Dienstag, 30. Juni 2015

Die Bücher werden bei Seite gelegt: Eine Schülerumfrage zum Schuljahresende

Ein Wandgemälde aus der Karl-Ziegler-Schule

Eines ist allen 20.666 Schülern in Mülheim gemeinsam, die Vorfreude auf die Sommerferien. Denn mit dieser Woche geht das Schuljahr 2014/15 zu Ende. In diesem Schuljahr haben 5400 Kinder eine Grundschule besucht. 668 Jugendliche lernten in einer Hauptschule und 2052 Jugendliche an einer Realschule fürs Leben. 4601 Mädchen und Jungen besuchten ein Gymnasium und 3707 eine Gesamtschule. 3716 junge Erwachsene lernten ausbildungsbegleitend an einer Berufsschule und 522 Jugendliche besuchten eine Förderschule.

In der letzten Woche des ablaufenden Schuljahres ging die NRZ selbst noch einmal in die Schule suchte das Gespräch 15 Jahre jungen Neuntklässlern des Karl-Ziegler-Gymnasiums um. Ihre Antworten auf die Fragen:

Was lief in diesem Schuljahr besonders gut? Was lief nicht so gut? und: Was hast du dir für die Ferien und das kommende Schuljahr vorgenommen, zeigen: Wenn es gut geht, kann Schule wirklich Spaß machen. Sie ist aber auch oft mit mehr Arbeit und Zeitdruck verbunden, als sich das manche Erwachsene, die keine schulpflichtigen Kinder haben und deren Schuljahre schon länger zurückliegen vorstellen können. Kein Zweifel: Das Abitur in 8 statt in 9 Schuljahren hat das Lernen nicht leichter gemacht.

Gut und besser gelaufen als im Schuljahr davor ist bei Furkan Ayan der Chemieunterricht. Seine neue Chemielehrerin macht es möglich. „Sie kann gut erklären und macht viele Experimente. Da komme ich besser mit“, freut sich Furkan. Nicht gut lief es für ihn dagegen der Physikunterricht. In Physik steht er jetzt zwischen 4 und 5 und damit zwischen Hoffen und Bangen. Fürs nächste Schuljahr hat er sich vorgenommen, „mich früher in Unterrichtsthemen einzuarbeiten, damit ich das Abi schaffe.“

Gut fand Aleyna Sözere an diesem Schuljahr, „dass sich die Freundschaften, die ich in meiner Klasse gefunden habe, weiter vertieft haben.“ Sie fand es toll, mit ihren Freundinnen ihre Freizeit zu gestalten oder gemeinsam zu lernen und dabei „als die angenommen zu werden, die man ist.“
Geärgert hat sie sich über aus ihrer Sicht manche ungerechte Note, die ihre Anstrengungen nicht genug würdigte. In den Ferien lernt sie nicht, will aber im nächsten Jahr gut mitarbeiten.

Gut gefallen haben Julia Nawrocka vor allem die Mittagspausen mit ihren Freundinnen, „in denen wir essen, reden und unsere Freizeit planen konnten.“ Froh ist sie dagegen, dass mit dem Schuljahr für sie der wahnsinnig anstrengende Physikunterricht mit seinen vielen Formeln vorbei ist. Damit hat sie sich schwer getan, aber am Ende eine Drei geschafft. Jetzt freut sie sich auf den Besuch bei ihrer Großmutter in Polen. Im neuen Schuljahr will sie sich mündlich mehr am Unterricht beteiligen.

„Das ist gut gelaufen“, sagt Henri Gossens mit Blick auf seine guten und sehr guten Noten in Deutsch, Mathe, Englisch und Französich. Spannend fand er auch sein Betriebspraktikum bei Siemens. Dort hat er an einen Elektromotor mitgebaut. Sein Misserfolgserlebnis war eine Vier minus im Physiktest. In den Ferien will er nur ausspannen, um dann im kommenden Schuljahr noch aufmerksamer mitarbeiten zu können. Sein Ziel ist das Abitur und ein anschließendes Ingenieursstudium.

Im Rückblick auf das ablaufende Schuljahr erinnert sich Ciara Zieren gerne an viele gute Noten und eine spannende Projektarbeit in den Fächer Englisch und Geschichte. Sie produzierte einen kleinen Film zum Thema Vietnamkrieg. Als unangenehm empfindet sie, „dass die Schule für mich oft stressig ist, weil ich mich selbst zu sehr unter Druck setze.“ Deshalb hat sie sich für das nächste Schuljahr vorgenommen, „entspannter an die Schule heranzugehen und mir auch mal eine Auszeit zu gönnen.“

Dass sich sein verstärktes Vokabellernen im Fach Englisch mit einer von Befriedigend auf Gut verbesserten Note ausgezahlt hat, freut Robert Tewes ganz besonders. Das motiviert ihn auf diesem Wege weiter zu gehen. Interessant und ansprechend fand er auch die physikalische Lerneinheit über den Aufbau von Atomkraftwerken. Geärgert hat er sich über die Flüchtigkeitsfehler, die ihm bei Mathearbeiten unterlaufen sind. Jetzt freut er sich auf einen Urlaub mit seiner Großmutter in Cuxhaven.

Oliver Urban freut sich vor allem darüber, dass er im Fach Mathematik „durch mehr mündliche Beteiligung und Gruppenarbeit mehr Spaß am Unterricht bekommen hat und so meine Noten verbessern konnte.“ Was ihn nervt ist die Stundenorganisation und die Tatsache, dass er aufgrund des Ganztagsuntterichtes auch in Freistunden das Schulgelände nicht verlassen darf. Jetzt freut er sich auf einen Urlaub an der polnischen Ostsee.

Meine Noten haben sich verbessert“, freut sich Letizia Di Santo im Rückblick auf das ablaufende Schuljahr. Es hat sich ausgezahlt, dass sie sich auf Klassenarbeiten gut vorbereitet und sich öfter im Unterricht gemeldet hat. Schade findet sie, dass ihr der Ganztagsunterricht zu wenig Zeit für Freunde und Familie lässt. Ihr Ziel ist ein gutes Abitur, anschließend studieren und dann Journalistin oder Ärztin werden.

Gerne erinnert sich Koray Uzun an die gemeinsame Rudertour, die er in diesem Schuljahr mit seinen Klassenkamerraden auf der Ruhr unternehmen konnte. „Das hat die Kontakte zwischen den Mitschülern vertieft“, freut sich Uzun. Spannend fand er auch sein Betriebspraktikum bei der Rheinsch Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW. Im kommenden Schuljahr möchte er besser vorbereitet in den Unterricht gehen.

Eine gelungene und mit Sehr Gut bewertete Bio-Projektarbeit zum Thema Hören und Lärm, für die sie recherchieren und experimentieren musste, war für Chiara Schneid das Erfolsgerlebnis dieses Schuljahres. Eine Vier in Französisch sieht sie als ihren größten Misserfolg. Die Sprache hört sich in ihren Ohren schön an, liegt ihr aber nicht. Jetzt freut sie sich erst mal auf einen Italien-Urlaub mit ihrer besten Freundin.

Eine gute Klassengemeinschaft und entspannende Mittagspausen haben Fatima Zahra Gassa in diesem Schuljahr besonders gut gefallen. Geärgert hat sie sich über manche Note, die aus ihrer Sicht unfair war, weil sie ihre persönlich Leistung und Arbeit nicht angemessen bewertete. Im kommen Schuljahr will sie mehr Ordnung halten und „nicht mehr alles auf den letzten Drücker erledigen.“ Doch jetzt freut sie sich erst mal auf einen vierwöchigen Urlaub und Familienbesuch in Marokko.

Nach dem er in den Fächern Deutsch und Biochemie einen Blauen Brief bekam, hat sich Cedric Ramirez auf die Hinterbeine gesetzt und so manches seiner geliebten Tischtennisturniere ausfallenlassen. Es hat sich gelohnt Jetzt hat er in beiden Fächern befriedigende und ausreichende Noten erreicht. Von manchen Lehrern würde er sich wünschen, dass sie keine Schüler bevorzugen und alle gleich behandeln. Jetzt freut er sich erst mal auf seinen Urlaub bei den Großeltern in Portugal.

Sebastian Todica hat sich in diesem Schuljahr über seine neue Biologielehrerin gefreut, „weil sie sehr fair benotet und viele Experimente macht, so dass mir der Unterricht mehr Freude macht.“ Nicht so zufrieden war er mit seinen Noten im Fach Französisch. Deshalb will er sich im kommenden Schuljahr nicht nur in diesem Fach mehr am Unterricht beteiligen und sich öfter melden, um insgesamt bessere Noten zu bekommen. Doch jetzt freut er sich erst mal auf einen Urlaub in der Türkei.

Merve Nur-Arslan hat sich nicht nur darüber gefreut, dass sie sich durch eine mündliche Englisch-Prüfung um eine ganze Note auf Drei verbessern konnte. Toll findet sie auch die gute Klassengemeinschaft, aus der niemand ausgeschlossen wird. Nicht so angenehm war für sie der Stress, um in den Fächer Geschichte, Politik und Chemie in den grünen Bereich zu kommen. Im nächsten Schuljahr möchte sie von Anfang an mehr am Ball bleiben, um erst gar nicht mehr in Verlegenheit zu kommen.

Dieser Text erschien am 24. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 24. Juni 2015

Den Handwerks-Bäckereien und Fleischereien weht der rauhe Wind des Wettbewerbs ins Gesicht: Nur Qualität kann das wirtschaftliche Überleben sichern

Mülheim liegt im Bundestrend, wenn es um den Bestand von Bäckerei- und Fleischereibetrieben geht nach Angaben der Fleischerinnung Essen-Mülheim ist die Zahl der Mülheimer Metzgereien seit 1995 von 23 auf zehn zurückgegangen. Der Bäckereiinnung Rhein-Ruhr liegen zwar nur Vergleichszahlen für den Zeitraum seit 2004 vor. Doch auch aus ihnen ergibt sich eine Halbierung der Betriebe von zwölf auf sechs. Was sind die Gründe für diese Entwicklung und wie können Betriebe vielleicht gegensteuern?

Bäckermeister Gerd Broehenhorst und Fleischermeister Frank Nieß haben den Eindruck, dass der Niedergang der inhabergeführten Fachgeschäfte ihrer Branche mit der Ausweitung der Öffnungszeiten begonnen hat. „Heute können Sie in jedem Supermarkt oder Discounter Backwaren kaufen. Die Leute gehen immer mehr in die Zentren und weniger in die Stadtteile. Deshalb können kleine Bäckereien in Randlagen heute kaum noch mithalten“, erklärt der Bäckermeister, der in Mülheim vier Filialen und einen Marktstand in der City betreibt.

„Mein Vater öffnete seinen Laden noch zwischen 8 und 13 Uhr sowie von 15 bis 18 Uhr. Heute müssen wir unser Geschäft durchgehend von 6.30 Uhr bis 18.30 Uhr öffnen und anschließend zwischen 20 und 21 Uhr noch mit unserem Partyservice unterwegs sein, um wirtschaftlich gut über die Runden zu kommen“, beschreibt Nieß die Entwicklung. Längst gehören nicht nur Fleisch und Wurst, sondern auch fertig zubereitete Menüs zum Angebot seiner Metzgerei

Dieser Mehraufwand ist natürlich nicht ohne mehr Personal- und Geldeinsatz zu leisten.

Frank Nieß, der den Heißener Familienbetrieb mit seinem Bruder Heinz-Günter führt und 36 Mitarbeiter beschäftigt, geht von einem Personalkostenanteil jenseits der 40 Prozent aus. Bäckermeister Broehenhorst und Fleischermeister Nieß sehen aber auch mit Blick auf die Maschinen einen steigenden Investitionsbedarf, der viele kleine Betriebe finanziell an ihre Grenzen bringt. Ein Backofen für die Bäckerei schlägt mit 70 000 bis 80 000 Euro und eine Fleischzerkleinerungsmaschine mit rund 60 000 Euro zu Buche.

„Wenn der Mann nicht in der Backstube und die Frau im Laden steht, braucht man schon einen Jahresumsatz von rund 500 000 Euro, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen“, glaubt Broehenhorst.

„Es wird zwar immer schwieriger“, räumt Nicole Jakob ein. Sie betreibt mit ihrem Mann Thomas die Saarner Dorfmetzgerei und beschäftigt 30 Mitarbeiter. Dennoch ist sie zuversichtlich, dass „auch künftig einige Fleischereien überleben werden, wenn sie ihren Kunden eine besondere Fleischqualität anbieten, die einen höheren Preis rechtfertigt“. Wie ihre Heißener Kollegen setzen die Jakobs auf Fleisch aus artgerechter und regionaler Tierhaltung. Außerdem betreiben sie in Selbeck eine eigene Rinderzucht.

Gerd Broehenhorst, der vier Bäckermeister, sieben Gesellen und einen Konditor beschäftigt, hat seine Qualitätsnische im Bereich der Bio- und Vollwertbackwaren gefunden. Sein Bäckerkollege Peter Hemmerle, der mit seinem Bruder Bernd 13 Filialen betreibt und 150 Menschen beschäftigt, setzt auf eine Mischung aus Qualität, Nähe, regionalen Produkten, Service und Flexibilität. „Betriebe dürfen nicht an ihren Standorten kleben. Sie müssen diese immer wieder überprüfen und nötigenfalls auch verändern“, betont Hemmerle.

Das Hauptproblem sieht er darin, „dass die Zahl der Mülheimer Einwohner gesunken, aber die Flächen mit Lebensmitteleinzelhandel gewachsen sind und so ein Überangebot entstanden ist.“

Denn Supermärkte und Discounter sieht er neben den Billigbäckern als Hauptkonkurrenten des Backhandwerkes, weil sie vor allem Brot und Brötchen verkaufen, und damit in dem Sortiment aktiv sind, das den Handwerksbäckereien den größten Gewinn bringt.

Dabei steht für Fleischermeister Frank Nieß fest, dass der Fleisch- oder Backwareneinkauf im Supermarkt oft mehr der Bequemlichkeit als der Sparsamkeit geschuldet ist. „Denn auch dort bekommt man nichts geschenkt. Und jenseits der Sonderangebote ist der Preisunterschied oft gar nicht so groß“

Dieser Text erschien am 28. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 23. Juni 2015

Modernes Leben im alten Fachwerkhaus an der Ruhr: Ein Besuch bei Annette und Wolfgang Kamieth

Mein Gott, was haben Sie es hier schön.“ Diesen Satz hören Annette und Wolfgang Kamieth immer wieder, wenn Spaziergänger vor ihrem Fachwerkhaus am Leinpfad verweilen. Auch Kaufangebote bekommen sie öfter. Doch die lehnen sie immer dankend ab. Denn dafür gefällt es ihnen in ihrem Häuschen an der Ruhr, in dem sie gemeinsam alt werden wollen, selbst viel zu gut.

Dass unser Haus so viele Menschen anspricht und auch die meisten Kinder ein Fachwerkhaus malen, wenn sie ein Haus zeichnen sollen, ist nicht verwunderlich. Denn Fachwerkhäuser entsprechen mit ihrer ganzen Gliederung und Maßstäblichkeit der Urform des menschlichen Wohnens“, findet Architekt Wolfgang Kamieth.

Die treibende Kraft für den Einzug in das 1784 erbaute Haus, in dem früher Schmiedemeister und Schiffer mit ihren Familien gelebt haben, war seine Frau Annette. „Meine Großmutter hat in einem Fachwerkhaus gelebt und dort auch einen kleinen Lebensmittelladen betrieben. Das hat mich schon als Kind fasziniert, weil das so gemütlich und so heimelig war. Da war einfach Leben drin. Seit dieser Zeit wollte ich auch selbst in einem Fachwerkhaus leben“, erinnert sich Annette Kamieth.
Bei ihrem Mann rannte sie mit diesem Wunsch offene Türen ein. Denn der war als junger Architekt mit der Wiederherstellung einer alten Arbeitersiedlung beauftragt und seit dem zu einem Fan historischer Bausubstanz geworden. „Über Jahre haben wir immer wieder nach einem geeigneten Objekt gesucht, aber die meisten Häuser waren entweder zu weit weg oder unbezahlbar“, erinnert sich Kamieth.

Doch dann bot sich plötzlich eine Lösung vor der eigenen Haustür. Denn gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Dudels stand ein altes und buchstäblich in die Jahre gekommenes Schifferhaus, in dem zuletzt eine alte Dame gelebt hatte. Von ihren Kinder bekamen die Kamieths das Haus zum Kauf angeboten.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick“ erinnern sie sich an die Zeit der Kaufentscheidung im Frühjahr 1988. Denn als Architekt und Farbgestalterin, die sich beruflich mit der Planung und Gestaltung von Wohngebäuden befassen, ahnten sie, was auf sie zukommen würde.

Wir mussten das Haus in enger Abstimmung mit den Denkmalschützern von der Haustür bis zu den Dachziegeln völlig neu aufbauen, weil gut 70 Prozent des Eichenholzfachwerkes morsch waren“, erzählt Wolfgang Kamieth. Durch Zufall stießen seine Frau und er bei einem Spaziergang durch Ratingen auf die Fachwerkhausbaustelle einer Marburger Zimmerei, die sie für ihren Um- und Neubau gewinnen konnten. Die baute das gesamte Fachwerk ab, nummerierte alle Balken, transportierte sie nach Marburg, um dort neue Eichenholzbalken nach den historischen Vorlagen zu fertigen.

Zwischenzeitlich bekamen die Kamieths besorgte Anrufe ihrer Bank, weil ihr Kreditberater bei einem Spaziergang an der Ruhr plötzlich kein Fachwerkhaus mehr sah. Denn mit den Balken waren auch die ebenfalls maroden Lehmbausteine des alten Hauses verschwunden. Nichts mehr da, nur das Grundstück. Doch dann kamen die Zimmerleute aus Marburg zurück und bauten das gesamte Fachwerk nach historischem Vorbild, ganz ohne Stahl und dafür mit Holznägeln verbunden binnen einer Woche am alten Standort wieder auf. Als gelernter Schreiner übernahm Kamieths Vater die Bauleitung vor Ort.

In ihren regelmäßigen Baubesprechungen rangen die Kamieths den Denkmalschützern Kompromisse an den modernen Wohnkomfort ab. In die das Tageslicht brechenden Sprossenfenster wurde schalldämmendes Isolierglas und in den bisher durchgängigen Dachstuhl Dachgauben eingesetzt, um dort mehr Tageslicht hineinzubekommen. In den alten Bruchsteinkeller des Hauses wurde eine wasserdichte Betonwanne eingesetzt, um bei Ruhrhochwasser keine nassen Füsse zu bekommen. Und nicht zuletzt aus energetischen Gründen ersetzte man Lehm und Rohrgeflecht durch Ziegelbausteine, die mit Kalkmörtel geweißt wurden und so das neu aufgerichtete Fachwerkhaus im besten Sinne wieder alt aussehen ließen.

