Mittwoch, 6. April 2016

80 Jahre Freilichtbühne: Ein Blick auf die grüne Kulturoase im Herzen der Stadt


Wie bringt man Menschen in Lohn und Brot? Die damals von der NSDAP geführte Stadtverwaltung beantwortete diese Frage unter anderem damit, dass sie den alten Steinbruch des Bauunternehmers Gottfried Döring an der Dimbeck mit Hilfe einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme ab 1933 in eine Freilichtbühne mit Park verwandeln ließ. Die fachliche Leitung des für gerade mal 14 000 Reichsmark realisierten Projektes wurde Gartenbaudirektor Keßler und Gartenbauinspektor Erich Schulzke übertragen.

1936 ging mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ erstmals ein Theaterstück über die damals mit 3000 Zuschauern ausverkaufte Freilichtbühne. Die Mülheimer Lokalpresse feierte die neue Freilichtbühne als „einen Mülheimer Sommernachtstraum“ und als „ein Volkstheater an der Ruhr“. Doch die schönen Tage in der Freilichtbühne waren gezählt. Die dortigen Aufmärsche der  NSDAP und ihrer Organisationen gaben einen Vorgeschmack auf den Krieg, der kommen sollte. Während des Zweiten Weltkrieges diente der Felsenstollen der Freilichtbühne als Operationssaal für Verwundete und als Luftschutzraum für die Anwohner.

Nach dem Krieg war die Freilichtbühne 1947 Aufführungsort von Passionsspielen. Bei einer dieser Aufführungen soll das Brot für die Abendmahl-Szene abhanden gekommen sein. Darauf hin entfuhr dem damaligen Jesus-Darsteller der zornige Ausruf: „Wer hat das Brot geklaut!“

1953 führte die Lehrerspielgemeinschaft im Rahmen der Jugendfestspiele Goethes „Götz von Berlichingen“ auf und 1954 erlebte die Freilichtbühne mit einer ausverkauften Aufführung der Oper Carmen ihre Wiederauferstehung. Zwischen 15 000 und 30 000 Zuschauer sahen in den 50er Jahren pro Saison Opern, Operetten, Konzerte und Theateraufführungen an der Dimbeck. Später lockten auch Boxkämpfe und Kinovorführungen Menschen in die Freilichtbühne. Und ab 1967 feierte die katholische Stadtgemeinde St. Mariae Geburt dort ihre Fronleichnams-Gottesdienste. Ein absolutes Glanzlicht waren die Karl-May-Festspiele, die 1971 an der Dimbeck vor insgesamt 40 000 Besuchern über die Bühne gingen.

2001 gründete sich unter der Führung von Horst van Emmerich der Verein der Freunde der Freilichtbühne, der 2009 eine Bürgeraktie zum Erhalt der 34 500 Quadratmeter großen Park- und Bühnenlandschaft auflegte. Ab 2004 stieg die gemeinnützige Regler Produktion in den Bühnenbetrieb ein. Seit 2014 führt sie allein verantwortlich Regie und zieht mit ihrer eintrittsfreien Mittwochsreihe, mit Sonntagskonzerten, Theateraufführungen, dem Mölmsch Open Air oder auch mit Familien- und Kinderfesten pro Saison 30 000 bis 40 000 Zuschauer und Besucher an.
„Die Freilichtbühne ist für viele Mülheimer ein Stück Heimat. Sie wissen, dass man hier Menschen treffen, miteinander ins Gespräch kommen und etwas erleben kann“, sagt der Vorsitzende der Regler, Hans Uwe Koch. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Freilichtbühne mit ihren Tribünen, Bühnen, ihrem Geschäftsgebäude und ihrer Gastronomie nicht nur eine grüne Oase, sondern auch eine Dauerbaustelle in der Stadt ist. Koch glaubt, dass eine lange diskutierte Überdachung der Freilichtbühne nicht nur zu teuer wäre, sondern auch ihren Charakter nachteilig verändern würde.

Zahlen und Fakten


Seit 2014 führt die gemeinnützige Regler-Produktion den Betrieb der städtischen Freilichtbühne. Ihre Arbeit finanziert sie mit Hilfe von Spenden, Sponsoren und Mitgliedsbeiträgen. Derzeit gehen pro Saison im Frühjahr und Sommer rund 50 Veranstaltungen über die Bühne.

Die Regler-Produktion e.V. (www.regler-produktion.de) hat derzeit 140 Mitglieder, die jährlich je 35 Euro zahlen.

Schlaglichter aus acht Jahrzehnten


Nach Krieg und Wiederaufbau kam das Wirtschaftswunder. Man war wieder wer und wollte sich vergnügen und gut unterhalten sein. Im Juni 1954 erlebte die ausverkaufte die Freilichtbühne mit George Biszets Oper „Carmen“ so etwas, wie ihre Wiederauferstehung. Opern und Operetten genossen die Gunst des Publikums. Und die Musik kam live aus dem Orchestergraben. Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle im Oktober 1957 war die Naturbühne an der Dimbeck eine Freiluft-Alternative zur Stadthalle, die seit dem Luftangriff vom 23. Juni 1943 nicht mehr bespielbar war. Hier fanden bis zu 3000 Menschen Platz.

Volles Haus: Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle 1957 war die Spielstätte im Grünen eine Alternative. 1955 errichtete die Stadt für 80 000 Mark ein neues Bühnenhaus und stellte 20 000 Mark für den Betrieb der Freilichtbühne zur Verfügung. Das Geld hatte sie aus ihrem Schuletat abgezweigt. Neben George Bizets Oper „Carmen“ wurden Mitte der 50er Jahre auch Shakespears „Wie es euch gefällt“, Verdis Opern-Klassiker „Aidia“, die von Nico Dostal komponierte Operette  „Clivia“ oder Friedrich Smetana „Die verkaufte Braut“ vor einem begeisterten Publikum aufgeführt.

Nach dem Boom der Opern und der Operetten, wurde die Freilichtbühne in den 60er Jahren unter anderem auch zum Austragungsort von Boxkämpfen. Der Boxclub Rin Ringfrei Mülheim lockte damals seine Fans ins Grüne. Im Sommer 1971 wurde das Freilufttheater an der Dimbeck zu einem Teil des Wilden Westens, in dem  sich Winetou, Old Shatterhand und ihre Gegner bei den Karl-May-Festspielen so manchen Kampf lieferten. Doch dieses außergewöhnliche Spektakel blieb nur ein Intermezzo. Nach Winetou und Co kamen unter anderem Chöre, Musikzüge, Nachwuchsbands und School’s-out-Partys ins grüne Volkstheater.

2007 gastierten Paul Kuhn, Max Greger und Hugo Strasser als „Swing-Legenden“ gemeinsam mit der Big Band des Südwest-Rundfunks in der Freilichtbühne. Die damalige Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld das Mülheimer Gastspiel für einen Eintrag der Swing-Legenden in das Goldene Buch der Stadt. Man sieht: Jazz geht in Mülheim immer. Das Jazz-Open-Air-Konzert war ein Ohrenschmaus der Extraklasse

Alte Bekannte und deshalb immer wieder gerne in der Freilichtbühne gesehen: Peter Bursch und seine Band „Bröselmaschine“ begeisterte schon in den 70er Jahren das Publikum in der Freilichtbühne. In den 70er Jahren war auch Helge Schneider als Mann an der Orgel mit von der Partie. Bursch und seine Bröselmaschinen-Rocker treten bis heute mindestens einmal jährlich an der Dimbeck auf.

Der Park als Kunstwerk. Das Festival Freilicht macht’s seit 2013 möglich

Schon in den 1930er Jahren war der 1986 wiederaufgebaute Rosengarten  in der Freilichtbühne ein postkartenreifer Hingucker.

Ein Chemiker mit Showtalent: Ferdi Schüth, hier unterstützt von seinen Kollegen, begeisterte im Jubiläumsjahr des Max-Planck-Institutes für Kohlenforschung (2014) in der voll besetzten Freilichtbühne rund 3000 Zuschauer mit seiner effektvollen Experimentiershow.

In 14 Tagen ist es wieder so weit: Dann beginnen die Regler in der Freilichtbühne mit ihrem Frühjahrsputz in der Freilichtbühne. Sicher wird auch wieder VHS-Mitarbeiter und Regler-Mitglied Peter Michael Schüttler mit Hand anlegen. Er hat eine besondere Beziehung zur Freilichtbühne. Denn schon 1971 wirkte er als junger Statist bei den Karl-May-Festspielen mit. Damals ritten die Hauptdarsteller zu Werbezwecken auch durch die Innenstadt.

Komik, Kleinkunst und Satire im Grünen: Das „Theater am Donnertsag“ und das von Gert Rudolph veranstaltete Kleinkunstfestival Stage 1 machen es möglich. Zur Premiere am 24. Juli 2014 kamen 500 Zuschauer in den Freilichtbühnen-Park an der Dimbeck. Nicht nur diese drei Herrn im Anzug, das international renommierte Straßen-Künstler-Trio „Three of one Kind“, hatten mit ihrem spontanen Komikprogramm die Lacher des Publikums auf ihrer Seite.

Eine Zeichentrickfigur wurde lebendig: In der Saison 2005 enterten „Wickie und die starken Männer“ das Flaggschiff Freilichtbühne und begeisterten mit ihrer Aufführung nicht nur die kleinen Zuschauer auf den Tribünen. Immer wieder hat die Freilichtbühne auch mit Kindertheater gepunktet.

Dieser Text erschien als Doppelseite am 30. März 2016 in der NRZ und in der WAZ

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