Aufgaben tätig sein, sondern auch die Erziehung des deutschen Volkes in freiheitlicher Lebensgestaltung und demokratischem Gedankengut fördern.“

Als 1500 Männer und Frauen unter dem Vorsitz von Heinrich Melzer am 12. August 1945 im Speldorfer Tengelmann-Saal den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) aus der Taufe hoben, beschwor Ernst Tommes das neue Prinzip der Einheitsgewerkschaften, indem er bei der Versammlung feststellte: „Wir wollen alle arbeitenden Menschen zusammenfassen, um ohne parteipolitische Bindung für die Zukunft aller arbeitenden Menschen einzutreten und die große Not zu beseitigen.“ Die Gewerkschaften wollten sich, anders, als vor 1933 nicht mehr parteipolitisch aufspalten.

Neun Monate später folgten 10.000 Mülheimer dem Aufruf zur Maikundgebung 1946. Die fand damals an der Südstraße statt und forderte (so aktuell, wie heute) „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.“

Dieser Text erschien am 29. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung