Montag, 30. November 2015

So gesehen: Die Wacht beim Weihnachtstreff

Der Holzkamerad an der
Weihnachtstanne
Haben Sie mich schon gesehen. Ich stehe wieder an der 13 Meter hohen Tanne beim Weihnachtstreff an der Schloßstraße. Ich bin nicht der Weihnachtsmann. Den gibt es nur in der Werbung. Ich bin der Holzkamerad mit Trommel , aber ohne Klöppel. Denn den hat mir irgend so ein „Weihnachtsmann“ geklaut, der offensichtlich kein Prachtexemplar seiner Spezies war und sie deshalb nicht alle auf dem Christbaum hatte. Man sieht sich.

Dieser Text erschien am 28. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 29. November 2015

Ein unruhiger und kreativer Geist: Eberhard Uhl

Eberhard Uhl
„Hallo, Herr Uhl! Wie geht es Ihnen?“ Immer wieder passiert es Eberhard Uhl, dass er von Menschen angesprochen wird, bei denen er einen Moment überlegen muss: „Woher kenne ich sie?“ Kein Wunder. Der Assistent und Stellvertreter des Forum-Managers Stefan Günther ist viel unterwegs und spricht täglich mit vielen Menschen. Gerade jetzt, da es an der Spitze des Centermanagements einen Wechsel von Wolfgang Pins zu Stefan Günther gegeben hat, ist die organisatorische und kommunikative Arbeit des Zweiten Mannes im Forum besonders wichtig.

Wenn man mit ihm über die Mall des Forums geht, wird es nicht lange dauern, bis er von irgend jemanden angesprochen oder auf seinem Handy angerufen wird. Dort klemmt eine Ladentür. Hier muss ein Türschloss ausgewechselt werden. Dort ist eine Lüftung defekt. Uhl kümmert sich drum. Die Lösung des Problems ist oft nur wenige Anrufe und einige freundliche Worte weit entfernt. Und im Vorbeigehen, hebt der 56-Jährige auch noch Papier auf, das jemand achtlos auf den Boden geworfen hat. „Da könnte ja jemand drüber ausrutschen. Und dann haben wir den Ärger“, erklärt Uhl und lächelt.

Gar nicht lächeln kann er, wenn er den einen oder anderen Dreckspatz auf frischer Tat erwischt und ihn auf sein Fehlverhalten anspricht. „Dann hört man schon mal Sätze, wie: Dafür habt ihr doch eine Putzfrau“, erzählt Uhl. Das ärgert ihn, weil eine solche Haltung von Respektlosigkeit zeugt. „Jeder Mensch, egal, was er hier macht und wo er her kommt, hat Respekt verdient“, sagt Uhl. Er sagt es im Brustton der eigenen Lebenserfahrung eines Menschen, der privat und beruflich alle Höhen und Tiefen erlebt und überlebt hat.

Der gelernte Einzelhandelkaufmann, der bei Hertie gelernt hat und später nicht nur im Einzelhandel, sondern auch angestellt und selbstständig in der Gastronomie gearbeitet hat, weiß, wie übel das Leben einem mitspielen kann. Aber er ist immer wieder aufgestanden, nachdem er hingefallen war. Nach einer beruflichen Auszeit, in der er sich selbst fragte: „Wie soll es mit dir weiter gehen“, gelang ihm bei der ebenfalls im Forum ansässigen Paritätischen Initiative für Arbeit (Pia) ein Neustart. Er baute Freizeitstationen auf, organisierte den Mülheimer Fahrradfrühling auf der Schleuseninsel oder auch die Fahrradwochen im Forum. Als das Einkaufszentrum einmal personelle Probleme hatte, organisierte er schnell einen Ersatztrupp, in dem er selbst mit anfasste, um die Weihnachtsdekoration wieder abzubauen.

Solche flexiblen Dienstleistungseinsätze ließen den damaligen Forum-Manager Pins auf den organisations- und handlungsfreudigen Mann vor der Pia aufmerksam werden. Als Pins 2009 einen neuen Assistenten und Stellvertreter brauchte, war Uhl sein Mann.

„Was ich hier mache, kommt meinem unruhigen und kreativen Geist sehr entgegen. Denn es wäre für mich unvorstellbar, einen Job zu machen, bei dem ich jeden Tag das selbe täte“, sagt Uhl.

Und so behält er auch dann seine Ruhe und seinen verbindlichen Gesprächston, wenn Telefon und Handy klingeln oder auf seinen beiden Computerbildschirmen E-Mail-Anfragen aufflackern. Nicht nur in der jetzt beginnenden Vorweihnachtszeit hat der Zweite Mann im Forum alle Hände voll zu tun, um die rund 100 Händler und die täglich etwa 35 000 Kunden des Forums bei Laune zu halten.

Als Schatzmeister ist er unter anderem für die Marketingaktionen der forumseigenen Werbegemeinschaft zuständig. Hier wird ein Verpackungsstand für Geschenke aufgebaut. Dort werden Werbeevents geplant, um den Umsatz anzukurbeln. Das Spektrum reicht vom Prozente-Marathon über Gutschein-Aktionen bis zu Live-Events mit Mode, Musik, Informationen und allem, was den Kunden animieren könnte, sein Geld gerne auszugeben. Auch die immer wichtiger werdende Internetseite des Forums gehört zu Uhls Arbeitsbereich. „Sie wird inzwischen immerhin monatlich von 15 000- bis 20 000 potenziellen Kunden besucht“, erzählt der Zweite Mann des Forums. Immer wieder überlegt er, wie man den Online-Auftritt des Einkaufszentrums noch zeitgemäßer und attraktiver machen kann. Derzeit bastelt er an einer Gestaltung, die die Internetseite des Forums auch für Smartphone- und Tablet-PC-Nutzer besser handhabbar macht.

Dieser Text erschien am 28. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 28. November 2015

Zwischen Traum und Trauma: Die Mülheimer Volxbühne bringt mit 17 Darstellern zwischen 15 und 83 ein "Oratorium der Träume" auf die Bühne

Das Plakat zur "TraumA"-Premiere
„Dieser Abend wird der reinste Luxus“, glaubt Regisseur Jörg Fürst. Die Rede ist von „TraumA“, dem neuen Stück, das in wenigen Tagen zum ersten Mal auf die Volxbühne kommt. Der Titel klingt in Zeiten des Terrors brandaktuell.

Den 17 Schauspielern, die bei „TraumA“ auf der Bühne stehen, geht es nicht um Aktualität, sondern um Geschichte und Lebensgeschichten, um persönliche Träume und traumatische Erfahrungen. „Das ist wirklich großartig. Indem Schauspieler von 15 bis 83 in Szene setzen, was sie in unterschiedlichen Phasen ihres Leben erträumt und erlitten haben, spiegeln wir in diesem Stück gut 100 Jahre Geschichte“, beschreibt Fürst den Reiz des Projektes.

Sehnsucht nach einem glücklichen Familien- und einem erfüllten Berufsleben. Kampf um Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung. Verantwortung, Schuld und Gewalterfahrung. Das pralle Menschenleben im Wandel der Generationen wollen Fürst und sein Ensemble in 90 Minuten „als ein Oratorium der Träume und Generationen“ über die Bühne gehen lassen. „Die Zuschauer werden keine klassischen Spielszenen, sondern musikalische Textflächen und szenische Miniaturen erleben, in denen Bilder hervorscheinen“, sagt Fürst.

Im Projekt setzt der Theatermann, der hinter den Kulissen die dramaturgischen Fäden zusammenführt und -hält, ganz bewusst auf einen Mix aus jungen, alten, professionellen und semiprofessionellen Darstellern. „Die Profis bringen ihre Vielseitigkeit mit und die Experten in Sachen Alter bringen ihre Lebenserfahrung und ihre Echtheit mit“, erklärt Fürst. Mit „TraumA“ will der Regisseur „auf Biografien zurückgreifen, ehe sie für immer verloren gehen“.

Die Schauspieler, zu denen diesmal auch die 15-jährige Schülerin Alina Wessel vom Jungen Theater an der Ruhr gehört, wollen mit ihrer neuen Produktion die Zuschauer animieren, das Gespräch der Generationen auch in der eigenen Familie zu beginnen und so das eigene Leben zu reflektieren.

Für die junge Darstellerin Alina Wessel, die später gerne als Theaterpädagogin arbeiten möchte, brachten die zwei Monate Probenarbeit die Erfahrung mit sich, „dass ich auf der Bühne gar keinen Altersunterschied gespürt habe, dass ich aber begriffen habe, welches Glück es für mich bedeutet, dass ich, anders als die Frauen früherer Generationen, um meine Gleichberechtigung nicht kämpfen musste und dass mir heute alle Wege

Karten und weitere Informationen zur Volxbühne bekommt man unter 0208/43 96 29 11 oder per Mail: karten@volxbuehne.de sowie auf der Internetseite www.volxbuehne.de.



Dieser Text erschien am 26. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 27. November 2015

Thomas Straßmann: Der Karneval kann den Menschen Kraft geben

Thomas Straßmann
Foto: Pictures & Music
Stadtprinz und Hoppeditz war er Schon: Am 25. November wurde der Präsident der KG Blau Weiß, Thomas Straßmann, (55)  in der Stadthalle zum Ritter vom Schiefen Turm geschlagen.

Frage: Warum brauchen wir den närrischen Adel? Sind nicht alle Jecken gleich?

Antwort: Grundsätzlich ja. Aber es gibt Karnevalisten, die etwas mehr tun, um Menschen den Spaß an der Freud zu vermitteln, weil sie, wie ich, die Chance bekommen haben, auf der Bühne zu reden, zu singen, zu musizieren und zu tanzen. Der Karneval hat mir viel gegeben und mich selbstbewusster gemacht.

Frage:  Muss man als Karnevalist ein schräger Typ sein?

Antwort: Nein. Wir haben auch viele Normalos. Aber ich glaube, dass jemand, der sich auf der Bühne so exponiert, wie ich das tue, schon so etwas wie eine Macke haben muss. Für mich ist der Karneval Lebenselixier, das mir hilft, den Alltag im besten Sinne des Wortes vergessen zu können.

Frage: Kann man in Zeiten des Terrors ernsthaft Karneval feiern?

Antwort: Gerade jetzt können und müssen wir Karneval feiern, um dem Terror und der Angst im Alltag ganz bewusst ein Stück Freude und ein Stück Frieden entgegenzusetzen. Wenn uns das gelingt, frei nach dem Motto „Trink doch einen mit, stell dich nicht so an“, kann man aus dem Karneval Kraft schöpfen.

Dieser Text erschien am 25. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

Donnerstag, 26. November 2015

Weil kein Meister vom Himmel fällt oder: Auf dem Markt der Möglichkeiten

In der Aula der Realschule Stadtmitte gehen auch Theaterstücke über die Bühne. Doch an diesem Abend wird der Theatersaal zur Börse, in der gut 100 Achtklässler ihre Rolle fürs Berufsleben oder zumindest eine Ahnung davon finden sollen, welchen Arbeitsplatz sie mit ihren Talenten ausfüllen könnten. Mit den Worten: „Wir wünschen euch einen erkenntnisreichen Abend. Und denkt daran: Löchert eure Gesprächspartner. Denn nur Fragen macht klug“, schicken Rektorin Sabine Dilbat und die für die Berufswahlkoordination zuständige Lehrerin Angelika Rindt-Göbig die Schüler auf die Reise. Sie haben mit Kollegin Dominica Lüning dafür gesorgt, dass sich der Theatersaal der Schule in eine Berufsbörse verwandelt. Auf deren Parkett stellen etwa das Finanzamt, die Sparkasse, der Pflegdienst Hirschel oder das Modehaus Peek und Cloppenburg ihre Ausbildungs- und Berufsperspektiven vor. Der 15-jährige Mike Eichert ist einer der 100 Achtklässler, die zur Berufsrallye starten. Er hat einen ungewöhnlichen Berufswunsch im Gepäck. Eichert möchte Bestatter werden. Ein Praktikum hat er schon vereinbart. „Ich bin ein Mensch, der gerne im Hintergrund organisiert und Menschen hilft“, sagt er über sich selbst. Den ersten Eindruck vom Arbeitsalltag eines Bestattungsunternehmens hat er durch seine Tante gewonnen, die in diesem Bereich arbeitet. „Es ist sehr sinnvoll, Menschen in einer traurigen Situation beistehen und sie trösten zu können“, findet Mike.

Trotz seiner konkreten Vorstellungen und Planungen ist er aber noch offen und freut sich darauf, „heute mal andere Berufe kennen zu lernen, die ich noch nicht so gut kenne.“

Erste Station seiner Rallye ist das Finanzamt. Dort begegnet er dem Ausbilder Richard Oes und seinem ehemaligen Mitschüler Marvin Cettiner. Der hat nach seiner Fachoberschulreife 2012 eine Ausbildung beim Finanzamt begonnen. Jetzt verdient er dort als Anwärter auf den mittleren Dienst monatlich brutto mehr als 1000 Euro.

Dass der nur wenige Jahre ältere Ex-Schülersprecher heute schon sein eigenes Geld verdient und in den eignen vier Wänden wohnt, beeindruckt Mike. Dass die Ausbildung mit einem fünfmonatigen Internatsaufenthalt beginnt, ist für ihn gewöhnungsbedürftig. Aber die Aussicht, nach einer erfolgreichen Ausbildung in den Beamtenstand übernommen zu werden und damit einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen, findet er interessant. „Das könnte abwechslungsreicher sein, als ich erst gedacht habe“, meint Mike, nach dem ihm Oes erklärt hat, dass man beim Finanzamt nicht nur mit Paragrafen, sondern auch mit Menschen arbeite „und dass man als Azubi das Steuerrecht von Null auf in Theorie und Praxis beigebracht bekommt.“ Teamarbeit und soziale Kontakte. Das findet Mike gut.

Auf diesen Mix stößt er auch bei Jennifer Mölders, die den Pflegedienst Hirschel vorstellt. „Bei unserer Arbeit geht es nicht nur darum, alten Menschen den Popo zu putzen. Wir versuchen sie durch unsere Pflege zu motivieren und ihre noch vorhanden Fähigkeiten zu mobilisieren“, erklärt die Altenpflegerin. Schnell erkennt Mike, dass die Altenpflege in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft Zukunft hat und viele Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Bemerkenswert findet er, dass man nach der Ausbildung auch noch Pflegemanagement studieren kann und sich so bis zum Pflegedienstleiter hocharbeiten kann. Mit 825 Euro brutto ist die monatliche Ausbildungsgehalt aber nicht so gut wie beim Finanzamt.

Nicht schlecht staunt Mike auch am Stand des Modehauses Peek und Cloppenburg. Dass man dort nicht nur im Verkauf und an der Kasse, sondern auch in der Verwaltung und im Büromanagement tätig sein kann, hatte er sich so nicht vorstellen können. Und auch am Stand der Sparkasse begreift Mike schnell, dass Bankkaufleute nicht nur Zahlen, sondern auch Menschen und ihre Lebenspläne verstehen müssen, um erfolgreich zu sein.


Dieser Text erschien am 6. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 25. November 2015

So gesehen: Licht und Stärke in dunkler Zeit

Geht es Ihnen auch so. Nach der Umstellung auf die Winterzeit kommt es mir am frühen Abend jetzt oft schon so finster vor, wie mitten in der Nacht.

Wie schön, dass heute der Mülheimer Weihnachtstreff mit seinen rund 60?000 Leuchten schon mal dafür sorgt, dass uns zumindest beleuchtungstechnisch ein Licht aufgeht und Glühwein, Bratwurst und Co als gastronomische Wegzehrung im Advent für innere Wärme und körperliche Stärkung sorgen. Denken Sie daran: Bratwurst hat nicht nur Fette, sondern auch viel Vitamin B in sich, das die Blutbildung sowie die Regulierung und Aktivierung des Stoffwechsels fördert. Also sage noch einer, Bratwurst sei ungesund.

Genuss und Stärkung im Vorbeigehen, das kann man beim Weihnachtstreff aus dem Effeff. Ob es uns auch darüber hinaus im Advent warm ums Herz wird und uns das eine oder andere Licht aufgeht, liegt wohl an uns selbst. Denn was die kölschen Wise Guys für den Sommer singen, gilt auch für den Advent. Advent ist, was im Kopf passiert.

Dieser Text erschien am 23. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Dienstag, 24. November 2015

Was hat uns Sankt Martin heute noch zu sagen? Drei Fragen an die Rektorin der Martin-von-Tours-Schule

Ulrike Kordel
Frage: Was bedeutet Ihr Namensgeber für den Schulalltag?

Antwort: Zum Schuljahr 1999/2000 haben wir den Namen unserer Schule geändert: von Katholische Grundschule Eduardstraße in Martin-von-Tours-Schule. Die Grundintention war, unsere Schule bereits am Namen als katholische Grundschule zu erkennen. Der gewählte Name sollte den Kindern die Möglichkeit zur Identifikation geben. Beides war mit der Wahl des Namens Martin-von-Tours gegeben. Dazu kam, dass die französische Stadt Tours eine Partnerstadt Mülheims ist. Der „Hl. St. Martin“ ist allen Kindern bekannt, auch den nicht katholischen. Wir bemühen uns, das Martinsfest mit dem religiösen Inhalt zu füllen, damit es kein reines Laternenfest bleibt. Die Legende des Martin-von-Tours ist für die Kinder sehr verständlich – unabhängig von der Konfession. Wir sind eine multikulturelle Schule mit vielen Familien (vor allem afrikanischen), die einen christlichen Glauben haben und ihn auch leben.

