Samstag, 31. Oktober 2015

Eine handliche Harfe macht Lust aufs Musizieren Musikpädagogin Renate Lindemann und Heile Wilde geben spätberufenen Musikfreunden, die keine musikalische Vorbildung haben, mit ihren Veehharfenkursen eine zweite Chance. Der instrumentale Erfolg stellt sich schnell ein

Heike Wilde (links und Renate Lindemann

Anders, als die Harfe, ist die Veehharfe ein sehr handliches Instrument, das man leicht in die Hand oder auf einen stabilen Notenständer stellen kann. Ihr englesgleicher und harmonischer Klang erinnert ein wenig an die Zither. Wer Anton Karas Filmmusikklassiker „Der dritte Mann“, mag wird die Veehharfe lieben.

Musikpädagogin Renate Lindemann entdeckte das von Hermann Veeh für seinen behinderten Sohn entwickelte Instrument durch ihre 80-jährige Mutter. Im Gegensatz zu ihrer Tochter hat sie keine musikalische Vorbildung, konnte aber schon nach wenigen Stunden erste Volkslieder, Schlager, Spirituals und kleine Klassikstücke intonieren.

Lindemann und ihre Kollegin Wilde waren elektrisiert. Im April stellten sie das Instrument für spätberufene Musikanten bei der Seniorenmesse im Forum der Öffentlichkeit vor. Die Resonanz war so positiv, dass Wilde und Lindemann erste Kurse auf die Beine stellten. „Man kann dieses Instrument ohne Notenkenntnisse spielen und hat schnell musikalische Erfolgserlebnisse“, schildern die Kursteilnehmerinnen Elisabeth Bauer und Angelika Wolff den Reiz der Veehharfe, die mit 25 Stahlsaiten auf einem hölzernen Resonanzkörper zum Klingen gebracht wird. Zusammen mit Dorothee Tolba, Thomas Kocks, Lindemann und Wilde stimmen sie „Morning has broken“ an. Das Ergebnis lässt sich hören. „Menschen die aus ganz unterschiedlichen Gründen in ihrer Kindheit und Jugend kein Instrument erlernt haben, entdecken im reiferen Alter den Spaß und die Begeisterung am gemeinsamen Musizieren. Das fördert soziale Kontakte, aber auch die Motorik und die geistige Fitness“, beschreibt Profi-Musikerin Lindemann ihre Faszination für die Veehharfe, die mit einer einfachen Punkteskala, die man hinter die Saiten klemmen kann, intoniert wird.

„Wenn man dieses Instrument spielt und seinen harmonischen Klang hört, ist das Entspannung pur“, findet Thomas Kocks. Deshalb hat der Alltagsbegleiter, der Franziskushaus Senioren betreut, das Instrument auch bei seiner Arbeit im Altenheim mit Erfolg eingesetzt.

„Die oft auch demenziel veränderten Bewohner, können sich gut entspannen, wenn sie vertraute Melodien hören“, schildert Kocks seine Erfahrungen mit der Veehharfe.

Tatsächlich sind auch Klassiker, wie etwa „Ännchen von Tharau“, „Du liegst mir am Herzen“, „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ ein Hörgenuss, wenn sie auf der Veehharfe intoniert werden. Und das System aus kleinen, großen, ausgemalten und leeren Punkten, das die herkömmlichen Noten ersetzt, lässt sich leicht und schnell erlernen.


Kurse für Einsteiger & Fortgeschrittene

Unterstützt von Heike Wilde bietet die Musikpädagogin und Musikdozentin Renate Lindemann Schnupperkurse für Menschen an, die mit der Vehharfe musizieren möchten.

Gerade erst hat sie einen Schunpperkurs für Menschen mit Down Syndrom begonnen.

Die jeweils maximal 6 Teilnehmer eines auf 5x60 Minuten angelegten und wöchentlich abgehaltenen Schnupperkurses bekommen ein Leihinstrument und Unterrichtsmaterial gestellt.

Veranstaltungsorte und Termine werden nach individueller Absprache festgelegt.

Die Kursgebühr beträgt 70 Euro

Es gibt auch Kurse für Fortgeschrittene.

Die Anschaffung eines neuen Instrumentes würde rund 700 Euro kosten

Weitere Informationen finden Interessierte unter: www.renate-lindemann.de, per E-Mail an: info@renate-lindemann.de sowie unter der Rufnummer 0208/763855 oder unter der Rufnummer 0152/09847877 


Dieser Text erschien am 26. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 30. Oktober 2015

"Schmidt-Mülheim" verlässt die politische Arena

Andreas Schmidt

1956 in Mülheim geboren, begann Andreas Schmidt als Vorsitzender der Schüler-Union sein politisches Engagement in der CDU. Das war im WM-Jahr 1974. Als Jurastudent und Assistent des CDU-Europaabgeordneten Otmar Franz lernte Schmidt in den 80er Jahren den Parlamentarismus von innen kennen.

Ausgerechnet gegen seinen ehemaligen Politiklehrer Thomas Schröer (SPD) kandidierte der damals 29-jährige Schmidt 1987 erstmals für den Bundestag und verlor. 1990 zog er dann über die Landesliste ins Bundesparlament ein. Neben seinem Mandat hielt er als Rechtsanwalt immer auch seine Mandanten im Auge, um beruflich und politisch unabhängig zu bleiben.

In seinen 19 Bundestagsjahren war Schmidt kein Hinterbänkler, sondern stand als Justiziar und Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, als CDU-Obmann im Parteispenden-Untersuchungsausschuss oder als Vorsitzende des Rechtsausschusses immer in der ersten oder zweiten Reihe.

Anderas Schmidt arbeitet seit seinem Ausscheiden aus dem Bundestag (2009) wieder als Rechtsanwalt. Seine Nachfolgerin im Deutschen Bundestag und an der Mülheimer CDU-Spitze, Astrid Timmermann-Fechter, sieht er vor allem vor der Herausforderung, neue Mitglieder für die Partei zu gewinnen. Als den größten Erfolg den die Union in seiner Amtszeit erringen konnte sieht er den Machtwechsel des Jahres 1994, als CDU und Grüne, die seit 1948 im Rathaus regierende SPD ablösen konnten und in ihrer Regierungszeit 1998 die Gründung der aus der Fusion von Rhenag und Mülheimer Fernwärmegesellschaft (MFG) hervorgegangene Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft (Medl) realisieren konnten.


Dieser Text erschien am 20. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Als die Mütter noch hamstern mussten: Im Gespräch mit Zeitzeugen erzählt der Buchautor Thomas Kahl Mülheimer Kindheits- und Jugendgeschichten aus den 40er und 50er Jahren

Thomas Kahl

"Sagt mal. Wie war das damals, als ihr jung wart?“ Wenn Enkel ihren Großeltern diese Frage stellen, könnte das Buch „Mülheim - aufgewachsen in den 40er und 50er Jahren“ ihr Gespräch anregen. Denn mit seinen historischen Fotos und seinem kompakten, gut verständlichen und aus anschaulichen Zeitzeugenberichten gespeisten Texten wirft es ein bezeichnendes Licht auf den Alltag im Nachkriegsjahrzehnt zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Als Thomas Kahl im vergangenen Herbst von einem Verlag das Angebot bekam, ein Buch über die Mülheimer Jugend der 40er und 50er Jahre zu schreiben, zögerte er zunächst. „Ich bin ja kein gebürtiger Mülheimer, sondern ein Zugezogener“, sagt er. Doch dann wurde ihm klar: „Auf diesem Weg könnte ich meine Wahlheimat besser kennen lernen.“ Gesagt. Getan. Schnell merkte er, dass die Großstadt Mülheim eigentlich ein großes Dorf ist, in dem jeder jeden kennt oder jemanden, der wieder jemanden kennt, der zum Beispiel über seine Kindheit und Jugend nach dem Krieg erzählen kann und will.

Heimatforscher Heinz Hohensee gehörte ebenso zu Kahls Gesprächspartnern, wie der ehemalige Kulturdezernent Hans-Theo Horn, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, Willi Bruckhoff oder Heinz Auberg vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis.

„Ich habe bei den Gesprächen gelernt, dass die Mülheimer gerne über ihre Stadt schimpfen, aber trotzdem nichts auf Mülheim kommen lassen, weil sie sich mit der grünen Stadt an der Ruhr eng verbunden fühlen“, erzählt der 51-Jährige.

Die Mülheimer Zeitzeugen erzählten dem zugewanderten Chronisten nicht nur manche Anekdote, sondern steuerten, ebenso, wie das Stadtarchiv manch sehenswertes Foto aus ihrem Fundus bei.

Da wurde zum Beispiel von einem Knirps berichtet, der mit einem Holzgewehr versuchte, die britische Armee aufzuhalten oder von den Jahren, in denen ganze Familien in den Kellern ihrer von Bomben zerstörten und noch nicht wieder aufgebauten Häusern überleben mussten. Die Nachgeborenen können zum Beispiel etwas über eine Schulspeisung erfahren, an der sich die Geschmacksnerven der Schüler schieden oder über den unermüdlichen Einsatz der tapferen und fleißigen Mütter, die zum Beispiel mit ihren schweren Nähmaschinen in überfüllten Zügen (bis nach Niedersachsen) aufs Land fuhren, um sich für die in Mülheim fehelenden Lebensmittel die Finger wund zu nähen.

„Obwohl der Krieg in den Erinnerungen übermächtig ist und auch die Not nach dem Krieg nicht vergessen worden ist, hat niemand der Zeitzeugen über sein Schicksal geklagt“, staunt Kahl. „Arbeiten, vorankommen und mit der Familie einen bescheidenen Wohlstand genießen“, beschreibt er den Zeitgeist der 50er Jahre.



Der Autor und sein Buch



Das im Wartberg-Verlag erschienene Buch „Mülheim - Aufgewachsen in den 40er und 50er Jahren“ ist 64 Seiten stark und ist im Buchhandel für 12,90 Euro erhältlich.

Der Autor Thomas Kahl (Jahrgang 1963) wurde in Kassel geboren. Vor zwölf Jahren kam er der Liebe wegen nach Mülheim.

Der Politikwissenschaftler und Vater eines achtjährigen Sohnes hat lange als Zeitungsredakteur gearbeitet, ehe er sich als Journalist und Kommunikationsberater selbstständig machte.

Dieser Text erschien am 23. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ



Dienstag, 27. Oktober 2015

Mensch, Malocher und Poet: Eine Rückschau auf Günter Westerhoff

Günter Westerhoff 2005

„Mein Platz ist noch frei“, staunt der Leiter des Stadtarchives, Kai Rawe, über den Andrang. Gut 70 Zuschauer sind der Einladung des Stadtarchives, der Stadtbücherei und des Filmbüros NRW gefolgt. Sie wollen sich im Kino Rio nicht die neueste Produktion eines Kino-Regisseurs anschauen. Sie wollen sich einen Dokumentarfilm anschauen, den Klaus Wildenhahn 1979 in Mülheim gedreht hat. Für den Norddeutschen Rundfunk portraitierte er den damals 56-jährigen Günter Westerhoff.

Der Arbeiter und Dichter, der bis zu seinem Tod in diesem Jahr in der alten Heißener Bergmannsiedlung Mausegatt/Kreftenscher gelebt hat, führt die Zuschauer Ende der 70er Jahre durch die alte Bergmannssiedlung. Sie ist damals gerade erst durch eine Bürgerinitiative um Walter Schmidt vor der Privatisierung und Modernisierung gerettet worden.

Für viele Zuschauer ist der Film „Der Nachwelt eine Botschaft“ ein Wiedersehen mit Günter Westerhoff, der selbst als Schlosser auf Zeche Rosenblumendelle gearbeitet hat, aber auch mit vielen Notizbüchern und seiner Schreibmaschine Gedichte, Erzählungen, Hörspiele und Drehbücher geschrieben hat.

Sein Enkel Axel sieht sich mit dem Großvater auf dem Fahrrad durch die Natur streifen. Seine Frau Anneliese sieht sich mit ihrem verstorbenen Mann beim Kartoffel schälen und Reibekuchenessen. „Ich wollte damals gar nicht gedreht werden. Denn er sollte im Mittelpunkt stehen“, erinnert sich die Witwe. Gertrud Franken und Ingeborg Steinbach sehen ihren langjährigen Nachbarn noch einmal beim Bandoneonspiel. „Eigentlich war er ein Allrounder“, sind sie sich einig. „Er war damals sehr stolz auf diesen Film“, erinnert sich seine Frau, die mit ihrem Mann 66 Jahre verheiratet war und fünf Kindern das Leben geschenkt hat. Seine Tochter Annemarie erkennt in den Szenen, in denen Westerhoff über seine eignen Kriegserlebnisse in Russland spricht, oder in seinen Gedichten und kurzen Prosatexten von der Maloche und den Nöten der Bergleute berichtet, den Vater, den sie als „gerecht und tolerant“ erlebt und geliebt hat. Wenn Westerhoff Sätze, wie: „22 Millionen Tote! Wenn ein Volk unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten hat, dann das Russische“ oder über die schon in der Jugend zerstörte Seele Hitlers nachdenkt und von jenen Bergleuten berichtet oder schreibt, die „in ihren besten Jahren gestorben sind und ihre Kinder und Enkel nicht haben aufwachsen sehen, weil ihnen die Staublunge die Luft zum Atmen und damit vor der Zeit das Leben nahm“, spürt der Zuschauer etwas von der Sensibilität und Melancholie des Menschen, Malochers und Poeten Westerhoff, der während des gesamten Filmes, nicht als großer Arbeiterdichter, sondern als einfacher, bescheidener, bodenständiger und nachdenklicher Mensch auftritt. Man spürt auch die Sensibilität des Filmemachers Wildenhahn, der Westerhoff, sein örtliches Umfeld, seine Nachbarn und Kollegen aus der Industriegewerkschaft Bergbau, Energie und Chemie ganz in den Mittelpunkt stellt und auf eine langatmige Kommentierung gänzlich verzichtet. So wird sein Film zu einer Hommage an die Menschen des Ruhrgebietes und zu einem facettenreichen Panorama des Strukturwandels in einer Stadt, in der einst bis zu 3000 Bergleute mit dem schwarzen Gold und vollem Körpereinsatz den Lebensunterhalt für ihre Familien verdient haben.


Der Autor und sein Werk


Günter Westerhoff (1923-2015) wurde 1980 mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet.

Nach der Volksschule arbeitete er als Schlosser und Mitglied der Grubenrettung auf Zeche Rosenblumendelle.

Während seines Kriegseinsatzes (1942 bis 1945) wurde er fünfmal verwundet.

Er gehörte zur Arbeiter-Dichter-Gruppe 61 um Max von der Grün und veröffentlichte unter anderem die Gedicht- und Erzählbände: „Gedichte und Prosa“ (1966), „Vor Ort“ (1978) und „Zwangsvereidigt“ (2005).

In seinem Gedicht „Bei der Arbeit“ aus dem Band „Vor Ort“ schreibt er:

Mein Arm verhält beim Feilenstrich. Die Kraft des Vaters spüre ich. Er ist nun alt. Oft trappt in meinem Arbeitsschritt sein ruhigschweres Schreiten mit. Sein Monogramm ist eingeschlagen ins Werkzeug, das er lang getragen und nächstens schon nimmt es mein Sohn.


Dieser Text erschien am 16. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Montag, 26. Oktober 2015

Der grüne Engel: Hildegard Drosten

Hildegard Drosten arbeitet seit
2004 als Grüne Dame im
Evangelischen Krankenhaus

Wir haben Respekt vor ihrem ehrenamtlichen Engagement. Denn das Krankenhaus ist groß. Da tut eine Wegweiserin gut, die weiß, wo es lang geht“, finden Birgit Fuchs und ihre Tochter Katja Pfeitz. Das zu hören, freut Hildegard Drosten, die seit 2004 als ehrenamtliche Grüne Dame im Evangelischen Krankenhaus arbeitet.

An diesem Morgen begleitet die 74-Jährige Birgit Fuchs, die eine Hüft-Operation überstanden hat und ihre Tochter hinaus zum Wagen. Heute tut sie als Hallendame Dienst. In ihrem grünen Kittel sieht sie wie das Vorauskommando eines Operationsteams aus. Doch dem ist nicht so. Ihr Operationsziel heißt:„Patienten beruhigen und ihnen die Angst und Unsicherheit nehmen.“ Die schleiche sich nämlich automatisch ein, wenn man als Patient zum ersten Mal ins Krankenhaus komme. „Auf welche Station muss ich? Wo habe ich meinen Behandlungstermin?“ Solche Fragen bekommt Hildegard Drosten dann regelmäßig zu hören. Nach elf Jahren im Evangelischen Krankenhaus kennt sie sich aus und nimmt die Neuankömmlinge an die Hand, um mit ihnen zu dem für sie zuständigen Arzt oder direkt auf die Station und ins jeweilige Patientenzimmer zu gehen. „Ich brauche Menschenkenntnis und Einfühlungsvermögen“, weiß die Grüne Dame. Im Laufe der Jahre, in denen sie immer wieder mittwochs für jeweils sechs Stunden ins Krankenhaus kommt, hat sie ein feines Gespür dafür gewonnen, „wen ich wie ansprechen muss oder ob ich lieber gar nichts sage und einfach nur helfe“.

Als besonders wichtig und wertvoll empfindet die Grüne Dame ihre Zeit und Zuwendung, wenn sie bereits aufgenommene Patienten zum Beispiel zu einer Röntgenuntersuchung begleitet oder mit ihnen in die Operationsschleuse geht. „Gerade vor einer Operation kann ein Gespräch oder ein Mensch, der am Bett steht und die Hand hält, Ängste abbauen. Das gilt auch dann, wenn ich nach der Operation bei den Patienten bin, damit sie nicht alleine aus der Narkose aufwachen“, berichtet die 74-Jährige.

Auf ihren Mittwoch im EKM möchte die Rentnerin und Mutter von zwei erwachsenen Kindern nicht mehr verzichten. „Der ist bei mir fest eingeplant. Und ich mache das hier, so lange meine Gesundheit mitspielt, weil man als Grüne Dame unheimlich viel zurückbekommt.“

Dass ihr eheranamtlicher Begleit,- Hilfs- und Gesprächsdienst keine Beschäftigungstherapie für fitte und unausgelastete Pensionäre ist, spürt Drosten vor allem im Kontakt mit den vielen Patienten, die völlig alleinstehend leben und keine Angehörige oder Freunde haben. „Gerade diesen Menschen kann man segensreich helfen, wenn man für sie mal Einkäufe erledigt, ihr Handy auflädt, Geld aus dem Automaten oder in ihrem Auftrag etwas aus ihrer Wohnung holt“, berichtet die Grüne Dame.

Auch die Gespräche, die sie mit Alleinstehenden führt, erlebt sie als seelische Vitaminspritze für beide Seiten. Themen können dann die Krankheit sein, manchmal geht es um die Familie, über Erlebnisse aus dem Krieg oder der Gefangenschaft oder auch nur über ihr Stadtviertel.

„Ich darf keine Berührungsängste haben und muss auf jeden Patienten unvoreingenommen zugehen. Auch wenn es sich zum Beispiel um einen Obdachlosen handelt“, unterstreicht Drosten.

Was sie an ihrem Ehrenamt schätzt, ist nicht nur die Erfahrung, als Mensch gebraucht und gefordert zu werden, sondern auch die sozialen Kontakte zu ihren acht männlichen und 91 weiblichen Kollegen in Grün, die dringend weitere Verstärkung brauchen.


Dieser Text erschien am 24. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Sonntag, 25. Oktober 2015

Was bleibt nach zwölf Jahren von der scheidenden Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld: Eine Umfrage in der Innenstadt

An ihrem letzten Amtstag kann man sagen, dass die meisten Mülheimer die scheidende Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld mit Ruhrbania verbinden. Das zumindest zeigte eine Straßenumfrage in der Innenstadt.

Deutlich wurde dabei auch, dass sich nach wie vor an dem Stadtentwicklungsprojekt, das Mühlenfeld maßgeblich vorangetrieben hat, die Geister scheiden. Die Kritiker sprechen von einer Fehlinvestition, die Mülheim nicht vorangebracht habe. Die Befürworter sehen in Ruhrbania aber einen ersten Schritt in die richtige Richtung.

Für sie sind das neue Ruhrquartier und seine Promenade mit ihren Lokalitäten Teile eines entwicklungsfähigen Projekts, das noch nicht abgeschlossen ist. Horst Kampmann etwa empfindet die Realisierung des neuen Ruhrquartiers als „eher erdrückend“. Fotograf Carsten Andre hat im Vergleich mit dem Duisburger Innenhafen oder mit dem Düsseldorfer Medienhafen den Eindruck gewonnen, „dass die Investitionen, die in dieses Stadtentwicklungsprojekt geflossen sind, bisher zumindest in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen steht“. Der pensionierte Richter Raymund Krause warnt vor Ungeduld. Er weist darauf hin, „dass man erst noch mal abwarten muss, wie sich das Projekt in seinen Details weiterentwickelt“.

