Freitag, 31. Juli 2015

12 Uhr in Heißen: Von der Landbürgermeisterei zum Stadtteil mit regem Marktleben

Ein Hingucker am Fünter Weg aus dem Baujahr 1911

Der Sonnenschein begleitet auch den Rundgang durch den Heißener Ortskern. „Der Wochenmarkt hat das Stadtteilzentrum seit Mitte der 90er Jahre nachhaltig belebt, Das ist inzwischen ein echter Treffpunkt für alle Generationen“, freut sich Bezirksbürgermeister Arnold Fessen.

Um diesen Effekt zu verstärken, denkt man in Heißen derzeit darüber nach, auf dem Parkplatz neben der Sparkasse am Heißener Markt einen Neubau mit einer Gastronomie zu errichten. Keine Freude haben Fessen und seine Heißener Mitbürger an den Zeitgenossen, die sich regelmäßig ab den Nachmittagsstunden am Heißener U-Bahnhof treffen und dort gemeinsam über den Durst trinken. Als echten „Schandfleck für Heißen“ empfindet er ein seit mindestens zehn Jahren unbewohntes und zusehends verwahrlosendes Haus am Frohnhauser Weg 38. „Doch die Stadt kann den privaten Eigentümer des alten Hauses zu keinen Renovierungsmaßnahmen zwingen, solange die Verkehrssicherheit nicht gefährdet wird“, schildert der Bezirksbürgermeister das Grundproblem.

Wichtige Baustellen sieht er auch an der Yorckstraße mit Blick auf das 40 Jahre alte Friedrich-Wennmann-Bad und das seit etwa 15 Jahren ungenutzt brach liegende Areal der ehemaligen Straßenmeisterei. „Doch die Stadt müsste diese Gelände erst einmal von seinem jetzigen Eigentümer, der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben erwerben, um es einer alternativen Nutzung zuführen zu können“, berichtet Fessen.

Nach seiner Ansicht könnte der Stadtteil durchaus eine Altentagesstätte oder ein Jugendzentrum in der Ortsmitte oder auch eine generationsübergreifende Mischung aus beidem gebrauchen.

Angesichts eines Investitionsbedarfes von zehn Millionen Euro, die das Friedrich-Wennmann-Bad bräuchte, um auf den neuesten technischen Stand gebracht zu werden, überlegen Stadt und Politik, ob ein Neubau langfristig günstiger sein könnte. Die Kostenschätzungen hierfür schwanken zwischen 11,4 und 14,3 Millionen Euro. 15?500 Badegäste, allein im Juni, zeigen, dass das kombinierte Hallen- und Freibad gebraucht wird. Mit Blick auf den RSV-Sportplatz an der Paul-Kosmalla-Straße, auf dem künftig neuer Wohnraum und Grünflächen entstehen sollen, werden bei Stammgast Helmut Stöckel Jugenderinnerungen aus den 50er Jahren wach. „Damals kamen sonntags 8?000 bis 11.000 Zuschauer, wenn die Feldhandballer des Rasensportvereins um die Deutsche Meisterschaft spielten“, erzählt er.


Dieser Text erschien am 21. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 30. Juli 2015

12 Uhr mittags in Saarn: Ein Hauch von Beschaulichkeit

12 Uhr und die Sonne lacht. Ideale Bedingungen für einen Rundgang durch das Saarner Dorf. Mit dabei sind Hans-Theo Horn von den Saarner Klosterfreunden und Friedrich-Wilhelm von Gehlen, aktives Mitglied der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn-Broich und des Stammtisches Aul Ssaan. Beide sind in Saarn geboren und mit dem Stadtteil eng verbunden. Beide sind am Klostermarkt zur Schule gegangen und können sich noch an die Zeiten erinnern, als es dort auf dem Schulhof nach Konfessionen getrennte Toiletten gab. Heimat ist eben da, wo die eigenen Erinnerungen sind, die man mit anderen teilen kann. Horn (Jahrgang 1941) hat sich in den 70er und 80er Jahren bei der Restaurierung des Saarner Klosters einen Namen als „Klosterbruder“ gemacht. Gehlen (Jahrgang 1946) lädt regelmäßig zum Saarner Dorfrundgang ein, engagiert sich mit anderen Mitgliedern für die offene Dorfkirche und verkörperte früher zusammen mit dem 2003 verstorbenen Walter Ferschen und heute zusammen mit seinem Stammtischbruder Hermann-Josef Hüßelbeck die mit dem kölschen Duo Tünnes und Schäl vergleichbaren Saarner Originale Jan und Hinnerk. Gleich zum Auftakt des Rundgangs gibt von Gehlen, alias Hinnerk, ein klassischen Dialog der beiden Stadtteiloriginale zum Besten: „Jan, wie bist du auf die andere Seite der Kölner Straße gekommen? Ganz einfach, ich bin hier geboren!“ Tatsächlich hat die in den 30er Jahren ausgebaute und stark befahrene Straße den alten Saarnern nicht nur einen Teil ihres Klosters, sondern auch etwas von der dörflichen Beschaulichkeit ihres Ortskernes genommen.

Dieser Text erschien am 13. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 29. Juli 2015

12 Uhr miitags in der Altstadt: Ein Stadtteil-Rundgang



Blick aus dem Petrikirchenhaus



12 Uhr mittags in der Altstadt und gefühlte 35 Grad im Schatten. Trotzdem treffen sich Uwe Baumann, Rolf Schulze, seine Frau Annette, Friedhelm Bschor und Peter Schroer, seine Frau Wibke und ihr Sohn Marvin am Kortum-Brunnen vor der Petrikirche, um ihr Wohnquartier im historischen Herzen der Stadt zu präsentieren.

Alle engagieren sich im Verein Pro Altstadt. Uwe Baumann ist außerdem in der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde aktiv. Er führt die Gruppe unter anderem zum Tersteegen-Gedenkstein hinter der Petrikirche.

Der Mystiker und Menschenfreund Tersteegen („Ich bete an die Macht der Liebe“) und der Schöpfer der urkomischen Jobsiade rund um den faulen Theologiestudenten Hieronimus Jobs waren während des 18. Jahrhunderts Nachbarn in der heutigen Altstadt, obwohl sie als Menschen in unterschiedlichen Welten lebten. Das Gefühl, in eine ganz andere Welt einzutauchen, hat man schon, wenn man mit den Schroers und Uwe Baumann in die wunderschönen Gartenhöfe am Hagdorn und an der Kettwiger Straße eintritt, die man beim ersten Blick auf die historischen Hausfassaden nicht erkennen kann. Was beim Rundgang auffällt, sind die liebevoll gestalteten Blumenkübel, mit denen sehr viele Altstadtbewohner vor ihren Häusern auf dem Kopfsteinpflaster grüne Akzente setzen. „Das ist hier, wie ein Dorf in der Stadt. Wir haben hier eine ausgeprägte Nachbarschaft, in der jeder jedem hilft“, betont Rolf Schulze. „Hier wohnt man sehr ruhig und entspannt und ist gleichzeitig mitten in der Stadt“. freut sich Peter Schroer.

Besonders freuen sich die Altstadtbewohner, dass Muhrenkamp, Hagdorn und Kettwiger Straße Ende Juli zur Fußgängerzone werden.


Dieser Text erschien am 6. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 28. Juli 2015

So gesehen: Schaut den Kindern zu

Manche Großen meckern, dass es in der Innenstadt nichts zu sehen gebe und es nicht vorangehe. Die kleinen Innenstadtbesucher aus der Kindertagesstätte Bäreninsel, die ich neulich bei ihrem Wandertag in der Innenstadt traf, sahen das anders. Sie waren offensichtlich hellauf begeistert von den vielen Dingen, die sie auf der Schloßstraße zu sehen bekamen Spring- und Spielbrunnen. Bäckereien und Eisdielen, Cafés und riesige Bäume in Metallkübeln oder ein Mobile im Schaufenster einer Apotheke.

Ob solcher unverbrauchten Begeisterung, wie sie wohl nur Kinder ausstrahlen können, war auch der alte Mülheimer, der manchmal kritisch auf sein Wohnumfeld schaut, in dem er aufgewachsen und in dem sich mit den Jahren so viel (nicht nur zum Vorteil) verändert hat, plötzlich begeistert. Solch kindliche Begeisterung entspringt wohl der Gnade der späten Geburt. Sie kann die früher Geborenen aber auch dazu inspirieren, scheinbar Altbekanntes neu zu betrachten und so neu zu entdecken. Vielleicht hilft ein bisschen kindliches Gemüt, auch länger ja auch alten Hasen dabei, jung zu bleiben.

Dieser Text erschien am 27. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. Juli 2015

Der Mann in der Kirchenbank hinten links

Küster Harald Helming-Arnold in der Petrikirche

„Früher bin ich nicht regelmäßig zur Kirche gegangen“, gibt Harald Helming-Arnold zu. Doch das änderte sich im Oktober 2007 schlagartig. Denn damals wurde der heute 56-jährige Familienvater von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde als Küster und Hausmeister angestellt. Seit dem vergeht kaum ein Gottesdienst, an dem Helming-Arnold nicht hinten links in der Petrikirche sitzt. Denn von dort aus sind es nur drei Schritte bis zu dem Raum unter der Orgelempore, in dem sich die computergesteuerte Ton- und Lichtanlage des über 750 Jahre alten Gotteshauses befindet.
Nicht nur Ton- und Lichttechnik muss der gelernte Gas- und Wasserinstallateur im Griff haben. Auch kleinere Reparaturen, etwa an Kirchenbänken, Lichtkabeln, Registerknöpfen und Regenrohren, das regelmäßige Reinigen und Lüften der Kirche sowie die kontinuierliche Bau- und Sicherheitsinspektionen sind des Küsters tägliches Brot.

„Nach jedem Unwetter gehe ich aufs Kirchendach und schaue nach, ob noch alles dicht ist und nachts muss ich auch schon mal raus, wenn es sich allzu lautstarke und gesellige Biertrinker vor der Kirche gemütlich machen“, erzählt Helming-Arnold.
Steht in der Petrikirche ein Konzert oder die Aufführung einer Kinderoper an - und das kommt etwa 15 Mal pro Jahr vor - ist der Küster als Bühnenbauer und Bänkerücker gefragt. Auch für Brautleute. Die besprechen technische Einzelheiten ihrer Trauung und des anschließenden Umtrunks. Wo kann man wie viele Sitzgarnituren aufstellen und lässt sich die Baustelle am Petrikirchenhaus an diesem Tag mit Planen verhüllen? Helming-Arnold verspricht, sich zu kümmern und alles rechtzeitig ins Werk zu setzen. Das versuchte er auch vor zwei Jahren, als er in der Kirche von einer Leiter stürzte, weil er einem Brautpaar ein Steckdosenkabel durchs geöffnete Kirchenfester auf den Vorplatz werfen wollte.