Frage: Können Kinder leichter teilen als Erwachsene?

Antwort: Kinder teilen nach unseren Erfahrungen gerne und vorurteilsfrei. Ich kann aber aus unserer Schulgemeinde sagen, dass auch die Erwachsenen bereit sind, zu teilen, sie hinterfragen natürlich mehr.

Frage: Greifen Sie das Thema Teilen auch mit Blick auf den aktuellen Flüchtlingszustrom auf?

Antwort: Ja, das ist natürlich ein zentrales Thema und für die Kinder von besonderem Interesse, auch wenn wir an unserer Schule noch keine Flüchtlingskinder haben. Die Kinder verfolgen Berichte und Diskussionen in den Medien, besonders in den 3. und 4. Klassen und setzen sich damit auseinander. Unsere Schule fühlt sich als Konfessionsschule und mit dem Namen dem Teilen verpflichtet. Jedes Jahr findet mindestens eine Aktion statt, die mit Anderen teilt – oft im Rahmen des Martinsfestes.

Dieser Text erschien am 10. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. November 2015

Was die freie Software so alles kann: Drei Fragen an Wolf Dieter Zimmermann

Wolf Dieter Zimmermann
Es gibt auch eine Computerwelt jenseits von Microsoft und Apple. Für die NRZ befragte ich dazu den Pädagogen, Theologen und Software-Experten Wolf Dieter Zimmermann, der einen entsprechenden Präsentationstag im Medienhaus organisiert hat und nicht nur dort, sondern auch beim Styrumer Treff der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) sein Fachwissen gerne und regelmäßig weitergibt.

Frage: Warum sollte man aus Ihrer Sicht mit freier Software arbeiten?

Antwort: Mit freier Software, wie etwa Linux, Libre Office oder Scribus zu arbeiten, bedeutet, dass man diese Software kostenlos aus dem Internet herunterladen, nutzen und kopieren darf. Außerdem werden keine Nutzerdaten abgefragt

Frage: Kann die freie Software alles, was auch die kommerzielle Software kann?

Antwort: Man kann mit der freien Software genauso Texte und Fotos bearbeiten, Dokumente layouten oder eine Tabellenkalkulation aufstellen, wie man das mit der herkömmlichen Software kann. Einzelheiten stelle mit drei Kollegen im Medienhaus vor. Und wir beantworten natürlich auch gerne entsprechende Fragen.

Frage: Ist die freie Software genauso sicher, wie die von Microsoft und Apple?

Antwort: Sie ist eher noch sicherer, weil sie von weltweiten Community, die keinerlei finanziellen Interessen hat, ständig weiterentwickelt wird und damit Hackern weniger Angriffsflächen und Einfallstore bietet, wie etwa die Microsoft-Software, die weltweit auf 90 Prozent aller Rechner installiert ist.

Weitere Informationen findet man unter www.netzwerk-bildung.org

Dieser Text erschien am 3. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 22. November 2015

Der Karneval belebt Geist und Seele: Drei Fragen an den designierten Stadtprinzen Markus Steck

Markus Steck mit seiner Frau Julia, seiner Pagin
und dem Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck
Frage: 1 Was würden Sie durchsetzen, wenn Sie als Prinz in Mülheim auch die politische Macht hätten?

Antwort: Wenn ich in dieser Situation wäre, würde ich Dinge und Anschaffungen hinterfragen. Ein Verlass, das Günstigste zu bekommen, nur weil es Ausschreibungen gibt? Das sehe ich anders. An dieser Stelle würde ich Meinungen einholen, nicht nur von „renommierten“ Wirtschaftsprüfern, sondern auch von Branchenkennern. Die Ersparnisse würde ich in Bildung und sinnvolle Infrastruktur stecken.

Frage: Worüber können Sie sich närrisch ärgern und freuen?

Antwort: Die hohen Kosten für Käufe. An einer öffentlichen Ausschreibung teilzunehmen, ist gleichzusetzen mit einer Doktorarbeit. Freuen kann ich mich über die Entwicklung in der Stadt. Man kann denken was man will über den Verkauf des Kaufhofs, Fakt ist, es wird sicherlich schöner und sauberer als heute.

Frage: Warum brauchen wir den Karneval ausgerechnet im Herbst und Winter?

Antwort: Sommerzeit, Freizeit, Freibad… Schon am Fernsehprogramm kann man erkennen, dass es im Winter hochwertiger ist als im Sommer. Im Sommer gibt es lange Abende draußen, Grillen, Gemütlichkeit. Im Winter sind viele deprimiert, Im Dunkeln zur Arbeit gehen, im Dunkeln zurück, da schadet es nicht Fröhlichkeit und Spaß zu verbreiten. Kurzum: Der Karneval im Winter belebt Geist und Seele.

Dieser Text erschien am 11. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

Polonaise wird im Rathaus zum Betriebssport

Bei ihrer Proklamation gingen die
Tollitäten mit gutem Beispiel voran.
Als Markus Steck noch Markus Steck war und nicht, wie seit dem 11.11. (20.30 Uhr), Prinz Markus II., bezeichnete er sich selbst bei seiner Vorstellung als Tanzlegastheniker. „Das kann ich überhaupt nicht nach vollziehen. Das war wirklich ein toller Auftakt und lässt auf eine abwechslungsreiche Session hoffen“, fand nicht nur Oberbürgermeister Ulrich Scholten.

333 Gäste, die im Festsaal der Stadthalle die flotte Tanzshow der Tollitäten anschauten, merkten: Da wurde kein Programm abgespult, sondern Spaß und Freude am Karneval auf die Bühnenbretter gebracht. Stecks tanzsporterfahrene Prinz-Gemahlin Julia I. und die Tanztrainerinnen Gudrun Vogel und Martina Krämer hatten vorab ganze Arbeit geleistet. Auch die beiden Paginnen Melissa Rebbecca Vogel und Nicole Euberg machten als charmanter Flankenschutz eine gute Figur.

Und auch mit ihren Proklamationsparagrafen wollen Julia I. und Markus II. Stadt und Verwaltung in Bewegung bringen. So regten sie, wenn auch noch nicht für diese Session einen Rosenmontagszug in Form einer Schiffskarawane auf der Ruhr an. „Eure Wagenbauer können sicher auch Schiffsbau“, meinte Scholten. Leicht gesagt, aber schwer getan. Wenn da die Wagenbauer nicht doch mal ins Schwimmen kommen.

Für kurzfristig realisierbar halten die närrische und die politische Spitze den Vorschlag, die Rathausmitarbeiter regelmäßig zur Polonaise antreten zu lassen. „Das können wir auch außerhalb des Karnevals machen und damit unseren Betriebssport bereichern“, nahm OB Scholten die närrische Vorlage auf.

Was darf man von der neuen närrischen Stadtspitze noch erwarten? Auch den OB wollen Julia & Markus einspannen. Beim Prinzenball am 31. Januar soll er dem Prinzenpaar bei den Ordensverleihung als Page dienen. „Das wird wohl gehen. Denn bis dahin werde ich hoffentlich als Oberbürgermeister eingearbeitet sein“, zeigte sich Scholten kooperativ. Und seine Kollegin und Parteifreundin, Bürgermeisterin Margarete Wietelmann würde den OB bei diesem Anlass, wie den Prinzen, am liebsten in Strumpfhosen sehen.

Man(n) sieht: Der Bazillus Carnevalensis hat im Rathaus schon um sich gegriffen. Aber nicht nur der OB, sondern auch drei Mitglieder des Seniorenrates, müssen auf Geheiß der Tollitäten bei der Seniorensitzung am 25. Januar ihre närrische Tauglichkeit unter Beweis stellen und Sketche auf die Bühne des Theatersaals zaubern.

Der nächste närrische Showakt kommt bestimmt. Bei der Saarner Altweiberparty sollen der OB und seine Bürgermeisterinnen Wietelmann und Ursula Schröder mit den Tollitäten am 4. Februar auf dem Pastor-Luhr-Platz gemeinsam ein Karnevalslied singen. Helau!

Dieser Text erschien am 13. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

So gesehen: Wo man singt, da lass dich die nieder

„Wo man singt, da lass’ dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.“ So sagt man. Kein Wunder, dass die am Elften im Elften inthronisierten Tollitäten auch die Stadtspitze zum Singen bekommen wollen. Denn eine bessere PR-Arbeit, als ein auf dem Saarner Pastor-Luhr-Platz gemeinsam gesungener Karnevalsschlager, können sich der OB und die Bürgermeisterinnen gar nicht wünschen. Doch was werden sie singen? Ich tippe ja auf: „Wer soll das bezahlen?“

Dieser Text erschien am 13. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 21. November 2015

So gesehen: Wann wird es mal wieder heller?