Wer das alte und zugleich neue Haus betritt, erlebt einen überraschenden, aber interessanten Kontrast. Das alte Fachwerkhaus von anno 1784 ist ausgesprochen modern, schlicht und zugleich stilvoll eingerichtet. „Wir leben zwar in einem Denkmal, aber als Architekt und Farbgestalterin leben wir auch immer mit der Veränderung“, sagt die für dieses Innenleben verantwortliche Annette Kamieth. Während sich im Erdgeschoss die im ehemaligen Kohlenlager untergebrachte Küche und die Wohnräume befinden, betritt man unter dem Dach erstaunlich helle und geräumig anmutende Büroräume, die mit einer kleinen Dachterrasse über der Küche abschließen. Denn die Katmieths leben nicht nur in ihrem Haus, sondern sie arbeiten auch dort. „Wir leben unseren Beruf“, sagt Annette Kamieth.

Das ehemalige Rasenstück auf der Leinpfadseite haben sie in eine geschmackvolle Terrasse mit Kübelpflanzen umgestaltet. Hecke und Zaunanlage schützen sie vor neugierigen Blicken vom zunehmend stark frequentierten Leinpfad, der nicht immer ein ruhiges Pflaster an der Ruhr ist. Natürlich müssen die Bewohner eines alten Fachwerkhauses auch Kompromisse machen. Eine Gesamtfläche von 160 Quadartmetern verteilt sich auf eineinhalb Stockwerke. Das Ess- und Wohnzimmer im Erdgeschoss ist mit seinen 40 Quadratmetern der mit Abstand größte Raum des Hauses. Und auch wenn Annette Kamieth versichert, „dass die Sonneneinstrahlung aufgrund der Südwestlage manchmal so stark ist, dass wir die Fensterläden schließen müssen, ist es an diesem Vormittag im Erdgeschoss des Hauses auch nicht übermäßig hell. Doch das tut dem modernen Wohnkomfort im alten Fachwerkhaus keinen Abbruch. Und man glaubt es den Kamieths sofort, wenn sie versichern: „Wir kommen immer wieder gerne nach Hause.“

Zahlen und Fakten zum Denkmalschutz


In Mülheim gibt es derzeit 907 Baudenkmäler und 1260 Häuser, die unter Denkmalschutz stehen. Die Zahlendifferenz ergibt sich daraus, dass Siedlungen, wie der Kirchenhügel, die Mausegatt-Siedlung, die Papenbusch-Siedlung oder die Siedlung auf der Heimaterde als ein zusammenhängendes Baudenkmal betrachtet werden.

Ob ein Haus unter Denkmalschutz gestellt wird, bestimmt das beim Landschaftsverband Rheinland angesiedelte Rheinische Amt für Denkmalpflege auf der Basis des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen. Dort heißt es im § 2 (Absatz 1): „Denkmäler sind Sachen, Mehrheiten von Sachen und Teile von Sachen, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen bedeutend für die Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sind und für die Erhaltung und Nutzung künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder städtebauliche Gründe vorliegen. Die Vorschriften des Landschaftsgesetzes bleiben unberührt.“

Vor Ort kontrolliert die beim Stadtplanungsamt angesiedelte Untere Denkmalbehörde die Einhaltung der Denkmalschutzauflagen. Dabei geht es um die identitätsstiftenden Merkmale eines Gebäudes, wie Baumaterialien, Fassaden, Dachflächen sowie Tür- und Fensteröffnungen.


Anders, als noch im Jahr 1988 bekommen Hauseigentümer für denkmalschützende Baumaßnahmen heute keine finanzielle Förderung von Stadt oder Land. Sie haben aber auf der Rechtsgrundlage des § 40 (Denkmalschutzgesetz NRW) die Möglichkeit, ihre Baukosten steuermindernd geltend zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass die Baumaßnahmen abgeschlossen sind und das Haus in die Denkmalliste eingetragen wurde. Nur dann kann die Untere Denkmalbehörde in Abstimmung mit LVR-Amt für Denkmalpflege eine entsprechende Bescheinigung ausstellen.

Dieser Text erschien am 2. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. Juni 2015

Leben und Wohnen so normal wie möglich: Ein Besuch bei der "Viererbande" in einer WG der Lebenshilfe


Zu Hause bei den Eltern oder im Heim. Das war früher die Wohnalternative für Menschen mit geistiger Behinderung. „Matthias und ich wollten etwas anderes, ein Leben, so normal und so selbstbestimmt wie möglich“, erinnert sich die ehrenamtliche Vorsitzende der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Ulrike Stadelhoff, an das Jahr 2006. Damals überlegte sie zusammen mit ihrem geistig behinderten Sohn Matthias, wie und wo er in Zukunft wohnen wollte und sollte. Schon während seiner Zeit in der Förderschule an der Rembergstraße hatten der heute 29-jährige Matthias und seiene ebenfalls geistig behinderten Schulfreunde Christoph Sachse und Kerstin Kübel die Idee, später in einer Wohngemeinschaft zusammenleben zu wollen.

Schon bei Klassenfahrten und Sommerfreizeiten der Lebenshilfe hatten sie das ausprobiert und für gut befunden. Aus der Idee wurde Wirklichkeit, weil ihre Eltern genau so wie Matthias und Ulrike Stadelhoff dachten. „Das war viel Arbeit, die uns aber auch bis heute miteinander verbindet“, erinnert sich Ulrike Stadelhoff an die Zeit, als die Eltern mit Unterstützung der Lebenshilfe erst mal ein geeignetes Wohnquartier finden mussten. Als es mit einem Reihenhaus an der Meidericher Straße in Styrum gefunden worden war, musste über mehrere Wochen kräftig angefasst werden, um Haus und Garten bewohnbar zu machen. Am 1. Oktober 2006 war es so weit. Matthias, Christoph und Kerstin konnten in ihr neues Zuhause einziehen. Später kam dann mit Nicole Clemens eine vierte Bewohnerin in die neue WG der Lebenshilfe.