Die Folge war ein Trümmerbruch im rechten Arm. Einen kleinen Teil der Stahlplatte, die ihm später aus seinem Arm geholt wurde, trägt er heute als Glücksbringer an seinem Schlüsselanhänger.
„Anfangs war das für mich ein Job, weil ich nicht auch noch mit 60 bei Wind und Wetter auf Baustellen herumhängen wollte. Aber inzwischen ist es für mich ein Beruf geworden, den ich lebe. Denn anders geht es nicht“, schildert Helming-Arnold seinen inneren Wandel. Denn als Küster sorgt er nicht nur in und rund um die Petrikirche für einwandfreie Technik, Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit. Er ist auch Ansprechpartner für Menschen, die in die Kirche oder zu ihm an die Haustür kommen, weil sie in materieller oder seelischer Not sind. „Viele Leute schellen bei mir an, weil ich gleich neben der Kirche wohne und sie denken, dass ich der Pfarrer bin.“ So weit geht Helming-Arnolds Dienstauftrag nicht, aber mit Rückendeckung der Gemeindepfarrerin Karla Untershansberg hat er Zugriff auf einen kleinen Feuerwehrtopf der Gemeinde und kann, wenn Not am Mann ist, mit Lebensmitteln oder dem Geld für eine Fahrkarte aushelfen.

„Die Zahl der Menschen, die an die Kirchentüren klopfen, weil sie Hilfe brauchen, hat in den letzten Jahren zugenommen“, stellt der Küster fest. Oft kann er den Hilfesuchenden den Weg zu den professionellen Krisenmanagern des Diakonischen Weges aufzeigen.

Doch manchmal kann er auch einfach nur zuhören und sein Mitgefühl ausdrücken, wenn ihm etwa ein Kirchenbesucher erzählt, dass er seine Frau und sein Kind verloren habe. Das wäre auch für den Ehemann und Vater einer erwachsenen Tochter das denkbar größte Unglück, das ihm widerfahren könnte. Angesichts solcher Schicksalschläge relativieren sich die Ärgernisse eines Küsterlebens, wie ein eingeworfenes Kirchenfenster oder eine gestohlene Bronzetafel am Turmeingang der Petrikirche oder das regelmäßige Entsorgen von Bierflaschen, Pommestüten und Pizzapappen rund um das Gotteshaus, das für alle Mülheimer das Wahrzeichen ihrer Stadt ist.

Das er manchmal keine 15 Minuten, sondern eine Stunde braucht, um beim Bäcker in der Innenstadt seine Brötchen zu kaufen, weil ihn so viele Menschen ansprechen und sich mit ihm über Gott und die Welt unterhalten wollen, zeigt dem spät berufenen Küster und Hausmeister der Petrikirche, „dass meine Arbeit geschätzt wird und das ich in einem sozialen Beziehungsnetzwerk geborgen bin, das über unsere Kerngemeinde hinaus geht.“

Diese Lebenserfahrung macht Harald Helming-Arnold sehr dankbar und zufrieden.

Dieser Text erschien am 25. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 23. Juli 2015

Mülheim: Immer eine Reise wert - Auch in der Ruhrstadt ist Tourismus ein Wirtschaftsfaktor

Die Weiße Flotte: Seit 1927 ein touristisches Higlight

Sommerzeit ist Ferienzeit. Beim Thema Urlaub denken die Meisten an Mallorca und Co. Doch auch in Mülheim kann man Urlaub machen. „Es ist nicht so, dass die Leute ein oder zwei Wochen Ferien in Mülheim machen würden. Die meisten Touristen kommen für ein zwei oder drei Tage in die Stadt“, erklärt die Geschäftsführerin der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismus-Gesellschaft MST, Inge Kammerichs.

Als Hauptanziehungspunkte nennt sie den Ruhrtalradweg, die Müga, die Ruhr mit der Weißen Flotte und die interaktiven Museen Aquarius, Haus Ruhrnatur und Camera Obscura, die als Teil der Route der Industriekultur zusammen mit den anderen Revierstädten im Rahmen der Ruhr-Tourismus-GmbH vermarktet werden. „Mülheim hat da ein riesiges Potenzial“, betont Kammerichs mit Blick auf den Tourismusmarkt für Kurzzeit-Urlauber. Im letzten Jahr registrierte die MST immerhin 153.000 Übernachtungen, rund 4000 mehr als im Jahr zuvor.

„Die freizeittouristischen Übernachtungen machen davon nur etwa 15 Prozent aller Übernachtungen aus“, räumt Kammerichs ein. Allerdings hat das an der Fachhochschule Westküste in Heide ansässige Institut für Freizeit und Management bei einer von der MST in Auftrag gegebenen Studie herausgefunden, dass jährlich rund 3,2 Millionen Tagestouristen nach Mülheim kommen, die im Durchschnitt knapp 41 Euro in der Stadt ausgeben. Davon profitieren vor allem Geschäftsleute und Gastronomen. Aber auch große Ausstellungen, wie die 2014 im Museum Alte Post gezeigte August-Macke-Ausstellung. Sie zog Besucher aus ganz Deutschland nach Mülheim. Allein die MST konnte in diesem Zusammenhang rund 160 Ausstellungspakete, inklusive Hotel-Übernachtung und Ausstellungseintritt verkaufen.


Bei Familien, Freundeskreisen und Kollegen sind auch Tagesreisen, inklusive einer Paddeltour de Ruhr mit dem Wikingerschiff Müwi sehr gefragt. Sie wurden im letzten Jahr allein rund 300 Mal gebucht.

Apropos Paket- und Pauschalangebote. Derzeit arbeiten die MST und ihre Partner in der Ruhrtourismus GmbH an einer Internetplattform, die es erlaubt nicht nur Hotelübernachtungen, sondern auch ganze Reisepakete online zu buchen. Die neue Internetplattform soll ab Frühjahr 2016 einsatzbereit sein. „95 Prozent der Touristen buchen inzwischen online“, beschreibt Kammerichs den Trend.

Neben einer breiten Vernetzung im Netz, setzt die MST bei der Mülheimer Tourismuswerbung natürlich auch weiterhin auf gedruckte Broschüren und Flyer, die ihre Mitarbeiter zum Beispiel als Präsentations- und Informationsmaterial zu Tourismusmessen mitnehmen.

Regelmäßig sind sie auf entsprechenden Fachmessen, wie Camping, Motor und Tourismus in Stuttgart, auf der Reise- und Camping in Essen oder bei der Niederrheinischen Freizeitmesse in Kalkar präsent.

„Die meisten Touristen, die zu uns kommen, kommen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Baden-Württemberg. Außerdem konnten wir bei den Gästen aus den Niederlanden 2014 ein Plus von 22 Prozent verzeichnen“, berichtet MST-Mitarbeiter Marc Baloniak. Dass es vor allem viele Menschen aus Baden-Württemberg an die Ruhr zieht, ergibt sich, laut Baloniak, daraus, „dass früher viele Menschen arbeitsbedingt von Baden-Württemberg ins Ruhrgebiet gezogen sind und heute viele Menschen vom Ruhrgebiet nach Baden-Württemberg ziehen.“

Wer nicht aus freizeittouristischen, sondern aus dienstlichen Gründen, nach Mülheim kommt, weil er zum Beispiel an einem Fachkongress in der Stadthalle teilnimmt oder eine Messe in Essen oder Düsseldorf besucht, tut dies außerhalb der klassischen Ferienmonate Mai bis Oktober.

„Der Schwerpunkt liegt hier in den letzten vier Monaten des Jahres“, weiß Kammerichs. Ob Tourist oder Geschäftsreisender: Im Schnitt, so hat es die Studie der Tourismusforscher von der Westküste herausgefunden, gibt jeder Übernachtungsgast, der nach Mülheim kommt, täglich rund 176 Euro aus. Tourismus ist also auch in unserer Stadt ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor.


Dieser Text erschien am 2. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 22. Juli 2015

Ein Fall für Zwei: Nimet Karla und Paul Baning

Für die Meisten ist es ein stilles Örtchen, das sie noch einmal schnell aufsuchen, bevor sie den nächsten Zug nehmen. Für die 38-jährige Karla Nimet und den 50-jährigen Paul Baning ist es ihr Arbeitsplatz, die öffentliche Toilette im Hauptbahnhof.

Wenn man sie dort hinter der Kasse oder beim Durchwischen der Toiletten antrifft, machen sie einen zufriedenen Eindruck. Hygienebewusste Zeitgenossen, die beim Wort Bahnhofstoilette zusammenzucken, werden überrascht sein. Ob Fliesen, Waschbecken oder Toiletten: Alles sieht frisch, sauber und hell aus.

Dass das so ist, ist das Werk von Karla und Baning. Sie sorgen für ein stilles, sicheres und sauberes und sauberes Örtchen. Manchmal müssen sie dabei Handschuhe anziehen und ihren Ekel überwinden, weil manche WC-Nutzer, die offensichtlich nicht ganz sauber ticken. Karla und Baning nehmen es gelassen: „Das gehört zum Job. Da muss man durch“, sagen sie.

Einen Job zu haben, mit dem sie Geld verdienen können, ist für die alleinerziehende Mutter von drei Söhnen und den Familienvater einer Tochter und eines Sohnes keine Selbstverständlichkeit.

Beide haben lange von Arbeitslosengeld 2 gelebt und erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man zuhause sitzt und einem die Decke auf den Kopf fällt, weil der Arbeitsmarkt einen nicht braucht. „Wir können nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun. Wir wollen arbeiten und unser eigenes Geld verdienen, weil das unser Selbstbewusstsein hebt“, sind sich die beiden einig. „Jetzt kann ich endlich mal mit meiner Frau und meinen Kindern Essen gehen“, beschreibt Baning, was den Unterschied ausmacht, wenn man vom Hilfsempfänger zum Arbeitnehmer wird. „Es ist ein schönes Gefühl, wenn ich mich nach der Arbeit auf der Couch ausruhen kann und meine Kinder um mich habe“, erzählt Karla. Was sie sich mit ihrem verdienten Geld gönnen kann, fällt ihr nicht ein. Aber das sie ihren Söhnen ein Handy kaufen konnte und sie jetzt beim Einkauf nicht auf jeden Cent gucken muss, macht die Mutter stolz.