Allgemein wird die scheidende Oberbürgermeisterin als kompetente, verbindliche und immer ansprechbare Verwaltungschefin wahrgenommen. Ein wichtiger Aspekt der Rückschau auf ihre zwölfjährige Amtszeit ist das Thema Bürgernähe. Die von Mühlenfeld initiierte Bürgeragentur an der Schollenstraße wird als ihr Verdienst und als eine echte Innovation gewürdigt. Obwohl viele Bürger Mühlenfeld in der persönlichen Begegnung als verbindlich und an den jeweiligen Problemen interessiert erlebt haben, spürten sie gleichzeitig, dass die erste Dame der Stadt doch immer auch persönliche Distanz bewahrt hat. „Aber die Leute sind eben unterschiedlich. Jeder hat sein eigenes Temperament. Sie gehörte sicher nicht zu den Bürgermeister-Typen, die auf der Straße jeden Bürger mit Handschlag begrüßen,“ sagt zum Beispiel Ingeborg Hülser.

Der Vorsitzende der im Bereich Suchtvorbeugung arbeitenden Ginko-Stiftung, Hans-Jürgen Hallmann, hat Dagmar Mühlenfeld bei verschiedenen Projekten immer wieder als motivierende und moderierende Verwaltungschefin erlebt. Sie habe es, so Hallmann, zum Beispiel im Rahmen der Leitbilddiskussion geschafft, Vertreter aus ganz unterschiedlichen Gruppen an einen Tisch zu bringen. Dadurch seien viele kompetente Bürger dazu gebracht worden, sich persönlich für die weitere Entwicklung der Stadt zu interessieren und zu engagieren.

Hildegunde Schüttler, die sich ehrenamtlich in der katholischen Ladenkirche engagiert, hat den Eindruck, dass die Konzentration auf das Vorzeigeprojekt Ruhrbania zu Lasten anderer Alltagsaufgaben der Kommune gegangen sei. Als Beispiel nennt sie den Zustand der Innenstadt und dort speziell die marode Verfassung des Straßenpflasters. Rentnerin Hildegard Kampmann, die ebenso, wie Mühlenfeld aus Heißen kommt, ärgert sich darüber, „dass sich die Oberbürgermeisterin so wenig um ihren alten Stadtteil gekümmert hat“. Das sehe sie immer wieder daran, wenn sie beim Rundgang durch ihr Viertel auf viele Schmuddelecken stößt.

Auf der Haben-Seite der scheidenden OB verbucht Kampmann Mühlenfelds Engagement als Vizepräsidentin des Deutschen Städtetages. In dieser Funktion habe sie sich mit viel Energie dafür eingesetzt, dass die notleidenden Städte finanzielle Hilfen von Bund und Ländern bekommen sollen.


Auch das Management der Flüchtlingsunterbringung habe sie zusammen mit Sozialdezernent Ulrich Ernst beispielhaft in den Griff bekommen.

Dieser Text erschien am 20. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 22. Oktober 2015

So gesehen: Wir sind Europameister

Wir waren schon mal Fußball-Europameister. Ob wir es (nach 1972, 1980 und 1996) 2016 mal wieder werden, ist nach der holprigen EM-Qualifikation der DFB-Elf wohl eher eine Glaubenssache.

Kaum zu glauben, dass wir längst Europameister sind. Doch das Bundesumweltministerium hat es uns schriftlich gegeben: „Wir sind Europameister im Produzieren von Verpackungsmüll.“ Kommen Sie mir nicht damit, dass Sie immer mit einem Jute-Beutel einkaufen gehen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Sie werfen nämlich jedes Jahr 213 Kilogramm Verpackungsmüll weg. Und wir alle zusammen kommen auf einen jährlichen Verpackungsmüllberg von 17,1 Tonnen. Das hat zumindest das Bundesumweltministerium festgestellt. Das muss es ja wissen, beschäftigt es sich doch von Amts wegen mit der Umwelt.

Müssen wir am Ende vielleicht zurück in die Zukunft, um von Umweltsündern zu Umweltengeln zu werden? Denn für unsere Eltern und Großeltern war es schließlich kein Problem mit Milchkanne, Brotbeutel und Obstkorb einkaufen zu gehen. Doch dann müsste unsere Wirtschaft auch den Wegfall von so manchem Arbeitsplatz und Steuerzahler der Verpackungsindustrie verpacken. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie das Bundesumweltministerium.


Dieser Text erschien am 17. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Eine Lobby für die Schwachen: Paul Heidrich und sein Verein engagieren sich seit 15 Jahren für Behinderte

    Paul Heidrich

    Der Name klingt etwas sperrig. Doch die Hilfe, die der gemeinnützige Verein zur Förderung von Einrichtungen für Behinderte im Ausland seit 15 Jahren im Südosten Bulgariens leistet, ist sehr konkret und erfolgreich. Diesen Erfolg feierte Katholikenrat und Caritas-Vorstand Paul Heidrich jetzt mit seinen deutschen und bulgarischen Unterstützern vor Ort in der Gemeinde Bolyarovo.
    Der heute 65 Mitglieder zählende Verein, den Heidrich seit seiner Gründung führt, hat mit Hilfe von Geld- und Sachspenden, aber auch durch die Vermittlung von fachlichem Know How dafür gesorgt, die Wohn- und Lebensbedingungen von mehr als 150 Menschen mit geistiger Behinderung zu verbessern.
    Das gilt sowohl für die bereits bestehende Betreuungseinrichtung in Malko Scharkovo, als auch für die 2007 mit Hilfe des Vereins neugegründete Wohngruppe in Boljarovo oder die vom Verein unterstützte Tagesstätte für Menschen mit Behinderung in Tundsha. Heidrich schätzt das Volumen der seit 2000 nach Bulgarien geflossenen Aufbau- und Entwicklungshilfe in Sachen Behinderten Arbeit auf insgesamt rund 600.000 Euro.

    Den Anstoß zur Vereinsgründung und zu dem inszwischen langjährigen Engagement gab seinerzeit ein Fernsehbericht der ARD-Journalistin Inge Bell und ihres Kameramannes Ceco. Beide beleuchteten für den ARD-Weltspiegel die unmenschlichen Bedingungen, unter denen damals geistig behinderte Frauen in einem Heim in Malko Scharkovo vor sich hin vegitieren mussten. Diesr Bericht ließ nicht nur Heidrich aufschrecken. Der Vater eines behinderten Sohnes war damals als CDU-Abgeordneter, Fraktionschef und Vorsitzender des Sozialausschussses Mitglied der Landschaftsversammlung des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR). Der LVR ist unter anderem zuständig für die ambulante und statiionäre Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung. Deshalb fand Heidrich bei seinen Kollegen aus der Landschaftsverammlung, aber auch bei leitenden Mitarbeitern des Landschaftsverbandes schnell aktive Mitstreiter und Geldgeber, um zum Beispiel die Wohnbedingungen der Menschen mit Behinderung im Südosten Bulgariens durch Baumaßnahmen zu verbessern. Aber auch durch Ausbildung und Hospitation in Deutschland wurden wichtige Impulse gesetzt, um die menschliche und fachliche Betreuung der Schutzbefohlenen langsam, aber sicher zu optimieren.

    Bei einer Feierstunde in Bolyarovo dankte Heidrich vor allem der bulgarischen Projektleiterin und Dolmetscherin des Vereins, Sofka Bubalova, ohne die die in den letzten 15 Jahren geleistete Hilfe gar nicht hätte realisiert werden können.
    Mit Blick in die Zukunft sagte Heidrich bei einer Feierstunde in Bolyarovo: "Der Verein würde sich freuen, wenn weitere Außenwohngruppen eingerichtet werden könnten. Wir würden es begrüßen, wenn die vorhandenen Busse noch häufiger für Ausflugsfahrten und Freizeiten genutzt würden. Und es wäre auch schön, wenn sich für die hier in Bolyarovo lebenden Frauen Beschäftigungsmöglichkeiten ergeben würden."

    Der Bürgermeister von Bolyarovo, Hristo Hristov stellt in einem Dankesschreiben an Heidrich und den Verein fest: "15 Jahre dauert unsere erfolgreiche Zusammenarbeit zu Gunsten der Menschen, die unsere Fürsorge für ihre bessere Gegenwart und Zukunft brauchen, an. Die Heimbewohnerinnen des Frauenwohnheimes Malko Scharkovo und der Außenwohngruppe, die zum Heim gehört, nehmen mit aufrichtiger Dankbarkeit die Unterstützung entgegen, die ihnen ihre deutschen Freunde erweisen. Gemeindeverwaltung und Heimleitung sagen Dank für Ihre nachhaltige und großzügige Unterstützung und für Ihre weiteren wohltätigen Vorhaben."

    Wer an weiteren Informationen interessiert ist und den Verein zur Förderung von Einrichtungen für Behinderte im Ausland e.V. interessiert ist und seine Arbeit unterstützen möchte, erreicht Paul Heidrich unter der Rufnummer: 0208/460267 oder per Mail an paul.w.heidrich@t-online.de

Dieser Text erschien am 10. Oktober 2015 im Neuen Ruhrwort

Montag, 19. Oktober 2015

12 Uhr im Dichterviertel: Ein Rundgang mit Barbara Kaufhold und den Eheleuten Kämpgen zeigt, das Viertel hat mehr als nur großartige Gründerzeitarchitektur zu bieten

Goetheplatz und Uhlandstraße. Schillerstraße und Klopstockstraße. Die Straßennamen zeigen es: Wir sind im Dichterviertel. Die Historikerin Barbara Kaufhold, die zahlreiche Bücher zur Mülheimer Geschichte geschrieben hat und die Eheleute Jutta und Helmut Kämpgen begleiten uns. Helmut Kämpgen, heute Vorsitzender des Bürgervereins Eppinghofen, ist hier aufgewachsen und hat hier später mehr als 30 Jahre als Gemeindepfarrer gelebt und gearbeitet.

Kaufhold und ihr Mann Tobias der das Museum zur Vorgeschichte des Films in der Camera Obscura leitet sind vor 15 Jahren ins Dichtervielel gezogen, „weil es zentral liegt, trotzdem realtiv ruhig ist und viele wunderschöne alte Häuser mit großzügigen Gärten hat. Tatsächlich. Der Gang durch das Dichterviertel, das um 1900 als Wohnquartier für leitende und mittlere Angestellte gebaut wurde, ist wie eine Architekturführung durch die Gründerzeit. Hier hat sich vor allem der Architekt und Bauunternehmer Franz Hagen ein Denkmal gesetzt. Und die offensichtlich ebenfalls über 100 Jahre alten Baumriesen am Straßenrand, lassen an einigen Stellen ein parkähnliches Ambiente aufkommen. Die Grünanlagen am zentralen Goetheplatz wurden einst (samt Parkwächter) vom Reeder Winschermann (samt Parkwächter) gestiftet.