Wer die Viererbande, so nennen sie sich selbst, besucht, betritt ein ganz normal eingerichtetes Reihenhaus. Im Keller findet man eine Waschküche, einen Vorratsraum und einen Partykeller. Im Erdgeschoss bilden die Küche mit einer Durchreiche zum Wohn- und Esszimmer eine großzügige und gemütliche Raumeinheit. Von dort aus tritt man auf eine kleine Terrasse mit einem ebenfalls kleinen Garten. „Die Blumen hier gießen die Bewohner selbst. Auch beim Waschen, Putzen, Kochen oder Gemüseschnibbeln hilft jeder nach seinen Möglichkeiten mit. Denn Selbstständigkeit ist hier das A und O“, erzählt Heilerziehungspfleger Thomas Weiser. Er ist einer von vier Betreuern, die dafür sorgen, dass die geistig behinderten Bewohner der WG im Haus an der Meidericher Straße rund um die Uhr eine Alltagsassistenz an ihrer Seite haben. Obwohl Weiser auch die Arbeit in größeren Wohngruppen kennt, möchte er die familiäre Atmosphäre in der Lebenshilfe-WG nicht mehr missen: „Wenn die Bewohner zufrieden sind, bin ich auch zufrieden“, lautet sein Arbeitscredo.

Donnerstags und freitags kaufen dieb Bewohner und ein Betreuer gemeinsam ein. Und am Sonntag plant man die gemeinsamen und individuellen Aktivitäten der kommenden Woche. Mal besucht man ein Fest, ein Fußballspiel, ein Rockkonzert, eine integrative Disco oder man geht gemeinsam ins Kino. In dieser Woche steht unter anderem der Besuch eines Basketballturniers auf dem Programm, an dem Nicole, von ihren Mitbewohnern angefeuert, selbst teilnehmen wird.

Nicole und Christoph gewähren dem Besucher von der NRZ Einblick in ihre Zimmer im zweiten Stock. Im Treppenhaus geht es an Urlaubsfotos vorbei. Zuletzt war die WG auf Malloraca. Auch Hamburg und Holland wurde schon vereist. Stolz präsentiert Nicole ihre schickes Klappbett, das sie aus einer großen Schrankwand holt und ihren Talker. In das kleine Gerät kann man Sätze eintippen und je nach Bedarf über ein Display anzeigen oder mit eine elektronischen Stimme aussprechen. Das hilft der 29-Jährigen, die unter einer Redeflussstörung leidet, bei der Kommunikation. Auch Christoph, dessen etwa 15 Quadratmeter großes und mit Bett, Schrank und Sesseln eingerichtetes Zimmer seine Leidenschaft für Puzzle und Fußball verrät, spricht nur selten und wenn, dann auch nur einzelne Worte oder Sätze. Über seinem Bett hängen selbst gemalte Bilder und einige Familienfotos.

Zurück am Esstisch im Erdgeschoss, verraten die zwischen 27- und 29 Jahre jungen Bewohner dem Zeitungsmann, dass bei ihnen nicht nur Pommes, Pizza und Schnitzel auf den Tisch kommen, sondern dass sie alle echte Obst- und Gemüsefans sind. Nur Nüsse kommen nicht auf den Tisch. Denn auf die reagiert Kerstin allergisch.

Während die Bewohner ihr Frühstück und ihr Abendessen mit Hilfe ihres Betreuers, der sein Schlaf- und Arbeitszimmer ganz oben unter dem Dach hat, zubereiten, essen sie mittags in der Kantine ihres gemeinsamen Arbeitgebers, den beschützenden Werkstätten der Theodor-Fliedner-Stiftung Christoph arbeitet dort in der Küche und Nicole in der Elektrowerkstatt. Matthias, der sich sehr geschickt mit einer Buchstabentafel verständigen kann und Kerstin, die sich mit Lauten und Gebärden ausdrückt, werden im Betreuungs- und Förderbereich beschäftigt. Ihr Arbeitstag beginnt jeweils um 7.30 Uhr. Um 15.30 Uhr ist Feierabend. Dann geht es nach Hause oder auch zu einer Sport- oder Freizeitgruppe.

Ehe Matthias das Pressegespräch mit der Feststellung: „Jetzt habe ich aber Hunger beendet“ und nach einem kurzen Blick auf den Arbeitsverteilungsplan in der Küche das große Tischdecken beginnt, erzählen die Bewohner dem Pressemann noch, dass sie abends gerne Karten, Memory oder mit ihrer gemeinsamen Playstation spielen. Und würde einer der Viererbande vielleicht doch lieber wieder zu Hause wohnen? Christoph und Matthias bringen es unter dem zustimmenden Gelächter ihrer Mitbewohnerinnen auf den Punkt: „Nein, danke. Hier geht es uns doch gut, auch wenn wir hier mehr arbeiten müssen, als zu Hause.“

Zahlen und Fakten


Folgt man den Angaben des Gesundheitsamtes und des statistischen Landesamtes IT NRW, so leben und wohnen rund 17 200 schwerbehinderte Menschen in Mülheim. Das sind etwas mehr als zehn Prozent der Stadtbevölkerung.

Rund 2300 von ihnen haben eine geistige oder seelische Behinderung. Doch, dieses Handicap bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auf ein weitgehend selbstständiges und selbstbestimmtes Leben verzichten müssen. Wie das funktionieren kann, zeigt der Besuch in der Lebenshilfe-WG an der Meidericher Straße in Styrum.

Da ihre vier Bewohner alle eine Pflegestufe haben, wird ihr gemeinsames Wohnen nicht nur über ein persönliches Budget des Landschaftsverbandes, sondern auch durch Leistungen aus der Pflegeversicherung finanziert. Würden sie, wie 34 andere Menschen mit geistiger Behinderung in einer der drei Wohngruppen der 1997 eingerichteten Lebenhilfe-Wohnstätte am Springweg leben, müsste der zu 90 Prozent von seinen Mitglieds-Gemeinden und zu zehn Prozent vom Land NRW finanzierte Landschaftsverband die Kosten ihrer Unterbringung alleine tragen. In der Wohnstätte kümmern sich 25 qualifizierte Mitarbeiter um die Betreuung der Bewohner.

