Donnerstag, 7. Januar 2016

Rückblick: Vor 90 Jahren wurde Mülheims Stadthalle mit Wagners Meisteringern und Bruckners fünfter Sinfonie eröffnet

Ein Blick auf die Stadthalle am
Broicher Ruhrufer im Januar 2016
"Sinfoniescheune" nannten die alten Mülheimer den Kirchholteschen Saal in Eppinghofen. Bis zu 1300 Besucher fanden hier bei kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen Platz. Doch der aus Holz gebaute Versammlungsort war alles andere als repräsentativ und wetterunabhängig. Je nach Witterung kamen die Gäste ins Schwitzen oder sie mussten frieren.

Schon seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde im immer größer und selbstbewusster werdenden Mülheim über den notwendigen Bau einer Stadthalle diskutiert und beraten. Und auch wenn im Kriegsjahr mit Hilfe von Bürgerspenden ein Baugrundstück am Broicher Ruhrufer gekauft werden konnte, sollten noch einmal zehn Jahre  vergehen, bis aus dem Wunsch der Stadthalle Wirklichlkeit werden sollte.

Ausgerechnet in den schweren Jahren der Inflation und der französischen Besetzung bewerkstelligte Mülheim den Bau seiner Stadthalle, die am 5. Januar 1926 feierlich eröffnet wurde. Ihre an einen italienischen Palazzo erinnernde Architektur brachte der Stadt bei Zeitgenossen den Ruf eines „Ruhr-Venedigs“ ein. Verantwortlich für das Meisterwerk waren die Architekten Hans Großmann und Emil Fahrenkamp, die sich mit dem Rathaus und mit Sankt Mariae Geburt 1916 ein Denkmal im Herzen der Stadt gesetzt hatten, beziehungsweise es sich 1929 noch setzen sollten.

Auf dem Festprogramm standen Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ und Anton Bruckners 5. Sinfonie. Neben dem städtischen Orchester Duisburg wirkten damals auch die Sänger des Männergesangvereins Frohsinn 1852 am Eröffnungsprogramm mit. Der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke wünschte sich bei der Eröffnung, „dass künftigen Generationen in glücklicheren und leichteren Zeiten als diesen die Segnungen der Kultur zuteil werden.“

Allerdings war die Stadthalle auch schon in ihren ersten Jahren nicht nur ein kultureller Veranstaltungsort. Hier fanden in den späten 20er Jahren unter anderem auch Beamtentage, Bauern- und Handwerkertage statt. 


Doch die Zeiten wurden nicht leichter, wie es ich Oberbürgermeister Lembke bei der Eröffnung der Stad. Während des Zweiten Weltkrieges wurde „Mülheims gute Stube“ 1943 ein Opfer der Bomben. Es sollte bis zum 11. Oktober 1957 dauern, ehe in der unter der Leitung des Architekten Gerhard Graubner neu aufgebauten Stadthalle mit Klaus-Jürgen Wussow in Goethes Egmont wieder Kultur über die Stadthallenbühne gehen sollte.

Neben Bürgerspenden trugen auch die Erlöse einer Pfingstkirmes und einer Stadthallenlotterie zur Finanzierung des Wiederaufbaus bei.Bevor die Stadthalle bei. Bevor Mülheims "gute Stube" am 11. Oktober 1957 im Beisein des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss neu eröffnet wurde, waren Großveranstalter immer wieder in den Altenhof an der Kaiserstraße oder in das Löwenhof-Kino ausgewichen.

Zur Wiedereröffnung schrieb der Mülheimer Journalist Franz Rolf Krapp in einem Geburtstagsgruß: „Die Stadthalle Mülheims ist mehr als eine Stadthalle. Sie ist mehr als ein Bauwerk und eine städtebauliche Dominante. Sie ist das Symbol des kulturellen Lebens der Stadt. Sie ist ein Bekenntnis der Bürgerschaft zu den Werten der Kultur."


1989 erhielt der Vorplatz der Stadthalle den Namen des Bundespräsidenten, der sie 1957 wieder eröffnet hatte. Und drei Jahre später wurde auf eben diesem Vorplatz Robert Schnads Stahlskulptur "Mülheimer Gruppe" aufgestellt, die im Mülheimer Volksmund allerdings zuweilen als "Panzersperre" verunglimpft wird.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2916 in der NRZ und in der WAZ

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