Treffpunkt und Informationsbörse des Stadtviertels ist neben der Gaststätte „Schräges  Eck“ an der Klopstockstraße die mittendrin am Goetheplatz gelegene Bäckerei von Walter und Karin Lübben. „Hier kennt jeder jeden und jeder kann man mit jedem reden. Es lebt sich hier einfach sehr familiär“, beschreibt Bäckermeister Lübben das Lebensgefühl im Dichterviertel.

Hier gibt es nicht nur große Dichternamen, sondern auch viele  Kreative. Das Spektrum reicht von der Damenschneiderin, über einen Gitarrenbauer und eine Filz-Künstlerin bis zur Imkerin. Und auchder neue Oberbürgermeister wohnt gerne im Dichterviertel. passender Weise an der Bürgerstraße.


Stationen & Schlaglichter


Barbara Kaufhold vor dem Haus an der Uhlandstraße 50. Wo heute ein Tattoo-Studio seine Dienste anbietet, verkaufte die Familie Remberg früher Fleisch und Wurst.  Bei ihr traf sich die freie christliche Gemeinde, die Hitler widerstehen wollte.

Ökumene wird im Dichterviertel großgeschrieben. Neben der evangelischen Lukas- und der katholischen Engelbert-Gemeinde gibt es hier auch die Zionsgemeinde und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde. Letztere wird von Pastor Eckhard Vetter geleitet und hat derzeit 250 Mitglieder.

 Nicht nur kreativen Kindern, wie der neunjährigen Joy zeigt Gabriele Cohnen in ihren Werkstattladen an der Uhlandstraße 47 gerne, welche kleinen und großen Dinge man aus mit Filz kreieren kann.

Kreativ sind Friseurmeisterin Dagmar Fafra und ihre Mitarbeiterin Winonu Steffens nicht nur beim Frisieren. Auch bei der Fassadengestaltung des Salons am Goetheplatz brachten sie Farbe ins Spiel. Graffitikünstler Dennis Broszat machte es möglich.

Ihre Kinder konnten sich nach Palästina retten. Doch Emanuel und Betty Brender, die an der Bürgerstraße 3 wohnten, wurden 1941 deportiert und später in Auschwitz ermordet.

Architektur als Kunstwerk und Augenweide. Das findet man im Dichterviertel auf Schritt und Tritt. Architekt Franz Hagen (1877-1953) hat hier gewirkt und gewohnt

„Das ist Liebe und Wärme“, freut sich Inge Nelles über regelmäßige Streicheleinheiten. Tierischer Besuch mit Kuschelfaktor, wie hier von Polly, ist nicht nur der 86-jährigen Seniorin, sondern auch den allermeisten ihrer rund 100 Mitbewohner im 2009 eröffneten Wohnstift Dichtviertel hoch willkommen.

Jutta und Helmut Kämpgen an ihrer alten Wirkungsstätte. 1951 wurde auf dem Gelände des Lederfabrikanten Julius Kleinert ein Gemeindehaus errichtet, das heute von der Familie Roll als Gästehaus geführt wird.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 18. Oktober 2015

Der Realist: Centermanager Wolfgang Pins

Wolfgang Pins

„Den kenne ich doch!“ Das sagen sehr viele Mülheimer über Wolfgang Pins. Obwohl er noch in Krefeld wohnt, ist er eines der bekanntesten Gesichter Mülheims. „Können Sie nicht noch einige Sitzbänke aufstellen? Warum hat sich Tchibo eigentlich verkleinert und der DM-Markt vergrößert? Wir brauchen mehr Quadratmeter! Wir wollen uns kleiner setzen! Können Sie uns dabei helfen?“ Das sind Fragen, mit denen sich Wolfgang Pins täglich beschäftigt. Vor 15 Jahren kam der vormalige Geschäftsführer des Kaufhofs nach einem Intermezzo beim Kaufhof in Fulda als Manager des Forums zurück nach Mülheim. „Damals hatte ich das Gefühl, dass ich noch viel dazu lernen müsste. Vom Bau- oder Mietvertragsrecht hatte ich als Kaufhof-Kapitän keine Ahnung. Jetzt gehe ich mit dem Gefühl, dass ich hier viel dazugelernt habe“, sagt Pins. Das Fachwissen, das er sich im Laufe seiner Forum-Jahre in Sachen Immobilien- und Vermögensverwaltung angeeignet hat, allein in die Modernisierung von 2011 mussten 30 Millionen Euro investiert werden, nimmt er jetzt gerne mit nach Süddeutschland, um dort die Immobilien und das Vermögen eines Logistikunternehmers zu managen.

Der gelernte Einzelhandelskaufmann, der Betriebswirtschaft studiert hat, überrascht, wenn man ihn nach einer seiner wichtigsten Tätigkeiten fragt. Dann spricht er nicht von Zahlen und Bilanzen, sondern vom „therapeutischen Kaffeetrinken.“ Er nimmt sich immer wieder viel Zeit für Mieter oder Kunden des Forums. „Man muss die Menschen akzeptieren, wie sie sind, dann wird man auch selbst akzeptiert“, beschreibt er sein Credo. „So, wie ich einem Journalisten niemals reinreden würde, wie er seinen Artikel zu schreiben hat oder einem Veranstaltungstechniker erklären würde, wie er eine Tonanlage und Bühnenscheinwerfer aufbauen soll, so trete ich auch dann nicht als Besserwisser auf, wenn mir ein Mieter oder ein Kunde erklärt, was ihm fehlt und was er braucht“, sagt der Centermanager.

Dass die insgesamt rund 38?000 Quadratmeter Verlaufs- und Dienstleistungsfläche des Forums heute zu 98,5 Prozent vermietet ist und die Besucherzahl nach dem Umbau in den letzten drei Jahren um jährlich drei Prozent auf jetzt rund zwölf Millionen angewachsen ist, bestärkt Pins darin, dass er die Weichen für seinen Nachfolger Stefan Günther, der sich bereits einarbeitet, gut gestellt hat.

Auch wenn die Innenstadt im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, ist Pins fest davon überzeugt, „dass Mülheim mit seiner ruhigen Randlage im Ruhrgebiet, mit vielen kaufkräftigen Kunden und mit seiner Innenstadt am Fluss und dessen Naherholungsgebieten gute Grundvoraussetzungen hat.“ Doch er lässt auch durchblicken, dass die Innenstadt im Grunde so etwas bräuchte, wie ein Centermanagement, das zusammen mit Hauseigentümern, Rat, Verwaltung, Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung in einer konzertierten Aktion eine klare Linie mit einem attraktiven Branchenmix und einer größeren Aufenthaltsqualität in die Innenstadt brächte. „Man muss wissen, was man will und dann muss man jemanden haben, der sich darum kümmert, die Sache voranzutreiben. Doch das funktioniert nur, wenn so jemand dann auch mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet wird und eine Unterstützung von allen Seiten erfährt.“

Soll Mülheim Einkaufsstadt, Wohnstadt oder vielleicht auch Kultur- und Museumsstadt werden? Pins hält viele Optionen für denkbar. Er weiß nur eins: „Die Story muss stimmen, damit Menschen gerne nach Mülheim kommen, denn die Innenstadt kann auf Dauer nicht ohne ein anziehendes Forum, aber das Forum kann auch nicht ohne eine attraktive Innenstadt existieren.“

Dabei macht sich der scheidende Centermanager keine Illusionen darüber, „dass es ohne Investitionen nicht vorangehen wird.“ Dass sich solche nicht nur finanziellen Investitionen aber am Ende auszahlen können, kann er nach der eigenen Umbau-Erfahrung im Forum bestätigen. „Das Forum ist heute einfach heller und freundlicher und zieht mit mehr marktgängigen Anbietern auch mehr Kunden an“, resümiert er und ermutigt die Verantwortlichen zum regelmäßigen Blick über den lokalen Tellerrand, um Erfolgsgeschichten auf Mülheimer Verhältnisse zu übertragen, aber die dort begangenen Fehler nicht selbst zu wiederholen.


Dieser Text erschien am  17. Oktober in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 17. Oktober 2015

Die Tschernobyl-Initiative macht weiter

Manfred Rixecker (links), seine Frau Maria Luise
 und Norbert Flör

Bisher verband sich die 1992 gegründete Tschernobyl-Initiative vor allem mit der Gründerin und langjährigen Vorsitzenden Dagmar van Emmerich. Doch jetzt haben Norbert Flör (als Vorsitzender), Manfred Rixecker (als Stellvertreter) und Maria Luise Rixecker (als Schatzmeisterin) die Führung des gemeinnützigen Vereins übernommen. Denn die hochverdiente und vielfach für ihr ehrenamtliches Engagement ausgezeichnete Dagmar van Emmerich kann ihre Aufgabe aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr wahrnehmen.

Trotz dieser Zäsur, die alle 70 Vereinsmitglieder bedauern, geht die Arbeit weiter. Flör und die beiden Rixeckers sind zweimal pro Jahr in Shodino und Dobrin. Im Osten Weißrussland, der bis heute unter den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 leidet, unterstützt der Verein eine Schule und ein Zentrum, das er selbst gebaut hat, und in dem nicht nur Jugendliche und Behinderte, sondern auch Senioren und Sozialwaisen Rat und Hilfe erfahren.

Schatzmeisterin Maria Luise Rixecker schätzt das Volumen der Hilfe, die die Tschernobyl-Initiative mit Hilfstransporten, Patenschaften und Erholungsurlauben leistet, auf durchschnittlich 50.000 Euro pro Jahr. Rund 30.000 Euro erwirtschaften die 28 ehrenamtlichen Helfer der Initiative mit ihrem Secondhandladen am Kohlenkamp 2. Der Rest fließt über private Spender und Sponsoren in die Vereinskasse und damit zu den Bedürftigen und oft auch gesundheitlich angeschlagenen Menschen in der Region, die nur 60 Kilometer vom Unglücksreaktor in Tschernobyl entfernt liegt. „Derzeit sterben dort viele Menschen, die 35 Jahre alt sind und 1986 kleine Kinder waren“, schildert Manfred Rixecker die Situation.

„Wir sind gut vernetzt und unser Laden hat viele Stammkunden“, freut sich Rixecker. „Gemeinsam für eine gute Sache zu arbeiten und deren Erfolg zu sehen, macht einfach Freude“, betont der Vorsitzende Norbert Flör. Er selbst engagiert sich bereits seit 15 Jahren in der Tschernobylinitiative. Angesichts der Tatsache, dass alle Mitglieder des geschäftsführenden Vorstandes bereits im Rentenalter sind, sieht er aber auch die Herausforderung, jüngere Vereinsmitglieder langsam, aber sicher an die Vorstandsarbeit heranzuführen.