Kulturschock am Kühlregal.  Mitte November. Und auf dem Milchreis meiner Wahl begrüßt mich ein gelber, wollig bemützter Smiley mit dem Wunsch: „Frohe Wehnachten!“ Hat der Wahnsinn Methode? Vielleicht möchte der Milchreis-Hersteller meiner Geschmacksrichtung ja einfach schon mal die Freude auf das Frohe Fest des Friedens vorziehen. Nach dem nicht nur der gestrige Tag ein Volkstrauertag war, sehnt man sich ja wirklich nach einem Volksfreudentag, nicht nur zur Weihnachtszeit. Dieser Tag wird wohl erst dann anbrechen, wenn bei einigen Weihnachtsmännern, die sie nicht alle auf dem Christbaum haben, lieber früher als später, die Lichter und der Ofen ausgehen und stattdessen wieder Energie und Platz frei wird für einen Lichtblick am Horizont. Von dem sollten alle ermutigt und gewärmt werden, die nur Menschen und nicht Herrschaften sein wollen. Das wäre dann wirklich ein Fest fürs Leben. O, du fröhliche!

Dieser Text erschien am 16. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. November 2015

Habib Sevgi: Ein muslimischer Christdemokrat

Habib Sevgi
Bei der Bundestagswahl im September könnte mit Cemile Giousouf zum ersten Mal eine Muslima für die Christdemokraten ins Parlament einziehen. Die Hagener Direktkandidatin wurde bei der Landesvertreterversammlung der CDU auf den noch aussichtsreichen Listenplatz 25 gewählt. Zum Vergleich: Die Mülheimer Direktkandidatin der CDU, Astrid Timmermann-Fechter landete auf Listenplatz 37.

Doch auch in ihrem Wahlkampfteam engagiert sich mit Habib Sevgi ein muslimischer Christdemokrat. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Sevgi meint Nein. „Wir sollten nicht das in den Vordergrund stellen, was uns trennt, sondern das, was uns verbindet“, findet er.

Und Verbindendes entdeckt er in den monotheistischen Religionen Christentum und Islam an vielen Stellen. Habib erinnert an die in Bibel und Koran verkündete Goldene Regel, wonach man jeden so behandeln solle, wie man selbst behandelt werden wolle und an den Grundsatz, „dass alle Menschen vor dem einen Schöpfer gleich sind. Der muslimische Christdemokrat spricht vom „hochgeehrten Herrn Jesus“, den seine Glaubensgeschwister zwar nicht als Gottessohn, aber als Propheten ansehen.

Auch den Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“, sieht er als gemeinsames Fundament, auf dem Christen und Muslime gemeinsam Politik machen und zusammen leben können. Viel wäre aus seiner Sicht schon gewonnen, „wenn Menschen aufeinander zugehen und sich ein eigene Meinung bilden würden statt sich auf das manchmal verzerrte Bild zu verlassen, dass uns durch Medien vermittelt wird.“

Sevgi, der sich selbst als „einen aktiven sozialen Menschen bezeichnet“, glaubt, „dass die Menschen aktiver werden müssen und nicht nur meckern dürfen“, wenn sich in einer Stadt oder in einem Land etwas verbessern soll. Deshalb war ihm von Anfang an klar, dass er sich politisch engagieren wollte. Deshalb machte er sich vor zwei Jahren ein eigenes Bild von den Mülheimer Parteien und fand seine Heimat am Ende bei der CDU. Warum?

„Ich bin ein demokratischer Muslim und habe in meinem Leben immer wieder erfahren, dass der Weg durch die goldene Mitte der beste ist“, antwortet Sevgi und macht klar, dass er politisch die CDU genau in dieser goldenen Mitte und damit als bestes Bollwerk gegen jede Form von Radikalismus ansieht. „Radikalismus ist nie gut für eine Gesellschaft, egal ob sie von Rechtsextremisten oder Salafisten ausgeübt wird“, ist Sevgi überzeugt. Gerade in schwierigen Zeiten muss sich unsere Gesellschaft nach seiner Ansicht vor Populismus und Politikverdrossenheit hüten. „Weglaufen ist keine Lösung. Wir brauchen eine Politik, die aus dem Volk heraus und für das Volk gemacht wird und akzeptiert, dass auch Politiker nur Menschen sind, die Fehler machen können“, betont Sevgi, der eine politische Karriere zwar nicht ausschließt, aber seine berufliche Zukunft im Bereich der sozialen Arbeit sieht.

„Ich möchte Menschen Freude geben und helfen“, sagt er. Und das sieht er auch als Aufgabe der Politik an. Auch wenn etwa das Einsparen eines Schulstandortes, wie an der Bruchstraße keine Freude macht, sieht Sevgi auch in dieser Entscheidung seiner Partei „eine Finanzpolitik, die auch an morgen und daran denkt, dass die Rechnung jeder Politik am Ende von den Steuerzahlern bezahlt werden muss.“

Bei einem Gespräch mit Geschäftsleuten von der multikulturellen Eppinghofer Straße ist ihm zuletzt wieder einmal deutlich geworden, dass Deutsche und Zuwanderer mehr verbindet, als trennt, wenn um die Lösung ganz alltäglicher Probleme geht. Das gelte für die Frage nach beruflicher Zukunft und Ausbildung ebenso wie für die Frage nach Angeboten einer sinnvollen Freizeitgestaltung, nach ausreichenden Parkplätzen oder einer verbesserungswürdigen Müllentsorgung.

„Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Einfühlungsvermögen, das uns mit Respekt aufeinander zugehen und erkennen lässt, dass jedes Verhalten eines Menschen auch seine ganz persönliche Geschichte hat.“ Und er selbst glaubt, dass er auch deshalb Christdemokrat geworden ist, weil er als Mensch „in der CDU sehr herzlich und und mit offenen Armen, wie in einer großen Familie“ aufgenommen worden sei.


Dieser Text erschien am 10. April 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. November 2015

Der Mannschaftsspieler: Max Schürmann

Max Schürmann leitet seit
25 Jahren die Styrumer
Feldmannstiftung
„Sind Sie nicht der Mann von der Feldmannstiftung?“ wird Max Schürmann schon mal gefragt, wenn er sich außerhalb Styrums bewegt. Wenn man mit ihm durch Styrum selbst geht, könnte man glauben, er sei so etwas, wie der Styrumer Bürgermeister. So oft wird er angesprochen und nach diesem oder jenem im Stadtteil gefragt. Doch der 59-Jährige, dem man sein Alter nicht glauben mag, wenn man ihn sieht, ist nicht Bürgermeister, sondern Leiter der Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung und das schon seit 25 Jahren.

„Wir haben uns zu einem wichtigen Treffpunkt für den Stadtteil entwickelt und leisten hier niederschwellige Kulturarbeit, die in den Stadtteil hineinwirkt und die Menschen hier anregt, auch jenseits der Styrumer Stadtteilgrenzen Kultur zu entdecken“, sagt Schürmann über die Bedeutung der 1988 eröffneten Begegnungsstätte. Er muss schmunzeln, wenn ihm alte Styrumer erzählen, dass das von Mauern umgebene Anwesen der Familie Feldmann früher absolut unzugänglich war und selbst Äpfel, die an einem über der Mauer hängenden Baumast hingen, nicht gepflückt werden durften.
Die Feldmänner würden sich wundern, wenn sie erleben würden, welch durch und durch öffentlicher Raum ihr Anwesen heute ist. Hier gibt es heute Gruppen- und Seminarräume, eine viel besuchte Cafeteria, in der nicht nur gegessen, getrunken und gefeiert, sondern auch Kunst ausgestellt wird. Hier gibt es einen großen Park mit einem kleinen Spielplatz, der von kleinen und großen Styrumern als grüne Oase und als Festplatz für 

Freiluftveranstaltungen geschätzt. „Allein zu unserer Kinderkleider- und Spielzeugbörse kommen bis zu 2000 Menschen“, erzählt Schürmann. 25 verschiedene Gruppen, vom Karnevalsverein über Malkreise und Künstlergruppen bis hin zum Styrumer Geschichtsgesprächskreis, der inzwischen vier Bücher publiziert hat, sind heute in der Feldmannstiftung zu Hause.

Besonders wichtig ist es für Schürmann und seine Kollegin Ulrike Nottebohm, die Feldmannstiftung zu einem für alle offenen Kultur- und Sozialraum zu machen. Junge Rockbands, die hier Auftrittserfahrung sammeln, haben ebenso Platz wie Karnevalsveranstaltungen, Kunstausstellungen, Puppentheateraufführungen oder private Familienfeste und der musikalisch begleitete Tanztee für die reifere Generation. „Die privaten Vermietungen unserer Cafeteria sind eine wichtige Einnahmequelle für uns“, berichtet Schürmann. Zwei Drittel des Budgets wird aus Mitteln der Leonhard-Stinnes-Stiftung finanziert. Ein Drittel muss die Bürgerbegegnungsstätte aus ihren eigenen Einnahmen erwirtschaften.

Wie sehr die Bürger ihre Begegnungsstätte schätzen zeigte sich erst kürzlich, als ein Spendenaufruf, für die Installierung einer notwendigen Feuertreppe 7000 Euro einbrachte. „Styrum ist ein Stadtteil mit vielen Problemen und Herausforderungen. Aber hier gibt es auch viele Menschen, die nicht nur klagen, sondern auch bereit sind, sich konkret zu engagieren“, schildert Schürmann seine Erfahrungen. Als Moderator der Stadtviertelkonferenz, die sich regelmäßig im Aquarius-Wassermuseum trifft, oder als Organisator des Styrumer Familienfestes im Styrumer Schlosspark staunt er selbst immer wieder darüber, wie viele Menschen mitmachen und anpacken.

Auch durch seine eigene Netzwerkarbeit sind in Styrum immer wieder neue Initiativen und Aktionen, wie etwa der Styrum Aktionstag 50 Plus entstanden. Er selbst mag an seiner Arbeit, dass sie ihn vielseitig als Mensch und Manager fordert und immer wieder mit interessanten Menschen zusammenbringt.
Dabei spürt Schürmann, der  gern Basketball spielt, dass der Erfolg seiner Arbeit nur im Mannschaftsspiel möglich ist.

In seinem vorangegangenen Berufsleben arbeitete der Politikwissenschaftler Max Schürmann als Gutachter für Entwicklungshilfeprojekte im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Entsprechend viel war er in der Welt unterwegs.

Doch dann wurde er Familienvater und suchte eine weniger reiseintensive Berufstätigkeit.
1990 holte ihn der damalige Kulturdezernent Hans-Georg Küppers, der ihn durch seine Arbeit im Oberhausener Kulturzentrum Altenberg kennengelernt hatte, als Leiter der Feldmannstiftung nach Mülheim

Dieser Text erschien am 14. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 14. November 2015

Die Heißener Kindertagesstätte Hummelwiese ist ein Vorzeige-Beispiel, wie Early Excellence in der pädagogischen Praxis aussehen sollte

„Early Excellence.“ Das hört sich extravagant an. Doch auf den ersten Blick macht die städtische Kindertagesstätte Hummelwiese, die seit 2008 nach diesem pädagogischen Konzept arbeitet einen ganz normalen Eindruck. Kurz vor Neun. Eltern bringen ihre Kinder. Der Lärmpegel steigt. Jasmin Schuh bringt ihren fünfjährigen Sohn Levi zur Hummelwiese ins Heißener Folkenborntal. „Auch ich war anfangs skeptisch, weil ich gehört hatte, dass es bei Early Excellence keine Regeln und Strukturen gäbe“, erinnert sich Schuh an die Zeit der Anmeldung. „Doch dann habe ich mir die Einrichtung genauer angeschaut und das, was ich gesehen habe, hat mich überzeugt“, sagt die Mutter. Nach den zwei Jahren, die Levi, in der Hummelwiese verbracht hat, hat sie den Eindruck gewonnen, „dass mein Sohn im Alltag viel selbstständiger geworden ist, als andere Jungs in seinem Alter.“

Einrichtungsleiter Michael Voßebein gibt zu: „Wir müssen oft Vorbehalte überwinden, weil Eltern glauben, dass es in unserer Kita keine Regeln gibt. Deshalb laden wir skeptische Eltern gerne zu einer Hospitation ein. Und wenn sie dann sehen, wie wir hier arbeiten, sind ihre Vorbehalte weg.“ Auch auf der Hummelwiese kann nicht jeder machen, was er will. Alle Kinder wechseln ihre Straßenschuhe gegen Hausschuhe. Und dann gehen sie erst mal zum Morgenkreis ihrer Bezugsgruppe. 81 Kinder verteilen sich auf acht Bezugsgruppen, die jeweils von einer Bezugserzieherin betreut werden.

Morgenkreis. Das bedeutet: Neun bis zehn Kinder versammeln sich auf einem runden Teppich und berichten an diesem Montag, was sie am Wochenende erlebt haben. Da wird vom Geburtstag des Vaters, von einer Halloween-Party oder auch von einem Ausflug ins Grüne berichtet, bei dem Jakob Eicheln entdeckt und in seiner Hosentasche gleich mitgebracht hat. Begeistert holt er sie hervor und zählt sie von 1 bis 12 durch. „Zappel bitte nicht, sondern setz dich gerade hin und hör zu, wenn die anderen Kinder erzählen“, ermahnt Erzieherin Kirsten Johansen-Loos ein Mädchen, das abzuschweifen droht und sich dann aber eines Besseren besinnt. Deutlich kuscheliger, als in den Bezugsgruppen der Drei- bis Sechsjährigen, geht es bei Erzieherin Barbara Laux zu. Sie betreut eine der beiden Nestgruppen für ein- und zweijährige Kinder. Der Raum ist kleiner. Ein kleines Spiegelzelt, ein gemütliches Sofa, ganz viele Kuscheltiere und eine überschaubare Zahl von Holzspielzeugen bestimmen das Bild. Fiona, die es sich auf dem Schoß ihrer Erzieherin gemütlich macht betrachtet zusammen mit Laux und ihren Spielkameraden Imrik und Marlene voller Begeisterung ein Bilderbuch, in dem es um Tiere geht. „Da ist ja ein Seehund“, ruft Imrik begeistert.

Derweil trennen sich im Flur an der Metallwand mit den Magnetknöpfen, die alle von einem Bild ihres Besitzers geziert werden, die Wege der Kinder. Zwei Jungs, die auf jeden Fall etwas gemeinsam machen wollen, diskutieren noch, ob sie jetzt lieber in den Bauraum oder zum Malen und Basteln ins Atelier gehen sollen. Derweil stellt Celine fest, „dass ich meinen Magnetknopf zu Hause vergessen habe.“ Erzieherin Ellen Krüger tröstet: „Kein Problem. Davon haben wir noch einige auf Lager.“

Astor und Oskar wissen mit und ohne Magnetknopf, dass sie erst mal mit den kleinen Holzautos den Flur zur Rennstrecke machen wollen. Ein wildes Hin und Her beginnt, das Erzieherin Nina Hunhoff aus der umzäunten Bauecke mit einem Auge im Auge behält. Sie lässt die kleinen Rennfahrer gewähren. Doch als sich einer von ihnen an einer Raumpflanze am Rande der Rennstrecke zu schaffen machen will, bremst sie ihn sofort aus: „Bleibst du da bitte weg!“

Ganz ohne Ermahnung räumt dagegen Karl seine Holzbauklötze weg, bevor er im Bauraum in die Lego-Ecke wechselt. „Das machen wir hier immer so“, betont er. Man(n) staunt! Während einige Kinder ihre Gummistiefel anziehen, um mit einer Erzieherin zum Spielen aufs Außengelände zu wechseln, zeigen Ben, Isabell und Hadja im Atelier, dass sie auch schon mit 4 oder 5 ihren Namen schreiben können. Und Louis zeigt, wie man aus einem Pappbecher und einer Toilettenpapierrolle ein Mikrofon machen kann.


Dieser Text erschien am 3. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 13. November 2015

Early Excellence in den städtischen Kindertagesstätten: Die Kontroverse geht weiter

Demokratie und Kinder sind wichtig und wertvoll. Beide erfordern Zeit, Geduld und Arbeit. Drei Stunden Zeit nahmen sich jetzt Bildungsdezernent Ulrich Ernst, der im Jugendamt für Kindertagesstätten zuständige Abteilungsleiter, Ingolf Ferner, und die für Early Excellemce zuständige Koordinatorin und Fachberaterin Karin Bode-Brock. Sie setzten sich mit Eltern, Erzieherinnen und einer Kinderärztin an einen Tisch. Inhalt des Gespräches waren Anspruch und Wirklichkeit in der Kindergarten-Pädagogik der 39 städtischen Kitas.

Kinder werden sich selbst überlassen. Sie bleiben den ganzen Tag in einem Lernraum. Denn sie befürchten, dass ihnen sonst ihr Spielzeug weggenommen wird. Deshalb gehen sie auch oft nicht zum Mittagessen. Eltern sind bei den Teambesprechungen der Erzieherinnen unerwünscht. Erzieherinnen können ihnen auf Nachfrage keine konkreten und kontinuierlichen Auskünfte über die Entwicklung ihrer Kinder geben. Geplante Aktivitäten fallen aufgrund von Zeit- oder Personalmangel aus. Verstörte Kinder werden plötzlich aggressiv oder still. Sie nässen ein oder können nicht schlafen. Vorschulkinder wissen noch nicht, wie man soziale Kontakte knüpft oder wie man Stift und Schere hält.
Solche Missstände, die betroffene Eltern vorbrachten, machten die Vertreter der Stadt selbst betroffen. „Das, was Sie mir geschildert haben, ist genau das Gegenteil von dem, was wir mit Early Excellence erreichen wollen. Deshalb werden wir Ihre Kritik im Rahmen unserer Qualitätssicherung aufarbeiten. Denn ich bin einer der Urheber von Early Excellence in den städtischen Kitas. Wir haben als Stadt in die Vorbereitung, Realisierung und wissenschaftliche Begleitung von Early Excellence vier Millionen Euro investiert. Deshalb habe ich ein starkes Interesse, daran, dass dieses gute pädagogische Konzept auch in der Praxis gut funktioniert“, betonte Ernst. Er machte aber auch deutlich, dass er von „Eltern und Erzieherinnen, die heute nicht mit am Tisch sitzen viel positive Resonanz auf die Praxis der Early-Excellence-Pädagogik erhalten habe. Bode-Brock wies darauf hin, dass alle Erzieherinnen vor der Umstellung der städtischen Kitas eine einjährige Fortbildung durchlaufen hätten. Und Ferner unterstrich, dass das zuständige Jugendamt jederzeit für Anregungen und Kritik von Erzieherinnen und Eltern offen sei.

Ernst forderte die Eltern auf, konkrete Einrichtungen zu nennen, damit man an konkreten Schwachstellen arbeiten könne. Den Vorschlag einer Elternbefragung zur Early-Excellence-Praxis lehnte er aber als wissenschaftlich nicht aussagekräftig ab. „Bildung entstehe durch Bindung“, erklärte ein Vater seine Forderung nach einer besseren personellen Ausstattung der städtischen Kitas. Nachdem die FDP bereits im Landtag Early Excellence zum Thema gemacht hat, werden die Grünen das Thema heute auf die Tagesordnung des Jugendhilfeaussschusses setzen.

Debatte im Jugendhilfeausschuss

Auch auf Anfrage der Grünen im Jugendhilfeausschuss räumte der zuständige Dezernent Ulrich Ernst einzelne Problemfälle ein, wies aber pauschale Kritik am Early-Excellence-Konzept zurück. Während die Vertreter von CDU und FDP für pädagogische Alternativen zum EEC-Konzept und mehr Wahlfreiheit für die Eltern einforderten und Elternvertreter Jörg Kampermann in diesem Sinne den Erhalt und die Stärkung, der nicht nach EEC arbeitenden konfessionellen Kindertagesstätten forderte, plädierten die Sprecherinnen vom MBI und Grünen für eine bessere personelle Ausstattung der städtischen Kindertagesstätten. Doch Lydia Schallwig vom Jugendamt machte deutlich, dass der Stadt dieses Geld für freiwillige Zusatzleistungen fehle, die über den Personalschlüssel und die entsprechenden Zuweisungen nach dem Kinderbildungsgesetz (Kibitz) hinausgehen würden. EEC-Projektleiterin Karin Bode-Brock kündigte für 2016 eine groß angelegte Fortbildung aller gut 300 städtischen Erzieherinnen an. Und der im Jugendamt für die Kindertagesstätten zuständige Abteilungsleiter, Ingolf Ferner, machte noch einmal deutlich, dass sein Abteilung für Kritik und Anregungen immer ein offenes Ohr habe.

Dieser Text erschien am 10. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 12. November 2015

Auch Dietmar und Ilse Hein waren vor 70 Jahren Flüchtlinge: Die alten Wunden bleiben

Ilse und Dietmar Hein betrachten Fotos
aus ihrer alten Heimat
Wenn Dietmar und Ilse Hein heute im Fernsehen die Flüchtlingsströme sehen, werden Erinnerungen wach. Denn vor 70 Jahren sind sie selbst aus ihrer Heimat geflohen. Dietmar Hein erblickte vor 89 Jahren im sudetendeutschen Endersdorf das Licht der Welt. Seine Frau Ilse, die er bereits als Schülerin kennen lernte, wurde 1929 im schlesischen Nachbarort Schönwald geboren.

Beiden sind die landschaftlichen Reize des Altvatergebirges und die dörfliche Nachbarschaft, in der Menschen mit deutschen, tschechischen und polnischen Wurzeln friedlich zusammengelebt hätten, noch sehr präsent. Doch die Weltpolitik wollte es anders und verschlug sie ins Ruhrgebiet.

70 Jahre später sagen sie: „Mülheim ist unser Zuhause. Hier fühlen wir uns wohl, aber unsere Heimat bleibt unsere Heimat.“ Als die Sudetendeutschen 1951 zu ihrem Landestreffen nach Mülheim einluden, glaubten die meisten Vertriebenen noch an die Rückkehr in ihre im Krieg verlorene Heimat. Mülheims damaliger Oberbürgermeister Heinrich Thöne, den die Sudetendeutschen zu ihrem Ehrenmitglied machten, forderte die alten Mülheimer aus dem Westen und die neuen Mülheimer aus dem Osten dazu auf, „das Weltgewissen für das Unrecht der Austreibung wachzuhalten“.

Erst in den 70er-Jahren waren die Heins so weit, dass sie als Besucher in die alte Heimat zurückkehren und dort den Menschen begegnen konnten, die jetzt in ihren Elternhäusern leben. Sie begegnen den Nachgeborenen aus Polen und Tschechien, die jetzt in ihrer alten Heimat zu Hause sind, ohne Groll. Aber im Gespräch merkt man: Die Vertreibung ist und bleibt eine Wunde, ein Bruch in ihrem Leben. „Wir fühlten uns damals schon wie vor den Kopf geschlagen und zurückgesetzt“, erinnert sich Ilse Hein an die Vertreibungs- und Fluchtjahre 1945/46. Unvergessen bleiben ihr Angst und Not, als ihr Elternhaus und der Gemischtwarenladen des Vaters plötzlich von Russen und Polen beschlagnahmt wurden, die dort lautstark ihren Sieg über Hitler feierten. Mit Mutter, Tante und Großmutter musste sich die damals 16-jährige Ilse im Wald und in einer Scheune vor Übergriffen der Soldateska vestecken. Später ging es zu Fuß und mit dem Güterzug in Richtung Westen. „Wir hatten alle Hunger und meine Großmutter wollte aus dem Zug springen“, erinnert sich Ilse Hein. Traumatisch erlebte sie die Monate in einem Flüchtlingslager in Wilhelmshaven, in dem die Landsleute aus dem Osten nicht willkommen, sondern nur notdürftig versorgt waren.

Wie sein späterer Schwiegervater kam Dietmar Hein direkt aus der Kriegsgefangenschaft in den Westen. Statt der Vertreibung hatte er bei den Franzosen die Zwangsarbeit kennen gelernt. Nach einem Intermezzo in Bayern und einer Ausbildung zum Export-Kaufmann fand er im Ruhrgebiet eine Anstellung und seine Jugendliebe Ilse wieder. Sie arbeitete inzwischen als Schneiderin für eine Essener Modefirma. Als sie 1952 mit Glück eine kleine Wohnung an der Mülheimer Stadtgrenze fanden, bekamen sie schon so etwas wie den Neid der noch wohnungssuchenden Nachbarn und Kollegen zu spüren.

„Ich kann aber nicht sagen, dass wir diskriminiert worden sind. Unsere Herkunft spielte so gut wie nie eine Rolle. Die meisten Leute, die wir hier trafen, waren sehr nett zu uns“, erinnert sich Dietmar Hein.

Doch Hein macht sich keine Illusionen: „Anders als die heutigen Flüchtlinge kamen wir damals von Deutschland nach Deutschland. Wir sprachen die selbe Sprache und hatten die selbe Religion. Deshalb bekamen wir auch über die Arbeit, die Kirchengemeinde und Vereine schnell soziale Kontakte zu den Einheimischen.


Dieser Text erschien am 7. November 2015 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 10. November 2015

Der Entdecker: Städteführer Stephan Haas

Stephan Haas im Broicher Schloßhof
Eigentlich ist der Mülheimer Stephan Haas als Städteführer immer in seiner Heimatstadt und den Nachbarstädten des Ruhrgebietes unterwegs. Doch manchmal zieht es ihn auch mal ganz wo anders hin. So war er jüngst in München mit der U-Bahn unterwegs, als er plötzlich von einem Mann angesprochen wurde, den er auf den ersten Blick nicht kannte: „Kenne ich Sie nicht. Sie machen doch Stadtführungen im Ruhrgebiet.“
Das macht der 50-Jährige tatsächlich schon seit zwölf Jahren.  „Ich habe in Mülheim angefangen und dann wurde mein Radius immer größer, weil ich von Stadtführungen in Mülheim alleine nicht leben könnte“, erzählt der Freiberufler.

In seinem früheren Leben hat er mal eine Banklehre gemacht, „weil meine Eltern wollten, dass ich etwas Vernünftiges lerne.“ Doch nach der abgeschlossenen Banklehre wusste er, „dass das nichts für mich ist.“ Stattdessen studierte Haas in Duisburg Geschichte und Geografie. Nach seinem eigenen Diplom arbeitete er dann in der Diplom-Beratung der Hochschule. Doch seine Stelle war zeitlich befristet und lief irgendwann aus. „Was mach ich jetzt mit all meinem Wissen und meiner Kreativität?“ fragte er sich und spezialisierte sich langsam, aber sicher zum Stadtführer für Mülheim und das gesamte Ruhrgebiet. Er fand eine Anstellung bei einer privaten Tourismusfirma, die allerdings schon nach einem Jahr in die Insolvenz ging. Aus der Not machte Haas eine Tugend und sich selbstständig. Heute können ihn an der Region interessierte Menschen nicht nur über die Mülheimer Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft MST, sondern auch privat über seine Internetseiten: www.tourserviceruhr.de. und www.revierprofis.de buchen. Das Geschäft läuft. Rund 10 000 Menschen erkunden mit Haas jedes Jahr Stadt und Region, zu Fuß, auf dem Rad, im Reisebus oder auf dem Schiff. „Seit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark und Kulturhauptstadt 2010 haben die Menschen das Ruhrgebiet als touristische Region entdeckt“, freut sich Haas. Inzwischen kennt er nicht nur Mülheim, sondern auch das gesamte Ruhrgebiet, wie seine eigene Westentasche, hat jede Menge Daten, Zahlen und Fakten über Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Geografie im Kopf. Für jede seiner Führungen hat er ein eigenes Manuskript geschrieben. „Das nehme ich mir, wie einen Spickzettel mit zu meinen Touren. Auch wenn ich sie in der Regel nicht brauche, beruhigt das enorm“, weiß Haas.

Schulklassen, Jugend- und Seniorengruppen gehören ebenso zu seinen Kunden, wie private Freundeskreise, Rotary Clubs oder diverse Kollegien, die von einem Betriebsausflug etwas mehr als Kaffee, Kuchen, Bier und Ruhrblick erwarten. Haas, der als reiselustiger Zeitgenosse privat schon in über 60 Ländern unterwegs war, „staunt selbst darüber, dass ich im Laufe der Jahre auch schon Gäste aus ebenso vielen Ländern durch Mülheim und das Ruhrgebiet geführt habe.“ Das Spektrum reichte von englischen Fans alter Industriekultur über spanische Architekten bis hin zu koreanischen Umweltschützern. „Mir kommt zu Gute, dass ich meine Führungen nicht nur in deutscher, sondern auch in englischer Sprache anbieten kann“, betont Haas.

Ob auf Deutsch oder Englisch. Haas hat immer im Hinterkopf, dass Stadttouristen nicht nur informiert, sondern auch unterhalten werden wollen. Deshalb gibt er nicht nur Zahlen, Daten und Fakten, sondern auch jede Menge Anekdoten zum Besten. Dönekes, wie die vom sparsamen Industriellen August Thyssen, der sich das Brückengeld sparte, in dem er nicht mit seiner Kutsche über die Mülheimer Kettenbrücke fuhr, sondern sie zu Fuß überquerte. Besonders gut gefällt ihm auch die Geschichte von der Broicher Landesmutter Marie-Luise Albertine von Hessen-Darmstadt. Sie ließ sich 1789 im Schloss Broich ein größeres Treppenhaus anlegen, weil das Alte für ihre ausufernden Kleider zu eng geworden war. „Das war dann wohl ein Modebau“, scherzt Haas. Gerne erzählt Haas auch die Anekdote von den katholischen Klosterfrauen in Saarn, die im 16. Jahrhundert mit ihrem lauten Orgelspiel dafür sorgten, dass dem reformierten Gottesmann Hören und Sehen verging und dieser gar nicht zu Wort kam. „Das nennt man dann wohl, jemanden durchorgeln“, meint Haas mit einem Augenzwinkern.

Dieser Text erschien am 7. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 9. November 2015

Mit Schalk im Nacken: Markus und Julia Steck schwingen als Prinzenpaar ab 11.11. das närrische Zepter

Julia und Markus Steck mit ihrem
Hofmarschall Hermann-Josef Hüßelbeck und
ihrer Pagin
Herr und Frau Steck sind jeck und haben sich deshalb vorgenommen, als Prinzenpaar die mölmschen Narren in der Fünften Jahreszeit auf Trab zu bringen – und im Trab zu halten.

Das ist kein Witz, sondern närrische Nachrichtenlage. Denn Markus (40) und Julia Steck (39), die auch im richtigen Leben ein Paar sind, treten als Tollitäten Markus II. und Julia I. an, nominiert und ins Rennen geschickt vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval.

Auch beruflich sind die beiden ein Team. Sie sind Inhaber einer Firma, die ihr Geld mit der Wartung und Reparatur von Aufzügen verdient. Wer glaubt, dass Herr Steck dort fürs Handwerk und Frau Steck für die Buchhaltung zuständig ist, irrt. Er und sie ziehen auch im Blau- bzw. Graumann an einem Strang, wenn der Aufzug nicht so auf und nieder fährt, wie er soll.

„Wir haben den Schalk im Nacken“, sagen Julia und Markus Steck über sich. Gerne erinnert sich der designierte Prinz zum Beispiel an seine Styrumer Sturm- und Drangzeit. Damals lud er zum Beispiel einen Schulfreund ein, der zu Hause essenstechnisch knapp gehalten wurde und sich nach Pommes Rot-Weiß und Currywurst sehnte. Doch der Imbissfan hatte die Rechnung ohne seinen Freund und den eingeweihten Wirt gemacht.


Denn der servierte dem hungrigen Herrn ein „Du-darfst“-Diätgericht nach dem anderen. „Wir haben dann einfach etwas mehr gegessen und hatten so trotzdem viel Spaß und am Ende unsere Kalorien intus“, gibt seine Tollität in spe eine Anekdote aus seinem Leben zum Besten. Das kann ja heiter werden. Und das soll es ja wohl auch. Julia und Markus Steck lassen keinen Zweifel daran, dass sie die Narren nach ihrer Proklamation am 11.11. nicht auf Nulldiät setzten wollen. „Wo kann man so viel generationsübergreifende Geselligkeit und Spaß an der Freude erleben, wie im Karneval?“, fragt Markus Steck.

Er freut sich vor allem auf den Rosenmontagszug am 8. Februar, wenn er hoch auf dem Prinzenwagen die Kamelle unters Narrenvolk bringen kann. Sie „ist gespannt, wie unser Auftritt und unser Programm bei den Karnevalsfesten im Fliednerdorf und in den Altenheimen aufgenommen wird.“

Ihre Proklamationsparagrafen wollen die designierten Tollitäten, die keiner Karnevalsgesellschaft, dafür aber als Ehrensenatoren dem Förderkreis des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval angehören, nicht verraten. Nur ihr Sessionsmotto geben sie schon jetzt preis. Und das lautet: „Nur kein Schreck, der Mölmsche ist jeck."


Dieser Text erschien am 22. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 8. November 2015

Beutner spielte Beckett Und hielt seinem Publikum damit den Spiegel der Lebensträume vor: Mit Regisseur Jörg Fürst gelang dem Volxbühnen-Debütanten Andreas Beutner eine kleine und leise Inszenierung mit starkem Rhythmus

Szene-Foto Volxbühne: Andreas Beutner in Becketts "Das letzte Band"
Weniger ist mehr. Die Zuschauer der Volxbühne sehen es und sind begeistert. Mehr als 100 Zuschauer haben am Wochenende im Theaterstudio an der Adolfstraße Samuel Becketts „Das letzte Band“ gesehen.

Tenor des Publikumsgespräches: „Erstaunlich, wie man mit einem einzigen Schauspieler und einem minimalistischen Bühnenbild 55 Minuten Theater so kurzweilig und spannend gestalten kann.“

Andreas Beutner, der erst seit Jahresbeginn zum Ensemble um Jörg Fürst gehört, überzeugt als Krapp im clownesken Kostüm von Monika Odenthal und spielt einen alternden Mann, der Tonbänder abhört, auf denen er sein Leben aufgezeichnet hat. Immer wieder springt er von einer Spule zur nächsten. Da fliegen die Tonbandkartons und auch die Banane, mit der sich Krapp stärkt, im hohen Bogen auf den Bühnenboden.

Beutner stellt Krapp nicht nur dar. Wenn er im vor allem tiefschwarzen Bühnenraum um seinen Tisch herumtänzelt, auf dem seine Lebens-Bänder liegen, verkörpert der 65-Jährige Becketts tragig-komischen Solisten. Von einer Sequenz zur nächsten wird der Zuschauer auf die Folter gespannt. Man will es wissen. Zu welchem Ergebnis wird Krapp kommen, wenn er seine Momentaufzeichnungen aus verschiedenen Lebensphasen anhört? Immer wieder schüttelt Krapp alias Beutner seinen Kopf und rauft sich das licht gewordene Haar. Ein Leben voller Liebschaften und Leidenschaften rauscht mit seinen Höhen und Tiefen schemenhaft am Zuschauer vorbei. „Wie konnte ich nur so blöd sein“, hört man Krapp immer wieder sagen, egal, ob er auf seine Jugendzeit oder auf seine vermeintlich besten Jahre zurückschaut. „Ich habe meine Zweifel daran, ob Krapp am Ende irgendetwas dazu gelernt hat“, meint sein Darsteller Beutner im Publikumsgespräch. „Insofern ist das Stück für mich kein bisschen autobiografisch“, betont er.

Und dann schimmert im Publikumsgespräch doch noch etwas Biografisches hinter dem Schauspieler und seiner Figur hervor: Der Mann, der jetzt auf der Volxbühne Becketts skurrilen Mann mit den Tonbändern gibt, hat sein Berufsleben lang als Tonmeister beim Westdeutschen Rundfunk unter anderem auch mit Tonbändern gearbeitet.

„Ich fand das Stück schon amüsant, als ich es zum ersten Mal Mitte der 60er Jahre im Fernsehen sah. Solche Stücke liefen damals noch im Fernsehen“, erinnert sich der pensionierte Tonmeister mit der Passion fürs Theaterspielen.

„Meine unregelmäßigen Dienstpläne ließen das Theaterspielen nicht zu“, erklärt Beutner, warum er seine Leidenschaft, „sich als Theaterschauspieler unter professionellen Rahmenbedingungen auf der Bühne zu exponieren“, erst als Rentner ausleben kann.

Doch so ganz unbedarft kommt Beutner, der in Wuppertal lebt, aber jetzt täglich auf der Volxbühne in Mülheim probt und spielt, nicht daher. Denn schon während seines Berufslebens in der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt hat er nach Feierabend in einer freien Theaterwerkstatt und bei einer freiberuflichen Spracherzieherin seine alte Leidenschaft über Jahrzehnte jung und lebendig erhalten. Denn anders als Becketts Krapp verleugnet und verhöhnt der 65-Jährige seine Jugendträume nicht, sondern macht sie im Rahmen seiner Möglichkeiten wahr.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 7. November 2015

Ehrenamt rund ums Gotteshaus: Katholiken wählen ihren Kirchenvorstände

Kirchenvorstände hoffen auf eine
höhere Wahlbeteiligung als
beim letzten Mal

Am kommenden Wochenende sind 40.000 der 52.000 Mülheimer Katholiken in den Pfarrgemeinden St. Barbara, St. Marä Himmelfahrt und St. Mariae Geburt zur Kirchenvorstandswahl aufgerufen. Bei der letzten Wahl schwankte die Wahlbeteiligung zwischen 5 und 7 Prozent.

Jeder der drei Mülheimer Kirchenvorstände hat 16 gewählte Mitglieder. Hinzu kommt der Gemeindepfarrer, der qua Amt Vorsitzender des Kirchenvorstandes ist. Im Interesse einer größtmöglichen Kontinuität werden bei jeder Wahl immer nur die Hälfte der Kirchenvorstandsmitglieder gewählt. Wählen dürfen alle Katholiken ab 18.

Der Kirchenvorstand, der sich mindestens einmal monatlich, bei Bedarf auch öfter trifft, entscheidet über alle rechtlichen, finanziellen und personellen Angelegenheiten der Pfarrgemeinde. Auch wenn es um Restaurierungs- Grundstücks- und Immobilienfragen geht, sind die Kirchenvorstände gefragt. Muss das Kirchendach repariert werden? Soll ein neuer Kirchenmusiker angestellt werden? Muss eine kirchliche Immobilie vermietet oder verkauft werden? Wird ein Grundstück verpachtet?

Solche und ähnliche Themen beschäftigen, die Kirchenvorstände, die vier bis fünf Stunden pro Woche in ihre ehrenamtliche Arbeit investieren. Die Entscheidungen des Kirchenvorstandes werden in Sachausschüssen vorbereitet, ehe sie im Plenum beraten und entschieden werden.

Alle Kirchenvorstandsmitglieder haben jeweils eine Stimme. Nur, wenn es bei einer Abstimmung zu einem Patt kommt, zählt die Stimme des Pfarrers doppelt. Im Ernstfall müssen Kirchenvorstände für Fehlentscheidungen mit ihrem privaten Vermögen haften, wenn ihnen grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen wird.

Die neuen Kirchenvorstände stehen vor schweren Aufgaben, weil die Pfarrgemeinden ähnlich wie 2006 erneut umstrukturiert werden müssen. Diesmal wird aber die Basis in den Pfarrgemeinden in die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Aktuell kann jeder der drei örtlichen Pfarrgemeinden noch mit jährlich etwa 350.000 Euro Kirchensteuereinnahmen rechnen. Bis 2030 wird sich diese Summe aber halbieren.

Die Kirchenvorstände müssen darüber entscheiden, was die katholische Stadtkirche künftig noch leisten kann und leisten muss. Im Gegensatz zu dieser Verantwortung steht die extrem geringe Wahlbeteiligung in den vergangenen Jahren. Warum? Die Kirchenvorstände Michael Otto, Wolfgang Feldmann und Christian Löhr sehen eine allgemeine Demokratie- und Kirchenverdrossenheit als wesentliche Ursachen.


Warum engagierten sich Katholiken als ehrenamtliche Kirchenvorsteher?
Wolfgang Feldmann

Wolfgang Feldmann engagiert sich seit 1981 als stellvertretender Vorsitzender im Kirchenvorstand von St. Barbara. Der 64-jährige Familienvater, der bis zu seiner Pensionierung für ein Pharmaunternehmen gearbeitet hat, sagt: „Ich fühle mich von den Menschen in unserer Pfarrgemeinde getragen, die sich immer wieder motivieren lassen und mit anzufassen, wo sie gebraucht werden.

Für sie möchte ich so viel herausholen und so viel kirchliche Infrastruktur erhalten, wie es angesichts rückläufiger Kirchensteuereinnahmen und Kirchenmitglieder möglich ist.“

Feldmann war als Vorsitzender des Katholikenrates in den Jahren 2002 bis 2014 Sprecher der Katholischen Laien und engagiert sich unter anderem im ehrenamtlichen Mitarbeiterteam der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp. Zwischenzeitlich hat er auch im Diözesanrat des Bistums sowie im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mitgearbeitet.

Dr. Michael Otto

Michael Otto, der 64-jährige Hals-Nasen-Ohrenarzt, engagiert sich seit 1991 als Kirchenvorstand. Er kommt aus der Gemeinde Heilig Geist, die seit der Umstrukturierung von 2006 zur Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt gehört. Seit 2006 ist Otto stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes. Seine ehrenamtliche Arbeit empfindet der Familienvater eines erwachsenen Sohnes als menschlich und inhaltlich bereichernde Horizonterweiterung. Der aus einem rheinisch-katholischen Elternhaus stammende Otto war bis zu seinem 19. Lebensjahr aktiver Messdiener. „Das Ehrenamt sollte nie ein Streitamt werden“, sagt er. Die Zusammenarbeit mit seinen Kirchenvorstandskollegen empfindet er als menschlich angenehm und harmonisch. „Deshalb gehe ich auch immer wieder gerne zu unseren Sitzungen, auch wenn das in der Woche schon mal vier bis fünf Stunden Arbeit bedeuten kann“, betont Otto
Dr. Christian Löhr

Christian Löhr engagiert sich seit 2012 im Kirchenvorstand von St. Mariä Himmelfahrt. Der Jurist und Bankkaufmann aus Speldorf arbeitet heute als Rechtsanwalt und Notar. Er bezeichnet sich „als juristische Allzweckwaffe des Kirchenvorstandes.“ Rechtliche und finanzielle Fragen interessieren Löhr mehr als pastorale Fragen, „obwohl ich eine religiöse Grundüberzeugung habe.“ Deshalb arbeitet der Familienvater eines dreijährigen Sohnes lieber im Kirchenvorstand als im Pfarrgemeinderat mit. „Ich war früher mal Messdiener in St. Michael, habe mich dann aber 20 Jahre nicht mehr in der Kirche engagiert. Die Geburt meines Sohnes war der Anlass, es wieder zu tun“, sagt Löhr. Warum? „Weil die christlichen Kirchen auch jenseits konfessioneller Unterschiede für die humanitären Werte stehen, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhalten. Deshalb muss Kirche sicht- und wahrnehmbar bleiben

Zahlen und Fakten

In den drei Mülheimer Pfarrgemeinden St. Barbara, St. Mariä Himmelfahrt und St. Mariae Geburt bewerben sich insgesamt 33 Kandidaten um 24 Mandate. Die Kandidaten müssen mindestens 21 Jahre alt sein. In jeder Pfarrgemeinde stehen acht von 16 Kirchenvorständen zur Neuwahl an.

Im letzten Jahrzehnt hat die kath. Stadtkirche 7000 Mitglieder durch Tod oder Austritt verloren. Für 2015 rechnet das Bistum mit einem Kirchensteuerrückgang von neun Prozent. 




Dieser Text erschien am 6. November 2015 in NRZ und WAZ