Mittwoch, 11. Mai 2016

Was Mülheimer mit Blick in die Zukunft ihrer Stadt wünschen und was sie befürchten

Eine Bürgerstimme von vielen: Die
Apothekerin Janka Liekfeld wünscht der
Stadt eine geringere Gewerbesteuer und
eine damit verbundene
wirtschaftliche Wiederbelebung.
„Prognosen sind schwierig. Besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, wusste schon der Kabarettist. Dennoch hat die NRZ zum Auftakt ihrer Serie über das Mülheim von morgen, einige Mülheimer aus unterschiedlichen Bereichen der Bürgerschaft dazu befragt, was sie für die Zukunft ihrer Stadt erhoffen und befürchten.

Reinhard Jehles (63), Sprecher der Flüchtlingshilfsinitiative Willkommen in Mülheim (WiM) hofft, dass es im Mülheim von Morgen „eine bessere Verkehrsführung und genug einladende Plätze und Orte geben wird, an denen Menschen sich begegnen können.“ Er  hofft, dass die vorbildlichen Ansätze der Flüchtlingsintegration, auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt, Schritt für Schritt fortgesetzt werden können. Seine große Befürchtung ist, „dass die Schwierigkeiten, die mit der Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen von politischen Scharfmachern genutzt werden könnten, um ihr Süppchen zu kochen und das dann die bisher positive Stimmung in Mülheim kippen könnte.“

Der Satiriker und Kabarettist René Steinberg (42) wünscht sich für das Mülheim von morgen, „Dass es eine Stadt ist, die sich selbst wiedergefunden hat. Mit unschlagbaren Freizeitangeboten am Wasser, Heerscharen von Touristen dank der Kreuzfahrtschiffe, die in Ruhrbania anlegen, einem florierenden Zentrum voller Eigentümer-geführter Läden und einem pulsierendem Nachtleben dank der jugendlichen Frische einer Unistadt.“ Und was befürchtet er für die mittelfristige Zukunft der Stadt. Steinberg antwortet mit dem Schalk im Nacken: „Nichts, ich vertraue den Mülheimern bedingungslos. Rattenfänger und politische Doofköppe haben hier keine Chance. Einzig habe ich die leise Befürchtung, dass unser weltoffener, liberaler und reflektierter Geist einigen wenigen zu Kopfe steigen könnte. Die müssen dann nach Kettwig oder Werden auswandern!“

Die an der Leineweberstraße ansässige Apothekerin Janka Liekfeld (48), wünscht sich für die Zukunft der Stadt einen neuen Wirtschaftsaufschwung mit neuen Arbeitsplätzen und geringeren Gewerbesteuern, um damit auch die Innenstadt wieder zu beleben. Ihr größte Befürchtung ist es, „dass es mit der Innenstadt immer weiter abwärts geht und das mit dem Auseinandergehen der sozialen Schere auch die Kriminalität ansteigen könnte.“

Schülerin Lara Flack (13) wünscht sich 2030 ein Mülheim, „dass nicht mehr so dreckig ist wie heute und das seine Kulturangebote beibehalten wird.“ Gleichzeitig fürchtet sie angesichts der städtischen Verschuldung, „dass Mülheim 2030 noch dreckiger sein könnte  als heute und viele seiner Kulturangebote aus Kostengründen verlieren könnte.“

Verwaltungsmitarbeiter Rüdiger Specht (63) wünscht sich, „dass die Innenstadt durch das neue Ruhrquartier und das geplante Stadtquartier im alten Kaufhof wiederbelebt werden kann.“ Er hofft auf einen „erfolgreichen wirtschaftlichen Strukturwandel und auf neue Arbeitsplätze für die Stadt.“ Auf der anderen Seite befürchtet Specht, „dass die Stadt finanziell von Bund und Land allein gelassen werden könnte, so dass sie finanziell gar nicht mehr in der Lage sein könnte, ihre Pflichtaufgaben zu erfüllen, geschweige denn zu investieren und die Stadt positiv zu gestalten.“

Rentner Rolf Groß (75) hofft, dass sich die Zuwanderer in unsere Stadtgesellschaft integrieren. Er hofft aber auch, dass straffällige Zuwanderer konsequent abgeschoben werden und die Zahl der Wohnungseinbrüche zurückgeht. Er wünscht sich ein Mülheim, in dem man sich auch abends sicher bewegen und wohlfühlen kann. Das dies nicht geschehen,- sondern genau das Gegenteil eintreten könnte, ist seine größte Befürchtung für die Zukunft der Stadt.

Lehrerin Angela Seidel (58) wünscht sich für das Mülheim von Morgen, dass das geplante Stadtquartier auf dem alten Kaufhof-Areal wieder mehr Menschen in die Innenstadt ziehen wird. „Ich wünsche mir, dass es vor allem an der Schloßstraße und an der Leineweberstraße wieder schöner wird und das wir wieder mehr interessante Geschäfte in die Innenstadt holen können, damit wieder mehr Menschen in die Innenstadt kommen, um dort nicht nur etwas zu erledigen, sondern hier auch  etwas zu erleben und zu verweilen.“ Auf der anderen Seite fürchtet sie, „dass sich die Menschen und die Geschäfte immer mehr aus der Innenstadt zurückziehen und immer mehr Müll das Straßenbild bestimmen könnte.“

Der bei den Grünen aktive Schüler Fabian Jaskolla (18) wünscht sich, dass es 2025 oder 2030 mehr umweltfreundliche Mobilität (Nahverkehr, Rad- und Fußwege) und mehr barrierefreien und bezahlbaren Wohnraum für Menschen aller Generationen und Geldbeutel geben wird. „Ich wünsche mir, dass Mülheim eine für Familien attraktive Stadt wird, in der man gerne wohnt und arbeitet und es schafft Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.“ Gleichzeitig fürchtet er, „dass sich das schon jetzt bestehende soziale Gefälle zwischen den südlichen und nördlichen Stadtteilen weiter verschärfen könnte.“

Der mit seinem Geo-Haus am Rathausmarkt ansässige Unternehmer Otmar Schuster (73) wünscht sich das Mülheim von morgen als eine Stadt, „in der ein mutiges, tolerantes und wirtschaftsfreundliches Klima herrscht.“ Würde das gelingen, könnte Mülheim auch als attraktive Wohnstadt eine Sogwirkung auf qualifizierte und einkommensstarke Bürger entfalten, die wiederum die Steuerkraft der Stadt stärken könnte. In seinen Albträumen kann sich der Unternehmer aber auch ein Mülheim vorstellen, das künftig „immer stiller und ärmer wird.“

Der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Patrick Marx, (45), dass Mülheim 2025 oder 2030 von „verantwortungsvollen und ideenreichen Kommunalpolitikern regiert wird, die sich finanzpolitisch nicht nur durchwursteln.“ Damit Mülheim und die Mülheimer Zukunft haben, wünscht sich Marx eine attraktivere Bildungslandschaft vom Kindergarten bis zur Hochschule und mehr politische Offenheit für pragmatische Lösungen, auch beim Thema Flughafen. Marx könnte sich einen Flughafenbetrieb mit Gewerbegebiet vorstellen.

Dieser Text erschien am 10. Mai in der Neuen Ruhr Zeitung

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