Je nach Hilfebedarf liegen die persönlichen Budgets WG-Bewohner pro Monat zwischen 2000 und 3500 Euro. Abhängig von der jeweiligen Pflegestufe kommen pro Monat und Bewohner zwischen 468 und 1612 Euro hinzu.

Mit jeweils rund 50 Euro finanziert der Landschaftsverband die Fachleistungsstunden, die die als Sozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Heilerziehungspfleger qualifizierten Betreuer der Lebenshilfe leisten, um stadtweit 40 Menschen mit geistiger Behinderung zu betreuen, die selbstständig in einer Wohnung leben. Deren Miete wird durch das Sozialamt finanziert. Hierbei handelt es sich aber um vergleichsweise selbstständige und leistungsfähige Klienten, die einen Betreuungsbedarf haben, der sich zwischen einer und elf Stunden pro Woche bewegt.

In einer mietfreien SWB-Wohnung an der Hingbergstraße betreibt die 1963 gegründete Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und die 1983 eröffnete Förderschule für Menschen mit geistiger Behinderung an der Rembergstraße seit 2008 eine sogenannte Probewohnung, in der Remberg-Schüler jeweils für vier Wochen unter qualifizierter Anleitung lernen können, was man können und worauf man achten muss, wenn man selbstständig wohnen will.

Weitere Informationen zum Thema gibt es bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung unter: www.lebenshilfe-muelheim.de im Internet oder telefonisch unter der Rufnummer
0208-40 99 58 0.
 
Dieser Text erschien am 19. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 19. Juni 2015

Wer liest, blickt durch: Einsichten und Ansichten des Bibliothekars Wolfgang Jordan

Als Bibliothekar reicht es nicht, nur Bücher zu lieben und sich ansonsten hinter seinem Schreibtisch zu vergraben. Man muss auch ein bisschen extrovertiert sein. Denn wir machen das ja hier nicht für die Bücher oder für uns selbst, sondern für die Menschen, die zu uns kommen.“ So beschreibt Bibliothekar Wolfgang Jordan sein Berufscredo. Der 64-Jährige, der inzwischen stellvertretender Leiter der Stadtbücherei ist, muss es wissen. Seit 37 Jahren kennen die Nutzer der Stadtbibliothek den gebürtigen Berliner als den freundlichen Mann von der zentralen Information, obwohl das nur ein Teil seiner Arbeit ist.

Nicht so freundlich ist er zu Bibliothekskunden, die sich den Bücherregalen mit Döner und Hamburgern nähern, mit dem Handy telefonieren und so tun, als seien die anderen Bibliotheksgäste gar nicht da oder an den öffentlichen Internetarbeitsplätzen laut vor sich hin schimpfen, weil die Filtersoftware der Stadtbücherei den Zugang zu bestimmten Internetseiten blockiert. Die liebsten Büchereibesucher sind ihm dagegen die, die mit einer ganz bestimmten Passion zu ihm kommen. Da ist zum Beispiel der Mann, der immer alles über Indianerstämme in Nordamerika wissen möchte. Dann nehmen sich Bibliothekskunde und Bibliothekar Zeit für die Literaturrecherche und die eine oder andere Fachsimpelei, „vor allem, wenn der Mann seine Frau zu Hause gelassen hat.“

Die Faszination für den amerikanischen Westen kann Jordan nachvollziehen. Seit er 1989 mit seiner Frau und Berufskollegin Barbara dort zum ersten Mal war, hat ihn „die Weite des Landes nicht mehr losgelassen.“ Einen Sonnenuntergang auf den Colorado-Plateau in Utah zu erleben ist für ihn, „wie ein Gottesdienst.“ Schon lange, bevor er den Westen der USA als Tourist bereiste, entdeckte er ihn als jugendlicher Leser „durch die gigantische Erzählkunst Karl Mays.“

Auch wenn der Bibliothekar, der früher für die Literaturrecherchen dicke Bibliografien wälzen musste, mit Blick auf seinen Computerbildschirm manchmal das Gefühl hat, „dass wir uns heute nur noch durchs Leben googlen“, möchte er auch der jungen Generation, die in ein digitales Informationszeitalter hineinwächst, weiterhin das für ihn sinnliche Erlebnis gönnen, mit gedruckten Büchern ein Stück von der Welt zu entdecken.

Deshalb findet er es auch gut, dass Kinder, die sich in der Stadtbücherei anmelden, nur einen einmaligen Beitrag von drei Euro bezahlen müssen, „um die Hürden auf dem ersten Weg zur Bibliothek gering zu halten.“ Und deshalb bedauert er es auch, dass der normale Jahresbeitrag für die Nutzung der Stadtbücherei auf 20 Euro angestiegen ist. „Als ich 1978 hier anfing, galt noch der Grundsatz: Die Bibliothek muss für alle kostenlos nutzbar sein“, erinnert sich Jordan. Damals gehörten Bücher, Gesellschaftsspiele, Zeitungen und Zeitschriften, Langspielplatten und Musikkassetten zum Bestand der Bibliothek. Von Manga-Comics, Konsolenspielen, Musik- und Film-DVDs oder der Online-Ausleihe elektronischer Bücher war noch keine Rede. Und statt in Online-Katalogen wurde in Bibliografien oder Zettelkästen recherchiert. „Als wir 2009 mit der Bibliothek vom Rathausmarkt ins neue Medienhaus am Synagogenplatz umzogen, haben wir zwei Drittel unseres alten Magazins ausgemustert oder verkauft, weil vieles, was früher an wissenschaftlicher Literatur zwischen Buchdeckeln oder Zeitschriftenblättern gedruckt wurde, heute online im Internet zu finden ist“, beschreibt Jordan den Wandel im Bibliothekswesen.

Der politisch interessierte Jordan, der über viele Jahre für das sozial- und rechtswissenschaftliche Lektorat der Stadtbücherei verantwortlich war, bedauert es sehr, „dass die Nachfragen nach wissenschaftlicher Literatur in den letzten Jahren stark nachgelassen hat.“ An diesem Trend ändern auch die Schüler und Studenten nichts, die die Stadtbücherei gerne als Arbeitsplatz nutzen und Jordans Recherchehilfen für ihre Seminararbeiten zu schätzen wissen. Kriminal- und Fantasy-Romane, Kinder- und Jugendliteratur, Ratgeber oder Film- und Musik-DVDs quer durch den Garten sind heute die Ausleihfavoriten. „Nicht jedes Buch macht klüger. Es ist auch viel Mist auf dem Markt“, sagt Jordan mit einem Lächeln. Dennoch „geht es uns in Mülheim mit einem jährlichen Ankaufetat von 210 000 Euro noch rosig, wenn man weiß, dass die Bochumer Stadtbibliothek in diesem Jahr gar keinen Etat für die Ankäufe neuer Medien hat.“ Dennoch sieht er auch in Mülheim einen finanziellen Abwärtstrend: „Als ich hier vor 37 Jahren anfing, war unser Ankaufetat noch doppelt so hoch wie heute und die Einkaufspreise für die Medien lag bei etwa der Hälfte des heutigen Niveaus.“

Dieser Text erschien am 6. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 12. Juni 2015

Bunt oder zu bunt? An einer neuen Sperrklausel für die Kommunalwahlen scheiden sich im Rat der Stadt die Geister

Auch Mülheims Rat ist bunter geworden, seit das Landesverfassungsgericht 1999 die 5-Prozent-Hürde kippte, die Parteien bis dahin überwinden mussten, um ins Stadtparlament einziehen zu können. Doch schon bei der nächsten Kommunalwahl 2020 könnte die Sperrklausel wiederbelebt werden. Der Landtagsabgeordnete Heiko Hendriks (CDU) geht davon aus, dass SPD und CDU mit Unterstützung der Grünen nach der Sommerpause einen entsprechenden Gesetzentwurf in den Landtag einbringen werden. Mit Blick auf die Funktionsfähigkeit des Rates hält er eine 2,5-Prozent-Hürde für sinnvoll und rechtlich vertretbar. „Die Bürger erwarten von ihren Ratsmitgliedern Entscheidungen. Es kann nicht sein, dass die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker immer mehr Zeit für die Mehrheitsfindung aufwenden müssen. Wenn zu viele Partikularinteressen in den Rat einziehen, lähmt das den demokratischen Entscheidungsprozess“, betont Hendriks.

Mülheims SPD-Fraktionsgeschäftsführer Claus Schindler und sein CDU-Amtskollege Hansgeorg Schiemer argumentieren ähnlich. „Wir sind eindeutig für eine Sperrklausel, weil sie die Mehrheitsfindung erleichtert und die Ratsarbeit effizienter machen würde. Hinzu kommt, dass die ehrenamtlichen Einzelkämpfer im Rat, die keine Fraktionsinfrastruktur im Rücken haben, oft überfordert sind und die Ratsarbeit deshalb auch nicht weiter gebracht haben“, betont Schindler. Und Schiemer weist darauf hin, dass die Ratsfraktionen von SPD und CDU bereits im Dezember 2014 an die Landtagsfraktionen appelliert hätten, eine Sperrklausel von mindestens drei Prozent zu schaffen. „Eine Sperrklausel fördert klare Mehrheitsverhältnisse und lässt Wähler darüber nachdenken, ob sie ihre Stimme wegwerfen sollen. Das Fehlen einer Sperrklausel kann dagegen zum Einfallstor für extremistische Gruppen werden“, meint der Christdemokrat.

Anders, als ihre Landespartei, wollen die Grünen im Rat den Status quo beibehalten. „Jede Stimme sollte zählen, sobald ein Ratsmandat erreicht ist“, findet ihr Fraktionsgeschäftsführer Jürgen Pastowski. Die aktuelle Situation im Rat empfindet er als „nicht unkomfortabel“ und betont: „Mehrheiten finden sich immer. Man muss sie nur suchen.“

Eine Sperrklausel wäre in den Augen von Hasan Tuncer, der mit 632 Stimmen ein Ratsmandat für das Bündnis für Bildung gewonnen hat, „antidemokratisch und ein Zeichen dafür, dass sich die großen Parteien gegenüber dem Wählerwillen abschotten wollen.“ Er sieht gerade die kleinen Bürgerbündnisse und Wählergruppen „als Garanten für mehr Transparenz in der Kommunalpolitik“ und weist darauf hin, „dass wir viele Bürger mobilisieren konnten, die vorher gar nicht mehr wählen gegangen sind, weil sie in den etablieren Parteien, die auch stark von der Landes- und Bundesebene beeinflusst werden, keine Alternative sahen.“ Tuncer geht davon aus, dass eine kommunale Sperrklausel vor Gericht keinen Bestand haben wird.

Auch für den Piraten-Ratsherrn Carsten Trojahn steht fest. „Wer eine Sperrklausel will, wirft Wählerstimmen weg und fördert die Demokratiemüdigkeit.“


Aktuell gehören dem Rat der Stadt Mülheim 17 Sozialdemokraten, 15 Christdemokraten, sechs Grüne, fünf Vertreter der Mülheimer Bürgerinitiativen, drei Liberale, zwei Vertreter der Alternative für Deutschland (AFD), zwei Fraktionslose und je ein Vertreter der Piratenpartei, des Bündnisses für Bildung und des Bündnisses Wir aus Mülheim (WIR) an.

Dieser Text erschien am 3. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 5. Juni 2015

Was darf die Demokratie kosten? oder: Welche Rolle spielen Parteispenden für die Mülheimer Parteien?

Man kann nicht nur für den Kinderschutzbund oder den Tierschutzverein, sondern auch für eine politische Partei spenden. Es gibt in diesem Land Menschen und Unternehmen, die tun das reichlich und nicht immer ganz uneigennützig. Deshalb fordert der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow, dass niemand in Deutschland pro Jahr mehr als 50.000 Euro an eine Partei spenden darf, um keinen zu großen Einfluss auf deren Politik zu erlangen. Parteispenden zu begrenzen ist für ihn eine vertrauensbildende Maßnahme mit Blick auf parteienverdrossene Bürger.

Wie halten es vor diesem Hintergrund die Mülheimer Parteien mit Parteispenden? „Ich habe mir noch keine dezidierte Meinung zu dem Vorschlag meines Fraktionskollgens gebildet“, sagt der Mülheimer SPD-Bundestagsabgeordnete Arno Klare, betont aber die Notwendigkeit von Parteispenden.

Seine Bundestags-Kollegin Astrid Timmermann-Fechter lehnt eine Begrenzung von Parteispenden ab, „weil das ein Eingriff in das persönliche Selbstbestimmungsrecht ist und jeder selbst entscheiden soll, weshalb und warum er welcher Partei wie viel spenden möchte.“ Sie glaubt, dass „nur ein intensiver Dialog zwischen Abgeordneten und Bürgern und nicht die Begrenzung von Parteispenden einer Entfremdung von Parlament und Bürgerschaft vorbeugen kann.“

Bevor Klare 2013 in den Bundestag einzog, führte er 15 Jahre lang die Geschäfte des Mülheimer SPD-Unterbezirks. „Ich hatte es damals in der Regel mit dreistelligen Spendenbeträgen einzelner Personen zu tun“, erinnert sich Klare. Diesen gleichbleibenden Trend bestätigt auch seine Nachfolgerin Yvonne Hartig: „Wir hatten in den letzten beiden Jahren keine Großspenden. Die meisten Spender kommen aus der Genossenschaft, wobei die Aufmerksamkeit für das, was die Partei tut und finanziell braucht, in Wahljahren immer größer ist“, unterstreicht Hartig, „Auch wir bekommen in der Regel nur dreistellige Spendenbeträge von Privatpersonen, die unsere Politik gut finden“, unterstreicht CDU-Parteigeschäftsführer Thomas Mehlkopf-Cao. „Manchmal kommt es aber auch vor, dass diese Sympathisanten und Spender auch Unternehmer sind und ihre Spende aus dem eigenen Betriebsvermögen entnehmen“, ergänzt Mehlkopf-Cao.

Ähnlich stellt sich die Situation für den Schatzmeister der FDP, Joachim Hoffmann, dar. „Große Spenden gehen in der Regel an die Landes- oder Bundespartei“, betont er. Hoffmann und seine CDU-Amtskollege Werner Oesterwind machen übereinstimmend die Erfahrung, „dass die Spenden in Wahlkampfjahren ansteigen, wenn man den Leuten konkrete Projekte anbieten kann.“

Diese Erkenntnis kann auch der Parteigeschäftsführer der Grünen, Reiner Neumann, unterstreichen. „Wir haben keine reichen Gönner. Wenn wir Spenden bekommen, dann kommen diese meistens aus den Reihen unserer politisch aktiven Mitglieder. Deshalb sind wir als kleine Partei mit derzeit 105 Mitgliedern auch ganz besonders auf die freiwilligen Spenden unserer Mandatsträger angewiesen“, sagt Neumann.

Genauso sieht es bei den Mülheimer Bürgerinitiativen (MBI) aus, die vor allem mit Hilfe der freiwilligenden Spenden ihrer Mandatsträger Rücklagen bilden, um in Kommunalwahljahren ihre Wahlkampfkosten bezahlen zu können. „Unser letzter Kommunalwahlkampf hat uns rund 17?000 Euro gekostet“, berichtet der MBI-Ratsherr Hans-Georg Hötger. Er kennt eigentlich nur einen externen Spender, der die MBI einmal pro Jahr mit einer Spende von 200 Euro unterstützt. „Dann schlagen wir einen Purzelbaum“, scherzt Hötger.

„Wenn wir Spenden bekommen, dann kommen sie nur aus dem Kreis unserer rund 60 Mitglieder und zehn Fördermitglieder. Von außen bekommen wir derzeit keine Spenden“, berichtet AFD-Ratsherr Lutz Zimmermann.

Grundsätzlich weisen die befragten Ortsparteien darauf hin, dass sie neben externen Spenden und Mitgliedsbeiträgen vor allem auf die Spenden ihrer Mandatsträger angewiesen sind, um nicht nur ihren Wahlkampf, sondern auch den Bürobedarf, den Druck von Informationsmaterial, die Mieten für ihre Geschäftsstellen und die Gehälter für ihre Mitarbeiter zu bezahlen.

Während die Grünen ihren Geschäftsführer in Mülheim zu 100 Prozent aus eigenen Mitteln bezahlen, wird die Geschäftsführerin der SPD, Yvonne Hartig, von der Landespartei bezahlt. Das gilt auch für ihren CDU-Kollegen Thomas Mehkopf. Dafür müssen SPD und CDU aber auch rund 80 bis 90 Prozent der Mitgliedsbeiträge an ihre Landes- und Bundesparteien abführen. Außerdem trägt die Mülheimer CDU rund 50 Prozent des Gehaltes ihres Parteigeschäftsführers.

Zahlen und Fakten:


SPD:
Jährliches Spendenvolumen 50.000 Euro. Die 17 Ratsmitglieder und 18 Bezirksvertreter spenden 30 Prozent ihrer Aufwandsentschädigung.

CDU:
Jährliche Spenden zwischen 40.000 und 50.000 Euro. Die 15 Ratsmitglieder und 17 Bezirksvertreter spenden 25 Prozent ihrer Aufwandsentschädigungen.

FDP:
Jährliche Spenden 2000 bis 5000 Euro. Jeweils drei Mandatsträger im Rat und in den Bezirksvertretungen spenden 30 Prozent ihrer Aufwandsentschädigungen (rund 12?000 Euro pro Jahr). Hinzu kommen Mitgliedsbeiträge von rund 10?000 Euro pro Jahr.

Grüne:
Spenden im Jahr 2013: 2900 Euro. 2014: 900 Euro. Mitgliedsbeiträge: 13?100 Euro (2013) und 12?600 Euro (2014). Sechs Rats- und sieben BV-Mitglieder spenden 75 Prozent ihrer Aufwandsentschädigungen. Das waren 2013 rund 44?000 Euro und 2014 rund ?43?000 Euro.

AFD:
2014 Spenden von rund 5000 Euro. 2 Rats- und 3 BV-Mitglieder spenden 20 Prozent ihrer Aufwandsentschädigungen.

MBI:
Die Mitglieder zahlen monatlich einen Beitrag von 3 bis 6 Euro. Die 4 Ratsmitglieder und 5 Bezirksvertreter spenden dem Bündnis ein Drittel ihrer Aufwandsentschädigungen. Externe Spenden: Jährlich rund 200 Euro.

Mitglieder:
SPD 2000, CDU 700, Grüne 105, FDP: 127, MBI 90, AFD 60.

Aufwandsentschädigung: Monatlich Rat: 347 + 17,80 Euro pro Sitzung; BVs: 183 bis 209 Euro.

Dieser Text erschien am 21. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung