Sonntag, 30. August 2015

Der Bio-Bauer vom Bollenberg: Klaus Felchner

Klaus Felchner vor seinem Haus am Bollenberg


„Sie kenne ich doch.“ Den Satz hört Klaus Felchner nicht nur in Mülheim immer wieder. In der jüngeren Vergangenheit haben ihn viele als Aktivisten gegen einen möglichen Flughafen-Ausbau kennengelernt. Wer will und viele wollen es, kann den 62-Jährigen heute bei verschiedenen Gelegenheiten und an verschiedenen Orten kennenlernen. Wenn man sanfte und poetische Westcoast-Musik mag, sieht und hört man ihn vielleicht bei einem Konzert mit seiner Fellerband. Wenn er dort die Gitarre spielt, ist unter anderem auch seine Frau Monika mit ihrer Stimme oder mit ihrer Flöte dabei. Auch seine drei Töchter Johanna (Schlagzeug), Viktoria (Percussion) und Katharina (Gesang) leisten ihren Beitrag zum musikalischen Erfolg der 13-köpfigen Band, die nicht nur in unserer Region, sondern auch England gern gehört und gesehen wird.

Wer es lieber kulinarisch als musikalisch mag, kann ihn und seine Familie, zu der auch die 91-jährige Tante Lotte gehört, freitags, samstags und sonntags zwischen 12 und 18 Uhr im Hofladen oder im Hofcafé am Bollenberg, gleich hinter dem Flughafen kennenlernen.

Wo seit 1250 gesät und geerntet wird, verkaufen sie nicht nur Johannisbeeren, Brombeeren, Himbeeren, Heidelbeeren, Stachelbeeren, Kirschen, Pflaumen und Äpfel, die sie auf 40.000 Quadratmetern am Bollenberg anbauen. Allein die Vorstellung der selbstgebackenen Obsttorten kann einem schon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

Doch an diesem Vormittag, an dem Hofladen und Hofcafé geschlossen sind, muss der Besuch von der Presse, mit einem nicht minder köstlichen Glas Apfelschorle Vorlieb nehmen, das Appetit auf mehr macht.

Ein selbstbestimmtes Leben: Wenn Felchner seine Anbauflächen präsentiert oder im 1724 erbauten Fachwerkhaus über sein Leben und Arbeiten mit der Natur erzählt, gewinnt man den Eindruck, einem Menschen gegenüber zu sitzen, der seine eigene Mitte gefunden hat und deshalb in sich selbst ruhen kann. „Viele Menschen sind heute vor allem deshalb mit ihrem Leben nicht zufrieden, weil sie ihre Erwartungen zu hoch hängen und sich nicht mehr über die kleinen Dinge freuen können“, glaubt Felchner.

In seinem Leben ist Felchner vor allem deshalb zu Hause, weil er, getragen von einer Familie, selbstbestimmt leben und arbeiten kann und so der sein kann, der er ist.

„Viele Menschen scheuen Veränderungen und begreifen nicht, dass das Leben eine fortwährende Veränderung ist. Deren Herausforderungen müssen wir annehmen“, meint der Bio-Bauer, der in seinem früheren Leben mal Volkswirtschaft studiert hat. Doch nach dem Studium entschied er sich bewusst gegen eine mögliche Manager-Karriere, weil er lieber sein eigenes Leben als ein Unternehmen managen und optimieren wollte. „Ich möchte nicht wissen, wie viele Manager regelmäßig zum Psychiater gehen müssen, weil sie täglich unter Leistungsdruck stehen und oft Entscheidungen gegen ihr besseres Wissen und Gewissen treffen müssen“, sagt Felchner.

„Ich wollte selbst etwas auf ganz natürliche Weise produzieren und mit gutem Gewissen verkaufen können“, erklärt Felchner, warum er 1979 Landwirt wurde und nach einer intensiven Beschäftigung mit der Wirkung von chemischen Düngemitteln auf den menschlichen Organismus, seinen Hof vor 25 Jahren auf eine biologische Landwirtschaft umstellte. Heute düngt er nur noch mit Pferdemist und Kompost. Und seit 13 Jahren vermarktet er seine eigenen Produkte nur noch selbst. Auch seine Anbaufläche hat er von ursprünglich 15 auf vier Hektar reduziert. „Ich wollte keinen überflüssigen Stress mehr und ich wollte aus dem ständigen Preiskampf mit den Händlern aussteigen“, erinnert sich der Biobauer an die Gründe für seine Entscheidung. Er hat diese Entscheidung nie bereut, ebenso wenig wie sein musikalisches Engagement, das Ende der 60er Jahre mit dem Gewinn eines NRZ-Talent-Wettbewerbs begann. „Musik ist gut für den Geist und das Gemüt“, betont Klaus Felchner.


Dieser Text erschien am 29. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 29. August 2015

Keine Lehrerstellen im Gepäck: 32 Mülheimer Schulleiter diskutierten mit NRW-Staatssekretär Ludwig Hecke darüber, wie die Schulen Inklusion und Integration meistern können

"Wenn ich das, was ihr mir erzählt habt, in eurer Sprache hätte sagen müssen, wäre ich grandios gescheitert. Macht weiter so und alles Gute, damit wir uns möglichst schnell alle miteinander verständigen können.“ Mit diesem Lob verabschiedet sich NRW-Staatssekretär Ludwig Hecke aus dem Schulministerium von den etwa 25 Schülern der Internationalen Klasse, die am Karl-Ziegler-Gymnasium von Annette Lostermann-De Nil geleitet wird.

Ermutigt von ihrer Lehrerin haben die Jugendlichen aus Syrien, Irak, Spanien, Serbien und anderen Ländern in verständlichem Deutsch erzählt, wer sie sind, woher sie kommen und wie lange sie in Deutschland leben. Viele von ihnen besuchen erst seit wenigen Wochen das Gymnasium.

Sich jenseits aller Verwaltungshierarchien zu verständigen und über aktuelle Herausforderungen auf der Dauerbaustelle Schule zu diskutieren, ist auch das Ziel des Gespräches, das der Vertreter der Landesregierung an diesem Nachmittag in der Aula der Karl-Ziegler-Schule mit 32 Mülheimer Schulleitern führt.

„Ich weiß, dass der Staatssekretär uns keine neuen Lehrerstellen mitgebracht hat. Aber es tut uns allen gut, wenn wir uns mit ihm über unsere speziellen Probleme austauschen können, die wir hier vor Ort zu bewältigen haben“, sagt Willy-Brandt-Schulleiterin Ingrid Lürig vor der nichtöffentlichen Dialog-Veranstaltung.

„Wenn wir hier ganz offen und auf Augenhöhe mit dem Staatssekretär sprechen können, ist das für uns ein Zeichen der Wertschätzung“, betont ihr Amtskollege und Gastgeber von der Karl Ziegler-Schule, Magnus Tewes. Auch wenn es keine Tagesordnung gibt, nennt Tewes Integration und Inklusion als die drängendsten Themen. Wer soll wie diese Arbeit leisten?

„Ich kenne das seit 30 Jahren nicht anders, als dass von den Schulen über zu wenig Personal geklagt wird“, sagt der Staatssekretär in weiser Voraussicht, dass die pädagogischen Fachfragen in letzter Konsequenz auch immer die Frage nach Geld für Personal, Räumen und Schulausstattung nach sich ziehen. Er verweist denn auch auf die 674 neuen Lehrerstellen, die der Landtag vor der Sommerpause bewilligt habe. Außerdem, so Hecke, habe die Landesregierung die 10.000 Lehrerstellen beibehalten, die ihre Vorgängerin habe streichen wollen. Denn vor der Flüchtlingswelle sei man angesichts des demografischen Wandels von sinkenden Schülerzahlen ausgegangen. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte es sein, dass wir bereits geschlossene Schulen reaktivieren müssen“, glaubt Mülheims Schuldezernent Ulrich Ernst.


Dieser Text erschien am 28. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 28. August 2015

So gesehen: Es geht um die best6en Köpfe

"Über diese Antwort des Kandidaten Jobses geschah ein allgemeines Schütteln des Kopfes.“ So dichtete Karl Arnold Kortum 1784 über seinen Antihelden Jobs, der als theologischer Examenskandidat durchfiel und als Nachtwächter endete. So soll es den OB-Kandidaten nicht ergehen, wenn sie vor die Wähler treten. Dafür sorgen die Köpfe hinter den Kandidaten. (siehe unten) Doch hilft der beste Kopf hinter dem Kandidaten nichts, wenn der nicht seinen eigenen hat. Sonst entpuppt er sich nach der Wahl noch als politischer Nachtwächter.

Dieser Text erschien am 26. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 27. August 2015

Die Köpfe hinter den Kandidaten: Daniel Mühlefeld (SPD) und Hermann-Josef Hüßelbeck (CDU) leiten den OB-Wahlkampf von Ulrich Scholten (SPD) und Werner Oesterwind (CDU)

Daniel Mühlenfeld

Rund 133.000 Mülheimer sind aufgerufen, am 13. September einen neuen Oberbürgermeister zu wählen. Wahlentscheidend wird die Antwort auf die Frage sein, wie viele Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen werden. Bei der letzten OB-Wahl, bei der auch der Rat und die Bezirksvertretungen gewählt wurden, gaben 2009 51,9 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Doch als 2003, so wie diesmal, nur die OB-Wahl abgehalten wurde, machten gerade mal 42,1 Prozent der Wahlberechtigten ihr Kreuz.

Wie sage ich es den Wählern, dass unser Kandidat der bessere Oberbürgermeister wäre? Diese Frage treibt Hermann-Josef-Hüßelbeck und Daniel Mühlenfeld schon seit Monaten um. Denn beide leiten das aus acht bis zehn ehrenamtlichen Unterstützern bestehende Wahlkampfteam ihres OB-Kandidaten. Für den Christdemokraten Hüßelbeck ist das sein Parteifreund Werner Oesterwind. Und für den Sozialdemokraten Mühlenfeld ist es sein Genosse Ulrich Scholten.

