Samstag, 16. Januar 2016

Knabe und die Kunst: Der Grüne Alt-Bürgermeister erinnert sich an die befreite Moderne

Dr. Wilhelm Knabe wurde 1923 in Sachsen
geboren. Damit gehört er zur Generation
der Kriegsteilnehmer. Nach dem Krieg wurde
der Forstwissenschaftler zunächst in der
ostdeutschen CDU aktiv. 1959 verließ er
mit seiner Familie die damalige DDR. Seit 1967 lebt
der vierfache Familienvater in Mülheim. Ende der
70er Jahre gehörte er zu den Gründungsvätern
der Grünen. Von 1987 bis 1991 gehörte er dem
Deutschen Bundestag an. Von 1994 bis 1999
war er in seiner Wahlheimat Mülheim Bürgermeister.
Manchmal sind Menschen gegenwärtig, obwohl sie nicht da sind. So war es jetzt auch, als die Heinrich-Böll-Stiftung zur Finissage der Ausstellung "Befreite Moderne" ins städtische Kunstmuseum Alte Post einlud. Der grüne Alt-Bürgermeister und ehemaliger Bundestagsabgeordnete Wilhelm Knabe, der die Stiftung auf die Werkschau aufmerksam gemacht und eine Führung durch Museums-Leiterin Beate Reese angeregt hatte, wollte und sollte als Zeitzeuge über die Befreiung der Moderne berichten.

Er tat es in einem anschaulichen und anrührenden Vortrag, obwohl ihn eine Grippe dazu zwang, das Bett zu hüten. An seiner Stelle trug Marlies Rustemeyer vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement seine Worte vor.

Der 1923 geborene Knabe erinnerte sich an einen Deutsch-Unterricht, der in den 30er Jahren ohne die Werke von Thomas Mann und Hermann Hesse stattfand. Sie sollte er erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennen lernen. Auch die karrikaturartigen und zugleich provozierend realistischen Arbeiten des gesellschaftskritischen Malers und Zeichners Otto Dix lernte er erst bei einem Ausstellungsbesuch im Jahr 1946 kennen. Und die Musik des neuen Lebens- und Freiheitsgefühls waren für ihn und seine Altersgenossen der amerikanische Jazz.

"Erst bei der Vorbereitung der heutigen Veranstaltung", so Knabe in seinem Vortrag, "wurde mir blitzartig klar, dass mit der Ausschaltung der modernen Kunst auch der eigene Horizont massiv verengt wurde. War das die Absicht des NS-Regimes? Wir Jungen sollten doch nur willige Krieger werden. Wir sollte bereit sein, unsere Nachbarn zu unterwerfen, sie aber nicht verstehen oder gar lieb gewinnen. Fiel vielleicht auch deshalb der Kunstunterricht in den Oberklassen aus und nicht nur wegen der Einberufung der Lehrer?"

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebenserfahrung würdigte Knabe die Werkschau der deutschen Kunst in den Nachkriegsjahren 1945 bis 1949, "als einen Freiraum, den ich gerne nutze", um die von den Nationalsozialisten verursachten Bildungsdefizite seiner Generation in einem jahrzehntelangen Prozess auszumerzen.

Abgerundet wurde der Vortrag Wilhelm Knabes durch eine inspirierende Führung der Kunsthistorikerin Beate Reese, die die 30 Gäste der Heinrich-Böll-Stiftung dazu einlud, die Formen- und Farbensprache der vom Nationalsozialismus befreiten Künstler zu entdecken: Geöffnete Fenster, um frische Luft hereinzulassen, zerbrochene Strukturen, Hell-Dunkel-Kontraste, aber auch harmonische und farbenfrohe Bildkompositionen, die die neue Lebensfreude der Befreiung von Diktatur und Krieg austrahlen.

Dieser Text erschien am 13. Januar 2016 in der Mülheimer Woche

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