Dass die Hilfe für die Menschen in Weißrussland weiter nötig ist, sieht Manfred Rixecker daran, „dass die Lebensmittelpreise so hoch, wie bei uns sind. Eine Rentnerin bekommt aber nur 35 Euro und eine Lehrerin nur 280 Euro pro Monat“.


Weitere Informationen bietet die Internetseite: www.tschernobyl-kinder.info


Dieser Text erschien am 14. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 16. Oktober 2015

So gesehen: Darf es ein bisschen mehr sein?

"Hallo, Frau Priester. Wie viele Pflaumen dürfen es denn heute sein?“ Der Katholik am Obst- und Gemüsestand, glaubt, nicht richtig zu hören. Hat er Bohnen in den Ohren? Oder hat er etwas verpasst. Denn seines Wissens nach gibt es in der römisch-katholischen Kirche weder weiblichen Priester noch dürfen Priester Ehefrauen haben. Oder sollte über Nacht ein Wunder geschehen sein und der Papst verkündet haben: „Frauen dürfen Priester und Priester dürfen Ehemänner werden.“

Was so manchem konservativen Kirchenführer als Alptraum erscheinen mag, könnte für manchen pflichtzölibatären Priester und so manche geistlich begabte Frau zum Traum werden.

Vielleicht würde die Kirche ja mal ein himmelblaues Wunder erleben, wenn ihre Diener und Dienerinnen Liebe, Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit in allen Lebens- und Alltagsbereichen konsequent leben könnten. Man stelle sich eine Frau Priester vor, die ihre männlichen Amtsbrüder mit ihrem weiblichen Pragmatismus verblüffen und auf neue Wege führen würde. Ganz zu schweigen von der Frau Priester, die ihren geistlichen Gatten zwischen Predigt und Gottesdienst mit alltäglichen Liebes-diensten wie Haushalt und Hausaufgabenhilfe auf den Boden der Tatsachen holen würde. Das wäre am Ende vielleicht ja fast so etwas, wie der Himmel auf Erden. Was wohl Frau Priester dazu sagen würde? Doch sie war schon am nächsten Markstand, ehe ich sie hätte fragen können. Denn als Frau, die mitten im Leben steht, weiß sie: Der Mensch lebt auch nicht vom Wort allein. 


Dieser Text erschien am 12. Oktober in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Denkanstöße zum Tag des Weißen Stocks: Blinde und Sehbehinderte wollen im Blick behalten wetdem und fordern mehr Rücksicht

Heute ist der Tag des Weißen Stocks. Er soll den Fokus auf die Belange blinder und sehbehinderter Menschen richten. Was ist zu tun? Für die NRZ befragte ich dazu Christa Ufermann, die den Blinden- und Sehbehindertenverein (BSV) leitet.

Frage: Was regt Sie als blinde Frau in unserer Stadt auf?

Antwort: Wenn Arbeitgeber keine blinden und sehbehinderten Menschen einstellen, weil sie ihnen nichts zutrauen, auch wenn diese eine gute Ausbildung haben; wenn es in Bussen und Bahnen keine Haltestellenansagen gibt; wenn taktile Leitplatten in der Stadt falsch verlegt werden, so dass Blinde und Sehbehinderte in die Irre geführt und damit in Gefahr gebracht werden. Auch ausufernde Geschäftsauslagen und Baustellenschilder oder Autofahrer, die Bürgersteige zuparken, machen uns das Leben schwer.

Frage: Warum sollte man als blinder oder sehbehinderter Mensch Ihrem Verein beitreten?

Antwort: Weil man dort gleich Betroffene und Gleichgesinnte trifft und regelmäßig Informationen bekommt, die einem das Leben als Blinder oder Sehbehinderter leichter machen können. Außerdem ist der BSV eine wichtige Lobby für unsere gemeinsamen Belange. Wir treffen uns jeweils am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr im Hotel Handelshof zu unserem Stammtisch. Kontakt und weitere Informationen findet man auch unter www.bsv-muelheim.de oder bei mir unter der Rufnummer 02 08/43 25 18 sowie bei meiner Stellvertreterin Maria St. Mont unter der Rufnummer 02 08/47 30 12.

Frage: Was wünschen Sie sich vom neuen Oberbürgermeister?

Antwort: Dass er unsere Belange im Blick hat und dafür sorgt, dass wir eine gute wohnortnahe Versorgungsinfrastruktur und einen gut funktionierenden und bezahlbaren Öffentlichen Personennahverkehr haben. Denn auf beides sind blinde und sehbehinderte Menschen ganz besonders angewiesen, um möglichst selbstständig und selbstbestimmt leben zu können


Der Vorsitzende der AGB fordert mehr Rücksichtnahme


Zum Tag des Weißen Stocks fordert der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit tätigen Organisationen (AGB), Alfred Beyer, mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse der rund 760 blinden und sehbehinderten Menschen in Mülheim. „Wenn wir die Forderung nach Inklusion, also nach einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung, ernst nehmen, dann sollten die taktilen Leitlinien und Aufmerksamkeitsfelder, die Blinden und Sehbehinderten die Orientierung im öffentlichen Raum erleichtern, bei Festen nicht mit Tischen, Banken und Ständen zugestellt werden“, fordert Beyer. Genau diesen Missstand hat er immer wieder bei Veranstaltungen an der Ruhrpromenade feststellen müssen.

Dieser Text erschien am 15. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Altes Angebot an neuem Ort - Ab Oktober berät der Blinden- und Sehbehindertenverein Ratsuchende im Medienhaus am Synagogenplatz: Seit 2009 gab es bei den Grünen 69 Sprechstunden mit je bis zu fünf Klienten

Mit Sonnenblumen bedanken sich Christa Ufermann und Maria St. Mont vom Blinden- und Sehbehindertenverein (BSV) bei der Vorsitzenden der Grünen, Heidemarie Sinn-Leydecker, für die Gastfreundschaft ihrer Partei.
 
Sechs Jahre lang, immer wieder am ersten Donnerstag des Monats, haben die beiden regen Damen vom BSV bei den Grünen an der Bahnstraße 50 blinde und sehbehinderte Menschen beraten.
 
Wann und wie viel Blinden- und Sehebhindertengeld kann ich bekommen? Welche Hilfsmittel gibt es? Wo und wie bekomme ich ein Mobilitätstraining und wie beantrage ich einen Schwerbehindertenausweis, der mir und meiner Begleitperson freie Fahrt in Bussen und Bahnen gewährt? Solche und ähnliche Fragen werden Ufermann und St. Mont (beide sind selbst blind bzw. schwer sehbehindert) ab dem 1. Oktober in einem Seminarraum des Medienhauses am Synagogenplatz beantworten. „Wir gehen nich, weil wir uns hier nicht wohlgefühlt hätten, sondern weil unsere Klienten auch älter und gebrechlicher geworden sind und wir in der Stadtbücherei barrierefreie und zentrale Räume gefunden haben“, betont die BSV-Vorsitzende Ufermann. Sinn-Leyendecker kann den Umzug nachvollziehen. Denn die Geschäftsstlle der Grünen liegt im Hochpaterre eines Altbaus, während das Medienhaus eine Rollstuhl- und Rollatorrampe sowie einen Aufzug hat. So ist der neue Beratungsraum, in den der BSV ab Oktober, jeweils am ersten Donnerstag des Monats von 10.30 Uhr bis 13 Uhr Ratsuchenden kostenfrei helfen wird, auch für Rollstuhl- und Rollatorfahrer problemlos zu erreichen sein wird.
 
„Über 90 Prozent der Ratsuchenden sind 60 Jahre und älter“, berichtet St. Mont. Ihre ebenfalls ehrenamtlich aktive Vorstandskollegin Ufermann schätzt, dass ihr 64-köpfiger Verein in den 69 Beratungsstunden, die die BSV-Vorstandsfrauen seit April 2009 bei den Grünen angeboten haben, jeweils drei bis fünf Ratsuchenden weiterhelfen konnten.
 
Schade finden es St. Mont und Ufermann, dass nicht mehr der etwa 500 blinden und sehbehinderten Mülheimer die Freizeit, Beratungs- und Informationsangebote des BSV wahrnehmen und auch Mitglied werden. Weitere Auskünfte geben Ufermann (Rufnummer 0208/43 25 18) und St. Mont (0208/47 30 12) gerne.

Dieser Text erschien am 1. September 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 13. Oktober 2015

„Zerbruch kann heilen“ - Wolfgang Reinhardt und seine Frau Denise Uwimana berichten bei den Bibeltagen über ihre Versöhnungs- und Aufbauarbeit in Ruanda


Im Gespräch: Moderator Herbert Großarth
und das Ehepaar Uwimana-Reinhardt.
Der Geist des Herrn ist über mir. Darum, dass mich der Herr gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden und den Gebundenen, dass ihnen die Tür geöffnet werde.“ Ein Text aus dem Alten Testament (Jesaia 61 1-5) wird plötzlich ganz aktuell und auch die Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5 3-16) Jesu: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“, hört sich plötzlich ganz aktuell an.

Wolfgang Reinhardt und seine aus Ruanda stammende Frau Denise Uwimana berichten bei den Bibeltagen im Altenhof über ihre Aufbau- und Versöhnungsarbeit im ostafrikanischen Land der 1000 Hügel und verbinden das mit einer Bibelarbeit. Er hat lange als Pfarrer im Ruhrgebiet gearbeitet und sie hat als Frau aus dem Volk der Tutsi 1994 den von den Hutus verübten Völkermord überlebt. Denise Uwimana hatte ihren ersten Ehemann während des Völkermordes verloren und Wolfgang Reinhardt kam in den 90er Jahren nach Ruanda, um über die Ursachen und Folgen des Völkermordes zu forschen.

In 100 Tagen wurden eine Million Menschen ermordet“, nennt Reinhardt unglaublichen Zahlen des Genuzids, den die Vereinten Nationen damals nicht verhindern konnten. „Niemand hat Stopp gesagt, auch die Pastöre nicht“, erinnert sich Denise Uwimana. Unglaublich grausam auch, was sie aus dem blutigen Frühjahr 1994 berichtet. 500.000 Frauen wurden vergewaltigt. Viele Mütter mussten zusehen, wie ihre Männer und Kinder brutal gefoltert und ermordet wurden.

Besonders bewegend ist ihr Bericht über eine Witwe, die sich mit dem Mörder ihres Mannes und ihrer Familie ausgesöhnt hat und heute auf seine bedingungslose Unterstützung rechnen kann, wenn sie mit den Witwen und Waisen, die sie bei sich aufgenommen hat, wie in einer neuen Familie zusammenlebt. „Wir sind heute, füreinander, wie Mutter und Sohn und helfen uns gegenseitig, wo wir können“, sagt der der Mörder ihrer Familie. Auch Denise Uwimana hat den Mördern ihres Mannes und ihrer Angehörigen öffentlich vergeben und zusammen mit ihrem heutigen Ehemann den gemeinnützigen Verein Iriba Shalom International („Quelle des Friedens und des Wohlseins für alle Nationen“) ins Leben gerufen. Ihr gemeinsames Ziel: Der Aufbau eines Multifunktionszentrums, das im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll. Dort soll ihre schon jetzt geleistete Versöhnungs- und Aufbauarbeit institutionalisiert werden. Es geht ihnen um Seelsorge, um soziale und psychologische Hilfe, um wirtschaftliche Starthilfe durch Kleinkredite und um Bildung durch Schul- und Ausbildungspatenschaften. Deshalb reist das Ehepaar, das heute in Kassel zu Hause ist, nicht nur durch Ruanda, sondern auch durch Deutschland, um Hilfe zu geben und um Hilfe zu bitten.

Woher nehmen Sie die Kraft?“ fragt nicht nur Moderator Herbert Großarth, sondern auch so mancher der rund 400 Zuhörer im Altenhof. Denise Uwimana, die in einer christlichen Familie aufgewachsen und geprägt worden ist, berichtet „von der Kraft des Gebetes“ und von dem Gefühl, „dass Gott mich auch im größten Grauen beschützt hat, damit ich überlebe und berichten kann, was geschehen ist und damit ich Menschen ermutigen kann, sich zu vergeben und zu versöhnen und trotz Tod und Leid an Gott zu glauben und auf ihn vertrauen.“

Ihr Mann Wolfgang Reinhardt kommt in seiner aktuellen Bibelarbeit zu dem Ergebnis: „Zerbruch tut weh. Aber Zerbruch kann auch heilen, weil Versöhnung und Vergebung möglich und notwendig sind, um neue Kräfte des Lebens und der Liebe freizusetzen.“ Für ihn steht fest, dass Ruanda 21 Jahre nach dem Völkermord auch für aktuelle Krisen- und Kriegsgebiete der Welt zum Vorbild werden kann. (Thomas Emons)

INFO: Wer die Arbeit von Iriba Shalom International unterstützen oder mehr darüber erfahren möchte, erreicht Denise Uwimana-Reinhardt (Heinrich-Schütz-Allee 287) in 34134 Kassel unter der Rufnummer 0561-45007310 oder per E-Mail an: sakinadenise@gmx.de

Dieser Text erschien am 3. Oktober 2015 im Neuen Ruhrwort

Montag, 12. Oktober 2015

Mit Charme und Ordnungssinn: Rita Baltes und Jacqueline Vieth vom Ordnungsamt schauen in der City nach dem Rechten

Zu Besuch bei Rita Baltes (links)
 und Jacqueline Vieth vom 2004 gegründeten
 Citydienst des Ordnungsamtes

Ein junger Mann schießt auf seinem Skateboard aus dem Löhberg. Um ein Haar hätte er einen Fußgänger auf der Schloßstraße von der Seite angefahren. Der junge Mann hat Glück. Hätten Rita Baltes und Jacqueline Vieth seine Aktion gesehen, wäre ein Bußgeld oder zumindest eine Verwarnung fällig gewesen. Wäre der Fußgänger auch noch zu Schaden gekommen, hätte es vielleicht sogar eine Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung gegeben.

Denn Baltes (52) und Vieth (33) arbeiten beim Citydienst des Ordnungsamtes. Regelmäßig bestreifen sie zusammen die Innenstadt und die angrenzenden Bereiche in der Müga oder in Eppinghofen. Sie schreiben Parksünder auf, die zum Beispiel eben mal schnell zur Bank wollten und deshalb auf dem Behindertenparkplatz oder in der Feuerwehrzufahrt stehen. Auch Lieferwagenfahrer, die außerhalb der offiziellen Ladezeiten durch die Fußgängerzone kurven oder rasende Radfahrer, werden von ihnen verwarnt und mit einem Bußgeld belegt. „Wir sind die Mädchen für alles. Wir arbeiten hier an der Front und wir bringen keine Blumen“, sagen die beiden über ihre Arbeit. Wer die Damen im blauen Dienstdress mit der Aufschrift „Ordnungsamt“ sieht und von ihrem Berufsalltag erzählen hört, spürt ihre freundlichen Bestimmtheit.
Wenn sie Parksünder oder Radrowdys bestrafen, Autos stillegen, weil die Halter ihre KFZ-Versicherung nicht bezahlt haben oder abgelehnte Asylbewerber zum Flughafen begleiten, machen sie sich nicht beliebt. Dann müssen sich die Beamtinnen des mittleren Dienstes auch schon mal anhören: „Ihr seid wohl in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, weil die Stadt Geld braucht. Wie kann man nur so einen Scheiß-Job machen?“

„Man muss solche Unverschämtheiten einfach an sich abperlen lassen und darf nicht darauf eingehen“, weiß Jacqueline Vieth. Sie kam vor sieben Jahren zum Citydienst. Damals hatte sie schon eine Ausbildung zur Kauffrau für visuelles Marketing, eine Babypause und eine anschließende Umschulung zur Verwaltungsfachangestellten hinter sich. „Man braucht für unsere Arbeit viel soziale Kompetenz und Menschenkenntnis. Man muss auf Menschen zu- und eingehen können und begreifen, dass Beleidigungen nicht persönlich gemeint sind, sondern sich gegen die Amtsautorität richten, die wir vertreten“, sagt Vieth. „Es ist alles mehr geworden, mehr Falschparker, mehr Radraser, mehr Zulieferverkehr außerhalb der Ladezeiten, mehr Bettler und mehr Klagen über Lärm und Müll“, schildert ihre Kollegin Baltes die Entwicklung. Sie kam vor 25 Jahren als erste Frau zum Vollzugs- und Ermittlungsdienst des Ordnungsamtes. Damals gab es den 2004 eingerichteten Citydienst noch nicht in seiner heutigen Form. Die 52-Jährige, die nach ihrer Mittleren Reife an der Realschule Stadtmitte mit einer Schulfreundin ihre Ausbildung bei der Stadtverwaltung begann, stellt eine zunehmende Respektlosigkeit fest. Wenn sie im Forum schulschwänzende Jugendliche aufgreift und sie von Amts wegen auch schon mal von zu Hause abholt, um sie zur Schule zu befördern, hat sie keinen Amtsbonus. Statt dessen bekommt sie oft zu hören: „Was wollt ihr eigentlich von mir?“ Baltes sieht sich immer mehr in die Rolle einer Sozialarbeiterin gedrängt, ob sie nun herumlungernde Jugendliche aus zerrütteten Familien zur Räson ruft, aggressive Bettler des Platzes verweist oder eine altersverwirrte Frau im Bademantel nach Hause bringt.

„Die Probleme, mit denen wir täglich zu tun haben, sind keine Innenstadtprobleme. Es sind soziale Probleme“, sagt Baltes. Immer wieder erfahren sie und ihre Kollegin Vieth, dass sich Kritik und Lob an ihrer Arbeit die Waage halten. „Viele Leute sind dankbar, wenn sie uns sehen und spüren, dass wir uns um ihre Anliegen kümmern und ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Andererseits werden wir auch schon mal als Wegelagerer beschimpft, wenn wir ein Bußgeld kassieren“, beschreibt Baltes die Spannweite der Bürgerresonanz auf ihre Arbeit im öffentlichen Raum und im Dienste der öffentlichen Sicherheit. Schmunzeln muss sie, wenn sie an die Frau denkt, die sie erbost fragte: „Warum lassen Sie den armen Mann nicht in Ruhe?“, als sie mit ihrer Kollegin gegen einen aggressiven Bettler mit Krücke vorging und anschließend mit ihm zum Bahnhof ging.

Denn der Mann war gut zu Fuß und angesichts der geballten Frauenpower vom Ordnungsamt so einsichtig, mit der S-Bahn in die Nachbarstadt zu fahren, um dort sein Glück zu versuchen. „Unsere Dienstzeit endet nicht, wenn wir unsere Dienstkleidung ausziehen. Denn dann werden wir auch in der Stadt auf Müll, Falschparker oder Ruhestörung angesprochen. Dann heißt es: Sie sind doch beim Ordnungsamt. Ich hab da mal eine Frage und ein Problem. Können Sie mir weiterhelfen“, berichten Vieth und Baltes. Doch diese unbezahlte Verlängerung nehmen die reisefreudigen Beamtinnen vom Ordnungsamt mit Blick auf ihren sicheren Arbeitsplatz und die Aussicht auf den nächsten Urlaub gerne in Kauf.

Dieser Text erschien am 10. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 11. Oktober 2015

So gesehen: Das Kreuz bleibt eine Glaubenssache

Das Menschen auf die Straße gehen, weil sie gegen Entscheidungen protestieren wollen, die Politiker getroffen haben, erlebt man immer wieder. Wenn Politiker auf die Straße gehen, kann das nur eines bedeuten. Sie wollen etwas von uns, in der Regel unsere Stimme für die nächste Wahl.
Wer am Samstag über den Kurt-Schumacher-Platz, etwa zum Einkauf ins Forum ging, musste sich erst mal den Weg durch das Spalier der Oesterwind-Jünger und der Scholten-Apostel bahnen.
Mit freundlichen Worten, bunten Infoblättern und Luftballons warben sie ebenso, wie mit Kugelschreibern. Natürlich. Mit denen soll man bei der Oberbürgermeister-Wahl am 13. September an der richtigen Stelle sein Kreuz machen. Doch welche Stelle ist für uns Wähler und Steuerzahler die Richtige, wo doch beide OB-Kandidaten als recht sympathische und problembewusste Mitbürger erscheinen.
 
Das Mittagsgeläut vom nahen Kirchenhügel zeigte nicht nur mir. In der Kommunalpolitik ist vieles, wie in der Kirche am Ende wohl eine persönliche Glaubenssache. Und man darf nur hoffen, dass wir am Ende nicht alle daran glauben müssen und so manches Politik-Projekt wie ein Wahlkampf-Luftballon vor der Zeit platzt.
 
 
Dieser Text erschien am 12. September 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 10. Oktober 2015

12 Uhr in Raadt: Schön und grün, aber was sonst? Manfred Mons lebt seit 40 Jahren gerne in Raadt. Aber der begeisterte Jazz-Musiker sieht und kennt auch die Schwachstellen seines Stadtteiles

Der "Rote Baron" auf dem Flugfeld
in Raadt

Raadt ist einfach schön“, sagt Manfred Mons. Der Bandleader der Ruhr-River-Jazzband und Chef des Mülheimer Jazzclubs lebt seit 1975 in dem ausgesprochen grünen und landschaftlich sehr reizvollen Stadtteil, der mehr als einen Flughafen und den Kunstrasenplatz des Raadter Sportvereins zu bieten hat. Nicht nur Mons, sondern auch seine Nachbarin Ruth Schalkowsky (95) beklagt, dass sie als Raadter bis zum Oppspring ins benachbarte Holthausen fahren müssen, um ihren Einkauf oder einen Arztbesuch erledigen zu können. Das die Straßenbahnlinie 110 jetzt nicht mehr durch Raadt fährt und die Ersatzbuslinie die Leute zum Einkaufen nach Essen und ins Rhein-Ruhr-Zentrum bringt, hält Mons für ebenso kontraproduktiv, wie die für 2016 geplante Schließung der Kita Raadthäuschen. Auch,wenn es mit dem Flughafenrestaurant, der Vereinsgaststätte des SV Raadt, dem traditionsreichen Liebfrauenhof und dem Hofcafé Felchner am Bollenberg gastronomische Leuchttürme gibt, könnte der grüne Stadtteil aus seiner Sicht noch das eine oder andere Ausflugslokal vertragen. Außerdem lässt der Wahl-Raadter keinen Zweifel daran, dass der politisch auf Nulldiät gesetzte Flughafen ohne große Nebenwirkungen und Folgekosten wirtschaftlich besser genutzt werden könnte. Wer den Flughafen heute sieht, kann sich kaum noch vorstellen, dass er in den 1930er Jahren Westdeutschlands größter Flughafen mit diversen Verbindungen ins europäische Ausland war. Und Ruth Schalkowsky, die fast ihr gesamtes Leben in Raadt verbracht hat, bedauert, dass Raadt, trotz vieler Neubauten und Zuzüge, seinen ursprünglichen Siedlungscharakter und den damit verbundenen Zusammenhalt der Nachbarschaften eingebüßt hat. Doch Mons erinnert sich gerne an ein spontanes Fußballturnier beim SV Raadt, mit dessen Erlösen der Verein einen Jungen unterstützte, der bei einem Unfall schwer verletzt worden war 

Hier kommt keine Straßenbahn mehr:
Die Zeppelinstraße auf Höhe
der Horbeckstraße

Stationen & Schlaglichter


In der Christuskirche an der Parsevalstraße, vor deren Turm hier Manfred Mons in die Weite blickt, werden heute nur noch an großen christlichen Festtagen Gottesdienste gefeiert. Außerdem treffen sich hier immer noch regelmäßig Gemeindegruppen.

Schwester Karin und Waltraud Held warten darauf, abgeholt zu werden. Denn auf die Straßenbahn warten sie vergebens. Gerade für Senioren ist die Verkehrsanbindung des Stadtteils, trotz einer neuen Buslinie, ausgesprochen suboptimal.

„Die Zeiten ändern sich immer wieder und die jungen Leute haben ihre ganz eigenen Ideen“, sagt die 95-jährige Ruth Schalkowsky, die seit 1934 in einem alten Müllerhaus an der Windmühlenstraße lebt. Wenige Meter von ihrem Elternhaus, in dem sie heute zusammen mit ihren beiden Töchtern wohnt, stand im Zweiten Weltkrieg ein Hochbunker. In dessen Keller überlebten ihre Eltern am 24. Dezember 1944 einen Bomben-Volltreffer der Royal Air Force.

Das von Marion Niederdorf  geleitete städtische Tierheim an der Horbeckstraße beherbergt zurzeit 19 Hunde, 71 Katzen und 25 Kleintiere, darunter zum Beispiel diverse Hasen, die ein neues Zuhause suchen. Viele ihrer tierischen Gäste haben mit ihren früheren Haltern leider schlechte Erfahrungen gemacht.

Die Tage des in den 1996 eröffnete Foster-Baus an der Parsevalstraße sind gezählt. Vor zwei Jahren war Itellium hier einige Monate ansässig.

Monika Bentgen von der Kita Raadthäuschen öffnet den Besuchern den Gottesdienstraum der Christuskirche, in dem zurzeit das Inventar aus dem Haus Jugendgroschen zwischengelagert ist. Denn dort werden Flüchtlinge untergebracht. Derzeit betreuten sechs Erzieherinnen im Raadthäuschen 43 Kinder.

Diese 1960 von der Siedlergemeinschaft Raadt aufgestellte Gedenktafel erinnert an die Opfer des Luftangriffes, mit die Royal Air Force am 24. Dezember 1944 den als Militärflughafen genutzten Flugplatz Essen/Mülheim zerstören wollte.

Genuss im Grünen: Dafür steht heute der von Maik Wittenberg geführte Liebfrauenhof am Dümpelweg. An 1930 wurden hier erholungsbedürftige Kinder betreut. Die Initiative ging damals unter dem Eindruck der sozialen Folgen der Weltwirtschaftskrise (1929-1932) von Pastor Konrad Jakobs (1874-1931) und der katholischen Pfarrgemeinde St. Mariae Rosenkrannz aus.

Bis zum Anfang der 90er Jahre betrieb Winfried Trabandt (80) an der Windmühlenstraße noch Milch- und Viehwirtschaft. Heute hält er nur noch Hühner.


Dieser Text erschien am 7. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 9. Oktober 2015

Als der Eiserne Vorhang fiel: Der Ungar Laszlo Nagy berichtete bei den Herbstgesprächen der CDU zur Vorgeschichte der Deutschen Einheit.

Laszlo Nagy zu Gast bei den
Herbstgesprächen der CDU

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Urban lässt Zäune bauen, um Flüchtlinge aufzuhalten. Das sind die aktuellen Fernsehbilder, die auch die 100 Gäste im Kopf haben, die an diesem Tag der Deutschen Einheit zu den Herbstgesprächen der CDU in die Alte Post gekommen sind. „Der Flüchtlingsstrom zeigt uns, dass wir die großen Probleme unserer Zeit nicht mehr nationalstaatlich, sondern nur europäisch lösen können“, sagt CDU-Chef Andreas Schmidt. Und dann erinnert der Ungar Laszlo Nagy von der Stiftung Paneuropäisches Picknick an eine Zeit, in der Ungarn Grenzzäune einriss und damit vielen Ostdeutschen die Flucht aus der DDR ermöglichte.

Nagy berichtet nicht nur über Motive und organisatorische Details des paneuropäischen Picknicks in Sopron, das 600 DDR-Bürger am 19. August 1989 zur Flucht in Richtung Westen nutzten. Er schildert auch die politischen Hintergründe, die im Spätsommer 1989 zur Öffnung des Eisernen Vorhangs führten. Nagy berichtet zum Beispiel davon, dass sich die Regierung des damaligen Reform-Premiers Miklos Nemeth bereits im Mai 1989 vom Grenzregime mit Minen und Stacheldraht verabschiedet hatte. Er schildert die Moskauer Gespräche, in denen der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow Nemeth versichert hatte: „Die Sowjetunion will die Sünde von 1956 nicht noch einmal auf sich nehmen.“

Doch davon, so macht Nagy deutlich, wussten seine Mitstreiter aus dem Ungarischen Demokratischen Forum und er damals nichts. „Deshalb spielten wir damals mit dem Feuer. Aber wir taten es, weil wir fest daran glaubten, dass das, was wir taten richtig und notwendig war,“ betont er. Auch von den Geheimverhandlungen zwischen den Regierungen in Bonn und Budapest erfuhren sie erst später. Nagys Bilanz: „Auch kleine Bürger können große Politik machen, auch wenn wir heute wissen, dass wir damals für etwas demonstrierten, das die Politiker in Bonn, Budapest und Moskau längst wollten.


Dieser Text erschien am 5. Oktober 2015 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Als Mülheimer die Deutsche Einheit feierten: Ein Rückblick auf den 3. Oktober 1990



"Das ist ein Tag, den ich nie vergessen werde. Das war ein unwiederholbares Erlebnis“, sagt Manfred Mons vom Jazzclub. Er meint den 3. Oktober 1990. Als Deutschland wiedervereinigt wurde, spielten seine Kollegen von der Ruhr-River-Jazzband und er auf dem Potsdamer Platz und vor dem Palast der Republik in Berlin. Tausende hörten zu. Eine befreundete Band aus der Hauptstadt hatte die Mülheimer zum Gastspiel am Tag der Einheit eingeladen.

Aber auch in Mülheim wurde die Deutsche Einheit gefeiert. In der damals noch neuen Sparkasse am Berliner Platz hörten 900 Bürger die Festreden von Oberbürgermeisterin Elenore Güllenstern und NRW-Staatssekretär Hartmut Krebs. Das Sinfonieorchester der damaligen Jugendmusikschule intonierte das Deutschlandlied und die Europahymne, Ludwig van Beethovens Ode an die Freude.

Schauspieler aus dem Theater an der Ruhr erinnerten mit einer kleinen Lesung daran, dass Deutschland auch das Land der Dichter und Denker war. Eleonore Güllenstern sprach in ihrer nachdenklichen Rede zum nationalen Feiertag auch die mit der Wiedervereinigung verbundenen Ängste vor den finanziellen und politischen Folgen der Deutschen Einheit an. Würde der deutsche Nationalismus wieder aufleben? Und wie sollten die sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten bezahlt werden?

Die OB stellte damals fest: „Das Nationale muss dem Menschlichen untergeordnet werden. Und nach der politisch wiedervereinigten Gemeinschaft müssen wir jetzt eine menschliche Gemeinschaft schaffen. Und der Preis der Deutschen Einheit kostet doch so viel weniger, als acht Tage Krieg.“

Nach Politik und Kultur kam auch das Kulinarische an diesem ersten Geburtstag des neuen Deutschlands nicht zu kurz. Vom Wetter begünstigt feierten die Bürger bis in den Nachmittag hinein mit Suppe, Bier und Würstchen und stärkten sich so auf dem Berliner Platz für die Höhen und Tiefen des nun kommenden gesamtdeutschen Alltags. Zu diesem Alltag gehörte auch eine zeitlich befristete Anpassungs-Kooperation der Stadtverwaltungen in Mülheim an der Ruhr und Frankfurt an der Oder sowie die Erfolgsgeschichte des Thüringer Kochs Jörg Thon, der damals nach Mülheim kam und heute hier den Ratskeller und den Bürgergarten betreibt.

Dieser Text erschien am 3. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Die Frau mit Hut und Orgel Ohne Noten, aber mit viel Gefühl öffnen Sylvia Vorhaus und ihre mölmsche Drehorgel Herzen

Sylvia Vorhaus an ihrer mölmschen Drehorgel
Weitere Infos unter www.moelmsche-drehorgel.de

Ich kenne Sie doch. Tragen Sie nicht normalerweise einen Hut?“ Das hört die Speldorferin Sylvia Vorhaus immer wieder, wenn sie im Straßenzivil unterwegs ist. Ja. Sie trägt immer einen Hut, mal einen blauen und in jüngster Zeit auch gerne mal einen orangefarbenen, modisch flankiert durch elegante gleichfarbige Schals. Das ist ihre Dienstkleidung, wenn sie mit ihrer mölmschen Drehorgel zum Beispiel bei Stadtteil- Schul,- Kindergarten,- Geburtstags,- Hochzeits,- und Weinfesten, aber auch als Vorprogramm bei Konzerten und Musikfesten auftritt.

„Ein bisschen Verkleidung gehört dazu, wenn man eine Drehorgel spielt. Würde ich nur in Jeans und Pulli hinter der Orgel stehen, würde das die Atmosphäre und Ausstrahlung ihrer Musik zerstören“, findet die 56-jährige Mutter eines erwachsenen Sohnes und einer erwachsenen Tochter. „Meine Kinder unterstützen mich. Sie haben mir eine Internetseite eingerichtet und meinen Flyer layoutet“, freut sich Vorhaus.

Die gelernte Arzthelferin, die heute als Betreuerin im Franziskushaus hochbetagte Menschen auch mit Musik durch ihren Alltag begleitet und sie so aufmuntert, kam durch einen befreundeten Musiker zur Drehorgel. Denn der spielte auch regelmäßig eine Drehorgel und verschaffte ihr am 7.7.2007 den ersten Auftritt. „Ich spielte damals bei einer Open-Air-Aktion des Rhein-Ruhr-Zentrums und kam bei den Leuten gleich gut an“, erinnert sie sich an ihren Start ins nebenberufliche Musikerleben. Auch jenseits der Mülheimer Stadtgrenzen sind sie und ihre mölmsche Drehorgel gern gesehen und gehört. Die Veranstalter der Bundesgartenschau in Koblenz haben sie ebenso gebucht, wie das Jazzfestival in Moers oder zuletzt Schlager-Star Andrea Berg. Vor ihrem Konzert in der Nachbarstadt Duisburg orgelte sie als ihre Vorfrau „Du hast mich 1000-mal belogen“ und Co. „Die Fans waren begeistert und haben sofort mitgesungen und mitgetanzt.“

20 bis 30 mal tritt sie pro Jahr mit ihrer mölmschen Drehorgel auf und hat in ihrer Orgelbox mit Schwungrad, Blasebalg und 121 Orgelpfeifen 450 Lieder auf Lager. Da ist für jeden Geschmack was dabei, von „Ännchen von Tharau“ über „Glück auf, der Steiger kommt“ bis zu „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.“

Noch heute muss sie lachen, wenn sie an ein dreijähriges Mädchen zurückdenkt, das bei einem Kindergartenfest plötzlich vor ihr stand und sie mit großen Augen fragte: „Hast du auch atemlos?“ Natürlich hat Vorhaus auch Helena Fischers Hit „Atemlos durch die Nacht“ in ihrem Orgelprogramm. Sie spielt, was gefällt. Ihr in Göttingen ansässiger Orgelbauer versorgt sie regelmäßig mit neuen Liedern und vermittelt ihr auch den einen oder anderen Auftritt.

Auch wenn sie ihre späte Orgel-Karriere als Nebenerwerb betreibt, ist das Drehorgelspiel längst auch zu ihrer Leidenschaft geworden. Oft stellt sie sich einfach so auf die Straße und spielt für einen guten Zweck. Jedes Jahr kann sie so zwischen 500 und 1000 Euro als Spende an den Kinderschutzbund und an eine Elterninitiative zur Unterstützung krebskranker Kinder überweisen.

„Wenn ich mit meiner Drehorgel aufspiele, bekomme ich so viel, was man mit keinem Geld der Welt kaufen könnte“, erzählt Vorhaus. Nie hätte die musikbegeisterte Frau gedacht, „dass ich mal ohne Noten, aber mit viel Einfühlungsvermögen so viele Menschen begeistern kann.“ Wenn sie auftritt spürt sie immer wieder, „dass Musik Herzen öffnet.“ Denn dann kann es vorkommen, dass sie wildfremde Menschen plötzlich in den Arm nehmen oder ihre Lebensgeschichte erzählen, weil ein Lied aus der Drehorgel persönliche Erinnerungen geweckt hat. „Wenn die Musik spielt, sind die Leute wach“, staunt Vorhaus. Dass auch Kinder und Jugendliche vor ihrer Drehorgel stehen bleiben, im Takt der Musik mitwippen oder auch mal eine Münze für den guten Zweck auf der Orgel liegen lassen, rührt Vorhaus besonders an. Vor einigen Monaten hat sie neben ihrer Drehorgel auch eine Veeh-Harfe entdeckt. Auch dieses 25-saitige Instrument, das wie eine Zitter klingt, lässt sich mit Hilfe einer Punkte-Karte, die man hinter die Saiten schiebt, ganz leicht und ohne Notenkenntnisse spielen.

Der Wiedererkennungseffekt der verschiedenen Lieder ist enorm und die Harfenklänge wirken entspannend und beruhigend. „Sowohl bei bettlägerigen Patienten als auch in generationsübergreifenden Gruppen habe ich mit diesem Instrument schon eine gute Resonanz bekommen“, berichtet Vorhaus. Und sie könnte sich den Einsatz der ursprünglich für behinderte Kinder gebaute Veeh-Harfe auch in der Hospizarbeit gut vorstellen.


Dieser Text erschien am 3. Oktober 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 6. Oktober 2015

So gesehen: Lachen wir uns doch mal gesund

Ich lache mich krank. So sagt man, wenn man sich vor Lachen kaum halten kann. Wenn dem so wäre, im Evangelischen Krankenhaus wäre man an der richtigen Adresse. Sollte sich das Krankenhaus vielleicht deshalb seit 25 Jahren etwa ein Theater halten, das die Leute regelmäßig zum Lachen bringt? Frei nach dem Motto: Wer zuviel lacht, wird gleich auf die Station gebracht. Doch manche Redensarten sind bei genauerem Hinsehen einfach lachhaft, so auch diese. Denn medizinische und psychologische Studien zeigen: Lachen ist gesund, weil es entspannt, Stress abbaut, den Blutdruck senkt, Glückshormone freisetzt und die Wahrnehmung von Schmerzen vermindert. Also wird umgekehrt ein Schuh draus. Wenn es sie nicht schon seit 25 Jahren gäbe, müssten das Backsteintheater und die Musischen Werkstätten dem Evangelischen Krankenhaus auf Rezept verschrieben werden. Zu nicht vorhandenen Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker. Oder bringen Sie diese am besten gleich zur nächsten Vorstellung mit. Denn wer gesund bleiben und morgen noch etwas zu lachen haben will, muss heute damit anfangen. 

Dieser Text erschien am 7. September 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 5. Oktober 2015

Unverzichtbare Energiequelle 400 Gäste erlebten im Altenhof ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm, das 25 Jahre Kulturarbeit im Evangelischen Krankenhaus Revue passieren ließ


Was hat Ihnen eigentlich am besten gefallen?“ Diese am Samstagabend häufig gestellte Frage war gar nicht so leicht zu beantworten. Chorgesang, Theater, Kleinkunst und Talkrunden mit Zeitzeugen. So ließen etwa 100 haupt- und ehrenamtlich Kreative aus dem Kulturbetrieb des Evangelischen Krankenhauses das erste Vierteljahrhundert der Kulturarbeit im Krankenhaus Revue passieren.
25 Jahre in zweieinhalb Stunden. Dass war für 400 Zuschauer im Altenhof anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. Die schnellen Wechsel zwischen den verschiedenen Genres machten den Abend kurzweilig.

Beeindruckend führten 50 Chorgeschwister aus den Musischen Werkstätten mit Ausschnitten aus Carl Orffs „Carmina Burana“ die archaische Kraft der Musik vor. Die Leichtigkeit des Seins brachten Petra Stahringer, Ulrike Dommer und Bärbel Bucke als Backstein-Trio mit Abba-Memories, wie „Mamma Mia“ oder „Thank You for the Music“ auf die Bühne. „Gemeinsam zu singen und zu musizieren ist eine der wichtigsten menschlichen Energiequellen“, brachte Stahringer ihre wichtigste Erfahrung als Leiterin der Musischen Werkstätten auf den Punkt.

Lebens- und Spielfreude pur waren auch zu spüren, als Schauspieler der großen Backstein-Theaterbühne Ausschnitte aus ihren Komödien „Ewig jung“ und: „Der nackte Wahnsinn“ zeigten. Da erlebten die Zuschauer am eigenen Leibe, was Simone Adelhütte meinte, wenn sie als einer der dienstältesten Schauspielerinen feststellte: „Unser wichtigstes Ziel war und bleibt es, Menschen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern.“ Dass das Krankenhaus die Infrastruktur für diese Theater und Kulturarbeit bereitstelle, so Adelhütte, „und wir nur noch spielen brauchen“, sei nicht selbstverständlich.

Wie man Menschen ein Lachen ins Gesicht zaubert, führte auch Gustav an Huef von der Kleinen Bühne mit seinem gelungenen Vortrag des Georg-Kreisler Chansons: „Mein Weib will mich verlassen. Gott sei Dank. Ich kann es gar nicht fassen. Ist Sie krank?“ vor. Kollegin Annegret Hartmann stellte sich als Blondine vom Dienst herrlich dumm: „Ich suche in meiner Ketchupflasche immer noch den Heinz!“

Was die 1990 vom damaligen Stiftungsdirektor Volkmar Spira initiierte Kulturarbeit im Evangelischen Krankenhaus geleistet hat, brachte der ärztliche Direktor Heinz Jochen Gassel sehr treffend auf den Punkt. Er sagte: „Diese Kulturarbeit hat dem Krankenhaus ein Herz und eine Seele gegeben.“

Hat die Kultur im Krankenhaus Zukunft? Man darf es hoffen, wenn man die 15-jährigen Anna Lena Höhne von ihren ersten Schritten auf der Großen Backstein-Bühne schwärmen hört: „Das ist total cool, live dabei zu sein, wenn man als Gruppe ein Jahr lang ein Stück erarbeitet und es gemeinsam auf die Bühne bringt.“


Dieser Text erschien am 7. September 2015 in NRZ und WAZ