Hermann-Josef Hüßelbeck


Beide investieren in der jetzt beginnenden heißen Wahlkampfphase täglich zwei bis drei Stunden, um ihren Kandidaten bei Podiumsdiskussionen, an Infoständen, bei Stadtteilfesten oder auch bei Hausbesuchen möglichst gut aussehen zu lassen.

Hüßelbeck hat als Rentner einen klaren Zeitvorteil. „Ob beim Plakate-Kleben oder am Infostand. Als Wahlkampfleiter kann ich nicht einfach sagen: Macht ihr mal. Da muss ich selbst als erster vorangehen“, betont der für Oesterwind wahlkämpfende Bezirksbürgermeister des Stadtbezirkes Linksruhr. „Ich versuche mit unserem Kandidaten so oft wie möglich vor Ort zu sein. Ich muss meine Wahlkampftermine aber immer so takten, dass ich sie mit meinem Beruf vereinbaren kann“, sagt Mühlenfeld, Ortsvereinsvorsitzende der Heißener SPD, der beruflich als Öffentlichkeitsarbeiter für die Oberhausener Energieversorgungsbetriebe tätig ist. Mühlenfeld und Hüßelbeck lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihre ehrenamtliche Arbeit am Schreibtisch in Diskussionsrunden oder bei Wahlkampfterminen nur mit der organisatorischen Unterstützung ihrer hauptamtlichen Geschäftsführer Thomas Mehlkopf (CDU) und Yvonne Hartig (SPD) leisten können. Beide Wahlkampfleiter schätzen, dass ihre Kandidaten und ihre Teams bis zum Wahlabend am 13. September eher 300 als 200 Termine absolviert haben werden.

Auch wenn sie mit Internet- und Facebookseiten oder Pressemitteilungen versuchen ihre Kandidaten auch inhaltlich zu positionieren, machen sich Hüßelbeck und Mühlenfeld keine Illusionen darüber, dass die OB-Wahl vor allem eine Personenwahl sein wird.

„Der Kandidat wird am Ende gewinnen, der in der persönlichen Begegnung mit den Bürgern Sympathie und Vertrauen gewinnen und sie im Gespräch von seinem Engagement überzeugen kann“, glaubt Hüßelbeck. „Wir müssen als Wahlkampfteam dafür sorgen, dass unser Kandidat von möglichst vielen Bürgern persönlich wahrgenommen wird. Ich glaube, dass am Ende der Kandidat gewählt wird, den Bürger bei Begegnungen nicht als freundlichen Schulterklopfer, sondern als eine kompetente Persönlichkeit kennen gelernt haben, die glaubhaft Positionen bezieht und dabei auch Widerspruch aushalten kann,“ ist auch daniel Mühlenfeld überzeugt.

Beide Wahlkampfleiter setzten auf Diskussionen im Wahlkampfteam, um so das Profil zu schärfen, dass ihr Kandidat mit seinen Argumenten und mit seinem Auftreten gewinnen muss, wenn er am 13. September gewählt werden will.

Dieser Text erschien am 26. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 26. August 2015

12 Uhr in Styrum: Soziale Baustellen und grüne Oasen

Kurt Hügen (links) mit Max Schürmann und Manfred Bogen vor seinem märchenhaften Haus an der Moltkestraße

Styrum: Rund 16.000 Einwohner, darunter 22 Prozent Ausländer. Das ist die Statistik des Stadtteils. Menschen, die nicht erst seit gestern hier leben und arbeiten, wissen, wo den Styrumern der Schuh drückt. Zu ihnen zählen Max Schürmann von der Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung, Manfred Bogen, den viele noch als Stadt- und Betriebsrat kennen, Brigitte Paashaus vom Styrumer Turnverein oder Pfarrer Michael Manz und Hannelore Ulber von der Evangelischen Lukas-Gemeinde. Sie berichten von sozialen Problemen, weggebrochenen Industriearbeitsplätzen bei Thyssen-Mannesmann und vom Bemühen um die Integration der Flüchtlinge, die in den SWB-Häusern an der Gustavstraße leben.

Man hört von Armut und von der Angst, die manche Bürger empfinden, wenn sie zu bestimmten Tageszeiten an der Oberhausener Straße auf „finstere Gestalten“ treffen. Auch der massive LKW-Verkehr beeinträchtigt die Lebensqualität der Styrumer.

Doch ebenso wird von dem Zusammengehörigkeitsgefühl und dem vielseitigen Engagement im Stadtteil berichtet. Eine Bürgerbegegnungsstätte, ein Netzwerk der Generationen und eine Stadtviertelkonferenz gibt es hier ebenso, wie zahlreiche Schulen, Kitas und Sportvereine. Auch ein Nachbarschaftsverein leistet wichtige Hilfe zur Selbsthilfe. Und viele Menschen, die mit ihrem Geld nicht über die Runden kommen, sind froh, wenn sie zum Beispiel bei Pfarrer Manz von der Immanuelkirche nicht vergeblich um Hilfe bitten.

Welchen Strukturwandel Styrum in den letztem Jahrzehnten verkraften musste, wird deutlich, wenn der 1946 in Styrum geborene Ex-Mannesmann-Europipe-Betriebsrat Manfred Bogen davon berichtet, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze in seinem alten Werk seit 1960 von rund 13.000 auf rund 2000 reduziert hat.

Positiv überrascht die unerwartet grüne Seite Styrums, die man entdeckt, wenn man sich von der Oberhausener Straße entfernt.

Dieser Text erschien am 25. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 25. August 2015

Simon Ahls: Der freundliche Mann an der Kasse

Simon Ahls


Er fällt auf, weil er immer so freundlich ist. Man trifft Simon Ahls an drei Tagen der Wochen an einer der acht Kassen im Edeka-Paschmann-Markt des Forums. Für jeden Kunden, dessen Waren er über den Scanner zieht, hat er einen freundlichen Blick und ein freundliches Wort übrig. Zwischen Kotelett, Käse, Gemüse und Milch entwickelt sich schnell ein kleines Gespräch, wenn Ahls an der Kasse sitzt: „Na, was gönnen Sie sich den heute Leckeres zum Abendessen?“ „Und, haben Sie auch ihren Schlüssel dabei, den Sie in der letzten Woche bei uns vergessen hatten?“ „Ist die Torte für den Besuch Ihrer Enkel, die Sie am Wochenende erwarten?“

Manchmal hat man den Eindruck, dass Ahls seine Kunden alle persönlich kennt. Kaum möglich. Denn in einer Kassenschicht rauschen schon mal 600 Kunden an ihm vorbei. Und der Mann an der Edeka-Kasse sitzt erst seit März dort. „Viele Gesichter merkt man sich aber doch irgendwie und viele Kunden merken sich auch mein Gesicht“, erzählt Ahls. Wenn er selbst mal in der Stadt unterwegs ist, im Straßenzivil, statt in der schwarzen Edeka-Kluft, wird er oft angesprochen. „Arbeiten Sie nicht im Supermarkt? Ich komme jetzt immer zu Ihnen an die Kasse, weil Sie so freundlich sind“, bekommt er dann schon mal zu hören. Solches Lob freut Simon Ahls, ohne dass er sich zu viel darauf einbilden würde.

„Es zeigt mir nur, dass ich meine Arbeit gut mache und mein Chef mit mir zufrieden sein kann“. sagt Ahls. Wenn man Ahls an der Kasse sitzen sieht oder er mal ein Regal ein- oder ausräumt und dann einem älteren sehbehinderten Kunden beim Einkauf assistiert, gewinnt man den Eindruck: Der Mann hat seinen Traumjob gefunden. Denn seine kundenorientierte Freundlichkeit fällt ihm offensichtlich nicht schwer. Sie wirkt selbstverständlich und nicht aufgesetzt. „Wenn man sich freundlich mit den Kunden unterhält, kommt unheimlich viel Dankbarkeit zurück und die Arbeitszeit vergeht schneller und angenehmer, als wenn man die ganze Zeit missmutig an der Kasse säße“, schildert Ahls seine Berufserfahrung. Die Arbeit macht ihm dann „am meisten Freude, wenn der Laden läuft und ein Kunde nach dem anderen kommt.“ Und wenn ein Miesepeter an seiner Kasse vorbeikommt, „dann bin ich zu dem besonders freundlich und bringe ihn damit aus dem Konzept“, sagt Ahls mit einem schalkhaften Lächeln.

Doch manchmal wundern sich seine Kunden über ihn, weil sie ihren Lieblingskassierer nur an drei Tagen in der Woche im Supermarkt antreffen. Simon Ahls ist kein gelernter Einzelhandelskaufmann, sondern eine ungelernte Aushilfskraft, die sich an der Supermarktkasse ihr Studium finanziert. „Ich studiere Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Statistik und möchte später mal als Meinungsforscher arbeiten“, erzählt Ahls. Und wenn es mal mit der Meinungsforschung nicht so klappen sollte, wie er sich das wünscht, könnte er sich dann bei seinem Naturtalent auch ein Berufsleben im Einzelhandel vorstellen?“ Ahls denkt einen Moment nach und meint dann: „Wenn dann nicht als Angestellter, sondern als Unternehmer!“

Der Politikstudent, der sich neben seinem Studium nicht nur bei Edeka-Paschmann an der Kasse, sondern auch bei den Jungen Liberalen in der FDP engagiert, glaubt an den eigentümergeführten Einzelhandel, wie er ihn in kleinen Fachgeschäften oder auch in den eigentümergeführten Edeka-Märkten erlebt. „Wenn ein Unternehmer als Person hinter einem Geschäft steht, sorgt das automatisch für mehr Qualität und Kundenbindung“, ist der liberale Politik-Student mit Markt-Erfahrung und Smartphone überzeugt.

Auch wenn er zugibt, selbst auch schon mal ein Ersatzteil für sein geliebtes Aquarium im Internet gekauft zu haben, „weil es dort billiger war“, versichert er, dass er in der Regel in Fachgeschäften einkauft. Trotz Discount und Internethandel, sieht Ahls inzwischen bei vielen Menschen wieder den Trend zum gutberatenen Einkauf im Fachgeschäft, „weil viele Menschen mit dem unpersönlichen Einkauf im Internet und in Großmärkten nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben.“

Und warum braucht ein Politikwissenschaften studierender Supermarktkassierer Aquarium-Ersatzteile aus dem Internet? „Weil mich der Anblick von Fischen, die in einem Aquarium herumschwimmen schon als kleiner Junge immer enorm beruhigt hat“, verrät Ahls augenzwinkernd das Geheimnis seiner Gelassenheit.


Dieser Text erschien am 22. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 24. August 2015

Bekenntnis zum sozialen Arbeitsmarkt: Das Diakoniewerk Arbeit und Kultur lud die OB-Kandidaten zur sozialpolitischen Debatte

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld sitzt entspannt in der ersten Reihe. Sie überlässt das Podium in der Kranhalle des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur an diesem Abend ihren potenziellen Nachfolgern Werner Oesterwind (CDU) und Ulrich Scholten (SPD), die sich Fragen zur Sozialpolitik von Pfarrer Justus Cohen und dem Journalisten Detlef Schönen stellen. Gut 100 Bürger sind der Einladung der Evangelischen Kirche gefolgt. Wer sich im Publikum umschaut, blickt vor allem in reife Gesichter. Junge Zuhörer, so scheint es, zieht eine solche Podiumsdiskussion offensichtlich weniger an.

Da passt die erste Frage, wie sich die beiden Mittfünfziger „ihr Alter in Mülheim“ vorstellen. Beide sehen sich auch an ihrem Lebensabend in einer aktiven Rolle. Beide wollen sich ehrenamtlich engagieren. Scholten denkt über einen Einsatz als Grüner Herr im Altenheim oder im Krankenhaus nach. Oesterwind meint spitzbübisch: „Vielleicht mache ich ja mit 80 auch noch meinen Motorradführerschein.“ Schönens Reaktion: „Dann sagen Sie mir vorher aber bitte Bescheid, wo Sie langfahren!“ Cohen hakt nach: „Was ist aber, wenn ich mit 80 auf einen Rollator angewiesen bin und auf der Schloßstraße im Schlagloch stecken bleibe?“ Die Kandidaten verstehen den Wink und berichten von Pflegefällen, die sie in ihren Familien meistern mussten und müssen. Sie wissen, dass schon jetzt fast jeder dritte Mülheimer über 60 ist und die Generation 60 plus, laut Bevölkerungsprognose ab 2025 die Mehrheit der Stadtgesellschaft stellen wird. „Viele Menschen leben heute allein und können später nicht auf Familienstrukturen zurückgreifen. Deshalb werden wir bei ihrer Betreuung auf ehrenamtliches Engagement angewiesen sein. Denn die Stadt wird nicht alles leisten können“, sagt Oesterwind. Während der Christdemokrat nicht nur beim Thema Altenhilfe, sondern auch bei der Frage nach der langfristigen Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen, die Partnerschaft von bürgerschaftlichem Ehrenamt und öffentlicher Hand den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, macht der Sozialdemokrat Scholten mit Blick auf die zunehmende Zahl von alten Menschen, Flüchtlingen und Zuwanderern deutlich: „Das ist eine öffentliche Aufgabe. Die darf man nicht auf Ehrenamtliche abwälzen, weil sie das überfordern würde.“

Vielleicht inspiriert vom Blick auf die Ausgabestelle der Tafel und von den im Diakoniewerk aus alten Paletten gebauten Sesseln, auf denen sie sitzen, sprechen sich Scholten und Oesterwind für einen öffentlich finanzierten sozialen Arbeitsmarkt aus. Denn, so räumen sie ein, die gesundheitlichen und sozialen Folgekosten perspektivloser Langzeitarbeitslosigkeit seien am Ende höher, als der Einsatz von Fördermitteln für einen zweiten Arbeitsmarkt.

Doch, woher das Geld für die auch im Bereich von Bildung, Betreuung und Jugendarbeit als notwendig erkannten sozialen Projekte kommen soll, sagen die Kandidaten nicht. Es bleibt bei Scholtens Hinweis: „Man darf keinen Bereich gegen den anderen ausspielen.“ Solche „Politikersprache“ kam bei vielen Zuhörern nicht gut an und auch nicht, dass keine Zwischenfragen aus dem Publikum zugelassen werden. Die könnten sie beim Imbiss nach der Podiumsdiskussion stellen. Ein Angebot, was viele Besucher nutzen.


Dieser Text erschien am 21. August 2015 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 23. August 2015

Die Verführung der Gewalt oder: Erinnern für die Zukunft

Friedensgebet vor dem Medienhaus am Synagogenplatz

70 Jahre nach den amerikanischen Atombombenabwürfen über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki folgten am Samstagvormittag gut 100 Menschen dem Aufruf der katholischen und evangelischen Stadtkirche zu einem ökumenischen Friedensgebet. Vor dem Medienhaus auf dem Synagogenplatz erinnerte Superintendent Helmut Hitzbleck daran, dass die Atombombenabwürfe, an deren Folgen mehrere 10.000 Menschen starben, „nur die Spitze des Eisbergs“ seien, wenn es darum gehe, der Versuchung der Gewalt zu widerstehen und den Frieden zu bewahren. Stadtdechant Michael Janßen beschrieb die aktuelle Herausforderung der lokalen und globalen Friedensstiftung im Angesicht von weltweit über 30 Kriegen und über 50 Millionen Flüchtlingen, in dem er das Gebet der Vereinten Nationen sprach: „Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.“

Nach einem Schweigemarsch durch die Innenstadt machte Pfarrerin Dagmar Tietsch-Lipski in der abschließenden Andacht in St. Mariae Geburt auf dem Kirchenhügel deutlich, dass die 25 Millionen Menschen, die seit 1945 weltweit in Kriegen gestorben seien, die Illusion widerlegt hätten, mit Atomwaffen den Krieg ein für allemal beenden und den Frieden sicherer machen zu können. Welches Elend Krieg und die Unfähigkeit zum Frieden über Menschen bringt, zeigte Georg Ritterbach. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Oberhausener Friedensdorfes Internation berichtete anschaulich und bewegend, wie in Kriegen verletzte und traumatisierte Kinder mit Hilfe des Friedensdorfes und seiner vielen ehrenamtlichen Helfer und Förder so behandelt, betreut und gefördert werden, dass sie anschließend gerne in ihre Heimatländer zurückkehren und dort im Kreise ihrer Familien eine neue Lebensperspektive haben. Aktuell kümmert sich das Friedensdorf, laut Ritterbach, um insgesamt rund 300 Kinder aus neun Kriegs- und Krisenländern von Afghanistan bis Angola.

Dieser Text erschien am 15. August 2015 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 22. August 2015

12 UHR IN: Grün, grüner, Mintard: Ein Dorfspaziergang mit Peter Loef, der bei den Grünen aktiv und Mintard geboren ist

Peter Loef auf der Mintarder Dorfstraße


Grün, grüner, am grünsten. Das erfährt man im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man mit dem Bus der Linie 132 aus der Innenstadt heraus über Saarn nach Mintard fährt. Hier schaut man auf Wiesen und Felder. Hier sieht man Pferde auf der Weide stehen, und hier steht mit Sankt Laurentius die Kirche noch im Dorf. Alles in Butter? Nicht ganz, wenn man mit dem Grünen-Politiker Peter Loef durch das grüne Mintard geht, in dem der Ingenieur 1957 das Licht der Welt erblickt hat.

„Als Junge bin ich in den 60er Jahren noch mit einem Schienenbus vom Mintarder Bahnhof zur Schule nach Broich gefahren“, erinnert sich Loef. Auch die Tante-Emma-Läden und die Bäckerei, in denen der kleine Peter und seine Eltern früher einkauften, gibt es heute nicht mehr. Selbst eine Dorfkneipe sucht man im Mintarder Dorf vergebens.

Deshalb freut sich Loef auf das kommende Frühjahr. Denn dann wollen die neuen Inhaber des Mintarder Wasserbahnhofs, Rene Birkmann und Georg Vollenbruck das alte Restaurant des heute nur als Hotel genutzten Traditionshauses wieder eröffnen. Außerdem sind sie mit der Stadt im Gespräch, um auch den 2011 aus Kostengründen abgebauten Anleger der Weißen Flotte wieder zu installieren. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Allgegenwärtig ist dagegen der Fluglärm über Mintard. Der Flughafen Düsseldorf ist nicht weit. Hier wird Mintards zentrale Lage zwischen Mülheim, Essen und Düsseldorf zum Nachteil. Unübersehbar und unüberhörbar steht auch die während der 60er Jahre als Teil der Autobahn A52 errichtete Ruhrtalbrücke in der Mintarder Landschaft.

Kritisch sieht Loef, der sein Mintard liebevoll als „Schlafdorf“ bezeichnet, dass die Buslinie 132, die Mintard mit der Stadtmitte verbindet, demnächst durch eine Linie 134 ersetzt werden soll. Die soll dann im Stundentakt über Saarn und Broich in den Speldorfer Hafen und wieder zurückfahren. Wer dann von Mintard aus in die Stadtmitte will, muss in Saarn oder Broich umsteigen.

Unter dem Strich bleibt aber die Tatsache, dass Mintard, das seit 1975 als Stadtteil zu Mülheim gehört, auch bei jungen Familien ein beliebter Wohnort im Gründen und auch ein bei Radtouristen beliebtes Ausflugsziel ist. Loef sieht die Zukunft Mintards durchaus positiv. Denn in den letzten beiden Jahren, so sagt der Parteisprecher der Grünen, habe das grüne Mintard seine Einwohnerzahl immerhin von rund 740 auf 800 steigern können. Er selbst engagiert sich in der Initiative Mintarder Vier Jahreszeiten, die regelmäßig zu geselligen und kulturellen Veranstaltungen einlädt. Auch der von Wolfgang Budde geführte Verein „Wir in Mintard“ macht sich für den Stadtteil stark.


Dieser Text erschien am 20. August in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. August 2015

Ein Vormittag im Haus Ruhrgarten oder: Junges Blut trifft alte Hasen

Oskar Dierbach, Patrick (18) und Frauke Philippsen


Alte Menschen, die es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt haben treffen an diesem Vormittag auf junge Menschen, die es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt haben. Die Gastgeber aus dem Haus Ruhrgarten schauen auf ein langes Leben zurück. Ihre Gäste aus dem Sankt-Josefshaus haben ihr Leben noch vor sich. Die 14- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen fragen sich: „Was soll aus mir werden, nicht nur beruflich?“

Da kommt ihnen der Ausflug in den Pflegealltag eines Altenheimes gerade recht. „Die von uns betreuten Jugendlichen kommen aus belasteten Familien. Und wir wollen, dass sie möglichst früh selbstständig werden. Und dazu gehört auch die Erkundung der Berufswelt“, betont Sozialarbeiterin Heike Wagner vom Sankt-Josefshaus.
Und so schnuppern die Jugendlichen in den Alltag der Altenpflege hinein. Die Einen finden sich in einer Stuhlgymnastikgruppe wieder. Die anderen backen mit Bewohnern einen Apfelkuchen oder lernen in der Tagespflege das biografischen Gedächtnistraining und etwas über Dialekte, Biersorten und demenzielle Persönlichkeitsveränderung. Den härtesten Job an diesem Tag hat der 18-jährige Patrick. Obwohl er als Fußballer fit, wie ein Turnschuh ist, meint er nach einer halben Stunde im Seniorenanzug: „Das war krass. Ich bin fix und fertig. Jetzt weiß ich, was manche Menschen im Alter ertragen müssen.“ Westen, Manschetten, Kopfhörer und eine dicke Brille mit abgedunkelten Gläsern, die Patrick, wie einen Außerirdischen erscheinen lassen, haben ihn am eigenen Leibe erleben lassen, was es bedeutet, wenn im Alter Augen, Ohren, Beine, Knie und Gelenke nicht mehr so wollen, wie man selber will.

„Ihr könnt nach einer halben Stunde wieder aussteigen, aber unsere Bewohner, müssen ihre Handicaps jeden Tag rund um die Uhr ertragen“, unterstreicht der Pflegedienstleiter des Ruhrgartens, Oskar Dierbach.
Gästen und Gastgebern gefällt das Kennenlernen der jeweils anderen Generation. „Es ist einfach schön, wenn man Alt und Jung mischt“, findet Edith (88). „Ich hätte nicht gedacht, dass einige der Bewohner noch so fit sind und begeistert mitmachen“, staunt Jasmin (17) „Wir haben hier nicht zum ersten Mal junge Leute im Haus. Und mit ihnen macht die Gymnastik einfach mehr Spaß“, freut sich Hedwig (93). „Hier leben Menschen, die 100 Jahre und älter sind. Ich finde es krass, dass Menschen so ein hohes Alter erreichen können und trotzdem noch Spaß am Backen eines Apfelkuchens haben können“, staunt Redofa (15). Und Irmgard (91) glaubt mit Blick auf Alter und Krankheit: „Das ist für die Jugendlichen eine wichtige Erfahrung, zu erleben, dass das, was uns heute passiert, morgen ihnen passieren kann.“ Auch wenn Julia (18) es toll findet, „dass die Altenpfleger sich in die alten Menschen hineinversetzen und so freundschaftlich und respektvoll mit ihnen sprechen“, geht es ihr, wie den meisten ihrer Altersgenossen. Sie können sich nicht vorstellen, in einem Beruf zu arbeiten, in dem sie jeden Tag mit Alter und Krankheit konfrontiert werden.
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Dennoch haben Pflegedienstleiter Oskar Dierbach und Altenpflegerin Frauke Philippsen am diesem Tag das eine oder andere Pflegetalent entdeckt. „Man muss kein Superpfleger sein, sondern sich wirklich für Menschen und dafür interessieren, wie es ihnen geht und wie es ihnen noch etwas besser gehen könnte. Und man lernt mit der Zeit, dass das Sterben zum Leben dazu gehört“, geben sie den Jugendlichen mit auf den Heimweg ins Sankt-Josefshaus. Ihr Tag im Altenheim bestätigt den Jugendlichen aus dem Kinderheim. Ein Heim kann zur Heimat werden, wenn sich Menschen für Menschen interessieren-

Dieser Text erschien am 20. August in der NRZ und in der WAZ

Donnerstag, 20. August 2015

Die Damen vom Empfang: An Gabriele Willsch und Cornelia Gansert kommt keein Sparkassenkunde vorbei

Gabriele Willsch (links) und Cornelia Gansert
Kleider machen Leute. Das wissen wir nicht erst seit Gottfried Kellers Novelle. Wenn man Gabriele Willsch und Cornelia Gansert im schicken dunkelblauen Hosenanzug mit rotem Seidenschal am Empfang der Sparkasse sieht, strahlen die beiden Damen im besten Alter freundliche und seriöse Kompetenz aus. Genau das ist auch ihre Aufgabe. „Wir sind das Gesicht der Sparkasse“, sagen sie. Und das spüren sie auch in ihrer Freizeit, wenn sie auf der Straße oder beim Einkauf nach den aktuellen Zinssätzen oder danach gefragt werden, ob der Berater XY schon wieder aus seinem Urlaub oder aus dem Krankenhaus zurückgekehrt ist.

Auch wenn das manchmal nerven kann, bleiben sie immer freundlich und gelassen. Das haben sie in ihren mehr als 20 Berufsjahren am Empfang der Sparkasse gelernt und verinnerlicht. „Dieser Haltung bleiben wir auch dann treu, wenn Kunden sich über irgend etwas beschweren, das ist unsere wichtigste Regel“, betonen sie.

Kaum einer der durchschnittlich 400 Kunden, die in einer Woche die 1989 eröffnete Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse am Berliner Platz betreten, kommt nicht an den Damen vom Empfang vorbei. Denn sie sitzen seit knapp einem Jahr mittendrin im Eingangsbereich der Kundenhalle.

Davor fand man den Empfang nur dezent an der Seite, gewissermaßen als Übergangszone zwischen den Kundenschaltern und dem Abgang zu den Schließfächern. „Manche Kunden empfinden den neuen Empfang als etwas klotzig“, räumen Willsch und Gansert ein. Allerdings sehen sie selbst den Vorteil, dass ihre Bürokanzel als unübersehbare Anlauf- und Informationsstelle zentral im Raum steht.

Ich habe einen Termin bei Berater XY! Wann hat Beraterin Z einen Termin frei? Können Sie mir bitte meine Überweisung ausfüllen? Ich habe meine Brille vergessen. Warum ist meine Rente noch nicht auf meinem Girokonto? Können Sie mir erklären, wie die Überweisung am SB-Terminal funktioniert? Können Sie sich bitte hinter mich stellen, wenn ich mein Kontoauszug oder mein Bargeld aus dem Automaten ziehe? Den Sparkassen-Kunden gehen die Fragen nicht aus. Manchmal wollen diese aber gar keine Antwort, sondern handwerkliches Geschick ist gefragt. Dann müssen Gansert und Willsch zur Schere greifen. Die setzen sie mit viel Fingerspitzengefühl ein, wenn Kunden im Tresorraum versehentlich ihren Schlüssel falsch herum ins Schloss ihres Faches gesteckt haben. „Einen Moment. Ich komme gleich!“

Schlechte Laune („Sie sehen doch, dass ich gerade zu tun habe!“) können sich Willsch und Gansert an ihrem Arbeitsplatz nicht erlauben. „Auch wenn man zu Hause Probleme oder schlecht geschlafen hat, muss man morgens hier den Schalter umlegen, sobald die Türen geöffnet werden und die ersten Kunden auf uns zukommen“, unterstreicht Gansert.

„Ich habe Gespür für Menschen und ihre Stimmungen. Man muss immer wissen, wie man mit welchem Kunden sprechen muss“, beschreibt Willsch ihr wichtigstes Kapital. „Meine Kollegin hat wirklich ein Händchen dafür, ganz unterschiedlichen Menschen alles so zu erklären, dass sie am Ende genau Bescheid wissen“, lobt Gansert.

Kein Wunder. Denn Gabriele Willsch hat Geschichte, Theologie und Psychologie auf Lehramt studiert, während Gansert vorher in den Sparkassenabteilungen für die Erfassung und Überprüfung der Kundenstammdaten und der Überweisungsbelege gearbeitet hat.„Nach meinem Zweiten Staatsexamen kam mir 1984 die damalige Lehrerschwemme in die Quere und ich musste einen anderen Beruf finden, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdienen konnte“, erinnert sich Willsch an ihren ganz persönlichen Scheideweg. Eine Freundin brachte sie auf die Idee, sich doch einfach mal bei der Sparkasse zu bewerben. „Die brauchen immer jemanden. Und das ist eine sichere Sache!“

Auch wenn ihr der Berufswechsel nicht leicht gefallen ist, bereut sie ihre Entscheidung nicht. „Wir haben einen relativ sicheren Arbeitsplatz und eine gute Atmosphäre, in der jeder mit jedem sprechen kann und die ich als familiär bezeichnen würde“, sagt Gabriele Willsch.

Dass sie damals den für sich richtigen Arbeitgeber gewählt hat, sieht die Mutter einer inzwischen erwachsenen Tochter im Rückblick vor allem daran, dass es für sie kein Problem war, nach einer längeren Familienpause 1992 bei der Sparkasse beruflich wieder sofort einsteigen zu können.



Dieser Text erschien am 15. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 19. August 2015

12 Uhr am Raffelberg: Park-Idylle mit Theaterdonner


Eine Parkansicht des alten Kurhauses, in dem heute Theater gespielt wird

Erstaunlich. Autos und Baustellen, so weit das Auge reicht. Doch wer von der Duisburger Straße in die Akkazienallee einbiegt und nach einigen Metern links oder rechts ins Grüne geht, ist plötzlich in einer anderen Welt. Wer es sportiv mag, den wird es nach rechts zur Rennbahn, zum Golf- oder zum Tennisplatz ziehen. Kultur- und Naturfreunde gehen nach links, wo das Theater an der Ruhr, das Café Sol und der Raffelbergpark locken. Hier treffen wir einen ganz besonderen Anwohner, den Fotografen und Ruhrpreisträger Heiner Schmitz, der uns als Ortskundiger rund um den Raffelberg begleitet.

„Ohne den Einsatz von Bernd und Karin Landfermann gäbe es den 1909 angelegten Raffelbergpark heute gar nicht mehr“, erzählt Schmitz. Denn in den Jahren 1989 bis 1991, als auch er im Vorstand des Vereines zum Erhalt und zur Pflege des Raffelbergparks aktiv war, gab es Pläne dort eine Luxus-Therme und ein Spielcasino zu errichten.

Wenn man am Theater vorbei durch den zum Teil waldartigen Park geht, ist man froh, dass aus diesen Plänen nichts geworden ist. Inzwischen steht der Raffelbergpark unter Denkmalschutz. „Der gemeinsame Kampf gegen die Luxus-Therme und das Spielcasino hat die Anwohner zusammengebracht und dazu geführt, dass der Park heute viel mehr als früher genutzt wird“, freut sich Schmitz. Er berichtet von Spaziergängern, Joggern und Boulespielern, die den großzügigen Park mit seinem Teich für sich entdeckt haben. An diesem Mittag haben wir den Park allerdings für uns alleine. Das gilt auch für unsere späteren Abstecher zur Rennbahn und zum Golfplatz.


Was uns beim Parkrundgang auffällt, sind die Schilder mit der Aufschrift: „Save my Sol.“ Wir kehren bei Hakan Mengil ein, der das unmittelbar am Theater liegende Café Sol seit fünf Jahren betreibt und sich nicht nur mit europäisch-orientalischer Küche, sondern auch mit Konzerten eine feste Stammkundschaft erarbeitet hat. Doch jetzt sieht Mengil seine Existenz bedroht, weil der Mietvertrag Ende September ausläuft und er das Gefühl hat, dass der jetzt zuständige Immobilienservice der Stadt einen anderen Pächter haben will. Dabei, so berichtet Mengil, habe seine Schwester den von ihr abgeschlossenen Pachtvertrag eigens auf Anraten des städtischen Kulturbetriebes gekündigt, um den Pachtvertrag auf ihren Bruder übertragen zu können, der bisher nur als Geschäftsführer fungiert hat. Bei unserem Gespräch setzte Hakan Mengil seine Hoffnungen auf eine Bürgerversammlung mit Vertretern der Ratsfraktionen, die gestern Nachmittag im Café Sol über die Bühne ging. .

Dieser Text erschien am 12. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 18. August 2015

So gesehen: Die Gnade der späten Geburt

Meine ältere Schwester, die in den 70er Jahren die Luisenschule besuchte, ist heute eine reiselustige und sehr weltoffene Musikerin. Schon als Schülerin war ihr klar, dass die Musik in ihrem Leben die erste Geige spielen würde. Doch zu ihrer Schulzeit gab es an der Luisenschule weder Jazz noch Jungs. Beides konnte sie erst später studieren, mal in Dur und mal in Moll. Zu Dissharmonien kam es nur, als sie auf Geheiß der Mutter versuchte, ihrem kleinen Bruder die große Musik beizubringen. Da schweigt des Sängers Höflichkeit. Wenn ich ihr heute berichte, dass es an ihrer alten Schule inzwischen eine Big-Band gibt, die (siehe unten) durch die USA getourt ist, wird sie die alte Arie anstimmen. „Heute kommen die Schüler in der Welt herum. Wir kamen früher nur in die Gruga.“ Das nennt man dann wohl die Gnade der späten Geburt.

Dieser Text erschien am 14. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 17. August 2015

Motivationsschub, made in USA: Die Big-Band der Luisenschule tourte während der Sommerferien durch das Mutterland des Jazz und lernten dabei für ihr Leben.

Ein Teil der Bigband in der Schulaula

Da ist Musik drin. Man hört es, wenn die 39 jungen Musiker der Luisenschul-Bigband freitags nach Unterrichtsschluss zwischen 15 und 17 Uhr „Good Feelings“ und andere jazzige Titel intonieren. Good Feelings, gute Gefühle, bringen Trompeter Vincent Schulz (13), Posaunist und Ex-Schüler Axel Boßmann (25), Trompeter und Ex-Schüler Felix Kels (20), Saxophonist Henning Gerhardy (17), Trompeter und Posaunist Felix Schlicht (15), die Jazz-Brüder Tim (17/Trompete) und Nils Hahn (15/Posaune) mit ins neue Schuljahr.

Denn in den Sommerferien tourte die 2009 gegründete und von Musiklehrerin Regina Coupette geleitete Bigband durch das Mutterland des Jazz. In Michigan, Wisconsin und Illinois gaben sie insgesamt vier Konzerte, begeisterten damit mehrere 1000 Zuhörer, nahmen zusammen mit anderen musikinfizierten Jugendlichen am Blue-Lake-Fine-Arts-Camp am Lake Michigan teil und gönnten sich zum Ausklang ihrer USA-Tour ein Picknick-Open-Air-Konzert im Milleniumpark von Chicago. „Ein so tolles Programm hätten wir ohne eine so motivierte Gruppe nicht auf die Beine stellen können“, loben Band-Leaderin Coupette und ihre Assistentin Xenia Ryabchenko ihre Musiker. Die bekamen neben ihrem finanziellen Eigenbeitrag natürlich auch Rückenwind durch Sponsoren, wie das Bundesfamilienministerium, die Leonhard-Stinnes-Stiftung, das Goethe-Institut, den Lionsclub Mülheim-Hellweg oder örtliche Unternehmen, wie Schlicht, Jansen, Musik Glaser und die MWB.

Nicht zu vergessen Manfred Mons vom Mülheimer Jazzclub, der die Kontakte zum Blue-Lake-Ensemble knüpfte, das im Herbst 2014 an der Luisenschule auftrat und in Schülerfamilien zu Gast war. Auch die Mülheimer erlebten jetzt im Gastfamilien amerikanisches Alltagsleben. „In Amerika ist alles größer, nicht nur die Entfernungen, sondern auch die Portionen“, erinnert sich Henning Gerhardy. „Die Menschen kamen überall sehr offen und freundlich auf uns zu. Manche meinten, sogar, unser Konzert sei das größte Erlebnis ihres Lebens“, staunen Tim und Nils Hahn. „Das war für mich ein großer Motivationsschub, der mir gezeigt hat, dass ich weiter in diese Richtung gehen will, auch wenn es ein langer und anstrengender Weg wird, um von der Musik leben zu können“, betont Julius Schlicht, der als Blue-Lake-Stipendiat im Jazz-Camp nicht nur mit gleichgesinnten amerikanischen Altersgenossen, sondern auch mit Jazz-Professoren improvisieren, arrangieren und an seiner Technik arbeiten konnte.

Bandleaderin Coupette freut sich über den sicht-, spür- und hörbaren Motivationsschub made in USA. Jetzt hofft sie auf viele Zuhörer beim Home-Coming-Concert, das am 3. September um 19 Uhr in der Aula der Luisenschule über die Bühne gehen wird.
Dieser Beitrag erschien am 14. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. August 2015

Reicher, aber nicht glücklicher: Pastor Constant Leke aus Kamerun berichtet darüber, welche Erfahrungen er als seelsorgerischer Entwicklungshelfer im Ruhrbistum gemacht hat.


Pastor Constant Leke
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Mülheim an der Ruhr ist multikulturell. Hier leben Menschen aus mehr als 100 Nationen zusammen. Da passt ein katholischer Pastor aus Kamerun ins Bild. Seit fast zwei Jahren leitet Pastor Constant Leke nicht nur die Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz, sondern auch die englischsprachige kamerunische Gemeinde des Bistums, die ihre Gottesdienste in der Styrumer Marienkirche feiert und die französischsprachige Gemeinde, für die St. Gertrud in Essen zur Heimat geworden ist. Im Gespräch mit dem Neuen Ruhrwort berichtet der 36-jährige Geistliche von seinen Erfahrungen als Seelsorger in Deutschland.

??? Sie wurden vor zwei Jahren vom Bischof ihrer Heimatdiözese Mamfe nach Mülheim geschickt, um hier in St. Mariae Rosenkranz die Nachfolge Pastor Norbert Dudek anzutreten, der als Pfarrer nach St. Marien in Schwelm wechseln musste. Obwohl sie vorher noch nie in Deutschland waren und kein Wort Deutsch sprachen, beherrschen Sie, dank intensiver Sprachkurse, inzwischen nicht nur die englische und französische, sondern auch die deutsche Sprache. Wie gut fühlen Sie sich in Ihrer neuen Gemeinde integriert?

!!! Ich fühle mich hier inzwischen sehr wohl und habe keine Probleme mehr. Der Anfang war schwer und die Integration in die Gemeinde ging zunächst nur sehr langsam Schritt für Schritt voran. Doch je besser ich die für mich schwere deutsche Sprache sprechen und verstehen kann, ist auch meine Integration in die Gemeinde gewachsen, weil ich jetzt mit ihnen sprechen und sie verstehen kann.

??? Als Seelsorger arbeitet man vor allem mit dem Wort. Fällt es Ihnen heute leicht in deutscher Sprache zu predigen oder ein seelsorgerisches Gespräch zu führen?

!!! Mein Deutsch ist noch nicht perfekt und ich arbeite jeden Tag daran, dass es noch besser wird. Ich kann inzwischen deutsch predigen und auch meine Lesungen in deutscher Sprache halten. Meine Predigten schreibe ich immer noch in englischer Sprache und übersetze sie dann ins Deutsche. Das funktioniert ganz gut, vor allem dann, wenn ich betont langsam spreche. Ich habe auch kein Problem mehr damit, Tauf,- Trau- und Trauergespräche zu führen. Das Feed Back, das ich bekomme, zeigt mir, dass die Leute mich auch dann verstehen, wenn mein Deutsch noch nicht perfekt ist. Aber es gibt auch einige Gemeindemitglieder, die sich für ein Gespräch über ihre speziellen persönlichen Anliegen einen deutschen Priester wünschen, der natürlich besser deutsch spricht, als ich das kann.

??? Zu welchem Ergebnis kommen Sie, wenn Sie ihre Erfahrungen als Seelsorger in Kamerun und Deutschland miteinander vergleichen?

!!! Die Lebenswirklichkeit in Kamerun ist eine ganz andere, als in Deutschland. Sie haben kein Problem mit dem Glauben. Denn Afrika ist ein sehr glaubensstarker Kontinent. Die Menschen in Kamerun haben aber ein Problem damit, dass viele von ihnen an die Existenz des Teufels glauben und deshalb davon ausgehen, dass bei den schlechten Dingen, die ihnen im Leben widerfahren, egal, ob sie krank sind oder nachts nicht schlafen können, der Teufel sein Hand im Spiel gehabt hat. Dann kommen sie zum Priester und bitten ihn, für sie zu beten. In Deutschland habe ich noch von niemandem gehört, dass er an die Existenz des Teufels, der für ihre Probleme verantwortlich sein könnte. In Deutschland sind die Menschen aber nicht sicher in ihrem Glauben an Gott. Viele Menschen sagen mir in Gesprächen, dass sie nicht sicher sind, ob Gott überhaupt existiert.

??? Woher kommen diese Glaubenszweifel?

!!! Die Gesellschaft in Deutschland ist sehr stark säkularisiert. Viele Kinder wachsen ohne Religion und Gottesdienste auf. Sie sind von der Kirche getrennt oder gehen nur selten in die Gottesdienste, so dass ihr Glaube von Anfang an nicht stark ist. Außerdem geht es den Menschen in Deutschland, anders, als den Menschen in Kamerun materiell sehr gut. Sie haben weniger materielle Probleme. Deshalb denken sie nicht so viel an Gott. Das ist eine menschliche Erfahrung. Wer wohlhabend wird und keine existenziellen Probleme hat, denkt und glaubt weniger an Gott. Dagegen können Krankheit und Not Menschen zum Glauben an Gott bringen.

??? Aber auch in Deutschland haben Menschen Probleme und nicht alle sind hier wohlhabend.

!!! Ja, natürlich. Aber sie glauben nicht an Gott, sondern an Fachleute, die ihre Probleme lösen. In Deutschland sind viele Menschen depressiv. Aber sie gehen mit ihren Problemen zu einem Psychologen und nicht zu einem Priester. In Kamerun gehen die Menschen mit solchen seelischen Problemen immer zuerst zu einem Priester.

??? Hat die Kirche in Deutschland hier etwas falsch gemacht, wenn Menschen mit seelischen Problemen lieber zum Psychologen, als zum Priester gehen?

!!! Ich denke, das Grundproblem ist der fehlende Glaube an die Existenz Gottes. Denn auf diesem Glauben basiert alles. Und erst dieser Glaube und das daraus wachsende Gottvertrauen, wird Menschen in Lebenskrisen auch dazu bringen, den seelsorgerischen Rat eines Priesters zu suchen und seine Hilfe anzunehmen.

??? Aber es gibt ja nicht nur die Glaubenden und die Ungläubigen, sondern auch die Zweifelnden, die glauben wollen.

!!! Ja, und die kann man nur erreichen, wenn man auf sie zu geht und mit ihnen ganz konkret und offensiv mit ihnen über die Grundlagen des christlichen Glaubens spricht und ihnen die Hoffnung vermittelt, die uns als Christen im Leben trägt. Ich tue das, in dem ich in Einzelgesprächen, aber auch in Familien und Gruppen über ihren und meinen Glauben spreche. Aber, dass ist nicht immer leicht und braucht vor allem viel Zeit. Man darf nicht glauben, dass ein oder zwei Gespräche ausreichen würden, um Menschen vom Glauben an Jesus Christus zu überzeugen.

??? Warum tun sich die Menschen in Ihrer Heimat Kamerun so viel leichter zu glauben?

!!! In Kamerun ist die Kirche noch sehr jung und sehr stark. Viele Menschen leben in Dörfern und in starken gewachsenen Traditionen. Es gibt kein Problem mit dem Respekt vor Eltern und Priestern. Deshalb tun sich die Menschen leichter damit, zu glauben, was ihnen Autoritätspersonen, wie ihre Eltern oder ihr Priester sagen. Ganz anders ist das in dem stark technisierten und industrialisierten Deutschland. Hier glauben die Menschen an die Wissenschaft und die Technik. Hier wird jeder und alles in Frage gestellt.

??? Sind die materiell ärmeren Menschen in Kamerun am Ende glücklicher, als die im Weltmaßstab vergleichsweise reichen Deutschen?

!!! Ich glaube, dass die meisten Menschen in Kamerun glücklicher sind, als in Deutschland, obwohl sie materiell betrachtet wesentlich weniger haben. Das liegt daran, dass die meisten Menschen in Kamerun innerhalb Dorfgemeinschaft leben, in der sie ihre Nachbar kennen und leicht miteinander in Kontakt kommen. Es gibt christliche Nachbarschaftgruppen, die sich einmal in der Woche treffen, um gemeinsam zu beten und in der Bibel zu lesen. Der Unterschied besteht darin, dass die Menschen in Kamerun nicht so viel arbeiten wie in Deutschland. Das Leben in Kamerun ist einfacher als in Deutschland und die Menschen haben mehr Freizeit, um sich zu treffen und gemeinsam etwas zu tun. In Deutschland sind viele Menschen sehr einsam. Es ist aber auch schwer, mit Nachbarn in Kontakt zu kommen. In unseren Gemeindegruppen, die sich auch nach den Gottesdiensten treffen, um zum Beispiel gemeinsam zu frühstücken, sehe ich vor allem ältere Frauen, aber nur wenige ältere Männer.

??? Was haben Sie als Priester und Seelsorger aus Kamerun in Deutschland gelernt?

!!! Ich habe gelernt, dass die Menschen hier keine langen Gottesdienste mögen, in denen nicht nur viel gesungen, sondern auch getanzt wird, weil sie wenig Zeit dafür haben. Und ich habe gelernt, das Priester hier keine unangefochtenen Autoritätspersonen sind und deshalb stärker auf Menschen zugehen und nicht alleine bestimmen, sondern mit ihnen zusammenarbeite müssen. Das hat auch Vorteile, weil es so weniger Distanz zwischen dem Priester und seiner Gemeinde gibt und in der Zusammenarbeit so etwas, wie ein Teamgeist entstehen kann.

Als Pastor von St. Mariae-Rosenkranz hat Constant Leke untere anderem ein Gospelchor und das Hilfswerk Mamfe Charity gegründet, das mit Blick auf Schulbildung und Gesundheitsversorgung bedürftige Kinder und Jugendliche in seinem kamerunischen Heimat-Bistum Mamfe unterstützt.

Auch der Erlös seines Buches „Der Himmel auf Erden“, in dem Pastor Leke auf 56 Seiten seine Erfahrungen in Deutschland beschreibt, kommt Mamfe Charity zugute.  Sein Buch ist für 10 Euro bei Burglind Werres (Rufnummer 0177/9276974 oder E-Mail: burglind_we@yahoo.com) zu bestellen. Wer Mamfe Charity unterstützten möchte und Gospel mag, sollte am 18. September um 19 Uhr das Konzert des Gospelchores IN HIS PRESENTS in der Pfarrkirche St. Barbara (am Schildberg 84) in Mülheim-Dümpten besuchen. Weitere Informationen im Internet unter www.barbarakirche.de oder telefonisch im Pfarrbüro unter 0208/71313 sowie bei Burglind Werres.

Dieser Text erschien am 25. Juli 2015 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 15. August 2015

Der Kümmerer von der Kleiststraße: Norbert Berberich

Schulhausmeister Norbert Berberich

Schulferien? Welche Schulferien? In der Woche vor Beginn des neuen Schuljahres ist Norbert Berberich ein gefragter Mann. Der 57-Jährige sorgt als Hausmeister am Gymnasium Heißen seit 20 Jahren dafür, dass der Laden läuft.

Gerade hat er an seinem Computer die Türschilder für die neuen Klassenräume geschrieben und angebracht. Auch seinen täglichen Kontrollrundgang über das 15 000 Quadratmeter große Schulgelände an der Kleiststraße hat er schon hinter sich. Wo sind Glasscherben aufzulesen, an denen sich jemand verletzen könnte? Wo werden Eingänge und Durchgänge von Sträucher zugewuchert, die deshalb zurückgeschnitten werden müssen? Und wo muss an welcher Stelle zum 1000. Mal eine Graffiti-Schmiererei übermalt werden? Und dann ist hier noch ein Videobeamer zu installieren oder dort noch ein Stuhl zu reparieren und ein Computerschrank zu bauen.

„Unser Fachseminar möchte sich in der Schule treffen. Wann steht dafür welcher Raum zur Verfügung?“ möchte ein Referendar wissen. Ein Lehrer weist Berberich auf eine defekte Lampe in seinem Klassenzimmer hin. Ein anderer hat eine lockere Tafelhalterung entdeckt, die festgeschraubt werden muss. „Kein Problem, ich kümmere mich drum“, sagt Berberich. Und dann füttert er noch schnell Muckel und Lilifee. Den beiden Meerschweinchen hat er in seinem Büro ein kleines gemütliches Laufgehege eingerichtet. „Die Beiden sind hier irgendwann mal in Pflege gegeben und nie wieder abgeholt worden“, sagt Berberich mit einem Augenzwinkern.

Dass er eine Dienstwohnung auf dem Schulgelände hat, in der er mit seiner Frau Petra wohnt, empfindet der Hausmeister als vorteilhaft, „weil man so immer schnell Zugriff auf das Schulzentrum mit seinen knapp 1000 Räumen hat.“ Gerade in den Sommerferien muss er auch am späten Abend immer wieder raus, wenn Jugendliche und junge Erwachsene den riesigen Schulhof lautstark zur Party-Zone umfunktionieren und mehr als nur eine Flasche Bier trinken. „Ich gehe entspannt, aber entschlossen auf solche Leute zu, die nicht von unserer Schule kommen, und mache ihnen deutlich, dass es nicht in ihrem Sinne wäre, wenn hier gleich die Grünen aufschlagen und sie polizeilich vernehmen.“

Selbst erfassen muss Berberich, wo welche Schäden zu beheben sind und welches Material beschafft werden muss.

Auch wenn sich der gelernte Einzelhandelskaufmann, der 1993 über einen Sportsfreund zur Stadtverwaltung kam, technisch und handwerklich weitergebildet hat, ist er froh, mit Willi Reichenbach einen Haushandwerker an seiner Seite zu haben, auf den er sich immer und in jeder Hinsicht verlassen kann. Dann ist es auch kein Akt, für eine Generalreinigung alle Schulräume mal eben auszuräumen.

Dieser Text erschien am 11. August 2015 in NRZ und WAZ

Freitag, 14. August 2015

Heinrich Melzer: Ein Leben für Freiheit und soziale Gerechtigkeit

Die Parallelstraße der Bahnstraße erinnert mit ihrem Namen seit 1972 an Heinrich Melzer. Damals 54 Jahre alt, wurde Melzer am 12. August 1945 von den 1500 Gründungsmitgliedern im Speldorfer Tengelmannsaal zum ersten Kreisvorsitzenden des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt. Aus dem Freien wurde später der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Melzers Leben, das am 25. September 1890 in Mülheim begann und am 1. März 1967 dort enden sollte, war ein Lehrstück dafür, dass Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern erkämpft und verteidigt werden müssen.

Schon als Volksschüler musste er als Feld- und Hilfsarbeiter zum Lebensunterhalt seiner zehnköpfigen Familie beitragen. Nach der Schule lernte er das Handwerk des Kesselschmieds und trat 1907 dem Fabrikarbeiterverband bei. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Marinesoldat überlebte, wurde er in den Arbeiterrat der Thyssen-Werke gewählt und 1922 zum Geschäftsführer der Freien Deutschen Arbeiterunion bestellt. Nach der Machtübernahme Hitlers wurden die freien Gewerkschaften 1933 zerschlagen. Heinrich Melzer verlor seine soziale Existenz und floh nach Holland. Doch dann kehrte er zurück, um gegen Hitler zu kämpfen. Die Folge: Verhaftung, Verurteilung, KZ-Haft, Zuchthaus und Zwangsarbeit beim Bau des Westwalls.

Doch nach dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April 1945 bekam Melzer eine zweite Chance. Die britische Militärregierung berief den parteilosen, aber der KPD nahestehenden Gewerkschafter in ihren Bürgerausschuss und in die spätere Stadtvertretung.

Als erster DGB-Chef der Jahre 1945 bis 1954 kämpfte Melzer für die Stärkung der Einheitsgewerkschaften, für betriebliche Mitbestimmung und für eine demokratische Kontrolle der Wirtschaft. Auch die Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ wurde schon bei der ersten Nachkriegs-Maikundgebung im Jahr 1946 erhoben. Nicht durchsetzen konnte sich Melzer mit der Forderung einer Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien.


Dieser Text erschien am 12. August 2015 in NRZ und WAZ 

Donnerstag, 13. August 2015

Der Steuermann: Martin Knaebel

Ruhrschifffahrtskapitän Martin Knaebel

Sie kenne ich doch. Fahren Sie nicht sonst auf der Weißen Flotte?“ Diese Frage hört Martin Knaebel immer wieder, wenn er zwischen November und April eine Straßenbahn oder die U-Bahn-Linie 18 steuert. Kein Wunder. Denn seit 28 Jahren fährt er im Frühjahr und im Sommer mit der Weißen Flotte, erst als Bootsmann und seit 1999 als Ruhrschifffahrtskapitän.

„Inzwischen bin ich unter den Schiffsführern und Bootsleuten der Weißen Flotte der Dienstälteste“, sagt der 57-jährige Familienvater. Als seine inzwischen erwachsenen Söhne noch klein waren, ließen sie sich vom Vater gerne mal mitnehmen auf die Reise vom Wasserbahnhof Mülheim bis zur Kettwiger Schleuse und wieder zurück. „Bezahlen mussten sie dafür natürlich nicht“, sagt der Kapitän mit einem Augenzwinkern. Inzwischen kostet die einfache Schiffsfahrt zwischen Mülheim und Kettwig, je nach Wochentag zwischen 5 und 6,50 Euro. „Ich wollte eigentlich nicht das ganze Schiff kaufen“, muss sich der Kapitän da schon mal anhören. Dann verweist er gerne auf die Zehnerkarte, die man für 50 Euro bekommen kann oder auf das Jahresticket für 99 Euro. Knaebel zählt einige Stammgäste, „die sich eine Jahreskarte gönnen und zweimal pro Woche mit uns fahren.“

Wenn man in der Steuerkabine neben dem Kapitän und seinem Lenkrad, das hier Haspel heißt, sitzt, mit 13 Km/h über die Ruhr tuckert und dabei ins grüne Ruhrtal und auf den Leinpfad schaut, ist das wie die Entdeckung der Langsamkeit. „So wie du arbeitest, möchten manche Urlaub machen“, hört Knaebel immer wieder. „Andere gucken den ganzen Tag in ihren Computer. Ich schaue auf das Wasser oder ins Grüne“, sagt der Kapitän. Er räumt ein: „Mit einem Schiff auf der Ruhr zu fahren, wo man auf keine Autos, Ampeln, Schilder und achtlos über die Straße laufenden Kinder achten muss, ist erheblich entspannter, als mit der Straßenbahn unterwegs zu sein und nach der Fahrt erst einmal leere Bierflaschen und weggeworfene Pizza-Pappen aus dem Wagen räumen zu müssen.“

Doch der Arbeitsalltag eines Ruhrschifffahrtkapitäns ist nicht immer das reine Vergnügen. Kurz bevor die von Knaebel gesteuerte Friedrich Freye am Wasserbahnhof ablegen soll, stürzt ein Junge im Unterdeck die Treppe hinunter und verletzt sich. Der Kapitän, zu dessen Ausbildung auch eine Erste-Hilfe-Kurs gehört, kümmert sich um den Verletzten und ruft einen Rettungswagen. Glück im Unglück, eine Krankenschwester ist an Bord und hilft ihm. Doch es geht nicht ohne Rettungswagen. Der Unfall verzögert die Abfahrt. Doch die Fahrgäste bleiben ruhig. Sie genießen den Sonnenschein.

„Als Kapitän ist man immer mit Leuten unterwegs, die zu 98 Prozent sehr entspannt und freundlich sind, weil sie meistens frei haben und sich erholen wollen. Das ist bei der Straßenbahn ganz anders. Da zeigen einem die Leute schon mal die Uhr oder den erhobenen Zeigefinger, wenn man fünf Minuten zu spät kommt“, erzählt Knaebel, als wieder Ruhe eingekehrt ist und er das Schiff in Richtung Kettwig lenkt. Immer zwischen den beiden Tonnen, die seine Fahrrinne auf der Ruhr markieren. Zwischendurch winkt er zurück, wenn Leute vom Ufer grüßen.

Solche Unfälle, wie an diesem Tag „passieren“, wie er sagt „Gott sei Dank extrem selten.“ Bei ihm ist in 28 Jahren noch niemand über Bord gegangen oder in die Schiffsschraube geraten. Allerdings musste er kürzlich einem gekenterten Kanuten einen Rettungsring zuwerfen, weil der offensichtlich nicht mehr aus eigener Kraft vom Fleck kam.

Auch als Straßen- und U-Bahnfahrer, da klopft er auf das Holz seines Steuer- und Schaltpults, ist ihm bisher noch kein Unfall mit Personenschaden passiert. „Aber davon kann sich niemand frei sprechen,“ weiß er. Und ihm ist ein Kollege im Kopf, der sich von der Straßen- und Stadtbahn zur Hafenbahn versetzen ließ, weil er den Schock nicht verwinden konnte, dass ihm in relativ kurzer Zeit gleich zwei lebensmüde Menschen vor die Bahn gesprungen waren.

Für Kapitän Knaebel, der seinen Urlaub im Frühjahr oder im Spätherbst nicht an der See, sondern bevorzugt in den Südtiroler Bergen verbringt, überwiegen in seinem Berufsalltag auf der Ruhr auf jeden Fall die angenehmen Erfahrungen. Immer wieder lassen sich Brautpaare, die an Bord der Weißen Flotte heiraten mit ihm an seiner Haspel fotografieren und kürzlich konnte er einer Dame gratulieren, die mit ihrer Familie an Bord ihren 99. Geburtstag feierte. „Wir haben hier schon öfter mal Fahrgäste aus Belgien, den Niederlanden und der Schweiz an Bord, aber an diesem Tag kam einer der Fest- und Fahrgäste sogar aus Brasilien“, berichtet Knaebel.

Dieser Text erschien am 8. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 12. August 2015

So gesehen: Von wegen, leben, wie ein Hund

Tierliebe ist ja was schönes. Schon Friedrich der Große meinte: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Hunde.“ Tatsächlich scheint die Beziehungskiste zwischen Zwei- und Vierbeinern oft eine ganz besonders innige zu sein.

Auch an Tagen mit einer Affenhitze, kann man bei einem Stadtbummel immer wieder sehen, mit welcher Affenliebe Menschen zum Beispiel an ihrem Hund hängen. Schnell bilden sich auf der Straße Menschentrauben, die mit ihren Pfiffis und Bellos eine spontane Diskussion über den Auslauf, die Fellpflege oder auch die Verpflegung ihrer Lieblinge beginnen.

Auch ein spontanes: „Ist der aber süß“, bekommt so mancher Vierbeiner zu hören, einfach nur deshalb, weil er ist, wie er ist und an der langen Leine durch die Stadt hoppelt.

Oder ein Frauchen schenkt ihrem tierischen Liebling die erste Scheibe Wurst, die sie gerade in der Metzgerei bekommen hat, weil er sie so freundlich anguckt, Männchen macht und mit dem Schwanz wedelt. Hier verabreicht eine Verkäuferin einem kleinen Hund, der vor ihrem Geschäft wartet, eine spontane Streicheleinheit, „weil du ja so knuffig bist“ oder eine Kollegin bringt dem hechelnden Hasso eine Wasserschale raus, „weil der liebe Schatz bei solcher Hitze ja nicht verdursten darf.“ Von wegen: „Leben wie ein Hund!“ Bei solch ausgeprägter Tierliebe kann man als Zweibeiner auch schon mal ins Grübeln und Schwitzen kommen, wenn man an seine Artgenossen denkt, die sich über so viel menschliche Zuwendung freuen würden, aber vergeblich darauf warten. Manchmal ist das Leben wirklich tierisch ungerecht, um nicht zu sagen: hundsgemein.

Dieser Text erschien am 6. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 11. August 2015

Sommerpause! Welche Sommerpause? Vor der OB-Wahl können die kleinen Parteien entspannen, während die großen Parteien in den ersten Gang schalten müssen

Das Mülheimer Rathaus an einem Sommerabend

Schüler und Lehrer genießen die Sommerferien, noch. Ob man als Mülheimer Kommunalpolitiker eine kürzere oder längere Sommerpause hat, hängt davon ab, ob man in einer kleineren oder größeren Partei aktiv ist.
„Ich habe unseren Leuten sechs Wochen Urlaub verordnet, damit sie sich erholen und wieder Spaß an der Kommunalpolitik bekommen“, sagt FDP-Fraktionsvorsitzender Peter Beitz. Fraktionsmitarbeiterin Angelika Schifferenz hält halbtags die Stallwache in der Geschäftsstelle an der Friedrichstraße und schaut, welche Post eingegangen ist.

Wer die Internetseite der Grünen besucht, wird mit einem Laufband davon in Kenntnis gesetzt, dass „die Partei- und Fraktionsgeschäftsstelle in den Sommerferien nur sporadisch geöffnet“ ist. „Man merkt schon, dass jetzt Sommerferien sind, da nur ganz wenige Bürgeranfragen bei uns eingehen“, berichtet der Vorstandssprecher der Grünen, Peter Loef. Dass man bei den kleineren Parteien in den Sommerferien zwei oder drei Gänge zurückschalten kann, liegt daran, dass sie keinen eigenen Kandidaten für die Oberbürgermeister-Wahl aufgestellt haben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man bei den Grünen und den Liberalen in einen politischen Sommerschlaf verfallen wäre. Auch wenn weder die Grünen noch die FDP einen der beiden Oberbürgermeister-Kandidaten unterstützen wollen, haben sie in der Sommerpause Wahlprüfsteine erarbeitet, die sie in der nun beginnenden heißen Wahlkampfphase auf allen Kommunikationskanälen (E-Mail, Internet, Facebook, Lokalpresse und Infostände) unter das Mülheimer Volk und vor allem an die eigenen Sympathisanten bringen. Beitz spricht von stadtweit rund 2500 Adressaten, die in Kürze Post von der FDP bekommen werden. Die Liberalen wollen von den OB-Kanidaten wissen, wie sie sich die Personalführung und Entwicklung in der Stadtverwaltung vorstellen und wie sie die Stadt wirtschaftsfreundlicher aufstellen wollen. Die Grünen möchten von Werner Oesterwind (CDU) und Ulrich Scholten (SPD) zum Beispiel erfahren, welche Ausrichtung sie der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft geben wollen und wie sie die Zukunft der Mülheimer Klimaschutzinitiative sehen, die gerade ihre Geschäftsführer Susanne Dickel verloren hat. Außerdem haben Grüne und Liberale den regelmäßig stattfindenden Stammtisch entdeckt, um nicht nur im Wahlkampf mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.

Mit Bürgern ins Gespräch kommen wollen natürlich auch die CDU und die SPD, die mit ihren Stadträten Oesterwind und Scholten den nächsten Oberbürgermeister stellen wollen.

„Wir haben keine Sommerpause“, sagen SPD-Fraktionsgeschäftsführer Claus Schindler und CDU-Parteigeschäftsführer Thomas Mehlkopf. Neben den normalen Bürgeranfragen, etwa rund um Bauvorhaben, häufen sich bei ihnen die Einladungen für Veranstaltungen von Vereinen, Verbänden oder Kirchengemeinden, die die OB-Kandidaten in einer Diskussion persönlich kennen lernen wollen.

Sowohl Scholten als auch Oesterwind absolvieren täglich fünf Termine, Tendenz steigend. Um beide Kandidaten schart sich ein harter Kern von 25 bis 30 Personen, die sie regelmäßig begleiten und beraten.

Ehrenamtliche Helfer mobilisieren, Plakate kleben, Faltblätter verteilen, Infostände, Internet- und Facebook-Seiten bestücken oder Ortstermine und Wahlkampfveranstaltungen planen – das alles muss jetzt erledigt werden, wenn man am 13. September die Nase vorne haben will. „Wir müssen den Kopf durch die Tür stecken. Das ist wichtiger als alles andere“, unterstreicht SPD-Mann Claus Schindler. Christdemokrat Mehlkopf sieht es ähnlich. „Ein OB kann viel erreichen, aber nicht alles bestimmen. Deshalb wird die OB-Wahl eine Persönlichkeitswahl, bei der der Kandidat gewinnt, bei dem die Bürger in Gesprächen und Begegnungen den Eindruck gewonnen haben: „Dem kann ich vertrauen. Der kann das!“


Dieser Text erschien am 6. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 10. August 2015

Vor dem zweiten ersten Schuljahr: Junglehrerin Sara Kerbusk

Sara Kerbusk

Noch fünf Tage. Dann beginnt für Sara Kerbusk ihr erstes Schuljahr als fest angestellte Lehrerin an der Otto-Pankok-Schule. „Ich bin sehr froh, dass ich diese Stelle bekommen habe, weil das heute für junge Lehrer nicht mehr selbstverständlich ist und weil ich hier in den letzten zwei Jahren mein Referendariat gemacht und mich sehr wohl gefühlt habe“, sagt die 29-Jährige.

Eigentlich wollte sie Journalistin werden, studierte Kulturwissenschaftlerin und arbeitete nebenbei als freie Mitarbeiterin für NRZ und WAZ. „Doch dann wollte ich etwas bodenständigeres machen“, erinnert sich Kerbusk an ihren Wechsel in ein Lehramtsstudium der Fächer Sozialwissenschaften und Englisch. „Meine Erfahrungen als Vertretungslehrerin an einer Oberhausener Gesamtschule und als Referendarin am Otto-Pankok-Gymnasium haben mir gezeigt, dass diese Entscheidung für mich richtig war“, sagt sie heute.

Dabei macht sich die junge Pädagogin keine Illusionen über ihren Beruf. Sie weiß: „Als Lehrerin muss ich nicht nur fachliches Wissen vermitteln, sondern auch Erziehungsarbeit leisten, damit sich die Schüler als Persönlichkeit entwickeln können. Insofern machen Lehrer auch die Gesellschaft, in dem sie die Schüler begleiten und prägen, die morgen als Erwachsene verantwortungsvoll, selbstständig und auch kritisch leben, denken und arbeiten sollen.“
Schon als Referendarin hat sie ermutigende Erfahrungen mit Lernzeiten gemacht, in denen sich Schüler mit ihrer Unterstützung Themen selbstständig erarbeitet und abschließend, etwa in Form einer Powerpoint-Präsentation, eines Plakates oder eines kleinen Theaterstückes Eltern und Mitschülern vorgestellt haben.

Und was wird jetzt anders? Wie bereitet sich die Referendarin auf ihr Lehrerleben vor? „Auf mich kommt viel mehr organisatorische Arbeit zu. Denn ich werde Klassenlehrerin der neuen 7b und die Zahl meiner wöchentlichen 

Unterrichtsstunden wird von 14 auf 25,5 ansteigen“, berichtet Kerbusk.
Nach dem sie die Sommerferien erst mal genossen und mit Joggen, Schwimmen und Fahrradfahren abgeschaltet und „meinen Kopf frei gemacht“ hat, stapeln sich jetzt auf ihrem Schreibtisch Papierberge: Lehrpläne wollen studiert und Unterrichtsreihen, etwa zum Thema London oder zu den unterschiedlichen Schulen der Wirtschaftspolitik, vorbereitet werden. Dafür recherchiert sie in Fachbüchern und im Internet. Die Bestellliste für ihrer Lehrer-Schulbücher ist schon abgearbeitet. Jetzt nimmt sie sich die Checkliste für die Planung ihres ersten Elternabends vor: Den Eltern muss nicht nur erklärt werden, welche Unterrichtsmaterialen ihre Kinder brauchen. Sie sollen auch vom Sinn einer aktiven Mitarbeit in der Schulpflegschaft überzeugt werden.

„Schule kann nur gelingen, wenn Lehrer, Schüler und Eltern gut und respektvoll zusammenarbeiten“, sagt Kerbusk. Keinen Zweifel lässt sie daran, „dass ich eine hohe Motivation und viel Engagement mitbringe und die Schüler nicht nur fachlich, sondern auch menschlich begleiten und voranbringen will.“ Von Eltern und Schülern wünscht sie sich, „dass sie Schule nicht nur als pädagogische Dienstleistung ansehen, sondern sich selbst aktiv und selbstverantwortlich in diesen gemeinsamen Bildungs- und Entwicklungsprozess einbringen.“

Dieser Text erschien am 7. August 2015 in der NRZ und in der WAZ