Natürlich gab es für Karla und Baning auch ein Berufsleben vor der Arbeitslosigkeit und dem Arbeitslosengeld 2. Sie hat als Hilfskraft in der Altenpflege und als Reinigungskraft gearbeitet, bevor sie ihre Arbeit verlor. Baning, der vor 13 Jahren aus Ghana nach Deutschland kam, um hier mit der Frau seines Herzens zu leben und eine Familie zu gründen, hatte in seiner afrikanischen Heimat als Buchhalter in einer Brotfabrik gearbeitet. Doch das war in Deutschland nicht möglich, weil er sich mit der deutschen Sprache schwer tut. So schlug er sich als Reinigungskraft und Zeitarbeiter durch. Doch irgendwann hatten Karla und Baning in der durchrationalisierten Arbeitswelt keinen Platz mehr. Doch dann holte sie die städtische Job-Service GmbH aus der Zwangspause heraus und vermittelte sie an die Stadtdienste der PIA-Stiftung, die zuverlässige Mitarbeiter für ihre saubere Dienstleistung im Hauptbahnhof suchte.

Natürlich kennen Baning und Karla die Leute, die ihre Nase rümpfen, wenn sie erfahren, dass sie in der Bahnhofstoilette, freundlich, zuverlässig und bestimmt ihren Mann und ihre Frau stehen. Solchen Spöttern sagen sie ganz selbstbewusst: „Was wollt ihr? Wir arbeiten auf ehrliche Weise für unseren Lebensunterhalt.“

Von ihren Kunden, die für den Besuch des stillen Bahnhofsörtchens 50 Cent bezahlen müssen, wenn sie nicht als Hilfeempfänger einen Mülheim-Pass vorweisen können, werden sie in 99 von 100 Fällen respektvoll und oft sogar dankbar behandelt.Wenn sie nicht gerade von ihrem Kollegen Christian Glöckner vertreten werden, arbeiten Karla und Baning werktags von 7 bis 19 Uhr, samstags von 7 bis 18 Uhr und sonntags von 9 bis 17 Uhr für alle Eiligen, die unter Druck stehen. Die Zahl der Menschen, die täglich bei ihnen Erleichterung suchen, schwankt zwischen 10 und 500. Geschäftige Anzugträger sind darunter, frustrierte Ehefrauen, die ihnen vom Stress mit ihrem Gatten berichten oder Obdachlose, die ziellos durch die Stadt streifen und sich manchmal auch an einer Flasche festhalten.

Dabei müssen sie sich an ihrem Arbeitsplatz auf unterschiedlichste Charaktere einstellen und auch dann ihre ruhige Freundlichkeit bewahren, wenn Kunden nicht einsehen wollen, dass der Besuch einer öffentlichenToilette, die für viel Steuergeld eingerichtet wurde, 50 Cent wert sein sollte. Gerne denken Baning und Karla an den Mann zurück, der ihnen freudestrahlend einen Blumenstrauß überreichte und feststellte: „Ich komme im Land viel herum und deshalb weiß ich, dass das hier die sauberste Bahnhofstoilette in NRW ist.“ Und auch wenn ihre Arbeitsstelle bei den PIA-Stadtdiensten zunächst nur auf ein Jahr befristet ist, leisten sie gute Arbeit und sind guter Hoffnung, dass es für sie weitergeht.


Dieser Text erschien am 19. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. Juli 2015

Ein neuer Mann für die Seelsorge: Christoph Pfeiffer

Pfarrer Christoph Pfeiffer

Neue Männer braucht die Kirche. Einer von ihnen ist Christoph Pfeiffer. Der evangelische Pfarrer aus Wuppertal schließt die Lücken, die das Ehepaar Jantzen in der Kirchengemeinde Broich-Saarn und Heike Rödder in der evangelischen Krankenhausseelsorge hinterlassen haben. „Das ist ja hier wie im Urlaub“, beschreibt der 50-Jährige seinen ersten Eindruck von Mülheim. Spaziergänge durch die Müga und an der Ruhr entlang haben ihn von Anfang an für die Stadt eingenommen, die nicht nur sein neuer Arbeitsplatz, sondern auch sein Wohnort und Lebensmittelpunkt werden soll. Der Wuppertaler steckt mitten im Umzug. „Das ist der absolute Horror“, gibt er zu und lächelt spitzbübisch. Das passt zu dem Gottesmann, der den Anspruch hat, ein fröhlicher Christenmensch zu sein und die Frohe Botschaft beim Wort zu nehmen. „Ich fühle mich von Gott gerufen, getragen und angenommen“, beschreibt er sein Credo.

Diese frohe Botschaft, die ihn stärkt, möchte er „auch anderen Menschen vermitteln.“ Dabei denkt er nicht nur an die Mitglieder seiner neuen Kirchengemeinde, denen er schon jetzt „eine vergleichsweise starke Bindung und Identifikation mit ihrem Glauben, ihrer Kirche, ihrer Gemeinde und ihren Pfarrern“ bescheinigt.

Doch spätestens, wenn er als Seelsorger im Evangelischen Krankenhaus von einem Zimmer zum anderen und von einer Station zur nächsten geht, um kranken und sterbenden Menschen beizustehen, spürt er, wie viele Menschen sich im Laufe ihres Lebens von der Kirche entfremdet haben. Dabei erlebt er immer wieder, wie sich aus einem ersten Smalltalk am Krankenbett ein tiefgründiges Gespräch über das Woher und Wohin des Lebens entwickelt. „Ich versuche den Menschen, mit denen ich spreche, deutlich zu machen, dass wir als Menschen nicht perfekt sind und auch nicht perfekt sein müssen und das unser Leben vom Anfang bis zu seinem Ende eine Baustelle ist.“ In diesem Sinne sieht der Pfarrer alle Menschen von Gott angenommen und zur Freiheit berufen, der oder die zu werden, die sie sind.“

Doch auch der fröhliche Gottesmann stößt mit seinem Gottvertrauen manchmal an Grenzen, wenn er etwa am Sterbebett eines 50-jährigen Familienvaters sitzt. Dann macht er immer wieder die Erfahrung, „dass Zeit haben, Zuhören und Schweigen die Hälfte unseres Berufes sind.“ Oft tröstet auch das gemeinsame Singen eines Liedes, wie: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag“ oder: „Herr, befiehl du deine Wege“ mehr als das gesprochene Wort.

Apropos Singen: Die Kulturarbeit im Evangelischen Krankenhaus begeistertPfeiffer. Und weil der Mann eine wohlklingende Tenorstimme hat, hat ihn die Kantorin des Krankenhauses, Petra Stahringer bereits in ihren Chor geholt. „Hier sieht man Talente und weiß sie auch zu nutzen“, freut sich der Theologe, der gerne liest und läuft.

Und was muss seine Kirche machen, damit ihr ihre Schäfchen nicht weglaufen?Pfeiffer sagt: „Wir dürfen uns als Pfarrer nicht nur ins Büro setzen oder darauf warten, dass die Leute in die Gottesdienste kommen. Wir müssen alle Barrieren abbauen und raus gehen, wo die Menschen sind. Hausbesuche, Schulgottesdienste, den Religionsunterricht, die Konfirmation, Taufen, Trauungen, Trauerfeiern und die damit verbundenen Seelsorgegespräche sieht er als zentrale Kontakt- und Anknüpfungspunkte.

Und wir müssen eine Sprache sprechen, die auch außerhalb der Kerngemeinden verstanden wird.“ Deshalb ist der Geistliche auch ins soziale Netzwerk Facebook eingetaucht, um für Jugendliche ansprechbar zu sein, die vielleicht den Rat eines Pfarrers suchen. Und tatsächlich erreichte ihn jüngst die Anfrage eines Jugendlichen, der ihn fragte, ob er seine sterbende Mutter besuchen könne. Pfeiffer ist hingegangen.


Christoph Pfeiffer wurde 1964 in Wuppertal geboren. Dort hat er zuletzt auch als Pfarrer gearbeitet. Der studierte Theologe und Soziologe war bisher nicht nur als Pfarrer und Krankenhausseelsorger, sondern auch als evangelischer Religionslehrer an einer katholischen Schule tätig. Neben Wuppertal gehörten auch Dormagen und Duisburg, wo er unter anderem mit Obdachlosen arbeitete, zu den Stationen seines bisherigen Berufslebens.

Dieser Text erschien am 17. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung


Sonntag, 19. Juli 2015

Warum Kirchen nicht gemeinsam nutzen: Ein Gespräch mit dem Stadtdechanten Michael Janßen

Michael Janßen

Michael Janßen bleibt für weitere sechs Jahre Stadtdechant. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bestätigte mit seiner Ernennung das Votum der katholischen Stadtkonferenz, der Priester, Laien und katholische Verbandsvertreter angehören.

Der 55-jährige Janßen ist seit 2004 Pfarrer der Stadtgemeinde St. Mariae Geburt, zu der seit 2006 auch die Heißener Gemeinde St. Joseph sowie die Filialkirchen Heilig Geist (Holthausen) und St. Theresia (Heimaterde) gehören. In der 2006 gebildeten Groß-Pfarrei leben rund 18.000 Katholiken. Als Stadtdechant ist der in Oberhausen geborene und 1985 zum Priester geweihte Janßen seit 2008 erster Repräsentant der rund 52.000 Mülheimer Katholiken.
Die katholische Stadtkirche und ihre drei Pfarrgemeinden sieht der alte und neue Stadtdechant vor weiteren Umstrukturierungen, „weil wir bis 2020 rund 30 Prozent und bis 2030 sogar 50 Prozent der Kirchensteuereinnahmen einsparen müssen, die uns jetzt noch zur Verfügung stehen.“ Nachdem die entsprechenden Pfarrkonferenzen und ein Treffen mit Vertretern der katholischen Jugend bereits stattgefunden haben, sollen nach den Sommerferien themenorientierte Arbeitsgruppen gebildet werden, die alle kirchlichen Arbeitsfelder unter die Lupe nehmen werden.
Damit werden die ersten Vorarbeiten für eine Neukonzeption der katholischen Stadtkirche geleistet, die Ende 2017 vorliegen und Anfang 2018 dem Bischof vorgelegt werden soll. „Das Ergebnis dieses Reformprozesses ist derzeit noch völlig offen, aber die pastorale Seelsorge hat für mich absolute Priorität“, betont Janßen. Wenn die christlichen Stadtkirchen schon aus demografischen Gründen in den nächsten Jahren weiter schrumpfen, kann sich der Stadtdechant durchaus vorstellen, dass Kirchen künftig auch gemeinsam von katholischen und evangelischen genutzt werden könnten. Schon heute gebe es in Mülheim eine gute ökumenische Zusammenarbeit, die nicht nur in Gottesdiensten und Festen, sondern auch in gemeinsamen Veranstaltungen oder in lokalen Arbeitskreisen, wie dem Bündnis der Religionen oder dem Arbeitskreis der christlichen Kirchen Janßen, niederschlügen. Als Stadtdechant ist Janßen auch Vorsitzender des örtlichen Caritas-Verbandes. Er sieht deshalb die soziale Hilfe für Menschen in Not und  für Flüchtlinge  als weitere wichtige Herausforderung. „In dem wir unser Hildegardishaus in Broich als erste Flüchtlingsunterkunft bereitgestellt haben, die Caritas und rund 130 Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe aktiv sind und nicht nur in den Gemeinden St. Joseph und St. Mariae Geburt Mittagstische für Bedürftige anbieten, haben wir bereits ein gutes Zeichen setzen können“, unterstreicht der alte und neue Stadtdechant.
Dieser Text erschien am 4. Juli 2015 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 18. Juli 2015

Die polnischen Früchte Kolpings: Eine gute Idee kennt keine Grenzen - Eindrücke vom deutsch-polnischen Abend im Pfarrsaal von St. Barbara

Der Chor der ponischen Gemeinde aus St. Joseph Bochum

Völkerverständigung geht durch den Magen und Musik verbindet. Man schmeckt und hört es beim Deutsch-Polnischen Abend, zu dem der Deutsch-Polnische Arbeitskreis des Kolping-Werkes im Bistum Essen an diesem Abend in den Pfarrsaal von St. Barbara eingeladen hat. 40, vor allem deutsche aber auch einige polnische Gäste haben den Weg zum Dümptener Schildberg gefunden.

Alle Gäste kommen auf ihre Kosten. Sprachgrenzen spielen keine Rolle. Die Rote-Beete Suppe, die gefüllten Teigtaschen, die Fleischklößchen in Dill-Soße und die kleinen Apfelküchlein in Vanillesoße schmecken allen. Die aus dem Süden Polens stammende Katharina Majewski, die sonst im benachbarten Haus Dümpten Gäste bewirtet, hat für die köstlichen Grüße aus der polnischen Küche gesorgt.

Auch als die jungen Damen vom Chor der polnischen Gemeinde von St. Joseph in Bochum keine frommen Lieder, sondern fröhliche polnische Schlage über Liebe, Freiheit, Sehnsucht und Zukunft singen, springt der Funke über. Obwohl viele Zuhörer den polnischen Text nicht verstehen, kommt der Rhythmus und die Botschaft der Lieder an. Das Publikum klatscht begeistert mit und versucht sich mit einem Liedzettel in Lautschrift sogar im Mitsingen. „Die wichtigsten Tage sind die, die wir noch nicht kennen. Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, aber die Zukunft liegt in unseren Händen“, heißt es da zum Beispiel. Mein Gott! So philosophisch können Schlager sein.

„Es ist toll, den Schwung und die Begeisterung der polnischen Kolpinggeschwister zu sehen, die wir bei uns manchmal vermissen“, sind sich viele Zuschauer im Saal einig, nach dem sie einen halbstündigen Film über das Kolpingwerk in Polen gesehen haben. „Die polnischen Kolpingfamilien sind noch jung. Die ersten von ihnen wurden vor 20 Jahren gegründet. Das Kolpingwerk in Deutschland ist schon über 150 Jahre alt. Da ist es mit dem jugendlichen Schwung nicht immer so leicht“, räumt die Diözesanvorsitzende des Kolpingwerkes, Klaudia Rudersdorf ein.

Doch die in 98 Kolpingfamilien organisierten 8500 Kolpinggeschwister des Bistums Essen dürfen sich auf ihre Fahnen schreiben, dass sie mit ihren Deutsch-Polnischen Arbeitskreis in den vergangenen 20 Jahren dafür gesorgt haben, dass es in Polen inzwischen 1050 Kolpinggeschwister gibt, die sich in 38 Kolpingfamilien vor allem sozial engagieren, zum Beispiel mit einer Arbeitslosenberatung oder eine Betreuung von Kindern, deren Eltern als Saisonarbeiter nach Deutschland gehen. Auch Sport- und Kulturveranstaltungen stehen auf ihrem Programm. Den seligen Gesellenvater Adolph Kolping würde es sicher freuen, dass sein Werk jetzt auch in Polen Früchte trägt und seine Ideen auch dort weiter wirken.

„Die polnischen Katholiken konzentrieren sich sehr stark auf den Gottesdienstbesuch und ihre Pfarrgemeinde. Anders, als bei uns in Deutschland unterstützt die Kirche keine Verbandsarbeit“, weiß die Vorsitzende des Deutsch-Polnischen Arbeitskreises, Eva Laarmann zu berichten. Sie sieht sich und ihre fünf Kolleginnen und Kollegen in der Steuerungsgruppe des Arbeitskreises vor allem als „Partnerschaftsbeauftragte“, die zum Beispiel das Kennenlernen und das gegenseitige Geben und Nehmen zwischen den polnischen und den Katholiken an der Ruhr fördern wollen. „Wenn jemand den Aufbau eines Kolpingwerkes in Polen unterstützen kann, dann sind es wohl die Katholiken des Ruhrbistums, von denen viele selbst polnische Wurzeln haben“, unterstreicht die Diözesanvorsitzende des Kolpingwerkes.

Bestand die Kolping-Partnerschaft zwischen Polen und dem Ruhrbistum über viele Jahre aus den Beziehungen zwischen einzelnen Kolpingfamilien, so hat sich die Zusammenarbeit inzwischen auf eine breitere und zentralisiertere Ebene verlagert. Jetzt trifft man sich in der Regel mit etwa 40 deutschen und polnischen Teilnehmern zu Workshops und gemeinsamen Veranstaltungen, in denen es zum Beispiel um eine neue Imagekampagne für das Kolpingwerk, professionelle Mitgliederbetreuung, die Unterstützung des Fairen Handels oder auch, wie jetzt bei Deutsch-Polnischen Abend in St. Barbara, um das persönliche Kennenlernen und den kulturellen Austausch geht. (Thomas Emons)

Wer sich für die Arbeit des Deutsch-Polnischen Arbeitskreises im Diözesanverband des Kolpingwerkes Essen interessiert, kann sich an Klaudia Rudersdorf (k.rudersdorf@kolping-dv-essen.de) oder an Eva Laarmann (eva-muss@gelsennet.de) wenden.

Dieser Text erschien am 4. Juli 2015 im Neuen Ruhrwort

Dienstag, 14. Juli 2015

Einsatzort Kirmes: Christian Wallau

Ein Mann bricht zusammen. Die Hitze hat seinen Kreislauf kollabieren lassen. Vielleicht steckt auch ein Herzinfarkt dahinter. Er muss zur Abklärung schnell ins Krankenhaus gebracht werden. Eine Frau wurde von einem Hund gebissen. Sie braucht einen Verband und muss schnellstens zum Arzt, der die Wunde begutachtet, reinigt und ihr vorsorglich ein Tetanusspritze gibt. Erst mal ein Fischbrötchen und ein Bier und dann rauf auf Break Dancer. Das war für den Magen eines jungen Mannes zu viel. Er übergibt sich, muss schnell in eine stabile Seitenlage gebracht werden, damit er an seinem eigenen erbrochenen Mageninhalt nicht erstickt. Dann bekommt er eine Elektrolytlösung verabreicht, um den drastischen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.
Mit solchen und ähnlichen Fällen haben es der Rettungssanitäter Christian Wallau und seine 20 ehrenamtlichen Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz zu tun, die an den zehn Saarner Kirmestagen, jeweils zwischen 14 und 24 Uhr zur Stelle sind, wenn Not am Mann oder an der Frau ist.

„In der Regel haben wir jeden Tag hier vier oder fünf Leute, die wir ambulant mit Verbandsmaterial, Elektrolytlösungen oder Verbandsmaterial versorgen müssen und ein bis zwei schwerere Fälle, in denen man die Betroffenen ins Krankenhaus bringen müssen“, berichtet Wallau.

An diesem regnerischen ist es auf der Saarner Kirmes eher ruhig. „Das ist für mich wie Urlaub“, meint der 36-jährige Zugführer und Einsatzleiter, während er auf zwei Monitoren die Entwicklung der Wetterlage und die Verteilung der Einsatzkräfte im Auge behält. Wallau ist froh, dass er bei diesem Regen mit dem Mann von der NRZ in der mobilen und vor allem trockenen Einsatzleitstelle des Kirmes-Einsatzes sitzen darf und nicht zu den mobilen Fußtrupps gehört, die auch im strömenden Regen, mit ihren Notfallrucksäcken unterwegs sind um hier und da vielleicht eine kleine Schnittverletzung zuzupflastern.

Sollte es zu größeren Unfällen kommen, weil Fahrgeschäfte nicht so funktionieren wie sie sollen oder Feuerwerkskörper vom vorgeschriebenen Kurs abweichen, haben Wallau und seine Sanitäter vorgesorgt. In den Materialwagen lagern Liegen, Verbandsmaterial, Sauerstoffflaschen, Beatmungsgeräte, Spritzen und Intubationshilfen sowie Zelte und Leuchten, die auch die Behandlung bei Dunkelheit erlauben würden.
Einen solchen Ernstfall, Wallau klopft vielsagend auf Holz, hat es bei den Rot-Kreuz-Einsätzen auf der Saarner Kirmes Gott sei Dank noch nicht gegeben. Der Ernstfall. Das war für den Rettungssanitäter der Großbrand am Dickswall (2006) oder sein Einsatz bei der Duisburger Love-Parade-Katastrophe (2010). „Wenn man es von Jetzt auf Gleich mit Menschen zu tun hat, die gerade ihre Existenz verloren haben oder um ihr Leben kämpfen, lässt einen das nicht unberührt“, sagt Wallau. Da sind Einsätze, wie der bei der Bombenentschärfung im März 2015 am Springweg oder die Verpflegung der Feuerwehrleute, die beim Pfingststurm Ela 2014 Schwerstarbeit leisten mussten, schon angenehmer.

„Eis ein gutes Gefühl in einer starken Gemeinschaft einen Dienst zu leisten, der für unsere Gesellschaft wichtig ist und dabei sein erworbenes Wissen auch Jüngere weitergeben und sie im positiven Sinne prägen zu können“, findet der Rettungssanitäter, der drei bis vier mal im Monat auch Rettungseinsätze für das Rote Kreuz fährt.
„Man hat unmittelbar mit Menschen zu tun, denen man helfen kann und die in der Regel auch dankbar für diese Hilfe sind und man sieht sofort, was man in einer starken Gemeinschaft zusammen mit anderen leisten kann“, erklärt Wallau, warum er jedes Jahr eine vierstellige Stundenzahl ins sein Ehrenamt beim Roten Kreuz investiert. Das fällt ihm auch leichter, als etwa dem Mitarbeiter eines kleinen Handwerksbetriebes, weil er auch hauptamtlich für das Rote Kreuz arbeitet und als Disponent in dessen Düsseldorfer Leitstelle mehrere 100 Einsätze koordiniert. „Beim Kirmes-Einsatz“, so berichtet er, „sind viele Schüler und Studenten dabei, die jetzt Ferien haben oder sich problemlos freinehmen können. Wir haben aber auch Berufstätige dabei, die nach der Arbeit zur Kirmes kommen, um bis Mitternacht ihren Dienst zu versehen und dann nach ein paar Stunden Schlaf am anderen Morgen wieder an ihrem Arbeitsplatz sind.“

Wallau, der 1998 als Wehrersatzdienstleistender zum Roten Kreuz kam und dort viele Wochenenden in seine Ausbildung investierte, „weil ich mir nicht vorstellen konnte, auf Menschen zu schießen“, ist nicht allein. Er schätzt, dass derzeit rund 450 Menschen beim Mülheimer DRK. Als ihn jüngst ein junger Mann in einem Mülheimer Lokal fragte: „Woher kenne ich Sie?“ antwortete Wallau: „Ich habe Sie vor einem Jahr ins Krankenhaus gefahren, weil sie soviel getrunken hatten, dass Sie nicht mehr wussten, wer Sie sind und wo sie hin wollten.“  

Dieser Text erschien am 11. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 13. Juli 2015

Städtepartnerschaften: Förderverein hat einen neuen Vorstand und neue Pläne

Hans Dieter Flohr (links), Dr. Gerhard Ribbrock (Mitte) und Peter Wolfmeyer

In diesem Jahr besteht der aktuell 360 Mitglieder zählende Förderverein für die Mülheimer Städtepartnerschaften seit zwei Jahrzehnten. Das größte Geburtstagsgeschenk machen sich die aktuell 360 Mitglieder und ihr seit März amtierender Vorstand unter Leitung von Gerhard Ribbrock, indem sie weitermachen.

Das ist nicht leicht. Denn die Rahmenbedingungen haben sich massiv verändert. Die Stadt hat ihren jährlichen Zuschuss von 7400 Euro gestrichen. Auch auf die Dienste der städtischen Mitarbeiterin Sabine Kuzma, die zuletzt die Geschäftsstelle des Vereins leitete, müssen die Freunde und Förderer der sechs Städtepartnerschaften mit Darlington (England), Tours (Frankreich), Kouvola (Finnland), Oppeln (Polen), Kfar Saba (Israel) und Beykoz (Türkei) verzichten.

Jetzt laufen die organisatorischen Fäden beim ehrenamtlichen Geschäftsführer Hans-Dieter Flohr zusammen. Seine Adresse ist auch die offizielle Geschäftsstelle des Vereins. „Die Städtepartnerschaften mit Darlington, Tours und Oppeln laufen wie von selbst, weil es hier auf beiden Seiten engagierte Bürger gibt, die die vorhandenen Kontakte pflegen. Die Partnerschaft mit Beykoz ist leider bisher eine Einbahnstraße geblieben. Denn wir haben bisher dreimal Beykoz besucht, aber noch keine Gäste aus Beykoz in Mülheim begrüßen können“, beschreibt Flohr den Stand der Städtepartnerschaften.

Auch die Städtepartnerschaft mit Kuusankoski, das seit 2009 in der größeren Stadt Kouvola aufgegangen war, waren zuletzt eingeschlafen. Die letzte Mülheimer Bürgerreise in den hohen Norden fand 2008 statt.

Doch die Freundschaft mit den Finnen soll jetzt aufgefrischt werden. Den Anstoß dazu gab ein Besuch von Erkki Immonen, der in Kouvola die Deutsch-Finnische Gesellschaft leitet. Ergebnis: Vom 10. bis 18. Juni 2016 sollen 25 Mülheimer Bürger nicht nur Kouvola, sondern auch die Hafenstadt Kotka, das Museumsdorf Verla und die finnische Hauptstadt Helsinki kennen lernen. Der Städtepartnerschaftsverein kalkuliert mit Reisekosten von 1300 bis 1500 Euro pro Person.

„Wir wollen kein reines Sightseeing machen, sondern Bürgern mit Bürgern in Kontakt bringen“, beschreibt Gerhard Ribbrock die Zielsetzung. Und Peter Wolfmeyer, der als Leiter des Kompetenzteams Kfar Saba eine Bürgerfahrt nach Israel vorbereitet, betont: „Es geht uns darum, dass nichts verloren geht, was in den letzten Jahren an menschlichen Beziehungen gewachsen ist und das vielleicht auch neues wachsen kann.“

Unter der fachkundigen Führung von Wolfmeyer und Israel-Kenner Gerhard Bennertz können etwa 20 Mülheimer (rund um Ostern) vom 20. bis 28. März 2016 nicht nur Kfar Saba, sondern auch Jerusalem und das Tote Meer kennenlernen. Die Reisekosten kalkuliert Wolfmeyer mit 1100 bis 1300 Euro. Gäste aus Israel erwartet der Städtepartnerschaftsverein schon im Herbst 2015, wenn sieben oder acht israelische Künstler ab dem 17. Oktober in der Galerie d’Hamé (an der Schloß- und Wallstraße) ihre Arbeiten ausstellen werden. Die finanzielle Hilfe eines ungenannt bleiben wollenden Sponsors und die organisatorische Federführung durch den Mülheimer Fotografen Heiner Schmitz und den Künstler Amnon Tishler aus Kfar Saba machen es möglich. Außerdem möchte der Städtepartnerschaftsverein beim kommenden Adventsmarkt in der Altstadt die Mülheimer Partnerstädte vorstellen.


Weitere Informationen zum Förderverein Mülheimer Städtepartnerschaften, seinen Angeboten und Aktivitäten findet man unter: www.staedtepartner-mh.de. Eine Kontaktaufnahme mit dem Verein ist per E-Mail an: vorstand@staedtepartner-mh.de möglich.

Dieser Text erschien am 8. und 9. Juli 2015 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 12. Juli 2015

Ein Mann mit Aussicht: Dustin Radde

Dustin Radde ist ein angenehm entspannter Zeitgenosse. Seine Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt, sondern kommt ganz natürlich rüber. Da ist es gleichgültig, ob er gerade mit dem Mann von der NRZ über seine Arbeit spricht oder zwischendurch mal eben kleine und große Badegäste mit Bällen, Schwimmbrettern oder Liegen versorgt.

Sein Arbeitsplatz ist das Naturbad in Styrum. Seit vier Jahren ist der gelernte Sport- und Fitnesskaufmann hier Schwimmmeister. „Es ist schon schön, hier arbeiten zu können“, sagt der 22-Jährige, während er von einem Holzturm aus seinen Blick über die rund 1000 Quadratmeter Wasserfläche schweifen lässt. Auch wenn hier zwischen planschenden Kindern und sich langsam füllenden Liegewiesen alles nach Urlaub aussieht, spürt man sofort, dass dieser bei Sonnenschein paradiesische Ort nur deshalb so angenehm ist, weil hier ganz irdisch engagierte Mitarbeiter ihre Augen überall haben und überall mit anpacken.

„Man muss einen Blick für Kleinigkeiten entwickeln und sehr konzentriert sein“, beschreibt Radde seine Arbeit auf dem Holzturm und am Beckenrand. Wohin läuft das von seinen Eltern unbeobachtete Kleinkind? Ist die kleine Rangelei da hinten ein fröhliches Spiel oder ein ernster Streit, in den man eingreifen muss. Wird auch niemand ins Schwimmbecken geschubst oder springt von der Seite rein? Und rutscht auf der Wasserrutsche wirklich jeder einzeln und nacheinander in die Fluten oder besteht Verletzungsgefahr?

„Wir mussten hier schon mal eine junge Frau aus dem Wasser holen, die beim Sprung vom 10 Meter-Turm auf dem Rücken aufkam, sich aber trotz anfänglich großer Schmerzen Gott sei Dank nicht verletzt hatte“, erinnert sich Radde an einen Einsatz. Ein anderes Mal musste er einen Jungen aus dem Sprungbecken holen, der vom Turm gesprungen war, obwohl er gar nicht schwimmen konnte. Oder er hat einen Mann verarztet, der versucht hatte, sein Eintrittsgeld zu sparen, in dem er über den Zaun des Naturbades kletterte und sich dabei den Arm aufriss.

„Kein Tag ist wie der andere und man kommt immer mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammen“, erklärt Radde, was ihn an seiner Arbeit für die PIA-Stiftung fasziniert. Denn die Paritätische Initiative betreibt das völlig chlorfreie Naturbad im Auftrag des Mülheimer Sportservice (MSS). Ein Mitarbeiter der PIA, der regelmäßig das Mülheimer Fitnessstudio besuchte, in dem Radde früher lernte und arbeitete, war es auch, der ihn davon überzeugte vom überdachten Trainingsraum ins Freibad zu wechseln.

Radde, der erst mal einen Rettungsschwimmschein bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) machen musste, hat diesen Wechsel nicht bereut. „Die Trainingsabläufe in einem Fitnessstudio sind auf die Dauer doch auch etwas monoton und man hat es in der Regel immer mit den Besuchern zu tun“, findet er. Das kann er von seinem heutigen Arbeitsplatz nicht unbedingt sagen. In der Schwimm-Saison zwischen Mai und September planschen hier Kinder und Jugendliche. Studenten und Rentner ziehen ihre Bahnen. Oder ganze Familien genießen zwischen Wasser und Wiese die Leichtigkeit des Seins.

„Ich weiß nicht, ob ich diese körperlich sehr fordernde Arbeit bis zur Rente machen kann, aber im Moment kann ich mir nichts schöneres vorstellen. Und alles andere entscheide ich, wenn es so weit ist“, sagt der Mann, dessen rotes T-Shirt den Schriftzug „Aufsicht“ trägt. Wenn der 22-Jährige keine Shorts, T-Shirt und Sonnenbrille trägt, sondern in ganz normalem Straßen-Zivil durch die Stadt geht, wird er öfter mal angesprochen: „Sie kenne ich doch, aber woher?“ Kein Wunder. Denn je nach Wetterlage kommen in einer Saison zwischen 36 000 und 50 000 Menschen zum Schwimmen, Entspannen oder Feiern ins Styrumer Naturbad.

Doch sie sehen nur, was Radde am Schwimmbecken oder auf seinem Holzturm tut. Das, was er als wirtschaftlicher Leiter des Naturbades in Sachen Buchhaltung, Statistik, Personalplanung und Materialbeschaffung leistet, wenn das Freibad um 19 oder 20 Uhr geschlossen hat, sehen sie nicht.

Auch wenn seine Kollegen und er morgens ab 5.30 Uhr die Schwimmbecken reinigen oder im Herbst und Winter diverse Reparaturen erledigen, ist kein Badegast dabei. In der Saison arbeitet Radde an sieben Tagen in der Woche. Dann hat er nur selten Zeit, um seine geliebten Großeltern zu besuchen oder mit seinem Großvater als Youngster in einer Alt-Herren-Mannschaft zu kicken. Auch der Urlaub kann nur im Herbst und Winter stattfinden. Zuletzt zog es ihn im letzten Dezember zum Bade- und Kultururlaub ins sonnige Mexiko. Und dort konnte er dann mal ganz entspannt am Wasser liegen, sich bedienen lassen und die Sonne genießen, ohne mal eben irgendwo eingreifen oder mit anfassen zu müssen.


Dieser Text erschien am 4. Juli in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. Juli 2015

Vor 150 Jahren wurde Alfred Hugenberg geboren: Er wollte Hitler instrumentalisieren und wurde selbst entmachtet


In der  Nazi-Zeit wurden sogar Straßen nach ihm benannt. In Mülheim zum Beispiel hieß die Schulstraße von 1936 bis 1945 Alfred-Hugenberg-Straße Die braunen Machthaber wussten, was sie an dem Medienunternehmer und Politiker Alfred Hugenberg hatten, der heute vor 150 Jahren am 19. Juni 1865 in Hannover geboren wurde. Als Verleger, der die Hälfte der deutschen Presse kontrollierte und ab 1928 die Deutschnationale Volkspartei führte, wurde Hugenberg zu einem Steigbügelhalter Hitlers.
Auf seine Initiative hin bildete sich im Oktober 1931 in Bad Harzburg ein Bündnis aus Nationalsozialisten, Deutschnationalen, dem Stahlhelm, dem Bund der Frontsoldaten und dem Alldeutschen Verband, das Front gegen die damals schon kriselnde Republik von Weimar machte. Für besonderes Aufsehen sorgte Hugenberg damals, in dem er mit dem Kaiser-Sohn August Wilhelm von Preußen, dem ehemaligen Reichswehrgeneral Hans von Seeckt und dem ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar von Schacht ausgesprochen prominente Mitstreiter für die Harzburger Front gewinnen konnte.

Schon 1929 hatte der Führer der Deutschnationalen die NSDAP politisch aufgewertet, in dem er sie in sein Volksbegehren gegen den die Reparationsleistungen Deutschlands festlegenden Young-Plan einbezog.

Um Hugenbergs Geisteshaltung zu verstehen, muss man seine Vita betrachten. Er wurde in eine großbürgerliche Familie hineingeboren. Der Vater Carl war Schatzrat und preußischer Landtagsabgeordneter. Seine Mutter Erneste Adickens stammte aus einer Großgrundbesitzerfamilie. Und im Jahr 1900 heiratete der inzwischen studierte und promovierte Jurist und Ökonom Alfred Hugenberg mit seiner Cousine Gertrud Adickens die Tochter des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Franz Adickens.

Der Sieg über Frankreich und die Reichsgründung von 1871 mit ihrem anschließenden Aufstieg Deutschlands wurden für Hugenberg zum prägenden politischen Urerlebnis. „Wir waren die Söhne der Sieger“, erinnerte er sich später wehmütig. Nachdem er zunächst für die Ansiedlungskommission und die Raiffeisengenossenschaft in Posen und dann im preußischen Finanzministerium arbeitete, wechselte er später in die Wirtschaft, machte zunächst im Vorstand der Frankfurter Berg- und Metallbank und dann als Finanzchef bei Krupp in Essen Karriere, Dort stieg er 1909 zum Vorsitzenden des Direktoriums auf. Seine politische Heimat hatte er seit 1894 im nationalistisch ausgerichteten Alldeutschen Verband. Als Funktionär verschiedener Bergbauverbände und des Zentralverbandes der Deutschen Industrie knüpfte Hugenberg Kontakte zu Industriellen, wie etwa Emil Kirdorf, die seinen Aufstieg zum Medienzar finanziell unterstützen. Den organisatorischen Rahmen für diese Unterstützung bildete die 1919 gegründete Wirtschaftsvereinigung zur Förderung der geistigen Wiederaufbaukräfte. Wie Hugenberg sahen seine Mitstreiter die neue republikanische Regierung Deutschlands als „Novemberverbrecher“ und strebten eine Rückkehr zur Monarchie an. Dazu sollte ein nationaler Presseapparat aufgebaut werden, der die Republik von Weimar im Sinne der Dolchstoßlegende von einem im Felde unbesiegten deutschen Heer, dem die Heimatfront im November 1918 politisch in den Rücken gefallen sei, diskreditierte. Das Ziel der Vereinigung beschrieb Hugenbergs Mitarbeiter Ludwig Bernhard 1928 mit den Worten:

„Mangel an Heimatgefühl und Nationalgefühl führt zur Aushöhlung und zur Schwächung eines Volkes gegenüber anderen Völkern. Heimat- und Nationalgefühl sind daher zu stärken. Für die Entscheidung über Beteiligungen oder über die Begründung und den Ausbau der verschiedenen Unternehmungen ist in erster Linie die voraussichtliche politische Wirkung maßgebend und erst in zweiter Linie das geschäftliche Ergebnis.“

Die Propaganda des Hugenberg-Konzerns, dessen Aufbau schon während des Ersten Weltkrieges begonnen hatte, verfing in dem Maße, wie die wirtschaftliche Not in Deutschland zunahm. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, die mit dem New Yorker Börsenkrach 1929 begonnen hatte, waren im Deutschland des Jahres 1932 sechs Millionen Menschen ohne Arbeit. Damals erklärte Hugenberg in einer Radioansprache zur Reichstagswahl:

„Das parlamentarische System hat vollständig versagt. Der sicherste, gerechteste und sauberste Staat liegt aus den Lehren unserer Geschichte begründet im Kaisergedanken. Der gesunde Staat wird eine gesunde Wirtschaft haben. Gesunde Wirtschaft bedeutet heute zurückgehende Arbeitslosigkeit. Derjenige ist wahrhaft sozial, der Arbeit schafft. Es gibt eben Wirtschaftsgesetze, die kein Volk ungestraft missachten darf. Das haben die sozialistischen Machthaber in Deutschland außer Acht gelassen. Sozialismus ist Erwerbslosigkeit. Dank der nationalen Bewegung sind die moralischen Kräfte wieder aufgestanden. Der Staat darf keine Gottlosen erziehen. Wer nicht sozialistisch denkt, wählt deutschnational.“

 Durch die Massenarmut hatten Hugenbergs Partei und Hugenbergs Konzern, zu dem unter anderem die Filmgesellschaft Ufa, die Nachrichtenagenturen der Deutschen Telegraphenunion und die Zeitungen des Scherl-Verlages gehörten, leichtes Spiel. Als Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt wurde, trat Hugenberg als Wirtschafts- und Ernährungsminister in dessen Kabinett ein. Zu den Kommunalwahlen am 12. März 1933 erklärte Hugenberg in einer Rundfunkrede:

„Weder die Französische Revolution, noch das 48er Demokratentum, noch der landesverräterische Umsturz im November 1918 haben uns eine Selbstverwaltung gebracht oder diese auch nur gefördert. Die Erfahrungen der letzten 14 Jahre haben vielmehr gezeigt, dass lebendige Selbstverwaltung und Formaldemokratie unvereinbar sind.“

Hugenberg sah sich am Ziel. Er wollte Hitler instrumentalisieren und selbst zum Wirtschaftsdiktator aufsteigen. Eine fatale Fehleinschätzung der realen Machtverhältnisse. Denn nicht Hitler, sondern Hugenberg wurde instrumentalisiert und, als er nicht mehr gebraucht wurde, von den Nazis entmachtet. Noch 1933 wurde Hugenbergs Telegrafenunion gleichgeschaltet und seine Deutschnationale Volkspartei, ebenso, wie alle anderen Parteien jenseits der NSDAP aufgelöst. Er selbst trat im Sommer 1933 von allen Partei- und Regierungsämtern zurück und behielt nur sein machtloses Reichstagsmandat. Wenn er auch entschädigt wurde, musste Hugenberg 1937 die Ufa und 1943 den Scherl-Verlag aufgeben. Die Ufa wurde verstaatlicht und der Scherl-Verlag ging in den Besitz von NS-Parteiverlagen über. Nach dem Krieg wurde Hugenberg von der britischen Militärregierung interniert und zunächst als „minderbelastet“, nach seiner Berufung aber nur noch als „Mitläufer“ und später sogar als „entlastet“ eingestuft. Diese Einstufung begründeten die Briten aber rein juristisch und mit Blick auf sein hohes Alter. Moralisch und politisch starb Alfred Hugenberg, politisch und moralisch gescheitert, am 12. März 1951.

Dieser Text erschien am 18. Juni 2015 in der Katholischen Zeitung Die Tagespost

Dienstag, 7. Juli 2015

Die Partei mit dem C: Was altgedienten Christdemokraten zum 70. Geburtstag der CDU einfällt

Das Parteilogo an der Geschäftsstelle in der Bahnstraße


70 Jahre CDU. Das feierte die Bundespartei jetzt mit ihrer Vorsitzenden und Kanzlerin Angela Merkel. Doch was fällt altgedienten Christdemokraten von der Mülheimer Parteibasis zu diesem Jubiläum ein? Was wünschen sie ihrer Partei zum Geburtstag und wie bewerten sie ihre politische Leistungsbilanz und ihre Entwicklung?

Darüber sprach ich im Auftrag der NRZ mit Paul Heidrich und Johannes Brands, die über viele Jahre als Fraktionsvorsitzende die Politik der CDU im Rat der Stadt mitverantwortet 


Dass es der CDU nach der Zäsur des Zweiten Weltkrieges gelungen ist, die Idee einer sozialen Marktwirtschaft Wirklichkeit werden zu lassen, sieht Paul Heidrich, der vor 53 Jahren Christdemokrat wurde, als eines ihrer wichtigsten historischen Verdienste. Als ihren Kern begreift Heidrich die christliche Sozialllehre, die soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliches Eigentum in eine gesunde Balance bringt, „Die CDU muss das Thema der sozialen Gerechtigkeit wieder stärker in den Fokus ihrer Politik rücken“, fordert Heidrich,

Mit besonderer Sorge sieht er die zunehmende Zahl befristeter Arbeitsverhältnisse, die aus seiner Sicht „unsere Gesellschaft auseinanderdriften und ein Zwei-Klassen-System entstehen lässt.“ In diesem Zusammenhang empfiehlt Heidrich, eine stärkere Rückbesinnung auf Christdemokraten wie den einstigen NRW-Ministerpräsidenten Karl Arnold oder den früheren Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard und bedauert „dass einige Grundsätze der CDU heute nicht mehr so deutlich werden, wie sie es mal waren.“

Soziale Marktwirtschaft, Europäische Einigung und deutsche Wiedervereinigung nennt Johannes Brands, der vor 51 Jahren in die CDU eintrat, als historische Meilensteine seiner Partei. Wie sein Parteifreund Heidrich sieht Brands den größten Erfolg der Mülheimer CDU darin, dass man 1994, zusammen mit den Grünen, die jahrzehntelange absolute SPD-Mehrheit habe brechen können. Das habe der politischen Kultur der Stadt gut getan. „Die CDU war schon in den 70er Jahren gegen den Bau einer Volkshochschule. Stattdessen wollten wir den VHS-Betrieb auf Mülheimer Schulen verteilen. Wäre uns die SPD damals gefolgt, stünden wir heute besser da“, glaubt Heidrich. „Aber bei der Auflösung der Max-Kölges-Schule an der Bruchstraße lag die CDU politisch völlig daneben. Eppinghofen wäre der richtige Standort für eine Haupt,- Handwerker- oder Sekundarschule gewesen, zumal es eine enge Zusammenarbeit mit dem Handwerk und der Wirtschaft gibt“, stellt Brands fest.

Positiv sieht er, „dass wir als CDU akzeptiert haben, dass wir ein Einwanderungsland sind und uns deshalb auch verstärkt mit dem Thema Integration von Zuwanderern auseinandersetzen.“ Jetzt sieht Brands seine Partei vor allem mit Blick auf den demografischen Wandel gefordert.

„Wir brauche eine Innenstadt, die bewohnt und nicht nur verwaltet wird. Wir brauchen eine Stadt mit Wohnraum, öffentlichem Personennahverkehr, Kinderbetreuung, Pflege, Sportangebote und Naherholungsmöglichkeiten, die dazu beitragen, dass junge und alte Menschen mit ihrem Alltag hier gut leben können“, beschreibt Brands wichtige Baustellen.Dabei macht er sich keine Illusionen darüber, dass die Kreativität der Kommunalpolitiker durch sehr begrenzte finanzielle Ressourcen immer wieder ausgebremst wird.

Einig sind sich Paul Heidrich und Johannes Brands darüber. dass sich das C für Christlich im Parteinamen auch in einer zunehmend säkularisierten und multikulturellen Gesellschaft nicht überlebt habe, „weil wir auch viele aktive Muslime in unseren Reihen haben und sich auch Juden und Muslime mit dem Grundsatz der praktischen Nächstenliebe gut identifizieren können.“ Obwohl Brands einräumt, dass seine Partei nicht immer dem mit dem C verbundenen Anspruch gerecht geworden ist, „ist das C in unserem Parteinamen doch ein richtiger und wichtiger Ansporn, es immer wieder zu versuchen.“


Historische Schlaglichter:


CDU: Christlich-Demokratische Union. Als die Partei vor 70 Jahren gegründet wurde, ist der Name Programm. Christen aus allen Konfessionen wollen eine Einheit bilden, um eine christlich inspirierte Politik zu betreiben, die die moralischen Lehren aus der NS-Zeit zieht und eine neue, der Menschenwürde verpflichtete, Demokratie aufbauen soll.

In Mülheim hat die CDU, die sich bei ihrer Gründung zunächst Christlich-Demokratische Partei nennt, 65 Gründungsmitglieder. 1947 gibt es in Mülheim schon über 1500 Christdemokraten. Heute sind es rund 700. Im Laufe der letzten sieben Jahrzehnte stellt die CDU mit Wilhelm Diederichs (1946-1948), Hans-Georg Specht (1994 bis 1999) und Jens Baganz (1999-2002) drei Oberbürgermeister. Zweimal, nämlich 1953 (mit Gisela Prätorius) und 1957 (mit Max Vehar) konnte die Partei das Mülheimer Bundestagsmandat direkt gewinnen. Alle nachfolgenden Bundestags- und Landtagsabgeordnete der CDU zogen über die Landesliste ihrer Partei ins Parlament ein. Bundespolitische Bedeutung errang die Mülheimer CDU-Abgeordnete Helga Wex, die 1967 für den damals verstorbenen Alt-Kanzler Konrad Adenauer in den Bundestag nachrückte und später als Vize-Vorsitzende der Bundespartei und der Bundestagsfraktion wichtige Akzente für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie eine verbesserte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, setzte. So forderte sie schon in den 70er Jahren bezahlte Erziehungszeiten und flexible und damit familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle.


Dieser Text erschien am 1. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 6. Juli 2015

Auf den Spuren starker Frauen: Ein Stadtrundgang durch Oberhausen

Die Frauen der KFD vor ihrer Kirche in Styrum

"Wenn ich vor 100 Jahren gelebt hätte, hätte ich wohl echte Probleme gehabt", sagt Elisabeth Ronig, während sie sich die graue Perücke überzieht und ihren eleganten Schleierhut mit einer Nadel am Haarknoten fest macht. Jetzt ist sie schick, wie zu Großmutters Zeiten. Doch wir sind in der Gegenwart des Jahres 2015. Unterstützt von Stefanie Hecke von der katholischen Familienbildungsstätte nimmt die Ko-Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft St. Joseph 35 ihrer 160 KFD-Schwestern mit auf eine Zeitreise.

Im 100. Jahr ihrer Gemeinschaft machen sich die KFD-Frauen auf den Weg um die Spuren von Frauen zu suchen, die im Licht der Öffentlichkeit oder auch im Stillen Gutes bewirkt und so auf ihre Weise Geschichte geschrieben haben. "Zum 100. Geburtstag unserer Gemeinschaft, den wir am 3. Oktober mit einem Empfang in St. Joseph feiern werden, möchten wir an diese Frauen erinnern, die mit ihrem Wirken bis heute unsere Gemeinde und unsere Stadt prägen und mit denen wir in einem historischen Bogen stehen und verbunden sind", betont Ronig.

Bevor die Damen diesen Bogen schlagen, stimmen sie sich in ihrer 1873 eingeweihten Gemeindekirche mit dem Lied "Gehe aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit" ein. Auch wenn die Sommerzeit sich mit Regenschauern an diesem Samstagvormittag nicht von ihrer schönsten Seite zeigt, lassen sich die Zeitreisenden nicht davon abhalten, den Spuren tatkräftiger aus ihrem Umfeld nachzugehen. Nur wenige Schritte von St. Joseph entfernt schauen sie auf das Elisabeth-Krankenhaus, das heute zur Helios-Gruppe gehört.
Ronig berichtet von den Elisabethschwestern, die das Krankenhaus unter der Führung ihrer Oberin Mutter Klara 1869 eröffneten. Es sei für die Bevölkerung, so lobte die Lokalpresse damals, "ein echtes Bedürfnis und eine echte Wohltat."

Eine echte Wohltat für die Menschen in St. Joseph war auch das Engagement, das Kaplan Heinrich Küppers und seine Haushälterin Klara Bäumen dort in den schweren Jahren der Weltwirtschaftskrise und der NS-Diktatur an den Tag legten. In einer Zeit von Not und staatlicher Repression ließen sich der Kaplan und seine Haushälterin, die Ronig, bei der Station am Kaplan-Küppers-Weg als "mutige und beherzte Frau" beschreibt nicht davon abhalten, kirchliche Jugendarbeit und Nothilfe für die Armen zu leisten. Weil Bäumen und Küppers bekennende Gegner der Nazis waren und in der Kaplanei regimekritische Flugblätter gefunden wurden, nahm sie die Gestapo 1942 in Haft. Nur Bäumens glaubhaft vorgetragene Notlüge, sie habe die Flugblätter außerhalb Oberhausens gefunden und dem Kaplan übergeben, der sie für den Aufbau eines späteren Kriegsmuseums verwahren wollte, ließ das tatkräftige Tandem die Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat überleben.

Erlebt haben viele ältere Teilnehmerinnen der Zeitreise den unermüdlichen Einsatz der 1934 geborenen und 2006 verstorbenen Gemeindeschwester Richarda Reinhold. "Sie war wie ein fröhlicher Wirbelwind, der von einer Aufgabe zur nächsten flog", hieß es an der Klörenstraße. Dort hatte Schwester Richarda, die zwischen 1970 und 2000 in der Kranken- und Altenpflege von St. Joseph segensreich wirkte im ehemaligen Gemeindekindergarten eine Altentagesstätte eingerichtet. Außerdem organisierte sie Ferienfreizeiten für pflegebedürftige Menschen, um ihnen und ihren Angehörigen Lebensqualität und Entlastung zu verschaffen. "Sie hatte immer Verständnis und nie ein Problem damit, unkomplizierte Lösungen zu finden", sagte Ronig über die tatkräftige Ordensfrau.
Zunächst an der Joseph- und später im Vincenzhaus an der Wörthstraße richtete sich der Rückblick der Styrumer KFD-Frauen auf das Lebenswerk der Antonie Savels. Als Schwester und Haushälterin des ersten Pfarrers von St. Joseph, August Savels, kam sie 1866 nach Styrum und wurde dort schnell auf die soziale Not der Waisenkinder aufmerksam. Diese betreute sie zusammen mit ehrenamtlichen Helferinnen, die aufgrund ihrer schwarzen Diensttracht, im Volksmund bald liebevoll "Schornsteinpfegerinnen" genannt werden, zunächst in der Styrumer Kaplanei und ab 1882 im neu errichteten Vinzenzhaus. Dort wurde aus Antonie Savels die Dominikanerin Schwester Dominika. Sie machte aus der Not eine Tugend macht und gründete später sogar eine eigene Vincenzschule. Denn ihre bis zu 300 Waisen und vernachlässigten Sozialwaisen wurden damals in den öffentlichen Schulen ausgegrenzt.

Eine tödliche Ausgrenzung erleben Antonies Nachfolgerinnen, als sie während der Nazi-Zeit im Vincenzhaus unter anderem geistig behinderte Kinder betreuten. Einige, aber nicht alle von ihnen konnten sie vor dem Euthanasieprogramm der braunen Machthaber retten, indem sie ihre Schützlinge bei deren Verwandten verstecken. Heute betreuen unter anderem 14 Dominikanerinnen im Vincenzhaus alte und pflegebedürftige Menschen. Ein Gemälde "Jesus segnet die Kinder" erinnert in der Kapelle an die frühere Bestimmung des Hauses.

Da die Styrumer Kirchengemeinde St. Joseph zum Teil auch auf Mülheimer Stadtgebiet liegt, schauten die KFD-Frauen an der Luisenschule am Glockenstraße auch über die Stadtgrenzen hinaus. Sie betrachteten die Namenspatronin der Schule, die mecklenburgische Prinzessin und spätere preußische Königin Luise. Als Mädchen war sie mit ihrer Großmutter, der Landesmutter Marie-Luise-Albertine von Hessen Darmstadt in den 1780er und 1790er Jahren mehrfach zu Gast auf Schloss Broich. Weil die sehr natürliche, freundliche und volksnahe Prinzessin, bei ihren Aufenthalten auch den Kontakt mit ihren Untertanen suchte und zum Beispiel Kindern vorlas oder ihnen Dinge aus ihrem persönlichen Besitz schenkte, blieb die mit nur 34 Jahren 1810 verstorbene Luise den Menschen in bester Erinnerung. Daran änderte auch die von Elisabeth Ronig berichtete Tatsache nichts, dass sie keine fleißige Schülerin war und ihre Aufsätze vor Fehlern nur so strotzten. Deshalb wurde sie von ihren Lehrern gerne auch mal "Prinzessin Husch" genannt.

Keine Monarchin, sondern eine gewählte und nicht weniger beliebte Politikerin stellte Stefanie Hecke an der Luise-Albertz-Halle vor. Denn die Halle trägt den Namen der langjährigen Oberhausener Oberbürgermeisterin, Ratsfrau und Bundestagsabgeordneten. Hecke zeichnete das Lebensbild einer couragierten Sozialdemokratin, die 1901 geboren wurde und politisch ab 1945 in die Fußstapfen ihres von den Nazis ermordeten Vaters und Landtagsabgeordneten Hermann Albertz trat. Hecke erinnerte nicht nur daran, dass die vormalige Verwaltungsangestellte Luise Albertz die erste Frau an der Spitze einer Großstadt war. Sie berichtete auch davon, dass sich Albertz als Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Petitionsausschusses im Volksmund den Ehrentitel "Mutter der Bedrängten“ erwarb und bis zu ihrem Lebensende 1979 politisch aktiv blieb.

Last, but not least lernten die Frauen von St. Joseph an der Elsa-Brandström-Straße den "Engel von Sibirien" kennen. Als solcher ging die 1888 in St. Petersburg geborene Tochter eines schwedischen Diplomaten geborene und 1948 in den USA gestorbene Rotkreuz-Schwester in die Geschichte ein. Denn ohne Rücksicht auf ihre eigene  Gesundheit und politische Widerstände kümmerte sie sich seit Beginn des Ersten Weltkrieges  in Russland, Deutschland und in den USA um Kriegsgefangene, Flüchtlinge und deren Kinder. (Thomas Emons)

Stimmen, Eindrücke und Kontakte:


Doris Rickmann: "Ich fand unseren Rundgang und unsere Rundfahrt auf den Spuren bedeutender Frauen interessant. Einiges hat man gewusst. Vieles war aber auch neu. Was ich von dieser Zeitreise zu unserem Jubiläum mitnehme, ist die Erkenntnis, dass die Rechte, die Frauen heute haben, erst durch die Frauen erkämpft worden sind, die wir heute kennengelernt haben. Es ist schön, dass diese Frauen gelebt und für uns den Weg freigemacht haben."

Irene Wilhelm: "Diese Aktion passt wirklich gut zu unserer katholischen Frauengemeinschaft und ihrem Jubiläum, weil sie uns zeigt, dass man auch in schwierigen Zeiten etwas bewegen kann. <

Annelie Glunz: "Es hat mich überrascht, dass es in unserer Stadt und in unserer Gemeinde so viele Frauen gab, über die man berichten konnte. Was sie auf ihrem Gebiet geleistet haben, ist wirklich anerkennenswert und kommt in unserer Zeit viel zu wenig rüber, weil vieles an Tradition und kirchlichen Bindungen leider verloren geht. Gott sei Dank wird in unserer Gemeinde auch heute noch viel gemacht, ob für Kinder, Senioren oder auch durch die Gründung neuer Familienkreise. Aber es könnte noch mehr sein."

Hedi Gröger: "Ich fand es schön, heute viel, aber nicht zu viel über bekannte Frauen zu erfahren, die uns Mut machen, weil sie zeigen, dass es sich lohnt, sich einzusetzen. Ich habe diese Zeitreise aber nicht nur als sehr informativ, sondern auch als sehr gesellig empfunden. Schön, dass wir auch gemeinsam gesungen und Kaffee getrunken haben."

Gertrud Deutsch: "Auch ich fand es schön, beim gemeinsamen Singen, Gemeinschaft zu erleben. Es ist doch erstaunlich, dass wir oft in der ganzen Welt unterwegs sind und so wenig über unsere Heimatstadt wissen. Die Frauen, deren Lebensgeschichte wir heute kennen gelernt haben, können uns auch heute noch als Vorbilder inspirieren. Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass diese Frauen so aktiv geworden sind und so viel erreicht haben, obwohl sie früher weniger Rechte hatten, als die Frauen von heute."

Die Gemeinschaft KFD in St. Joseph wurde vor 100 Jahren als katholischen Frauen- und Mütterverein aus der Taufe gehoben. Heute wird die auch für interessierte Nichtmitglieder offene KFD-Gruppe von Gotlinde Hampen und Elisabeth Ronig geleitet. Ihre Aktivitäten reichen von der Andacht über Wallfahrten bis zu Karnevalsfesten, Erzählcafés und Wohlfühltagen. Eine Kontaktaufnahme ist für interessierten Frauen, die mitmachen oder auch erst mal nur vorbeischauen wollen per E-Mail an: elisabeth.ronig@web.de möglich. 

Dieser Text erschien am 20. Juni im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 5. Juli 2015

So gesehen: Kaltblütig einkaufen

Ein Königreich für einen kühlen Ort. Danach suchen viele Hitzegeschädigte an diesen heißen Sommertagen, an denen man sich den Gang in die Sauna getrost sparen kann.

Der König Kunde kennt die Lösung. Wenn draußen das Thermometer langsam aber sicher auf Backofen-Niveau steigt, geht die kluge Frau oder der kluge Mann ganz kaltblütig in den nächsten Supermarkt. Einkaufen, eine lästige Pflicht, die einem die Schweißperlen auf die Stirn treibt? Von wegen. Noch nie war es so angenehm und entspannend, sich einmal die Angebote in der Kühltheke ganz ausführlich anzuschauen, Zwischen Frischmilch, Joghurt und Quark kann man die 30 Grad plus X getrost vergessen, zumindest so lange man nicht an der Kasse feststellen muss, dass die Preise unverfroren hoch sind und sich die Hitzewallungen wieder, wie von selbst einstellen. 


Dieser Text erschien am 4. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 4. Juli 2015

Ein Mann räumt auf: Olaf Vier

MEG-Mitarbeiter Olaf Vier
"Eigentlich ist das hier ein schöner Arbeitsplatz“, sagt Olaf Vier mit Blick auf das Hafenbecken und die Ruhrpromenade. Doch an diesem Vormittag, an dem der Straßenreiniger die Mülleimer im neuen Ruhrquartier leert, ist es nicht schön. Es regnet, nicht zu vergleichen mit einem Sonnenaufgang in der Frühschicht an der Ruhr. „Wenn es regnet, sind vor allem Papierabfälle viel schwieriger aufzunehmen, weil sie sich mit Wasser vollsaugen und manchmal richtig auf der Straße kleben“, erzählt der Mann von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG).

Als er die Plane lüftet, offenbart sich auf der Ladefläche des Kleinlasters die Ausbeute eines halben Arbeitstages. Da ist nicht nur der Inhalt aus diversen öffentlichen Abfallbehältern, sondern sind auch ein Fensterrahmen, ein Staubsauger, alte Kissen und diverse Lebensmittel zu sehen. „Es gibt einfach nichts, was die Leute nicht wegwerfen“, sagt der 45-Jährige. Er selbst hat auch schon mal Müllsäcke mit toten Hühnern und einem toten Hund aufladen müssen.

Den meisten Müll sammeln Vier und die sechs Kollegen der von ihm geleiteten Arbeitsgruppe nicht auf der Straße, sondern an den 30 Wertstoff-Containern, die sie täglich anfahren. Rund um die Container bilden sich immer wieder wilde Müllkippen. Auch die Abfalleimer an den Straßen quillen regelmäßig über. „Manchmal fühlt man sich wie König Sisyphus“, findet Vier. Kaum haben seine Kollegen eine Stelle blitzeblank gesäubert, sehen sie dort auch schon die nächsten Müllablagerungen, wenn sie vielleicht eine halbe Stunde später dort noch einmal vorbeikommen. Ohne, dass er das zahlenmäßig belegen könnte, hat Vier den Eindruck, dass die Menschen heute immer mehr Müll achtlos wegwerfen. Das fängt schon mit der Pizza-Pappe oder dem Karton an, die die Leute nicht kleinreißen, um sie in den Abfalleimer oder in einen Altpapiercontainer zu stecken, sondern einfach auf die Straße werfen oder so in einen Mülleimer stopfen, dass dieser für weiteren Abfall blockiert ist. Vor allem montags, wenn sich Cola-Dosen, Bierflaschen und Pizzapappen als dreckiger Rest vom Wochenendfest auf den Straßen häufen, haben Vier und seine Kollegen mehr als gut zu tun. „Es sind einfach Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit“, glaubt der Straßenreiniger, wenn man ihn nach den Ursachen der allseits beklagten Vermüllung des öffentlichen Raumes fragt. Vor allem mit den wilden Müllbergen an den Wertstoffcontainerstandorten wird Vier nicht nur als Straßenreiniger, sondern auch als sozialdemokratisches Mitglied der für Styrum, Dümpten und Winkhausen zuständigen Bezirksvertretung 2 konfrontiert. „Wie man dieses Problem lösen kann, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass dort, wo es so etwas, wie soziale Kontrolle gibt, auch weniger Müll einfach auf die Straße geworfen wird“, sagt der kommunalpolitisch engagierte Familienvater.

„Manchmal werfen Leute sogar vor unseren Augen Müll auf die Straße. Da muss man schon mal an sich halten und auch wenn man sie auf ihr Verhalten anspricht, sind nur wenige einsichtig“, berichtet Vier aus seinem Arbeitsalltag, der seine Kollegen und ihn immer wieder durch die Stadtmitte, Dümpten und Styrum führt. Auch wenn der gelernte Dreher, der 1993 von Mannesmann zur Müllabfuhr wechselte, weil er sich in den Werkshallen wie in einem Gefängnis eingesperrt fühlte, seine Arbeit gerne macht, mit der er eine vierköpfige Familie ernährt, ärgert er sich über ihre mangelnde Anerkennung. „Nur ganz selten sagen Leute: Gut, dass ihr da seid und das hier macht. Viel öfter wird unsere Arbeit mit Füßen getreten, wobei viele vergessen, dass mit dem Müll, den sie auf die Straße werfen, auch ihre Müllgebühren zwangsläufig steigen.“ Auf der anderen Seite weiß der Straßenreiniger, der sich nach Feierabend gerne im Fitness-Studio „auspowert, entspannt und den Kopf frei macht“, dass sein Arbeitsplatz auch deshalb relativ sicher ist, weil es dort, wo es Menschen gibt, auch immer Müll geben wird, der entsorgt werden muss.

Dieser Text erschien am 27. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung